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	<title>sprechblasenblog</title>
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	<description>Sprache aus Luft</description>
	<pubDate>Sat, 13 Dec 2008 11:27:40 +0000</pubDate>
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	<language>en</language>
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		<title>Biologismus als quasi-religiöse Einstellung</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Dec 2008 18:02:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Friederike Schmitz</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Allerweltsunsinn]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt ja einige Meinungen, die Leute haben, ohne sie rational begründen zu können. Es sind übernommene, anerzogene, gelernte, angewöhnte Meinungen oder auch Vorurteile. Das ist nicht unbedingt etwas Schlimmes. Einige solcher Meinungen sind sehr grundlegender Natur, so dass wir ohne sie gar nicht leben könnten. Der Glaube an die Existenz einer Außenwelt gehört zum [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt ja einige Meinungen, die Leute haben, ohne sie rational begründen zu können. Es sind übernommene, anerzogene, gelernte, angewöhnte Meinungen oder auch Vorurteile. Das ist nicht unbedingt etwas Schlimmes. Einige solcher Meinungen sind sehr grundlegender Natur, so dass wir ohne sie gar nicht leben könnten. Der Glaube an die Existenz einer Außenwelt gehört zum Beispiel dazu. Einige solcher Meinungen sind aber weniger grundlegend, und man kann ohne sie sehr gut leben. Die meisten Spielarten der Ansicht, dass biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestimmte Unterschiede im Verhalten und anderen nicht-biologischen Eigenschaften determinieren und erklären, gehören zu dieser Sorte Meinungen.<br />
Ich neige in meiner optimistischen Vernunftgläubigkeit immer dazu zu erwarten, dass Leute, wenn ihnen die Unbegründetheit einer ihrer Meinungen klar dargelegt wird, diese Meinung wenn vielleicht nicht gleich aufgeben, so doch mit weniger Vehemenz vertreten werden. Heute wurde diese Erwartung mal wieder enttäuscht. Gerade mit den Meinungen zu Unterschieden von Frauen und Männern geht es mir in letzter Zeit oft so: <em>ich erlebe die völlige Machtlosigkeit der rationalen Argumentation</em>. Es scheint egal zu sein, wie intelligent oder gebildet jemand ist: geschlechts-biologistische Meinungen werden offenbar so fest geglaubt, dass sie völlig von Begründungen loslösbar sind. Es handelt sich damit meiner Ansicht nach um quasi-religiöse Glaubenssätze.<br />
Eine Begründung forderte ich im heutigen Gespräch ein, vergeblich. Was ich stattdessen bekam, waren bestimmte Gedankengänge, die wie Argumente aussehen sollen, einer Prüfung aber nicht standhalten. Das Interessante und Beunruhigende dabei: sobald man einen solchen Begründungsversuch entlarvt und zurückgewiesen hat – wobei die angebrachte Kritik in aller Regel vom Gesprächspartner eingesehen und anerkannt wird – wird sofort ein neuer Begründungsversuch begonnen und soll den alten ersetzen: und zwar obwohl offensichtlich sein müsste, dass der neue Versuch dem alten in der Struktur genau ähnelt und dieselbe Schwäche aufweist. Die von mir in Frage gestellte Meinung bleibt dabei, unbegründet und ungerührt, stabil über diesen sich abwechselnden Begründungsversuchen stehen.</p>
<p>Ich möchte in diesem Artikel beispielhaft illustrieren, um welche Meinungen es geht, und welche Begründungsversuche oft angeführt werden, um sie zu rechtfertigen. Ich glaube, es gibt grundsätzlich zwei solcher Begründungsversuche oder auch <em>Denkmuster</em>. Sie sind beide sehr einfach: sie gehen von einer These zu einer anderen These über. So etwas ist bei Begründungen üblich. Das Problem ist nur: der Übergang lässt sich nicht rechtfertigen.</p>
<p>Zu den Meinungen, die ich für unbegründet halte, gehören zum Beispiel die folgenden:</p>
<ol>Aufgrund ihrer Natur wollen sich Frauen stärker um Kinder kümmern als Männer.</ol>
<ol>Männer haben aufgrund ihrer körperlichen Eigenschaften größere sexuelle Bedürfnisse.</ol>
<ol>Das weibliche Gehirn ist schlechter in Mathe als das männliche.</ol>
<ol>Männer sind biologisch eher als Frauen darauf angelegt, polygam zu leben.</ol>
<p>Was genau mit diesen Thesen eigentlich behauptet wird, ist natürlich sehr unklar. Was ist eine biologische Erklärung, wie genau ist das „aufgrund von“ zu verstehen? Die Unklarheit dieser Konzepte gehört schon mit zum Problem.<br />
Es soll – so deute ich diese Thesen – wohl auf ein Alltagsverständnis abgezielt werden, wobei gleichzeitig eine bestimmte Art von Fachwissenschaftlichkeit suggeriert wird. Z.B. wäre eine Erklärung für mehr Fähigkeit zu Mathematik wohl z.B. der Verweis auf ein größeres „Mathezentrum“ im Gehirn; eine Erklärung für größere sexuelle Bedürfnisse anatomische Unterschiede in den Sexualorganen oder ebenfalls verschiedene Gehirneigenschaften. Wichtig ist, dass auf <em>körperliche</em> und anhand von Durchschnittswerten von Männern und Frauen ermittelte, messbare Unterschiede Bezug genommen wird, die für bestimmte nicht-biologische, behaviorale oder psychologische Unterschiede verantwortlich sein sollen.</p>
<p>Wenn man nun zu solchen Thesen Begründungen einfordert, wird meiner Erfahrung nach eines von zwei Denkmuster in Anschlag gebracht, die ich nun erläutere.</p>
<p><strong>Das Korrelationsmuster</strong><br />
Das erste Denkmuster beruht auf einer These, die sich auf die Beobachtung gegenwärtig existierender Individuen stützt oder stützen soll und einen Unterschied im Verhalten bzw. in nicht-biologischen Eigenschaften von Männern und Frauen behauptet.<br />
Beispiele:</p>
<ul> Nach der Geburt bleiben viele Frauen freiwillig zu Hause</ul>
<ul>Männer wollen viel öfter als Frauen.</ul>
<ul>Man sieht doch, dass sich viel mehr Männer als Frauen für die Mathematik interessieren.</ul>
<ul>Männer haben mehr wechselnde Sexualpartner als Frauen.</ul>
<p>Diese Thesen sind klarerweise schon für sich betrachtet höchst problematisch. Sie lassen sich nämlich, entgegen ihrem Anschein als empirische, d.h. durch Beobachtung überprüfbare Thesen, <em>nicht</em> in objektiver Weise durch Beobachtung belegen: sowohl wenn sie auf persönlichen Erfahrungen beruhen als auch wenn sie auf statistische Erhebungen zurückgehen, sind solche ‚Daten’ nie isolierbar von Rollen- und Identitätsvorstellungen, die die eigene Wahrnehmung und die Selbsteinschätzung von Befragten prägen. Wer beispiesweise sein eigenes sexuelles Bedürfnis einschätzen soll, kann – wenn er/sie überhaupt versucht, ehrlich zu antworten – das nicht irgendwie ‚objektiv’ feststellen, sondern ist dabei schon von den eigenen Vorstellungen von Normen und Identitätsmustern beeinflusst. Gleiches gilt für das Interesse für Mathematik und viele geschlechtsspezifisch zugeschriebene Eigenschaften. (Für eine noch stärkere, selbst auf empirischen Daten beruhende Widerlegung der These in Bezug auf Mathematik-Interesse bzw. -Fähigkeit verweise ich auf das wunderbare Buch „Die Hosen des Pyhtagoras“ von Margaret Wertheim, insb. S. 313-317).<br />
Doch gehen wir mal zum Zwecke der Denkmusteranalyse davon aus, diese Thesen seien tatsächlich empirisch belegt und könnten somit problemlos als Ausgangsbasis einer Argumentation dienen. Wie verläuft diese nun typischerweise?</p>
<p>Typischerweise gibt es keine weitere Argumentation. Typischerweise werden nämlich die in Frage stehenden Meinungen über die Relevanz der biologischen Unterschiede einfach so aus den empirischen Thesen über nicht-biologische Unterschiede abgeleitet. Klingt billig, wird aber jedem auffallen, der die Diskussionen verfolgt. Wenn heutige Männer mehr Sexualpartner haben als heutige Frauen, z.B., dann muss es, so die Logik dieser Argumentation, an ihrer biologischen Disposition liegen. Schon das ist ein Indiz dafür, dass wir es hier mit einem quasi-religiösen Denkmuster zu tun haben: man kann nur dann diesen Übergang machen, wenn man die Biologie schon als das ultimative Fundament anderer Eigenschaften akzeptiert hat. Denn wieso sollte man aus der These, dass Männer mehr Sexualpartner haben als Frauen, folgern, dass dies in biologischen Unterschieden gründet, wenn man nicht schon davon ausgeht, dass biologische Eigenschaften die entscheidenden und erklärungsmächtigsten Eigenschaften von Menschen darstellen?<br />
Der Übergang wird also meistens nicht als rechtfertigungsbedürftig angesehen. Dass er aber erstens sehr wohl einer Rechtfertigung bedarf und dass er zweitens diese – zumindest zum heutigen Zeitpunkt – ziemlich klarerweise schuldig bleiben muss, zeigen folgende Überlegungen:</p>
<p>Zum jetzigen Zeitpunkt kann ein ‚biologischer Faktor’ in seiner Wirkung auf das Verhalten von Menschen in den angesprochenen und vielen weiteren Bereichen schlicht nicht isoliert werden: wir leben in einer Welt, die seit Tausenden von Jahren von extremen Rollenbildern, Zuschreibungen von Geschlechtsidentitäten, Bewertungen von rollenkonformem und -diskonformen Verhalten etc. geprägt ist. Überall. Es ist müßig, auf die Kürze der Emanzipationsgeschichte zu verweisen und auf die zahlreichen noch bestehenden Ungleichheiten. Entscheidend ist, dass die Vertreter der infrage stehenden biologistischen Meinungen offenbar eine seltsame Idee von einem quasi von anderen als biologischen Einflüssen freien Zustand der Gesellschaft hegen: nur in einem solchen – wenn überhaupt – ließe sich von tatsächlichen Unterschieden auf deren biologische Determination schließen.</p>
<p>Vertreter dieser Idee verweisen meist auf die Fortschritte, die unsere Gesellschaft im Hinblick auf den Rückbau von Vorurteilen und Rollenzuschreibungen in den letzten Jahrzehnten erreicht hat. So real diese Fortschritte sind, so wenig sind sie aber doch anders als relativ zu verstehen: dass wir in einer Gesellschaft leben, die frei oder auch nur weitgehend frei von solchen Vorurteilen und Rollenzuschreibungen ist, wird wohl keiner behaupten wollen. Eine solche bräuchte man aber, damit der argumentative Übergang von der empirischen These zur These über die biologische Determination plausibel wäre, mit dem das untersuchte Denkmuster arbeitet.</p>
<p>Der Punkt lässt sich durch eine Parallelisierung verdeutlichen: Wer heute behaupten würde, aus den durchschnittlich schlechteren Schulabschlüssen von Einwandererkindern ließe sich schließen, dass Deutsche gegenüber Türken, Arabern usw. biologisch im Vorteil wären, läge offensichtlich falsch. Das zugrundeliegende Denkmuster entspricht dabei genau dem zuvor kritisierten in Bezug auf die Geschlechtereigenschaften.</p>
<p>Geschlechts-Biologisten wehren sich gegen solche Parallelisierungen, weil sie meinen, der wesentliche Unterschied zwischen beiden Denkmustern sei doch, dass es sich im letzteren Fall um eine moralisch verwerfliche, weil rassistische Ansicht handele, ihre geschlechts-biologistischen Meinungen aber keinesfalls eine Bewertung der Geschlechter in besser und schlechter darstelle. Selbst wenn dem so wäre – wobei man in Bezug auf die vermeintliche Wertfreiheit der Zuschreibung verschiedener Eigenschaften sehr vorsichtig sein muss, an der Oberfläche wurde auch früher gern gleichwertige Komplementarität der Geschlechter behauptet, während natürlich den Männern die gesellschaftlich besser angesehenen, für Herrschaft relevanten Eigenschaften zugeschrieben wurden – die Parallele, auf die ich hinweisen will, liegt keineswegs im moralischen Status der betreffenden Meinungen, sondern darin, dass beide Meinungen eine vollständig defekte Begründung aufweisen. Aus schlechteren Schulnoten von Einwandererkindern kann man u.a. deshalb nicht auf biologische Determinanten schließen, weil erstere von so vielen Faktoren bedingt werden, von denen einige, wie die schlechtere soziale Stellung der Familien, offen zutage liegen, so dass es absurd wäre, darin die Wirkung einer irgendwie isolierbaren biologischen Ebene zu vermuten. Dass die Faktoren, die die Einstellungen und das Verhalten von Menschen im Falle der Mann/Frau-Unterschiede prägen, nicht ganz so offen zutage liegen, mag sein. Dass sie – gerade was die Einstellungen zu Familie und Sexualität betrifft – aber vorhanden und äußerst wirkungsmächtig sind, kann schwerlich geleugnet werden.</p>
<p>Erst wenn Jungen und Mädchen tatsächlich aus dem gleichen Spielzeugangebot wählen könnten, für dieselben Fähigkeiten gelobt würden, sich an denselben Rollenvorbildern orientieren könnten; erst wenn in der Pubertät niemand mehr wegen fehlender oder übermäßiger ‚Männlichkeit’ oder ‚Weiblichkeit’ gehänselt würde, wenn keine Orientierung an rollenzuschreibenden bis sexistischen Medien, Filmen, Plakaten stattfinden würde; erst wenn Frauen und Männer dieselbe Verantwortung für die Familienfinanzierung erwarten müssten, in allen Berufen dieselben Ausgangsbedingungen hätten und dieselben Möglichkeiten, für die Kindererziehung im Beruf zu pausieren, erst wenn man sich nicht ständig Sätze der Form „Männer sind eben…“ oder „Frauen können eben…“ anhören müsste, und erst wenn zahlreiche andere Bedingungen dieser Form erfüllt wären, dann, in so einer utopischen Situation, könnte man vielleicht aus bestimmten geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen auf biologische Fundamente schließen. Hier und heute nicht.</p>
<p>Eine lustige Tatsache, um das nur am Rande zu erwähnen, ist ja, dass sich gerade die Geschlechts-Biologisten oft dagegen einsetzen, einen solchen utopischen Gesellschaftszustand wie den eben beschriebenen anzustreben – sie halten dieses Ziel aufgrund ihrer Meinungen über die biologische Determination von Männern und Frauen für verfehlt: d.h. aufgrund von Meinungen, die nicht begründet sind, und die nur begründet wären, wenn genau dieser Gesellschaftszustand, den sie verhindern wollen, schon da wäre. Sie wettern also quasi gegen das Hinarbeiten auf einen Zustand, in dem ihre Gründe für das Wettern endlich tatsächlich überprüft werden könnten. Verwickelt, aber lustig, oder?</p>
<p>Noch ein letztes Wort zu diesem ersten Denkmuster, in dem von vermeintlichen nicht-biologischen Unterschieden auf dafür verantwortliche biologische Unterschiede geschlossen wird: Das Muster hat eine lange Geschichte, das es zusätzlich zu den bisher geschilderten Überlegungen diskreditiert. Seit Jahrhunderten taucht es immer wieder auf, und zwar fast immer innerhalb schlechter, unwissenschaftlicher, vorurteilsgeleiteter, unterdrückungsrechtfertigender ‚Argumentationen’. Vor allem seit der Aufklärung wird immer wieder versucht, alle möglichen vermeintlichen Eigenschaften und Ungleichheiten in irgendeiner obskuren „Natur“ zu fundieren. (Schön ist zum Beispiel eine Aussage von Max Planck, der das Vordringen von Frauen an die Universität ungern sah: „Im allgemeinen kann nicht genug betont werden, daß die Natur selbst der Frau ihre Aufgabe als Mutter und Hausfrau vorschreibt und daß die Naturgesetze nicht ignoriert werden können.“ Vgl. Wertheim (s.o.) S. 266.)<br />
Seien es die vermeintlichen Eigenschaften von Frauen oder Schwarzen oder Juden oder anderen diskriminierten Gruppen: noch jede von diesen wurde durch Verweise auf kleinere Gehirne, einen anderen Körperbau usw. zu begründen gesucht. Fast alle diese Thesen sind heute nicht nur widerlegt, sondern ihre biologistische Begründung ist als rein interessengeleitet und wissenschaftlich haltlos entlarvt. Nur im Bereich der Geschlechterungleichheit – vielleicht wegen ihrer scheinbaren moralischen Integrität, sicher wegen ihrer Zentralität für unsere Gesellschaft – hält sich dieses Denkmuster – wo ein empirisch feststellbarer Verhaltensunterschied, muss auch ein biologischer sein – hartnäckig.</p>
<p><strong>Das Assoziationsmuster</strong><br />
Das zweite Denkmuster kann ich ganz kurz abhandeln, weil es ohnehin eher nur ein Assoziationsmuster ist – von einem Schluss, sei er auch noch so schlecht begründet wie der obige, kann hier eigentlich gar nicht gesprochen werden. Das Denkmuster beruht auf dem Verweis auf nicht zu leugnende biologische oder körperliche Unterschiede, aus denen dann mit ihnen korrelierte nicht-biologische Unterschiede abgeleitet werden sollen.<br />
Beispiele: Aus der Tatsache, dass die Frau biologisch dazu eingerichtet ist, Kinder auszutragen und zu stillen, wird ihre Bestimmung dazu abgeleitet, sich die ersten Jahre um das Kind zu kümmern (wie lange genau dieser Zeitraum sein soll, ist je nach geschichtlicher Epoche verschieden – früher dachte man an über zehn Jahre, mittlerweile denken viele Leute wohl an etwa drei Jahre, wie die Diskussion um die Kinderkrippen zeigt).<br />
Oder: Aus der Tatsache, dass beim Mann Orgasmus und Ejakulation normalerweise gleichzeitig stattfinden, und letztere notwendig zur Fortpflanzung ist, wird abgeleitet, dass der Mann von der an der Fortpflanzung interessierten ‚Natur’ ein größeres Bedürfnis nach Orgasmen mitbekommen hat als die Frau.<br />
Das Problem mit diesen Begründungsstrategien ist, dass die als Voraussetzung dienenden biologischen Unterschiede zwar meist nicht zu leugnen sind, dass aus ihnen aber in Bezug auf andere – nicht-biologische, und vor allem normative – Unterschiede einfach rein gar nichts folgt. Natürlich ist es von der Natur ‚vorgesehen’, dass eine Frau ihr Kind stillt. Aber daraus folgt nicht, dass eine Frau von Natur aus wünscht, sich nach der Geburt mehrere Jahre lang ausschließlich um ihr Kind zu kümmern. Warum sollte das auch folgen? Es folgt auch nicht, dass sie das sollte. Es folgt auch nicht, dass die Mutterliebe normalerweise größer ist als die Vaterliebe. All das müsste auf der psychologischen bzw. Verhaltensebene erst nachgewiesen werden – und die These, dass dann solche psychologischen bzw. behavioralen Unterschiede, so es sie gibt, wiederum biologisch fundiert seien, bräuchte eine erneute Rechtfertigung.<br />
Auch an diesem Denk- bzw. Assoziationsmuster sieht man die Mächtigkeit der quasi-religiösen biologistischen Einstellung: Nur wer davon ausgeht, dass es auf biologischer wie nicht-biologischer Ebene in sich zusammenhängende Systeme von Eigenschaften gibt, die dann miteinander korreliert sind, wer also an zwei sich entsprechende Ebenen glaubt, wobei die eine die andere erklärt und fundiert, nur die oder der kann auf die Idee kommen, dass aus der Eigenschaft, Kinder zu gebären, auch die Eigenschaft folgen muss, sich vorrangig um die Kinder kümmern zu wollen, oder dass aus der Eigenschaft, zur Fortpflanzung Orgasmen erleben zu müssen, auch die Eigenschaft folgen muss, in höherem Maße Orgasmen anzustreben, als das sonst der Fall wäre bzw. ist.<br />
Hier werden munter die Ebenen durcheinandergewürfelt: biologisch und psychologisch, deskriptiv und normativ usw., aber es führt tatsächlich kein rationales Argument von der einen zur anderen These. Den Übergang leistet nur ein bestimmter Glaube an die Biologie und ihren Zusammenhang mit anderen Arten von Wissen über den Menschen.</p>
<p>Meine Absicht war es nicht, die Falschheit der biologistischen Meinungen über die Geschlechterunterschiede zu beweisen. Aus allem Gesagten ergibt sich, dass dieses Unterfangen zum gegenwärtigen Zeitpunkt genauso zum Scheitern verurteilt ist wie der Versuch, die Meinungen selbst zu beweisen.<br />
Aber in Bezug auf diese biologistischen Meinungen wollte ich mehr behaupten, als dass man sie nicht <em>beweisen</em> kann – an so etwas halten sich viele ihrer Vertreter fest: Natürlich, <em>beweisen</em> kann man sie nicht! Was wollt ihr also von mir? fragen sie.<br />
Meine These war durchaus stärker: ich behaupte, dass es <em>kein rationales Argument</em> gibt, dass diese Meinungen <em>plausibel</em> macht. Und Meinungen, für die man keinerlei Gründe hat, sollte man nicht unterhalten, außer man kann ohne sie nicht leben. Manchmal hat man den Eindruck, den Biologisten ergeht es mit ihren Meinungen über Männer und Frauen genau so. Aber warum nur?<br />
Auf jeden Fall erweisen sich diese Meinungen oft als so resistent gegen den Aufweis ihrer Unbegründetheit, dass auch dieser Artikel selbst wohl nur die überzeugt, die ohnehin schon kritisch gegenüber den Biologismen eingestellt sind. Die Gläubigen selbst wird er wahrscheinlich nicht erreichen. Leider!</p>
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		<item>
		<title>Linke, bleibt Linke!</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Aug 2008 13:53:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eugen Pissarskoi</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Unsinn in der Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Einige Marktliberale haben kürzlich behauptet, sie seien die wahren Linken. Denn ihre politischen Empfehlungen seien darauf aus, den Schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft zu helfen. Dies finde ich verblüffend. Die gewöhnliche Kritik an ihren politischen Vorschlägen &#8212; welche darauf hinaus laufen, möglichst viele gesellschaftliche Verteilungsfragen den Marktmechanismen zu überlassen &#8212; besagt ja genau, dass die Konsequenzen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=135#more-135">Einige</a> <a href="http://www.voxeu.org/index.php?q=node/596">Marktliberale</a> haben kürzlich behauptet, sie seien die wahren Linken. Denn ihre politischen Empfehlungen seien darauf aus, den Schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft zu helfen. Dies finde ich verblüffend. Die gewöhnliche Kritik an ihren politischen Vorschlägen &#8212; welche darauf hinaus laufen, möglichst viele gesellschaftliche Verteilungsfragen den Marktmechanismen zu überlassen &#8212; besagt ja genau, dass die Konsequenzen dieser Vorschläge den Schwächsten schadeten.<br />
In diesem Aufsatz will ich daher die Überlegung der marktliberalen Autoren nachvollziehen und prüfen, wie überzeugend sie ist. Ich verrate jetzt schon: Ich teile sie nicht. Ich werde also auch erklären, was an ihr faul ist.</p>
<p><strong>Die Überlegung der Marktliberalen</strong></p>
<p>Marktliberale glauben, dass staatliche Eingriffe in die Marktverhältnisse bestimmte „besitzenden Klassen“ begünstigen. Eine Beseitigung dieser Eingriffe durch eine Herstellung der Marktverhältnisse würde die „Besitzstände der Priviligierten“ abbauen und den Schwächeren es leichter machen, Wohlstand zu erlangen.<br />
Zum Beispiel profitieren von den Arbeitsmarktregulierungen (wie Mindestlohn oder Kündigungsschutz) die Arbeitnehmer, also diejenigen, die über einen Job verfügen. Hingegen haben es Menschen, die in den Arbeitsmarkt erst eintreten wollen, also Arbeitslose, durch die Regulierungen schwerer. Würde man diese (z.B. den Mindestlohn oder den Kündigungsschutz) abschaffen, würde man den Arbeitslosen bessere Chancen verschaffen, um die Arbeitsplätze zu konkurrieren. Sie könnten beispielsweise einen niedrigeren Arbeitslohn verlangen, oder der Arbeitgeber hätte mehr Möglichkeiten, einem Arbeitnehmer zu kündigen, um einen besser qualifizierten Arbeitslosen einzustellen.<br />
Andere Beispiele erstrecken sich auf die Subventionierungspraktiken von bestimmten Unternehmen (wie die Fluggesellschaft Alitalia), gar ganzen Branchen (Bauern in der EU) oder sozialen Gruppen (Erben). Dabei werden Steuereinnahmen dazu verwendet, eine &#8212; manchmal recht gut gestellte &#8212; Gruppe zu versorgen. So lamentiert Alesina, dass die italienischen Steuerzahler mehrere Jahre lang die Löhne der &#8212; gut verdienenden &#8212; Piloten und Manager von Alitalia bezahlt hätten.</p>
<p><strong>Das Argument der Marktliberalen</strong></p>
<p>Nun stehen wir vor der Frage, was die Marktliberalen mit diesen Beispielen sagen wollen. Wenn sie lediglich darauf aus sind, dass in <em>manchen</em> Fällen staatliche Regulierung zu ungerechten Ergebnissen führe, so ist das eine Platitüde, die kaum jemand bestreiten würde und die daher nicht der Rede wert wäre.<br />
Wenn sie auf die Schlussfolgerung hinaus wollen, dass <em>alle</em> staatlichen Eingriffe in die Marktprozesse ungerecht seien, weil <em>alle</em> Fälle von staatlicher Regulierung die Schwächsten der Gesellschaft benachteiligten, so liegen sie  offensichtlich falsch. Zum Beispiel nützt die Pflicht zur Arbeitslosenversicherung den schwächeren, nicht den stärkeren Mitgliedern der Gemeinschaft.<br />
Wenn wir davon ausgehen, dass die marktliberalen Autoren keine Banalitäten und keine offensichtlichen Unwahrheiten behaupten, müsste ihre Überlegung in Form des folgenden Argumentes rekonstruiert werden:</p>
<ol class="argument">
<li class="premise"> Viele Umverteilungen durch staatliche Eingriffe in die Marktmechanismen zugunsten von bestimmten Interessengruppen benachteiligen die am schwächsten gestellten Mitglieder der Gesellschaft.</li>
<li class="premise">Eine Handlung ist ungerecht, wenn dadurch die am schwächsten Gestellten benachteiligt werden, es sei denn durch sie werden andere zentrale gesellschaftliche Werte realisiert. </li>
<li class="premise">Durch viele Umverteilungen mit Hilfe von staatlichen Eingriffen zugunsten von bestimmten Interessengruppen werden keine anderen zentralen gesellschaftlichen Werte realisiert.
</li>
<li class="conclusion">Also sind viele Umverteilungen durch staatliche Eingriffe in die Marktmechanismen zugunsten von bestimmten Interessengruppen ungerecht.
</li>
</ol>
<p>Dieses Argument ist schlüssig (das heißt, dass wenn die Prämissen wahr sind, auch die Konklusion wahr sein muss). Allerdings ist es derart schwammig formuliert, dass eine Beurteilung unmöglich ist, ob die zentralen Prämissen (1) und (3) wahr oder falsch sind. Ihr Wahrheitswert hängt entscheidend davon ab, was „viele“ bedeutet. Das ist unklar.</p>
<p>Anstatt zu erraten, was die Marktliberale meinen, wenn sie sagen, dass <em>viele</em> staatliche Eingriffe die Schwächeren der Gesellschaft benachteiligten, möchte ich ein konkretes Beispiel für die vermeintliche Benachteiligung betrachten, das die marktliberalen Autoren selber anführen, nämlich den Mindestlohn.<br />
Das Argument sieht entsprechend aus:</p>
<ol class="argument">
<li class=premise>Eine Einführung des Mindestlohns in einer Branche benachteiligt die am schwächsten gestellten Mitglieder der Gesellschaft.</li>
<li class="premise">Eine Handlung ist ungerecht, wenn dadurch die am schwächsten Gestellten benachteiligt werden, es sei denn durch sie werden andere zentrale gesellschaftliche Werte realisiert.
</li>
<li class="premise">Durch die Einführung des Mindestlohns in einer Branche werden keine anderen zentralen gesellschaftlichen Werte realisiert.
</li>
<li class="conclusion">Also ist die Einführung des Mindestlohns in einer Branche ungerecht.</li>
</ol>
<p><strong><br />
Kritik des Arguments</strong></p>
<p>Für die Wahrheit der ersten Prämisse argumentieren die Marktliberalen folgendermaßen: Die Einführung eines Mindestlohns in einer Branche führt dazu, dass die Anzahl der Arbeitsplätze in dieser Branche sinkt. Insofern nützt der Mindestlohn denjenigen, die auch nach seiner Einführung einen Job in dieser Branche haben &#8212; denn diese Regulierung schützt die Höhe ihres Einkommens. Der Mindestlohn schadet aber denjenigen, die durch die Einführung arbeitslos geworden sind, ohne den Mindestlohn jedoch eine Arbeit hätten. Die Arbeitslosen werden also von dieser Maßnahme benachteiligt, gehören aber zu den am schwächsten gestellten Mitgliedern unserer Gesellschaft.<br />
Soweit es mir bekannt ist, sind die Nettowirkungen des Mindestlohns auf die Beschäftigungszahl schwer schätzbar. Doch nehmen wir an, es stimmte, dass es mindestens eine Branche gibt, in der eine Einführung des Mindestlohns zu weniger Arbeitsplätzen führen würde. Müssen wir dann die Konklusion des Arguments akzeptieren?</p>
<p>Nein, denn die Prämisse (3) bleibt falsch. Die meisten Linken setzen sich für den Mindestlohn ein, weil sie einen anderen Wert realisieren wollen: Sie wollen einen Wettbewerb um Arbeitsplätze verhindern, deren Entlohnung für ein zum Leben ausreichendes Einkommen nicht ausreicht. Dass Arbeit nicht zu niedrig entlohnt wird, ist ein weiterer zentraler gesellschaftlicher Wert.<br />
Daher ist die Schlussfolgerung der Marktliberalen in (4) nicht wahr. </p>
<p><strong>Lehre aus dem Argument</strong></p>
<p>Dieses Beispiel demonstriert die Komplexität unseres moralischen Urteilens. Manchmal involvieren unsere moralischen Entscheidungen tragische Abwägungen: Durch die eine werden Arbeitslose benachteiligt, durch die andere die Arbeitenden. Dass die Arbeitslosen im Vergleich zu den Arbeitenden die schwächeren Mitglieder der Gemeinschaft sind, ist ein wichtiger Faktor, der bei der Entscheidung berücksichtigt werden muss. Er ist aber nicht der alleinige.<br />
Und die Linken zeichnen sich eben dadurch aus, dass sie diesen Wertekonflikt auf eine bestimmte Weise lösen: Sie glauben, dass es besser ist, dafür zu sorgen, dass die Löhne ein zum Leben ausreichendes Einkommen gewähren, auch wenn damit eine gewisse Arbeitslosigkeit verbunden ist. Die Arbeitslosen müssen dabei anders unterstützt werden: z.B. durch Umschulungen, wenn das Arbeitsangebot in einer Branche die Arbeitsnachfrage übersteigt. Oder, wenn das Arbeitsangebot in allen Branchen die Arbeitsnachfrage übersteigt, durch Transferleistungen, die den Arbeitslosen ein würdiges Leben in der Gemeinschaft erlauben.<br />
<strong><br />
Deswegen:</strong><br />
Ich bin den Marktliberalen stets dankbar, wenn sie Verteilungskonflikte zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen aufdecken und uns darauf aufmerksam machen. Die Marktliberalen sollten aber die Eigentümlichkeit des moralischen Urteilens nicht vernachlässigen: Ob eine Maßnahme gerecht ist oder nicht, hängt häufig von vielen miteinander konfligierenden Werten ab. Die Linken entscheiden diese Wertekonflikte eben anders als die Marktliberalen. Und das ist gut so.<br />
Also Linke, bleibt Linke!</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Sind wir eine Bürgerwehr? Die Interpretation des Second Amendment ist nicht so einfach, wie der Supreme Court es gerne hätte</title>
		<link>http://www.sprechblase.org/2008/07/14/sind-wir-eine-burgerwehrdie-interpretation-des-second-amendment-ist-nicht-so-einfach-wie-der-supreme-court-es-gerne-hatte/</link>
		<comments>http://www.sprechblase.org/2008/07/14/sind-wir-eine-burgerwehrdie-interpretation-des-second-amendment-ist-nicht-so-einfach-wie-der-supreme-court-es-gerne-hatte/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 14 Jul 2008 13:57:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Kiesselbach</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Ganz aktueller Unsinn]]></category>

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		<description><![CDATA[[Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Christian Voigt entstanden.]
Der amerikanische Supreme Court hat am vorvergangenen Donnerstag mit 5 zu 4 Stimmen entschieden, dass das in Washington DC bislang gültige Handfeuerwaffenverbot gegen die Verfassung, genauer: gegen ihr second amendment, verstößt. In diesem Beitrag wollen wir uns einige Aspekte der Begründung anschauen und aufzeigen, an welchen Stellen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>[Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Christian Voigt entstanden.]</p>
<p>Der amerikanische Supreme Court hat am vorvergangenen Donnerstag mit 5 zu 4 Stimmen entschieden, dass das in Washington DC bislang gültige Handfeuerwaffenverbot gegen die Verfassung, genauer: gegen ihr <em>second amendment</em>, verstößt. In diesem Beitrag wollen wir uns einige Aspekte der Begründung anschauen und aufzeigen, an welchen Stellen die Entscheidung kritisiert werden kann.</p>
<p>Das <em>Second Amendment</em> lautet wie folgt:</p>
<blockquote><p>A well regulated Militia being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms shall not be infringed.</p></blockquote>
<p>In der Verhandlung ging es vor allem um die Frage, ob der erste Teil des Satzes (die &#8220;prefatory clause&#8221;) den zweiten Teil des Satzes (die &#8220;operative clause&#8221;) einschränkt, und wenn ja, wie.</p>
<p>Nach dem Minderheitsvotum ist diese Frage nicht schwer zu beantworten: Aus seiner Sicht geht aus dem 2nd Amendment kein individuelles Recht auf Waffenbesitz hervor, da es im Text bloß um Waffenbesitz im Kontext einer organisierten Bürgermiliz zum Schutz des Bundesstaates gehe. Die Mehrheit unter Vorsitz des konservativen Richters Scalia interpretiert den kurzen Text anders. Sie akzeptiert zwar, dass der erste Teil des Satzes den Zweck des zweiten Teiles angibt, aber betont, dass dadurch das individuelle, universelle Recht auf Waffenbesitz nicht eingeschränkt wird. Der Grund: Mit &#8220;well regulated Milita&#8221; sei nichts anderes gemeint als alle erwachsenen, wehrfähigen Bürger des Bundesstaates.</p>
<p>Dieser Mehrheitsmeinung liegt eine originalistische Rechtsauffassung zu Grunde, nach der die Bedeutung eines Verfassungsgrundsatzes sich allein daraus ergibt, wie er zu seiner Entstehungszeit gemeint war und aus welcher Intention heraus er entstanden ist. Die Auslegung des Verfassungsrechts wird dadurch zur geschichtswissenschaftlichen Recherche. In ihrem Urteil schildern die Richter &#8220;the history that the founding generation knew&#8221; und fassen zusammen:</p>
<blockquote><p>That history showed that the way tyrants had eliminated a militia <em>consisting of all the able-bodied men</em> was not by banning the militia but simply by taking away the people&#8217;s arms, enabling a select militia or standing army to suppress political opponents. This is what had occurred in England that prompted codification of the right to have arms in the English Bill of Rights. (Hervorgeh. von uns)</p></blockquote>
<p>Diese Begründung hat zwei offene Flanken. Zum einen ist es selbst aus einer originalistischen Perspektive nicht klar, ob das <em>second amendment</em> der Ausdruck einer eindeutigen und insofern eindeutig bindenden Intention ist; zum andern sind alle intentionalistischen Ansätze &#8212; zu denen auch der Originalismus zählt &#8212; mit einem Problem behaftet, welches sich besonders klar im aktuellen Urteil zeigt.</p>
<p>Beginnen wir mit dem ersten Problem. Wer sich ein wenig mit der Geschichte der Gründungszeit der Vereinigten Staaten beschäftigt, der stößt bald auf eine Kontroverse, die weit älter ist als die ersten Verfassungstexte. Es handelt sich um einen Streit über die relativen Gewichte zweier Gefahren für die individuelle Freiheit. Einerseits kann ein bewaffneter Staat die Freiheit seiner Bürger zunichte machen, andererseits können mächtige Gruppen bewaffneter Bürger sich zu Tyrannen oder Oligarchen erheben und so die Freiheit ihrer Mitbürger zunichte machen. Vielen frühen Kommentatoren stellte sich das ganze als eine Art Zwickmühle dar: Um ersterer Gefahr zu begegnen, bietet es sich an, die Bürger zu bewaffnen. Damit allerdings vergrößert sich die zweite Gefahr. Andersherum ist es genauso: Um letzterer Gefahr zu begegnen, bietet es sich an, dem Staat gegenüber seinen Bürgern den Rücken zu stärken. Damit allerdings vergrößert sich die erste Gefahr.</p>
<p>Die außergewöhnliche Reichweite und Präsenz dieses Streits im Denken der frühen Neuzeit gibt nun Anlass zur Vermutung, dass die umständliche Formulierung des second amendment genau dem ungelösten Status dieses Streits zu verdanken ist. Mit anderen Worten, das <em>second amendment</em> sollte nicht als eindeutige Zustimmung zum Recht auf universellen Waffenbesitz gelesen werden, sondern eher als ein in juristische Sprache gegossener Kompromiss, in dem die Duldung des Hauptsatzes durch die Nennung des Ziels &#8212; nämlich dem Schutz der individuellen Freiheit gegen organisierte tyrannische Bestrebungen &#8212; erkauft ist. Kurzum: Wer sich, wie die Richter um Scalia, für die tatsächlichen Einstellungen des historischen Verfassungsgebers interessiert, der stößt in erster Linie auf ein zerrissenes Subjekt. Für weitreichende Entscheidungen mit originalistischer Begründung ist dies kein besonders sicheres Fundament.</p>
<p>Daneben gibt es, wie gesagt, eine zweite offene Flanke. Sie hat mit einem Phänomen zu tun, das der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin als das Problem der &#8220;nested intentions&#8221; beschrieben hat. Wenn wir uns für die Intentionen des Verfassungsgebers interessieren (wozu wir keine Originalisten sein müssen; es könnte auch sein, dass es uns um die hypothetischen heutigen Intentionen des Verfassungsgebers geht), dann stoßen wir häufig auf verschachtelte Intentionen: Bestimmte Intentionen sind nur im Rahmen anderer Intentionen verständlich. Anders gesagt: Es gibt umfassendere und weniger umfassende Intentionen. Jede umfassendere Intention muss durch weniger umfassende Intentionen konkretisiert werden (Ich habe die umfassende Intention, Eis zu essen, daher entwickle ich die weniger umfassende Intention, zum Eisladen zu laufen.) Dies kann aber bedeuten, dass in Fällen, in denen es sich herausstellt, dass die konkrete Intentionen entgegen der Überzeugungen des Verfassungsgebers die umfassende Intention nicht wirklich erfüllen, die konkrete Intention vernachlässigt oder abgelehnt werden sollte &#8212; und dass dies im Sinne des Verfassungsgebers ist.</p>
<p>Auch im vorliegenden Fall finden wir verschachtelte Intentionen &#8212; sogar gleich zwei mal. Die konkrete Intention, den Waffenbesitz allseits zu ermöglichen, steht im Kontext der umfassenderen Intention, die Sicherheit des Bundesstaates zu schützen. Die umfassendere Intention, die Sicherheit des Bundesstaates zu schützen, steht jedoch im Kontext der noch weiter umfassenden Intention, die individuelle Freiheit zu schützen. Machen wir uns den ersten Schritt hier einmal etwas genauer klar.</p>
<p>Wir beginnen mit der Intention, die Sicherheit des Bundesstaates nach außen sowie nach innen zu schützen. Diese Intention führt nun, zusammen mit einigen Annahmen zur konkreteren Intention, den Bürgern Waffen zugänglich zu machen. Welche weiteren Annahmen spielen hier eine Rolle? Nun, zunächst ist da die in der frühen Neuzeit verbreitete Überzeugung, die innere und äußere Sicherheit des (Bundes)staates sei massiv durch organisierte Gewalten, also fremde Herrscher oder interne Putschisten, gefährdet (1). Wer einmal Machiavellis Diskurse gelesen hat, der weiß, wie starke Sorgen dieser Art sich die Republikaner der Renaissance machten. Dazu kommt eine zweite Annahme (2), nach der die einzige &#8212; oder doch die einzig reelle &#8212; Methode zur Verteidigung der Sicherheit des Staates in der universellen Bürgerbewaffnung liegt. Eine dritte Annahme (3), die wir hinzunehmen müssen, um den Übergang rational zu machen, ist die, dass eine universelle Bewaffnung keine prinzipiell inakzeptablen Nebenwirkungen hat. Wenn wir nun (4) das Prinzip der Handlungrationalität zugrundelegen &#8212; &#8220;Wenn A das Ziel ist, und X das beste oder einzige Mittel zur Erreichung von A ist, und A keine inakzeptablen Nebenwirkungen hat, dann sollte X angestrebt werden&#8221; &#8212; dann landen wir bei der Intention, Waffen allgemein zugänglich zu machen &#8212; wie es ja im <em>second amendment</em> auch steht.</p>
<p>Wie ist es nun, wenn eine der Annahmen sich als schlecht erweist? Wie oben beschrieben, scheint es dann angemessen zu sein, die konkretere Intention auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls aufzugeben (da sie nur der Realisierung der umfassendere Intention diente). Natürlich könnte gegen diesen Vorschlag protestiert werden, dass wir mit dieser Strategie den Grundsatz eigenmächtig verfälschen würden, was uns natürlich nicht zusteht. So einfach ist es aber nicht, schließlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass einem Gesetzgeber immer die grundlegende Intention zugeschrieben werden kann, dass erlassene Gesetze im Falle von fehlerhaften faktischen Annahmen an korrigierte Annahmen anzupassen sind. Im Fall des <em>second amendment</em>, das als <em>einziger</em> Grundsatz der gesamten Verfassung eine &#8220;prefatory clause&#8221; mit einer Zweckbestimmung enthält, ist diese Intentionszuschreibung besonders plausibel. Es ist zudem zu bedenken, dass jede Alternative zu dieser Interpretation die Intentionen des Verfassungsgebers mindestens ebenso stark &#8220;verfälschen&#8221; würde: Einige der logisch verknüpften Intentionen haben immer das Nachsehen.</p>
<p>Nun scheint es aber plausibel zu sein, dass die erste Überzeugung des Verfassungsgebers heute einfach nicht mehr zieht, und dass auch die dritte Annahme in Zweifel gezogen werden kann. Beginnen wir mit der ersten Annahme. Wie man es dreht und wendet, es scheint, dass die Überzeugung der akuten Gefahr von Putschisten und äußeren Feinden für die Vereinigten Staaten revisionsbedürftig ist. Mehr noch, auch die Republikaner der Renaissance, die den politischen Diskurs der Zeit der Verfassungsgebung maßgeblich bestimmt haben, wären von 250 Jahren politischer und militärisischer Sicherheit sicherlich so beeindruckt, dass sie heute eine ganz andere Vorstellung von der Gefährdungslage hätten als im 18. Jahrhundert. Dies ist hochgradig relevant, denn die Gefährdung der Sicherheit des Bundesstaates ist eine Hauptprämisse im Übergang von der umfassenderen Intention zur konkreteren Intention.</p>
<p>Ähnlich ist es mit der dritten Annahme, nach der eine universelle Bewaffnung keine prinzipiell inakzeptablen Nebenwirkungen hat. Sicher war immer allen klar, dass in einem Land mit vielen Waffen auch viele Verbrechen begangen werden. Es liegt aber alles andere als auf der Hand, dass die Verfassungsgeber wirklich die Meinung vertreten haben oder hätten, dass jährlich 11000 Tote durch Schusswaffengebrauch prinzipiell akzeptabel sind. Hier ist zu bedenken, dass eines der Gesamtziele der Verfassungsväter der Schutz der individuellen Freiheit war. Man kann sich kaum eine größere Verletzung der individuellen Freiheit vorstellen, denn als Unbeteiligter im Kugelhagel verfeindeter Gangs zu sterben. Dies ist natürlich eine &#8220;normative&#8221; Prämisse; aber da auch sie maßgeblich am Übergang von der einen zur anderen Intention beteiligt ist, ist es schwer, sie als verfassungsrechtlich irrelevant abzutun.</p>
<p>Damit ist noch nicht gezeigt, dass das Second Amendment <em>nicht</em> als individuelles Recht auf Waffenbesitz interpretiert werden darf. Da die Richter dem Gesetzgeber ausdrücklich die Möglichkeit zugestanden haben, den Waffenbesitz weitgehend einzuschränken, wäre das Urteil wahrscheinlich z.B. mit der deutschen Gesetzgebung zum Waffenbesitz kompatibel. Die deutsche Aufregung über das waffennärrische Second Amendment ist also wahrscheinlich unbegründet.</p>
<p>Wir wollten nur zeigen, dass die Mehrheit des Supreme Courts ihre eigentliche Beweislast nicht erfüllt hat, weil die Richter die Komplexität ihrer Aufgabe unterschätzt haben. Selbst wenn man die Methodologie des Intentionalismus akzeptiert ist damit der interpretative Spielraum bei der Auslegung des Second Amendments noch nicht wesentlich eingeschränkt.</p>
<p>[Andere Kritiken der Entscheidung finden sich <a href="http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2008/06/sind-waffen-wertvoller-als-das-wort.php">hier</a> und <a href="http://anwalt.us/2008/06/28/#0628-scalia-erfindet-recht.txt">hier</a>; einige Gedanken zu einem Aspekt in der Berichterstattung zum Urteil gibt es <a href="http://usaerklaert.wordpress.com/2008/07/04/the-american-creed-der-glaubensgrundsatz-der-usa/">hier</a>. UPDATE: Daniel weist auf eine <a href="http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2008/02/24/waffenklirren-und-grammatik/#more-217">Analyse des Bremer Sprachblogs</a> vom Februar 2008 hin. Danke!]</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.sprechblase.org/2008/07/14/sind-wir-eine-burgerwehrdie-interpretation-des-second-amendment-ist-nicht-so-einfach-wie-der-supreme-court-es-gerne-hatte/feed/</wfw:commentRss>
		</item>
		<item>
		<title>Absurde McKinsey-Studie über das Abrutschen der Mittelschicht</title>
		<link>http://www.sprechblase.org/2008/05/04/absurde-mckinsey-studie-uber-das-abrutschen-der-mittelschicht/</link>
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		<pubDate>Sun, 04 May 2008 22:16:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eugen Pissarskoi</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Unsinn in der Wirtschaft]]></category>

		<category><![CDATA[Ganz aktueller Unsinn]]></category>

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		<description><![CDATA[So gut wie alle Medien haben eine McKinsey Studie zitiert, der nach etwas Schlimmes mit der Mittelschicht zu geschehen droht. Leider konnte ich online nicht auf die originäre Studie zugreifen, musste daher die Infos darüber, wovor wir genau gewarnt werden, den Medien entnehmen. Folgende Aussagen konnte ich extrahieren:

Im Jahre 2006 betrug das Durchschnittseinkommen 25000 Euro.
Zur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So gut wie alle <a href="http://oeffingerfreidenker.blogspot.com/2008/05/mckinsey-studie-sieht-mittelschicht.html">Med</a><a href="http://martina-kausch.de/index.php?/archives/3526-Diebstaaaaaaaaaaaaaaaaahl!.html">ien</a> haben eine<a href="http://www.mckinsey.de/html/profil/initiativen/d2020.asp"> McKinsey Studie</a> zitiert, der nach etwas Schlimmes mit der Mittelschicht zu geschehen droht. Leider konnte ich online nicht auf die originäre Studie zugreifen, musste daher die Infos darüber, wovor wir genau gewarnt werden, den Medien entnehmen. Folgende Aussagen konnte ich extrahieren:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.welt.de/wirtschaft/article1961607/Die_deutsche_Mittelschicht_droht_wegzubrechen.html">Im Jahre 2006 betrug das Durchschnittseinkommen 25000 Euro</a>.</li>
<li><a href="http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/artikel/209/172698/">Zur Mittelschicht durften sich all diejenigen zugehörig fühlen, die zwischen 70% und 150% des Durchschnittseinkommens verdienten</a>, also zwischen 17,5 und 37 Tausend Euro jährlich.</li>
<li><a href="http://www.bild.de/BILD/news/wirtschaft/2008/05/04/mittelstand-millionen/droht-der-abstieg,geo=4443654.html">Ungefähr in diesem Zeitraum gehörten 54% der Bevölkerung der Mittelschicht an</a>.</li>
</ul>
<p>Die McKinsey-Autoren sollen nun zwei Szenarien miteinander verglichen haben. Die berichteten Ergebnisse <a href="http://www.welt.de/wirtschaft/article1961607/Die_deutsche_Mittelschicht_droht_wegzubrechen.html">lauten</a>: </p>
<ul>
<li>Wenn die Wirtschaft auf dem bisherigen Wachstumspfad bleibt, dann werden im Jahr 2020 10 Millionen Menschen weniger als Anfang der Neunziger Jahre (!) zur Mittelschicht gehören. </li>
<li>Mit anderen Worten werden 30% der Bürger aus der Mittelschicht herausfallen, sodass insgesamt deutlich weniger als 50% der Bevölkerung der Mittelschicht angehören werden.</li>
</ul>
<p>Die Zahlen stimmen offensichtlich nicht. Wenn 30% aller Bürger aus der Mittelschicht herausfallen, so verringert sich die Mittelschicht um rund 24 Millionen Menschen (das sind 30% von 80 Millionen). Und nicht nur um 10 Millionen, wie berichtet. Wenn ein Ausfall von 30% dazu führen wird, dass „deutlich weniger als 50% der Bevölkerung der Mittelschicht angehören werden“, so müssen vor dem Ausfall etwas weniger als 80% der Mittelschicht angehört haben. Dem widerspricht aber die Bild.<br />
Doch das sind Kleinigkeiten. Eigentlich will ich auf etwas anderes hinaus. Nämlich auf die Kernaussage der Studie: </p>
<ol>
<a href="http://www.n24.de/news/newsitem_824973.html">„Verantwortlich für diese Entwicklung (Schrumpfung der Mittelschicht) sei ein zu geringes Wirtschaftswachstum“</a>.</ol>
<p>In diesem Zusammenhang wird die folgende Zahl genannt:<br />
Wenn die Wirtschaft mit 3% jährlich wächst, wird sich das Durchschnittseinkommen auf 36000 Euro pro Jahr vergrößern.</p>
<p>Ich verstehe nicht, was diese Zahl zu der obigen Aussage beitragen soll. Abgesehen davon, dass ich die Kernaussage abstrus finde (dazu unten mehr), würde ich zu ihrer Rechtfertigung eine Zahl erwarten, die angibt, wie sich die Anzahl der zur Mittelschicht angehörenden Menschen verändert und nicht, wie viel diese Menschen verdienen. Es kann doch sein, dass, obwohl bei höherem Wirtschaftswachstum das Durchschnittseinkommen sich vergrößert, die Anzahl der Menschen, die dieses Durchschnittseinkommen beziehen, sich stark verringert (im Extremfall verschwindet). </p>
<p>Doch auch das sind Peanuts im Vergleich zu der Kernaussage: </p>
<blockquote><p>Ein zu niedriges Wirtschaftswachstum führt dazu, dass die Mittelschicht sich verringert.</p></blockquote>
<p>Wirtschaftswachstum ist eine Größe, die beschreibt, wie sich der Wert der in einem Jahr erwirtschafteten Dinge im Vergleich zum vorherigen Jahr verändert hat. Diese Größe beschreibt also, wie stark sich der materielle Wohlstand der Gesamtbevölkerung verändert hat. Anzahl der Leute, die zur Mittelschicht gehören, hängt von der Verteilung dieses materiellen Wohlstandes innerhalb der Gesamtbevölkerung ab. Wie kann man nun die Verteilung des Wohlstandes dadurch steuern, dass man die Größe des Wohlstandes verändert? Das ist mir unklar. Ich vermute sogar, dass das nicht geht. Die Größe des Wohlstandes und seine Verteilung sind voneinander unabhängig: Wir können den Wohlstand vergrößern, ohne dass die Verteilung sich ändert; wir können auch die Größe des Wohlstandes einfrieren und ihn anders (zum Beispiel gleicher!) verteilen. Daher ist es Unsinn zu behaupten, Wirtschaftswachstum beeinflusse die Anzahl der zur Mittelschicht gehörenden Menschen. </p>
<p>Dass die Mittelschicht schrumpft, darauf weist auch das <a href="http://diw.de/documents/publikationen/73/79586/08-10-1.pdf">DIW</a> hin. Strittig finde ich dagegen die Behauptung, dass das Wirtschaftswachstum eine Lösung darstelle.</p>
<p>Wie kommt es dazu, dass eine angesehene Beratungsagentur Unsinn verzapft? Ich habe den Verdacht, dass die McKinsey-Autoren die folgende Überlegung hatten: </p>
<ul>
<li>Die Anzahl der Arbeitsplätze hängt vom Wirtschaftswachstum ab: Erst ab einer bestimmten Größe werden Arbeitsplätze geschaffen, bleibt es unter diesem Schwellenwert, steigt die Arbeitslosigkeit.
</li>
<li>Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, dann verringert sich die Größe der Mittelschicht, wenn sie sinkt, steigen sowohl die Größe der Mittelschicht als auch das Durchschnittseinkommen.
</li>
</ul>
<p>Diese Überlegung mag sinnvoller erscheinen. Sie ist aber höchst strittig: Der kausale Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosenquote ist alles andere als klar; und auch wenn es diesen gibt, ist die Höhe des Schwellenwertes nicht ohne Weiteres feststellbar.<br />
Eine unumstrittenere Konklusion der Studie könnte lauten: Wir brauchen Arbeitsplätze, damit sich die Mittelschicht nicht verringert. Das ist aber nicht gerade verblüffend.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Nachhaltigkeit und Luxus-Geländewagen</title>
		<link>http://www.sprechblase.org/2008/04/23/nachhaltigkeit-und-luxus-gelandewagen/</link>
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		<pubDate>Wed, 23 Apr 2008 22:21:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eugen Pissarskoi</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Wenn das jeder tun würde]]></category>

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		<description><![CDATA[Viele Umweltaktivisten verdonnern seit Jahren die Verbreitung von Luxus-Geländewagen, den so genannten SUVs. Der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone plant inzwischen, für SUVs eine höhere City-Maut einzuführen als für andere PKWs. Ich bezweifele jedoch, dass der Einsatz von SUVs mit ökologischen Argumenten kritisiert werden sollte. Vielmehr sind es bestimmte Überzeugungen bezüglich der Gleichheit, die dagegen sprechen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Viele Umweltaktivisten <a href="http://www.commondreams.org/headlines05/0605-04.htm">verdonnern seit Jahren</a> die Verbreitung von Luxus-Geländewagen, den so genannten SUVs. Der Londoner Bürgermeister <a href="http://driving.timesonline.co.uk/tol/life_and_style/driving/news/article3356455.ece">Ken Livingstone plant</a> inzwischen, für SUVs eine höhere City-Maut einzuführen als für andere PKWs. Ich bezweifele jedoch, dass der Einsatz von SUVs mit ökologischen Argumenten kritisiert werden sollte. Vielmehr sind es bestimmte Überzeugungen bezüglich der Gleichheit, die dagegen sprechen. </p>
<p>Betrachten wir ein aus meiner Sicht verbreitetes Argument gegen den Gebrauch von schweren Geländewagen. Es basiert auf der Überlegung, dass das Autofahren generell nicht nachhaltig ist. Diese Überlegung zieht ihre normative Kraft aus der folgenden Prämisse:</p>
<ol>
<strong>1.</strong> Es ist für ein Individuum falsch, eine Handlung p zu tun, für die gilt: Wenn alle Individuen, die p tun wollen, p ausführen, wird etwas Schlimmes geschehen. </ol>
<p>Diese Prämisse ist ein Versuch,eine weit verbreitete moralische Intuition einzufangen, die wir in der Alltagssprache mit der Aufforderung &#8221;Stell Dir mal vor, das würde jeder tun!&#8221; zum Ausdruck bringen, die aber auch bereits <a href="http://plato.stanford.edu/entries/kant-moral/">Kant</a> <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorischer_Imperativ">als zentral ansah</a>.</p>
<p>Nehmen wir an, p sei die folgende Handlung: ein Auto zum Zweck einsetzen, den Alltag zu erleichtern. (Mit dieser umständlichen Formulierung meine ich den Autogebrauch für den Einkauf, Fahrten zur Arbeit etc.; im Gegensatz zum Beispiel zu Autofahrten, um eine kranke Freundin zum Arzt zu fahren.) Dann können wir die nächste Prämisse hinzufügen:</p>
<ol>
<strong>2.</strong> Wenn alle Menschen, die es wollen, ein Auto für den Zweck der Erleichterung des Alltags einzusetzen, es tatsächlich tun, entstehen immense Schäden (z.B. durch die Veränderung des Klimasystems). </ol>
<p>Unter Annahme, dass &#8221;immense Schäden&#8221; etwas Schlimmes darstellt, folgt aus (1) und (2):</p>
<ol>
<strong>3.</strong> Es ist für ein Individuum falsch, ein Auto für den Zweck der Erleichterung des Alltags einzusetzen.</ol>
<p>Gegen die SUVs wird nun eingewandt, dass sie eine besonders schlimme Autokategorie darstellen: Bedingt durch ihre Bauart tragen sie mehr zu der Umweltverschmutzung bei als gewöhnliche Autos, ohne dass diese Bauart sie besser dazu eignen würde, den Alltag zu erleichtern. Sie werden gekauft, weil sie cool sind. Und eine Handlung, die zu einer Umweltkatastrophe beiträgt und lediglich aus Gründen der Coolness getan wird, ist eindeutig moralisch falsch. </p>
<p><strong>Entgegnung der SUV-Fans</strong></p>
<p>Hierauf können jedoch Liebhaber der schweren Geländewagen entgegnen, dass gerade die Eigenschaften, die aus der Sicht des obigen Argumentes die Autos besonders verabscheuungswürdig machen, ihre Existenz in Wirklichkeit moralisch rechtfertigen. Das schlimme am Autofahren ist ja nicht so sehr eine Fahrt, sondern die kollektive Handlung: Erst wenn eine ausreichend große Anzahl von Menschen ein Auto fährt, entstehen die unerwünschten Konsequenzen. Nun kann jedoch eine SUV-Liebhaberin darauf verweisen, dass die meisten Objekte ihrer Begierde Luxusgüter sind. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie knapp sind. Ihre Knappheit kann natürliche Ursachen haben (wie beim Gold oder Diamanten) oder ihrer Vermarktung zu verdanken sein (Porsche erreicht seine Exklusivität durch den hohen Preis). Knappe Güter – vorausgesetzt sie sind knapp genug – können jedoch die befürchteten Konsequenzen nicht herbeiführen: Die paar Tausend Porsche-Cayenne Liebhaber, die sich das Fahrzeug tatsächlich leisten können, stellen weder eine Bedrohung für die Ölreserven dar noch werden sie den CO2-Haushalt bemerkbar beeinflussen und schon gar nicht eine Naturkatastrophe auslösen. </p>
<p>Bezüglich des obigen Argumentes verweisen die SUV-Anhänger also darauf, dass in der zweiten Prämisse der Vordersatz nie erfüllt ist, sobald es um die Luxus-SUVs geht: Durch die künstlich geschaffene Knappheit wird niemals der Zustand eintreten, dass alle, die einen Porsche Cayenne fahren wollen, auch tatsächlich einen fahren. Das Argument gegen das Autofahren generell bleibt damit gültig, es tangiert aber die Luxus-SUV-Besitzer nicht.</p>
<p>Damit hat uns das obige Argument in eine schwer zu schluckende Situation manövriert: Der Einsatz von Autos, die allen Menschen zugänglich sind, ist schlecht, da aus ihrem Einsatz eine ökologische Katastrophe droht. Der Einsatz von exklusiven Autos, die nur einer Minderheit zugänglich sind, führt hingegen nicht zu schlimmen Folgen, ist daher aus ökologischer Sicht nicht zu beanstanden. </p>
<p><strong>Mögliche Kritik des Luxus-SUV-Einsatzes</strong></p>
<p>Ich akzeptiere die Entgegnung der Luxus-Geländewagen-Anhänger. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass das Benutzen von SUVs kritisiert werden kann. Allerdings mit Gründen, die stärker auf unseren Gleichheitsüberzeugungen basieren:</p>
<p>Eine naheliegende Möglichkeit dafür zu argumentieren, dass die SUV-Besitzer etwas Falsches tun, liegt darin, an die folgende Intuition zu apellieren: Keinem Menschen sollte es erlaubt sein, ohne besondere Gründe die Umwelt stärker zu belasten als anderen (Mit anderen Worten: Gleichverteilung der Rechte auf Umweltverschmutzung). Ob diese Überzeugung es erlaubt, den SUV-EInsatz zu kritisieren, ist aber nicht a priori klar: Die moralische Beurteilung hängt von der Menge der jedem Menschen zugestandenen Verschmutzungsrechte ab. </p>
<p>Andere moralische Prinzipien, die ich hier nur vage andeute, sind vermutlich viel stärker umstritten:</p>
<p>• Es ist ungerecht, dass die Realisierung eines Bedürfnises, dass sehr viele Menschen teilen, nämlich Autofahren, von monetären Verhältnissen abhängig gemacht wird.</p>
<p>• Luxusgüter sind generell schlecht (da sie von der Art sind, dass sie prinzipiell nicht allen zukommen können).</p>
<p>Diese Andeutungen von Gründen haben einen Punkt gemeinsam: Sie alle werden nur von Menschen akzptiert, die bestimmte Gleichheitsüberzeugungen teilen. Die moralische Abneigung gegen die Luxus-SUVs resultiert daher nicht nur aus der Sorge um die ökologische Nachhaltigkeit sondern zusätzlich aus der Überzeugung, dass in einer lebenswerten Gesellschaft bestimmte Gleichheitsstandards eingehalten werden müssen. </p>
<p><strong>P.S. Unterschied zum Peanuts-Fehlschluss</strong></p>
<p>Man könnte meinen, dass der Fehler in der Argumentation der SUV-Fans im von Christian so genannten <a href="http://www.sprechblase.org/2007/03/08/co2-tortenstucke-und-symbolpolitik/">&#8221;Peanuts-Fehlschluss&#8221;</a> liegt. </p>
<p>Ein Peanuts-Argument basiert auf der folgenden Überlegung: &#8221;Handlung x trägt nur ganz wenig zu der schlimmen Konsequenz p bei und löst p nicht aus. Also ist es nicht schlimm, wenn x ausgeführt wird&#8221;. Der Fehlschluss in dieser Überlegung besteht darin, dass der Sprecher die Quelle der Schlechtigkeit falsch einschätzt: Der Sprecher unterstellt, dass die Schlechtigkeit der Handlung in ihrer Größe bzw. in der Tatsache liegt, dass sie die schlechte Konsequenz auslöst. Daher versucht er zu zeigen, dass beide &#8221;Schlecht-Macher-Eigenschaften&#8221; nicht erfüllt sind. Tatsächlich liegt aber die Quelle der Schlechtigkeit in anderen Eigenschaften.</p>
<p>Bei der Luxusgüter-Argumentation sieht die Sache dagegen anders aus:</p>
<p>Die Luxusgüter-Anhängerin sagt nicht: &#8221;Mein Beitrag ist klein&#8221;. Und auch nicht: &#8221;Mein Beitrag löst keine schlimmen Konsequenzen aus.&#8221; Sondern: Der Beitrag unserer ganzen Gruppe der Luxus-SUV-Fahrer löst nichts Schlimmes aus. Weil der Beitrag der ganzen Gruppe zu keinen schlimmen Konsequenzen führt, ist auch die kollektive Handlung nicht schlecht. Daher begeht sie nicht den Peanuts-Irrtum.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Sollten wir Bio-Sprit verbieten?</title>
		<link>http://www.sprechblase.org/2008/04/16/sollten-wir-bio-sprit-verbieten/</link>
		<comments>http://www.sprechblase.org/2008/04/16/sollten-wir-bio-sprit-verbieten/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 16 Apr 2008 15:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Kiesselbach</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Kein Unsinn, trotzdem interessant]]></category>

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		<description><![CDATA[In etwa seit der Woche, in der Airbus die begeisterte Presse über den ersten erfolgreichen Flug eines A380 mit einer Kerosin-Biosprit-Mischung informierte und Richard Bransom einen seiner Jets ganz ohne konventionelles Kerosin in die Luft steigen liess, tauchen in den Zeitungen vermehrt Beiträge über Hungerrevolten auf. Zuerst in Südostasien und dem südlichen Afrika, dann in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In etwa seit der Woche, in der Airbus die begeisterte Presse über den ersten erfolgreichen Flug eines A380 mit einer Kerosin-Biosprit-Mischung informierte und Richard Bransom einen seiner Jets ganz ohne konventionelles Kerosin in die Luft steigen liess, tauchen in den Zeitungen vermehrt Beiträge über Hungerrevolten auf. Zuerst in Südostasien und dem südlichen Afrika, dann in Ägypten, zuletzt in Haiti. Seit etwa einer Woche nun gelangt der rapide Anstieg der Nahrungsmittelpreise gar auf die Titelseiten, und noch etwas anderes ist neu: In den Abendnachrichten und Zeitungsberichten setzt sich die Überzeugung durch, dass die steigenden Nahrungsmittelpreise zu einem erheblichen Anteil mit dem Anstieg der Produktion von Biosprit zu erklären sind.</p>
<p>Da sind wir, um es etwas platt auszudrücken, baff. Mit guten Absichten und sogar einer kleinen Portion Opferbereitschaft fördern wir die Biosprit-Industrie und mischen, zumindest in Großbritannien, dem Autobenzin gar zwei Prozent des edlen Biotropfens bei, nur um zu erfahren, dass die biosprit-induzierte CO2-Reduktion mit neuem Hunger, neuer Armut und neuer Instabilität in den ärmsten Regionen der Welt erkauft ist. Eine unvermutete Externalität?</p>
<p>Haben wir nicht bedacht, dass die Verfügbarkeit von landwirtschaftlich produziertem Brennstoff eine ganz neue Konkurrenzsituation schafft &#8212; nämlich zwischen Biospritbauern und Nahrungsmittelbauern um Anbauflächen? Haben wir nicht bedacht, dass hohe Brennstoffpreise, saftige Beihilfen, sowie die verbesserte Biosprit-Verträglichkeit unserer Maschinen dafür sorgen würden, dass Nahrungsmittel mehr abwerfen müssen, um sich zu rentieren? Oder nehmen wir einfach billigend in Kauf, dass der neue Markt mit seinem neuen Marktgleichgewicht für die Ärmsten katastrophale Auswirkungen hat?</p>
<p>Ich weiss es nicht. Ich jedenfalls habe bis vor kurzem noch nicht daran gedacht. Aber seit ich mir vorstellen muss, dass Autos Kalorien verbrennen, die der Ernährung entzogen werden, würde ich gerne mehr über die entsprechenden Märkte, die Güter, und über die zunehmende Substuierbarkeit letzterer (zumindest in eine Richtung) wissen. Kann mir jemand dazu was sagen? Wie konkurrenzfähig ist Biosprit, und wie konkurrenzfähig wäre er ohne Subventionen? Wieviel Fläche braucht man für einen Liter Benzinersatz, und wieviele Nahrungskalorien können auf der Fläche produziert werden?</p>
<p>Und dann interessiert mich noch dies: Sind die jüngsten Hungerevolten Anzeichen dafür, dass sich langsam ein Nahrungsmittel-Preisniveau einpendelt, das das Einkommen vieler Menschen übersteigt, wodurch wir extensive Nahrungsmittelhilfeprogramme einrichten müssten? Und, wenn wir einmal annehmen, es wäre so: Wie plausibel ist es, dass dieser Fall (in seiner wahrscheinlichsten Form) insgesamt besser ist als eine Welt ohne Biosprit, aber auch ohne die Notwendigkeit solcher Programme?</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Was ist am Fernsehen eigentlich so schlimm? &#8212; 10 Kritikmöglichkeiten, die besser sind als einfach nur zu meckern: Teil 3</title>
		<link>http://www.sprechblase.org/2008/04/01/was-ist-am-fernsehen-eigentlich-so-schlimm-10-kritikmoglichkeiten-die-besser-sind-als-einfach-nur-zu-meckern-teil-3/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Apr 2008 12:12:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Voigt</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Unkategorisierbarer Unsinn]]></category>

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		<description><![CDATA[Im ersten Teil habe ich zwischen ästhetischer und politischer Kritik unterschieden und gefordert, dass eine generelle Kritik am Fernsehen den Ansprüchen der letzteren gerecht werden müsste. Im zweiten Teil habe ich sechs Möglichkeiten vorgestellt den Präferenz-Utilitarismus intern zu kritisieren. In diesem Teil werde ich abschließend vier Möglichkeiten vorstellen, den Präferenz-Utilitarismus grundlegender anzugreifen. Alle vier Möglichkeiten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im <a href="http://www.sprechblase.org/?p=149">ersten Teil</a> habe ich zwischen ästhetischer und politischer Kritik unterschieden und gefordert, dass eine generelle Kritik am Fernsehen den Ansprüchen der letzteren gerecht werden müsste. Im <a href="http://www.sprechblase.org/2008/03/17/was-ist-am-fernsehen-eigentlich-so-schlimm-10-kritikmoglichkeiten-die-besser-sind-als-einfach-nur-zu-meckern-teil-2/">zweiten Teil</a> habe ich sechs Möglichkeiten vorgestellt den Präferenz-Utilitarismus intern zu kritisieren. In diesem Teil werde ich abschließend vier Möglichkeiten vorstellen, den Präferenz-Utilitarismus grundlegender anzugreifen. Alle vier Möglichkeiten basieren darauf, das Prinzip der Selbstbestimmung einzuschränken, um zu verhindern, dass die Präferenzen der Zuschauer als unkritisierbar und gegeben vorausgesetzt werden:</p>
<dl>
<dt>Selbstbestimmungsgebot</dt>
<dd>Jeder ist seines eigenen Wohles alleiniger Richter.</dd>
</dl>
<p>Die Schwierigkeit besteht darin, dieses Prinzip einzuschränken ohne damit zugleich paternalistisch festzulegen, was gut und was schlecht für eine Person ist. Stattdessen müssen die Präferenzen weiterhin zählen. Sie müssen bloß irgendwie anders zählen als bisher.</p>
<p><strong>Lassen sich Präferenzen kritisieren?</strong></p>
<p>Um das Problem deutlicher zu fassen: Wir haben zwei Zustände: In z1 schaut ein Zuschauer z.B. nur Casting-Shows ist damit aber voll und ganz zufrieden, weil er gar nichts anderes schauen will. In z2 schaut derselbe Zuschauer nur noch Nachrichtensendungen ist damit aber genauso zufrieden, weil er nichts lieber als Nachrichtensendungen sehen will. Warum sollte nun z2 besser sein als z1, wenn der Grad der Zuschauerzufriedenheit doch in beiden Zuständen gleich ist?</p>
<p>Solange man den Paternalismusvorwurf akzeptiert, kann man nicht einfach die Zuschauerpräferenzen ignorieren und die Sendungen in z1 direkt kritisieren. Stattdessen müssen wir Gründe finden, warum die <em>Präferenzen</em> des Zuschauers in z2 <em>für ihn selbst</em> in irgendeinem Sinn besser sind, als die in z1. Jon Elster unterscheidet drei Möglichkeiten auf eine solche Weise Präferenzen zu kritisieren: rückwärts, aufwärts und vorwärts gewandte Kritik. Dieser Kategorisierung möchte ich hier folgen.</p>
<p><strong>Möglichkeit 7: Konsens statt Konflikt</strong></p>
<p><strong>Kritik: </strong>Vorwärts gewandte Kritik lehnt die einfache &#8220;Addition&#8221; (Aggregation) der Präferenzen unterschiedlicher Personen ab, weil sie im Normalfall dazu führt, dass manche Personen das Ergebnis mehr präferieren als andere. Statt derartige Präferenzkonflikte in einer Gesellschaft als unvermeidbar und das Ergebnis der Aggregation als die politisch beste Option zu akzeptieren, dürfen derartige Präferenzkonflikte immer nur der Ausgangspunkt einer rationalen politischen Konsensfindung bilden, im Laufe derer die Teilnehmenden ihre Präferenzen nach und nach aneinander angleichen müssen.</p>
<p>Dieser Gedanke lässt sich durchaus auf die Diskussion um das Fernsehen übertragen: Die Ausrichtung des Programms anhand der Einschaltquoten führt dazu, dass viele mit dem Fernsehprogramm höchst zufrieden sind, es aber andererseits auch viele gibt, die vor Wut über das Fernsehprogramm den Fernseher am liebsten aus dem Fenster schmeißen würden. Das kann nicht einfach als unvermeidlich akzeptiert werden, sondern dieser Konflikt muss durch eine offene Debatte zwischen allen Parteien beigelegt werden. Das optimale Fernsehprogramm kann erst am Ende eines solchen Diskurses bestimmt werden.</p>
<p><strong>Beurteilung: </strong>Diese Art der Kritik bleibt allerdings aufgrund ihrer Metaperspektive inhaltsleer: Sie greift nicht wirklich inhaltlich in die Diskussion um das Fernsehen ein, sondern rechtfertigt nur eine solche Diskussion (und ihre Möglichkeit). Welche Argumente innerhalb einer solchen Diskussion für oder wider bestimmte Präferenzen gebracht werden können, sagt die Theorie uns aber nicht. Dafür müssen wir auf die anderen, von Elster beschriebenen Optionen, zurückgreifen.</p>
<p><strong>Möglichkeit 8: Höherstufige und ruhende Präferenzen vs. einfache und aktive Präferenzen</strong></p>
<p><strong>Kritik:</strong> Präferenzen können mithilfe höherstufiger Präferenzen nicht-paternalistisch kritisiert werden. Höherstufige Präferenzen sind Präferenzen für einfache Präferenzen. Ich kann z.B. die höherstufige Präferenz haben, Gemüse lieber als Schokolade zu mögen, auch wenn ich zugleich de facto Schokolade lieber mag. In unserem Fall heißt das: Z2 kann gegenüber z1 als Fortschritt bewertet werden, wenn der Zuschauer sowohl in z1, als auch in z2 eine höherstufige Präferenz hat, in der die Präferenzordnung in z2 gegenüber der in z1 bevorzugt wird.</p>
<p>Man könnte auf diese Weise also z.B. so argumentieren: &#8220;Eigentlich möchte doch niemand sehen, wie Castingkandidaten sich durch zynische Jurymitglieder wie Dieter Bohlen erniedrigen lassen, denn eigentlich will doch niemand Freude an der Erniedrigung und am Leiden anderer Menschen haben.&#8221; Oder so: &#8220;Eigentlich möchte doch niemand nur deswegen bestimmte politische Präferenzen haben, weil diese Präferenzen unterschwellig in Talkshows verbreitet werden.&#8221;</p>
<p>Alternativ könnte man hier auch von &#8220;ruhenden&#8221; einfachen Präferenzen ausgehen: Präferenzen, die für eine Person (mental, psychisch) sehr wichtig sind, die sich aber dennoch nicht auf ihr Verhalten auswirken. Auch solche Präferenzen sind für eine Nutzenrechnung relevant (weil es hier um eine Bewertung und nicht um die Erklärung oder Voraussage von Verhalten geht).</p>
<p><strong>Beurteilung:</strong> Aussicht auf Erfolg hat eine solche Kritik nur, wenn sie sich auf höherstufige Präferenzen beruft, die sich aus einem impliziten und zugleich rationalen Grundkonsens in unserer Gesellschaft ableiten lassen. Es muss hier also um Grundwerte unserer Gesellschaft gehen, die in allen sozialen Schichten anerkannt sind. Zwei vielversprechende Grundwerte lagen den beiden angeführten Beispielen zugrunde: Dem ersten Beispiel lag das höherstufige Prinzip zugrunde &#8220;Es ist falsch, sich am Leiden anderer Menschen zu erfreuen&#8221;, dem zweiten Beispiel das Prinzip &#8220;Eine Präferenzordnung, die Ergebnis autonomer Meinungsbildung ist, sollte man gegenüber einer Präferenzordnung, die es nicht ist, bevorzugen.&#8221;</p>
<p>Beide Prinzipien können wir wahrscheinlich als Konsens voraussetzen. Für beide Prinzipien gilt aber: Es besteht kein Konsens darüber, was als &#8220;Leiden&#8221; oder als &#8220;autonome Meinungsbildung&#8221; akzeptiert werden sollte. Zählt es wirklich schon als &#8220;Leiden&#8221;, wenn Menschen sich selbst der Lächerlichkeit preisgeben? Darf man sich nicht über sie lustig machen? Noch schwieriger wird es, wenn das zugefügte Leid subtilerer Art ist. Ist es z.B. gerechtfertigt, die Teilnehmerinnen von Schönheitswettberwerben als Opfer zu bezeichnen? Wird hier &#8220;Leiden&#8221; verursacht?</p>
<p>Für das Autonomieprinzip kann man dieses Problem vielleicht umgehen, denn hier können wir uns rechtfertigen: Wir erkennen als außenstehende Beobachter besser, wo die Autonomie bedroht ist, gerade weil sich Manipulation immer nur von außen erkennen lässt. Die Manipulationskritik lässt sich auf diese Weise auch gegenüber den Manipulationsopfern rechtfertigen, sofern sie ihre eigene Neutralität beweisen kann. Dazu müssen wir allerdings inhaltsneutrale überzeugende Maßstäbe dafür finden, wann Präferenzen nicht auf autonome Weise entstanden sind. Beide anderen Kritikarten (aufwärts und vorwärts) basieren also letzten Endes auf dieser Art der Kritik, der &#8220;rückwärtsgewandten&#8221; Kritik.</p>
<p><strong>Möglichkeit 9: Keine adaptiven Präferenzen</strong></p>
<p><strong>Kritik:</strong> Jon Elster &#8220;rückwärtsgewandte&#8221; Kritik am Präferenz-Utilitarismus fusst genau auf dem bereits genannten Prinzip: Autonomie ist wichtiger als die einfache Nutzenmaximierung. Wenn x in s1 unter nicht-autonom entstandenen Präferenzen leidet, in s2 dagegen nicht, dann ist s2 besser für x, auch wenn x in s1 das selbst nicht so sieht. Angenommen wir können diese Autonomiepräferenz voraussetzen, dann stellt sich die Frage, auf welche Weise Präferenzen entstanden sein müssen, damit sie dieser Anforderung genügen. Zwei der wichtigsten Bedingungen autonomer Präferenzbildung sind sicherlich, dass die Präferenzen nicht i) adaptiv oder ii) manipuliert sind.</p>
<p>Eine Person leidet genau dann unter adaptiven Präferenzen, wenn sie ihre Präferenzen unbewußt immer so anpasst, dass sie die gegenwärtige Situation vor anderen Situationen präferiert. Fernsehzuschauer mit adaptiven Präferenzen sind Zuschauer, die sich kein besseres Fernsehen wünschen, weil sie kein besseres Fernsehen erwarten. Gäbe es ein anderes Fernsehen, wären sie erneut genauso zufrieden wie bisher. Dass diese Zuschauer nicht abschalten lässt sich nicht als autonome Zustimmung zum jeweiligen Programm werten, sondern nur als Folge ihrer Präferenz-Anpassung.</p>
<p><strong>Beurteilung:</strong> Nehmen wir einmal an, die Adaptionsthese sei wahr. Was würde für die Bewertung des Fernsehprogramms folgen? Zunächst wäre es nicht länger möglich, die Einschaltquoten als Bewertungsgrundlage zu verwenden, da sie durch adaptive Präferenzen verzerrt wären. Offen ist damit allerdings immer noch, wie das Fernsehprogramm gestaltet werden sollte. Eine Forderung lässt sich allerdings formulieren: Das Fernsehen sollte die Entstehungsgefahr adaptiver Präferenzen minimieren. Das wäre z.B. durch eine höhere Vielfalt möglich: Den Zuschauern wäre dann durch den Abwechslungsreichtum gar nicht die Möglichkeit gegeben, ihre Präferenzen an das Programm anzupassen.</p>
<p>Eine spezifische Kritik bestimmter Sendeformate ist aber mit der Adaptivitäts-Kritik nicht möglich. Sie erweitert also kaum die Möglichkeiten, die man auch schon innerhalb des nutzentheoretischen Rahmens hatte.</p>
<p><strong>Möglichkeit 10: Keine Manipulation!</strong></p>
<p><strong>Kritik:</strong> Damit kommen wir zur zweiten Bedingung: Die Präferenzbildung einer Person ist nur dann autonom, wenn sie nicht das eindeutige Ergebnis fremdgesteuerter Manipulation ist, d.h. wenn die Entstehung dieser Präferenzen a) Ergebnis einer exogenen Präferenzproduktion ist und sich die betroffene Person b) dieses Produktionsmechanismus nicht bewusst war oder sich damit nicht kritisch auseinander gesetzt hat.</p>
<p>Gegen das Fernsehen lassen sich vielfältige Manipulationsvorwürfe erheben. Die meisten dieser Vorwürfe sind prima facie plausibel, aber empirisch schwer nachweisbar. Es lässt sich zwar durchaus belegen, dass manche Fernsehsendungen bestimmte Werte, Einstellungen, Verhaltensweisen vermitteln. Schwerer ist es hingegen die nachhaltige Wirkung auf den Zuschauer zu beurteilen: Verändert er seine Überzeugungen, seine Verhaltensweisen, seinen Charakter durchs Fernsehen?</p>
<p>Wenn man einmal die Manipulierbarkeit des Zuschauers voraussetzt, dann lassen sich vielfältige Formen der Manipulation beschreiben:</p>
<dl>
<dt>Kaufentscheidungen:</dt>
<dd>Die offensichtlichste Präferenzproduktion im Fernsehen geschieht durch Werbung und Schleichwerbung. Kaum einer gesteht sich selbst ein, dass das eigene Kaufverhalten in konkreten Fällen durch Fernsehwerbung beeinflusst wurde. Dennoch würde die milliardenschwere jährliche Investition von Firmen in Fernsehwerbung nur schwer zu erklären sein, hätte sie nicht genau diesen Effekt auf viele Fernsehzuschauer.</dd>
<dt>Politische Überzeugungen:</dt>
<dd>Subtiler wird es bei der politischen Berichterstattung. Aber auch hier gibt es eindeutige Beispiele, besonders in den USA: Der konservative Nachrichtensender Fox, aber auch der eher demokratenfreundliche Sender MSNBC verwenden eindeutig manipulative Methoden bei der Berichterstattung. Die Manipulation ist hier allerdings bereits derart offensichtlich, dass sie vom Zuschauer kaum ignoriert werden kann. Insofern ist es treffender hier von &#8220;Selbstmanipulation&#8221; sprechen: Man wählt den Nachrichtensender, der einem die Welt so präsentiert, dass man in seinen eigenen Vorurteilen nur noch weiter bestärkt wird.</dd>
<dt>Norm des Normalen</dt>
<dd>Noch subtiler wirkt Fernsehen, wenn Lebensideale, Lebenseinstellungen und Weltbilder vermittelt werden. Eine solche Wirkung kann z.B. entstehen, wenn nur das gezeigt wird, was als normal gilt oder was &#8220;normale&#8221; Menschen für erstrebenswert halten (z.B. heterosexuell, deutschstämmig, physisch und psychisch gesund zu sein und Arbeit, Familie und ein Auto zu haben). Wenn Obdachlose, Arbeitslose, Homosexuelle, Ausländer, Behinderte, psychisch Kranke, Kriminelle, Drogenabhängige im Fernsehen nur als Zerrbild aus der Perspektive der &#8220;Normalen&#8221; gesehen auftauchen, dann entfaltet das Fernsehen eine manipulative Wirkung, die zur Ausgrenzung und Mißachtung von Minderheiten führen kann.</dd>
<dt>Selbstoptimierung:</dt>
<dd>Eine andere Form der Manipulation entsteht, wenn das Fernsehen nicht einmal mehr die Normalität der Mehrheit darstellt, sondern nur noch eine idealisierte Traumwelt der Reichen und Schönen imaginiert. Die Normen die dann vermittelt werden sind nicht mehr die des &#8220;Normalseins&#8221;, sondern die der ständigen Selbstoptimierung: Schön-Sein, Reich-Sein, Beliebt-Sein wie die Klischee-Menschen im Fernsehen. So werden falsche Erwartungen an romantische Liebesbeziehungen, an familiären Zusammenhalt, aber auch an politische Institutionen geweckt, ohne dass die Ursachen des Auseinanderklaffens von Realität und Traumwelt thematisiert werden. Das führt dann zur Frustration: Wer nicht perfekt ist, mit dem ist dann eben einfach irgendetwas nicht in Ordnung. </dd>
<dt>Selbstvermarktung:</dt>
<dd>Im Affektfernsehen der Nachmittags-Talkshows, in Casting- und Reality-Shows wird längst nicht mehr allein das &#8220;Normale&#8221; oder die &#8220;heile Welt&#8221; gezeigt. Vielmehr werden gerade auch die Abnormitäten, das Absonderliche und Kaputte zur Schau gestellt, in einer Art, die an die Gruselkabinette der Jahrmärkte früherer Zeiten erinnert. Es scheint so, als sei das Fernsehen hier zynisch geworden: Es verzichtet darauf, Normen oder Werte zu vermitteln und hat es nur noch auf die Aufmerksamkeitserregung abgesehen. Doch diese Reduktion auf die Währung &#8220;Aufmerksamkeit&#8221; vermittelt selbst wieder eine Norm: Die vielfältigen Formen der Selbstvermarktung im Fernsehen, der rücksichtslosen Verwendung der eigenen Person als Marke, als Einsatz im Wettbewerb um Anerkennung oder auch nur Aufmerksamkeit im Fernsehen vermitteln selbst ein neues Ideal. Nichts ist hier mehr heilig: Selbst das Privateste wird hier noch offen angeboten, wird hier noch im Bieterwettbewerb um Aufmerksamkeit als Zahlungsmittel eingesetzt. Gerade dadurch, dass hier kein Wert außer dem der Aufmerksamkeit mehr zählt, wird der Zuschauer dazu erzogen sich selbst nur noch anhand des eigenen Marktwertes zu beurteilen.</dd>
</dl>
<p><strong><br />
Beurteilung:</strong>Die Manipulationskritik bietet sicherlich umfassendere Möglichkeiten als alle anderen bisher vorgestellten Arten der Kritik. Es kann nicht nur die fehlende Vielfalt, die Ausrichtung an den Einschaltquoten kritisiert werden, sondern es ist darüber hinaus möglich einzelne Sendungen detailliert für ihre spezifischen Formen der Manipulation zu kritisieren. Genauso lassen sich spezifische Richtlinien aufstellen, wie Fernsehen zu sein hat, um möglichst wenig zu manipulieren.</p>
<p>Solange wir den Zuschauern die oben beschriebene Autonomiepräferenz unterstellen können, ist diese Kritik auch gegen den Paternalismusvorwurf geschützt. Diese Autonomiepräferenz kann aber natürlich durchaus infrage gestellt werden. Lassen sich Zuschauer nicht freiwillig manipulieren? Wollen Sie nicht durch parteiische Berichterstattung oder Kitsch manipuliert werden? Muss Fernsehen nicht zu Zwecken der Unterhaltung, Stimulation und Entspannung manipulativ sein? Die Manipulationskritik muss also a) sehr starke Kausalthesen vertreten, b) eine sehr starke Manipulationsaversion unterstellen. Beides wird nur in Sonderfällen unwidersprochen bleiben.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Es ist schwieriger, das Fernsehen zu kritisieren, als einen das eigene Bauchgefühl häufig glauben lässt. Denn als politische Kritik muss eine generelle Fernsehkritik auch die Bauchgefühle der anderen Zuschauer respektieren. Dennoch ist eine solche Kritik nicht so aussichtslos, wie es die Produzenten der kritisierten Sendungen gerne hätten. Auch wenn man das Gleichberechtigungsgebot beachtet und den Paternalismusvorwurf vermeidet, bleiben genügend Möglichkeiten der Kritik. Keine der hier vorgestellten 10 Möglichkeiten ist ohne Schwachstellen. Teilweise sind empirisch ungesicherte Kausalthesen nötig, teilweise unplausible psychologische oder soziologische Annahmen. Und manch eine Kritik ist weniger schlagkräftig als es zunächst schien: Teilweise folgt aus der Kritik nur eine vage Forderung nach mehr Vielfalt oder Experimentierfreudigkeit.</p>
<p>Wie eine rationale Diskussion um das Fernsehen ausgehen würde, ist deswegen vollkommen offen. Es ist überhaupt nicht gesagt, dass am Ende überhaupt noch etwas von der Kritik übrigbleiben würde. Und damit nicht genug: Selbst wenn etwas von der Kritik übrigbliebe, wäre noch gar nicht klar, welche politischen Maßnahmen ergriffen werden sollten, um Abhilfe zu schaffen. Mehr Vielfalt kann z.B. auf ganz unterschiedliche Arten institutionell gesichert werden, die alle wieder neue politische Fragen aufwerfen würden. Wer es aber wirklich ernst mit der Kritik am Fernsehen meint und nicht einfach nur dem eigenen Ärger Luft verschaffen will, der muss sich auf eine solche Diskussion einlassen, statt einfach nur über Dieter Bohlen &amp; Co zu stöhnen.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Russisch-Englischer Medienkampf: vorgeführt an der Berichterstattung über Scharpajews Tod</title>
		<link>http://www.sprechblase.org/2008/03/22/russisch-englischer-medienkampf-vorgefuhrt-an-der-berichterstattung-uber-scharpajews-tod/</link>
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		<pubDate>Sat, 22 Mar 2008 22:01:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eugen Pissarskoi</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Kein Unsinn, trotzdem interessant]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 21.03 ging durch die Presse die Meldung, dass der russische Fernsehjournalist Iljas Scharpajew ermordet worden ist. Der englische „Independent“ und der russische „Kommersant“ haben das Ereignis recht unterschiedlich präsentiert.
 Nach meinem Leseeindruck versucht die englische Zeitung einen möglichst klaren Bezug zu einem politischen Hintergrund nachzuweisen. Der russische Artikel bemüht sich dagegen, diesen Eindruck zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 21.03 ging durch die Presse die Meldung, dass der russische Fernsehjournalist Iljas Scharpajew ermordet worden ist. Der englische „Independent“ und der russische „Kommersant“ haben das Ereignis recht unterschiedlich präsentiert.<br />
 Nach meinem Leseeindruck versucht die englische Zeitung einen möglichst klaren Bezug zu einem politischen Hintergrund nachzuweisen. Der russische Artikel bemüht sich dagegen, diesen Eindruck zu zerstreuen.</p>
<p>Um meinen Eindruck zu belegen, zitiere ich  die ersten zwei Absätze aus <a href="http://www.independent.co.uk/news/europe/moscow-shaken-by-killing-of-television-journalist-799314.html">„Moscow shaken by killing television journalist“</a>:</p>
<ol>
A Russian television journalist has been found dead in his flat in Moscow only hours after posting a blog entry on his website in which he joked that he had become a dissident.</p>
<p>Ilyas Shurpayev had reported from all the most dangerous parts of Russia, including Chechnya and his native Dagestan, but he was killed in his own apartment in the Russian capital. Police said he had been strangled to death; he was found with a belt around his neck and multiple knife wounds. </ol>
<p>Bereits im ersten Absatz deutet der Verweis auf die Dissidenten-Rolle auf einen politischen Hintergrund. </p>
<p>Nun eine Übersetzung des fett hervorgehobenen Absatzes aus dem <a href="http://www.kommersant.ru/doc.aspx?DocsID=869866">Kommesant-Artikel</a>:</p>
<ol>
In der Nacht auf Freitag ist in Moskau der Korrespondent des Fernsehsenders „Pervyj Kanal“, 32-jähriger Iljas Schurpajew (russische Fernsehsender haben diese Nachricht umfangreich beleuchtet – siehe die Rubrik „Zugang zur Leiche“ auf dieser Seite), ermordet worden. Die Täter zündeten die Wohnung des Journalisten, der erst vor einem Monat in die Hauptstadt gezogen ist, an, um die Spuren der Tat zu beseitigen. Die Ermittlung glaubt, dass die Tat keinen Bezug zu der beruflichen Tätigkeit von Herrn Schurpajew aufweist, und verspricht, die Täter in Kürze festzunehmen.</ol>
<p>In der russischen Präsentation wird gleich zu Anfang der politische Hintergrund bestritten. Den Blogartikel Schurpajews erwähnt der Kommersant erst im letzten Absatz. </p>
<p>Die Autoren des Independent erwähnen ebenfalls, dass die Ermittler einen politischen Hintergrund bestreiten, jedoch erst im dritten Absatz. Und sie fügen hinzu: </p>
<ol>
&#8220;they [i.e. the police] were also considering the possibility that it was linked to Mr Shurpayev&#8217;s work&#8221;.</ol>
<p>Der Kommersant schreibt hingegen im dritten Absatz: </p>
<ol>
&#8220;Auch für wenig wahrscheinlich halten die Ermittler die Vermutung, dass Iljas Schurpajew für seine journalistische Tätigkeit getötet worden sein könnte&#8221;. </ol>
<p>Der Independent berichtet zusätzlich, dass Russland das dritt gefährlichste Land für Journalisten ist.  Im vorletzten Absatz gehen die Autoren noch einmal auf Schurpajews Blogeintrag ein: &#8220;However, <em>suspicions will be raised</em> by an entry that Mr Shurpayev posted on his personal blog just before 4pm on Thursday&#8221;. (von mir kursiv gesetzt).</p>
<p>Ich finde diese Unterschiede in der Darstellung verblüffend, muss mir jedoch noch Gedanken darüber machen, was ich daraus lernen kann.</p>
<p>PS: Der <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,542853,00.html">Spiegel</a> und die <a href="http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/220/164753/">Sueddeutsche</a> haben berichteten jeweils in einem Artikel gleichzeitig über die Ermordung von Scharpajew und dem Fernseh-Chef der russischen Teilrepublik Dagestan, Abaschilow. Sie haben beide Morde als politisch interpretiert. </p>
<p>PPS: Bezüglich des Mordes an Abaschilow stellen auch <a href="http://www.kommersant.ru/doc.aspx?docsid=869958">russische</a> <a href="http://www.izvestia.ru/news/news167767">Medien</a> einen politischen Zusammenhang her.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Was ist am Fernsehen eigentlich so schlimm? &#8212; 10 Kritikmöglichkeiten, die besser sind als einfach nur zu meckern: Teil 2</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Mar 2008 08:46:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Voigt</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Unkategorisierbarer Unsinn]]></category>

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		<description><![CDATA[In Teil 1 habe ich versucht zu zeigen, warum die Diskussion um das Fernsehen leicht in die Gefahr gerät zu oberflächlich zu sein: Fernsehkritik hat häufig den Anspruch politisch zu sein, versucht diesen Anspruch aber teilweise mit den Mitteln der ästhetischen Kritik zu erfüllen. Eine wirklich politische Kritik müsste zwei Prinzipien beachten, die durch die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In <a href="http://www.sprechblase.org/?p=149">Teil 1</a> habe ich versucht zu zeigen, warum die Diskussion um das Fernsehen leicht in die Gefahr gerät zu oberflächlich zu sein: Fernsehkritik hat häufig den Anspruch politisch zu sein, versucht diesen Anspruch aber teilweise mit den Mitteln der ästhetischen Kritik zu erfüllen. Eine wirklich politische Kritik müsste zwei Prinzipien beachten, die durch die Methode der ästhetischen Kritik verletzt werden: Das Gleichberechtigungsgebot und das Selbstbestimmungsgebot.</p>
<p>Nimmt man zu diesen zwei Prinzipien noch das Prinzip des Utilitarismus hinzu, dann kann man leicht begründen, warum es sogar geboten ist das Fernsehprogramm an den Einschaltquoten auszurichten. Dadurch verdienen die Fernsehsender nicht nur mehr Geld, sie maximieren zugleich den gesellschaftlichen Gesamtnutzen. Was sollte daran schlecht sein?</p>
<p><strong>Interne Kritik</strong></p>
<p>&#8220;Das ist doch offensichtlich!&#8221;, werden nun die Fernsehkritiker sagen. &#8220;Diese angebliche &#8216;Nutzenmaximierung&#8217; führt zu den menschenverachtenden Sendungen des Affektfernsehens, der Reality- und Casting-Shows, zum Eskapismus von Telenovelas, Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen und Volsmusiksendungen, zur oberflächlichen und parteiischen Information, zur Dominanz von Gewalt, Sex und Skandal, zur Vernichtung kultureller Vielfalt und dem allgemeinen Niedergang unserer grundlegendsten Werte!&#8221; Der Utilitarist kann dabei aber ganz gelassen bleiben: Das Jammern des Fernsehkritikers kann er einfach als Hinweis auf dessen individuelle Präferenzen interpretieren. Klar, auch die müssen in der Nutzenrechnung berücksichtigt werden. Aber eben nicht mehr, als die Präferenzen der Fans von &#8220;Germany&#8217;s next top-model&#8221;, &#8220;Big Brother&#8221; oder &#8220;Bianca &#8212; Wege zum Glück&#8221;. </p>
<p> Will der Fernsehkritiker ernster genommen werden, hat er zwei Möglichkeiten: Er kann entweder eines der grundlegenden Bewertungsprinzipien des Präferenz-Utilitaristen aufgeben (Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Utilitarismus) oder er kann zeigen, dass diese Prinzipien einer &#8220;internen&#8221; Kritik nicht im Wege stehen. In diesem Teil möchte ich zunächst sechs Möglichkeiten der internen Kritik vorstellen. Im dritten und letzten Teil werden dann vier Möglichkeiten der grundlegenderen Kritik untersucht.</p>
<p><strong>Möglichkeit 1: Einschaltquoten gar nicht alleiniges Kriterium</strong></p>
<p><strong>Kritik:</strong> In Wirklichkeit sind die Einschaltquoten gar nicht das alleinige Kriterium für die Programmgestaltung: Genauso wichtig sind die Kaufkraft und die Beinflussbarkeit der verschiedenen Zielgruppen, da es den Programmgestaltern vor allem darum geht attraktive Werbeplätze zu schaffen. Da junge Menschen daher eine besonders attraktive Zielgruppe für Werbung bilden, haben sie einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Programmgestaltung. Dadurch wird das Gleichberechtigungsgebot verletzt und das Niveau der Sendungen abgesenkt. Die ökonomische Vernunft fällt also gar nicht mit der utilitaristischen Vernunft zusammen. (Dieses Argument wird <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/400/158971/">hier</a> in der Süddeutschen vertreten)</p>
<p><strong>Beurteilung:</strong> Diese Kritik ist durchaus plausibel. Allerdings ist unklar wie groß hier wirklich der Verzerrungseffekt ist und wie tiefgreifend diese Kritik also letzten Endes sein kann. Außerdem stellt sich die Frage, ob es sich hier wirklich um einen Alterskonflikt oder viel eher nur um einen Generationenkonflikt handelt. Wäre letzteres der Fall, so würden die Alten von morgen durchaus einen ähnlichen Fernsehgeschmack haben, wie die Jungen von heute. Die Kritik hätte insofern ein frühes Ablaufdatum.</p>
<p>Die nächsten drei internen Kritikmöglichkeiten greifen alle die These an, dass sich anhand der Einschaltquoten und Zuschauerzahlen ausreichend Informationen über die Präferenzen der Gesamtbevölkerung ableiten lassen.</p>
<p><strong>Möglichkeit 2: Einschaltquoten nicht repräsentativ</strong></p>
<p><strong>Kritik:</strong> Die Einschaltquoten und Zuschauerzahlen repräsentieren nicht die Präferenzen der Gesamtbevölkerung. Diese Zahlen werden nur statistisch ermittelt, Testpersonen sind ausschließlich GEZ-Zahler mit deutscher Staatsbürgerschaft. </p>
<blockquote><p>&#8220;Jene 20% der Deutschen, die keine GEZ bezahlen, werden nicht erfasst. Zweitgeräte werden nur zu einem Bruchteil erfasst, also auch kaum Jugendliche. Es gibt viele Schwachstellen. Warum die Werbewirtschaft das einfach so hinnimmt, ist mir ein völliges Rätsel.&#8221;<br />
Hans Weingartner im <a href="http://www.freerainer.de/Quotengesellschaft/#03">Interview</a> zu &#8220;Free Rainer&#8221;<br />
Ausführlicher in diesem <a href="http://99stories.hobnox.com/sid6e1cp6o8puv618je4m49obv3b3/index.html?episode=420">Video</a></p></blockquote>
<p>Zusätzlich kann man darauf verweisen, dass das Fernsehen in Umfragen regelmäßig sehr schlecht abschneidet: 2004, auf dem Höhepunkt der Reality-Show-Welle, meinten z.B. <a href="http://www.stern.de/unterhaltung/film/?id=532382&#038;">64% der von Forsa Befragten</a>, dass die TV-Sender am besten vollständig auf dieses Format verzichten sollten. Für weniger Reality-Shows stimmen 21 Prozent. </p>
<p>Eine <a href="http://www.netzeitung.de/medien/354551.html">Forsa-Umfrage im Auftrag des Stern </a> ergab 2005, dass sich 55% vom Fernsehen für &#8220;dumm verkauft&#8221; fühlen. 59% meinten, sie hätten es satt, dass im Fernsehen immer das Gleiche laufe.</p>
<p><strong>Beurteilung:</strong> Die von Weingartner geäußerte Kritik scheint nicht mehr zuzutreffen (siehe <a href="http://ard-werbung.de/uploads/tx_mppublications/01-2007_Hofsuemmer.pdf">diese Studie</a>, gefunden über <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Einschaltquote">Wikipedia</a>). Selbst wenn sie aber zutreffen würde, ist vollkommen unklar, was der Fernsehkritiker mit ihr eigentlich erreichen will: Denn es ist unwahrscheinlich, dass eine Berücksichtigung der genannten Bevölkerungsgruppen die Einschaltquoten im Sinne des Fernsehkritikers verändern würden. Es reicht nicht aus, zu beweisen, dass die Einschaltquoten nicht repräsentativ sind. Man muss zusätzlich auch noch plausibel machen können, dass die Einschaltquoten, wären sie repräsentativ, sich den Präferenzen des Fernsehkritikers annähern würden. Das ist aber höchst unplausibel.</p>
<p>Zu den Umfragen: Auch wenn die Mehrheit mit dem Fernsehen unzufrieden ist, kann es dennoch sein, dass die Einschaltquoten repräsentativ sind. Ein Beispiel kann helfen, um das klar zu machen: Nehmen wir an die Bevölkerung besteht aus 3 Teilen: Teil 1 (40%) will ausschließlich Reality-Shows, Teil 2 (30%) will ausschließlich Fussball, Teil 3 (30%) will ausschließlich Soaps. Gleichgültig, für was sich ein Sender entscheidet: Reality-Shows, Fussball, Soaps &#8212; die Mehrheit wird dagegen sein und ab- oder umschalten. Dennoch sind die Einschaltquoten und Zuschauerzahlen und ist damit auch der Gesamtnutzen am höchsten, wenn die Sender sich für Reality-Shows entscheiden. </p>
<p>Natürlich ist es ein Problem, dass durch das Zusammenrechnen die Präferenzen der Mehrheit bei der Programmgestaltung ignoriert werden. Solange wir aber das Bewertungsprinzip des Präferenz-Utilitaristen nicht angreifen, lässt sich dieses problematische Zusammenrechnen von sich widersprechenden Präferenzen (Aggregation oder Kumulation) nicht kritisieren.  </p>
<p><strong>Möglichkeit 3: Einschaltquoten unvollständig</strong></p>
<p><strong>Kritik:</strong> Die Einschaltquoten geben uns keine verläßlichen Informationen über neue, unerprobte Sendeformate. Die Präferenzordnung ist hier unbestimmt, das Gespür der Fernsehproduzenten muss entscheiden. Da die ihr Risiko minimieren wollen, setzen sie auf altbewährte Konzepte, auf das, &#8220;was immer funktioniert&#8221;: Sex, Gewalt, Emotion, Skandal, Oberflächlichkeit, Kitsch. Diese konservative Programmpolitik ist aber nicht notwendigerweise die erfolgreichste (sie ist eben nur die sicherste). Statt so immer wieder auf dieselben Tricks zu setzen, wäre es durchaus im Interesse der Fernsehsender selbst, für möglichst große Vielfalt zu sorgen, Experimente zu wagen, die Präferenzen des Zuschauers auszutesten. Denn die Einschaltquoten beweisen nicht, dass Zuschauer keine &#8220;anspruchsvollen Inhalte&#8221; vertragen, sondern höchstens, dass bisherige Versuche sie ihnen zu vermitteln, fehlgeschlagen sind. Eine größere Experimentierfreudigkeit könnte zu ganz neuen Quotenhits und ganz neuen Zuschauergruppen führen, die sich mit den Daumenregeln der Produzenten niemals hätten entdecken lassen. </p>
<p>Diese Kritik hat gerade in letzter Zeit an Plausibilität gewonnen, weil uns das amerikanische Fernsehen überzeugende Beispiele liefert: Serien wie &#8220;The Sopranos&#8221;, &#8220;The Wire&#8221;, &#8220;Six Feet Under&#8221;, &#8220;24&#8243; oder &#8220;Curb Your Enthusiasm&#8221; sind derart originell, geistreich und komplex, dass sie das deutsche Fernsehen alt aussehen lassen. Diese Blüte der amerikanischen Serienkultur hätte es nie gegeben, wenn die Fernsehproduzenten nicht Mut zum Experiment gehabt hätten. Dieser Mut (insbesondere des Spartensenders HBO) war aber kein ökonomischer Wahnsinn, sondern hat sich vielfach ausgezahlt. </p>
<p>David Simon, der Erfinder von &#8220;The Wire&#8221; (der definitiv besten, wenn auch leider nicht erfolgreichsten TV-Serie) beschreibt diese Erfahrung in einem <a href="http://www.believermag.com/issues/200708/?read=interview_simon">lesenswerten Interview mit Nick Hornby</a> so:</p>
<blockquote><p>My standard for verisimilitude is simple and I came to it when I started to write prose narrative: fuck the average reader. I was always told to write for the average reader in my newspaper life. The average reader, as they meant it, was some suburban white subscriber with two-point-whatever kids and three-point-whatever cars and a dog and a cat and lawn furniture. He knows nothing and he needs everything explained to him right away, so that exposition becomes this incredible, story-killing burden. Fuck him. Fuck him to hell. [&#8230;]</p>
<p>Well, here’s a secret that I learned with Homicide and have held to: if you write something that is so credible that the insider will stay with you, then the outsider will follow as well. Homicide, The Corner, The Wire, Generation Kill—these are travelogues of a kind, allowing Average Reader/Viewer to go where he otherwise would not. He loves being immersed in a new, confusing, and possibly dangerous world that he will never see. He likes not knowing every bit of vernacular or idiom. He likes being trusted to acquire information on his terms, to make connections, to take the journey with only his intelligence to guide him. Most smart people cannot watch most TV, because it has generally been a condescending medium, explaining everything immediately, offering no ambiguities, and using dialogue that simplifies and mitigates against the idiosyncratic ways in which people in different worlds actually communicate. It eventually requires that characters from different places talk the same way as the viewer. This, of course, sucks. </p></blockquote>
<p><strong>Beurteilung:</strong> Auf diese Weise wird man die bisherigen Quotenrenner nicht verdrängen können. Gleichgültig wie unterhaltsam und zugänglich ein komplexes Thema wie die Gesundheitsreform aufbereitet werden wird; es wird kaum gegen &#8220;Deutschland sucht den Superstar&#8221; ankommen. Deutsche Fernsehproduzenten verweisen auch bereits jetzt schon darauf, dass ihre Versuche mit &#8220;anspruchsvollen&#8221; Serien nach amerikanischen Vorbild bei deutschen Zuschauern einfach nicht ankommen. Immerhin kann man aber dafür argumentieren, dass jeder Sender sowohl aus utilitaristischer, wie aus ökonomischer Sicht die Pflicht hat, immer wieder neue Formate auszuprobieren, um den Präferenzen seiner Zuschauer auf die Schliche zu kommen.</p>
<p><strong>Möglichkeit 4: Einschaltquoten nur ordinal</strong> </p>
<p><em>&#8220;Die, die immer einschalten, weil sie keine Alternative haben, dürfen nicht die Messgrundlage für unsere Fernsehkultur sein.&#8221;</em><br />
Oliver Kalkofe in einer <a href="http://www.kalkofe.de/08/docs/hoeren_und_sehen/hus_ton.html">Rede auf den Medientagen München </a> 14. November 2007</p>
<p><strong>Kritik:</strong> In den Einschaltquoten wird jeder Fernsehkonsum auf gleiche Weise berücksichtigt. Ist das nicht unfair? Denn schließlich gibt es doch sehr unterschiedliche Arten, fernzusehen: In der schon zitierten <a href="http://www.netzeitung.de/medien/354551.html">Forsa-Studie von 2005</a> gaben 44% an, sich nebenher mit anderen Dingen zu beschäftigen (am häufigsten: Hausarbeiten, Essen und Telefonieren). Andere Zuschauer dagegen schalten den Fernseher nur an, um ganz bestimmte Sendungen zu sehen, z.B. Serienfans, Fussballfans, politisch Interessierte bei Wahlen usw. </p>
<p>Wer den Fernseher nur als Einschlafhilfe benutzt, dem ist es im Prinzip gleichgültig was läuft (es darf bloß nicht plötzlich laut werden). Wer dagegen wochenlang auf die Fortsetzung der Lieblingsserie gewartet hat, der oder die wird eisern die Macht über die Fernbedienung verteidigen und wird bereit sein, ansonsten hochgeschätzte Beschäftigungen zugunsten des Fernsehens aufzugeben. </p>
<p>Doch in den Einschaltquoten spiegeln sich all diese Unterschiede nicht wieder: Gezählt wird nur ob eingeschaltet wird oder nicht. Nutzentheoretisch gesprochen: Die Einschaltquoten aggregieren nur ordinalen, keinen kardinalen Nutzen. Angemessen wäre diese Aggregation aber erst, wenn sie diese qualitativen Unterschiede berücksichtigen würde. Man könnte sich z.B. vorstellen, dass die Testpersonen angeben müssen wie wichtig ihnen eine Sendung ist: Sehr unwichtig, eher unwichtig, gleichgültig, eher wichtig, sehr wichtig. </p>
<p><strong>Beurteilung:</strong> Wie würde sich eine derartige Erweiterung auswirken? Schwer zu sagen. Es ist aber durchaus plausibel, dass &#8220;kardinale Präferenzen&#8221; Sendungen für Spezialinteressen begünstigen würden, da deren Zuschauer sich besonders mit dieser Sendung identifizieren. Sendungen dagegen, die jeder gerne ab und zu zur Ablenkung schaut, aber die niemanden speziell ansprechen, werden derartigen Spartensendungen gegenüber schlechter abschneiden. Das hätte eine erhöhte Vielfalt zur Folge, allerdings nicht unbedingt ein höheres Niveau (Die letzte Folge von &#8220;Deutschland sucht den Superstar&#8221; würde wahrscheinlich z.B. nach wie vor sehr hoch bewertet werden).</p>
<p>Die bisherigen Kritiken bezogen sich auf unvollständige Informationen über die Präferenzen der Zuschauer. Die nächsten zwei Kritiken beziehen sich stattdessen auf das unvollständige Wissen der Zuschauer über das Fernsehen.</p>
<p><strong>Möglichkeit 5: Kein vollständiges Wissen über das Programm</strong></p>
<p><strong>Kritik:</strong> Aufgrund ihrer Sozialisierung, ihres sozialen Umfeldes und aufgrund reiner Gewohnheit ignorieren viele Zuschauer Sendeformate und besitzen deswegen unvollständiges Wissen über das Programm. So entstehen psychische Barrieren, die eine vollständige Information über das Programm verhindern. Die Aussagekraft der Einschaltquoten wird dadurch durchaus relativiert.  Bildungsbürger wissen z.B. gar nicht wirklich, ob sie sich nicht eigentlich bei &#8220;Big Brother&#8221; oder dem &#8220;Dschungel-Camp&#8221; köstlich amüsieren würden. Sportfans wissen nicht, ob sie nicht vielleicht auch die Berichterstattung über den amerikanischen Wahlkampf genauso spannend finden würden wie die &#8220;Tour de France&#8221;. Und Rosamunde-Pilcher-Liebhaber wissen nicht, ob sie nicht vielleicht auch von Ingmar Bergmanns psychologischem Realismus fasziniert wären. </p>
<p><strong>Beurteilung:</strong> Diese Kritik ist viel zu optimistisch. Denn sie muss davon ausgehen, dass der Durchschnittszuschauer während er &#8220;Deutschland sucht das Supermodel&#8221; glotzt, sich in Wirklichkeit danach sehnt, über Korruption in deutschen Konzernen informiert zu werden, Fassbinderfilme zu schauen oder Bundestagsdebatten auf Phoenix zu verfolgen. Eine derartige Erwartung ist offensichtlich naiv.</p>
<p><strong>Möglichkeit 6: Unvollständiges Wissen über die gesellschaftlichen Folgen des Fernsehens</strong></p>
<p><strong>Kritik:</strong> Auch wenn die Zuschauer wissen, was sie am besten unterhält, amüsiert, informiert usw., wissen sie nicht, inwieweit Gewaltdarstellungen im Fernsehen die Jugendkriminalität erhöhen, inwieweit das Fernsehen dazu führt, dass Menschen zu hohe oder falsche Erwartungen an sich selbst, ihre Partner oder andere Mitmenschen stellen, sie wissen nicht, wie eine Gesellschaft aussehen würde, wenn es gar kein oder ein anderes Fernsehen geben würde. Insbesondere ist nicht allen Eltern bewußt, welche Wirkung das Fernsehen auf ihre Kinder hat. Da kaum jemand das Selbstbestimmungsgebot auch für Kinder gelten lassen will, muss hier die Gesellschaft eingreifen, wenn Eltern ihre Erziehungsaufgabe nicht erfüllen können. (Wissenschaftliche Ergebnisse, die für negative Folgen wie Gewaltbereitschaft, geringere Intelligenz usw sprechen werden in <a href="http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/453/143136/2/">diesem Contra-Artikel</a> der Süddeutschen referiert)</p>
<p><strong><br />
Beurteilung:</strong> Eine derartige Kritik kann sehr viel tiefer gehen, als die bisherigen Ansätze. Sie kann z.B. Gewaltdarstellungen oder Kitsch im Fernsehen generell kritisieren. Allerdings muss sie sich dafür auf sehr starke Thesen einlassen: Sie muss sehr allgemeine Kausalgesetze verteidigen, die empirisch nur schwer zu belegen sind. Es gibt zudem sogar auch Studien, die positive Folgen des Fernsehkonsums auch bei Kindern feststellen konnten. So ließ sich z.B. bei der Einführung der Sesamstrasse in Indien feststellen, dass Kinder, die die Sesamstrasse schauten, besser lesen und rechnen lernten, als Kinder, die keine Sesamstrassse schauten. Vor kurzem wurde zudem nachgewiesen dass &#8220;Die Super-Nanny&#8221; durchaus Eltern zum Nachdenken über ihre autoritären Erziehungsmethoden anregte. (für eine Zusammenfassung siehe diesen <a href="http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/457/143140/">Pro-Artikel</a> in der Süddeutschen, zur wissenschaftlichen Diskussion um die Super-Nanny den entsprechenden <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Super-Nanny">Wikipedia-Artikel</a>). </p>
<p>Außerdem muss hier erneut unterstellt werden, dass die Zuschauer eine Welt ohne diese Auswirkungen präferieren. Dies mag bei einem Ansteigen der Gewalttaten oder einer Verrohung der Umgangsformen noch plausibel sein. Wer dagegen behauptet, dass das Fernsehen die Massen &#8220;verdumme&#8221; oder die Kultur &#8220;verflache&#8221; wird es dagegen wahrscheinlich schon schwerer haben eine weitverbreitete Ablehnung dieser Verdummung nachzuweisen.</p>
<p>Insgesamt ist also diese Form der Kritik zu voraussetzungsreich um erfolgversprechend zu sein.</p>
<p><strong>Fazit zu den Möglichkeiten der internen Kritik</strong></p>
<p>Wie man also sehen kann, bietet der Präferenz-Utilitarismus mehr Möglichkeiten zur Kritik an den Massenmedien, als es seine Anhänger (wie z.B. Thoma oder Diekmann) gerne hätten. Allerdings reichen diese Möglichkeiten andererseits wiederum nicht weit genug, um eine grundlegende Reform des Fernsehens zu fordern oder ein für alle mal bestimmte Sendeformate abzulehnen. Denn was &#8220;gutes Fernsehen&#8221; ist, das bleibt nach wie vor an die Zuschauergunst gekoppelt. Nur relativ zu den Vorlieben des Massenpublikums lässt sich rechtfertigen, warum Sendeformate abgesetzt, eingeführt, warum Sendungen bessere oder schlechtere Sendeplätze, mehr oder weniger Sendezeit erhalten sollten. </p>
<p>Aus der Kritik der Ordinalität und der Unvollständigkeit der Einschaltquoten lässt sich allerdings überzeugend eine Forderung nach größerer Vielfalt ableiten, insbesondere nach größerer Experimentierfreudigkeit. Sollte sich aber herausstellen, dass derartige Experimente letzten Endes keinen ökonomischen Erfolg bringen, so ist die päferenzutilitaristische Kritik mit ihrem Latein am Ende.</p>
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		<title>Was ist am Fernsehen eigentlich so schlimm? &#8212; 10 Kritikmöglichkeiten, die besser sind als einfach nur zu meckern: Teil 1</title>
		<link>http://www.sprechblase.org/2008/03/05/was-ist-am-fernsehen-eigentlich-so-schlimm-10-kritikmoglichkeiten-die-besser-sind-als-einfach-nur-zu-meckern-teil-1/</link>
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		<pubDate>Wed, 05 Mar 2008 15:30:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Voigt</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Unkategorisierbarer Unsinn]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Die wahre Antidemokratie ist die Massenkultur.&#8221;
Pier Paolo Pasolini, Interview von Robert Schär, in: Cinema, Nr. 2, Zürich, Juli 1976
&#8220;Das ist faschistisches Gedankengut. Ich will nicht die Herrschaft einer Elite, die immer besser weiß, was die Leute sehen sollen. Die Verachtung der Massenkultur, die ist undemokratisch.&#8221; 
Helmuth Thoma, ehemaliger RTL-Chef zum Pasolini-Zitat in einem Interview der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>&#8220;Die wahre Antidemokratie ist die Massenkultur.&#8221;</em><br />
<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pasolini">Pier Paolo Pasolini</a>, Interview von Robert Schär, in: Cinema, Nr. 2, Zürich, Juli 1976</p>
<p><em>&#8220;Das ist faschistisches Gedankengut. Ich will nicht die Herrschaft einer Elite, die immer besser weiß, was die Leute sehen sollen. Die Verachtung der Massenkultur, die ist undemokratisch.&#8221; </em><br />
<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Thoma">Helmuth Thoma</a>, ehemaliger RTL-Chef zum Pasolini-Zitat in einem <a href="http://www.zeit.de/1996/37/thoma.txt.19960906.xml">Interview</a> der Zeit, 1996, Nr. 37</p>
<p>Das Fernsehen zu kritisieren ist so eine Art deutscher Volkssport. Das zeigt sich in den Bestandsaufnahmen des kulturellen Niedergangs, die regelmäßig in den Feuilletons erscheinen, in der Diskussion ums <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Unterschichtenfernsehen">&#8220;Unterschichtenfernsehen&#8221;</a>, in Weingartners <a href="http://www.freerainer.de/">&#8220;Free Rainer &#8212; Dein Fernseher lügt&#8221;</a>, Kalkofes <a href="http://www.kalkofe.de/08/docs/werk/tv/mattscheibe.html">&#8220;Mattscheibe&#8221;</a>, in der Tirade von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnther_Oettinger">Oettinger</a> gegen das <a href="http://www.sueddeutsche.de/,tt2m2/deutschland/artikel/202/151820/">&#8220;Scheiß-Privatfernsehen&#8221;</a>, ja es zeigt sich sogar in <a href="http://www.netzeitung.de/medien/354551.html">Umfragen</a>. So unterhaltsam viele der Kritiken sind &#8212; sie sind auf ihre Art häufig kaum weniger oberflächlich, als sie es ihrem Opfer vorwerfen  zu sein. Das liegt daran, dass man nur allzu leicht zwei unterschiedliche Arten der Kritik miteinander vermengt.</p>
<p>Wer eine Theaterkritik oder eine Musikkritik liest, der will ästhetisch beraten werden: Man vertraut dabei auf die ästhetische Expertise der Kritiker, auf die Einzel- und nicht auf die Massenmeinung. Anders bei der Kritik am &#8220;Unterschichtenfernsehen&#8221;: Wir lesen sie nicht, um zu entscheiden, ob wir besser das &#8220;Dschungel-Camp&#8221; oder &#8220;Deutschland sucht den Superstar&#8221; sehen sollten. Sie empfiehlt uns als einzelnen Lesern nichts, sondern fordert implizit eine grundlegende Änderung des Massenmediums Fernsehen; und sie fordert nicht nur ein kulturelles Reservat für die Elite (wie z.B. Opern, Theater, Museen), sie fordert eine Programmänderung für alle. Die Kritik wird dadurch zu einer politischen.</p>
<p>Der ästhetische Kritiker muss (darf vielleicht sogar) auf die Meinungen anderer keine Rücksicht nehmen, er ist Diktator im Reich des Schönen. Der politische Kritiker dagegen muss, wenn er denn Demokrat ist, im Namen aller sprechen. Zwar darf auch er bestimmten Einzelinteressen das Wort reden (z.B. Arbeiterinteressen, Interessen &#8220;der Wirtschaft&#8221; usw.). Wenn aber seine Kritik politische Forderungen enthalten soll, wenn sie mehr als eine erste &#8220;Anmeldung von Einzelinteressen&#8221; sein soll, dann muss der politische Kritiker als Demokrat für sich beanspruchen, die Einzelinteressen bereits gegen die Interessen aller anderen abgewogen zu haben. Er muss dabei folgendes Gebot beachten:</p>
<dl>
<dt>Gleichberechtigungsgebot (Gerechtigkeitsgebot)</dt>
<dd> Alle Gesellschaftsmitglieder haben genau das gleiche Anrecht auf persönliches Wohlergehen (auf die Maximierung ihres persönlichen Nutzens).</dd>
</dl>
<p>Nun könnten die Fernsehkritiker natürlich für sich beanspruchen, den &#8220;absoluten&#8221; Geschmack zu besitzen: Genau das, was sie gut finden, ist im besten Interesse aller. Diese Haltung wäre allerdings genau das, was Ökonomen &#8220;Paternalismus&#8221; nennen: Man ignoriert in scheinbar &#8220;väterlicher&#8221; Fürsorge die Präferenzen der anderen und beansprucht dennoch für sie zu sprechen. Es ist genau dieser Paternalismus, den Helmuth Thoma &#8220;faschistisch&#8221; nennt, denn er widerspricht einem weiteren wichtigen politischen Prinzip, das man nicht einfach ignorieren kann:</p>
<dl>
<dt>Selbstbestimmungsgebot (Freiheitsgebot)</dt>
<dd> Jeder ist seines eigenen Wohles alleiniger Richter.</dd>
</dl>
<p>Der eigentliche Anspruch der demokratiefreundlichen Fernsehkritik müsste lauten: &#8220;Unterschichtenfernsehen&#8221;, &#8220;Affektfernsehen&#8221;, &#8220;Massenverdummung&#8221;, &#8220;Infantilisierung&#8221; oder &#8220;kulturelle Verflachung&#8221; zu kritisieren ohne das Gleichberechtigungsgebot zu verletzen und ohne sich dem Paternalismusvorwurf auszusetzen. Genau dieser Anspruch drückt sich im Pasolini-Zitat aus: Massenkultur ist nicht schlecht, weil sie demokratisch ist, sie kann &#8212; wenn überhaupt &#8212; nur deswegen schlecht sein, weil sie &#8220;anti-demokratisch&#8221; ist. Ist eine solche Kritik überhaupt möglich?</p>
<p>Die Möglichkeiten einer politisch relevanten und dennoch nicht undemokratischen Fernsehkritik sollen hier ausgelotet werden. Es geht also weniger darum, wie gut oder schlecht unser Fernsehen wirklich ist, als um den Entwurf eines rationalen Diskurses: Welche Argumente sollten in dieser Debatte vorgebracht und diskutiert werden? </p>
<p>In Teil 1 möchte ich zeigen, warum es nicht so einfach ist das Fernsehen zu kritisieren. Dazu mache ich zunächst die These möglichst stark, dass wir bereits jetzt über das bestmögliche Fernsehen verfügen und Fernsehen wesentlich zur gesellschaftlichen Wohlfahrt beiträgt. In Teil 2 werde ich dann Möglichkeiten vorstellen, diese Thesen anzugreifen, ohne die beiden genannten politischen Prinzipien aufzugeben. In Teil 3 wird es abschließend um Möglichkeiten gehen, das Selbstbestimmungsgebot zu modifizieren ohne sich dadurch dem Paternalismusvorwurf auszusetzen.</p>
<p><strong>Ein kleiner Schritt von der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zum Utilitarismus</strong></p>
<p>Es ist gar nicht so abwegig zu behaupten, dass wir bereits jetzt über das bestmögliche Fernsehen verfügen. Dazu muss man (fast) nur das Gleichberechtigungs- und Selbstbestimmungsgebot mit einem weiteren Prinzip kombinieren:</p>
<dl>
<dt>Utilitarismus (Nutzenmaximierungsgebot)</dt>
<dd>Alles, was bei der Bewertung eines Gesellschaftszustandes zählt, ist der Nutzen, den dieser Zustand für die Mitglieder dieser Gesellschaft (oder für alle von diesem Zustand Betroffenen) hat.</dd>
</dl>
<p>Daraus ergibt sich dann ein Bewertungsmaßstab, den man den &#8220;subjektivistischen Utilitarismus&#8221; nennen könnte:</p>
<dl>
<dt>Subjektivistischer Utilitarismus</dt>
<dd>Gesellschaftszustände sollten danach bewertet werden, inwieweit wieviele Gesellschaftsmitglieder glauben, dass dieser Gesellschaftszustand ihnen nützt.</dd>
</dl>
<p>Wie kriegt man nun heraus, ob eine Person glaubt, dass etwas in ihrem besten Interesse ist, ihr also nützt? Ökonomen sind darauf gekommen, Interessen als Präferenzen aufzufassen: Man versucht einfach herauszubekommen, welche Zustände (Güterbündel) eine Person vor welchen anderen Zuständen bevorzugt und bewertet dann anhand dieser Präferenzen Zustände relativ zu anderen. Wir können eine derartige Anwendung den &#8220;Präferenz-Utilitarismus&#8221; nennen. </p>
<p><strong>Was nützt uns das Fernsehen?</strong></p>
<p>Häufig ist es schwierig sichere Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Präferenzen Personen wirklich besitzen. Ökonomen trauen häufig nicht den Äußerungen einer Person, sondern wollen wissen, wie sie sich wirklich verhält. Im Falle des Fernsehens lässt sich das ziemlich genau sagen: Die ermittelten absoluten Zuschauerzahlen geben uns ein relativ genaues Bild darüber, wieviele Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt das Fernsehen vor anderen Beschäftigungen (Arbeit, Sport, Freunde treffen, schlafen usw.) bevorzugt haben. Die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Einschaltquoten">Einschaltquoten</a> sagen uns relativ zuverlässig, wieviel Prozent der Zuschauer eine bestimmte Sendung zu einem bestimmten Zeitpunkt vor allen anderen gleichzeitig laufenden Sendungen bevorzugt haben (siehe <a href="http://www.quotenmeter.de">quotenmeter.de</a>, hier eine <a href="http://www.gfk.com/imperia/md/content/printproducts/image_and_product_brochures/fefo_image_broschuere-d.pdf">Broschüre der GFK</a>, die beschreibt, wie Einschaltquoten errechnet werden).</p>
<p>Wollen wir zunächst nur den Nutzen des Fernsehens insgesamt berechnen, so interessieren uns zunächst nur die absoluten Zuschauerzahlen. Die Statistiken sind beeindruckend: <a href="http://www.ip-deutschland.de/ipdeutschland/download-data/Television_2007_Laenderkapitel_Deutschland.pdf">95,3%</a> der deutschen Haushalte verfügten 2006 über einen Fernseher. Der deutsche Durchschnittszuschauer ab 3 Jahren schaute 2007 laut <a href="http://www.agf.de/">AGF</a> am Tag durchschnittlich ganze <a href="http://www.agf.de/daten/zuschauermarkt/sehdauer/">208 Minuten</a> fern, also fast vier Stunden und hält sich sogar <a href="http://www.agf.de/daten/zuschauermarkt/verweildauer/">299 Minuten</a> täglich vor dem laufenden Fernseher auf (für 2007 siehe auch <a href="http://www.presseportal.de/pm/7153/1117842/ip_deutschland">Mitteilung</a> von ip-deutschland). Fernsehen ist damit nicht nur das meistgenutzte Medium, sondern zugleich die beliebteste Freizeitbeschäftigung in Deutschland (Siehe Bundesamt für Statistik: <a href="http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/frueher/wobleibtdiezeit,property=file.pdf">&#8216;Wo bleibt die Zeit&#8217;</a> und <a href="http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Querschnittsveroeffentlichungen/Datenreport/Downloads/CFreizeitaktMediennutz,property=file.pdf">Datenreport 2006, Mediennutzung</a>). Das heißt: Für nichts opfern die Deutschen ihre Freizeit lieber, als fürs Fernsehen.</p>
<blockquote><p>&#8220;4 Stunden am Tag. So lange sieht der Mitteleuropäer im Durchschnitt täglich fern.<br />
Als ich diese Zahl eines Morgens in der Zeitung las, konnte ich es erst nicht glauben. Das konnte einfach nicht stimmen. Rechnen wir mal 8 Stunden für Schlafen, 8 Stunden für Arbeiten, 1 Stunde für den Weg von und zur Arbeit, 1 Stunde für Nahrungsaufnahme und -abgabe, 1 Stunde für die elementare Körperpflege. Es verbleiben: 5 Stunden. Moment mal: Das würde ja bedeuten, der Mitteleuropäer verbringt 80% seiner Freizeit vor dem TV-Gerät. Das bedeutet: 1 Stunde am Tag zum Leben.&#8221;<br />
<a href="http://freerainer.de/Quotengesellschaft/#01">Hans Weingartner</a></p></blockquote>
<p>Zusätzlich lässt sich berechnen, wieviel Geld die Deutschen fürs Fernsehen ausgeben (Präferenz Fernsehen statt x Euro). Beginnen wir mit den Gebühren der GEZ: Insgesamt kommt man hier auf ca. <a href="http://www.gez.de/door/gebuehren/gebuehrenverteilung/">7 Milliarden jährlich</a>, die die Deutschen für die öffentlich-rechtlichen Medien ausgeben. Hinzu kommen noch die Kosten für das Kabelfernsehen. Verteilt auf alle TV-Haushalte ergibt das <a href="http://www.ip-deutschland.de/ipdeutschland/download-data/Television_2007_Laenderkapitel_Deutschland.pdf">204,36 €</a> jährlich. Zählen wir die Werbeeinahmen als die indirekte Bezahlung der Zuschauer für ihren Fernsehkonsum, so ist den Deutschen das Fernsehen zusätzlich noch einmal ca. 8 Milliarden jährlich wert ( brutto in 2006 laut <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fernsehwerbung#Zahlen_zur_Fernsehwerbung_in_Deutschland">Wikipedia</a>, Daten von der ZAW, netto ca. 4 Milliarden siehe <a href="http://www.zaw.de/doc/Netto-Werbeeinnahmen.pdf">ZAW</a>), das sind noch einmal ca. <a href="http://www.ip-deutschland.de/ipdeutschland/download-data/Television_2007_Laenderkapitel_Deutschland.pdf">100€ pro Kopf oder 0,36% des BSP</a>. Hinzu kommen außerdem noch die Kosten für Fernsehgeräte.</p>
<p>Gleichgültig wie die Nutzenrechnung im Detail also aussehen wird: Folgen wir dem Präferenz-Utilitarismus in seiner einfachsten Form, so wird es, weil das Fernsehen die beliebteste Freizeitbeschäftigung ist, auch keine andere Freizeitbeschäftigung geben, die mehr zum Gesamtnutzen unserer Gesellschaft beiträgt als das Fernsehen. Das Fernsehen scheint seine Sache eigentlich ziemlich gut zu machen. Tun wir ihm also nicht unrecht, wenn wir uns über seine Qualität beschweren? </p>
<p><strong>Das Fernsehen, das wir verdient haben</strong></p>
<p>Diese These ist nicht so absurd, wie es zunächst erscheinen mag. Denn es gibt &#8212; so traurig das ist &#8212; in Wahrheit genügend Menschen, die aufgrund ihres Alters, ihrer Krankheit, ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation nicht viel andere und nicht viel bessere Optionen haben, als den ganzen Tag fern zu sehen. Das macht auch die Statistik deutlich: Laut einer <a href="http://www.focus.de/kultur/kino_tv/tv-konsum_aid_117822.html">Datenauswertung der GfK</a>, die der Focus 2005 in Auftrag gab, sehen Arme und Alte länger Fernsehen, als Junge und Reiche. Das zeigt sich auch am Durchschnittskonsum der Bundesländer: Im reichen Bayern liegt er bei 178 Minuten, während er im armen Sachsen-Anhalt 278 Minuten erreicht. Vielleicht spiegelt der Durchschnittswert also wirklich den Nutzen des Fernsehens wieder: Er zeigt uns, dass es vielen Menschen so schlecht geht, dass sie nichts besseres zu tun haben, als fern zu sehen. Das Problem wäre dann nicht das Fernsehen, das Problem wäre diese Alternativlosigkeit im Leben vieler Menschen. Die Nutzenrechnung wäre zwar schockierend aber durchaus korrekt.</p>
<p>Dass uns selbst viele Sendungen überhaupt nicht gefallen ist allein kein Grund, dieses Ergebnis in Frage zu stellen. In einer pluralistischen Gesellschaft wird es immer Sendeformate geben, die Mitgliedern einer Bevölkerungsgruppe gefallen und Mitglieder einer anderen Bevölkerungsgruppe abstoßen (Volksmusiksendungen/Casting-Shows und Rentner/Jugendliche z.B.). Die Super-Nanny ist ein gutes Beispiel: Was Bildungsbürgern als zynische Zurschaustellung prekärer Familiensituationen erscheinen mag, vermittelt Eltern, die ähnliche Probleme haben, vielleicht Ratschläge auf eine für sie angemessene Weise (zur wissenschaftlichen Diskussion siehe <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Super-Nanny">hier</a>, <a href="http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Erziehungsfragen/s_1853.html">hier</a>, <a href="http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k26_ArnoldJudith.html">hier</a> und <a href="http://www.tvsupernanny.at/1_multipart_xF8FF_3_SN-ZusammenfassungBefunde20060919.pdf">hier</a>).</p>
<p>Es ist doch eigentlich zutiefst demokratisch und gerecht, wenn jede Bevölkerungsgruppe einen ihrem Bevölkerungsanteil angemessenen Platz im Fernsehen eingeräumt bekommt. Solange die unsichtbare Hand eines perfekten Marktes die Zuschauerzahlen maximiert, ist das Fernsehen einfach nur ein getreuer Spiegel unserer Gesellschaft. Haben wir also nicht in Wirklichkeit bereits das bestmögliche Fernsehen mit dem größtmöglichen Nutzen? Haben wir nicht ganz einfach das Fernsehen, das wir uns verdient haben?</p>
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