Archiv der 'Unkategorisierbarer Unsinn'-Rubrik

Was ist am Fernsehen eigentlich so schlimm? — 10 Kritikmöglichkeiten, die besser sind als einfach nur zu meckern: Teil 3

von Christian Voigt
Dienstag, 1. April 2008

Im ersten Teil habe ich zwischen ästhetischer und politischer Kritik unterschieden und gefordert, dass eine generelle Kritik am Fernsehen den Ansprüchen der letzteren gerecht werden müsste. Im zweiten Teil habe ich sechs Möglichkeiten vorgestellt den Präferenz-Utilitarismus intern zu kritisieren. In diesem Teil werde ich abschließend vier Möglichkeiten vorstellen, den Präferenz-Utilitarismus grundlegender anzugreifen. Alle vier Möglichkeiten basieren darauf, das Prinzip der Selbstbestimmung einzuschränken, um zu verhindern, dass die Präferenzen der Zuschauer als unkritisierbar und gegeben vorausgesetzt werden:

Selbstbestimmungsgebot
Jeder ist seines eigenen Wohles alleiniger Richter.

Die Schwierigkeit besteht darin, dieses Prinzip einzuschränken ohne damit zugleich paternalistisch festzulegen, was gut und was schlecht für eine Person ist. Stattdessen müssen die Präferenzen weiterhin zählen. Sie müssen bloß irgendwie anders zählen als bisher.

Lassen sich Präferenzen kritisieren?

Um das Problem deutlicher zu fassen: Wir haben zwei Zustände: In z1 schaut ein Zuschauer z.B. nur Casting-Shows ist damit aber voll und ganz zufrieden, weil er gar nichts anderes schauen will. In z2 schaut derselbe Zuschauer nur noch Nachrichtensendungen ist damit aber genauso zufrieden, weil er nichts lieber als Nachrichtensendungen sehen will. Warum sollte nun z2 besser sein als z1, wenn der Grad der Zuschauerzufriedenheit doch in beiden Zuständen gleich ist?

Solange man den Paternalismusvorwurf akzeptiert, kann man nicht einfach die Zuschauerpräferenzen ignorieren und die Sendungen in z1 direkt kritisieren. Stattdessen müssen wir Gründe finden, warum die Präferenzen des Zuschauers in z2 für ihn selbst in irgendeinem Sinn besser sind, als die in z1. Jon Elster unterscheidet drei Möglichkeiten auf eine solche Weise Präferenzen zu kritisieren: rückwärts, aufwärts und vorwärts gewandte Kritik. Dieser Kategorisierung möchte ich hier folgen.

Möglichkeit 7: Konsens statt Konflikt

Kritik: Vorwärts gewandte Kritik lehnt die einfache “Addition” (Aggregation) der Präferenzen unterschiedlicher Personen ab, weil sie im Normalfall dazu führt, dass manche Personen das Ergebnis mehr präferieren als andere. Statt derartige Präferenzkonflikte in einer Gesellschaft als unvermeidbar und das Ergebnis der Aggregation als die politisch beste Option zu akzeptieren, dürfen derartige Präferenzkonflikte immer nur der Ausgangspunkt einer rationalen politischen Konsensfindung bilden, im Laufe derer die Teilnehmenden ihre Präferenzen nach und nach aneinander angleichen müssen.

Dieser Gedanke lässt sich durchaus auf die Diskussion um das Fernsehen übertragen: Die Ausrichtung des Programms anhand der Einschaltquoten führt dazu, dass viele mit dem Fernsehprogramm höchst zufrieden sind, es aber andererseits auch viele gibt, die vor Wut über das Fernsehprogramm den Fernseher am liebsten aus dem Fenster schmeißen würden. Das kann nicht einfach als unvermeidlich akzeptiert werden, sondern dieser Konflikt muss durch eine offene Debatte zwischen allen Parteien beigelegt werden. Das optimale Fernsehprogramm kann erst am Ende eines solchen Diskurses bestimmt werden.

Beurteilung: Diese Art der Kritik bleibt allerdings aufgrund ihrer Metaperspektive inhaltsleer: Sie greift nicht wirklich inhaltlich in die Diskussion um das Fernsehen ein, sondern rechtfertigt nur eine solche Diskussion (und ihre Möglichkeit). Welche Argumente innerhalb einer solchen Diskussion für oder wider bestimmte Präferenzen gebracht werden können, sagt die Theorie uns aber nicht. Dafür müssen wir auf die anderen, von Elster beschriebenen Optionen, zurückgreifen.

Möglichkeit 8: Höherstufige und ruhende Präferenzen vs. einfache und aktive Präferenzen

Kritik: Präferenzen können mithilfe höherstufiger Präferenzen nicht-paternalistisch kritisiert werden. Höherstufige Präferenzen sind Präferenzen für einfache Präferenzen. Ich kann z.B. die höherstufige Präferenz haben, Gemüse lieber als Schokolade zu mögen, auch wenn ich zugleich de facto Schokolade lieber mag. In unserem Fall heißt das: Z2 kann gegenüber z1 als Fortschritt bewertet werden, wenn der Zuschauer sowohl in z1, als auch in z2 eine höherstufige Präferenz hat, in der die Präferenzordnung in z2 gegenüber der in z1 bevorzugt wird.

Man könnte auf diese Weise also z.B. so argumentieren: “Eigentlich möchte doch niemand sehen, wie Castingkandidaten sich durch zynische Jurymitglieder wie Dieter Bohlen erniedrigen lassen, denn eigentlich will doch niemand Freude an der Erniedrigung und am Leiden anderer Menschen haben.” Oder so: “Eigentlich möchte doch niemand nur deswegen bestimmte politische Präferenzen haben, weil diese Präferenzen unterschwellig in Talkshows verbreitet werden.”

Alternativ könnte man hier auch von “ruhenden” einfachen Präferenzen ausgehen: Präferenzen, die für eine Person (mental, psychisch) sehr wichtig sind, die sich aber dennoch nicht auf ihr Verhalten auswirken. Auch solche Präferenzen sind für eine Nutzenrechnung relevant (weil es hier um eine Bewertung und nicht um die Erklärung oder Voraussage von Verhalten geht).

Beurteilung: Aussicht auf Erfolg hat eine solche Kritik nur, wenn sie sich auf höherstufige Präferenzen beruft, die sich aus einem impliziten und zugleich rationalen Grundkonsens in unserer Gesellschaft ableiten lassen. Es muss hier also um Grundwerte unserer Gesellschaft gehen, die in allen sozialen Schichten anerkannt sind. Zwei vielversprechende Grundwerte lagen den beiden angeführten Beispielen zugrunde: Dem ersten Beispiel lag das höherstufige Prinzip zugrunde “Es ist falsch, sich am Leiden anderer Menschen zu erfreuen”, dem zweiten Beispiel das Prinzip “Eine Präferenzordnung, die Ergebnis autonomer Meinungsbildung ist, sollte man gegenüber einer Präferenzordnung, die es nicht ist, bevorzugen.”

Beide Prinzipien können wir wahrscheinlich als Konsens voraussetzen. Für beide Prinzipien gilt aber: Es besteht kein Konsens darüber, was als “Leiden” oder als “autonome Meinungsbildung” akzeptiert werden sollte. Zählt es wirklich schon als “Leiden”, wenn Menschen sich selbst der Lächerlichkeit preisgeben? Darf man sich nicht über sie lustig machen? Noch schwieriger wird es, wenn das zugefügte Leid subtilerer Art ist. Ist es z.B. gerechtfertigt, die Teilnehmerinnen von Schönheitswettberwerben als Opfer zu bezeichnen? Wird hier “Leiden” verursacht?

Für das Autonomieprinzip kann man dieses Problem vielleicht umgehen, denn hier können wir uns rechtfertigen: Wir erkennen als außenstehende Beobachter besser, wo die Autonomie bedroht ist, gerade weil sich Manipulation immer nur von außen erkennen lässt. Die Manipulationskritik lässt sich auf diese Weise auch gegenüber den Manipulationsopfern rechtfertigen, sofern sie ihre eigene Neutralität beweisen kann. Dazu müssen wir allerdings inhaltsneutrale überzeugende Maßstäbe dafür finden, wann Präferenzen nicht auf autonome Weise entstanden sind. Beide anderen Kritikarten (aufwärts und vorwärts) basieren also letzten Endes auf dieser Art der Kritik, der “rückwärtsgewandten” Kritik.

Möglichkeit 9: Keine adaptiven Präferenzen

Kritik: Jon Elster “rückwärtsgewandte” Kritik am Präferenz-Utilitarismus fusst genau auf dem bereits genannten Prinzip: Autonomie ist wichtiger als die einfache Nutzenmaximierung. Wenn x in s1 unter nicht-autonom entstandenen Präferenzen leidet, in s2 dagegen nicht, dann ist s2 besser für x, auch wenn x in s1 das selbst nicht so sieht. Angenommen wir können diese Autonomiepräferenz voraussetzen, dann stellt sich die Frage, auf welche Weise Präferenzen entstanden sein müssen, damit sie dieser Anforderung genügen. Zwei der wichtigsten Bedingungen autonomer Präferenzbildung sind sicherlich, dass die Präferenzen nicht i) adaptiv oder ii) manipuliert sind.

Eine Person leidet genau dann unter adaptiven Präferenzen, wenn sie ihre Präferenzen unbewußt immer so anpasst, dass sie die gegenwärtige Situation vor anderen Situationen präferiert. Fernsehzuschauer mit adaptiven Präferenzen sind Zuschauer, die sich kein besseres Fernsehen wünschen, weil sie kein besseres Fernsehen erwarten. Gäbe es ein anderes Fernsehen, wären sie erneut genauso zufrieden wie bisher. Dass diese Zuschauer nicht abschalten lässt sich nicht als autonome Zustimmung zum jeweiligen Programm werten, sondern nur als Folge ihrer Präferenz-Anpassung.

Beurteilung: Nehmen wir einmal an, die Adaptionsthese sei wahr. Was würde für die Bewertung des Fernsehprogramms folgen? Zunächst wäre es nicht länger möglich, die Einschaltquoten als Bewertungsgrundlage zu verwenden, da sie durch adaptive Präferenzen verzerrt wären. Offen ist damit allerdings immer noch, wie das Fernsehprogramm gestaltet werden sollte. Eine Forderung lässt sich allerdings formulieren: Das Fernsehen sollte die Entstehungsgefahr adaptiver Präferenzen minimieren. Das wäre z.B. durch eine höhere Vielfalt möglich: Den Zuschauern wäre dann durch den Abwechslungsreichtum gar nicht die Möglichkeit gegeben, ihre Präferenzen an das Programm anzupassen.

Eine spezifische Kritik bestimmter Sendeformate ist aber mit der Adaptivitäts-Kritik nicht möglich. Sie erweitert also kaum die Möglichkeiten, die man auch schon innerhalb des nutzentheoretischen Rahmens hatte.

Möglichkeit 10: Keine Manipulation!

Kritik: Damit kommen wir zur zweiten Bedingung: Die Präferenzbildung einer Person ist nur dann autonom, wenn sie nicht das eindeutige Ergebnis fremdgesteuerter Manipulation ist, d.h. wenn die Entstehung dieser Präferenzen a) Ergebnis einer exogenen Präferenzproduktion ist und sich die betroffene Person b) dieses Produktionsmechanismus nicht bewusst war oder sich damit nicht kritisch auseinander gesetzt hat.

Gegen das Fernsehen lassen sich vielfältige Manipulationsvorwürfe erheben. Die meisten dieser Vorwürfe sind prima facie plausibel, aber empirisch schwer nachweisbar. Es lässt sich zwar durchaus belegen, dass manche Fernsehsendungen bestimmte Werte, Einstellungen, Verhaltensweisen vermitteln. Schwerer ist es hingegen die nachhaltige Wirkung auf den Zuschauer zu beurteilen: Verändert er seine Überzeugungen, seine Verhaltensweisen, seinen Charakter durchs Fernsehen?

Wenn man einmal die Manipulierbarkeit des Zuschauers voraussetzt, dann lassen sich vielfältige Formen der Manipulation beschreiben:

Kaufentscheidungen:
Die offensichtlichste Präferenzproduktion im Fernsehen geschieht durch Werbung und Schleichwerbung. Kaum einer gesteht sich selbst ein, dass das eigene Kaufverhalten in konkreten Fällen durch Fernsehwerbung beeinflusst wurde. Dennoch würde die milliardenschwere jährliche Investition von Firmen in Fernsehwerbung nur schwer zu erklären sein, hätte sie nicht genau diesen Effekt auf viele Fernsehzuschauer.
Politische Überzeugungen:
Subtiler wird es bei der politischen Berichterstattung. Aber auch hier gibt es eindeutige Beispiele, besonders in den USA: Der konservative Nachrichtensender Fox, aber auch der eher demokratenfreundliche Sender MSNBC verwenden eindeutig manipulative Methoden bei der Berichterstattung. Die Manipulation ist hier allerdings bereits derart offensichtlich, dass sie vom Zuschauer kaum ignoriert werden kann. Insofern ist es treffender hier von “Selbstmanipulation” sprechen: Man wählt den Nachrichtensender, der einem die Welt so präsentiert, dass man in seinen eigenen Vorurteilen nur noch weiter bestärkt wird.
Norm des Normalen
Noch subtiler wirkt Fernsehen, wenn Lebensideale, Lebenseinstellungen und Weltbilder vermittelt werden. Eine solche Wirkung kann z.B. entstehen, wenn nur das gezeigt wird, was als normal gilt oder was “normale” Menschen für erstrebenswert halten (z.B. heterosexuell, deutschstämmig, physisch und psychisch gesund zu sein und Arbeit, Familie und ein Auto zu haben). Wenn Obdachlose, Arbeitslose, Homosexuelle, Ausländer, Behinderte, psychisch Kranke, Kriminelle, Drogenabhängige im Fernsehen nur als Zerrbild aus der Perspektive der “Normalen” gesehen auftauchen, dann entfaltet das Fernsehen eine manipulative Wirkung, die zur Ausgrenzung und Mißachtung von Minderheiten führen kann.
Selbstoptimierung:
Eine andere Form der Manipulation entsteht, wenn das Fernsehen nicht einmal mehr die Normalität der Mehrheit darstellt, sondern nur noch eine idealisierte Traumwelt der Reichen und Schönen imaginiert. Die Normen die dann vermittelt werden sind nicht mehr die des “Normalseins”, sondern die der ständigen Selbstoptimierung: Schön-Sein, Reich-Sein, Beliebt-Sein wie die Klischee-Menschen im Fernsehen. So werden falsche Erwartungen an romantische Liebesbeziehungen, an familiären Zusammenhalt, aber auch an politische Institutionen geweckt, ohne dass die Ursachen des Auseinanderklaffens von Realität und Traumwelt thematisiert werden. Das führt dann zur Frustration: Wer nicht perfekt ist, mit dem ist dann eben einfach irgendetwas nicht in Ordnung.
Selbstvermarktung:
Im Affektfernsehen der Nachmittags-Talkshows, in Casting- und Reality-Shows wird längst nicht mehr allein das “Normale” oder die “heile Welt” gezeigt. Vielmehr werden gerade auch die Abnormitäten, das Absonderliche und Kaputte zur Schau gestellt, in einer Art, die an die Gruselkabinette der Jahrmärkte früherer Zeiten erinnert. Es scheint so, als sei das Fernsehen hier zynisch geworden: Es verzichtet darauf, Normen oder Werte zu vermitteln und hat es nur noch auf die Aufmerksamkeitserregung abgesehen. Doch diese Reduktion auf die Währung “Aufmerksamkeit” vermittelt selbst wieder eine Norm: Die vielfältigen Formen der Selbstvermarktung im Fernsehen, der rücksichtslosen Verwendung der eigenen Person als Marke, als Einsatz im Wettbewerb um Anerkennung oder auch nur Aufmerksamkeit im Fernsehen vermitteln selbst ein neues Ideal. Nichts ist hier mehr heilig: Selbst das Privateste wird hier noch offen angeboten, wird hier noch im Bieterwettbewerb um Aufmerksamkeit als Zahlungsmittel eingesetzt. Gerade dadurch, dass hier kein Wert außer dem der Aufmerksamkeit mehr zählt, wird der Zuschauer dazu erzogen sich selbst nur noch anhand des eigenen Marktwertes zu beurteilen.


Beurteilung:
Die Manipulationskritik bietet sicherlich umfassendere Möglichkeiten als alle anderen bisher vorgestellten Arten der Kritik. Es kann nicht nur die fehlende Vielfalt, die Ausrichtung an den Einschaltquoten kritisiert werden, sondern es ist darüber hinaus möglich einzelne Sendungen detailliert für ihre spezifischen Formen der Manipulation zu kritisieren. Genauso lassen sich spezifische Richtlinien aufstellen, wie Fernsehen zu sein hat, um möglichst wenig zu manipulieren.

Solange wir den Zuschauern die oben beschriebene Autonomiepräferenz unterstellen können, ist diese Kritik auch gegen den Paternalismusvorwurf geschützt. Diese Autonomiepräferenz kann aber natürlich durchaus infrage gestellt werden. Lassen sich Zuschauer nicht freiwillig manipulieren? Wollen Sie nicht durch parteiische Berichterstattung oder Kitsch manipuliert werden? Muss Fernsehen nicht zu Zwecken der Unterhaltung, Stimulation und Entspannung manipulativ sein? Die Manipulationskritik muss also a) sehr starke Kausalthesen vertreten, b) eine sehr starke Manipulationsaversion unterstellen. Beides wird nur in Sonderfällen unwidersprochen bleiben.

Fazit

Es ist schwieriger, das Fernsehen zu kritisieren, als einen das eigene Bauchgefühl häufig glauben lässt. Denn als politische Kritik muss eine generelle Fernsehkritik auch die Bauchgefühle der anderen Zuschauer respektieren. Dennoch ist eine solche Kritik nicht so aussichtslos, wie es die Produzenten der kritisierten Sendungen gerne hätten. Auch wenn man das Gleichberechtigungsgebot beachtet und den Paternalismusvorwurf vermeidet, bleiben genügend Möglichkeiten der Kritik. Keine der hier vorgestellten 10 Möglichkeiten ist ohne Schwachstellen. Teilweise sind empirisch ungesicherte Kausalthesen nötig, teilweise unplausible psychologische oder soziologische Annahmen. Und manch eine Kritik ist weniger schlagkräftig als es zunächst schien: Teilweise folgt aus der Kritik nur eine vage Forderung nach mehr Vielfalt oder Experimentierfreudigkeit.

Wie eine rationale Diskussion um das Fernsehen ausgehen würde, ist deswegen vollkommen offen. Es ist überhaupt nicht gesagt, dass am Ende überhaupt noch etwas von der Kritik übrigbleiben würde. Und damit nicht genug: Selbst wenn etwas von der Kritik übrigbliebe, wäre noch gar nicht klar, welche politischen Maßnahmen ergriffen werden sollten, um Abhilfe zu schaffen. Mehr Vielfalt kann z.B. auf ganz unterschiedliche Arten institutionell gesichert werden, die alle wieder neue politische Fragen aufwerfen würden. Wer es aber wirklich ernst mit der Kritik am Fernsehen meint und nicht einfach nur dem eigenen Ärger Luft verschaffen will, der muss sich auf eine solche Diskussion einlassen, statt einfach nur über Dieter Bohlen & Co zu stöhnen.

Was ist am Fernsehen eigentlich so schlimm? — 10 Kritikmöglichkeiten, die besser sind als einfach nur zu meckern: Teil 2

von Christian Voigt
Montag, 17. März 2008

In Teil 1 habe ich versucht zu zeigen, warum die Diskussion um das Fernsehen leicht in die Gefahr gerät zu oberflächlich zu sein: Fernsehkritik hat häufig den Anspruch politisch zu sein, versucht diesen Anspruch aber teilweise mit den Mitteln der ästhetischen Kritik zu erfüllen. Eine wirklich politische Kritik müsste zwei Prinzipien beachten, die durch die Methode der ästhetischen Kritik verletzt werden: Das Gleichberechtigungsgebot und das Selbstbestimmungsgebot.

Nimmt man zu diesen zwei Prinzipien noch das Prinzip des Utilitarismus hinzu, dann kann man leicht begründen, warum es sogar geboten ist das Fernsehprogramm an den Einschaltquoten auszurichten. Dadurch verdienen die Fernsehsender nicht nur mehr Geld, sie maximieren zugleich den gesellschaftlichen Gesamtnutzen. Was sollte daran schlecht sein?

Interne Kritik

“Das ist doch offensichtlich!”, werden nun die Fernsehkritiker sagen. “Diese angebliche ‘Nutzenmaximierung’ führt zu den menschenverachtenden Sendungen des Affektfernsehens, der Reality- und Casting-Shows, zum Eskapismus von Telenovelas, Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen und Volsmusiksendungen, zur oberflächlichen und parteiischen Information, zur Dominanz von Gewalt, Sex und Skandal, zur Vernichtung kultureller Vielfalt und dem allgemeinen Niedergang unserer grundlegendsten Werte!” Der Utilitarist kann dabei aber ganz gelassen bleiben: Das Jammern des Fernsehkritikers kann er einfach als Hinweis auf dessen individuelle Präferenzen interpretieren. Klar, auch die müssen in der Nutzenrechnung berücksichtigt werden. Aber eben nicht mehr, als die Präferenzen der Fans von “Germany’s next top-model”, “Big Brother” oder “Bianca — Wege zum Glück”.

Will der Fernsehkritiker ernster genommen werden, hat er zwei Möglichkeiten: Er kann entweder eines der grundlegenden Bewertungsprinzipien des Präferenz-Utilitaristen aufgeben (Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Utilitarismus) oder er kann zeigen, dass diese Prinzipien einer “internen” Kritik nicht im Wege stehen. In diesem Teil möchte ich zunächst sechs Möglichkeiten der internen Kritik vorstellen. Im dritten und letzten Teil werden dann vier Möglichkeiten der grundlegenderen Kritik untersucht.

Möglichkeit 1: Einschaltquoten gar nicht alleiniges Kriterium

Kritik: In Wirklichkeit sind die Einschaltquoten gar nicht das alleinige Kriterium für die Programmgestaltung: Genauso wichtig sind die Kaufkraft und die Beinflussbarkeit der verschiedenen Zielgruppen, da es den Programmgestaltern vor allem darum geht attraktive Werbeplätze zu schaffen. Da junge Menschen daher eine besonders attraktive Zielgruppe für Werbung bilden, haben sie einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Programmgestaltung. Dadurch wird das Gleichberechtigungsgebot verletzt und das Niveau der Sendungen abgesenkt. Die ökonomische Vernunft fällt also gar nicht mit der utilitaristischen Vernunft zusammen. (Dieses Argument wird hier in der Süddeutschen vertreten)

Beurteilung: Diese Kritik ist durchaus plausibel. Allerdings ist unklar wie groß hier wirklich der Verzerrungseffekt ist und wie tiefgreifend diese Kritik also letzten Endes sein kann. Außerdem stellt sich die Frage, ob es sich hier wirklich um einen Alterskonflikt oder viel eher nur um einen Generationenkonflikt handelt. Wäre letzteres der Fall, so würden die Alten von morgen durchaus einen ähnlichen Fernsehgeschmack haben, wie die Jungen von heute. Die Kritik hätte insofern ein frühes Ablaufdatum.

Die nächsten drei internen Kritikmöglichkeiten greifen alle die These an, dass sich anhand der Einschaltquoten und Zuschauerzahlen ausreichend Informationen über die Präferenzen der Gesamtbevölkerung ableiten lassen.

Möglichkeit 2: Einschaltquoten nicht repräsentativ

Kritik: Die Einschaltquoten und Zuschauerzahlen repräsentieren nicht die Präferenzen der Gesamtbevölkerung. Diese Zahlen werden nur statistisch ermittelt, Testpersonen sind ausschließlich GEZ-Zahler mit deutscher Staatsbürgerschaft.

“Jene 20% der Deutschen, die keine GEZ bezahlen, werden nicht erfasst. Zweitgeräte werden nur zu einem Bruchteil erfasst, also auch kaum Jugendliche. Es gibt viele Schwachstellen. Warum die Werbewirtschaft das einfach so hinnimmt, ist mir ein völliges Rätsel.”
Hans Weingartner im Interview zu “Free Rainer”
Ausführlicher in diesem Video

Zusätzlich kann man darauf verweisen, dass das Fernsehen in Umfragen regelmäßig sehr schlecht abschneidet: 2004, auf dem Höhepunkt der Reality-Show-Welle, meinten z.B. 64% der von Forsa Befragten, dass die TV-Sender am besten vollständig auf dieses Format verzichten sollten. Für weniger Reality-Shows stimmen 21 Prozent.

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Stern ergab 2005, dass sich 55% vom Fernsehen für “dumm verkauft” fühlen. 59% meinten, sie hätten es satt, dass im Fernsehen immer das Gleiche laufe.

Beurteilung: Die von Weingartner geäußerte Kritik scheint nicht mehr zuzutreffen (siehe diese Studie, gefunden über Wikipedia). Selbst wenn sie aber zutreffen würde, ist vollkommen unklar, was der Fernsehkritiker mit ihr eigentlich erreichen will: Denn es ist unwahrscheinlich, dass eine Berücksichtigung der genannten Bevölkerungsgruppen die Einschaltquoten im Sinne des Fernsehkritikers verändern würden. Es reicht nicht aus, zu beweisen, dass die Einschaltquoten nicht repräsentativ sind. Man muss zusätzlich auch noch plausibel machen können, dass die Einschaltquoten, wären sie repräsentativ, sich den Präferenzen des Fernsehkritikers annähern würden. Das ist aber höchst unplausibel.

Zu den Umfragen: Auch wenn die Mehrheit mit dem Fernsehen unzufrieden ist, kann es dennoch sein, dass die Einschaltquoten repräsentativ sind. Ein Beispiel kann helfen, um das klar zu machen: Nehmen wir an die Bevölkerung besteht aus 3 Teilen: Teil 1 (40%) will ausschließlich Reality-Shows, Teil 2 (30%) will ausschließlich Fussball, Teil 3 (30%) will ausschließlich Soaps. Gleichgültig, für was sich ein Sender entscheidet: Reality-Shows, Fussball, Soaps — die Mehrheit wird dagegen sein und ab- oder umschalten. Dennoch sind die Einschaltquoten und Zuschauerzahlen und ist damit auch der Gesamtnutzen am höchsten, wenn die Sender sich für Reality-Shows entscheiden.

Natürlich ist es ein Problem, dass durch das Zusammenrechnen die Präferenzen der Mehrheit bei der Programmgestaltung ignoriert werden. Solange wir aber das Bewertungsprinzip des Präferenz-Utilitaristen nicht angreifen, lässt sich dieses problematische Zusammenrechnen von sich widersprechenden Präferenzen (Aggregation oder Kumulation) nicht kritisieren.

Möglichkeit 3: Einschaltquoten unvollständig

Kritik: Die Einschaltquoten geben uns keine verläßlichen Informationen über neue, unerprobte Sendeformate. Die Präferenzordnung ist hier unbestimmt, das Gespür der Fernsehproduzenten muss entscheiden. Da die ihr Risiko minimieren wollen, setzen sie auf altbewährte Konzepte, auf das, “was immer funktioniert”: Sex, Gewalt, Emotion, Skandal, Oberflächlichkeit, Kitsch. Diese konservative Programmpolitik ist aber nicht notwendigerweise die erfolgreichste (sie ist eben nur die sicherste). Statt so immer wieder auf dieselben Tricks zu setzen, wäre es durchaus im Interesse der Fernsehsender selbst, für möglichst große Vielfalt zu sorgen, Experimente zu wagen, die Präferenzen des Zuschauers auszutesten. Denn die Einschaltquoten beweisen nicht, dass Zuschauer keine “anspruchsvollen Inhalte” vertragen, sondern höchstens, dass bisherige Versuche sie ihnen zu vermitteln, fehlgeschlagen sind. Eine größere Experimentierfreudigkeit könnte zu ganz neuen Quotenhits und ganz neuen Zuschauergruppen führen, die sich mit den Daumenregeln der Produzenten niemals hätten entdecken lassen.

Diese Kritik hat gerade in letzter Zeit an Plausibilität gewonnen, weil uns das amerikanische Fernsehen überzeugende Beispiele liefert: Serien wie “The Sopranos”, “The Wire”, “Six Feet Under”, “24″ oder “Curb Your Enthusiasm” sind derart originell, geistreich und komplex, dass sie das deutsche Fernsehen alt aussehen lassen. Diese Blüte der amerikanischen Serienkultur hätte es nie gegeben, wenn die Fernsehproduzenten nicht Mut zum Experiment gehabt hätten. Dieser Mut (insbesondere des Spartensenders HBO) war aber kein ökonomischer Wahnsinn, sondern hat sich vielfach ausgezahlt.

David Simon, der Erfinder von “The Wire” (der definitiv besten, wenn auch leider nicht erfolgreichsten TV-Serie) beschreibt diese Erfahrung in einem lesenswerten Interview mit Nick Hornby so:

My standard for verisimilitude is simple and I came to it when I started to write prose narrative: fuck the average reader. I was always told to write for the average reader in my newspaper life. The average reader, as they meant it, was some suburban white subscriber with two-point-whatever kids and three-point-whatever cars and a dog and a cat and lawn furniture. He knows nothing and he needs everything explained to him right away, so that exposition becomes this incredible, story-killing burden. Fuck him. Fuck him to hell. […]

Well, here’s a secret that I learned with Homicide and have held to: if you write something that is so credible that the insider will stay with you, then the outsider will follow as well. Homicide, The Corner, The Wire, Generation Kill—these are travelogues of a kind, allowing Average Reader/Viewer to go where he otherwise would not. He loves being immersed in a new, confusing, and possibly dangerous world that he will never see. He likes not knowing every bit of vernacular or idiom. He likes being trusted to acquire information on his terms, to make connections, to take the journey with only his intelligence to guide him. Most smart people cannot watch most TV, because it has generally been a condescending medium, explaining everything immediately, offering no ambiguities, and using dialogue that simplifies and mitigates against the idiosyncratic ways in which people in different worlds actually communicate. It eventually requires that characters from different places talk the same way as the viewer. This, of course, sucks.

Beurteilung: Auf diese Weise wird man die bisherigen Quotenrenner nicht verdrängen können. Gleichgültig wie unterhaltsam und zugänglich ein komplexes Thema wie die Gesundheitsreform aufbereitet werden wird; es wird kaum gegen “Deutschland sucht den Superstar” ankommen. Deutsche Fernsehproduzenten verweisen auch bereits jetzt schon darauf, dass ihre Versuche mit “anspruchsvollen” Serien nach amerikanischen Vorbild bei deutschen Zuschauern einfach nicht ankommen. Immerhin kann man aber dafür argumentieren, dass jeder Sender sowohl aus utilitaristischer, wie aus ökonomischer Sicht die Pflicht hat, immer wieder neue Formate auszuprobieren, um den Präferenzen seiner Zuschauer auf die Schliche zu kommen.

Möglichkeit 4: Einschaltquoten nur ordinal

“Die, die immer einschalten, weil sie keine Alternative haben, dürfen nicht die Messgrundlage für unsere Fernsehkultur sein.”
Oliver Kalkofe in einer Rede auf den Medientagen München 14. November 2007

Kritik: In den Einschaltquoten wird jeder Fernsehkonsum auf gleiche Weise berücksichtigt. Ist das nicht unfair? Denn schließlich gibt es doch sehr unterschiedliche Arten, fernzusehen: In der schon zitierten Forsa-Studie von 2005 gaben 44% an, sich nebenher mit anderen Dingen zu beschäftigen (am häufigsten: Hausarbeiten, Essen und Telefonieren). Andere Zuschauer dagegen schalten den Fernseher nur an, um ganz bestimmte Sendungen zu sehen, z.B. Serienfans, Fussballfans, politisch Interessierte bei Wahlen usw.

Wer den Fernseher nur als Einschlafhilfe benutzt, dem ist es im Prinzip gleichgültig was läuft (es darf bloß nicht plötzlich laut werden). Wer dagegen wochenlang auf die Fortsetzung der Lieblingsserie gewartet hat, der oder die wird eisern die Macht über die Fernbedienung verteidigen und wird bereit sein, ansonsten hochgeschätzte Beschäftigungen zugunsten des Fernsehens aufzugeben.

Doch in den Einschaltquoten spiegeln sich all diese Unterschiede nicht wieder: Gezählt wird nur ob eingeschaltet wird oder nicht. Nutzentheoretisch gesprochen: Die Einschaltquoten aggregieren nur ordinalen, keinen kardinalen Nutzen. Angemessen wäre diese Aggregation aber erst, wenn sie diese qualitativen Unterschiede berücksichtigen würde. Man könnte sich z.B. vorstellen, dass die Testpersonen angeben müssen wie wichtig ihnen eine Sendung ist: Sehr unwichtig, eher unwichtig, gleichgültig, eher wichtig, sehr wichtig.

Beurteilung: Wie würde sich eine derartige Erweiterung auswirken? Schwer zu sagen. Es ist aber durchaus plausibel, dass “kardinale Präferenzen” Sendungen für Spezialinteressen begünstigen würden, da deren Zuschauer sich besonders mit dieser Sendung identifizieren. Sendungen dagegen, die jeder gerne ab und zu zur Ablenkung schaut, aber die niemanden speziell ansprechen, werden derartigen Spartensendungen gegenüber schlechter abschneiden. Das hätte eine erhöhte Vielfalt zur Folge, allerdings nicht unbedingt ein höheres Niveau (Die letzte Folge von “Deutschland sucht den Superstar” würde wahrscheinlich z.B. nach wie vor sehr hoch bewertet werden).

Die bisherigen Kritiken bezogen sich auf unvollständige Informationen über die Präferenzen der Zuschauer. Die nächsten zwei Kritiken beziehen sich stattdessen auf das unvollständige Wissen der Zuschauer über das Fernsehen.

Möglichkeit 5: Kein vollständiges Wissen über das Programm

Kritik: Aufgrund ihrer Sozialisierung, ihres sozialen Umfeldes und aufgrund reiner Gewohnheit ignorieren viele Zuschauer Sendeformate und besitzen deswegen unvollständiges Wissen über das Programm. So entstehen psychische Barrieren, die eine vollständige Information über das Programm verhindern. Die Aussagekraft der Einschaltquoten wird dadurch durchaus relativiert. Bildungsbürger wissen z.B. gar nicht wirklich, ob sie sich nicht eigentlich bei “Big Brother” oder dem “Dschungel-Camp” köstlich amüsieren würden. Sportfans wissen nicht, ob sie nicht vielleicht auch die Berichterstattung über den amerikanischen Wahlkampf genauso spannend finden würden wie die “Tour de France”. Und Rosamunde-Pilcher-Liebhaber wissen nicht, ob sie nicht vielleicht auch von Ingmar Bergmanns psychologischem Realismus fasziniert wären.

Beurteilung: Diese Kritik ist viel zu optimistisch. Denn sie muss davon ausgehen, dass der Durchschnittszuschauer während er “Deutschland sucht das Supermodel” glotzt, sich in Wirklichkeit danach sehnt, über Korruption in deutschen Konzernen informiert zu werden, Fassbinderfilme zu schauen oder Bundestagsdebatten auf Phoenix zu verfolgen. Eine derartige Erwartung ist offensichtlich naiv.

Möglichkeit 6: Unvollständiges Wissen über die gesellschaftlichen Folgen des Fernsehens

Kritik: Auch wenn die Zuschauer wissen, was sie am besten unterhält, amüsiert, informiert usw., wissen sie nicht, inwieweit Gewaltdarstellungen im Fernsehen die Jugendkriminalität erhöhen, inwieweit das Fernsehen dazu führt, dass Menschen zu hohe oder falsche Erwartungen an sich selbst, ihre Partner oder andere Mitmenschen stellen, sie wissen nicht, wie eine Gesellschaft aussehen würde, wenn es gar kein oder ein anderes Fernsehen geben würde. Insbesondere ist nicht allen Eltern bewußt, welche Wirkung das Fernsehen auf ihre Kinder hat. Da kaum jemand das Selbstbestimmungsgebot auch für Kinder gelten lassen will, muss hier die Gesellschaft eingreifen, wenn Eltern ihre Erziehungsaufgabe nicht erfüllen können. (Wissenschaftliche Ergebnisse, die für negative Folgen wie Gewaltbereitschaft, geringere Intelligenz usw sprechen werden in diesem Contra-Artikel der Süddeutschen referiert)


Beurteilung:
Eine derartige Kritik kann sehr viel tiefer gehen, als die bisherigen Ansätze. Sie kann z.B. Gewaltdarstellungen oder Kitsch im Fernsehen generell kritisieren. Allerdings muss sie sich dafür auf sehr starke Thesen einlassen: Sie muss sehr allgemeine Kausalgesetze verteidigen, die empirisch nur schwer zu belegen sind. Es gibt zudem sogar auch Studien, die positive Folgen des Fernsehkonsums auch bei Kindern feststellen konnten. So ließ sich z.B. bei der Einführung der Sesamstrasse in Indien feststellen, dass Kinder, die die Sesamstrasse schauten, besser lesen und rechnen lernten, als Kinder, die keine Sesamstrassse schauten. Vor kurzem wurde zudem nachgewiesen dass “Die Super-Nanny” durchaus Eltern zum Nachdenken über ihre autoritären Erziehungsmethoden anregte. (für eine Zusammenfassung siehe diesen Pro-Artikel in der Süddeutschen, zur wissenschaftlichen Diskussion um die Super-Nanny den entsprechenden Wikipedia-Artikel).

Außerdem muss hier erneut unterstellt werden, dass die Zuschauer eine Welt ohne diese Auswirkungen präferieren. Dies mag bei einem Ansteigen der Gewalttaten oder einer Verrohung der Umgangsformen noch plausibel sein. Wer dagegen behauptet, dass das Fernsehen die Massen “verdumme” oder die Kultur “verflache” wird es dagegen wahrscheinlich schon schwerer haben eine weitverbreitete Ablehnung dieser Verdummung nachzuweisen.

Insgesamt ist also diese Form der Kritik zu voraussetzungsreich um erfolgversprechend zu sein.

Fazit zu den Möglichkeiten der internen Kritik

Wie man also sehen kann, bietet der Präferenz-Utilitarismus mehr Möglichkeiten zur Kritik an den Massenmedien, als es seine Anhänger (wie z.B. Thoma oder Diekmann) gerne hätten. Allerdings reichen diese Möglichkeiten andererseits wiederum nicht weit genug, um eine grundlegende Reform des Fernsehens zu fordern oder ein für alle mal bestimmte Sendeformate abzulehnen. Denn was “gutes Fernsehen” ist, das bleibt nach wie vor an die Zuschauergunst gekoppelt. Nur relativ zu den Vorlieben des Massenpublikums lässt sich rechtfertigen, warum Sendeformate abgesetzt, eingeführt, warum Sendungen bessere oder schlechtere Sendeplätze, mehr oder weniger Sendezeit erhalten sollten.

Aus der Kritik der Ordinalität und der Unvollständigkeit der Einschaltquoten lässt sich allerdings überzeugend eine Forderung nach größerer Vielfalt ableiten, insbesondere nach größerer Experimentierfreudigkeit. Sollte sich aber herausstellen, dass derartige Experimente letzten Endes keinen ökonomischen Erfolg bringen, so ist die päferenzutilitaristische Kritik mit ihrem Latein am Ende.

Was ist am Fernsehen eigentlich so schlimm? — 10 Kritikmöglichkeiten, die besser sind als einfach nur zu meckern: Teil 1

von Christian Voigt
Mittwoch, 5. März 2008

“Die wahre Antidemokratie ist die Massenkultur.”
Pier Paolo Pasolini, Interview von Robert Schär, in: Cinema, Nr. 2, Zürich, Juli 1976

“Das ist faschistisches Gedankengut. Ich will nicht die Herrschaft einer Elite, die immer besser weiß, was die Leute sehen sollen. Die Verachtung der Massenkultur, die ist undemokratisch.”
Helmuth Thoma, ehemaliger RTL-Chef zum Pasolini-Zitat in einem Interview der Zeit, 1996, Nr. 37

Das Fernsehen zu kritisieren ist so eine Art deutscher Volkssport. Das zeigt sich in den Bestandsaufnahmen des kulturellen Niedergangs, die regelmäßig in den Feuilletons erscheinen, in der Diskussion ums “Unterschichtenfernsehen”, in Weingartners “Free Rainer — Dein Fernseher lügt”, Kalkofes “Mattscheibe”, in der Tirade von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Oettinger gegen das “Scheiß-Privatfernsehen”, ja es zeigt sich sogar in Umfragen. So unterhaltsam viele der Kritiken sind — sie sind auf ihre Art häufig kaum weniger oberflächlich, als sie es ihrem Opfer vorwerfen zu sein. Das liegt daran, dass man nur allzu leicht zwei unterschiedliche Arten der Kritik miteinander vermengt.

Wer eine Theaterkritik oder eine Musikkritik liest, der will ästhetisch beraten werden: Man vertraut dabei auf die ästhetische Expertise der Kritiker, auf die Einzel- und nicht auf die Massenmeinung. Anders bei der Kritik am “Unterschichtenfernsehen”: Wir lesen sie nicht, um zu entscheiden, ob wir besser das “Dschungel-Camp” oder “Deutschland sucht den Superstar” sehen sollten. Sie empfiehlt uns als einzelnen Lesern nichts, sondern fordert implizit eine grundlegende Änderung des Massenmediums Fernsehen; und sie fordert nicht nur ein kulturelles Reservat für die Elite (wie z.B. Opern, Theater, Museen), sie fordert eine Programmänderung für alle. Die Kritik wird dadurch zu einer politischen.

Der ästhetische Kritiker muss (darf vielleicht sogar) auf die Meinungen anderer keine Rücksicht nehmen, er ist Diktator im Reich des Schönen. Der politische Kritiker dagegen muss, wenn er denn Demokrat ist, im Namen aller sprechen. Zwar darf auch er bestimmten Einzelinteressen das Wort reden (z.B. Arbeiterinteressen, Interessen “der Wirtschaft” usw.). Wenn aber seine Kritik politische Forderungen enthalten soll, wenn sie mehr als eine erste “Anmeldung von Einzelinteressen” sein soll, dann muss der politische Kritiker als Demokrat für sich beanspruchen, die Einzelinteressen bereits gegen die Interessen aller anderen abgewogen zu haben. Er muss dabei folgendes Gebot beachten:

Gleichberechtigungsgebot (Gerechtigkeitsgebot)
Alle Gesellschaftsmitglieder haben genau das gleiche Anrecht auf persönliches Wohlergehen (auf die Maximierung ihres persönlichen Nutzens).

Nun könnten die Fernsehkritiker natürlich für sich beanspruchen, den “absoluten” Geschmack zu besitzen: Genau das, was sie gut finden, ist im besten Interesse aller. Diese Haltung wäre allerdings genau das, was Ökonomen “Paternalismus” nennen: Man ignoriert in scheinbar “väterlicher” Fürsorge die Präferenzen der anderen und beansprucht dennoch für sie zu sprechen. Es ist genau dieser Paternalismus, den Helmuth Thoma “faschistisch” nennt, denn er widerspricht einem weiteren wichtigen politischen Prinzip, das man nicht einfach ignorieren kann:

Selbstbestimmungsgebot (Freiheitsgebot)
Jeder ist seines eigenen Wohles alleiniger Richter.

Der eigentliche Anspruch der demokratiefreundlichen Fernsehkritik müsste lauten: “Unterschichtenfernsehen”, “Affektfernsehen”, “Massenverdummung”, “Infantilisierung” oder “kulturelle Verflachung” zu kritisieren ohne das Gleichberechtigungsgebot zu verletzen und ohne sich dem Paternalismusvorwurf auszusetzen. Genau dieser Anspruch drückt sich im Pasolini-Zitat aus: Massenkultur ist nicht schlecht, weil sie demokratisch ist, sie kann — wenn überhaupt — nur deswegen schlecht sein, weil sie “anti-demokratisch” ist. Ist eine solche Kritik überhaupt möglich?

Die Möglichkeiten einer politisch relevanten und dennoch nicht undemokratischen Fernsehkritik sollen hier ausgelotet werden. Es geht also weniger darum, wie gut oder schlecht unser Fernsehen wirklich ist, als um den Entwurf eines rationalen Diskurses: Welche Argumente sollten in dieser Debatte vorgebracht und diskutiert werden?

In Teil 1 möchte ich zeigen, warum es nicht so einfach ist das Fernsehen zu kritisieren. Dazu mache ich zunächst die These möglichst stark, dass wir bereits jetzt über das bestmögliche Fernsehen verfügen und Fernsehen wesentlich zur gesellschaftlichen Wohlfahrt beiträgt. In Teil 2 werde ich dann Möglichkeiten vorstellen, diese Thesen anzugreifen, ohne die beiden genannten politischen Prinzipien aufzugeben. In Teil 3 wird es abschließend um Möglichkeiten gehen, das Selbstbestimmungsgebot zu modifizieren ohne sich dadurch dem Paternalismusvorwurf auszusetzen.

Ein kleiner Schritt von der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zum Utilitarismus

Es ist gar nicht so abwegig zu behaupten, dass wir bereits jetzt über das bestmögliche Fernsehen verfügen. Dazu muss man (fast) nur das Gleichberechtigungs- und Selbstbestimmungsgebot mit einem weiteren Prinzip kombinieren:

Utilitarismus (Nutzenmaximierungsgebot)
Alles, was bei der Bewertung eines Gesellschaftszustandes zählt, ist der Nutzen, den dieser Zustand für die Mitglieder dieser Gesellschaft (oder für alle von diesem Zustand Betroffenen) hat.

Daraus ergibt sich dann ein Bewertungsmaßstab, den man den “subjektivistischen Utilitarismus” nennen könnte:

Subjektivistischer Utilitarismus
Gesellschaftszustände sollten danach bewertet werden, inwieweit wieviele Gesellschaftsmitglieder glauben, dass dieser Gesellschaftszustand ihnen nützt.

Wie kriegt man nun heraus, ob eine Person glaubt, dass etwas in ihrem besten Interesse ist, ihr also nützt? Ökonomen sind darauf gekommen, Interessen als Präferenzen aufzufassen: Man versucht einfach herauszubekommen, welche Zustände (Güterbündel) eine Person vor welchen anderen Zuständen bevorzugt und bewertet dann anhand dieser Präferenzen Zustände relativ zu anderen. Wir können eine derartige Anwendung den “Präferenz-Utilitarismus” nennen.

Was nützt uns das Fernsehen?

Häufig ist es schwierig sichere Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Präferenzen Personen wirklich besitzen. Ökonomen trauen häufig nicht den Äußerungen einer Person, sondern wollen wissen, wie sie sich wirklich verhält. Im Falle des Fernsehens lässt sich das ziemlich genau sagen: Die ermittelten absoluten Zuschauerzahlen geben uns ein relativ genaues Bild darüber, wieviele Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt das Fernsehen vor anderen Beschäftigungen (Arbeit, Sport, Freunde treffen, schlafen usw.) bevorzugt haben. Die Einschaltquoten sagen uns relativ zuverlässig, wieviel Prozent der Zuschauer eine bestimmte Sendung zu einem bestimmten Zeitpunkt vor allen anderen gleichzeitig laufenden Sendungen bevorzugt haben (siehe quotenmeter.de, hier eine Broschüre der GFK, die beschreibt, wie Einschaltquoten errechnet werden).

Wollen wir zunächst nur den Nutzen des Fernsehens insgesamt berechnen, so interessieren uns zunächst nur die absoluten Zuschauerzahlen. Die Statistiken sind beeindruckend: 95,3% der deutschen Haushalte verfügten 2006 über einen Fernseher. Der deutsche Durchschnittszuschauer ab 3 Jahren schaute 2007 laut AGF am Tag durchschnittlich ganze 208 Minuten fern, also fast vier Stunden und hält sich sogar 299 Minuten täglich vor dem laufenden Fernseher auf (für 2007 siehe auch Mitteilung von ip-deutschland). Fernsehen ist damit nicht nur das meistgenutzte Medium, sondern zugleich die beliebteste Freizeitbeschäftigung in Deutschland (Siehe Bundesamt für Statistik: ‘Wo bleibt die Zeit’ und Datenreport 2006, Mediennutzung). Das heißt: Für nichts opfern die Deutschen ihre Freizeit lieber, als fürs Fernsehen.

“4 Stunden am Tag. So lange sieht der Mitteleuropäer im Durchschnitt täglich fern.
Als ich diese Zahl eines Morgens in der Zeitung las, konnte ich es erst nicht glauben. Das konnte einfach nicht stimmen. Rechnen wir mal 8 Stunden für Schlafen, 8 Stunden für Arbeiten, 1 Stunde für den Weg von und zur Arbeit, 1 Stunde für Nahrungsaufnahme und -abgabe, 1 Stunde für die elementare Körperpflege. Es verbleiben: 5 Stunden. Moment mal: Das würde ja bedeuten, der Mitteleuropäer verbringt 80% seiner Freizeit vor dem TV-Gerät. Das bedeutet: 1 Stunde am Tag zum Leben.”
Hans Weingartner

Zusätzlich lässt sich berechnen, wieviel Geld die Deutschen fürs Fernsehen ausgeben (Präferenz Fernsehen statt x Euro). Beginnen wir mit den Gebühren der GEZ: Insgesamt kommt man hier auf ca. 7 Milliarden jährlich, die die Deutschen für die öffentlich-rechtlichen Medien ausgeben. Hinzu kommen noch die Kosten für das Kabelfernsehen. Verteilt auf alle TV-Haushalte ergibt das 204,36 € jährlich. Zählen wir die Werbeeinahmen als die indirekte Bezahlung der Zuschauer für ihren Fernsehkonsum, so ist den Deutschen das Fernsehen zusätzlich noch einmal ca. 8 Milliarden jährlich wert ( brutto in 2006 laut Wikipedia, Daten von der ZAW, netto ca. 4 Milliarden siehe ZAW), das sind noch einmal ca. 100€ pro Kopf oder 0,36% des BSP. Hinzu kommen außerdem noch die Kosten für Fernsehgeräte.

Gleichgültig wie die Nutzenrechnung im Detail also aussehen wird: Folgen wir dem Präferenz-Utilitarismus in seiner einfachsten Form, so wird es, weil das Fernsehen die beliebteste Freizeitbeschäftigung ist, auch keine andere Freizeitbeschäftigung geben, die mehr zum Gesamtnutzen unserer Gesellschaft beiträgt als das Fernsehen. Das Fernsehen scheint seine Sache eigentlich ziemlich gut zu machen. Tun wir ihm also nicht unrecht, wenn wir uns über seine Qualität beschweren?

Das Fernsehen, das wir verdient haben

Diese These ist nicht so absurd, wie es zunächst erscheinen mag. Denn es gibt — so traurig das ist — in Wahrheit genügend Menschen, die aufgrund ihres Alters, ihrer Krankheit, ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation nicht viel andere und nicht viel bessere Optionen haben, als den ganzen Tag fern zu sehen. Das macht auch die Statistik deutlich: Laut einer Datenauswertung der GfK, die der Focus 2005 in Auftrag gab, sehen Arme und Alte länger Fernsehen, als Junge und Reiche. Das zeigt sich auch am Durchschnittskonsum der Bundesländer: Im reichen Bayern liegt er bei 178 Minuten, während er im armen Sachsen-Anhalt 278 Minuten erreicht. Vielleicht spiegelt der Durchschnittswert also wirklich den Nutzen des Fernsehens wieder: Er zeigt uns, dass es vielen Menschen so schlecht geht, dass sie nichts besseres zu tun haben, als fern zu sehen. Das Problem wäre dann nicht das Fernsehen, das Problem wäre diese Alternativlosigkeit im Leben vieler Menschen. Die Nutzenrechnung wäre zwar schockierend aber durchaus korrekt.

Dass uns selbst viele Sendungen überhaupt nicht gefallen ist allein kein Grund, dieses Ergebnis in Frage zu stellen. In einer pluralistischen Gesellschaft wird es immer Sendeformate geben, die Mitgliedern einer Bevölkerungsgruppe gefallen und Mitglieder einer anderen Bevölkerungsgruppe abstoßen (Volksmusiksendungen/Casting-Shows und Rentner/Jugendliche z.B.). Die Super-Nanny ist ein gutes Beispiel: Was Bildungsbürgern als zynische Zurschaustellung prekärer Familiensituationen erscheinen mag, vermittelt Eltern, die ähnliche Probleme haben, vielleicht Ratschläge auf eine für sie angemessene Weise (zur wissenschaftlichen Diskussion siehe hier, hier, hier und hier).

Es ist doch eigentlich zutiefst demokratisch und gerecht, wenn jede Bevölkerungsgruppe einen ihrem Bevölkerungsanteil angemessenen Platz im Fernsehen eingeräumt bekommt. Solange die unsichtbare Hand eines perfekten Marktes die Zuschauerzahlen maximiert, ist das Fernsehen einfach nur ein getreuer Spiegel unserer Gesellschaft. Haben wir also nicht in Wirklichkeit bereits das bestmögliche Fernsehen mit dem größtmöglichen Nutzen? Haben wir nicht ganz einfach das Fernsehen, das wir uns verdient haben?

Cum hoc, ergo propter hoc? — Die Studie “Muslime in Deutschland” und ihre Rezeption

von Christian Voigt
Dienstag, 22. Januar 2008

Wenn ich so durch Neukölln spaziere, frage ich mich häufig, was eigentlich all meine muslimischen Nachbarn in den Dönerbuden, den Kulturvereinen, den kleinen Kiosken und Trödelläden, so über dies oder das denken. Wie finden sie z.B. die Debatte über ihre Integration? Was sagen sie zu den beunruhigenden Ereignissen in Pakistan, zum Krieg im Irak oder in Afghanistan? Wie religiös sind sie und welcher Art ist ihre Religiosität? Bisher war ich trotz meiner Neugierde immer zu schüchtern sie zu fragen. Deswegen kam es mir sehr gelegen, dass kürzlich eine Studie, beauftragt vom Bundesinnenministerium, einige dieser Fragen an Muslime in Deutschland stellte.

In den Zeitungen las sich das so: “Jeder siebte Muslim radikal? Religiöse Einstellungen von muslimischen Migranten können eine Integration verhindern. Zu diesem Ergebnis kommen Hamburger Wissenschaftler in einer Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums.” (Hamburger Abendblatt)

Oder die FAZ: “Nach einer vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegebenen Studie neigt fast die Hälfte der jungen Muslime in Deutschland zu fundamentalistischen Auffassungen. Laut den Ergebnissen der insgesamt fünfhundert Seiten umfassenden Untersuchung ist etwa jeder vierte junge Muslim der Gewalt zugeneigt.” (FAZ)

Schlechte Nachrichten also, oder? Nach der Debatte hier im Blog war mir das natürlich unangenehm: Schien sich hier doch eine generell ablehnende Haltung gegen den Islam zumindest ansatzweise zu bestätigen. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als selbst einmal nachzuschauen, was in dieser Studie nun eigentlich herausgefunden wurde (ich beziehe mich im folgenden auf die 30-seitige Kurzdarstellung). Was sich dabei zeigte: Man kann den Zeitungen größtenteils nicht vorwerfen, Falsches berichtet zu haben. Was man ihnen aber vorwerfen kann, ist eine unkritische Haltung gegenüber der Studie, eine ins Negative verzerrende Selektivität und eine starke Vereinfachung der komplexen Schlussfolgerungen, die die Autoren der Studie ziehen.

Cum hoc, ergo propter hoc? Von der Erzeugung falscher Eindrücke

Statistisch gesehen hängt die Anzahl der Hai-Attacken mit dem Eiskonsum zusammen: Wird mehr Eis konsumiert, werden die Haie gefährlich. Wird weniger konsumiert, so werden auch die Haie friedlicher. Sollte man nicht auf das Eis-Essen ganz verzichten?

Statistisch gesehen hängt auch der Konsum von Volksmusik mit der Lebenserwartung zusammen: Menschen, die in ihrem Leben Volksmusiksendungen schauen werden älter als solche, die bei diesen Sendungen abschalten. Sollte man nicht lieber täglich eine Stunde Musikantenstadl schauen, um fit zu bleiben?

Natürlich nicht. Haiangriffe und Eiskonsum korrelieren miteinander, weil beides ansteigt, je wärmer das Wetter wird und je mehr Menschen sich also an Stränden aufhalten. Der Konsum von Volksmusiksendungen steigert nicht die Lebenserwartung, sondern ist einfach vorrangig unter alten Menschen verbreitet. Wer früher stirbt, wird deswegen häufig auch keine solche Sendungen in seinem Leben gesehen haben. Beide Schlüsse sind Beispiele für das fehlerhafte Schlussprinzip “Cum hoc, ergo propter hoc” (”Mit diesem, also wegen diesem”, weitere Beispiele hier).) Korrelation ist nur notwendig und nicht hinreichend für Verursachung.

Nun sagt also die Studie, dass jeder siebte Muslim in Deutschland radikal sei und 40% zu fundamentalistischen Auffassungen neigen würden. Macht der Islam die Menschen also zu gewalttätigen Demokratiehassern und Terrorsympathisanten? Sollte man also den Islam so bekämpfen, wie antisemitische Verschwörungstheorien? Die Studie hätte erst dann überhaupt zu einem solchen Ergebnis gelangen können, wenn die Ergebnisse der Testgruppe mit denen einer Kontrollgruppe verglichen worden wären, deren Mitglieder sich von denen der Testgruppe nur in bezug auf ihre Religionszugehörigkeit hätte unterscheiden dürfen. Denn erst dann wäre man über die einfache Entdeckung einer Korrelation hinausgelangt.

Da in der vorliegenden Studie eine derartige Kontrollgruppe fehlt ist das Ergebnis “jeder siebte Muslim radikal” kausal so vielsagend wie die Erkenntnis, dass die Mehrzahl der Muslime in Deutschland dunkelhaarig ist. Keiner deutschen Zeitung wäre das die Meldung wert “Nur jeder tausendste Muslim blond!” Zufällig haben viele deutsche Muslime zusätzlich außerdem schlechtere Partizipationschancen, einen Migrationshintergrund und leiden unter Diskriminierungserfahrungen. Sollte man nicht lieber diese Korrelation untersuchen, als die zwischen Religionszugehörigkeit und Gewaltbereitschaft? Umso mehr, weil Gewaltbereitschaft und Demokratiefeindlichkeit unter nicht-muslimischen Deutschen ein ähnliches Ausmaß besitzen, es also sogar durchaus Indizien dafür gibt, dass Muslim-Sein und Gewalt-Bereit-Sein kausal voneinander unabhängig sind.

Die richtige Schlagzeile fand also die Deutsche Welle, die den Titel “Deutsche Muslime nicht radikaler als Nichtmuslime” wählte. Warum titelten die großen deutschen Tageszeitungen nicht auf diese Weise? Wohl nur deswegen, weil nur bei “Jeder siebte Muslim radikal” das anti-islamische Vorurteil empirisches Futter findet. Wie sonst ließe es sich erklären, dass in den Zeitungsartikeln die eigentlich von der Studie gebotenen Erklärungsversuche entweder ans Ende der Artikel verbannt oder sogar vollständig ignoriert wurden?

Was in den Zeitungen fehlt

Was in den Zeitungen meist fehlt ist z.B. die “religiöse Binnendifferenzierung” unter deutschen Muslimen, die die Wissenschaftler nicht einfach im Forschungsdesign voraussetzen, sondern empirisch zu untermauern versuchen. Allein diese Differenzierung hätte schon dem falschen Eindruck in den Zeitungsartikeln (und bei manchen Leserinnen und Autorinnen dieses Blogs) entgegenwirkt, dass die Befragten im Grunde alle dasselbe “islamische mindset” besitzen würden.

Anhand ihrer Antworten lassen sich die Befragten vier unterschiedlichen Arten der Religiosität zuordnen: Gering religiös sind 17,5%, orthodox religiös 21,9%, “fundamentalistisch orientiert” 39,6%, traditionell (kulturell konservativ, aber eher unreligiös) 21%. (Olivier Roys Klassifizierung verschiedener Formen der Religiosität unter Muslimen erweist sich dabei also empirisch als durchaus adäquat.)

Fundamentalistisch?

Fast 40% fundamentalistisch orientiert? Das scheint viel zu sein. Aber Vorsicht! Als fundamentalistisch wurde eingestuft, wer Aussagen wie die folgenden für “eher wichtig” oder “sehr wichtig” hielt:

  • “Ich glaube, dass jeder gute Moslem dazu verpflichtet ist, Ungläubige zum Islam zu bekehren.”
  • “Es sollte verboten sein, Moslems dazu zu bringen, ihre Religion zu wechseln.”
  • “Nichtmuslime sind von Allah verflucht.”

Abgesehen davon, dass hier voreilig von den Antworten auf Überzeugungen geschlossen wurde, scheint es mir, dass die breite Öffentlichkeit “Fundamentalisten” radikalere Überzeugungen als diese hier unterstellt. Die Bezeichnung “fundamentalistisch orientiert” erscheint mir insofern durchaus irreführend, gerade aufgrund der voraussehbaren Verkürzung in den Medien. Olivier Roys Definition des Fundamentalismus z.B. hätte hier zu teilweise anderen Fragestellungen geführt.

Hinzu kommt, dass es durchaus seinen Grund hat, dass hier von “fundamentalistisch orientiert” gesprochen wird, statt einfach nur von “fundamentalistisch”: “Extremwerte fundamentaler Orientierungen finden sich bei den fundamental Orientierten nur bei 14,4% (dies entspricht 6,1% der Gesamtstichprobe), weshalb die Bezeichnung als “Fundamentalisten” zu undifferenziert wäre.” (S.17) Vollblut-Fundamentalisten machen also nur eine äußerst geringe Minderheit unter den Muslimen aus. In den Zeitungen wird aber einfach der technische Term “fundamentalistisch orientiert” übernommen, ohne die notwendige Explikation hinzuzufügen. Der Zeitungsleser gewinnt so allzu leicht den Eindruck, dass 40% der Muslime waschechte Fundamentalisten seien. Man kann den Autoren der Studie aufgrund dieser Terminologie eine gewisse Blauäugigkeit vorwerfen, den Journalisten aber muss man vorwerfen unnötig Ängste zu schüren und Vorurteile zu bestätigen.

Radikal?

Ähnlich problematisch ist die Aussage, dass jeder siebte Muslim radikal sei. Wie kommt es zu diesem Ergebnis? Die Testpersonen wurden für drei Themenbereiche gefragt, ob sie charakteristischen Aussagen zustimmen würden. Die Bereiche waren “Einstellungen zu Demokratie, und Rechtsstaatlichkeit”, “Einstellung zu bewaffnetem Kampf und körperlicher Gewalt mit religiöser Motivation” und “Einstellungen zu terroristischen Gewalthandlungen im Kontext des Islam”. Es ist keinesfalls klar, ob die gewählten Aussagen zu diesen Themenbereichen wirklich einen charakteristischen Aussagegehalt besitzen. Im Anhang zu diesem Artikel gebe ich einige Beispiele für problematische Formulierungen.

Aus den so gewonnenen Ergebnissen wurden dann zwei Problemgruppen abgeleitet: Eine Gruppe mit “hoher Demokratiedistanz” und eine mit “hoher politisch-religiöser Gewaltlegitimation”.

Die Gruppe radikaler Muslime wurde nun einfach gewonnen, indem diese Gruppen zusammengeführt wurden. Es reicht also schon, dass man zu einer dieser Gruppen gehört, um als radikal zu gelten. Viel geringer ist dagegen die Anzahl derer, die zu beiden Gruppen gehören. Hier handelt es sich nur um 5,9%. Noch geringer ist die Zahl derer, die zusätzlich auch noch stark religiös sind. Hier handelt es sich nur um 1,2%!

Welche dieser Zahlen sagt uns nun eigentlich, wieviele radikale Muslime es gibt? Jeder siebte? Jeder zwanzigste? Oder gar nur jeder hundertste? Man hätte von den Journalisten durchaus erwarten dürfen, auf dieses Intepretationsproblem hinzuweisen.

Zu komplex für Journalisten?

All das darf man nicht einfach der Studie vorwerfen. Denn dort lässt sich alles finden, was man in den Zeitungsartikeln vermisst. Statt einfach nur die nackten Zahlen zu referieren und dem vollkommen überforderten Zeitungsleser ihre Interpretation zu überlassen, hätten die Journalisten einfach nur einen höchst interessanten und differenzierten Absatz wie den folgenden zusammenfassen müssen:

“Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse wäre es unzureichend, Radikalisierungspotenziale mit Blick auf Haltungen zu Demokratie und Rechtstaatlichkeit alleine durch soziale Exklusion zu erklären oder primär religiöse Orientierungen für entscheidend zu erachten. Auch das Ge- und Misslingen sozialer Integration alleine ist nicht für alle ausschlaggebend, wiewohl für eine relevante Teilgruppe hoch bedeutsam.

Problematische Einstellungsmuster, bei denen man von einem Radikalisierungspotenzial sprechen kann, bestehen bei einer Teilgruppe der Muslime trotz des Vorliegens eigentlich günstiger Partizipationsoptionen (vermittelt über hohe Bildung). Sie finden hier ihre Erklärung eher in der Wahrnehmung einer stellvertretenden Viktimisierung im Sinne kollektiver Marginalisierungswahrnehmung bezogen auf die Lage der Muslime in Deutschland. Die zweite Teilgruppe beschreibt Erfahrungen, die als Erlebnisse der Enttäuschung durch die Aufnahmegesellschaft umschrieben werden können. Diese Muslime sind im Grundsatz integrationsorientiert und anpassungsbereit. Radikalisierungen ergeben sich hier aus einer Verbindung geringer Partizipationsoptionen (vermittelt über niedrige Bildung) mit individuellen Erlebnissen der Benachteiligung und des sozialen Ausschlusses. Bei der dritten Gruppe ist demgegenüber ein eigenständiger Rückzug in ein traditionelles ethnisches Milieu zu konstatieren. Es handelt sich um Personen, bei denen innere religiöse Überzeugungen im Sinne von Gläubigkeit nicht die zentrale Rolle spielen. Es finden sich hier vielmehr in erhöhtem Maße Personen, die auf äußere Rituale insistierende und sich u.a. auch darüber von der Aufnahmegesellschaft distanzierende, in letzter Konsequenz sich selbst exkludierende Haltungen zeigen, die teilweise mit Radikalisierungstendenzen verbunden sind.” (S.26)

Ist das zu komplex für deutsche Zeitungen? Eigentlich sollte es doch genügend Journalisten geben, die die self-fullfilling prophecy vom “clash of cultures” verhindern wollen, genügend, die durchaus den Anspruch haben, ihrer breiten Leserschaft wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln. Warum also betitelt die Sueddeutsche ihren Artikel mit “Der Islam und die Gewalt” und schreibt darunter “Rund ein Viertel der in Deutschland lebenden Muslime ist zu Gewalttaten gegen Andersgläubige bereit. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Innenminister Schäuble in Auftrag gegeben hat.”? Warum schreiben sie so etwas, wenn sich in der Studie keine solche Zahl findet? Und warum bringen sie eine solche Überschrift und einen solchen Aufhänger, wenn sie dann im vorletzten Absatz folgendes hinzufügen: “Der Kultur- und Sozialanthropologe Werner Schiffauer sagte dem Blatt, die Hamburger Studie komme auch zu dem Schluss, dass demokratiefeindliche Einstellungen bei nicht-muslimischen Deutschen etwa ebenso häufig anzutreffen seien. Daher könne nicht gesagt werden, dass der Islam Demokratiefeindlichkeit stärker fördere.”

Man würde gerne wissen, wie eigentlich die Urheber der Studie dieses Medienecho verkraftet haben. Man würde gerne wissen, wieviele Journalisten die Kurzzusammenfassung der Studie eigentlich bis zum Ende gelesen haben. Dort steht:

“Dies bedeutet indessen nicht, dass starke Religiosität bzw. starke Gläubigkeit der entscheidende oder gar einzige Wirkfaktor wäre. Unter den stark Gläubigen, auch unter der Teilgruppe der fundamental orientierten Muslime, finden sich die geschilderten Ungleichwertigkeitsideologien und autoritaristischen Tendenzen zwar mit erhöhter Wahrscheinlichkeit, aber auch hier nicht bei der Mehrheit. Maßnahmen, die dies nicht in Rechnung stellen, die also die Heterogenität auch innerhalb der unterschiedlichen Gruppen religiöser Orientierungen bei Muslimen nicht beachten, laufen Gefahr, jene kollektiven Marginalisierungswahrnehmungen zu befördern, die z.B. in Form eines pauschalen Generalverdachts einen Anknüpfungspunkt subjektiver Ausgrenzungswahrnehmungen darstellen, die sich als ein wichtiges Element im Gefüge von Wirkfaktoren erwiesen haben und Radikalisierungstendenzen begünstigen.” (S.32)

Es finden sich noch weitere so kluge, interessante und bedenkenswerte Absätze in dieser Studie. Es hilft also wirklich nur eines: Selber lesen!

Anhang: Beispiele für fragwürdige Testfragen

Die Testpersonen sollten für eine Vielzahl von Aussagen angeben, ob sie den Aussagen zustimmen oder nicht. In nicht wenigen Fällen, ist es zweifelhaft, ob die Zustimmung oder Ablehnung wirklich die Signifikanz besitzt, die ihnen jeweils von den Autoren der Studie zugeschrieben wird. Abschließend einige Beispiele:


Aussagen, die die “Einstellungen zu Demokratie, und Rechtsstaatlichkeit” überprüfen sollen

  • “Jeder Bürger sollte das Recht haben, für seine Überzeugungen auf die Straße zu gehen.”, “Auch Minderheiten sollten das Recht haben, ihre Meinung frei zu äußern.” Nehmen wir es hier genau, dann wären viele aufrechte Demokraten sicherlich der Meinung, dass Rechtsradikale nicht das Recht haben sollten mit “Heil Hitler”-Rufen und Hakenkreuzfahnen auf die Strasse zu gehen…
  • “Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als Demokratie.” Diese Formulierung scheint mir völlig mißraten. Erstens wird hier nach der subjektiven, individuellen Bedeutung gefragt (”für mich”). Auch wenn ein Muslim für sich selbst die Befolgung der Gebote des Islam wichtiger hält, heißt das noch nicht, dass er dasselbe vom Gemeinwohl behaupten würde. Zweitens wird hier von den Forschern vorausgesetzt, dass es einen Konflikt zwischen islamischen Geboten und der demokratischen Regierungsform gibt. Denn sonst würde sich aus der Bevorzugung der islamischen Gebote keine Demokratiefeindlichkeit ableiten lassen.
  • “An den vielen Kriminellen in diesem Land sieht man, wohin Demokratie führt.” Hier wird es noch absurder: Allein dadurch, dass man der Demokratie auch negative Seiten abgewinnen kann, wird man von den Wissenschaftlern anscheinend schon für “demokratiedistant” gehalten. Es könnte doch durchaus sein, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Demokratie gibt. Wer von einem solchen Zusammenhang ausgeht, kann aber dennoch Demokrat sein: Er nimmt dann eben diesen Nachteil aufgrund der überwiegenden Vorteile der Demokratie in Kauf. Derart jede Kritik an der Demokratie auszuschließen ist nicht im Sinne einer offenen Gesellschaft.
  • “Der Staat sollte berechtigt sein, schwere Verbrechen mit dem Tod zu bestrafen.” Zwar ist es durchaus interessant, die Meinungen zur Todesstrafe abzufragen. Aber sind sie relevant, wenn es darum geht, das Verhältnis zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu überprüfen? Sind die USA allein aufgrund der Todesstrafe schon ein undemokratisches Land?

Aussagen, die die “Einstellung zu bewaffnetem Kampf und körperlicher Gewalt mit religiöser Motivation” überprüfen sollen:

  • “Die Bedrohung des Islam durch die westliche Welt rechtfertigt, dass Muslime sich mit Gewalt verteidigen.” Hier, wie bei vielen der Fragen, stellt sich die Frage, warum die Aussage derart vage formuliert ist. Unter der “Bedrohung durch die westliche Welt” kann hier sowohl einfach nur der Irakkrieg oder der Israel-Palästinenser-Konflikt verstanden werden, als auch die globalen Verschwörungstheorien von Al Quaeda.
  • “Muslime, die im bewaffneten Kampf für den Glauben sterben, kommen ins Paradies.” Erneut ist offen, was genau unter “bewaffnetem Kampf für den Glauben” verstanden werden soll. Es kann sich sowohl um lokale Verteidigung als auch um globalen Angriff handeln.

Aussagen, die “Einstellungen zu terroristischen Gewalthandlungen im Kontext des Islam” überprüfen sollen:

  • Ganz absurd: “Selbstmordattentate sind feige und schaden der Sache des Islam.” Warum sollte die Ablehnung dieser Aussage bedeuten, dass ich gewaltbereit bin? Ich kann jeden verstehen, der das Sich-Selbst-In-Die-Luft-Sprengen durchaus nicht für feige hält. Wer hier glaubt, dass man die Taten nur moralisch verurteilen könnte, wenn sie auch feige sind, hat eine merkwürdige Vorstellung von moralischen Urteilen. Ähnliches gilt für die Aussage “Der Terror nützt der Sache des Islam”. Es gibt sicherlich viele Islamfeinde, die dieser Aussage zustimmen würden. Zumindest ließe sich gut über sie streiten.
  • “Wenn es der islamischen Gemeinschaft dient, bin ich bereit, körperliche Gewalt gegen Ungläubige anzuwenden.” Was heißt: “der islamischen Gemeinschaft dienen”? Erneut ist die Aussage viel zu vage formuliert, so dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ihr auch Personen zustimmen, die niemals behaupten würden, dass Terror oder Krieg der islamischen Gemeinschaft dient.

Wie überzeuge ich Christian Voigt? Ein Zwischenruf zum Zwischenrufen und anderen Ablenkungen

von Christian Voigt
Mittwoch, 12. Dezember 2007

In den Kommentaren zum Islamofaschismusartikel äußerte Claudia eine sehr generelle Kritik am Islam, die mir sehr unplausibel erschien. In der Folge verteidigte Claudia ihre Position in einem eigenen Gastartikel, auf den ich in einem weiteren Artikel geantwortet habe auf den Claudia wiederum mit einem Beitrag antwortete, den Eugen kommentierte. Eva reagiert darauf mit einem Zwischenruf, der mich inspierierte, nun ebenfalls dazwischen zu rufen. CV

Ich bin in vielerlei Hinsicht recht unzufrieden mit dem bisherigen Debattenverlauf und das nicht nur deswegen, weil man mir immer noch nicht recht gibt, sondern vielmehr deswegen, weil ich das Gefühl habe, dass diese Debatte immer immer mehr zerfasert und ihren Fokus verliert. Da hilft es auch nicht gerade, wenn man in die Debatte dazwischenruft, ohne sich eigentlich an ihr zu beteiligen und ohne eigentlich strukturierend eine Metaperspektive einzunehmen. Wenn man schon dazwischenruft, dann sollte man sowas rufen:

Zwischenrufer 1: “Keine unnötige Ausweitung der Debatte! Dadurch, dass ein Debattenteilnehmer einen Autor zitiert oder sogar nur nennt, übernimmt er noch nicht die Begründungslast für alle Thesen dieses Autors. Er übernimmt nur die Begründungslast für die von ihm zitierten Thesen. ”

Zwischenruferin 2: “Keine Ad-hominem Argumente! Ad-hominem-Argumente sind in einer rationalen Debatte in den allermeisten Fällen irrelevant und fehl am Platz. Insbesondere Argumente der Form “Person x sagt p, q, r und p ist offensichtlich falsch, dann müssen also auch q und r offensichtlich falsch sein” sind äußerst schlechte und unfaire Argumente.”

Zwischenrufer 3: “Genaue Bezugnahme! Stattdessen hilft es, wenn man klar sagt, welche Aussagen man eigentlich begründen möchte und welche Aussagen des Kontrahenten man eigentlich genau angreifen möchte. Das wird einem besonders leicht gemacht, wenn der Kontrahent seine Kritik anhand einer Argumentrekonstruktion der Reihe nach durchgeht. Wenn einem die Argumentrekonstruktion nicht gefällt, dann muss man sagen, was einem daran nicht gefällt. Es hilft auch nichts zu sagen, dass man auch mit anderen Prämissen auf dieselbe Konklusion kommt (”das ist machbar”, wie Eva sagt, aber wir wollen gerade wissen wie).”

Das sind alles gute Zwischenrufe. Oder wenn man sich nicht auf allgemeine Diskussionregeln beschränken will, dann könnte man sowas dazwischenrufen:

Zwischenruferin 4: “Hey Leute, worum geht es hier eigentlich nochmal? Haben wir nicht eigentlich ursprünglich darüber diskutiert, ob der Islam als Ganzes bekämpft werden soll? Christians Vorschlag, wie man das begründen könnte, ist ja ganz offensichtlich voll daneben gegangen, weil sich Claudia gar nicht auf seinen grobschlächtigen Vorschlag einlassen wollte. Aber was ist denn nun eigentlich der Gegenvorschlag? Statt so einen Gegenvorschlag zu bringen zieht Claudia sich jetzt auf die Randbereiche unserer Diskussion zurück und macht sich Gedanken über das Wesen des Dschihad, des Märtyrertums und irgendwelche Reformislamheinis. Ist das wirklich sinnvoll? Das waren doch nur zwei von den dutzenden Kritikpunkten die Christian an seinem eigenen Argument geübt hat. Erstens wird dadurch das Argument nicht besonders effektiv verteidigt und zweitens müsste es doch Claudia zu allererst darum gehen ein neues Argument zu bringen oder?”

Insbesondere den letzten Zwischenruf sollten wir uns zu Herzen nehmen: Es bringt nichts, an den Rändern der Debatte weiterzuhäkeln, wenn in der Mitte noch ein großes Loch klafft. Insbesondere, weil die Ränder unserer Debatte bereits derart weitläufig sind, dass jeder sich seine eigene Ecke aussuchen kann, ohne dass wir uns jemals wieder über den Weg laufen müssten. Das nennt man auch “aneinander vorbei reden”.

Im Zentrum der Debatte geht es um die Frage, ob und wie man eine generelle Kritik am Islam begründen kann. Eine solche generelle Kritik kann eine radikale Form haben wie “Der Islam sollte bekämpft werden”, sie kann eine viel schwächere Form haben wie “Der Islam sollte reformiert werden”, oder eine noch viel schwächere Form wie “Große Teile des Islam sollten reformiert werden”. Meine erste Forderung an Claudia wäre, dass sie klarstellt, welche zentrale These sie eigentlich verteidigen möchte. Sollte sich jetzt herausstellen, dass sie inzwischen eigentlich keine dieser Thesen mehr vertreten möchte, sondern stattdessen nur über Märtyrer und Todesdrohungen für islamische Intellektuelle sprechen möchte, dann können wir uns diese Diskussion sparen. Denn mir persönlich ging es nur um die politisch relevanten Fragen.

Meine zweite Forderung, die ich meiner Meinung nach berechtigterweise an meine Kontrahentin stellen darf, ist die Forderung nach eine transparenten Begründung dieser These. Eine Begründung ist in einer Überzeugungsdebatte erst dann transparent, wenn alle Debattenteilnehmer absehen können, warum man von der zentralen These überzeugt sein sollte, wenn man an die vorgebrachte Begründung glaubt.

Ein Beispiel: Stellen wir uns eine Diskussion vor, in der die These “Mit Spenden an Hilfsorganisationen schadet man der dritten Welt” verteidigt werden soll. Wer nun sagt “Entwicklungshilfe verzerrt den Markt in den Entwicklungsländern”, der hat damit noch keine transparente Begründung für die zentrale These vorgebracht. Denn es ist keinesfalls für alle Teilnehmer ersichtlich, warum man von der zentralen These überzeugt sein sollte, wenn man von der Wahrheit dieser begründenden Behauptung überzeugt ist. Es hilft dann überhaupt nichts, wenn nun weitere Argumente dafür vorgebracht werden, dass Entwicklungshilfe den Markt verzerrt. Stattdessen muss der Teilnehmer seine Begründung transparent machen, er muss z.B. sagen: “Marktverzerrungen schaden den Menschen in Entwicklungsländern mehr, als die Entwicklungshilfe ihnen nützt, weil dadurch die Chancen auf Wirtschaftswachstum sinken und nur durch Wirtschaftswachstum Armut dauerhaft überwunden werden kann.” Das ist kein logisch schlüssiges Argument. Aber alle können nun verstehen, warum der Teilnehmer an die zentrale These glaubt. Denn die Begründung ist für alle transparent geworden.

Nun zu unserer Debatte: Ich habe bisher noch keine transparente Begründung für die zentrale These gehört und ich weiß eigentlich inzwischen gar nicht mehr wirklich, was eigentlich die zentrale These ist. Ich nehme aber im folgenden weiterhin einfach mal an, dass “Der Islam muss bekämpft werden” im Zentrum unserer Debatte steht. Da mir für meine Kritik eine transparente Begründung für diese These fehlte, musste ich mir selbst eine basteln. Die war ziemlich transparent. Sie war bloß eben nicht besonders plausibel. Dafür konnte ich aber nichts, ich habe mein Bestes gegeben.

Da ich aber ein lieber Kontrahent sein will und weiß wie schwer die Aufgabe ist, die meine Kontrahentin zu bewältigen hat, möchte ich ein wenig zur Lösung der Aufgabe beitragen und mir ein wenig Gedanken machen, wie die Lösung aussehen müsste. Beginnen wir also mit dem kleinen Kurs “Wie überzeuge ich Christian Voigt”:

Zusammenhänge klären

Um ganz allgemein zu bleiben und alle Möglichkeiten offen zu halten: Irgendwie möchte man aus irgendeinem Zusammenhang zwischen Terror und Islam darauf schließen, dass der Islam irgendwie schlecht sei. Welche derartigen Zusammenhänge könnte es geben? Ich beschränke mich mal auf drei: Beeinflussung, Verursachung und gesetzmäßiger Zusammenhang.

Beeinflussung. Beginnen wir mit der schwächsten These: “Die islamische Religionszugehörigkeit der Terroristen hat ihr Verhalten bis hinein in ihre Terrorakte beeinflusst”. Was muss man zeigen, um diese These zu begründen? Nicht viel. Es reicht z.B., dass die Terroristen vor ihren Anschlägen beten, dass sie ihre Anschläge religiös rechtfertigen, dass ihre Opfer nicht Angehörige ihres Glaubens sind usw. Kann man mit dieser Behauptung die zentrale These transparent begründen? Das würde mich wundern. Nur um nochmal klar zu machen, wie schwach diese Beziehung ist, noch ein anderes Beispiel für dieselbe Beziehung: “Die deutsche Sprache hat die Nazis bis in ihren Völkermord hinein in ihrem Verhalten beeinflusst.” Es ist nicht schwer diese These zu begründen. Dafür muss man nur zeigen, dass die Nazis eben meistens deutsch und nicht z.B. Kisuaheli gesprochen haben. Es würde mich aber sehr wundern, wenn man mit dieser Behauptung transparent begründen könnte, dass die deutsche Sprache verboten werden sollte.

Verursachung. Diese These ist schon stärker: “Die islamische Prägung der Terroristen hat ihre Terrorakte verursacht.” Die meisten würden denken, dass, wer diese Behauptung begründen kann, gegen mich schon gewonnen hat. Desto mehr wird es sie erstaunen, wenn ich gar nicht so abgeneigt bin dieser These zuzustimmen. Aber die meisten machen sich auch keine Gedanken darüber, was genau hier eigentlich gesagt wird. Wir haben es hier nämlich mit so etwas ähnlichem wie einer singulären Kausalaussage zu tun. Es wird behauptet, dass ein bestimmtes singuläres Ereignis (die islamische Prägung eines Terroristen) ein bestimmtes anderes Ereignis (einen Terroranschlag) verursacht hat. Solche singulären Kausalaussagen kann man auch anders formulieren. Man kann sie in kontrafaktische Konditionalsätze mit ceteris-paribus-Klauseln umwandeln: Wenn diese Terroristen nicht islamisch geprägt worden wären und ansonsten alles gleich geblieben wäre, dann hätten sie auch nicht diese Terrorakte begangen.

Diese Umformulierung macht die ceteris-paribus-Klausel explizit, die in einer singulären Kausalaussage steckt: Die Behauptung gilt nur unter der Bedingung, dass alles andere gleich bleibt. Um die Kausalbehauptung “Attas islamische Prägung hat verursacht, dass er ins World Trade Center geflogen ist” zu überprüfen müssen wir uns also vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn Atta kein Moslem gewesen wäre (und sonst alles genauso wie in Wirklichkeit). Es gilt z.B. nicht, wenn wir uns vorstellen, dass er stattdessen Anhänger einer anderen Religion gewesen wäre. Ja, es gilt auch nicht, wenn wir uns vorstellen, er hätte als Ersatz an irgendeine Ideologie geglaubt, an die er in Wirklichkeit gar nicht glaubte. Alles war gleich, nur Moslem war er nicht. Für mich ist es durchaus plausibel, dass Herr Atta in diesem Fall nicht ins World-Trade Center geflogen wäre. Und also ist es für mich plausibel, dass das eine das andere verursacht hat.

Bloß was folgt daraus? Herzlich wenig. Denn unsere Kausalaussage ist eben singulär. Wir können aus ihr allein z.B. nichts über andere Herren als Herrn Atta ableiten. Um das zu machen brauchen wir mehr. Und mir erscheint es unumgänglich früher oder später dabei bei der nächsten Option zu landen:

Gesetzmäßigkeit. Man kann eine Gesetzmäßigkeit z.B. so formulieren: Wenn ein Kessel mit Wasser über einer großen Gasflamme auf einem Gasherd steht, dann wird das Wasser nach einiger Zeit zu kochen anfangen. Gesetzmäßigkeiten sind keine Aussagen über singuläre Ereignisse, sondern sind allgemeine Aussagen, die generische (unbestimmte) Ausdrücke enthalten (z.B. groß, ein Kochtopf, ein Gasherd, einige Zeit). Diese Unbestimmtheit macht Gesetzmäßigkeiten gerade überaus nützlich: Wir können sie eben auf ganz viele unterschiedliche Fälle anwenden.

In unserem Fall könnte die Gesetzmäßigkeit so lauten: “Immer wenn Mitglieder einer Gruppe islamischen Glaubens sind und mit Mitgliedern konfrontiert werden, die nicht islamischen Glaubens sind, werden die islamischen Mitglieder Terrorakte gegen die nicht-islamischen Mitglieder begehen.” Hier ist nun leicht ersichtlich, wie man mit dieser Behauptung transparent die zentrale These unserer Debatte rechtfertigen kann. Es ist aber nicht mehr so leicht ersichtlich, wie man diese Gesetzmäßigkeit rechtfertigen will.

Terrornaturgesetze

Mein kleiner Kurs in “Wie ich Christian Voigt überzeuge” hat damit ein erstes Ergebnis: Es ist nicht besonders aussichtsreich, mich mit Beeinflussungs- oder Verursachungsthesen zu überzeugen. Es reicht nicht irgendeine vage Kontinuität, keine Modifikation, nicht einmal die direkte kausale Beziehung. Stattdessen brauchen wir irgendein “Naturgesetz des islamischen Terrors”. Ein solches Terrornaturgesetz kann natürlich ganz unterschiedliche Formen haben und hier tun sich nun in der Tat viele argumentative Möglichkeiten auf: Dieses Gesetz kann z.B. den Charakter einer einfachen Daumenregel haben, es kann im Normalfall gelten oder es kann ein striktes, ausnahmsloses Gesetz sein.

Es würde mich überraschen, aber nicht überzeugen, wenn man versuchen wollte ein solches striktes Terrornaturgesetz zu finden, denn strikte, ausnahmelose Gesetze sind selbst in den Naturwissenschaften schwer zu finden. Auch das Wasser in unserem Wasserkessel fängt nur dann zu kochen an, wenn der Kessel z.B. nicht zusätzlich gekühlt wird. Auch dieses Gesetz ist also nicht strikt.

Auf eine einfache Daumenregel könnte ich mich allerdings durchaus einlassen. Die würde nämlich z.B. so ausschauen: “Es ist gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass Leute, die so drauf sind wie der Atta und in einer ähnlichen Situation stecken und auch Muslime sind, selbst Terroranschläge begehen werden.” Erneut frage ich mich aber, wie man hiermit zugleich plausibel und transparent unsere zentrale These begründen könnte.

Wir enden beim Normalfall. Wir nehmen dazu einfach ein striktes Gesetz und hängen die Klausel “im Normalfall” hinten dran. “Der islamische Glaube einer Person mit den häufig vorkommenden Merkmalen a,b,c führt in den häufig vorkommenden Umständen x, y, z notwendigerweise dazu, dass diese Person grausame Gewalttaten begeht, solange keine außergewöhnlichen Umstände vorliegen.” Diese Zusatzklausel ist natürlich höchst umstritten, aber das ignorieren wir jetzt mal. Die Frage bleibt: Wie können wir diese These (auch wenn nicht gesagt werden muss, was der Normalfall ist) überhaupt begründen?

Was sind Wesenseigenschaften?

Hier bin ich (dessen Aufgabe das nun eigentlich wirklich nicht sein sollte) nun auf die geniale Idee mit den Wesenseigenschaften gekommen. Denn wenn man davon ausgeht, dass der Islam a) unveränderliche Eigenschaften besitzt und man b) zeigen kann dass es typische Fälle gibt, in denen diese Eigenschaften allein ausreichend waren, um Gewalttaten zu verursachen, dann ist das Terrornaturgesetz und der Sieg über meine Besserwisserei in der Tat nicht mehr weit.

Was sind nun eigentlich Wesenseigenschaften? Eine Eigenschaft ist genau dann eine Wesenseigenschaft für ein Individuum, wenn dieses Individuum nicht länger denselben Namen verdient hätte, wenn es diese Eigenschaft nicht hätte. Elvis wäre kein Elvis ohne Schmalzlocke und Hüftschwung. Hitler kein Hilter ohne Judenhass und Größenwahn. Das kann man auch auf Gegenstandsarten übertragen: Eine Oper, in der nicht gesungen wird, ist keine echte Oper mehr. Ein Fussballspiel ohne Ball ist kein Fussballspiel mehr. Oder wie Eva vielleicht sagen würde: Jemand ist nicht mehr preußisch, wenn sie nicht diszipliniert und autoritätshörig ist, jemand ist nicht erzkatholisch, wenn er nicht den Papst verehrt usw.

Ich habe nun behauptet, dass Weltreligionen keine Wesenseigenschaften haben, die ihre Anhänger zu Gewaltbestien werden lassen können, ganz einfach deswegen nicht, weil die Wesenseigenschaften von Weltreligionen von ganz anderer Art sind, als die Wesenseigenschaften von so einfachen Dingen wie “der Kommunismus im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts”, “die katholische Religion im Italien des Mittelalters”, “die preußische Mentalität” usw. Wesenseigenschaften von Weltreligionen bestehen aus nicht viel mehr als “Buddhistisch ist eine Religion wenn in ihr irgendein Mensch Buddha genannt wird und verehrt wird”, “Christlich heißt eine Religion, wenn in ihr irgendein Mensch Jesus genannt wird und verehrt wird”.

Das hat bei Eva viel Verwirrung hervorgerufen, weil sie dachte, ich wolle a) abstreiten, dass Religionen das Verhalten ihrer Anhänger beeinflussen (dass ihre Religion sie z.B. zu Gewaltbestien werden lasse) und b) dass Religionen in und während einer bestimmten Zeit ganz charakteristische Eigenschaften besitzen. Beides liegt mir total fern. Aber Aussagen über Wesenseigenschaften sind modale Aussagen: Sie handeln nicht von einem Gegenstand an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie reden darüber, was überhaupt möglich ist. Sie sagen z.B., dass eine Religion (gleichgültig wo und wann oder ob in einer Phantasiewelt) nicht islamisch sein kann, wenn in ihr kein Mensch verehrt wird, der Mohammed heißt.

Zurück zu unserem eigentlichen Thema: Von Wesenseigenschaften habe ich gefaselt, weil man sie meiner Meinung nach gut gebrauchen kann, um Terrornaturgesetze transparent zu begründen. Ich will nicht ausschließen, dass man das auch auf andere Weise transparent machen kann. Aber mir ist wirklich einfach nicht klar, wie das geschehen soll und mir hat das leider bisher auch noch niemand versucht klar zu machen. Und deswegen endet hier unser kleiner Kurs “Wie man Christian Voigt überzeugen kann”. Man soll es seinen Gegnern ja auch nicht zu einfach machen. Dann sind sie nachher so gelangweilt von ihrer Aufgabe, dass sie keine Lust mehr haben zu antworten.

Kurzer Zwischenruf in die „Islamdebatte“

von Eva von Redecker
Montag, 10. Dezember 2007

Ich möchte mal ein paar Dinge aufrufen, die meiner Meinung nach wichtig sind, gerade aber in der Debatte untergehen. Die Thesen, die mehr Christian betreffen, sind, zusammengestutzt:
- Man kann auch von „islamtypischen“ Zügen sprechen, wenn man von deren historischer bzw. lokaler Veränderbarkeit ausgeht
Zum Verständnis von politischen Zusammenhängen wie Terrorismus ist deshalb (auch) eine Analyse religiöser Denkmuster sinnvoll.
- Claudias Kritik ist auch ohne den extremen Essentialismus, gegen den Du argumentierst, machbar.

Das zugestanden hege ich nichtsdestotrotz Bedenken gegen Claudias dankenswert provokatives Projekt:
- Vor Pauschalisierungen muss man sich nicht nur aus Realitätstreue hüten, sondern auch, weil die eigene Analyse immer auch selbst einen „interkulturellen“ Kommunikationsakt darstellt. Deshalb sollte man sich Gedanken machen, auf welche Weise man diese ausführt.
- Dazu sage ich dann ziemlich viele Aspekte durcheinander, was wohl als Mischung von postkolonialen Skrupeln, Anerkennungstheorie und Bergpredigt ersichtlich wird, wobei ich allerdings (etwas doppelmoralisch hinsichtlich des angeblich Antimissionarischen) darauf insistiere, dass letztlich auch die praktischen Ziele der Kritikerin auf „meine Weise“ eher erreicht würden.

Ich glaube allerdings, dass es das Handeln von Menschen beeinflusst, ob sie an Jesus oder Buddha glauben. Oder genauer (jetzt schwenke ich vom Religiösen über ins Kulturelle): Ob sie in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem fast alle Rituale, Narrative, Kunstwerke und das Selbstverständnis der Eltern/Lehrer/Vorbilder (will sagen: „der Diskurs“) von bestimmten Wertmustern geprägt/strukturiert sind. Es ist keine leere Beschreibung (natürlich auch keine umfassende), zu sagen, meine Großmutter sei preußisch-protestantisch oder dass meine Freundin erzkatholisch erzogen worden ist. Allerdings ist es, zumindest bis wir den nächsten unbekannten Indianerstamm im Dschungel der Ahnungslosen entdecken, auch nicht (mehr) möglich, schön seperate Sets zu finden (die dann tatsächlich umfassend Verhalten beschreiben oder sogar vorhersagen ließen). Aber man kann ja auch Melangen beschreiben. Gut möglich, dass es ein paar islamische Grundmuster gibt, die sehr persistent wieder auftauchen. Dann finde ich es unproblematisch sich auf die zu beziehen – aber unmöglich, sie zum unveränderlichen Wesen zu erklären oder zur alleinigen Determinante. Überhaupt geht es ja bei der gegenwärtigen Kommunikationslage auf der Welt immer auch um Reaktionen auf sogenannte westliche Güter wie Popkultur, Technologie, Konsum-Kapitalismus und was man immer so aufzählt. Bzw. deren je spezifische Aneignung.

Ich bin überzeugt, dass man weiter käme, und mit mehr Gewinn analysierte, wenn man die lokalen Phänomene immer als allgemein Menschenmögliches versteht, nach dem Motto: „Wer so und so ein Ehrkonzept, diese Phantasie von Männlichkeit, jenes Kränkungs-Szenario und diese Mittel hat, verhält sich so:“ Ein spezifisches Jenseitsversprechen spielt vielleicht eine Rolle – aber damit allein ist immer noch nicht geklärt, unter welchen Bedingungen jemand sich dem verschreibt. Es lassen sich offenkundig nicht alle Muslime in die Luft sprengen und nur die allerwenigsten Christen folgen freiwillig dem Neutestamentarischen Armutsgebot. Überhaupt finde ich es viel erhellender die Parallelen so zu ziehen, dass die ganze Debatte auch uns selbst angeht. Meine Urgroßväter haben sich zum Beispiel ohne Jenseitsversprechen aus reinen Ehr- und Männlichkeitsdynamiken duelliert und ich habe gerade in einem Briefwechsel des renommierten, sozialdemokratischen Theaterkritikers und Sprachwissenschaftlers Fritz Mauthner (Herbst 1914) gelesen, er würde ohne zu zögern, wenn er es nur könnte, mit einem Fingerdruck ganz England in die Luft sprengen. Er hat das auch mehrfach in seinen Tagebüchern wiederholt. Er konnte nicht. Die 9/11 Piloten konnten, dank „unserer“ Technik, Expertise und Kommunikationsstruktur. Bevor ich mich jetzt von den jüdischen Massenselbstmördern in Massada 73 nach Christi bis zu Jeanne d’Arc und dem Schützen von Erfurt durch unsere Kultur durchlabere, die ohnehin klare These: Ich halte es für aufschlussreicher, menschliche als muslimische Züge als Wurzel des Selbstmordattentats anzusetzen. Was nicht heißt, dass es ausgeschlossen ist, dass, neben dummdreister Supermachtpolitik, modernetypischer Radikalisierung Entwurzelter und technischer Machbarkeit bestimmte „typisch islamische“ Muster dieses Potenzial befördern.

Jetzt ein Punkt, der gewöhnlich von den von mir gar nicht so verachteten „postmodernen Relativisten“ vertreten wird, den man aber auch pragmatisch-strategisch wenden kann: Aufklärung hat sich an die eigene Kultur zu richten. Alles andere ist fruchtlose Polemik, deren eigentliche Funktion sich in polarisierender Selbstrechtfertigung erschöpft. (Wer einwendet, sich in einer einzigen Globalkultur zu befinden, müsste konsequenterweise ebenso die Adresse an den „orientalen Anderen“ aufgeben.) Wenn Lessing die lutherische Orthodoxie und Nietzsche sein heimatliches Pfarrhaus attackieren, kann daraus was werden. Kant hatte recht mit dem „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“. Von der sehe ich auch um mich herum noch genug, um als Schreiberin nicht arbeitslos zu werden. Die Islamkritikerin könnte jetzt einwenden, es ginge um die Befreiung von bestimmten Illusionen, die wir (die ich…) mir zum Beispiel hinsichtlich multikultureller Gesellschaft machen. Das wäre schlau. Darüber könnten wir dann streiten. Aber sie kann nicht behaupten, ein noch so scharfsinniger Blogeintrag hätte auch nur einen einzigen Muslimen für die „westliche Werteordnung“ eingenommen; hätte irgendwie genützt im „Kampf gegen den Terror“. Wenn man den anstehen sieht, muss man auch verraten, wie man ihn führen will. Vermutlich nicht per Atombombe. Im Ernst: Wenn ich Muslimin wäre, ich hätte angesichts genau dieser Debatten in den letzten Jahren in Deutschland aus reinem Trotz angefangen, Kopftuch zu tragen.
Wozu also der Aufruhr? Natürlich ist es bestürzend, wie gefährdet die meist sowieso schon ins Exil geflohenen Kritiker „aus den eigenen (muslimischen) Reihen“ sind. Aber man unterstützt ihre Bemühungen überhaupt nicht, wenn man die mythologisierend-vereinheitlichende Definition der Fundamentalisten übernimmt und beschließt, sie gehörten längst nicht mehr zu „dem Islam“. Das sagt z. B. auch Azar Nafisi, ansonsten keinerlei Postmodernismus verdächtig. Ein anderes Beispiel für wirksame Aufklärung finde ich das Projekt der Boroumand-Schwestern, Töchter eines ermordeten iranischen Oppositionellen, die auf ihrer Homepage nicht nur eine Sammlung aller Regimeopfer-Geschichten anstreben sondern auch eine Datenbank mit demokratietheoretischen Texten haben, die unglaubliche Download-Zahlen im Iran verzeichnen kann. Wenn, dann ändert so etwas was, und nicht die rhetorische-Keulen-Produktion alter weißer Männer ums Pentagon oder ein Asian-Times-Onlineredakteur, der unter mehr als zweifelhaftem Pseudonym eine abgehalfterte Dekadenztheorie verkündet.
Was berechtigt uns überhaupt dazu mit stärkstem Kaliber auf ein vermeintlich gefährliches Gegenüber loszugehen, wenn das doch zweifelsohne nur Öl in das Feuer seiner eigenen Komplexe gießt und die Lage verschlimmert? So wird die Kulturkritik zwar zur selffullfilling prophecy, aber der Freundlichkeit, für die wir kämpfen wollten, sind wir selbst verloren gegangen.
Ich bin ziemlich optimistisch, was die Veränderungskraft von Dialogen angeht, aber ein Dialog, in den man mit einer bereits gefertigten Meinung über das Gegenüber eintritt und ohne die Bereitschaft, ihn auch selbst gewandelt zu verlassen, ist überhaupt keiner. Was ist denn überhaupt schon versucht worden an echter Verständigung? Es gibt Foren, in denen solche Meinungsbesitzer mit beeindruckender Brillianz spiegelfechten. Warum hat nicht jedes Schulkind statt Hausaufgaben einen Blog-Austausch mit, z.B., einem Palästinenserkind? Warum wird nicht immer wieder gefragt: Wer seid ihr? Was wollt ihr? Wie können wir zusammen leben? Ich glaube am Ende solcher Gespräche hätte man weniger Fundamentalisten als am Anfang.
Wenn ich irgendetwas sehe, womit ich mich in unserer Kultur identifiziere, dann sind das Werte wie Demokratie und Freiheit. Das heißt im Grunde: Das kontinuierliche Bemühen, Exklusion entgegenzuarbeiten. Man braucht darum nicht romantisch alles Fremde für heilig zu erklären, aber es erst mal anzuerkennen und einzubeziehen scheint mir in der Tat ein Imperativ für jeden, der es mit der Freiheit ernst meint. Das ist natürlich immer riskant, aber ich lasse mich wirklich lieber ab und zu auf der Strasse von Araberlümmeln als „eklige Lesbe“ anpöbeln, als meine Ruhe genau jenem Mechanismus zu verdanken, gegen den ich einen Gutteil meiner Zeit selbst agitiere: präventivem Ausschluss. Und nur bei dieser prekären Nähe ergibt es sich eben auch, dass der 12jährige Ali Samstag morgens mit Hannes und mir Basketball bolzt, mich noch reichlich ironisch anfeuert, „für die Ehre der Frauen“ auf den Korb zu zielen, aber nach ein paar Treffern plötzlich seine in Kopftücher gepackte Schwester zum Mitspielen auffordert. Ich glaube, dass es aussichtsreicher ist, den neuen Migranten zu sagen: Herzlich willkommen, dies ist ein freies Land, hier kann jeder leben, Christen und Moslems und Homophobe und Schwule, anstatt ihnen die berüchtigten Fragebögen vorzuhalten. Je weniger sich jemand angegriffen fühlt, umso flexibler die Identität. Im Grunde bin ich ja total überzeugt, dass immer die freiere, lustfreundlichere, offenere Kultur attraktiver ist. Arbeiten wir doch daran, ihre Qualität zu steigern und ihre Verlockungen vorzuführen, anstatt ihre „Feinde“ zu etwas Unwandelbarem zu hypostasieren.
Nur um auch noch mal eine Chefideologin anzuführen - dies Butler-Interview erscheint mir ziemlich viel bedenkenswertes zu enthalten.

Warum es die Märtyrer trotzdem tun…

von Claudia
Montag, 3. Dezember 2007

In den Kommentaren zum Islamofaschismusartikel äußerte Claudia eine sehr generelle Kritik am Islam, die mir sehr unplausibel erschien. In der Folge verteidigte Claudia ihre Position in einem eigenen Gastartikel, auf den ich in einem weiteren Artikel geantwortet habe. Der vorliegende Gastartikel eröffnet nun die zweite Runde dieser Diskussion. Meine Antwort wird in einigen Tagen folgen. CV

Also gut, Christian. Da Du mein beharrliches Hinweisen auf die Analysen des Kommentators, der auf Asia Times als Spengler schreibt, weiterhin ignorierst, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als seine Erkenntnisse hier zu paraphrasieren, wobei zu fürchten steht, dass ich es in Prägnanz und Witz nicht mit ihm aufnehmen kann.

Es geht weder ihm, noch mir darum, ein für alle mal zu beweisen, dass das „innerste Wesen“ des Islam gewalttätig, grausam und intolerant sei, selbst wenn der Islam damit nicht falsch beschrieben ist. Vergleichbares ließe sich auch über den Aztekenkult sagen und es wäre genauso banal und sinnlos. Allein diese Botschaft hätte aus Mohammed schließlich keinen erfolgreichen Religionsgründer gemacht. Um eine Religion zu verstehen, muss man sich klar machen, welche Antworten sie auf die ewiggleichen Fragen gibt. Sind wir ein Nichts, Stäubchen der Vergänglichkeit? Oder haben wir eine Chance ewig zu leben und der Auslöschung von allem was uns jemals wichtig war, denn das dies alles einmal vergessen sein wird, steht fest, zu entgehen?

Je plausibler die Antwort ausfällt, umso zählebiger die jeweilige Religion. Von daher kann Mohammed also nicht alles falsch gemacht haben. Spengler formuliert es wie folgt:

„But what is it that God demands of us in response to our demand for eternal life? We know the answer ourselves. To partake of life in another world we first must detach ourselves from this world in order to desire the next. In plain language, we must sacrifice ourselves. There is no concept of immortality without some concept of sacrifice, not in any culture or in any religion. That is a demand shared by the Catholic bishops and the Kalahari Bushmen.”

Welches Konzept bietet der Islam hier an? Die lebenslange Opferung der eigenen Freiheit, durch die vollkommene Unterwerfung unter den Willen Allahs, welcher zweifelsfrei im Koran und durch das Vorbild des Propheten (die Sunna) offenbart wurde. Oder den Märtyrertod. Dieser hat den Vorteil, dass man der Gefahr entgeht, in einem schwachen Moment zu sterben, d.h. wenn man sich gerade mal nicht an die Gebote gehalten hat - für Muslime ein echter Horror. Denn Allahs Barmherzigkeit reicht nur soweit, den Gläubigen zwar eine unfehlbare Anleitung ins Paradies zukommen zu lassen, mit den Schwierigkeiten der strikten Befolgung muss sich der Einzelne aber allein abplagen.
Der Märtyrertod dagegen ist sicher, man stirbt im Moment der Willenserfüllung und kommt ohne Umschweife ins Paradies, so hat es Mohammed mehrmals zugesichert und daher spricht Spengler auch vom sacrament of jihad. Die vollkommene Selbstaufgabe ist zugleich die großartigste Möglichkeit der communio mit Allah und der Eintritt vom Diesseits ins Jenseits.

Zwischen diese beiden Polen schwankte der Islam immer schon. Ist die Ummah in jedem Moment aufgerufen den Jihad voranzutreiben oder gibt es dafür gewisse Grenzen, etwa territoriale oder strategische? Dass darüber in der islamischen Geschichte nie Ruhe eingekehrt ist, lässt sich ganz gut an einem einführenden Werk des renommierten Islamwissenschaftlers Tilman Nagel nachvollziehen, dass da schlicht “Geschichte der islamischen Theologie” heißt.

Als rund zwei Jahrzehnte nach dem Tod Mohammeds ein Bürgerkrieg um die rechtmäßige Nachfolge des Propheten beginnt und die Logik des „Recht hat, wer gewinnt“ erste muslimische Opfer fordert, kommen Bemühungen auf, den aggressiven Jihad einzudämmen.
„Wer seinen Glauben nicht mit der Waffe in der Hand bekennt, sondern Zurückhaltung übt, vollzieht eben – vergleichbar den einst von Mohammed getadelten Beduinen – nur die alltäglichen Riten; ohne seine Überzeugungen fahren zu lassen, findet er sich zumindest auf weiteres damit ab, dass die politischen Umstände seines Daseins nicht mit den Erfordernissen seines Glaubens völlig zur Deckung zu bringen sind.“ Und weiter: „Auch im Schiitentum werden wir den vorübergehenden Verzicht auf Umsturz des Bestehenden kennen lernen. Obwohl nach dem Vorbild der Urgemeinde „Glaube“ und „Staat“ eins sein sollen, nimmt man ihre Zweiheit murrend hin. Doch kann immer wieder eine Lage eintreten, in der sich ein Bürgerkrieg gegen die Herrschenden und gegen die Muslime anderer Richtungen entfachen lässt – mit dem Ziel der Wiederherstellung jener Einheit von „Glaube“ und „Staat.““ (S. 53). Und das 1994, von einem politisch unverdächtigen Autor!

Im Verlauf seines Buches erklärt Nagel anschaulich die daraus folgende Dynamik im Aufstieg und Fall islamischer Herrscher. Immer wieder spielte der Mythos von der Wiederherstellung der Urgemeinde dabei eine entscheidende Rolle für die jeweilige Opposition. Eine erfolgreiche Rebellion und Neuinstallierung der Herrschaft hing meist maßgeblich davon ab, ob sich die Bewegung als frommer Widerstand gegen religiös korrumpierte Usurpatoren darstellen konnte. Zuletzt war dieses Muster bei der Gründung Saudi-Arabiens durch den ehemals von den Osmanen eingesetzten Emir Abd al-Aziz ibn Saud aktiv, der mit den fundamentalistischen Wahabiten eine motivierte und schlagkräftige Anhängerschaft hinter sich hatte und dadurch einen Herrschaftsanspruch im Land der heiligen Stätten erkämpfen und legitimieren konnte.

Soweit dazu - was waren noch mal Deine Argumente? Ach ja, dieser Roy. Obwohl er schon in dem von Dir verlinkten Artikel viel Stuss verzapft hat, hab ich mir auch noch das Berkeley-Video und sein barbarisches Englisch reingezogen. Mir wurde allerdings einfach nicht ersichtlich, was an seinen Äußerungen voll Banalitäten und Globalisierungs-allgemeinplätzen unser Thema berührt.

Was Du von ihm zitierst, ist aber so verblendet, dass ich es gern noch mal anführe. Also, in der „Islamisierung drückt sich die Verwestlichung der islamischen Welt aus“? Jaja, die Saudis, die Afghanen, die Iraner – die pure Verwestlichung. In dieser Logik hat Atatürk die Türkei also veröstlicht als er seine gewaltsame Säkularisierung eingeleitet hat? Aber halt, jetzt kommt schon der nächste Schritt:
„Die kulturalistische Diskussion um das innerste Wesen des Islam führt dazu, dass immer schon von einem Dualismus zwischen westlicher und östlicher Welt ausgegangen wird.“
Pfui, pfui! Werden da etwa irgendwo von irgendjemandem Unterschiede benannt, die in der Realität auch so bestehen? Aber nein, das kann doch kein Ansatz sein, stattdessen müssen wir begreifen, dass alles nur eine Projektion nach außen war, wir müssen die „Probleme des Islam als unsere eigenen Probleme wieder erkennen“.

Anstatt die Islamkritiker zu therapieren, sollte Roy diese Hilfsmöglichkeit vielleicht selbst nutzen, um zu lernen, dass die Außenwelt nicht immer nur ein Spiegel unserer selbst sein kann, sondern auch für sich, nach eigenem Recht besteht. Dass zu leugnen lässt auf tief liegende narzisstische Probleme schließen, die das logische und rationale Vermögen schon mal einschränken können.
Warum born-again christians sich nicht in die Luft sprengen, um gegen den Unglauben oder gar die Katholiken zu kämpfen, wird durch sein relativistisches Geschwafel jedenfalls nicht erklärt.

Zum gelungenen Reformislam: momentan seh’ ich keinen, nirgends. Zumindest, wenn gelungen bedeuten soll, dass der Reformer auch ein paar Anhänger hat. Sorusch mag in manchen Dingen ein Kritiker des iranischen Regimes sein, mehr auch nicht. Ob ihn das von der Schuld loskauft, Ideologe einer blutigen Revolution gewesen zu sein, die eine barbarische Theokratie errichtet hat, in der er immerhin bis 1996 durchgängig gelebt hat, steht auf einem anderen Blatt. Seine Gewissensbisse scheinen ihn einem mystischen Schiismus zugetrieben zu haben, der sein geistiges Leben traditionell als unwichtige Sekte fristet.
Wie er es mit dem Liberalismus nun so genau hält, ist schwer zu sagen, jedenfalls lag es ihm in dem von Dir ausgewählten Interview offensichtlich am Herzen, ein paar antiwestliche Ressentiments abzulassen. Dass er aber dennoch ein paar heikle Dinge angepackt hat, lässt sich untrüglich daran feststellen, dass ihm einige seiner Mitbrüder bereits nach dem Leben trachten . Ich schätze deswegen: „Wie der Prophet gehandelt hat, gehört seiner Epoche an, ist aber kein Vorbild, dem spätere Generationen folgen müssten“
Solange ich nichts anderes von ihm weiß, sehe ich dennoch keinen Grund anzunehmen, dass in seiner „Vertragsdemokratie“ nicht selbstverständlich die Scharia gelten soll. Vielleicht weiß er es aber auch selbst nicht so genau.

Deine zweite islamische Referenz hat einen noch schlechteren Eindruck auf mich gemacht. Erstens ist El Fadl ein Lügner und zweitens wird er auch von niemandem mit dem Tode bedroht.

Das:

„Im Konzept des Dschihad wird der Krieg immer als etwas Böses angesehen, als Übel, das nur in Kauf zu nehmen ist, wenn es keine andere Wahl gibt. Nur unter einer einzigen Bedingung kann Krieg gerechtfertigt werden: Wenn er dazu dient, Muslime aus der Tyrannei zu befreien oder sie vor Angriffen zu schützen. Darin besteht das Konzept des Dschihad.“

nennt man taqiya.

Widerlegenn kann man El Fadl vielfach. Ich habe ein paar gute Artikel dazu herausgesucht von Tilman Nagel und Daniel Pipes( www.DanielPipes.org ), dem Gottseibeiuns der amerikanischen Islamkritik.

Nagel über den Jihad
Nagel über Gewalt gegen Andersgläubige
jihad through history
what is jihad

Nochmal: es geht nicht darum, das bisweilen unorthodoxe oder die eigenwillige
Herangehensweise der Islamisten zu negieren, aber darum, dass sie dennoch echte Kinder des Islams und seiner Märtyrerspiritualität sind, die zu allen Zeiten der islamischen Geschichte zentral war. Von der legitimen Ausbreitung der eigenen Religion mit Gewalt bis zu heutigen Guerillataktiken einer inzwischen politisch und technologisch hoffnungslos unterlegenen Kultur, die sich im Existenzkampf wähnt, führt ein direkter Weg.

Argumentkritik: Das Standard-Argument gegen den Islam

von Christian Voigt
Donnerstag, 29. November 2007


Im Anschluss an meinen Islamofaschismusartikel äußerte Claudia eine sehr weitreichende Kritik am Islam generell, auf die ich zunächst recht polemisch geantwortet habe.

Da es in diesem Blog nicht darum gehen soll, bestimmte Positionen zu propagieren, sondern wir uns vorrangig um eine argumentative, unvoreingenommene Form der Auseinandersetzung bemühen, bot es sich an Claudias Thesen mehr Raum zu geben. Wir freuen uns deswegen, dass Claudia sich bereit erklärte, ihre Sichtweise in einem kurzen Artikel darzulegen. Hier nun meine (weitgehend unpolemische) Kritik an diesem Artikel. CV

Gerade als ich beginnen will, diesen Artikel zu schreiben, höre ich im Radio wieder so eine Nachricht, diesmal aus Saudi-Arabien: 200 Peitschenhiebe für eine Frau, die sich allein mit einem Freund in der Öffentlichkeit getroffen hat. Nur wenige Gefängnisjahre für die Männer, die die beiden daraufhin vergewaltigt haben. Alles im Namen der Scharia, im Namen des Islam.

“Das alles”, sagen nun wieder die Islamkritiker, “zeigt doch nur, dass die Terrorakte und Gewalttaten von Muslimen ihren Ursprung nicht in der politischen, ökonomischen oder sozialen Situation haben, sondern im Islam selbst. Wenn wir diese Taten bekämpfen wollen, dann müssen wir den Islam selbst bekämpfen.”

Ich halte diese Reaktion für verständlich, aber grundlegend falsch. Erstens ist diese Aussage vollkommen unbegründet und zweitens kann man mit ihr nichts als Unheil anrichten (dazu habe ich bereits einiges in den Kommentaren zum Islamofaschismus geschrieben). Warum ist sie unbegründet? Das stärkste Argument, das ich aus Claudias Artikel zusammenzimmern konnte, lautet so:

Ein prototypisches Argument der Islamkritiker

  1. Im dschihadistischen Terror und den Grausamkeiten im Namen der Scharia offenbart sich das gewalttätige, intolerante und grausame Wesen des traditionellen Islam.
  2. Der Islam ist gegenwärtig eine größtenteils in ihren Werten, Normen und Institutionen einheitliche Religion.
  3. Der Islam ist unreformierbar und wird sich deswegen auch in Zukunft nicht ändern.
  4. Also: Jetzt und für alle Zeit gilt: Der Islam ist in seinem innersten Wesen eine gewalttätige, intolerante und grausame Religion.
  5. Das innerste Wesen einer Religion bestimmt das Wesen vieler Handlungen ihrer Anhänger, gleichgültig unter was für Umständen (Wenn das Wesen einer Religion die Eigenschaft f hat, dann haben auch viele Handlungen ihrer Anhänger die Eigenschaft f).
  6. Also: Der Islam ist die ständige Ursache dafür, dass Muslime gewalttätige, intolerante und grausame Taten begehen.

Daraus kann man nun erstens ableiten, dass die friedliche Koexistenz mit dem Islam — und also eine multikulturelle Gesellschaft mit islamischen Bürgern — unmöglich ist. Zweitens kann man auch (unter Hinzunahme plausibler normativer Prinzipien) darauf schließen, dass der Islam in seiner Gesamtheit bekämpft werden muss (was auch immer dieses “bekämpfen” eigentlich bedeuten mag).

Ich entdecke an diesem Argument nicht einfach nur einen einzelnen Makel: Ich halte jede einzelne Prämisse dieses Arguments für grundfalsch. Doch bevor ich sie mir der Reihe nach vorknöpfe, möchte ich die Theorie vorstellen, mit deren Hilfe ich das zu tun gedenke: Es handelt sich um Olivier Roys Unterscheidung zwischen traditionellem Islam, Islamismus und Neo-Fundamentalismus.

Wie wärs mit ein wenig Differenzierung?

Olivier Roy ist Forschungsdirektor am Nationalen Forschungszentrum in Paris. Bekannt wurde er vor allem durch sein Buch “The failure of political Islam”, dessen zentrale These lautet, dass der Islamismus politisch gescheitert sei. In Deutschland erschien zuletzt sein Buch “Der islamische Weg nach Westen”, das die zunehmende Verbreitung des Neo-Fundamentalismus beschreibt. Dieses höchst interessante Buch ist kostengünstig über die Bundeszentrale für politische Bildung zu erhalten. Einen guten Überblick über seine Thesen gibt dieser Zeit-Artikel von ihm und dieses Interview mit ihm in der hervorragenden Reihe “Conversations with History” aus Berkeley.

Roy fasst sein Ziel so zusammen: “Ich schlage nicht vor, dass wir über den Islam hinausblicken sollen, sondern dass wir die Islamisierung als ein zeitgenössisches Phänomen nehmen, das die Globalisierung und Verwestlichung der muslimischen Welt ausdrückt.” (Der islamische Weg nach Westen, S.31) Die kulturalistische Diskussion um das innerste Wesen des Islam führt dazu, dass immer schon von einem Dualismus zwischen westlicher und östlicher Welt ausgegangen wird. Statt dass wir die Probleme des Islam als unsere eigenen Probleme wiedererkennen, werden sie als Ausdruck einer für uns undurchschaubar fremden Kultur ausgelagert. Auf Seite der fundamentalistischen Terroristen findet sich die Entsprechung: Auch hier wird der Dualismus zwischen Westen und Osten konstruiert, um sich selbst als Retter des Islam darstellen zu können.

Mit der Unterscheidung von traditionellem Islam, Islamismus und Neo-Fundamentalismus verdeutlicht Roy den Modernisierungs- und Verwestlichungsprozess des Islam und versucht so der fundamentalistischen Propaganda und kulturalistischen Theorien wie der von Samuel P. Huntington entgegenzuwirken.

Der traditionelle Islam (z.B. bei den Paschtunen in Afghanistan) ist in traditionelle Gesellschaften und Kulturen eingebettet und mit ihnen verschmolzen. In solchen Gesellschaften wird Kultur oder Politik gar nicht als getrennt von der Religion wahrgenommen. Es kann gar nicht zu Konflikten zwischen der Religion und anderen Teilen der Gesellschaft kommen. Die Religiosität der Gesellschaftsmitglieder lässt sich nicht von ihrer kulturellen Identität unterscheiden.

Ganz anders im Islamismus: Islamisten geht es darum, für eine konkrete Gemeinschaft von Muslimen den wahrhaft islamischen und zugleich modernen Staat zu schaffen. Hier ist die Religion eine revolutionäre Bewegung, die der Tradition gegenübergestellt wird. Religion wird dadurch politisiert und modernisiert. Der Islamist versteht religiöse Lehren als utopische Gegenideologie zur falschen Wirklichkeit. Die Islamisten identifizieren sich nicht länger mit ihren lokalen Stammeskulturen, sondern mit einer nationalen Gemeinschaft von Muslimen.

Der Islamismus hat aber. so Roys These, indem er die traditionellen Gesellschaften in ihrer Traditionalität bekämpfte, entgegen seiner Zielsetzung, die Säkularisierung dieser Gesellschaften vorangetrieben.

Der Neo-Fundamentalismus reagiert auf diese Säkularisierung, die zunehmende Globalisierung und die damit einhergehende Auflösung lokaler Identitäten, Entwurzelung und Entfremdung mit einer radikalen Individualisierung von Religion (Al Quaeda, Taliban). Dem Fundamentalisten sind konkrete politische Zielsetzungen ganz gleichgültig, ja geradezu zuwider. Stattdessen glaubt er (ähnlich wie linke Terroristen wie die der RAF), seinen privaten Dschihad gegen die Kreuzritter des Westens und die Juden kämpfen zu müssen, um so für sein persönliches Seelenheil zu sorgen. Er verantwortet sich (ganz protestantisch) vor keiner Gemeinschaft, vor keiner Nation, sondern direkt vor Gott. Der Einzelne, häufig Kind von Migranteneltern in einem mehrheitlich nicht islamischen Land, kann sich nicht länger als Mitglied einer konkreten Gemeinschaft von Muslimen fühlen, er ist vielmehr ein erleuchtetes, auserwähltes Individuum (wie die born-again-christians), das sich allenfalls zur globalen Gemeinschaft der anderen erleuchteten Rechtgläubigen zählen kann.

Traditionelle Muslime, Islamisten und Neo-Fundamentalisten berufen sich vielleicht auf die gleichen Worte im Islam. Sie sprechen dennoch unterschiedliche Sprachen, kommen von unterschiedlichen Orten und repräsentieren unterschiedliche Zeiten.

Und diese Erkenntnis sollte ausreichen, um den Prämissen des Anti-Islam-Arguments, einer nach der anderen, den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Falsch: Im dschihadistischen Terror und den Grausamkeiten im Namen der Scharia offenbart sich das gewalttätige, intolerante und grausame Wesen des traditionellen Islam.

  • Falsch, weil der dschihadistische Terror ein in der Geschichte des Islam exzeptionelles Phänomen ist. Der Selbstmordanschlag ist keine Erfindung des Islam, sondern moderner Extremisten (die ersten waren wohl russische Anarchisten). Die Assassinen, die selbst nur Randfiguren der Geschichte waren, haben kaum etwas mit Osama bin Laden gemein.
  • Falsch, weil der Dschihad ursprünglich niemals als individuelle und globale sondern immer nur als kollektive und lokale Verpflichtung interpretiert wurde.
  • Falsch, weil die islamistische Durchsetzung einer im Mittelalter aktuellen Rechtsprechung keine Fortsetzung, sondern ein Bruch mit der Tradition sich ständig erneuernder Auslegung bedeutet.
  • Falsch, weil übersehen wird, dass sowohl der Glaube von Al-Quaeda-Anhängern, als auch der radikaler Islamisten sich grundlegend vom traditionellen Glauben unterscheiden und ein durch und durch modernes Phänomen ist (siehe oben).

Die Islamkritiker rechtfertigen diese Kontinuitätsthese, indem sie behaupten, dass die Ideologie der Terroristen sich aus großen Teilen der klassischen Auslegungstradition speise. Aber auch das ist falsch: Nur ein sehr kleiner Teil der Auslegungstradition, wird überhaupt zur Kenntnis genommen. Und auch hier gilt: Die Art des Umgangs mit diesen Texten ist ganz neu. Der traditionelle Islam zeichnete sich durchaus durch eine lebendige Auslegungstradition aus, nicht durch einen “Buchstabenglauben”. Dass heutzutage die Auslegungsweise des Mittelalters für die einzig wahre Auslegungsweise erklärt wird, ist gerade vollkommen untypisch für den traditionellen Islam. Auch dieser Konservativismus ist ein genuin modernes Phänomen.

Ebenso neu ist der zunehmende Bedeutungsverlust traditioneller theologischer Hierarchien und der Zuwachs von selbsternannten Schriftgelehrten und Do-It-Yourself-Ideologen.

Falsch: Der Islam ist gegenwärtig eine größtenteils in ihren Werten, Normen und Institutionen einheitliche Religion.

  • Falsch, denn traditioneller Islam (Volksislam), Islamismus und Neo-Fundamentalismus unterscheiden sich von Grund auf. Das wird besonders deutlich wenn man nicht nur religiöse Dogmen vergleicht, sondern insbesondere die Religiosität der Gläubigen. Längst nicht alle Muslime sind Islamisten und noch viel weniger von ihnen sind Neo-Fundamentalisten (auch wenn es in den letzten Jahrzehnten immer mehr werden).
  • Falsch auch, weil es keine einheitliche islamische Kultur gibt, unabhängig von den jeweils nationalen oder ethnischen Kulturen.

Claudia rechtfertigt diese These damit, dass 90% der Muslime Sunniten seien und dass die sunnitischen Zweige des Islam sich kaum unterschieden. Außerdem gäbe es kaum Unterschiede zwischen moderaten und radikalen islamischen Gelehrten.

Ersteres ist irrelevant, letzteres falsch. Zum zweiten Punkt: Es gibt viele Beispiele für islamische Intellektuelle, die sich um eine Modernisierung des Islam — um die Schaffung eines Reformislams — bemühen. Zu nennen wäre z.B. Abdolkarim Sorush aus dem Iran (hier ein Interview) oder Khaled Abou El Fadl (hier ein Interview). Ein ausführliches Dossier zu diesem Thema findet sich hier bei Quantara. Kurze Porträts dieser und anderer islamischer Intellektuelle finden sich in dem Buch “Der Islam am Wendepunkt”, das ebenfalls über die Bundeszentrale für politische Bildung zu erhalten ist.

Zum ersten Punkt: Dass 90% sunnitisch sind, heißt so gut wie gar nichts. Um zu behaupten, dass es keine Unterschiede zwischen den sunnitischen Zweigen des Islam gäbe, reicht es nicht aus, einfach nur die Äußerungen ihrer intellekuellen Anführer miteinander zu vergleichen. Auch hier sollte man die Differenzierung von Olivier Roy anwenden: Auch wenn es in der Religion (im Schrifttum, in den Äußerungen der religiösen Führer usw.) keine Unterschiede gibt, kann es in der Religiosität der Anhänger sehr starke Unterschiede geben. Das ist insbesondere für Muslime in europäischen Ländern wichtig, da sich hier neue Formen der Religiosität erzwungenermaßen herausbilden müssen.


Falsch: Der Islam ist unreformierbar und wird sich deswegen auch in Zukunft nicht ändern.

Falsch, offensichtlich falsch, würde ich meinen. Nicht nur, weil es bereits genügend überzeugende Entwürfe eines Reformislam gibt (siehe oben). Sondern auch, weil es einfach kein unreformierbares Gedankengut, sondern nur unverbesserliche Denker gibt.

Wie wird hier argumentiert? Man findet in Claudias Artikel ein Zitat, das folgende Begründung nahelegt: Der echte Islam sei der islamistische Islam im Iran oder in Saudi-Arabien. Alles, was diesem Islam nicht ähnele, sei in Wirklichkeit gar kein Islam mehr. Also sei jeder Reformislam kein Islam und also der Islam nicht reformierbar.

Das nennt man Ad-Hoc-Argumentieren.

Na klar, wenn ich behaupte, dass jemand nur dann wirklich deutsch sei, wenn er auch ein Nazi sei, dann kann ich ohne Probleme behaupten, dass alle Deutschen Nazis seien. Alle Gegenbeispiele kann ich dann damit abschmettern, dass es sich bei ihnen ja offensichtlich nicht um echte Deutsche handele (weil sie eben keine Nazis sind).

Dann muss ich mich aber auch darauf einlassen, dass es nur sehr wenige Deutsche in Deutschland gibt und dass das Deutschsein vor allem ein ostdeutsches Phänomen ist. Wenn ich stattdessen noch zusätzlich behaupten würde, dass 80 Millionen Nazis in Deutschland lebten, und dass z.B. alle deutschen Parlamentarier Nazis seien, dann würde ich mich einer Äquivokation schuldig machen: Ich würde zwei Verwendungen von “deutsch” durcheinanderbringen.

Genauso mit dem Islam: Wer unter “Islam” nur den Islam in iranischer oder saudi-arabischer Ausprägung verstanden wissen möchte, der kann z.B. nicht mehr schließen, dass eine multikulturelle Gesellschaft mit nur fälschlicherweise sogenannten islamischen Minderheiten unmöglich sei. Ebensowenig kann man darauf schließen, dass der Islam in Europa bekämpft werden muss.

Will man nicht auf diese Thesen verzichten, dann darf man keine derart enge Definition für “Islam” wählen. Welche Definition könnte man stattdessen wählen? Man könnte z.B. sagen, dass ein Islam, der auf die Durchsetzung der Scharia verzichte, kein echter Islam mehr sei.

Aber das ist natürlich genauso ad hoc. Und außerdem: Hier ist nicht länger klar, warum der Islam eigentlich reformunfähig ist, was ja die These ist, die hier zur Diskussion steht. Denn ab wann ein Rechtssystem eine Realisierung der Scharia ist, das ist durchaus Interpretationssache. Wenn z.B. das Händeabhacken historisierend nur als ehemals zeitgemäßer Ersatz für ein fehlendes Gefängnissystem verstanden wird, dann kann, ohne der Scharia eindeutig zu widersprechen, auf das Händeabhacken verzichtet werden, solange Gefängnisse bereit stehen. Ist eine solche Interpretationsweise schon per se unislamisch?

Um diese Unveränderlichkeits-These zu beweisen, ohne sie ihrer argumentativen Funktion zu berauben, müsste man unveränderliche Wesenseigenschaften des Islam finden, die erstens auf fast alle islamischen Glaubensrichtungen zutreffen und zweitens derart konkret sind, dass sie Muslime unweigerlich zu grausamen Gewalttaten treiben. Warum das aussichtslos ist, sage ich aber lieber unter dem nächsten Punkt.

Falsch: Das innerste Wesen einer Religion bestimmt das Wesen vieler Handlungen ihrer Anhänger, gleichgültig unter was für Umständen

  • Falsch, weil hier eine viel zu generelle und einfache Kausalbeziehung zwischen Religion und Verhalten angenommen wird. Insbesondere die notwendige Generalisierung “gleichgültig unter was für Umständen” macht diese These zu einer Art sozialem Naturgesetz, was für sich genommen schon unplausibel genug ist.
  • Falsch auch, weil aus Wesenseigenschaften von Weltreligionen keine Handlungsgebote folgen. Was sind schon die Wesenseigenschaften von Weltreligionen? Doch nicht viel mehr als: Eine Religion ist nur buddhistisch, wenn in ihr Buddha verehrt wird. Eine Religion ist nur christlich, wenn in ihr Jesus verehrt wird. Und wie wirkt sich das auf das Verhalten von Christen und Buddhisten aus? Gar nicht.Auf viel mehr als solche nichtssagenden Wesensbeschreibungen würde ich mich aber nicht einlassen. Ganz einfach deswegen nicht, weil Weltreligionen sich in fast jeder Hinsicht verändern können, wenn man ihnen nur genug Zeit lässt und den Kontext nur genügend verändert. Das ist selbst mit politischen Ideologien schon so, wenn sie nur älter als ein paar Jahrzehnte werden. Am deutlichsten wird das derzeit in China, wo uns die Propagandisten zeigen, wie man Kommunist und Kapitalist zugleich sein kann.

    Natürlich haben Religionen großen Einfluss auf das Verhalten ihrer Anhänger. Was hier aber behauptet wird, ist etwas anderes: Hier wird behauptet, das innere, unveränderliche Wesen von Religionen habe eine derartige Handlungswirksamkeit. Und an eine derart wirksame ewige Wesenhaftigkeit kann ich nicht glauben. Ein solches Bild sozialer Konstrukte ist ganz einfach ahistorisch.


Reicht das?

Die Anhänger dieses Arguments sollten wissen, dass es ausgereicht hätte, eine einzige ihrer Prämissen zunichte zu machen, damit dieses Argument in sich zusammenfällt. Ich konnte mich bloß nicht entscheiden, welche dieser Prämissen die falscheste ist. Wenn also auch nur einer meiner Einwände sie überzeugt, sollten sie sich überlegen, ob sie nicht in Zukunft etwas vorsichtiger, etwas bedächtiger reden und denken sollten.

Warum man nicht vom Islam schweigen sollte, wenn man vom Terror redet

von Claudia
Donnerstag, 29. November 2007


Im Anschluss an meinen Islamofaschismusartikel äußerte Claudia eine sehr weitreichende Kritik am Islam generell, auf die ich zunächst recht polemisch geantwortet habe.

Da es in diesem Blog nicht darum gehen soll, bestimmte Positionen zu propagieren, sondern wir uns vorrangig um eine argumentative, unvoreingenommene Form der Auseinandersetzung bemühen, bot es sich an Claudias Thesen mehr Raum zu geben. Wir freuen uns deswegen, dass Claudia sich bereit erklärte, ihre Sichtweise hier darzulegen. Meine nach wie vor kritische, aber weniger polemische Antwort auf diesen Artikel findet sich hier. CV

Es mag lohnenswert sein zu diskutieren, welche Ähnlichkeiten zwischen faschistischem Denken und dem sich gefährlich ausbreitenden radikalen Islam bestehen, so wie hier oder hier.

Dennoch kommt man dem Rätsel des islamischen Terrors mit Sicherheit näher, wenn man die religiösen Antriebskräfte der Jihadisten anerkennt und zu verstehen versucht, anstatt ein Phänomen aus der eigenen Vergangenheit zu bemühen.

Dazu befinden sich hier und hier erstaunliche und nicht so einfach abwendbare Thesen. Wenn Märtyrertum, mithin Selbstopfer, der direkteste Weg zu Allah sind, dann wird sich der Islam niemals friedlich einhegen lassen, dann wird man sich weder auf gute Nachbarschaft einigen können noch auf ein friedliches Zusammenleben in der „multikulturellen Gesellschaft“.

Verständlich, dass man angesichts solcher Thesen lieber auf den Mummenschanz des Islamfaschismus eindrischt, auch wenn er einige Relevanz dadurch erhält, dass sich der Islam durchaus in einem modernen Sinne totalisiert hat. Dennoch sollte dieses Phänomen, wie es beispielsweise von der Iranerin Nasrin Amirsedghi eben erst in der Jungle World beschrieben wurde:

Islam ist Islam, wie er im Iran oder Saudi-Arabien praktiziert wird. Wo der Islam nicht nach der Sha­ria ausgeübt wird, ist er im Kern nicht mehr islamisch. Es kann keine moderne Variante dieser Religion geben. Modern ist nur, dass das wahre Gesicht des Islam durch die Digitalisierung und weltumspannende Informationswege aus den Kämmerchen der Orientalisten herausgetreten ist und sein Bild das Fußvolk erreicht hat. Zu hof­fen ist nur auf eine beschleunigte Aufklärung.
Jungle World

- nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei den Jihadisten, resp. Selbstmordattentätern um Muslime handelt, die eine Menge klassischer Koran- und Hadithauslegung hinter sich wissen und sich nur in wenigen Punkten von der Auslegungspraxis solcher Gelehrter unterscheiden, die gemeinhin als moderat gelten.

Da Christian sich darüber beschwert hat, dass der Begriff Islam fälschlich gebraucht werden muss, um überhaupt solche Aussagen aus ihm abzuleiten, sei hier kurz auf seine Kritik eingegangen.

Ca 90-95% aller Muslime sind Sunniten, der Rest Schiiten und zu vernachlässigende Abspaltungen. Die Sunniten teilen sich in vier Rechtsschulen auf, deren Dogmen oder Bestimmungen seit rund tausend Jahren unverändert sind (!), und die sich inhaltlich kaum unterscheiden. Deswegen erkennen sich diese Richtungen (Hanefi, Maleki, Hanbali, Schafi) auch untereinander als “rechtgeleitet” an, um einen islamischen Terminus zu gebrauchen.

Angesichts dessen, finde ich es völlig unproblematisch vom Islam zu sprechen und gegebenenfalls besonders auf die Schia hinzuweisen oder kleine Strömungen, bis hin zu Einzelfiguren.

Nebenbei liegt der Vergleich zum Katholizismus durchaus nahe, 1a corporate identity, beeindruckende zeitliche Kontinuität in den Lehraussagen, dazu beeindruckende - oder auch beunruhigende - Mitgliederzahlen.

Dass der offensichtlich christliche Kommentator, dessen Artikel zu lesen ich allen ans Herz lege, auf Verständnisschwierigkeiten bei der säkularisierten Linken stößt, der ich Dich mal zuschlage, ist verständlich. Dennoch ist dieser „Spengler“ in letzter Zeit eine wichtige Quelle für mich geworden und ich finde, dass seine scharfsinnigen Überlegungen wichtig genug sind, um auch von Atheisten in die Analyse mit einbezogen zu werden.

Von denen ja viele, so mein Eindruck zumindest, meinen über Islam und Religionen im allgemeinen Urteile fällen zu können, obwohl sie nicht einmal die Grundlagen derselben kennen oder es auch nur für nötig halten diese zur Kenntnis zu nehmen. Aber selbst für Religionskritik, oder gerade dazu, muss man wenigstens wissen, mit welchem Glauben man es zu tun hat. Und was den Islam angeht, sollte man die Selbstaussagen der Attentäter schon ernst nehmen. Zur Erinnerung sei hier beispielsweise der Inhalt des Zettels verlinkt, der an Van Goghs Brust gepinnt worden war.

Denn die Frage ist dringlicher denn je, welche Auswirkungen ein Offenbarungsglaube hat, der sich auf die Befolgung von Regeln beschränkt, die eine innere Einstellung der totalen Unterwerfung habituell festschreiben und darin den einzigen Weg ins Paradies weist, ein Weg der sich abkürzen lässt, wenn man noch nicht Unterworfenen erfolgreich diese Wahrheit aufzwingt und/oder sich dafür einsetzt, (radikaler Islam: mit allen Mitteln) dass sich Unglaube und Häresie nicht ausbreiteten.

Erklärt die Neuroökonomie uns die Welt?

von Christian Voigt
Dienstag, 20. November 2007

Eine nette Idee ist das in der FAZ: Regelmäßig versucht sie uns die Welt zu erklären. Diesmal widmet sie sich der Frage, warum wir, wenn wir die Wahl zwischen qualitativ gleichwertigen Produkten (z.B. Jeans) haben, dennoch häufig bereit sind, allein für den Markennamen des einen Produkts hundertmal mehr Geld auszugeben als für das Produkt ohne Namen.

Das ist eine gute Frage. Was erwarten wir von einer guten Antwort? Wir erwarten uns z.B. von ihr, dass sie uns etwas Interessantes über uns erzählt, etwas, das wir benutzen können, um dieses Verhalten einzuschätzen und dann zu bewerten.

Patrick Bernau von der FAZ meint, dass die Neuroökonomie zuständig für die Beantwortung dieser Frage sei. Das fand ich interessant, weil ich bis heute nicht wusste, dass es überhaupt eine derartige Disziplin gibt.

Was sind die Antworten der Forscher “an den renommierten Universitäten von Stanford, Pittsburgh und dem Massachusetts Institute of Technology”? Handelt es sich um gute Antworten?

Die Antwort auf die Frage, warum wir so handeln, besteht merkwürdigerweise in nichts weiter als Ortsangaben. Wir handeln so, weil im Lustzentrum unseres Gehirns etwas passiert, was irgendwie stärker ist als das, was im Schmerzzentrum passiert. Lassen wir die Orstangaben weg, dann bleibt als Antwort nichts weiter als: Wir handeln so, weil wir uns gefühlsmäßig (impulsiv) entschieden haben so zu handeln (”entscheiden” in einem ganz schwachen Sinne), bzw. weil es uns ein gutes Gefühl gibt. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern die Ortsangaben, die die Neuroökonomie dieser Antwort hinzufügt, uns in irgendeiner Weise weiterhelfen.

Noch irreführender wird diese Antwort aber durch einen popularisierenden Vergleich: Das, was in unserem Gehirn vorgehe sei so, wie wenn im Film Engelchen und Teufelchen auf den Schultern eines Protagonisten um seinen Willen kämpften.

Diese Analogie ist irreführend, weil Engelchen und Teufelchen im Film Homunculi sind: Sie sind intelligente, sprachbegabte Wesen mit Bewußtsein und Gefühlen. Würde uns die Entscheidung, einen teuren Markenartikel zu kaufen, wirklich mithilfe von Teufelchen und Engelchen erklärt werden, wäre das sehr viel hilfreicher, als der Verweis auf Gehirnregionen. Denn dann würden Engelchen und Teufelchen Argumente austauschen.

Die Teufelchen-Engelchen-Erklärung ist eine gute Erklärung, weil sie unsere eigenen bewußten Entscheidungsprozesse wiederspiegelt, weil sie uns die Diskussion darstellt, die eine Person mit sich selbst führen kann. An eine solche Diskussion können wir anknüpfen, wir können die vorgebrachten Argumente kritisieren, unterstützen und angreifen.

Die im Artikel erwähnten Hirnregionen werden aber nicht auf diese Weise beschrieben: Es werden ihnen weder Intelligenz, noch Sprachbegabung, noch Gefühle zugeschrieben. Und so können diese Hirnregionen auch keine Argumente austauschen. Die neuroökonomische Erklärung hat also eigentlich überhaupt nichts mit der Teufelchen-Engelchen-Erklärung gemein.

Man verstehe das nicht falsch: Diese Überlegungen sollen nicht zeigen, dass neurologische Erkenntnisse generell keine guten Antworten auf solche Fragen geben können. Angenommen die Neuroökonomie hätte herausgefunden, dass wir nur dann fürs Markenkaufen belohnt werden, wenn die Marke bestimmte klar umrissene Bedingungen erfüllt. Dann hätten wir in der Tat etwas über uns erfahren.

Aber der FAZ-Artikel weckt nur den Anschein, solche Ergebnisse zu referieren. Es werden zunächst alle möglichen Versprechungen und Assoziationen aufgezählt, die eine Marke bei uns hervorrufen kann. Diese Liste ist so offen, dass anscheinend alles Mögliche unser Lustzentrum erregen kann. Es wird eine einzige Einschränkung gemacht: “Dagegen reicht es nicht, wenn uns ein Produkt gefällt oder wir es mögen. Dem Buchladen um die Ecke zum Beispiel hilft es nur selten, dass er uns so sympathisch ist. Sympathie und Belohnung seien eben in zwei unterschiedlichen Gehirnbereichen angesiedelt”.

Alles, was hier ausgeschlossen wird, ist ein vager Begriff von Sympathie. Ansonsten scheint es so zu sein, dass prinzipiell jeder Wert oder jede positive Erwartung Belohnungen in unserem Lustzentrum auslösen kann. Die eigentliche Erklärung ist dann aber nicht die Belohnung in unserem Lustzentrum, sondern der Wert oder die Erwartung, der oder die uns zum Kauf überzeugte. Und welche Werte uns wann zum Kauf überzeugen, darüber wird die Neuroökonomie kaum generell etwas Interessantes sagen können, solange sie uns nicht alle ständig unter neurologischer Dauerbeobachtung hält. Der hinzugefügte Hinweis auf den Ort, wo das alles kausal stattfindet, ist dabei wenig hilfreich.

Deswegen ist dieser Artikel ein Beispiel dafür, wie der neurobiologische Verweis auf Hirnregionen neuerdings als Pseudoerklärung akzeptiert wird, ohne danach zu fragen, ob dieser Verweis die gestellten Fragen überhaupt beantwortet. Um selbst einmal eine Analogie zu wagen: Das ist so, wie wenn man auf die Frage, warum die Nazis Antisemiten waren, darauf verweist, dass Hitler in Berlin gewohnt habe.