Archiv der 'Unsinn im Feuilleton'-Rubrik

Essentielle Unterschiede

von Matthias Kiesselbach
Montag, 30. Juli 2007

Da Edward Saids Orientalism (Pantheon, New York 1978) — ein locus classicus der postkolonialen Variante der These, dass das Subjekt durch den Blick des Andern beschränkt und bestimmt werden kann — schon seit längerem auf meiner Leseliste steht, fiel mir gestern abend folgender Eintrag im Dictionary of Fashionable Nonsense (Souvenir Press, London 2004) besonders auf:

Orientalism: A discourse about the East (East of the West, obviously) that legitimated and enabled imperialism and colonialism, and that still to this very day allows Western writers to assume the paternalist privileges of the pukka sahib. Any old Smith or Jones can just pick up a pen and write essentialist discourse about people in India or someplace else in the East. Movies, too. It’s odd that it never works the other way — that Indian or Egyptian writers, for instance, never make essentialist or Occidentalist statements about people in the US or UK. But so it is. There is obviously a very basic difference in the nature of the two peoples.

…et pereat mundus

von Matthias Kiesselbach
Dienstag, 10. Juli 2007

Steile Thesen sind manchmal clever und wahr, öfter unvorsichtig und fraglich, meistens jedoch bescheuert und falsch. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie die steile These von Adrian Kreye im Feuilleton der Süddeutschen einzuordnen ist: “Die Verteidigung der Grundwerte ist für eine Demokratie zwingender als die Selbstverteidigung.”

Mich beschäftigt dieser Satz. Wie kommt man auf ihn? Und inwiefern könnte er wahr sein?

Eine Interpretation, die dem Satz zumindest gewisse Chancen gibt, ernstgenommen zu werden, rückt ihn in die Nähe bestimmter Ideen aus der Spieltheorie. Ich denke da an folgendes Szenario: Im berühmten Spiel der nuklearen Abschreckung können wir nur dann bestehen, wenn unser Gegner uns abnimmt, dass wir willens sind, den roten Knopf zu drücken, selbst wenn uns damit unser ganzer Planet um die Ohren fliegt. Hier könnte man (gegeben, dass unser Gegner uns voll durchschaut) sagen, dass uns die Vergeltung wichtiger sein muss als das Überleben. Das ist natürlich unter den meisten Annahmen über unsere Präferenzen ziemlich irrational. Aber wenn unser Gegner es uns abnimmt, dann werden wir am Ende nicht nur überleben, sondern sogar gewinnen. Und das ist doch rational — oder? Ein anderes, etwas gemütlicheres, Beispiel dieser Struktur ist das Einschlafen. Bekanntlich gelingt das manchen von uns partout nicht, wenn sie einschlafen wollen. Sie müssen also etwas anderes wollen, um einschlafen zu können. Dieses andere Ziel (zum Beispiel bis zu einer sehr hohen Zahl zu zählen) müssen sie als “zwingender” behandeln als das Einschlafen. Auch das ist irrational, wenn sie einschlafen wollen. Aber wenn sie damit am Ende einschlafen, ist ein bisschen Irrationalität vielleicht die rationalere Option.

Kann man so etwas über die Demokratie sagen? Die Situation, in der man auf diese Idee kommen könnte, ist eine, in der das Befolgen der Regeln der Demokratie (was auch immer die genau sagen) die Ziele dieser Regeln selbst in Gefahr bringt oder gar völlig verbaut. Adrian Kreye wirft die Frage unpassenderweise im Kontext der Story eines Scientologen auf, dem eine Drehgenehmigung im Bendlerblock verwehrt wird. Aber wir können ja einen passenderen Kontext finden: Nazis im Landtag, zum Beispiel. Oder besser noch: Nazis im Reichstag. Ist da ein Satz wie Kreyes plausibel?

Vielleicht schon. Man könnte auf die Idee kommen zu denken, dass “das Volk” nur dann “herrscht”, wenn es seine Herrschaft selbst abschaffen kann. Ich finde das nicht wahnsinnig überzeugend, aber gehen wir mal ein Stückchen mit. Man könnte sich nun vorstellen, dass ein Nazi daherkommt und vorschlägt, genau das zu tun: die Demokratie abzuschaffen. Wir Demokraten könnten nun Gründe dafür sehen, seine Fähigkeit zu verteidigen, darauf hin zu wirken. Wir müssen uns nicht verpflichtet sehen, ihm zu helfen, aber wir könnten uns verpflichtet sehen, sein Streben zu verteidigen. (Das ist übrigens etwas anderes als das, was Rosa Luxemburg gefordert hat.) Sicher ist dieser Fall nicht vollständig analog zur nuklearen Abschreckung und zur Insomnia. Aber er hat dies mit ihnen gemein: Wir arbeiten in gewisser Hinsicht gegen unsere Ziele, um sie zu erreichen.

Ob Kreye das so gemeint hat? Hm. Dann kriegt er ein “unvorsichtig und fraglich”, würde ich sagen. Oder?

“Ist sie zu stark, bist Du zu schwach.” Neues zur Geschlechterdifferenz

von A. Seelhorst
Montag, 2. Juli 2007

Schafhasen

Letzte Woche noch hatte die ZEIT gewagt, zwei schöne, schillerlockige Jünglinge auf ihr Frontcover zu drucken. Anders als ein paar Wochen zuvor, als nur die anscheinend hochgradig notlüsternde FAZ auf die Idee verfiel, die Titelmänner Deutschlands seriösester Wochenzeitung (Walser + Grass) könnten einander erotisch zugetan sein, meinte sie es nun ernst. Die sollten ein schwules Pärchen darstellen und ihre Situation eigens im Dossier diskutiert werden. Anlass war das CSD-Wochenende, Aufhänger der in der Tat unangenehme Befund, dass sich Homophobie statistisch bei ca. 21% der Bevölkerung - 5% mehr als noch vor zwei Jahren – nachweisen ließe. Na ja.

Irgendwie nett von der ZEIT. Fand auch meine Mutter, die ansonsten das Thema lieber auf sich beläßt, nach der neuen Leseerfahrung aber ziemlich beunruhigt darum bat, dass ich in Kreuzberg auf der Straße ein bißchen vorsichtiger sein sollte, sie hätte ja gar nicht geahnt, dass die Türken so aggressiv seien. Ich weiß gar nicht, ob ich den Islamisten danken soll, dass sie als der gemeinsame Feind herhalten oder der ZEIT, dass sie im Zweifelsfall von den beiden Randgruppen doch lieber die Schwulen als die “schlechtintegrierten Ausländer” unter ihre liberalen Fittiche nimmt. Aber man darf wohl der ZEIT auch nicht zuviel abverlangen, für sie gilt eben als “Anstandsgrenze” das, was ich für den Garanten andauernder Diskriminierung (im wörtlichen Sinne von Unterscheidung) halte: Die Annahme, dass Sexualität sich von selbst verstehe und keiner – gar öffentlichen – Erörterung bedürfe.

In anderen Worten: Die Normalen sind normal, und was die anderen machen, pfui, das wollen wir gar nicht wissen. So erhält sich die Illusion des großen Unterschieds, der aus Partnerwahl und Sexpraktik verschiedene Menschensorten ableitet. Eigentlich wollte ich darüber schreiben, dass man das aufweichen muss, wenn man ernsthaft von einer freieren Gesellschaft reden und Diskriminierung den Boden entziehen will. Und dazu wollte ich abfeiern, wie cool der dänische Künstler Wolfgang Tillmans genau darauf zielte: Als die ZEIT ihm in einem Anflug von Libertinage das ganze Feuilleton zur Gestaltung freigab, wollte er dort einen Artikel über “Das arme Arschloch des Mannes” platzieren, der äußerst fürsorglich ausbuchstabierte, dass der unaufgeklärte Heteromann sich um grundlegende Erfahrungen und viel Vergnügen bringt, wenn er Analsex ablehnt und an seiner sexuell und identitäts-beschränkten engen Weltsicht festhält. Das ging der indignierten ZEIT zu weit, und der Coup fiel der frohlockenden taz zu.

Spaß beiseite – anscheinend muss erstmal auf sehr viel grundlegenderer Ebene gestritten werden. Die aktuelle ZEIT schmückt sich mit einem apfelwangigen Geschwisterpaar, sie rosa mit Puppe, er blau mit Astronaut. Dieser “Unterschied”, so werden wir belehrt sei endgültig unüberwindlich.

Babies

Nun habe ich natürlich überhaupt nichts gegen Mädchen mit Puppe und Jungs mit Mondfahrerträumen. (Kriegsspielzeug, das in dem folgenden Artikel dann durchgängig den Knaben zugeschrieben wird, erfordert allerdings eine andere Diskussion.) Ich habe nicht mal was dagegen, dass es verschiedene Geschlechterrollen gibt. (Nur finde ich die Beschänkung auf zwei unglaublich unzulänglich – ich komme nicht vor! Das würde aber einen eigenen Artikel füllen.) Aber wenn ich in einer meinungsbildenden Alpha-Zeitung lese, “Mädchen, die auswählen dürfen, zwischen einem Auto und einer kaputten Puppe, bevorzugen die Puppe. Sie würden sogar lieber putzen, als das Auto zu wählen.”, dann kriege ich einen Nervenzusammenbruch, einen Wutanfall und das dringende Bedürfnis, den entsprechenden Artikel zu kritisieren.

Zwischen zweitens und drittens habe ich mich mit meiner feministischen Freundin Katharina zum Notfallkaffee getroffen. Die hat mich erstmal mit ein wenig Hintergrundwissen versorgt, das Herrn Straßmanns Artikel in erster Linie noch verwirrender machte. Ihm geht es darum, zu zeigen, dass “alle Versuche, aus Jungen und Mädchen geschlechtsneutrale Wesen zu machen” gescheitert seien und “dass gegen Natur nur ankäme, wer sie akzeptiere.” Das sonderbare spinozistische Freiheitskalkül, das letzterem unterliegt, soll nachher nochmal betrachtet werden. Zum ersten Punkt: was meint er um Himmels Willen mit “geschlechtsneutralen Wesen” und wer hat die zu produzieren versucht? Die Feministinnen, natürlich.

Dieser ganze Artikel reiht sich ein in einen Trend, der schon länger die Feuilletons durchzieht und mir staunendes Unbehagen verschafft: völlig argumentationsarme Deklarationen darüber, was jetzt schon wieder gescheitert sei. Neulich noch Multikulti. Nun der Feminismus, der kurzerhand mit dem Projekt der “Geschlechterdekonstruktion” gleichgesetzt wird. Wie sich den assoziationsartigen Bezügen entnehmen lässt, ist die eigentliche Gegnerin von Straßmann irgendwie in den späten Siebzigern / frühen Achtzigern angesiedelt, trägt lila Latzhosen und betreibt einen Kinderladen. Als solche wird sie aber von “Geschlechterdekonstruktion” noch überhaupt nichts gehört haben, da die Anwendung neostrukturalistischen Vokabulars auf die Kategorie Geschlecht noch gut 10 Jahre auf sich bzw. Judith Butler wird warten lassen. Unsere Laztzhosenträgerin wird dann vermutlich entsetzt die zersetzende Kraft dieser zynischen Lesbe beklagen und sich dazu auf die prominentesten Stränge feministischer Theorie beziehen können – sowohl die anglo-amerikanischen, auf Objektbeziehungstheorie aufbauenden Werke (Chodorow, Gilligan) als auch die französischen, mehr durch Lacan und strukturale Linguistik geprägten Autorinnen (Irigaray, Kristeva, Cixous) wären (so Katharina) ganz einer Meinung mit Herrn Straßmann hinsichtlich des Punktes, dass eine Geschlechterdifferenz existiert und überaus bedeutsam ist. Und abschaffen wollen diese Feministinnen nicht die Differenz (denn damit verlören sie ja ihr eigentliches Objekt, die Frau nämlich), sondern deren historische Hierarchisierung. Wer die Frau aus dem Patriarchat befreien will, träumt nicht automatisch von geschlechtslosen Wesen.

Davon albträumt es aber Herrn Straßmann. Und was kann die Kinderladnerin von vor dreißig Jahren dafür? “Schon in den Siebzigerjahren war eine “naturgewollte” Geschlechterdifferenz für viele unerträglich.”, raunt Straßmann. Das ist ja nun was anderes. Die Idee, dass die Ungleichheit der Geschlechter komplett biologisch codiert wäre, lehnen in der Tat alle ab, die sich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, wenn sie nicht in einen performativen Selbstwiderspruch fallen wollen. Eine neuere Welle der Emanzipationsbewegung, über die selbst in Brüssel Konsens herrscht, versucht Gleichberechtigung über Öffnung von Rollenstereotypen und Abschaffung sexistischer Hindernisse bei der Berufswahl zu befördern. Das Straßmann diese Bemühungen um “gender mainstreaming” als feministischen Versuch männliche Identitäten zu zerstören brandmarkt, entbehrt auch der geringsten Grundlage: Das feministische Anliegen in diesem Zusammenhang besteht ja nur in einer Erweiterung der den Frauen zur Verfügung stehenden Optionen. Dass auch die Männer dabei etwas zu gewinnen haben, ist zum Beispiel die Botschaft des von Straßmann gründlich verteufelten “Dissens e.V.”. Wie er darauf kommt, dass ein gemeinnütziger Verein, der nach dem Vorbild des girl’s day auch boy’s days organisieren will, sich der Ausrottung von Männern verschrieben habe, bleibt rätselhaft.

Ebenso im Dunkeln liegt die Logik, nach der er den anfangs zitierten Satz darüber, dass Mädchen lieber putzen als mit Autos spielen, aus einer Studie, die sich dem Erlernen von Geschlechterrollen widmet, destilliert. Zumal der Autor Hanns Martin Trautner auf seiner eigenen Homepage angibt, “Geschlecht als soziale Kategorie” zu verstehen. Der trägt keine lila Hose, vermutlich nicht mal seine Coautorin Barbara Kirsten, die Straßmann beim Zitieren der Studie vorzog unter den Tisch fallen zu lassen.

Katharina war auch wütend. Katharina hat gesagt, die einzig sinnvolle Lesart dieses Artikels sei die als Protokoll eines Kastrationsfurchtsalbtraums, angefangen mit dem Kinderzimmer, in dem dem Jungen die Waffen weggenommen werden, über den (schwulen?) Projektleiter, der behauptet, der Junge hätte auch eine Scheide, bis zum finalen Auftritt Alice Schwarzers mit dem zweischneidigen Schwert. Erstens: Penisse seien nichts als Klitoriswucherungen. Zweitens: für guten Sex überaus entbehrlich. Da wehrt sich dann das gebeutelte Opfer und erinnert verzweifelt daran, wo oben und unten sei und vor allem wer, wenn überhaupt, einen Komplex habe, denn: “Differenz (…) erzeugt auch Neid. Penisneid ist da nur ein Beispiel. Nur starke Menschen halten die Geschlechterdifferenz aus.”, behauptet Straßmann. Das war natürlich ziemlich fies von Katharina. Fast, als wollte sie eine männliche Identität zerstören.

Ich will jetzt jedenfalls noch mal gucken, worum es dem armen Mann wirklich ging. Das ist etwas schwierig, weil man das Gefühl bekommt, dass er es nicht sagt. Die These, dass erzieherische Veränderung von Rollenbildern misslungen sei, wirft ja sofort die Frage nach dem “Warum?” auf. Die entgegenstehenden Kräfte könnten sowohl sozialer als auch biologischer Art sein und nur im letzteren Falle ergäbe sich demnach die Konsequenz, die Straßmanns polemische Seitenhiebe einzufordern scheinen, nämlich, dass man mit diesen Versuchen aufhören solle. Das “Scheitern” legt er anhand von mehreren Beispielen nahe. Eltern, die verschiedengeschlechtlichen Zwillingen stets die gleichen Optionen geboten hätten, wundern sich darüber, dass das Mädchen immer die “mädchenhaften”, der Junge stets die “männlichen” wählte. Ebenso ergeht es einer sehr bewußten Feministin, die versucht hat, keine spezifische “Weiblichkeit” bei ihrer Tochter zu fördern und trotzdem ein “richtiges Mädchen” hatte.

Selbst, wenn man zugestünde, dass es sich hier um typische Fälle handelt, ist die Auswertung schwierig. Dies sind ja keine Blindversuche unter Laborbedingungen, selbst wenn das mit der infamen Redeweise von “Menschenexperimenten” nahegelegt wird. Selbstverständlich wussten die Töchter, dass sie Mädchen waren, der Sohn, dass er ein Junge war. Bei medizinischen Versuchen werden Ergebnisse sogar schon in Zweifel gezogen, wenn es sich nicht um einen Doppelblindversuch handelt. Allein, dass die Eltern sich des Geschlechts bewußt sind, überträgt sich auf ihre Wahrnehmung der Kinder. Angesichts dessen, dass in unserer Kultur tiefsitzende Annahmen darüber herrschen, was typisch oder “passend” für die jeweiligen Geschlechter ist, und die Kinder beileibe nicht ausschließlich dem Einfluß ihrer Eltern ausgesetzt sind, erscheint es als geradezu unumgänglich, dass sie solche Muster aus ihrer Umwelt übernehmen und sich damit identifizieren. Gerade Beispiele wie das Wählen von rosa Kleidung führen die angeblich biologische Determination ja ad absurdum. Welcher “natürliche” Zweck sollte hinter einer Geschlechterdifferenzierung in rosa und hellblau stehen?

Stiefel

Nach dem Vorstellen dieser Beispielsozialisationen entwirft Straßmann ein allgemeines Schema des Umgangs mit Geschlechterrollen in der Entwicklung. Schon Babys seien in der Lage, Frauen- und Männerstimmen zu unterscheiden, ebenso könnten sie generell erkennen, ob eine fremde Person männlich oder weiblich sei. Und zwar geschähe dies anhand von Kleidung und Haarlänge. Aha. Im Fummel wäre ich für meine kleine Nichte also eine Frau. Da sieht selbst Butler die Geschlechtergrenzen starrer. Im Alter von drei bis sechs Jahren würden sich diese Muster dann verfestigen bis hin zu “naturgesetzartiger Gültigkeit”, um erst im Schulkindalter wieder flexibler zu werden. Und das sei auch gut so, denn, so Straßmann, je fester die Rollenbilder anfangs sind, umso freier sei man dann zu Variationen. Mit Honig fängt man Fliegen, aber ob mich diese Dialektik überzeugt, mag ich nicht zu entscheiden. Heißt das, wer den Code kennt, kann ihn besser parodieren? Aber das können die Entwicklungspsychologen ja mal weiter erforschen.

Unabhängig von den Einzelheiten scheint aber ganz klar vom Erlernen bestimmter kultureller Praktiken die Rede zu sein und nicht vom Ausagieren naturgegebener Anlagen. Straßmann selbst zieht sich am Ende des Artikels dann auch unerwartet auf einen ganz bescheidenen Punkt zurück, nämlich, dass man Prinzessinnen erstmal Prinzessinnen sein lassen soll, sie könnten später immer noch Feuerwehrfrauen werden. Was das mit der anfangs geforderten “Akzeptanz der Natur” zu tun hat, ist so unklar, dass man die Formel getrost beiseite lassen kann. Da könnte man ihm glatt zustimmen. Vorher müssten nur noch die paar gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, die mit dem Geschlecht verknüpft sind und zu solchen Kurzschlüssen führen, wie dass rosa Prinzessinnen von Natur und ganzem Herzen zu Putzjobs neigen, oder keine Jungen sein können, abgeschafft werden. Am Besten über geschlechtsneutrale Kindererziehung.

Kunst vs. Kleingeist

von Matthias Kiesselbach
Samstag, 16. Juni 2007
“Sie zerstören gerade ein Kunstwerk, wissen sie das?”
“Wir handeln im Auftrag vom Arbeitgeber. Das haben wir schriftlich.” [Tagesschau online]

Oh, wie wir das lieben! Die Kunst in der vergeblichen Revolte gegen die Kleingeisterei. Alle Online-Medien, fast alle Sender, die meisten Zeitungen und eine Reihe von Blogs lecken sich die Finger nach einer solchen Story, in der Kleinbürger im Auftrag der Bürokratie das Schöne vernichten.

Die chilenische Künstlerin Lotty Rosenfeld macht aus den Mittelstreifen auf einer Kasseler Straße Kreuze, als Zeichen des Todes, mit denen auf “unterschwellige Formen von Macht und Kontrolle” hingewiesen werden soll. Und die Kasseler Stadtreinigung macht die Kreuze wieder weg. Eine tragische Dialektik, in der die Gedankenlosigkeit siegt, aus der aber die Kunst umso glanzvoller als moralische Siegerin hervorgeht.

Die Künstlerin, die 1979 in Santiago de Chile ihre ersten Kreuze auf der Straße vor dem Präsidentenpalast Pinochets gemalt hat, um gegen die Dikatur zu protestieren, trägt es übrigens mit Fassung. Sie hat ja erstens das Video ihrer Aktion und zweitens das Video der ARD, deren investigative Journalisten die Stadtreiniger mit der Tragweite ihres obrigkeitshörigen Handelns konfrontierten. Außerdem hat sie die Unterstützung der documenta-Pressechefin Catrin Seefranz: “Genau dieser Akt der Repression gehört zu der Arbeit dazu. Und er gibt auch den Grund dafür ab.” [Tagesschau online]

Natürlich verschwindet hier irgendwie die Verschiedenartigkeit der Repression Pinochets und der Repression der deutschen Straßenverkehrsordung im sprachlichen Nebel. Aber wenn es um die unmenschliche Macht des alles durchdringenden Ordnungssystems und um die sisyphusartige Rebellion des freiheitsliebenden Individuums geht - dann sollte man über solche Lappalien wirklich hinwegsehen können.

Unverbesserlich

von Matthias Kiesselbach
Dienstag, 27. Februar 2007

Der verurteilte Terrorist Christian Klar rede sich, so heißt es unter anderem in der FAZ und bei der CSU, um Kopf und Kragen. Mit seinem Grußwort an die bisher recht publicity-arme Berliner Rosa-Luxemburg-Konferenz, aus dem überall eine einzige mittlerweile sehr publicity-reiche Zeile zitiert wird, verbaue er sich seine Chancen auf Begnadigung. Klar erweise sich als „unverbesserlicher terroristischer Verbrecher“ und zeige, dass er alles andere sei als ein „geläuterter Täter“ (Beckstein). Auch CSU-Generalsektretär Söder hält in Anbetracht der schriftlichen Offenbarung Klars eine Begnadigung für ganz und gar ausgeschlossen. Und selbst diejenigen, deren Job etwas anderes als der beherzte Schlag auf die Stammtischplatte ist (Thierse, das baden-würtembergische Innenministerium, die FAZ usw.), scheinen da letztlich einer Meinung mit Söder zu sein. Hoch geht es her im deutschen Feuilleton. Doch mal wieder wird darin so dünn argumentiert, dass es überhaupt keine richtige Debatte gibt, an die man anknüpfen könnte – eher eine Reihe von Reiz-Reaktionen.

Was sagt Klar? Nun, seine berühmte Zeile aus besagten Grußwort, die überall wiederholt wird, fordert uns auf, „die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden.“ Diese für sich genommen eher nebulöse Zeile scheint alle ganz heiß und hippelig zu machen, und sie reicht den meisten Zeitungsberichten als Zusammenfassung der Klarschen Wortmeldung vollständig aus. Naja, warum auch nicht: Der Rest der Wortmeldung liefert ein wenig Kontext, aus dem zu erschließen ist, was die „Pläne des Kapitals“ sind. Es geht, so Klar, um die Verbreitung einer bestimmten politischen und wirtschaftlichen Ordnung, nämlich einer ungerechten und unterdrückerischen kapitalistischen Ordnung. Und das ist natürlich irgendwie nicht erstaunlich. Natürlich geht es Klar darum, die kapitalistische Ordnung und ihre Ausbreitung anzuprangern. Er ist schließlich links. Und da Linke oft ziemlich optimistisch sind, geht es Klar nicht bloß um die Fortsetzung des Kampfes (oder so), sondern eben darum, die „Niederlage zu vollenden“. Also, ich kann dabei ganz ruhig auf meinem Stuhl sitzen bleiben.

Und während ich ganz ruhig auf meinem Stuhl sitze, denke ich: Die Chancen, aus Klars Äußerung ein plausibles Argument gegen seine Begnadigung zu drehen, sind verschwindend gering. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, bestünde darin, Klars Grußwort als Hinweis auf seine fortbestehende Absicht der Ausführung terroristischer Anschläge zu interpretieren. Vielleicht als Hinweis auf eine fortbestehende Zustimmung zu terroristischen Mitteln – darüber bin ich mir nicht sicher. In diesen Fällen könnten wir jedenfalls plausiblerweise hinzufügen: Wer weitere Attacken plant (oder gutheißt, s.o.), der sollte nicht begnadigt werden. Aber mal im Ernst: So etwas kann man dem zitierten Grußwort einfach nicht entnehmen.

Doch alles andere ergibt einfach kein Argument, das auch nur eine Spur von Plausibilität besitzt. Klar ist noch Kommunist. Er will sich für eine kommunistische Zukunft einsetzen. Er benutzt eine Sprache, die sich in der linken Szene eingebürgert hat. Das alles mag irgendwie „aggressiv“ klingen (Beckstein) und den Eindruck von „Verbohrtheit“ machen (Beckstein) und überhaupt ganz lästig und nervig und vielleicht auch ein bisschen doof sein. Gut, vielleicht ist das so. Sicherlich aber hat das alles keinerlei Relevanz für die Frage der Angemessenheit einer Begnadigung.

Vielmehr scheint es mir folgendermaßen zu sein: Wenn all dies gegen Klars Begnadigung sprechen sollte, und zwar mit einem Argument, welches in der Hauptprämisse irgendwie das Wesen der Begnadigung zitierte – dann ist es die Institution der Begnadigung (mit bundespräsidentieller Diskretion), die sich als noch zweifelhafter und unangenehmer erweist, als sie es sowieso schon zu sein scheint. (Notiere: demnächst mal eine kleine Recherche zu den Ursprüngen der Begnadigung machen.) In diesem Fall sollte Klar demnächst ein Grußwort an die Konrad-Adenauer-Konferenz verfassen und darin schreiben: „Übrigens, die Sache mit dem Kapital und der Revolution und so, da hab ich mich einfach geirrt. Sorry nochmal.“ Ob man ihm das dann glauben würde?

 

Christian Klar Darf man so einen aggressiven Mann begnadigen?

Deutschland im Freudentaumel

von Matthias Kiesselbach
Montag, 26. Februar 2007

Oskar geht nach Deutschland.Deutschland ist seit heute der erste Papst, der einen Oskar bekommen hat. Wir gratulieren (uns). Ganz toll gemacht, Deutschland. Hast es mal wieder allen gezeigt.

Wiederverwertung

von Matthias Kiesselbach
Sonntag, 21. Januar 2007

Der hessische Wertekodex

Es sind scheinbar immer die nebulösesten Begriffe, die mit der größten Regelmäßigkeit durch die Pressekonferenzen, Wahlkampfveranstaltungen, Fernsehberichte, und am Ende immer auch durch die Feuilletons geistern.Der neueste große Liebling der redenden und schreibenden Öffentlichkeit ist der schillernde Begriff des “Wertes”. Zwar ist die Diskussion um ihn nicht viel spannender als eine Dauerwerbesendung auf 9-Live, doch kommt man nicht umhin, einen gewissen Respekt vor diesem Begriff zu empfinden, der es in gar nicht so langer Zeit von ganz unten nach ganz oben geschafft hat.

Respekt, denn er hat es nicht nur weit gebracht - er hat dies sogar geschafft, obwohl er völlig unklar und in seiner plausibelsten Interpretation so gut wie leer ist. Ein feines Beispiel des Mysteriums des Begriffes ist Hans Joas’ Buch Die Entstehung der Werte, das zwar einige Versuche der Definition diskutiert, aber letztlich kein Licht ins Dunkel zu bringen vermag. Ich glaube, der Begriff des Wertes kann deswegen so schlecht definiert werden, weil seine Verwendung im politischen Diskurs letztlich mit zwei inkompatiblen Funktionen verbunden ist.

Zum einen wollen wir mit der Rede von Werten so etwas ähnliches wie Sitten oder lokale Eigenheiten benennen. Zwar bedenken wir nicht alle Sitten und Eigenheiten mit dem Begriff des “Wertes”, vielmehr nennen wir so nur solche Sitten oder Eigenheiten, die im weitesten Sinne mit ethischen Vorstellungen oder Haltungen zu tun haben. Auf jeden Fall aber beziehen wir uns mit dem Begriff des Wertes auf ganz partikulare Gebräuche, also auf Dinge, die in unterschiedlichen Orten und Zeiten ganz unterschiedlich sein können.Zum andern aber wollen wir mit dem Begriff des Wertes noch etwas ganz anderes, nämlich etwas durch und durch “Universalistisches”, tun: Wir wollen sagen, dass die Sitte, die wir mit dem Begriff des “Wertes” adeln, per se Respekt und Tolerierung verdient. Per se - also unabhängig von ihrem partikularen Kontext. Indem wir eine Sitte “Wert” nennen, sprechen wir uns dafür aus, ihr Wertschätzung zukommen zu lassen, ob sie nun geteilt wird oder nicht und unabhängig davon, wo oder wie sie in Erscheinung tritt.

Die große Frage ist, ob es wirklich sinnvoll ist, bloß ein Wort für diese zwei ganz unterschiedlichen pragmatischen Funktionen zu haben.

Ich glaube nicht. Und aus einem einfachen Grund: Die Rede von “Werten” nimmt uns zwei ziemlich wichtige expressive Möglichkeiten, nämlich erstens den Verweis auf kritikwürdige ethische Vorstellungen, und zweitens den Verweis auf lobenswerte nicht-ethische Sitten. Die Rede der “Werte” zwingt uns im ersten Fall zu der holprigen Formulierung des “schlechten Wertes” und im zweiten Fall zur fast noch merkwürdigeren Formulierung des “nicht-ethischen Wertes”. Wollen wir diese Formulierungen vermeiden und dennoch nicht den Diskurs der “Werte” verlassen - dann müssen wir schweigen.

Dies, finde ich, ist ein vorzüglicher Grund, den “Werte”-Diskurs zu ersetzen mit einem anderen Diskurs. Und welcher wäre besser geeignet als der etwas altmodische, aber immer noch voll funktionsfähige, Diskurs der “Sitten” einerseits, und der (leider ebenfalls etwas altmodische) Diskurs des “Guten” andererseits. Mit ersterem beziehen wir uns auf lokale Eigenheiten, mit letzterem loben oder tadeln wir sie - oder enthalten uns des Urteils. (Das ist wichtig: Auch zur Enthaltung taugt das Wort “gut” wesentlich besser als das Wort “Wert”!)

Ein interessanter Nebeneffekt dieser vorgeschlagenen Sprechweise wäre es übrigens, dass die gesamte Diskussion um Fragebögen zur Erfassung der Werthaltungen unserer uneingebürgerten Mitbürger als das erkennbar wird, was sie ist: Ein einziges absurdes, aber ausgrenzendes, Nichts. Denn wieso Immigrantenkinder deutsche Sitten auswendig lernen sollen, das ist völlig mysteriös. Ich finde jedenfalls, dass ein Deutschtürke überhaupt nicht wissen muss, dass ein guter Deutscher am Samstagabend “Wetten Dass” guckt - geschweige denn, dass er selber “Wetten Dass” gucken muss. Wenn aber ernsthaft gefordert wird, dass unsere Immigrantenkinder in sogenannten Integrationskursen im Ausländeramt gut und schlecht auseinanderzuhalten lernen - dann, ja, dann wäre der populären Integrationsforderung die Maske entrissen, und ihre Anmaßung wäre offenbar. Vielleicht ist dies der eigentliche Grund, warum wir mit solcher Inbrunst über Werte reden.