Es ist nicht auszuschließen, dass bereits in dieser Woche viele Züge nicht fahren. Lokomotivführer und das Begleitpersonal wollen höhere Löhne durchsetzen. Dafür legen sie ihre Arbeit nieder. Für Menschen, die zu diesem Zeitpunkt eine Reise geplant haben oder gar reisen müssen, ist das eine Katastrophe: Autobahnen werden überfüllt sein, Leute, die nicht aufs Auto ausweichen können, wird das Fortbewegen auf große Entfernungen sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, sein.
Ist es nun richtig, dass die Lokführergewerkschaft GDL zum Streik aufgerufen hat? Einerseits ist es zu begrüßen, wenn Arbeitnehmer einen höheren Lohn durchzusetzen versuchen, andererseits führen die Mitteln, mit denen sie es tun, zu ungewünschten Folgen; einerseits sind die Forderungen der Gewerkschaft ungewöhnlich hoch, andererseits schriebt ihr Arbeitgeber hohe Gewinne; einerseits verdienen die Kollegen der Lokführer in Holland und in der Schweiz viel mehr, andererseits verdienen die Kollegen in Polen oder Tschechien viel weniger. Die Gedanken oszillieren von pro- zu kontra-Argumenten und es fällt schwer, zu einem ausgewogenen Urteil zu gelangen.
Ich schlage vor, zwei Fragen zu unterscheiden, von denen ich hoffe, dass sie ein die in diesem Zusammenhang vorgebrachten Gründe sortieren helfen und damit ein Urteil ermöglichen. Die eine Frage lautet: „Sind die Forderungen der Gewerkschaft gerechtfertigt?“; die andere: „Sind die gewählten Mittel zur Durchsetzung der Forderungen gerechtfertigt?“
Sind Forderungen der Lokführer gerechtfertigt?
Ist es nun gerechtfertigt, wenn z.B. der Einstiegsgehalt der Lokführer von 1970 auf 2500 Euro steigt? (Übersicht über alle übrigen Forderungen findet sich hier)
Soweit ich die Argumentation der GDL und ihrer Befürworter nachvollziehe, basiert sie auf dem Gerechtigkeitsgrundsatz: „Gleiche Leistung soll gleich entlohnt werden“:
- Die Leistung der Lokführer wird geringer entlohnt als die Leistung ihrer Kollegen im westeuropäischen Ausland.
- Die Leistung der Lokführer wird geringer entlohnt als die Leistung der deutschen Arbeitnehmer mit einer vergleichbaren Qualifikation.
- Die Lokführer-Kollegen im westeuropäischen Ausland und die deutschen Arbeitnehmer mit einer vergleichbaren Qualifikation sind alle relevanten Vergleichsmaßstäbe.
- Wenn die Leistung der Lokführer im Vergleich zu allen relevanten Vergleichsmaßstäben zu gering entlohnt wird, so ist die Entlohnung der Lokführer ungerecht. (das ist die Modifikation des Gerechtigkeitsgrundsatzes)
- Ergo: Die Entlohnung der Lokführer ist ungerecht.
Damit ist die Höhe der Forderungen, wie sie von der GDL gestellt werden, noch nicht gerechtfertigt. Bleiben wir aber hier stehen und überlegen uns, ob wir diese Argumentation schlucken sollen.
Bereits die Überprüfung des Wahrheitsgehaltes der ersten Prämisse ist nicht einfach. Die GDL behauptet, dass (1) wahr ist. Leider nennt sie zum Vergleich die Netto-Zahlen – aussagekräftiger wären die Brutto-Verdienste, da es sein könnte, dass die Netto-Unterschiede aus dem deutschen Steuer-und Sozialabgaben-Höhe resultieren.
Die Überprüfung des Wahrheitsgehaltes von (2) ist hingegen viel schwieriger. Was sind deutsche Arbeitnehmer mit einer vergleichbaren Qualifikation? GDL nennt Lokführer anderer Unternehmen – die verdienen in der Tat mehr, der Unterschied würde aber keineswegs eine Erhöhung des Einstiegsgehalts auf 2500 Euro rechtfertigen. Vergleich mit anderen Branchen ist noch schwieriger: Haben Busfahrer eine ähnliche Qualifikation oder Tramführer oder Piloten? Vergleicht man das Fahrpersonal mit Busfahrern, wird sich eine Erhöhung vermutlich nicht rechtfertigen, wenn man sie den Piloten annähert, schon. Aber nach welchen Kriterien soll ein solcher Vergleich stattfinden? Dauer der Ausbildung? Anzahl der Menschenleben, die das Zugpersonal zu verantworten hat? Noch nebulöser wird der Vergleich, wenn wir in ganz andere Branchen schauen: Hat ein Lokführer eine ähnliche Qualifikation wie ein Ingenieur oder eher wie ein Bankangestellter?
Auch die dritte Prämisse ist problematisch. Warum soll man den Lohn der Lokführer mit den Kollegen aus Westeuropa und nicht mit denen aus Osteuropa vergleichen?
Manche zweifeln schließlich auch die vierte Prämisse an: Über Lohnhöhe soll nicht unser Gerechtigkeitsempfinden bestimmen, sondern die Marktmechanismen. Wenn diese keinen höheren Lohn bisher ergeben haben, dann soll es auch keinen höheren Lohn geben.
Fazit: dieses Argument ist nicht überzeugend.
Sind die Forderungen der Lokführer demnach ungerechtfertigt? Wenn dem so ist, muss ein Argument dies begründen. Eins stammt von Marktliberalen:
- Löhne, die die GDL fordert, sind höher als Löhne, die sich auf perfekten Märkten einstellen würden.
- Gleichgewichtslöhne sind Löhne, die sich auf perfekten Märkten einstellen würden.
- Wenn Löhne auf einem Markt höher sind als die Gleichgewichtslöhne, so entsteht Arbeitslosigkeit.
- Ergo: Löhne, die die GDL fordert, sind derart, dass Arbeitslosigkeit entsteht.
Was ist von dieser Überlegung zu halten?
Nun, die erste Prämisse wird die GDL vermutlich hart angreifen und darauf verweisen, dass die Löhne des bei der Bahn angestellten Fahrpersonals geringer sind als die Löhne in anderen westeuropäischen Ländern. Dann wird die GDL vermutlich behaupten, dass die Löhne in den westeuropäischen Ländern eher dem Gleichgewichtslohn entsprechen als die Löhne für die Lokführer in Deutschland, woraus sie schließlich schlussfolgert, dass sie dafür kämpft, dass die Löhne für das Fahrpersonal sich dem Gleichgewichtslohn annähern.
Ob GDL auch mit der dritten Prämisse hadern wird, weiß ich nicht, mir bereitet sie jedoch große Bauchschmerzen. Warum soll (3) wahr sein? Welcher Mechanismus führt dazu, dass Löhne, die höher als die Gleichgewichtslöhne sind, zu Arbeitslosigkeit führen? Wir kennen einen ähnlichen Zusammenhang aus einem beliebigen Markt: Wird auf einem Markt der Preis künstlich auf ein Niveau gesetzt, das höher ist als der Preis, bei dem der Markt geräumt wäre, werden einige Anbieter auf ihren Gütern sitzen bleiben. Im Falle der Arbeitsmärkte sind es die Arbeitnehmer, die ihre Arbeitskraft anbieten und bei zu hohen Löhnen zu Hause bleiben müssen. Doch damit dieser Zusammenhang gilt, müssen auf dem jeweiligen Markt folgende Eigenschaften erfüllt sein: vollständige Information aller Akteure, keine Transaktionskosten (z.B. beim Arbeitsplatzwechsel) und keine Rechtsdurchsetzungskosten, rationale Individuen, vollständiger Wettbewerb (sehr viele Arbeitgeber und sehr viele Arbeitnehmer). Auf dem Arbeitsmarkt für das Fahrpersonal sind die meisten dieser Eigenschaften offensichtlich nicht erfüllt.
Die Prämisse (3) beschreibt zwar korrekt die Zusammenhänge auf perfekten Märkten, aber ich bezweifele, dass wir genug wissen, um ihre Gültigkeit auf aktualen Märkten zu überprüfen. Vielleicht könnte empirische Forschung an dieser Stelle weiter helfen, wenn sie zum einen einen empirischen Zusmamenhang zwischen Lohnerhöhungen und Arbeitslosigkeitszunahme nachweisen könnte und wenn sie zum anderen auch die Kausalität dieses Zusammenhangs erklären könnte. Allerdings ist es mir nicht bekannt, dass diese beide Fragen sich eindeutig geklärt hätten.
Wo stehen wir nun? Sowohl das Argument für die Behauptung, dass die Forderungen der Lokführer gerechtfertigt seien, als auch das dagegen erwies sich nicht als überzeugend.
Was nun? Ich glaube in der Tat, dass es nicht möglich ist, eine gerechte Entlohnung „auszurechnen“ (und die beiden präsentierten Argumente haben das auf ihre Weise versucht). Wir wissen einfach nicht genug, um Auswirkungen von solchen Prozessen wie Veränderung der Lohnhöhe einer Gruppe von Arbeitnehmern bestimmen zu können. Wie sollen wir dann handeln? Es ist eine Entscheidung unter Unsicherheit und vielleicht könnte sie folgendermaßen begründet werden:
- Es ist zu begrüßen, wenn der Lohn der Arbeitnehmer steigt, solange der Anstieg keine negativen Folgen mit sich führt, die den Vorteil aus dem Anstieg überwiegen.
- Wir wissen nicht, dass der Anstieg des Lohnes negative Folgen hat, die den Vorteil aus dem Anstieg überwiegen.
- Wenn es zu begrüßen ist, dass p, und wir nicht wissen, dass p zu negativen Auswirkungen führt, die die Vorteile von p überwiegen, soll p realisiert werden.
- Ergo: Lohnerhöhung der Arbeitnehmer soll realisiert werden.
Ich sehe auch, dass (3) in dieser Allgemeinheit eine recht problematische Behauptung ist. Ich möchte sie trotzdem stehen lassen, weil sie einen bestimmten Gedanken beinhaltet: Die beste Rechtfertigung für die Lohnerhöhung der Lokführer liegt in einer „sozialen Risikobereitschaft“ - diese „Risikobereitschaft“ soll durch (3) zum Ausdruck gebracht werden.
Sind die Mittel der Lokführer zur Durchsetzung ihrer Forderungen gerechtfertigt?
Die Ablehnung gegenüber dem Streik des Zugpersonals seitens der Öffentlichkeit resultiert hauptsächlich aus der Art des Streiks: An einem Ausfall des Zugverkehrs leiden alle, die zu diesem Zeitpunkt reisen müssen. Ist nun die Behauptung rational, dass die Forderungen der GDL gerechtfertigt sind, das Mittel des Streiks hingegen nicht?
Die Lokführer würden dies vermutlich verneinen. Ihr Argument:
- Niederlegung der Arbeit ist die einzige Möglichkeit, die Forderungen der GDL durchzusetzen.
- Die Forderungen der GDL sind gerechtfertigt.
- Wenn A gerechtfertigt ist, und B die einzige Möglichkeit ist, A zu durchzusetzen, ist es richtig, B umzusetzen.
- Ergo: Es ist richtig, die Arbeit niederzulegen.
Ich bezweifele jedoch, dass Niederlegung der Arbeit die einzige Möglichkeit ist, die Forderungen der GDL durchzusetzen. Warum könnte der Streik nicht darin bestehen, dass die Züge fahren, nur das Begleitpersonal es unterlässt, die Tickets zu kontrollieren? Auf den Arbeitgeber würde auf diese Weise kein schwächerer Druck ausgeübt als bei der gewählten Streikvariante. Die GDL hätte aber zusätzlich einen Imagegewinn.