Archiv der 'Unkategorisierbarer Unsinn'-Rubrik

Der Streit der Philosophen — Kommentar zu Löw, Bierhoff und Völler

von Christian Voigt
Montag, 19. November 2007

Nirgends in unserer Gesellschaft erfährt die Philosophie eine so hohe Wertschätzung wie im Fussball. Geradezu rühren, wenn nicht begeistern, muss einen die Leidenschaft, mit der deutsche Fussballtrainer über die richtige Philosophie zum Spiel streiten. Herr Löws und Herr Bierhoffs Ruf nach einem sokratischen Dialog am runden Tisch des DFB kommt keinen Moment zu spät, hatte doch schon der Kaiser vor ungefähr einem Jahr seine Ignoranz beklagt: “Ich habe fast alle Philosophen gelesen, von Sokrates, Platon, Hegel, Kant bis zu Konfuzius. Leider ist das verloren gegangen durch den Fußball, ich weiß fast nichts mehr.”

Die Empörung, die die aktuelle Forderung nach einer philosophischen Bildungsoffensive unter deutschen Trainern hervorgerufen hat, lässt nur den Schluss zu, hier sei das Fussballerherz zutiefst in seinem Selbstverständnis getroffen und gekränkt worden.

Ein Mangel an Philosophie? Rudi Völler bekam ob dieses elitären Vorwurfs vor Wut Magenkrämpfe: „Mit Spielern, die Klubs wie Köln, Bayern München, Stuttgart, Bremen oder Bayer Leverkusen ausgebildet haben, kannst du diese Philosophie umsetzen. Die Philosophie für den Spieler Oliver Bierhoff, die musste noch erfunden werden. Brasilianische Spielweise einfordern mit Füßen aus Malta, das geht eben nicht.“

Philosophieren, das wird hier klar, lässt sich nur mit den richtigen Füßen, den richtigen Armen und Beinen. Und noch viel wichtiger: Wirklich “Philosophie umgesetzt” hat am Ende nur, wer auch gewinnt.

Ehrenmorde und Anführungszeichen
Ein paar Bemerkungen zur Distanzierung von Begriffen

von Matthias Kiesselbach
Dienstag, 13. November 2007

Wenn im Namen der Ehre gemordet wird, dann ist in der Presse selten von “Ehrenmord” die Rede. Stattdessen lesen wir fast immer von “sogenanntem ‘Ehrenmord’”. Wir haben es hier mit einem der Fälle zu tun, in denen sich Sprecher von Begriffen distanzieren wollen, die sie aber trotzdem benutzen. Ich nehme die Anführungszeichen um den Ehrenmord hier zum Anlass, einmal zu untersuchen, was es mit der Distanzierung von Begriffen eigentlich auf sich hat.

I. Inadäquate Begriffe

Es ist üblich zu sagen, dass sich Sprecher von einem Begriff distanzieren, wenn sie sich mit seiner impliziten “Wertung” nicht identifizieren. Dies ist allerdings eine zu simple Erläuterung. Ein wenig genauer gesagt wird eine Distanzierung von einem Begriff immer dann notwendig, wenn sich die Anwendungsbedingungen und -konsequenzen, die zusammen den Begriff ausmachen, in ihrer Kombination als praktisch inadäquat erweisen.

Was bedeutet es, dass Begriffe — solche Dinge wie “ist grün”, “ist nett”, “sieht aus wie ein Hund” oder “hat einen miesen Charakter” — verstanden werden können als Bündel von Anwendungsbedingungen und -konsequenzen? Nun, wenn ich weiß, dass unsere Nachbarn einen Rottweiler haben, der Hasso heißt, dann legt mich dieses Wissen auf das Urteil “Hasso ist ein Hund.” fest. Zu den Anwendungsbedingungen des Begriffes Hund gehört also die Wahrheit eines Rottweiler-Urteils, oder auch: aus “X ist ein Rottweiler” folgt “X ist ein Hund”. Wenn ich nun aber mein Hunde-Urteil ausspreche, so lege ich mich damit nicht nur darauf fest, dass Hasso ein Hund ist, sondern unter anderem auch darauf, dass Hasso ein Säugetier ist. Werde ich danach gefragt, so habe ich jedenfalls allen Grund, auch dem Urteil “Hasso ist ein Säugetier” zuzustimmen. Dies ist eine der Anwendungskonsequenzen der Begriffs “ist ein Hund”. Man sieht, dass man die Anwendungsbedingungen auch als einen Teil meiner ”Berechtigungen” bezeichnen kann (denn meine Aussage über Hassos Mitgliedschaft im Club der Hunde berechtigt mich zum genaueren Urteil “Hasso ist ein Rottweiler” — es sei denn, ich habe mich schon auf andere Urteile festgelegt, die damit inkompatibel sind), in den genannten Anwendungskonsequenzen aber “Verpflichtungen” sehen muss (denn wenn ich Hasso einen Hund nenne, so bin ich verpflichtet, ihn auch ein Säugetier zu nennen).

Gegen die Berechtigungen und Verpflichtungen kann ein Sprecher nur auf Kosten seiner eigenen Verständlichkeit verstoßen. Weigert sich zum Beispiel ein Sprecher, der Hasso gerade als Hund bezeichnet hat, dem Säugetier-Urteil zuzustimmen, oder sagt er etwas, wozu ihn die Rede von “Hund” nicht berechtigt — zum Beispiel “Hasso ist nur durch eins und sich selbst teilbar.” — so kann er nicht das gemeint haben, was wir normalerweise mit “Hund” meinen. Vielleicht spricht er eine andere Sprache und meinte mit “Hasso” “sieben” und mit “ist ein Hund” “ist eine Primzahl”. Vielleicht hat er aber auch einfach Quatsch geredet. Letzteres kommt bekanntlich nicht selten vor.

Mit dem hier angedeuteten Verständnis von Begriffen können wir nun sagen, warum wir uns manchmal von Begriffen distanzieren wollen. Denn manchmal geraten verschiedene unserer vielen Begriffe in Konflikte miteinander, sodass wir zu Urteilen getrieben werden, zu denen wir sowohl verpflichtet als auch unberechtigt sind. Wenn das passiert, dann müssen wir uns von mindestens einem der Begriffe trennen, die für dieses Durcheinander verantwortlich sind. Einfache Beispiele dieses Phänomens liefern rassistische Bezeichnungen. Nehmen wir das von Michael Dummett bekannt gemachte Beispiel “boche” — ein abwertendes Wort, mit dem in Frankreich traditionell Deutsche bezeichnet werden. Seinem eigenen Anspruch gemäß muss es immer dann verwandt werden, wenn jemand die deutsche Nationalität hat. Wenn wir also von Peter wüssten, dass er einen deutschen Pass hat, so müssten wir dem Urteil “Peter ist ein boche” zustimmen. Andererseits verpflichtet uns dieses Urteil aber zur Aussage “Peter ist aggressiv und dumm.” Dies gehört zum Witz des Begriffes, so wie es zum Witz des Begriffes “Hund” gehört, eine entsprechende Beziehung mit dem Begriff “Säugetier” zu haben. Dies ist ein Problem, denn wir können uns Situationen vorstellen, in denen wir letzterem Satz nicht zustimmen wollen — aufgrund anderer Dinge, die wir über Peter wissen. (Vielleich wissen wir, dass Peter ein netter und dazu pazifistischer Typ ist.) In dieser Situation erweist sich das Wort “boche” als praktisch inadäquat: Es führt uns von einem wahren Urteil (”Peter hat einen deutschen Pass”) zu einem Urteil, welches wir aufgrund anderer begrifflicher Verpflichtungen ablehnen müssen (”Peter ist dumm und aggressiv.”). Freilich könnten wir in diesem Konflikt auch die Begriffe “dumm” und “aggressiv” umdefinieren (à la: manchmal meinen wir damit nette und pazifistische Typen). In unserem Fall aber ist es ökonomischer, uns vom Begriff “boche” zu trennen. “Peter ist ein boche” ist somit nicht falsch, sondern wegen seiner begrifflichen Inadäquatheit abzulehnen.

II. Wertung als ein Bündel von Begriffskonsequenzen

Begriffe wurden in der Geschichte des Denkens oft abgelehnt und beiseitegelegt. Manchmal in kontroversen Umständen, manchmal leise und kaum bemerkt. “Phlogiston” ist eines der Lieblingsbeispiele der Philosophen; “Hexe” und “Hexerei” ein anderes, “Orgon” ein drittes. Wenn man mich fragt, welche Begriffe die nächsten sind, die verschwinden werden, dann antworte ich: “heilig“, “selig” und sämtliche Sternzeichen-Charaktereigenschaften. Mal sehen, ob ich recht behalten werde.

Wenn wir Begriffe wegen der in ihnen impliziten “Wertung” ablehnen, dann ist das auf jeden Fall bloß ein Sonderfall des hier skizzierten Phänomens. Schauen wir uns ein anderes Beispiel an. Für die Nazis war das Urteil “X ist eine Rassenschande” mit der Verpflichtung zu Urteilen wie den folgenden verbunden: “X ist unbedingt zu vermeiden”, “X muss hart bestraft werden” etc. Diese Urteile sind in Bezug auf Geschlechtsverkehr zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe oder “Rasse” natürlich absurd. Wir lehnen den Begriff der “Rassenschande” also ab, weil wir diese Urteile ablehnen. Genau dies meinen wir, wenn wir sagen, dass wir mit der impliziten “Wertung” nicht einverstanden sind. In einem ähnlichen Zusammenhang wird übrigens von Oscar Wilde erzählt, dass er auf die Frage, ob er blasphemische Akte begangen habe, antwortete: “‘Blasphemy’ is not one of my words.” Das wollen wir auch über den Begriff der Rassenschande sagen: “‘Rassenschande’ ist keines unserer Wörter.” Ähnliches gilt natürlich auch für die rassistischen Bezeichnungen “Neger”, “Japse”, “Kanake” und so weiter.

III. Teilweises Zurückweisen

Allerdings ist es nicht immer so, dass Begriffe vollständig aus dem Gebrauch kommen. Manchmal bleiben Begriffe in veränderter Gestalt im Umlauf. Oft werden diese Begriffe mit Anführungszeichen gekennzeichnet. Dieser Fall kann eintreten, wenn wir nur einige der Beziehungen eines Begriffes ablehnen, andere aber explizit beibehalten wollen — und für das übriggebliebene Bündel begrifflicher Beziehungen noch keinen eigenen Begriff haben. Wir müssen uns dann mit dem alten Begriff arrangieren, aber gleichsam ein Schild dran hängen: “Achtung, ich meine es etwas anders, als ihr vielleicht denkt.”

Ich glaube, “Ehrenmord” ist ein Beispiel dieses Falles. Die Sache ist die, dass uns die Klasse der unter “Ehrenmord” gruppierten Verbrechen tatsächlich interessiert. Wir sind zum Beispiel der Meinung, dass diese Morde besonders fürchterlich und besonders absurd sind. Wir brauchen also ein Wort, um genau sie (und nur sie) aus der Vielfalt der Tötungsdelikte herauszupicken. Kurzum, wir wollen die Anwendungsbedingungen des Begriffes behalten. Andererseits wollen wir die “wertenden” Konsequenzen kappen, die wir durch das Wort der Ehre eingehen. Ehrenmorde sind, so wollen wir sagen, nicht etwa auf besondere Weise zu entschuldigen (wie es die Rede von der Ehre mit sich bringt), sondern sie sind ganz besonders verachtenswert. Kurzum, wir wollen den Begriff zum Umreißen einer Klasse von Phänomenen durchaus behalten, wollen uns aber durch die Anwendung des Begriffes nicht auf entschuldigende oder gar zustimmende Urteile verpflichten. Um dies zu signalisieren, benutzen wir Anführungszeichen und das Wort “sogenannt”.

Man beachte, dass wir dies bei “Neger”, “Kanake” etc. nicht tun müssen. Diese Begriffe schmeißen wir einfach weg; für die Anwendungsbedingungen der rassistischen Terme hatten wir schon immer Wörter, die ohne Anführungszeichen genannt werden können: “Mensch schwarzer Hautfarbe”, “Türke” oder “Deutschtürke” etc.

Auch im Fall von “Rassenschande” brauchen wir keine Anführungszeichen, allerdings aus einem anderen Grund: Wir halten die unter ihm gruppierten Dinge (Geschlechtsverkehr zwischen Angehörigen verschiedener Rassen) für so uninteressant, dass wir den Begriff wegschmeißen können, ohne nach Ersatz suchen zu müssen. In so gut wie keinem wichtigen Urteil brauchen wir einen Begriff zum Umreißen dieser Dinge. (Und wenn doch, dann tut es auch die lange Beschreibung.)

“Phlogiston” ist ein ähnlicher Fall. Wir interessieren uns für das, worauf die Anwendungsbedingungen weisen, überhaupt nicht. Denn wir wissen, dass sie auf ganz unterschiedliche Dinge weisen und dass es daher überhaupt nicht plausibel ist, von einem “Phänomen” zu sprechen, welches “unter” den Begriff fällt. Die Anwendungskonsequenzen von “Phlogiston” erweisen sich jedenfalls bei vielen Einheiten von Phlogiston als total unberechtigt. Wir schmeißen den Begriff daher ebenfalls komplett weg.

Bei “Ehrenmord” ist es anders, denn erstens lässt sich sinnvoll sagen, dass unter dem Begriff bestimmte Einzelfälle gruppiert werden, zweitens interessieren uns diese Einzelfälle — wir brauchen also einen Begriff –, und drittens ist der einzige Begriff, welchen es bisher dafür gibt, mit schlechten Inferenzen belastet.

IV. “Ehre” - Die Sprache der Täter

Freilich könnte man einwenden, dass wir einfach einen neuen Begriff erfinden können, welcher genau die Dinge bezeichnet, die “Ehrenmord” bezeichnet, dabei aber keine entschuldigenden Implikationen hat. Ähnliches haben wir ja auch beim Übergang von “boche” zu “Mensch deutscher Nationalität” getan. Letzterer Begriff verpflichtet im Gegensatz zu ersterem nicht zu “ist dumm und aggressiv”. Das Problem, vor das diese Strategie im Fall des “Ehrenmordes” aber gestellt ist, ist aber, dass der Rekurs auf “Ehre” die einzige Möglichkeit ist, die Dinge herauszupicken, die wir herauspicken wollen. Der Hauptgrund, aus dem wir uns für Ehrenmorde interessieren, ist schließlich ihr spezifisches Motiv. (Es ist, wenn ich es richtig sehen, vor allem das Motiv, welches Ehrenmorde so perfide macht.)

Ohne den Begriff der “Ehre” lassen sich die Anwendungsbedingungen unseres Begriffes schlechterdings nicht angeben. Es ist ein notorisches Problem der Rede über fremde Menschen, dass man zur Individuierung ihrer Motive immer sie selber zu Wort kommen lassen muss. In unserem Fall sind das die Täter. Wie aussichtslos die Suche nach Alternativen ist, zeigt sich ganz gut am “traditional killing” der amerikanischen Presse.

Wie die meisten Menschen in Nordwesteuropa glaube auch ich, dass die ganze Rede von Ehre als moralischem Grund eine ethisch und intellektuell bankrotte Praxis ist. Zumindest die Variante dieser Rede, wie sie von Ehrenmördern angestrengt wird. Allerdings stecken viele, viele Menschen noch tief in dieser Praxis. Solange es Leute gibt, die ihre eigenen Motive mit dem Begriff der “Ehre” angeben, und solange einige von ihnen mit diesem Motiv bis zum Mord gehen — so lange sind wir, so scheint es, in der Verlegenheit, Anführungszeichen benutzen zu müssen.

Dies scheint mir ein Ergebnis unserer Überlegungen zu sein. Anführungszeichen sind eine imperfekte Art der Distanzierung von Begriffen. Es ist eine Distanzierung, zu der wir gezwungen sind, wenn wir Motive von Leuten beschreiben müssen, deren begründende Begriffe wir als praktisch inadäquat ablehnen. Wir benutzen ihre Begriffe, weil wir ohne sie nicht auskommen, denn es geht uns gerade um die mit ihnen gerechtfertigten Taten. Doch wenn wir ihre Begriffe gezwungenermaßen benutzen, wollen wir uns wenigstens — so gut es geht — von ihren Implikationen frei machen. Anführungszeichen sind also, wenn man so will, die Latex-Handschuhe, die wir uns überstreifen, wenn wir gezwungen sind, in schlechten Begriffen zu wühlen.

Rückkehr aus der Hölle der sprechenden Positionspapiere — Redfords “Von Löwen und Lämmern”

von Christian Voigt
Freitag, 9. November 2007

Wie sieht die Hölle des Cineasten aus? Ich kann es euch sagen: Es werden in ihr nicht einfach nur schlechte Filme gezeigt. Der Cineastenteufel ist viel gerissener. Erwartungen wollen geschürt, Hoffnungen geweckt werden, bevor die Qual beginnen kann.

Gestern habe ich diesem unwirtlichen Ort einen Besuch abgestattet. Es wurde gerade ein Propagandafilm ohne Propaganda gezeigt.

“Ein Propagandafilm ohne Propaganda?”, werdet ihr sagen, “Wäre das nicht so, wie ‘Spiel mir das Lied vom Tod’ ohne Schießereien, wie ‘Pretty Woman’ ohne Küsse, wie ‘Casablanca’ ohne Bogart?” Ja, genau so, bloß noch viel schlimmer: Es ist wie ein schlechter Pornofilm ohne Porno.

Der Film hieß “Von Löwen und Lämmern” (eigentlich “lions for lambs”, wobei die Lämmer (ganz anders als bei nietzsche) für “die da oben” und die Löwen, jawohl, für “den kleinen mann auf der strasse” stehen). Dem Cineastenteufel war es in der Gestalt von Robert Redford gelungen Tom Cruise und Meryl Streep zu engagieren. Dann bewarb er den Film als eine “gewagte Kritik” an der US-Politik und hatte so mein Interesse geweckt.

Die ersten fünf Minuten war mir noch nicht klar, worein ich da geraten war. Es fing an mit Hubschraubern. Nicht schlecht, dachte ich. Hubschrauber. Da passiert bestimmt was. Action und so. Aber dann fingen jeweils zwei Leute in zwei Büros an zu reden. Und hörten nicht mehr auf. Und — nachdem zwei Leute da rausgefallen, bzw. gesprungen waren — flog der Hubschrauber einfach weg und kam nicht wieder. Und die zwei Leute lagen im Schnee und taten nichts, außer heldenhaft zu bluten und ab und zu einen Schuß in die Dunkelheit abzufeuern.

Na gut, dachte ich. Dann eben doch keine Action. Dann eben zurück zu den Leuten, die immer noch reden. Was waren das für Leute und wie kamen die zusammen? Das war wahrscheinlich so gelaufen: Der Robert, der Tom und die Meryl trafen sich zum spielen. Der Robert wollte mal Professor spielen. Der Tom wollte schon immer mal Senator sein. Und Meryl, die hatte sich “Journalistin” ausgesucht, weil sie da immer irgendwas in ihren kleinen Block reinkritzeln konnte. Und da der Tom sich Politiker so wie seine Scientologygurus vorstellte und der Robert nicht die geringste Ahnung von der Uni hatte, da er frühzeitig von der Schule geflogen war, erinnert das Ergebnis an den nächsten Kindergarten um die Ecke, wo gerade Indianer, Cowboy, Doktor und Prinzessin gespielt wird.

Na gut, dachte ich wieder, dann eben keine Psychologie, keine Geschichte. Aber immerhin, immerhin… eh…ja, was bleibt denn eigentlich noch? Und dann war es mir auf einmal klar: Die grobschlächtig geschnitzten Figuren, die vollkommen unnatürliche Redeweise, der Gestus der Bedeutsamkeit, das Pathos und die schwülstige Musik: Na, klar, ich saß in einem waschechten Propagandafilm!

Nun konnte ich es mir wieder im Sessel gemütlich machen, denn ich wusste ja was kommt: Ich sollte manipuliert werden. Ich musste nur die Botschaft empfangen. Ich lehnte mich entspannt zurück und wartete.

Aber die Botschaft kam nicht. So oft auch zwischen den beiden Büros und den beiden Blutenden im Schnee hin und hergeschaltet wurde: Es tat sich nichts. Immer wenn es um etwas hätte gehen können, wollte der Film einfach nicht mit der Sprache herausrücken, sondern druckste nur in leeren Phrasen um den heißen Brei herum. Nichts außer Lehrsätzen wie: “Die da oben machen ja doch was sie wollen und sind außerdem korrupt und lügen”, “In Amerika gibt es Probleme (aber welche sagen wir lieber nicht).”, “Im Irakkrieg ist nicht alles so gelaufen, wie es sollte.”, “Irgendwie sind aber auch alle ein bisschen schuld dran”, “nur der einfache Soldat, der das blutend im Schnee ausbaden muss, ist ein echter Held”. Und eine besondere Botschaft an unsere jungen Menschen von heute: “Tu endlich was (z.B.: Blute im afghanischen Schnee oder verteile Antikriegsflugblätter — ganz egal, solange du damit kein Geld verdienst)!”

Tut das dem Film unrecht? Man könnte denken, das Fehlen einer eindeutigen Botschaft weise auf die Vielschichtigkeit und Komplexität des Filmes hin, zweifelsohne ein Qualitätsmerkmal für politische Filme. Aber vielschichtig und komplex wird ein Film erst, wenn man durch die Klischees, Ideologien und Vorurteile hindurchdringt zur dreckigen, ganz konkreten und direkten Wirklichkeit. Ein Film wird nicht vielschichtig und komplex, indem man einen Propagandafilm macht, in dem für alle möglichen Positionen und also für überhaupt keine Position Propaganda gemacht wird. Genausowenig wie eine Dauerwerbesendung dadurch besser wird, dass in ihr auf einmal auch für das Konkurrenzprodukt geworben wird.

Sein prägendstes politisches Ereignis, so erzählt uns Robert Redford in einem Interview der Süddeutschen, sei es gewesen, bei einem Sportfest eine Medaille von Nixon bekommen zu haben. Da ist alles vollkommen falsch gewesen an dem Nixon, das hat der kleine Robert mit seinem politischen Scharfblick sofort gesehen. Nach einem lange Zeit vollkommen unpolitischen Leben, hat er sich nun dran erinnert, dass er diesen politischen Durchblick besitzt. Und die Einblicke, die uns der inzwischen großgewordene Redford ins heutige Washington verschafft, sind von ähnlicher Tiefe, wie damals auf dem Sportplatz.

Nach und nach ließ ich so jede Hoffnung auf eine erlösende Botschaft fahren und ergab mich in die Qual der leeren Floskel. Andere fanden die Worte, die mir fehlen:

The New Yorker: “Lions for Lambs” is most charitably described as Ibsen with helicopters.

The Onion: “These aren’t human beings; they’re sentient position papers.”

Zumindest — und das ist tröstlich — war ich nicht der Einzige.

Ist Osama ein Fascho? — Ein Beitrag zur “Islamo-Fascism Awareness Week”

von Christian Voigt
Mittwoch, 24. Oktober 2007

Osamadolf

Im Normalfall benutzen wir Begriffe genauso naiv, wie wir Fotos benutzen: Wir fragen uns nicht, ob sie die Wirklichkeit “verfälschen”, sondern wir gehen davon aus, dass sie die Wirklichkeit wahrheitsgetreu abbilden. Dabei kann man mit einer falschen Bezeichnung einer Sache genauso unrecht tun, wie mit einer Fotomontage einer Person.

Wenn die Welt unseren fanatischen faschistischen Vorfahren überhaupt etwas zu verdanken hat, dann sind es weder ihre Autobahnen, noch ihre zweifelhaften Ansichten zur Familienpolitik, nein, dann sind es vielmehr die reichen und weltweit genutzten
Möglichkeiten sie als kompromittierenden Hintergrund für eine solche Begriffsmontage zu benutzen. Weltweit verbreitet ist z.B. der einfache Trick, eine verhasste Person an die Stelle von Hitler hineinzumontieren, um auf diese Weise den wahren Charakter dieser Person bloßzustellen. Anders als in der Fotomontage, braucht man in der Sprache dazu keinerlei künstlerische Fähigkeiten. Es reicht ein einfaches Gleichheitszeichen.


Zur Geschichte des Begriffs “Islamofaschismus”

“Islamofaschismus” oder “Islamfaschismus” ist die momentan wohl erfolgreichste derartige Wortmontage. Mit ihr montiert man keine Person in unsere düstere deutsche Vergangenheit hinein, sondern gleich eine ganze Ideologie. Der Begriff und die Analogie, die dahinter steht, sind keineswegs neu. Der Begriff wurde wohl zum ersten Mal 1978 in bezug auf die iranische Revolution verwendet und wurde auch in den 90ern an der ein oder anderen Stelle verwendet. Die eigentliche Karriere des Begriffs begann aber nach dem 11. September im “war against terror”, der von Bushs Strategen nach den ersten Mißerfolgen — propagandistisch klug — bald in “the long war” umbenannt wurde. “But more important than the name of the war - at least to the people fighting and supporting it - is the name of the enemy “, wie William Safire in einem Abriß zur Geschichte des Begriffs in seiner Kolumne “On language” schreibt.

Die Terrorbekämpfer brauchten also einen Namen für ihren Feind. Der Islam? Das war zu allgemein. Al Quaeda? Das war zu speziell. Bush selbst war lange auf der Suche: “Some call this evil Islamic radicalism; others, militant jihadism; still others, Islamofascism. Whatever it’s called, this ideology is very different from the religion of Islam.” Am Ende machte Islamofaschismus das Rennen. Der Begriff bewährte sich derart, dass er es mehrfach bis in die Reden des Präsidenten hinein schaffte. Auch in der Deutschland erfreute sich der Begriff zunehmender Beliebtheit.

Diese Woche macht der Begriff einen neuen Karrieresprung, zu deren Feier der Sprechblasenblog diesem Begriff einen ganzen Artikel widmet: Es ist “Islamo-Fascism Awareness Week“! Dabei handelt es sich keinesfalls um eine neue McDonalds-Aktion, sondern um “the biggest conservative campus protest ever”, wie seine ultrakonservativen Veranstalter behaupten. “The purpose of this protest is as simple as it is crucial: to confront the two Big Lies of the political left: that George Bush created the war on terror and that Global Warming is a greater danger to Americans than the terrorist threat.” Über diese Kampagne machen sich schon andere lustig, deshalb widmen wir uns hier lieber mal der Frage: Was hat es mit diesem Begriff, der derart Furore macht, eigentlich auf sich? Haben wir es hier einfach nur mit einer amateurhaften Begriffsmontage zu tun, die man bei genauerem Hinsehen sofort als solche erkennt?


Die Diskussion um den Begriff

Um den Begriff ist schon seit einiger Zeit eine lebhafte und durchaus komplexe Diskussion in den USA entbrannt. Die Kritiker halten ihn entweder für historisch falsch oder für islamfeindlich. Der Historiker Niall Ferguson brachte das Unbehagen mit diesem Begriff und seiner ideologischen Funktion 2006 in einem Interview auf den Punkt:

“(W)hat we see at the moment is an attempt to interpret our present predicament in a rather caricatured World War II idiom. I mean, “Islamofascism” illustrates the point well, because it’s a completely misleading concept. In fact, there’s virtually no overlap between the ideology of al Qaeda and fascism. It’s just a way of making us feel that we’re the “greatest generation” fighting another World War, like the war our fathers and grandfathers fought. You’re translating a crisis symbolized by 9/11 into a sort of pseudo World War II. So, 9/11 becomes Pearl Harbor and then you go after the bad guys who are the fascists, and if you don’t support us, then you must be an appeaser.” (was mich übrigens an eine ähnliche an den Haaren herbeigezogene Identifikation erinnert)

Die Befürworter verteidigen dagegen den Begriff, weil sie glauben, dass er das eigentliche Wesen der islamistischen Ideologie (nicht des Islams) ausdrücke. Der Begriff sei gerade deswegen nützlich, weil er eine Verharmlosung oder sogar teilweise Rechtfertigung dieser Ideologie unmöglich mache. Die Analogie mit dem 2. Weltkrieg ist deswegen für sie nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern berechtigt: Wer den Islamismus nicht für die Bedrohung unseres Jahrhunderts hält, der ist genauso naiv wie Chamberlain.

Stephen Schwartz, Executive Director of the Center for Islamic Pluralism, war der erste, der den Begriff nach dem 11. September verwendete. In seiner Verteidigung dieses Begriffes betont er, dass er ihn als wissenschaftlichen, nicht als propagandistischen Begriff verstanden wissen möchte:

“Political typologies should make distinctions, rather than confusing them, and Islamofascism is neither a loose nor an improvised concept. It should be employed sparingly and precisely. The indicated movements should be treated as Islamofascist, first, because of their congruence with the defining characteristics of classic fascism, especially in its most historically-significant form — German National Socialism.”

Schwartz rechtfertigt die Gleichsetzung folgendermaßen (erstaunlicherweise fehlt hier der Antisemitismus, die offensichtlichste Parallele):

  • Anhänger beider Ideologien sind bereit “to defy public civility and openly violate the law”, beide Ideologien sind “revolutionär”
  • Die Anhänger beider Ideologien kommen vorrangig aus mittleren Gesellschaftsschichten
  • Beide Ideologien verfolgen imperialistische Ziele
  • Beide sind “totalitaristisch” (was mit “fundamentalistisch” gleichgesetzt wird)
  • Beide sind paramilitärisch
  • Beide unterscheiden sich in diesen Merkmalen wesentlich von nur “authoritären” oder “reaktionären” Diktaturen

Sicherlich der prominenteste Verteidiger dieses Begriffs ist aber Christopher Hitchens, dessen Meinung gerade auch deswegen interessant ist, weil er sich politisch nicht eindeutig zuordnen lässt. Anläßlich der erneuten Diskussion um den Begriff aufgrund der Islamofaschismuswoche sah sich Hitchens genötigt, seine Gründe für die Verwendung des Begriffs noch einmal in “Slate” darzulegen. Hitchens fasst seine Gründe in einem Absatz zusammen, der hier der Übersichtlichkeit halber als Liste dargestellt wird:

  • Both movements are based on a cult of murderous violence that exalts death and destruction and despises the life of the mind. (”Death to the intellect! Long live death!” as Gen. Francisco Franco’s sidekick Gonzalo Queipo de Llano so pithily phrased it.)
  • Both are hostile to modernity (except when it comes to the pursuit of weapons), and
  • both are bitterly nostalgic for past empires and lost glories.
  • Both are obsessed with real and imagined “humiliations” and thirsty for revenge.
  • Both are chronically infected with the toxin of anti-Jewish paranoia (interestingly, also, with its milder cousin, anti-Freemason paranoia).
  • Both are inclined to leader worship and to the exclusive stress on the power of one great book.
  • Both have a strong commitment to sexual repression—especially to the repression of any sexual “deviance”—and to its counterparts the subordination of the female and contempt for the feminine.
  • Both despise art and literature as symptoms of degeneracy and decadence;
  • both burn books and destroy museums and treasures.

Zwei Einwände gesteht Hitchens zunächst zu, um sie dann zu widerlegen: Faschismus basiert erstens auf Nationalismus und zweitens auf Rassismus. Beides lässt sich in dieser Form nicht im Islamismus finden. Allerdings:

  • Das islamistische Kalifat lässt sich durchaus mit den faschistischen Träumen eines Großdeutschlands vergleichen
  • Die strengen Unterscheidungen zwischen reinem und richtigen Glauben und Ungläubigen und die von Al Quaeda unterstützten Völkermorde erinnern durchaus an Rassismus

Hitchens schließt daraus: “This makes it permissible, it seems to me, to mention the two phenomena in the same breath and to suggest that they constitute comparable threats to civilization and civilized values.”


Warum über die falschen Fragen diskutiert wird und was man stattdessen diskutieren sollte

Damit schwächt er die umstrittene These allerdings so ab, dass man fast schon von einem Strohmann reden könnte (natürlich ist auch diese These durchaus noch anfechtbar).

Denn “Islamismus = Faschismus” ist durchaus eine andere Art der Montage als “Bush = Hitler” oder als “Konzentrationslager = Gulag”. Ideologien sind — anders als Personen, die diese Ideologien verbreiten, oder Institutionen, die durch diese Ideologien legitimiert werden — nicht sterblich oder vergänglich. Sie sind in gewissem Sinne zeitlos. Mit der Aussage “Bush = Hitler” wird nicht behauptet, dass Hitler in der Gestalt von Bush wiedergeboren wurde. Das Gleichheitszeichen bedeutet hier nicht Identität, sondern symbolisiert nur die Vergleichbarkeit in Hinsicht auf bestimmte Eigenschaften. Die Aussage “Islamismus = Faschismus” können wir dagegen durchaus ohne Probleme als eine solche Identitätsbehauptung verstehen, als die Behauptung, dass dieselbe Ideologie an anderem Ort, zu anderer Zeit und in anderen Köpfen wiedergeboren wurde. Die Behauptung, dass heute manche Leute im Iran oder in Pakistan im Prinzip dasselbe denken, wie Leute vor 60 Jahren in Deutschland, ist keine Aussage, die wir von vornherein als lächerlich und sinnlos abtun können.

Deswegen müssen die Verteidiger des Begriffs nicht nur die These verteidigen, dass Islamismus und Faschismus in ihren Gefahren vergleichbar seien. Dass man “Islamismus” und “Faschismus” “in einem Atemzug nennen” darf, heißt noch lange nicht, dass man auch “Islamofaschismus” sagen darf. Denn damit behauptet man implizit, dass der Islamismus nur eine bestimmte Unterart des Faschismus sei, so wie der deutsche und der italienische Faschismus Unterarten des Faschismus sind.

Reichen die von Schwartz und Hitchens genannten Gründe für die Rechtfertigung dieser stärkeren These aus? Zwei Dinge müssten gegeben sein, damit wir diese Frage klar und eindeutig entscheiden können. Es müsste erstens eine klare Definition für die Ideologie “Faschismus” geben und zweitens müssten klare Bedingungen gegeben sein, wann eine Ideologie mit einer anderen Ideologie identisch ist oder zumindest wann sie eine Unterart der anderen Ideologie ist. Solange Hitchens und Schwartz keine Antworten auf diese Fragen geben, können sie nicht beanspruchen, ihre These verteidigt zu haben (das gleiche gilt aber auch für ihre Gegner).

Beide Bedingungen sind nur schwer zu erfüllen. Eine klare Definition der faschistischen Ideologie kann nicht darin bestehen, historische Ursachen und Auswirkungen dieser Ideologie aufzuzählen (untere Mittelklasse, paramilitärisch, usw.). Eine solche Definition muss gerade von den historischen Kontexten abstrahieren und sagen, welche Struktur das Denken und Reden von Menschen haben muss, damit man es als faschistisch bezeichnen darf. Herkunft, Erziehung, wirtschaftliche Situation der betreffenden Personen muss dafür vollkommen irrelevant sein. Es zählt nur das, was sie glauben und behaupten, es zählt die logisch-semantische Struktur ihrer Äußerungen.

Was die zweite Bedingung angeht: Wie sollte es hier klare Regeln geben können? Sollen wir Fidel Castro noch als Kommunisten bezeichnen, obwohl er kapitalistische joint ventures zulässt? Sollen wir Gerhard Schröder trotz der Agenda 2010 noch als Sozialdemokraten bezeichnen? Irgendwie sicher schon. Irgendwie anders sicherlich nicht. Es kommt drauf an, wie man es betrachtet. Mehr lässt sich zu solchen Fragen sicherlich nicht sagen.

Angenommen wir legen uns auf folgende Aussagen fest:

  • Der ideologische Kern des Faschismus besteht aus einem nationalen Antisemitismus
  • Eine Ideologie ist mit der anderen identisch, wenn sie im Kern strukturgleich ist
  • Sowohl für den faschistischen Nationalismus, als auch für den faschistischen Antisemitismus, als auch für ihre charakteristische faschistische Kombination gibt es strukturgleiche Entsprechungen im Islamismus

dann, ja dann sind wir dazu berechtigt “Islamofaschismus” zu sagen. Wenn wir an einer dieser drei Thesen aber Zweifel haben, sollten wir es lieber bleiben lassen so zu reden.

Lassen sich diese Fragen eindeutig klären? Wohl kaum, auch wenn wir noch so gute Historiker und noch so geistreiche Intellektuelle fragen. Stattdessen muss man sich damit abfinden, dass es hier einen sprachlichen Spielraum gibt, in dem sich das “richtig” und “falsch” nicht einfach durch eine Überprüfung der Fakten klären lässt. Wo es so einen Spielraum gibt, sollten wir die Entscheidung stattdessen anhand eines ganz anderen Maßstabes treffen: Wir sollten nicht fragen, ob es wahr sei, dass der Islamismus ein Faschismus und Osama ein Fascho sei, wir sollten viel eher fragen, was daraus eigentlich folgen würde.

Wenn sich hier nun zeigt, dass dieser Begriff ausschließlich dazu genutzt wird, um den “war against terror” zu verteidigen, dann müssen wir darüber streiten, ob der “war against terror” gerechtfertigt ist. Ist er das nicht, dann ist der Islamismus auch kein Islamofaschismus (logisch gesehen wenden wir einfach einen modus tollens an). Ist er das, dann spricht nichts dagegen vom “Islamofaschismus” zu reden (allerdings auch noch nichts dafür). So einfach ist das.

Intellektuelle Verfechter des Begriffs wie Hitchens und Schwartz lenken von dieser Frage ab, indem sie den Anschein erwecken, es gäbe klare Anwendungsbedingungen für den Begriff. Man sollte auf diese intellektuellen Ablenkungsmanöver nicht hereinfallen. Ob Osama ein Fascho ist hängt allein davon ab, welche theoretischen und praktischen Konsequenzen das für uns hätte und ob wir diese Konsequenzen akzeptieren wollen. Es ist keine Frage der historischen Wahrheit.

Einige Artikel zum Thema in keiner besonderen Reihenfolge

Ist es moralisch falsch, für Radiohead’s „In Rainbows“ nichts zu zahlen?

von Eugen Pissarskoi
Samstag, 20. Oktober 2007

Radiohead überlässt die Entscheidung, wieviel für das neue Album gezahlt werden soll, den Fans: It’s up to you! Angenommen, ich entscheide mich dafür, nichts zu zahlen und das Album herunterzuladen. Mache ich dabei etwas moralisch Falsches?

Zunächst einmal – da ich die Möglichkeit habe, den Preis zu bestimmen, spricht nichts dagegen, dass ich mich für den Preis von Null Cent entscheide. Ob diese Entscheidung jedoch richtig oder falsch ist, hängt davon ab, wie ich sie begründe: Die Begründung könnte moralisch falsche Prämissen beinhalten, dann ist auch die Entscheidung, die auf dieser Begründung basiert, moralisch falsch. Beispielsweise wenn ich meine Entscheidung damit begründe, dass ich der Band Radiohead aus Vergnügen einen möglichst hohen finanziellen Schaden hinzufügen möchte, so ist diese Rechtfertigung zweifelsohne moralisch nicht akzeptabel. Also: lässt sich eine moralisch akzeptable Rechtfertigung für die Entscheidung finden, nichts für das „In Rainbows“ Album zu blechen?
Diskutieren wir mal ein paar mögliche Begründungen, um zu schauen, wie weit sie uns helfen, unser Portemonnaie mit gutem Gewissen zu schonen:

Zahle, was Du willst

Der einfachste Weg, seine Entscheidung zu rechtfertigen, scheint darin zu liegen, sich auf seinen Willen zu berufen: It’s up to me – also zahle ich das, was ich will! Und ich will das Album für umme!
Das ist jedoch keine gute Rechtfertigung. Sie ist entweder eine Worthülse oder etwas Mystisches. Denn wie stelle ich fest, was ich will? Manchmal dadurch, dass ich mir Gründe überlege, aus denen etwas, das ich will, herbeigeführt werden soll (z. B. ich will zur Uni gehen, weil das der beste Weg ist, um meine Lebensziele zu erreichen). Manchmal dadurch, dass ich eine Empfindung habe, dass ich etwas will: Ich will essen, weil ich Hunger habe. Wie ist es nun im Falle von „In Rainbows“? Wenn wir das Wollen, das Album zu haben ohne zu zahlen, durch Gründe abstützen müssen, so hilft uns dieses Wollen überhaupt nicht weiter. Denn genau nach diesen Gründen sind wir ja auf der Suche. Wenn wir hingegen versuchen, uns auf das Wollen als eine Empfindung zu berufen, so ist total unklar, was wir damit meinen. Was soll das für eine Empfindung sein, nach der ich ein Musikalbum für umsonst haben will? Wie genau kann ich sie verspüren?
Daher ist eine Begründung der Entscheidung mittels des Willens bestenfalls abstrus, aber keineswegs akzeptabel.

Zahle, was es Dir wert ist

Vielleicht bietet der Verweis auf die eigene Zahlungsbereitschaft eine bessere Rechtfertigung für den kostenlosen Erwerb des Albums: Meine Wertschätzung des Albums beträgt Null Euro, deswegen zahle ich nichts dafür. - Wenn es wahr ist, was veranlasst mich dann aber dazu, mir die Mühe zu machen, das Album herunterzuladen? Mit dem Verweis auf die eigene Zahlungsbereitschaft kann man zwar niedrige Preise rechtfertigen, nicht jedoch den Preis von Null. Problematisch ist dieses Entscheidungskriterium übrigens aus der Sicht von wahren Fans von Radiohead: Sie würden materiell arm werden, würden sie wirklich den Betrag ihrer Wertschätzung überweisen.

Zahle den gerechten Preis

Vielleicht hat deswegen Christian, einer der echten Radiohead-Fans, sich eine gewiefte Begründung einfallen lassen, warum er für das Album nichts bezahlt hat: Bei der Menge an Geld, die Radiohead bereits verdient haben, ist es gerecht, für das neue Album nichts zu zahlen.
Diese Überlegung hat jedoch einen Haken: Wenn alle Interessenten so denken und keiner daher zahlt, besteht große Gefahr, dass Radiohead das Experiment doof finden und nie mehr ihre Platten auf diese Weise vermarkten wird. Womöglich werden auch viele andere Bands aus dieser Erfahrung lernen und keine von ihnen wird sich trauen, den Preis dem Publikum zu überlassen.
Der Haken besteht also darin, dass, wenn alle sich an Christians Handlungsprinzip halten, Gefahr besteht, dass die Handlung zu unerwünschten Konsequenzen führen würde. Meist halten wir solche Begründungen für moralisch falsch.

Würfeln

Ich habe mich dafür entschlossen, den Preis für das Radiohead-Album dem Würfel zu überlassen. Würfele ich zwischen 1 und 3, zahle ich nichts. Sonst überweise ich 20 Euro an Radiohead für das Album. So habe ich mich zwar nicht dafür entschieden, nichts zu zahlen, aber dennoch das Album für umme samt gutem Gewissen bekommen.

“Logik” als Kampfbegriff II: Besitzen Radioheadfans ökonomische Vernunft?

von Christian Voigt
Montag, 15. Oktober 2007

Der Vorwurf “unlogisch” oder “unvernünftig” zu sein wird im Alltag allzu häufig mißbraucht, um rationale Diskussionen zu untergraben und Machtansprüche in Diskursen durchzusetzen. Dieser Mißbrauch wird durch irreführende Vorstellungen darüber, was Logik oder Vernunft sei, überhaupt erst möglich. Diese kleine Artikelreihe soll diesen Mißbrauch von “Logik” oder “Vernunft” als Kampfbegriffe näher untersuchen. (Teil I)

radiohead.jpg

Wieviel soll man für Radioheads “In Rainbows” bezahlen? Da Radiohead sicherlich schon reich genug sind fällt die Antwort leicht: Gar nichts. Radioheads Entscheidung den Preis ihres neuesten Albums dem Käufer zu überlassen ist dennoch so außergewöhnlich, dass man Ökonomen damit leicht aus der Fassung bringen kann.

Dani Rodrik ist so einer. In einem Blogbeitrag fragt er: “Has Radiohead gone bonkers?” Um das herauszufinden startete er ein eigenes kleines Experiment über das die New York Times berichtete. Die NYT schreibt süffisant: “‘Has Radiohead gone bonkers?’ He (Rodrik, CV) concluded, ‘Not at all.’ Radiohead will make money. But those who are paying for the download may truly be nuts.”

Der Autor des Artikel kann es einfach nicht verstehen: “People paid for something they could get for free.” Warum bloß? Grek Mankiw, ein weiterer Ökonom, meint, dass dieses Phänomen genau die gleichen ökonomischen Rätsel aufwerfe wie das Trinkgeldgeben in einer Situtation, in der wir uns sicher sein können, dem Trinkgeldempfänger nie wieder zu begegnen.

Sind Radioheadfans verrückt? Handeln sie unlogisch oder unvernünftig, weil sie im Durschnitt 8 Dollar für das Album bezahlen? Die ökonomische Verwunderung führt im NYT Artikel zu der grundlegenden Frage, inwieweit altruistische Menschen rational seien. Damit wird die Diskussion in ökonomisch altbekannte Bahnen gelenkt. Denn auf den Altruismuseinwand hat der Ökonom bereits eine Antwort: Altruismus macht den Altruisten “high”, so wie ein Bungeesprung den Bungeespringer “high” macht. Altruisten handeln also eigentlich egoistisch, oder wie TicTacToe sagen würden “Nur für den Kick für den Augenblick”.

Das ist dann auch die “ökonomische” Erklärung für das Radioheadphänomen: Radioheadfans haben, wie der NYT Artikel folgert, “touchy-feely reasons” (klingt unangenehm und glitischig) Geld zu bezahlen, wo das eigentlich aus “rationaler” Sicht (kühl und solide) nicht nötig wäre. Mal wieder wird der alte Konflikt zwischen unlogischem “Gefühl” und logischer “Vernunft” beschworen.

Es ist ein häufig gehörter Einwand gegen ökonomische Theorien, dass sie nur die eine Seite menschlichen Verhaltens betrachten würden, dass sie den Menschen als durch und durch rationales Wesen beschrieben. Dabei liegt das eigentliche Problem hier an ganz anderer Stelle: Das Problem ist nicht, dass Personen als rationale Nutzenmaximierer angesehen werden. Der Mechanismus der Nutzenmaximierung bei gegebenen Präferenzordnugnen ist derart abstrakt und formal, dass damit so gut wie gar nichts über menschliches Verhalten gesagt wird. Die “touchy-feely reasons” von Radioheadfans sind genauso gut durch diesen rein “rationalen” Mechanismus zu beschreiben, wie die “coldly-brainy reasons” von NYT Autoren. Im ersten Fall müssen wir bloß ganz andere Präferenzen unterstellen als im zweiten Fall. Aber solange diese Präferenzen in den Mechanismus der Nutzenmaximierung hineinpassen (solange sie transitiv sind usw.) dürfen Ökonomen kein Urteil darüber fällen, ob die eine Präferenzordnung rationaler ist als die andere. Sie sind theoretisch überhaupt nicht in der Lage zu einer derartigen Unterscheidung. Dennoch tun sie immer wieder so, als wären sie für diese Bewertung qualifiziert, als wären sie Experten für “unvernünftige” Präferenzen.

Das eigentliche Problem ist also, dass die Ökonomen in den Nutzenmaximierungsmechanismus ausschließlich bestimmte Präferenzen hineinstecken und deswegen auch immer nur bestimmtes Verhalten ausgegeben bekommen: Es sind eben genau die Präferenzen, die im kapitalistischen Geschäftsleben vorherrschen. Daran ist natürlich nichts auszusetzen, solange Ökonomen sich auf die Erklärung dieses Geschäftlebens beschränken. Problematisch wird es aber, sobald sie a) den Anspruch erheben, dass die von ihnen benutzten Präferenzen die einzig “rationalen” Präferenzordnungen seien oder b) diese Präferenzordnungen auch außerhalb des Geschätslebens angewendet werden müssten.

Es ist deshalb auch kein Wunder, wenn Ökonomen vieles in der Welt nicht verstehen können oder wollen. Es ist kein Wunder, dass sie altruistische Motivation erst dann verstehen können, wenn sie sie mit der Motivation identifiziert haben, die auch hinter dem Konsum von Kokain steckt. Das sollte aber nicht unser Problem sein. Wichtig dabei ist bloß eines: Die professionelle Blindheit von Ökonomen sollte man nicht ihrer theoretischen Grundannahme zurechnen, dass alle Menschen rationale Nutzenmaximierer sind, sondern ihrer beschränkten Phantasie, was die Unterstellung von vielfältigen und höherstufigen Präferenzen angeht.

Wenn man das versteht, dann liegt der eigentliche Konflikt nicht mehr in dem Konflikt zwischen “Gefühl” und “Vernunft”, zwischen “logischen” und “unlogischen” Gründen. Die freiwillige Spende für das Radioheadalbum ist dann nicht ökonomisch komplizierter zu erklären, als die Bezahlung des neue Britneyalbums. Wir brauchen den Radioheadfans dafür eben nur ganz andere Lebensideale zu unterstellen als z.B. Herrn Mehdorn, wenn er mit Gewerkschaftlern verhandelt. Ökonomen — das sollte klar sein — sind keine Experten in dieser Art der Unterstellung. Und — was noch klarer sein sollte — welche dieser Lebensideale am “vernünftigsten” sind, darüber können und sollten nicht Ökonomen entscheiden. Das können nur wir selbst entscheiden.

Nichts Grundsätzliches zu dem Zwischenfall in Krümmel

von Eugen Pissarskoi
Sonntag, 15. Juli 2007

AKW

„Die Zwischenfälle [in den Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel] dürften nicht instrumentalisiert werden, um Kernenergie grundsätzlich in Frage zu stellen.“

sagte der schleswig-holsteinische CDU-Fraktionsvorsitzende Johan Wadephul.
Herr Wadephul, natürlich nicht! Grundsätzlich ist die Kernenergie eine tolle Technologie. Die Zwischenfälle liefern lediglich die nötige Prämisse für ein Argument gegen ihre Nutzung:

  1. In den Kernkraftwerken kommt es zu Betriebsstörungen, welche durch eine günstige Konstellation der Umstände nicht zu einer Auswirkung auf den Reaktor geführt haben. (In Krümmel lag beispielsweise der glückliche Zufall darin, dass der Brand sich nicht über Kabeltrassen in den Reaktor ausgebreitet hat. Hier ist noch ein Zufall)
  2. Betriebsstörungen, welche durch eine günstige Konstellation der Umstände keine Auswirkung auf den Reaktor geführt haben, sind Betriebsstörungen, bei denen es durch Zufall nicht zu einem Unfall mit verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt gekommen ist.
  3. Ergo: In den Kernkraftwerken kommt es zu Betriebsstörungen, bei denen es durch Zufall nicht zu einem Unfall mit verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt gekommen ist.
  4. Wenn in den Kernkraftwerken Betriebsstörungen passieren, bei denen es durch Zufall nicht zu einem Unfall mit verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt gekommen ist, dann ist es am besten, auf die Nutzung der Kernkraftwerke zu verzichten.
  5. Ergo: Es ist am besten, auf die Nutzung der Kernkraftwerke zu verzichten.

“Logik” als Kampfbegriff I: Mr. Spock’s “Highly Illogical” — Eine logische Analyse

von Christian Voigt
Dienstag, 26. Juni 2007

Der Vorwurf “unlogisch” zu sein wird im Alltag allzu häufig mißbraucht, um rationale Diskussionen zu untergraben und Machtansprüche in Diskursen durchzusetzen. Dieser Mißbrauch wird durch irreführende Vorstellungen darüber, was Logik sei, überhaupt erst möglich. Diese kleine Artikelreihe soll diesen Mißbrauch von “Logik” als Kampfbegriff näher untersuchen.

“From far beyond the galaxies I’ve journeyed to this place/To study the behavior patterns of the human race/And I find them highly illogical!”

Mr. Spock: Highly Illogical

Außerirdische sind bekanntermaßen unbeirrbare Besserwisser; sie sind felsenfest davon überzeugt, besser über die Menschheit Bescheid zu wissen als wir selbst. Ein besonders nervtötendes Exemplar ist Mr. Spock, der sich bei jeder Gelegenheit genötigt sieht, distinguiert mit der Augenbraue zu zucken und mit der Steifheit eines englischen Butlers anzumerken, wie unlogisch doch mal wieder gerade alles sei.

Man wundert sich schon, dass Kirk so geduldig damit umgeht. Man wünscht sich, dass er ihn einmal beiseite nehmen würde und so etwas sagen würde wie: “Junge, Junge, wenn alle anderen dir als Geisterfahrer entgegen kommen, solltest du vielleicht mal in Erwägung ziehen, ob du auf der richtigen Spur bist…” (Es ist natürlich klar, wie Meister Langohr darauf antworten würde: Er würde sofort damit anfangen, dass auf Vulkan alles besser, weil tausendmal logischer sei, so wie unsere Großeltern sich nicht davon abbringen lassen, dass früher alles besser gewesen und kleine Bären und Tiger sich nicht davon abbringen lassen, dass es Zuhause doch am schönsten sei.)

Leider fehlt dem Herrn Käpt’n aber das Quäntchen Intelligenz den Herrn Spock (der sowas wie sein großer Bruder ist) mal zur Seite zu nehmen. Stattdessen fällt er (und mit ihm die ganze Crew) immer wieder auf die total übertriebene Intellektuellenpose vom Vulkanier herein: Wenn der wieder mit dem Augenbrauenheben und Stirnrunzeln anfängt, dann denkt Kirk gleich, dass hinter dem Logikgelaber ja wohl tieferer Sinn stecken müsste und hält deswegen lieber dümmlich grinsend das Maul. (Man wünscht sich in solchen Momenten Picard herbei)

Noch schlimmer aber wird es, wenn der eingebildete Bescheidwisser auf den Schiffsarzt McCoy trifft. Denn statt dass dieser notorische Dickschädel mal dem außerirdischen Logikscharlatan die Maske herunterreisst, läßt er sich auf einen lächerlichen und vollkommen irreführenden Disput über Logik und die Irrationalität von Gefühlen ein. Nie aber kommt irgendeiner mal auf den Gedanken, Spocks rassistisches und diskriminierendes Urteil über die Menschheit in Zweifel zu ziehen; Der Mann ist außerirdisch, er muß es ja wissen.

Nun kann so eine Haltung in unserer Gesellschaft nicht verwundern. In allen möglichen Kontexten wird der Begriff “Logik” genau auf die gleiche Weise verwendet, wie der dröge Lulatsch von der Enterprise es tut. Nur — von der Zukunft hätte man sich ein bißchen mehr erwartet. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Artikel dazu beiträgt, dass wir aufgrund raumzeitlicher Turbulenzen oder ähnlichem Krimskrams in einem Paralleluniversum landen, in dem Mr. Spock durch die Logikaufnahmeprüfung für den Posten des Wissenschaftsoffiziers auf der Enterprise fällt.

Beginnen wir also mit der Arbeit. Leider wird uns aus der Zukunft kein einziges Zeugnis von Mr. Spocks logischer Expertise überliefert: Keine Habilitation, keine Promotion, kein Buch, kein Paper, ja nicht einmal ein populärwissenschaftlicher Artikel läßt sich zu dem Thema vom Autoren auftreiben. Alles, was uns zur rationalen Kritik seiner steilen Thesen zur Verfügung steht ist ein Beitrag zu einem Genre, das man von einem durch und durch emotionslosen Wesen nicht erwartet hätte: Überliefert ist einzig eine Audioaufnahme profaner Poesie, kein Gedicht, sondern der stümperhafte Versuch, einen Text halbwegs rhythmisch über im Hintergrund laufende primitive Unterhaltungsmusik zu sprechen. (All das sollte uns schon stutzig machen)

Der Song beginnt mit sphärischen Harfenklängen, wie man sie auf der Enterprise wohl allenthalben im Hintergrund hört. Dann setzt Spock ein. Wir dürfen ihn uns vorstellen, wie er an der Hausorgel der Enterprise sitzt und mit spitzem Finger die ersten kläglichen Töne produziert. Dazu spricht er mit einer Stimme aus der seine ganze stupide Überheblichkeit spricht: “From far beyond the galaxies I’ve journeyed to this place/To study the behavior patterns of the human race/And I find them highly illogical”

Man merkt, dass er unbedingt den wissenschaftlich klingenden Begriff “behavior patterns” unterbringen wollte, obwohl der sich beileibe nicht ins Versmaß bringen läßt. (Auch das ein Zeichen für unterschwellige Unsicherheit). Abgesehen davon ist die Einleitung nicht unerwartet: Spock möchte Autorität als Menschheitskritiker gewinnen, also verweist er darauf, dass er von ganz weit weg kommt, wo es keinen einzigen Menschen gibt. Das Schlußmuster ist so klar wie unplausibel: Je außerirdischer ein Wesen, desto besser weiß es über innerirdische Zusammenhänge Bescheid.

Länger hält es Spock nicht aus. Während ein weniger eingebildeter Außerirdischer sich vielleicht noch herabgelassen hätte, ein wenig von sich zu erzählen, so kann es Spock nicht abwarten. Man kann sich richtig vorstellen, wie er innerlich denkt: “Blabla blabla blabla: AND I FIND THEM HIGHLY ILLOGICAL!”

Der einfachen Enterprise-Hausorgel kann man noch zumindest den gescheiterten Versuch zu religiöser Ernsthaftigkeit unterstellen. Doch nun zeigt Mr. Spock seinen wahren Charakter: Während er seine pseudowissenschaftliche These heraustrompetet, müssen wir uns vorstellen, wie er sich von der Hausorgel erhebt und sich für den Rest des Songs zu einer Gruppe leicht- und engbekleideter Enterprisedamen der Marke Uhura begibt, mit denen er nun im Rhythmus der seichten “wilden Beatmusik” (so würde Spock das wohl als Musikkenner bezeichnen) auf alberne Weise mit dem Popo wackelt.

Doch wie sieht nun seine eigentliche Argumentation für die immer wieder auf Neue heraustrompetete These aus? Beginnen wir mit der ersten Strophe: Spock beginnt hier mit einem Beispiel aus dem Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen. Ein Menschenweib behauptet, dass ihr Partner all ihren Vorstellungen eines idealen Partners genüge. “Girl meets boy they fall in love/She says he’s everything she’s dreamed of.” Doch nach der Heirat scheint Madam es sich anders überlegt zu haben, denn zumindest was seine Kämmmethode angeht, ist sie nicht länger zufrieden: “But when they get married before he’s aware/She changes his habits the way he combs his hair.” Der Ehemann scheint sich sehr mit dieser Kämmmethode identifiziert zu haben, denn die Änderung macht ihn zu “someone he’s never been”. Und nun zu guter letzt beschwert sich die Ehefrau, die ihn zu dieser dramatischen Änderung zwang, auch noch dass er sich nicht wie andere Männer verhalte. Und natürlich kann sich Spock nun nicht verkneifen, seinen Senf dazu zu geben: “Now really I find this most illogical!”

Sehen wir einmal davon ab, dass die Wahl dieses absurden (das flache Sprachspiel sei erlaubt: an den Haaren herbeigezogenen) Beispiels alleine schon Beweis genug für die vollkommene Unkenntnis des Autors in Bezug auf “human behavior patterns” ist. Selbst wenn wir dieses Beispiel als paradigmatisch für menschliche Verhaltensmuster akzeptieren fällt auf, dass an diesem Beispiel nichts unlogisch ist.

Spocks Argumentation impliziert, dass eine Person, die behauptet, dass eine andere Person genau so sei, wie sie sich es von einem Partner erwarte, gleichzeitig damit ausschließt, irgendetwas an dieser Person verändern zu wollen. Was ist aber nun, wenn wir es — um das absurde Beispiel fortzusetzen — mit einem Weibchen zu tun haben, das nichts lieber macht, als die Kämmmethoden von seinen Männchen zu ändern? Ein solches Exemplar des homo sapiens wünscht sich natürlich einen Partner, dem seine Kämmmethode sehr wichtig ist. Und es ist klar, dass die Ehefrau nach der Heirat sofort mit ihrer Lieblingsbeschäftigung beginnt. Nichts daran ist irgendwie unlogisch. Es ist höchstens unsympathisch.

Stellen wir uns nun noch vor, dass dieses Weibchen nicht nur auf Männchen steht, an denen sie herumdoktern kann, sondern auch noch will, dass diese ihr möglichst viel Widerstand leisten. Das Männchen lässt aber alles ohne Protest mit sich machen. Also regt sie sich darüber auf, dass er kein richtiger Mann ist. All das ist weder inkonsistent noch unschlüssig. Erneut: Man kann der Dame höchsten vorwerfen, sich über ihren Ehemann getäuscht zu haben und man kann versuchen solchen Menschenexemplaren aus dem Weg zu gehen, wenn einem die eigenen Kämmgewohnheiten lieb und teuer sind.

Nun gut, auch wenn ein Argument für eine These nicht hinhaut, ist damit noch lange nicht die These widerlegt. Wie sieht es mit der nächsten Strophe aus? Spock wechselt nun von der zwischenmenschlichen auf die technische Ebene menschlicher Zivilisation. Er beginnt mit der durchaus zweifelhaften These, dass das Automobil die bedeutendste der menschlichen Erfindungen sei. “Take the case of your automobiles/Greatest invention since man discovered wheels”. In den nächsten Zeilen scheint er diese These begründen zu wollen: “Hydromatic overdrive four-on-the-floor/Pushbutton windows pushbutton doors/Double barreled carborators rush you anyplace.”

All das ergibt kein nachvollziehbares schlüssiges Argument, sondern ist vielmehr eine vollkommen wilkürliche Aufzählung von Autoeigenschaften. Aber akzeptieren wir einmal Spocks These, dass Autos die großartigste Erfindung aller Zeiten seien. Was hat das mit Logik zu tun? Spock gibt uns nur einen spärlichen Hinweis: “But you never can find a parking space” sagt er, eine zweifellos falsche, weil viel zu generelle und unpräzise Aussage, worüber wir erneut großzügig hinweg sehen müssen.

Der Form nach hat es den Anschein, als ob Spock uns erneut eine Inkonsistenz nachweisen wolle. Aber es ist überhaupt nicht einsichtig, warum Autos-Erfinden als Handlung inkonsistent mit Keine-Parkplätze-Finden ist. Wohlgemerkt: Spock will nicht zeigen, dass das Auto keine großartige Erfindung sein kann (denn er glaubt ja selbst aus dubiosen Gründen daran), weil es zu verstopften Großstädten geführt hat. Er will uns auch nicht zeigen, dass wir in mancher Hinsicht gar nicht so toll sind, wie wir vielleicht selbst glauben. Er will uns zeigen, dass wir inkonsistent handeln, weil wir keine Parkplätze finden können, obwohl wir das Auto erfunden haben. Und dieser Inkonsistenznachweis ist eindeutig ein non sequitur.

Zum nächsten Fall. Spock fordert uns wieder auf: “Take the case of modern man/He works all his life gives all he can/Saves all his money works overtime/Pinches every penny banks every dime.” Spock prangert nun also den Materialismus unserer Zeit an (was jeder Provinzpfarrer besser kann). Was ist falsch am Materialismus? “All he can think about is money but you know/That he can’t take it with him where he’s going to go/Now I find that fascinatingly illogical” Was ist hier das Schlussmuster? “Alles wonach man im Leben strebt, das man aber mit dem Tod verliert, sollte man aufgeben.” Spock als Asket mag das gefallen, als rein logisches Schlussmuster kann diese steile These aber kaum durchgehen.

Nun können wir gnädig sein und das Argument uminterpretieren: Stellen wir uns also einen Workaholic vor, der an nichts anderes denkt, als an Geld. Ein solcher Mensch wird nicht bemerken, dass er sein Leben vergeudet. Er täuscht sich darüber, wie man ein gutes Leben führt. Wir können das kritisieren, indem wir kritisieren, dass er die falschen Ideale hat, dass ihm Geld zu wichtig ist, dass er falsche Erwartungen hat. Allein: Die einzige Kritik, die vollkommen unangebracht ist, ist der Vorwurf der Inkonsistenz. Erneut haben wir es mit einem non sequitur zu tun.

Endlich kommen wir zur letzten Strophe, dieses von vorne bis hinten unstimmigen Pamphlets. Spock glaubt seiner wissenschaftlichen Aufgabe nun Genüge getan zu haben. Nun kann er sich selbst stolz auf die Schulter klopfen, die dummen, unlogischen Menschlein verachten und sich selbst für den allergrößten Logiker im Universum halten.

“Now is the time to journey home to tell of what I’ve learned/My people I believe have every right to be concerned/For in spite of computers and advanced psychology/Behavior patterns are still a mystery.”

Dabei könnte man denken, dass Spock seine eigene Unfähigkeit (und die seiner Mitvulkanier) eingesteht. Aber in Wirklichkeit versteckt sich dahinter nur seine zentrale menschheitsfeindliche These: Menschliche Verhaltensweisen sind einfach nicht zu verstehen, weil irgendetwas an den Menschen nicht stimmt.

Schon in der nächsten Zeile gerät Spock aber mit dieser menschenverachtenden These in Konflikt. Denn obwohl er menschliches Verhalten für chaotisch hält, gefällt er sich in der Rolle des Propheten: “I predict the future of this earthly human race/Is that having made a mess of Earth/ They’ll move to outer space.” Und um die Ähnlichkeit zu einem alten, unverbesserlichen Rentner komplett zu machen, fügt er hinzu: “Well there goes the neighborhood/Totally, completely, absolutely, irrevocably, highly illogical” (Auch diese Aneinanderreihung möglichst vielsilbiger, fremdsprachiger Adverbien ist ein weiteres Anzeichen für seine amateurhafte Imitation von Wissenschaftlichkeit.)

Das Ergebnis ist klar, unser Urteil eindeutig: Wir haben es bei Mr. Spock mit jemandem zu tun, der von Logik nicht die geringste Ahnung hat. Nicht nur, dass er nicht in der Lage ist, Begründungen anderer Personen in ihrer logischen Struktur korrekt zu verstehen. Er ist nicht einmal in der Lage, selbst ein halbwegs vernünftiges Argument auf die Beine zu stellen. Der einzige bekannte Versuch, seine berühmte These zu untermauern ist ein jämmerliches Armutszeugnis. Mr. Spock ist ein Scharlatan.

Warum sind bloß so viele Leute auf ihn hereingefallen? Die Erklärung ist einfach: Weil so viele Leute nicht wissen, was Logik eigentlich ist. Stattdessen lassen sie es sich gefallen, dass selbsternannte Experten (mit oder ohne spitzen Ohren) darüber entscheiden, welche Argumente und welche Handlungen als “logisch” und welche als “unlogisch” anzusehen sind. Diese selbsternannten Experten benutzen dann das Prädikat “logisch” einfach nur dafür, um alle schlüssigen Argumente, deren Prämissen und Konklusionen sie für wahr halten, zu den einzig akzeptablen Argumenten zu erklären. Alle schlüssigen Argumente, die ihnen nicht gefallen, deren Prämissen oder Konklusionen sie für falsch halten, werden von ihnen dann als “unlogisch”, “inkonsistent” oder “Fehlschlüsse” gebrandmarkt. Jeder, der solche Argumente vertritt ist dann automatisch eine unlogische, inkonsistente Person, handelt “aus dem Bauch heraus”, “rein intuitiv”, “unvernünftig” oder “chaotisch” und gehört deswegen von jedem vernünftigen Diskurs ausgeschlossen. Es ist klar, dass naive Dickköpfe wie McCoy als Reaktion darauf anfangen die Logik zu beschimpfen und ein Loblied auf die Irrationalität zu singen. Es ist genauso klar, dass sie mit dieser Dummheit die Subversion eines vernünftigen Dialogs nur fortsetzen und vertiefen.

Der Erfolg von Leuten wie Mr. Spock beruht darauf, dass wir es uns gefallen lassen, dass der Begriff der “Logik” immer wieder als Kampfbegriff in Machtkämpfen mißbraucht wird. Dagegen sollten wir uns wehren. Denn Leute wie Mr. Spock sind in Wirklichkeit nichts weiter als arrogante Vollidioten.

Ist Selbermachenkönnen ästhetisch relevant? — Eine mentale Vorbereitung auf den documenta Besuch

von Christian Voigt
Montag, 18. Juni 2007

“Über Geschmacksfragen kann man nicht streiten” sagt der Volksmund. Die meisten Menschen glauben ihm und plappern ihm nach. Folgen tun sie ihm aber zum Glück nur selten: An jeder Ecke wird ausgiebig und mit Genuß über Geschmacksfragen gestritten.

Vielleicht wäre aber diese Freizeitbeschäftigung noch genußreicher, wenn wir dem Volksmund noch weniger Gehör schenken würden (und bitte, bitte ihn nicht zu Wort kommen lassen, wenn man mal eindeutig die schlechteren Argumente hat und einem nichts mehr einfällt). Der Volksmund hat nämlich noch viel mehr auf Lager. Und darunter befinden sich auch durchaus einige ästhetische Schlussmuster, denn anders als wir armen Einzelwesen muss der Volksmund nicht auf Konsistenz achten.

Stellt man sich z.B. in einer Galerie vor ein minimalistisches abstraktes Bild mit einfachen geometrischen Formen, dann trompetet der Volksmund, wenn man ihn nicht gut unter Kontrolle hat, gleich fröhlich aus einem “Das soll Kunst sein? Das kann ich auch!”

Jeder einigermaßen reflektierte Liebhaber von zeitgenössischen Kulturprodukten kann nicht anders, als bei diesem reflexartigen Ausruf innerlich zusammenzuzucken. Wer möchte auf diesen Ausruf schon antworten? Und was sollte es bringen zu antworten, wenn der Volksmund beim nächsten Mal sowieso wieder die Oberhand gewinnt.

Oberflächlich betrachtet liegt diesem Ausruf eine merkwürdige selbstbezügliche Variante des ad hominem Schlussmusters zugrunde. Man könnte es vielleicht so explizieren: “Alles, was ich selbst machen kann, ist schlecht.”

An sich könnte dieses Schlussmuster auch in ganz anderen Bereichen von Nutzen sein: “Dieser Braten soll lecker sein? Das kann ich doch auch selbst kochen!” “Das soll eine freundliche Geste sein? Das hätte ich doch auch machen können!” “Das soll witzig sein? Die Bemerkung hätte doch selbst mir einfallen können!” “Der Typ soll intelligent sein? Da bin ja selbst ich klüger!”

All diese Arten zu schließen würden uns höchst seltsam anmuten. In der Kunst dagegen scheint es das Normalste von der Welt zu sein, jedes Argument mit der Prämisse zu beginnen, dass man selbst der letzte Vollidiot sei. Sobald der Volksmund in Rage über ein primitives Farbgekleckse, einen furchtbaren Lärm, oder einen langweilligen Film gerät, wird das Selbermachenkönnen zum ästhetisch relevanten Ausschlusskriterium.

Findet der Volksmund dagegen mal Gefallen an schlechter Musik, kitschigen Bildern oder geschmacklosen Büchern und wird daraufhin mit einem penetranten Kritiker konfrontiert, der einfach über echte ästhetische Argumente verfügt, so wird auf ganz ähnliche Weise geschlossen: “Nörgeln kann jeder! Versuch doch erst mal selber sowas zu machen, dann wirst du schon sehen, wie schwierig das ist!” Erneut wird hier ad hominem argumentiert, aber diesmal auf klassische Art: “x kritisieren darf nur der, der x selber machen kann”

Diese zwei Arten zu schließen sind das ästhetische Handwerkszeug des Volksmundes und hängen eng miteinander zusammen: Etwas ist dann und nur dann gut, wenn kein Kritiker es selbst machen kann, denn dann ist kein Kritiker berechtigt, es zu kritisieren; und was nicht schlecht ist, das ist gut. Und kein Kritiker, der x nicht selbst machen kann, ist berechtigt x zu kritiseren, weil die einzige mögliche ästhetische Kritik an x darin bestehen würde, dass der Kritiker x selbst machen kann.

Als guter Bildungsbürger verachtet man natürlich solche rüpelhaften Impulse und versucht sich distinguiert auszudrücken. Das führt dann häufig zu einer nur mühsam mit leeren Bildungsbürgerfloskeln übertünchten Sprach- und Verständnislosigkeit. Müssen wir uns derart den Mund verbieten? Oder steckt hinter dem Kriterium des Selbermachenkönnens doch letzen Endes eine rationale, also eine wohlbegründete Ästhetik?

Die einfachste Art, die Herkunft dieser Impulse zu erklären, geht so: Gemälde herzustellen, Musik zu machen, Theater zu spielen — das alles war einmal ein Handwerk, also eine Beschäftigung zu der es keine großartige intellektuelle Bidlung, aber eine lange Ausbildung in Handfertigkeiten brauchte. Aus dieser Tradition heraus ist die Forderung des Nicht-Selber-Machen-Könnens natürlich berechtigt. “Das soll ein Schuhmacher sein? Solche Schuhe kann ja selbst ich machen!”

In einer Hinsicht ist diese Tradition sympathisch: Sie sakralisiert nicht den Begriff der Kunst. Sie erwartet sich keine Erleuchtung, sondern nur solide Handarbeit. In einer anderen Hinsicht ist diese Tradition aber schlicht und einfach katastrophal: Sie profanisiert den Begriff der Kunst derart, dass am Ende nur noch das konsumierbare Endprodukt übrigbleibt. An Kunstausstellungen werden damit dieselben Ansprüche gestellt, wie an einen Erlebnispark: Man will Sensationen sehen!

Dabei ist gerade das die einzige Eigenschaft, die kulturelle Praktiken von reinen Produktionsprozessen unterscheiden sollte: Die Faszination kultureller Praktiken sollte gerade in ihrer spielerischen Offenheit bestehen, sie sollte gerade darin bestehen, dass weder Produzenten, noch Konsumenten wirklich wissen, wohin die Reise geht. Es sollen nicht einfach nur irgendwelche Bedürfnisse befriedigt werden (nach Unterhaltung, nach kultureller Distinktion, nach höheren Weisheiten usw.), auch wenn deren Befriedigung durchaus ein wichtiger Teil der Praktik sein kann. Das Besondere an kulturellen Praktiken sollte gerade darin liegen, aus dem Modus der maschinenartigen Bedürfnisbefriedigung für einen Moment auszusteigen. Das bedeutet auch, für einen Moment auf vollständige Ernsthaftigkeit zu verzichten. All das ist vollkommen handwerksuntypisch. All das kann sehr wohl auch durch etwas erfüllt werden, was wir alle auch selbst zuhause tun könnten, aber es niemals oder zu selten getan haben (z.B. nur noch schwarze Quadrate malen, mit dem Radio Geräusche machen, auf merkwürdige Weise miteinander reden, Leute beleidigen, Leute zum Lachen bringen, Leute provozieren).

Viele Bildungsbürger zucken bei dem “Das kann ich doch auch selber machen!”-Einwand zusammen, weil sie die sakrale Würde der hohen Kunst und der genialischen Künstler verletzt sehen. Das ist aber gerade das Erfrischende, ganz und gar nicht kunstfeindliche dieses Einwurfs. Was viel eher zusammenzucken lassen sollte, ist die stereotype, all zu enge Erwartungshaltung, die hinter diesem Ausruf steckt.

Wie sieht es mit der zweiten Schlussart aus, dem “Machs doch erstmal besser”-Einwurf? Hier hilft es nicht weiter, diesen Einwurf im Kontext der Handwerkstradition zu rekonstruieren. Auch gegenüber einem Schuhmacher ist es durchaus angemessen und sinnvoll, die Qualität eines Schuhes zu bemängeln, auch wenn man nicht weiß, wie es besser geht. Aber so ganz absurd ist dieser Einwand natürlich auch nicht. Er leitet sich vielmehr aus einem ganz allgemeinem normativen Schlussprinzip ab, dem Sollen-Impliziert-Können-Prinzip. Dieses Prinzip besagt, dass man Menschen nur das vorschreiben darf, was auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten bleibt. Einem Nichtschwimmer vorzuschreiben, ein ertrinkendes Kind zu retten, würde z.B. diesem Prinzip widersprechen.

Genauso wäre es sinnlos, von einem Produzenten kultureller Güter eine Qualität zu verlangen, die mit irdischen Mitteln nicht zu realisieren ist. Das ist ganz offensichtlich, wenn es um finanzielle Grenzen geht: Wer von einem brotlosen Filmschaffenden verlangt “In 80 Tagen um die Welt” an Originalschauplätzen zu drehen, von dem kann man durchaus verlangen, dass er doch erstmal darlegen soll, wie so etwas möglich sein soll.

Bloß ist es in den meisten Fällen sehr viel schwieriger, ja fragwürdiger, den “Machs besser”-Einwand auf diese Weise zu rekonstruieren. Denn die unterstellten Modalbehauptungen (also die Behauptungen darüber, was im Bereich des Möglichen liegt) werden meist ziemlich unplausibel sein. Wer einem Rosamunde-Pilcher-Fan Geschmacklosigkeit vorwirft, der ist sich seiner Sache ziemlich sicher, dass es auch besser geht.

Wir können den Machs-Besser-Einwand aber auch noch anders interpretieren: Er weist darauf hin, dass Bilder, Theaterstücke, Filme usw. nicht einfach auf ihren kognitiven Gehalt zu reduzieren sind, sondern dass ihre Bedeutung sich ganz wesentlich durch das Selbermachen und das Mitmachen erschließt. Wenn das mit dem Machs-Besser-Einwand gemeint sein sollte, muss allerdings unterstellt werden, dass der Sprecher selbst über ein derart praktisches Wissen verfügt, eine Unterstellung, die häufig unplausibel ist.

Bei allem Wohlwollen gegenüber der ästhetischen Theorie unseres Volksmundes (deren Existenz dieser selbst vehement abstreitet): Hier läßt sich vieles besser machen. In den meisten Fällen sollten wir mindestens zweimal nachdenken, bevor wir ihn ungefragt zu Wort kommen lassen. Die genuine Qualität eines Gemäldes, eines Theaterstückes oder anderer Kulturprodukte wird nicht durch das Kriterium des Nichtselbermachenkönnens berührt und das Selbermachenkönnen ist nur manchmal, in speziellen Fällen eine Bedingung für eine angemessene Kritik.

Nachtrag:
Einer der Anlässe für diesen Artikel war übrigens ganz documentafremd. Auf dieser Seite eines vulgären Musikliebhabers mit ausgebildetem und ausgezeichneten Geschmack wird ausführlich über die unsägliche Band Linkin Park gestritten. Dabei treffen selbsbekennende Musiknerds voller Verachtung auf erzürnte Teenies, deren musikalischer Horizont von Britney Spears bis 50 Cent reicht. Eigentlich hätte diese Diskussion einen eigenen Artikel verdient (vielleicht kommt das noch). Unter anderem läßt sich hier auch der “Machs besser”-Einwand in seiner klassischen Fassung verfolgen. Aber auch viele andere interessante Phänomene der Alltagstheorie der Ästhetik treten auf.

Nachtrag #2:
Jetzt.de hat ein sehr aufschlussreieches Interview mit Dr. Christian Saehrendt zur documenta unter dem Titel: Kann ich das auch? Der Crashkurs in moderner Kunst. Saehrendt ist Autor des Buches “Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst.”

Sueddeutsche: Weiße Quadrate, Müllskulpturen, Konservendosen: In Museen hängen und stehen lauter komische Dinge. Was macht etwas eigentlich zu Kunst?
Saehrendt: Dass die richtigen Leute es dafür halten. Man kann sich das wie ein Paralleluniversum vorstellen: Es gibt die echte Welt, und es gibt den Planeten Kunst. Wenn die Bewohner dieses Planeten sich darauf geeinigt haben, etwas gut zu finden und in ihrer Welt aufzunehmen, dann ist das automatisch Kunst. Alles was in Museen steht oder hängt, ist automatisch Kunst.

Außerdem kann man hier bei jetzt.de testen, ob man “echte” Kunst und “selbstgemachte” Kunst auseinander halten kann. Ich kann es offensichtlich nicht, meine Trefferquote lag bei 50%…

Über Interpretation VI

von Christian Voigt
Sonntag, 10. Juni 2007

New York Times 10.6.2007:

On Saturday in Rome, the president agreed there should be a deadline to end the United Nations talks, saying, “In terms of a deadline, there needs to be one, it needs to happen.”

But today, less than 24 hours later, Mr. Bush tried to backtrack when asked when that deadline might be.

“First of all, I don’t think I called for a deadline,” Mr. Bush said, during a press appearance with Prime Minister Berisha in the courtyard of a government ministry building. He was reminded that he had.

“I did?” he asked, sounding surprised. “What exactly did I say? I said ‘deadline’? Okay, yes, then I meant what I said.”