Das moderne Leben - ein einziges Minenfeld. Man lebt so vor sich hin und kümmert sich um seine Sachen - da, ganz plötzlich, klingelt das Telefon, und man fällt aus allen Wolken, als einem eröffnet wird, dass man, sagen wir, mit der Hackfleischverordnung in Konflikt geraten ist. Und darauf stehen bekanntlich fünf Jahre Haft.
Oder man macht seinen vertragsmäßigen Job, verwaltet eine Firma und ist dann irgendwie mit von der Partie, als die Firma an eine andere Firma verkauft wird. Man scheidet aus, nimmt eine vereinbarte Abfindung von ein paar Millionen Euro mit, und kauft sich dafür ein stattliches, aber wohlverdientes, Motorboot. Auf einmal, aus heiterem Himmel, kommt ein Staatsanwalt daher und will einen hinter Gitter bringen, für, sagen wir, Veruntreuung und Betrug. Da ist dann guter Rat teuer.
Aber guter Rat ist auch zu haben. Denn genau dafür werden in unseren hochkomplexen Gesellschaften Anwälte ausgebildet, die dicke Gesetzestexte und deren Kommentare wälzen und die am Ende eine ganz kleine, unscheinbare Klausel im Text finden, auf die sich eine solide Verteidigung bauen lässt. Oder die eine Lücke im Text ausmachen und sie mit einem schlauen Argument schließen, in dem ferne Präzedenzfälle und generelle Rechtsdogmen einander abwechseln, dass einem schwindelig wird. Am Ende wird der Hackfleischverordnungsbrecher freigesprochen, und der Firmenlenker kommt mit einem lauen Vergleich davon. Der Trick jedenfalls, das ist die findige Auslegung von juristischen Texten. Das Umrunden von Minen eben.
Dagegen habe ich nichts. Jeder ordentliche Rechtsstaat hat etwas von einem Spiel, in dem mehrere Parteien, vor allem Legislatoren, Richter und Anwälte samt ihrer Mandanten, gegeneinander spielen. Zu diesem Spiel gehört eben auch die subtile Textfuchserei. Klar, manchmal ärgern wir uns über einzelne Spielausgänge. Aber insgesamt können wir mit den Resultaten, glaube ich, ganz gut leben.
Es ist etwas anderes, das mich auf die Palme bringt. Nämlich die Ausweitung eben dieses Bildes auf Dinge, die nichts damit zu tun haben, oder besser: nichts damit zu tun haben sollten. Immer öfter zeigt sich in den denkenden und schreibenden Teilen der Öffentlichkeit, dass die Ethik dort genauso verstanden wird wie das Recht. Die Ethik als Minenfeld, durch das man nur auf Zehenspitzen tappen sollte. Und in dem man besser viele kleine Umwege macht. Es ist dieses Bild, das ich für absurd halte.
Ein schönes Schlaglicht wirft folgendes Beispiel. MIT-Forscher Rudolf Jaenisch will Stammzellen produzieren. Stammzellen sind pluri-, oder gar multipotente Zellen. Das heisst, sie können per Zellteilung viele oder alle Gewebearten bilden, anstatt auf einen Zelltyp festgelegt zu sein. Stammzellen sind sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der Entwicklung wichtiger Therapien heiß begehrt. Aus gutem Grund. Denn wir verstehen anhand von ihnen wichtige Lebensprozesse, und wir hoffen mit ihnen in Zukunft schlimme Krankheiten heilen oder lindern zu können. Alter Hut? Entschuldigung. Worauf ich hinaus will, ist, dass man in den meisten Ländern der Welt, wie es so heißt, “ethische Barrieren” den Weg versperren sieht. Denn die besten Stammzellen entnimmt man Embryonen. Nicht solchen, freilich, die Ärmchen und Beinchen haben, falls das jemanden interessiert, sondern Zellhaufen, deren Zellenanzahl man ganz einfach abzählen kann, zum Teil an zwei Händen. Genaugenommen kann man eine einzelne wirklich multipotente Stammzelle selber als Embryo bezeichnen. “Embryo” sagen wir nur, weil theoretisch ein ausgeformtes Lebewesen daraus werden kann. Ob es zur Definition des Embryos gehört, dass es per Verschmelzung von Ei und Samen in die Welt kommt, darüber sagen unterschiedliche Leute unterschiedliche Dinge. Dies ist semantisch wohl noch nicht festgeklopft, und ich komme darauf zurück.
Das Feld von Jaenisch, jedenfalls, ist von “ethischen Barrieren” durchzogen. Und die gilt es zu umschiffen. So arbeitet sein Team daran, Stammzellen auf neuen Wegen zu bekommen. Einer seiner Tricks ist folgender: Man erzeuge ein Embryo mit der Eigenschaft, sich nicht in der Gebärmutterwand einnisten zu können. Diesem Ding fehlt natürlich die Potenz der Entwicklung zum vollständigen Lebewesen (mit Ärmchen und Beinchen, falls es jemanden interessiert). Ein Embryo dieser Art fällt nicht unter die “allgemein akzeptierte Definition von Leben,” so sein Team, und man kann es ohne Gewissensbisse der Wissenschaft weihen. Schiff versenkt. Ein anderer Trick ist dieser: Wenn ein Embryo aus acht Zellen besteht, klaut man ihm eine einzige Zelle und lässt es ansonsten in Ruhe. Dieses siebenzellige Embryo nun kann sich zu einem unbehinderten und fröhlichen Lebewesen entwickeln. Der Forscher aber hat seine multipotente Stammzelle und kann per Teilung viele weitere gewinnen. Wiederum ein Schiff versenkt.
Ein nun ganz neuer Trick besteht darin, einfach eine Eizelle zu nehmen, in die nicht nur ein Spermium, sondern in die zwei Spermien eingedrungen sind. So ein Embryo hat keine Chance auf Entwicklung zum fertigen Lebewesen. (Achtung, Zwillinge sind etwas anderes.) Wiederum gilt: Wo kein Potenzial zum vollständigen Wesen besteht, da gibt es auch keine “ethischen Bedenken”. Und wieder ist ein Schiff versenkt. Noch einen letzten, vierten, Trick will ich an dieser Stelle vorstellen. Denn an ihm zeigt sich besonders gut, wie abhängig diese ganze Embryo-Fuchserei von Begriffsdefinitionen ist, die unsere Rede in anderen Bereichen kaum regulieren und die wir folglich nicht gegenprüfen können. Mittlerweile kann Jaenisch - zumindest bei Mäusen - eine Stammzelle ganz ohne Befruchtung einer Eizelle schaffen. Er modifiziert die DNA einer beliebigen Hautzelle an vier bestimmten Stellen und erhält damit eine Zelle, die sich kaum von einer embryonalen Stammzelle unterscheidet. Jaenisch produziert sozusagen unbefleckt eine multi-, oder doch eine pluripotente Zelle. “Das räumt eines der größten ethischen Hindernisse aus dem Weg”, heißt es in Biomedizinerkreisen. Und hier ist es interessanterweise relevant, wie die genaue Definition von Embryo geht: Ist ein Embryo einfach eine hochpotente Zelle? Oder eine, die per Verschmelzung von Spermium und Oocyte produziert worden sein muss? Im ersten Fall hätte man unbefleckt ein Embryo geschaffen, im zweiten nicht. Und wer nun findet, dass mit dieser Methode “ethische Hindernisse” aus dem Weg geräumt werden, der scheint zu letzterer Definition zu tendieren.
Nun, das soll reichen als kurzer Blick auf die Stammzellenfront. Ich persönlich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus! Denn das alles erinnert mich extrem an unsere Anwälte. Ein ganzes Heer hochkarätiger Wissenschaftler widmet sich der Umschiffung “ethischer Barrieren”, die - man erlaube mir diese Polemik - aus so kruden ethischen Intuitionen gestrickt sind, dass einem die Rückenmarkzellen rotieren! Und hiermit will ich die Karten auf den Tisch legen. Für mich sieht es so aus: Man stellt sich ein Embryo vor. Das Embryo hat Ärmchen und Beinchen, ist zuckersüß, und kann einmal, wenn artgerecht ausgebrütet, ein komplett ausgeformtes Lebewesen werden. Dieses entzückende Ding darf man natürlich nicht töten. Mit “Embryos” bezeichnen Wissenschaftler aber auch schon multipotente Ei-Samen-Kombinationen, und ihre Beziehung zu den entzückenden Dingern aus dem vorigen Gedanken ist einfach eine zeitliche. Manche nennen sie auch “Potentialität”. Potentialitäten sind irgendwie wichtig. Also darf man schon sich teilende Ei-Samen-Kombinationen nicht an ihrer natürlichen Entwicklung hindern (sprich töten). Das ist das ethische Gesetz. Nun kommen Forscher, die ein berechtigtes Interesse an der Produktion solcher Zellen haben, weil damit aller Voraussicht nach viele gute Dinge gemacht werden können. Dummerweise droht der Konflikt mit dem ethischen Gesetz. Also konsultieren die Forscher ihre internen Anwälte, und diese tun ihre Arbeit und kommen mit den genannten Tricks aus ihren imaginären Büros. Die Tricks sind super. Aber sie haben auch etwas Absurdes. Oder vielleicht besser: Die Tatsache, dass unsere besten Forscher zu ihnen gezwungen sind (oder sich zu ihnen gezwungen sehen,) hat auch etwas Absurdes.
Und dies ist das Problem: Ganz offensichtlich fetischisieren wir krude Begriffsdefinitionen und krude ethische Intuitionen - und erlauben Anpassungen nur noch auf der Ebene ihrer Applikation in feinst individuierten Einzelfällen. Das ganze kommt daher, dass wir das Bild des Gesetzes und seiner Auslegung nicht aus unserem Nachdenken über die Ethik herausbekommen. Denn da ist es genauso. Das Gesetz steht, wir können nur noch per findiger Auslegung Möglichkeiten finden, die unseren Mandanten gefallen. Gewisse Umwege sind dabei ausdrücklich erlaubt. Und das Komische ist: Nicht nur überlegen wir gar nicht, dass es in der “Ethik” doch gerade kein geschriebenes Gesetz gibt. Wir scheinen auch gar nicht zu merken, wie merkwürdig unser Handeln wird, wenn wir auf diesen Linien nur noch in Kategorien denken, die wir uns als quasi schriftlich und daher bereits festgelegt vorstellen. Mein Plädoyer ist klar: Intelligentes Nachdenken über Fragen im Umkreis der Stammzellforschung muss auf allen Ebenen der aktuellen ethischen Theorie gleichzeitig ansetzen, nicht nur auf der Ebene ihrer Anwendung. Und dazu müssen die Zusammenhänge zwischen allen benutzten Begriffe überdacht werden, also alle impliziten Definitionen geprüft werden. “Embryo”, “Eingriff”, “natürliche Entwicklung”, “Lebensfähigkeit” - all diese Begriffe (und viele mehr) stehen, im Gegensatz zur Welt des Rechtes, nicht fest.
In unserem Nachdenken darüber, was wir tun sollen und was nicht, stützen wir uns zwar auf unsere jeweils aktuelle ethische Theorie. Aber wir schreiben sie auch immer neu - und müssen das auch tun. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Gerade in einem so neuen und vielfältig potenten Feld wie der Biomedizin zeigt sich, dass unsere zentralen ethischen Begriffe noch lange nicht in der Lage sind, das Gewicht der Anwendungen zu tragen, die wir auf sie laden. Man sieht das, wie oben angedeutet, ganz besonders gut an dem ethisch höchst relevanten Begriff des “Embryos”. Und deswegen müssen diese Begriffe weiterentwickelt werden, anstatt unentwickelt das Material eherner Gesetze abzugeben. Die Frage, ob multipotente Zellen auch Embryonen sind, ist eine der relevanten Definitionsfragen. Die Frage, ob Embryonen durch Befruchtung entstanden sein müssen, ist eine andere. Und wie beantworten wir diese Fragen? Nun, mit tausend weiteren Erwägungen. Die Erwägung, wie sehr uns Potenzialitätsargumente in anderen Bereichen überzeugen, ist eine davon. Die Erwägung, wie sehr sich in anderen Bereichen die Herstellungsgeschichte eines Gegenstandes auf seine Identität auswirkt, eine zweite. Ja, und die Erwägung, wie es wohl ist, an Parkinson zu sterben, weil jemand von Embryonenentnahmen absehen wollte, möglicherweise eine dritte. Wichtig ist, dass alle diese Erwägungen Konsequenzen darauf haben, wie unsere zentralen Begriffe benutzt werden. Und das ist die Alternative zum Fetisch.
So, wie wir es jetzt machen, jedenfalls, ist es kaum mit anzusehen. Nehmen wir nur dieses Beispiel: Man produziert Embryonen, die sich nicht im Uterus einnisten können, also Embryonen ohne Chance auf Entwicklung. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, dass so etwas getan wird - aber ich kann einfach nicht verstehen, wie hier nur ernsthaft gedacht oder behauptet werden kann, dass bei diesem Vorgang irgendwie etwas auf relevante Weise anders gemacht wird als bei einer normalen Embryonenentnahme. Um das zu denken, muss man schon ganz schön tief stecken im quasi-rechtlichen Denken. Man muss lange und hart über eine Lücke im Gesetzestext nachgedacht haben.
Und aus diesem Denken, finde ich, sollten wir endlich wieder herauskommen. Tja, und wenn es wirklich die Gesetze sind, die unsere Wissenschaftler zu solchen Dingen drängen - dann brauchen wir vielleicht neue Gesetze. Man sollte jedenfalls mal darüber nachdenken. Aber bitte ohne Anwalt.