Alpha-Journalisten unter sich — Ein kleiner Bericht von der Buchvorstellung “Die Alpha-Journalisten”, mit einigen Alpha-Journalisten auf der Bühne und anderen im Publikum
von Matthias KiesselbachMittwoch, 27. Juni 2007
“Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt.” Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges ist in guter Form heute abend. Über die Blog-Szene, den “Dreck von unten”, lässt er sich ganz besonders gerne aus. Dazu hat er sich vor der Veranstaltung extra ein paar Worte zurecht gelegt, und die packt er jetzt aus, obwohl Moderator Hajo Schumacher ihn eigentlich etwas ganz anderes gefragt hat. Sein “loser generated content” erntet ihm prompt einen kleinen Szenenapplaus im Jungjournalistenpublikum, und Henryk M Broder schreibt sich diese neue Vokabel gleich ab - vielleicht kann er sie an passender Stelle auch mal anbringen. Die Stimmung ist gut. Die Journalisten haben jetzt auch einen Don Alphonso.
Obwohl Jörges nicht unrecht hat, was die Qualität des politischen Kommentars in der deutschen Blog-Szene angeht, lässt mich seine hysterische Abgrenzung gegen die Blog-Welt die Augenbrauen etwas hochziehen, zumal seine Tirade zwischen zwei längeren Episoden unangenehmer Selbstbeweihräucherung steckt. In der ersten erzählt Jörges mit Genugtuung von den Kampagnen der Bild-Zeitung und der Staatsanwaltschaft gegen ihn. Jörges hatte vor einiger Zeit die seiner Meinung nach extrem mutige These vertreten, dass 85-jährige Patienten ihre Hüfttransplantationen selber bezahlen sollten, und diese These mit Nazi-Anspielungen über die heutigen Rentner gewürzt. Für diese Story sollte Jörges nun, wie er lausbübisch erklärt, büßen. Natürlich hatten seine Gegner aber am Ende gar nichts gegen ihn in der Hand. Die Bild-Kampagne verpuffte trotz Nazirentnerpublikum, und die Ermittlung wegen Volksverhetzung wurde eingestellt. Jörges findet das alles super cool. In der zweiten Story lobt er sich selbst für seine Standhaftigkeit in einer anderen Kampagne gegen ihn (diesmal des Presserates und der taz), in der es um seine Stellungnahme zur Hartz IV-Reform ging. Er hatte vor etwa einem Jahr geschrieben, dass die Reform Züge des Kommunismus trägt, weil durch sie jeder erstens gleich viel und zweitens viel zu viel kriegt (“im günstigsten Fall fast 2000 Euro”). Auch dafür sollte er büßen etc. pp. Kurzum: Mutiger Kämpfer für die Freiheit des Wortes kämpft gegen dummen Mob; dummer Mob hat nichts gegen ihn in der Hand, Kämpfer gewinnt. Die alte Geschichte.
Ich hatte immer gedacht und gehofft, dass die Abgrenzungshysterie und die öffentliche Selbstliebe nachlässt, sobald eine gewisse Bekanntheit, ein sicheres Einkommen und ein bestimmtes Alter erreicht sind. Bei Jörges sind diese Züge noch so vital wie bei mir in der Vorpubertät. Zum Glück ist Jörges nicht der einzige Podiumsgast heute abend. Neben ihm sitzt Henryk M. Broder. Während ich Jörges bis heute eigentlich nicht wirklich wahrgenommen hatte, fand ich Broder immer nervtötend, viel zu eitel und oft im Dunklen tappend. Diese Meinung revidiere ich hiermit. Jedenfalls teilweise. Noch immer gefällt mir seine Pose des kontroversen Antizyklikers nicht. (Antizyklik ist kein gutes Ziel für einen Journalisten, allenfalls ein interessanter — aber nie dauerhafter — Nebeneffekt der Wahrheitsliebe.) Aber was auch immer die Motive seiner Äußerungen sind: Die Äußerungen selber sind gar nicht so schlecht. Jedenfalls heute nicht.
Von den Podiumsgästen Maybrit Illner, Hans-Ullrich Jörges und Henryk M. Broder ist jedenfalls Broder der einzige, der die Intelligenz besitzt, die alte Frage nach dem politischen Einfluss der Journaille endlich einmal anständig zu desambiguieren, bevor er sie beantwortet. Ist der “Einfluss” der Journalisten einfach ihr Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung: ihre Fähigkeit also, Begriffe zu prägen oder Diskussionen zu forcieren? Oder besteht “Einfluss” in der Fähigkeit der gezielten Erwirkung politischer Resultate? Ersteres haben Journalisten, aber das ist banal. Einfluss im letzteren Sinne dagegen haben Journalisten nicht - dafür ist die politische und intellektuelle Welt zu komplex. Broders Bild dafür ist zwar nicht ganz perfekt, aber es erklärt, was er meint: Man kann im Mosaik der Öffentlichkeit immer nur einzelne Steine austauschen und verschieben. Da aber alle möglichen Leute ähnliches tun, hat kein einzelner Journalist — überhaupt kein einzelnes Indiviuum — das Gesamtbild im Griff. Und somit keinen Einfluss auf das Endergebnis. Broder meint, dass es sich aus diesem Grund für den Journalisten eher gezieme, die Welt möglichst gut zu beschreiben, als journalistisch immer gleich ihre Veränderung anzustreben. Das kann man, so Broder, übrigens auch mit scharf evaluativen (im heutigen Jargon: “polemischen”) Thesen tun.
Man könnte nun diskutieren, welcher Einflussbegriff in politiktheoretischen Fragen der wichtigere ist, der Input- oder der Ergebnis-Begriff von Einfluss. Man könnte auch diskutieren, ob mit dem ersteren (scheinbar banalen) Einflussbegriff nicht doch interessante Dinge über den Journalismus als Stabilisator oder als Destabilisator der öffentlichen Diskussion gesagt werden könnten. Aber — man muss das wirklich so sagen –, dazu haben die anderen Bühnengäste das Argument Broders nicht gut genug verstanden. Maybrit Illner jedenfalls beginnt plötzlich einen kleinen, und doch langweiligen, Monolog darüber, wie sehr man als Journalistin dazu tendiere, die Zuschauer zu unterschätzen, und wie treffsicher das Urteil der “Menschen” (wie sie sagt) auch ohne Journalisten in Wirklichkeit sei, und so weiter und so fort. Dafür gibt’s übrigens einen kleinen Applaus. Jörges konfrontiert Broder damit, dass Broders journalistisches Agieren ihn selbst Lügen strafe: Wer wie Broder derartig pointierte Positionen vertrete, der will doch offensichtlich etwas verändern. Wie gesagt: Broders Argument wird nicht besonders gut verstanden. Leider versäumt es auch Broder, Jörges darauf hinzuweisen, dass evaluatives Vokabular und scharfe Thesen durchaus in deskriptiven Texten stecken können. Überhaupt zeigt sich die Zunft der Journalisten in puncto Argumentationsfähigkeit heute abend nicht von der besten Seite. Stattdessen gibt es viel Selbstzufriedenheit, ein bisschen Networking und reichlich Sprechblasen. Das ist wirklich schade, hätte das ganze doch eine interessante Selbstreflexion der “Alpha-Journalisten” werden können.
Doch die “Podiumsdiskussion” ist leider schon zuende. Dafür gibt es jetzt was zu essen. Das finde ich auch gut, denn eigentlich bin ich sowieso nur dafür in das italienische Restaurant gekommen, in dem diese ganze Journalistengeschichte stattfindet.
Insgesamt also nicht viel Neues aus der Ecke der Berliner “Alpha”-Journalisten. Auf jeden Fall kein besonders toller Vermarktungsstart des gleichnamigen Buches. (”Die Alpha-Journalisten”, hrsg. von Stephan Weichert und Christian Zabel im Halem-Verlag, rezensiert u.a. in der NZZ; Maybrit Illner über das Buch: “Kann man lesen, kann man aber auch sein lassen.”).
Nachtrag: Hier noch ein kleiner Kommentar zu den Reaktionen auf diesen Artikel und Jörges Klarstellung.
Noch ein Nachtrag, vom 3. Juli 2007: Wie Marie Naumann von Reader’s Edition mir freundlicherweise in die Kommentare schreibt, hat sich Hans-Ulrich Jörges jetzt dort zu Wort gemeldet und erwartungsgemäß viel Zustimmungswürdiges gesagt. Zudem erreicht mich die Nachricht, dass sich seit heute ein Gedicht dem Phänomen des Alphajournalismus widmet. Und ein Cartoon.

