Archiv der 'Kein Unsinn, trotzdem interessant'-Rubrik

Alpha-Journalisten unter sich — Ein kleiner Bericht von der Buchvorstellung “Die Alpha-Journalisten”, mit einigen Alpha-Journalisten auf der Bühne und anderen im Publikum

von Matthias Kiesselbach
Mittwoch, 27. Juni 2007

“Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt.” Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges ist in guter Form heute abend. Über die Blog-Szene, den “Dreck von unten”, lässt er sich ganz besonders gerne aus. Dazu hat er sich vor der Veranstaltung extra ein paar Worte zurecht gelegt, und die packt er jetzt aus, obwohl Moderator Hajo Schumacher ihn eigentlich etwas ganz anderes gefragt hat. Sein “loser generated content” erntet ihm prompt einen kleinen Szenenapplaus im Jungjournalistenpublikum, und Henryk M Broder schreibt sich diese neue Vokabel gleich ab - vielleicht kann er sie an passender Stelle auch mal anbringen. Die Stimmung ist gut. Die Journalisten haben jetzt auch einen Don Alphonso.

Obwohl Jörges nicht unrecht hat, was die Qualität des politischen Kommentars in der deutschen Blog-Szene angeht, lässt mich seine hysterische Abgrenzung gegen die Blog-Welt die Augenbrauen etwas hochziehen, zumal seine Tirade zwischen zwei längeren Episoden unangenehmer Selbstbeweihräucherung steckt. In der ersten erzählt Jörges mit Genugtuung von den Kampagnen der Bild-Zeitung und der Staatsanwaltschaft gegen ihn. Jörges hatte vor einiger Zeit die seiner Meinung nach extrem mutige These vertreten, dass 85-jährige Patienten ihre Hüfttransplantationen selber bezahlen sollten, und diese These mit Nazi-Anspielungen über die heutigen Rentner gewürzt. Für diese Story sollte Jörges nun, wie er lausbübisch erklärt, büßen. Natürlich hatten seine Gegner aber am Ende gar nichts gegen ihn in der Hand. Die Bild-Kampagne verpuffte trotz Nazirentnerpublikum, und die Ermittlung wegen Volksverhetzung wurde eingestellt. Jörges findet das alles super cool. In der zweiten Story lobt er sich selbst für seine Standhaftigkeit in einer anderen Kampagne gegen ihn (diesmal des Presserates und der taz), in der es um seine Stellungnahme zur Hartz IV-Reform ging. Er hatte vor etwa einem Jahr geschrieben, dass die Reform Züge des Kommunismus trägt, weil durch sie jeder erstens gleich viel und zweitens viel zu viel kriegt (“im günstigsten Fall fast 2000 Euro”). Auch dafür sollte er büßen etc. pp. Kurzum: Mutiger Kämpfer für die Freiheit des Wortes kämpft gegen dummen Mob; dummer Mob hat nichts gegen ihn in der Hand, Kämpfer gewinnt. Die alte Geschichte.

Ich hatte immer gedacht und gehofft, dass die Abgrenzungshysterie und die öffentliche Selbstliebe nachlässt, sobald eine gewisse Bekanntheit, ein sicheres Einkommen und ein bestimmtes Alter erreicht sind. Bei Jörges sind diese Züge noch so vital wie bei mir in der Vorpubertät. Zum Glück ist Jörges nicht der einzige Podiumsgast heute abend. Neben ihm sitzt Henryk M. Broder. Während ich Jörges bis heute eigentlich nicht wirklich wahrgenommen hatte, fand ich Broder immer nervtötend, viel zu eitel und oft im Dunklen tappend. Diese Meinung revidiere ich hiermit. Jedenfalls teilweise. Noch immer gefällt mir seine Pose des kontroversen Antizyklikers nicht. (Antizyklik ist kein gutes Ziel für einen Journalisten, allenfalls ein interessanter — aber nie dauerhafter — Nebeneffekt der Wahrheitsliebe.) Aber was auch immer die Motive seiner Äußerungen sind: Die Äußerungen selber sind gar nicht so schlecht. Jedenfalls heute nicht.

Von den Podiumsgästen Maybrit Illner, Hans-Ullrich Jörges und Henryk M. Broder ist jedenfalls Broder der einzige, der die Intelligenz besitzt, die alte Frage nach dem politischen Einfluss der Journaille endlich einmal anständig zu desambiguieren, bevor er sie beantwortet. Ist der “Einfluss” der Journalisten einfach ihr Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung: ihre Fähigkeit also, Begriffe zu prägen oder Diskussionen zu forcieren? Oder besteht “Einfluss” in der Fähigkeit der gezielten Erwirkung politischer Resultate? Ersteres haben Journalisten, aber das ist banal. Einfluss im letzteren Sinne dagegen haben Journalisten nicht - dafür ist die politische und intellektuelle Welt zu komplex. Broders Bild dafür ist zwar nicht ganz perfekt, aber es erklärt, was er meint: Man kann im Mosaik der Öffentlichkeit immer nur einzelne Steine austauschen und verschieben. Da aber alle möglichen Leute ähnliches tun, hat kein einzelner Journalist — überhaupt kein einzelnes Indiviuum — das Gesamtbild im Griff. Und somit keinen Einfluss auf das Endergebnis. Broder meint, dass es sich aus diesem Grund für den Journalisten eher gezieme, die Welt möglichst gut zu beschreiben, als journalistisch immer gleich ihre Veränderung anzustreben. Das kann man, so Broder, übrigens auch mit scharf evaluativen (im heutigen Jargon: “polemischen”) Thesen tun.

Man könnte nun diskutieren, welcher Einflussbegriff in politiktheoretischen Fragen der wichtigere ist, der Input- oder der Ergebnis-Begriff von Einfluss. Man könnte auch diskutieren, ob mit dem ersteren (scheinbar banalen) Einflussbegriff nicht doch interessante Dinge über den Journalismus als Stabilisator oder als Destabilisator der öffentlichen Diskussion gesagt werden könnten. Aber — man muss das wirklich so sagen –, dazu haben die anderen Bühnengäste das Argument Broders nicht gut genug verstanden. Maybrit Illner jedenfalls beginnt plötzlich einen kleinen, und doch langweiligen, Monolog darüber, wie sehr man als Journalistin dazu tendiere, die Zuschauer zu unterschätzen, und wie treffsicher das Urteil der “Menschen” (wie sie sagt) auch ohne Journalisten in Wirklichkeit sei, und so weiter und so fort. Dafür gibt’s übrigens einen kleinen Applaus. Jörges konfrontiert Broder damit, dass Broders journalistisches Agieren ihn selbst Lügen strafe: Wer wie Broder derartig pointierte Positionen vertrete, der will doch offensichtlich etwas verändern. Wie gesagt: Broders Argument wird nicht besonders gut verstanden. Leider versäumt es auch Broder, Jörges darauf hinzuweisen, dass evaluatives Vokabular und scharfe Thesen durchaus in deskriptiven Texten stecken können. Überhaupt zeigt sich die Zunft der Journalisten in puncto Argumentationsfähigkeit heute abend nicht von der besten Seite. Stattdessen gibt es viel Selbstzufriedenheit, ein bisschen Networking und reichlich Sprechblasen. Das ist wirklich schade, hätte das ganze doch eine interessante Selbstreflexion der “Alpha-Journalisten” werden können.

Doch die “Podiumsdiskussion” ist leider schon zuende. Dafür gibt es jetzt was zu essen. Das finde ich auch gut, denn eigentlich bin ich sowieso nur dafür in das italienische Restaurant gekommen, in dem diese ganze Journalistengeschichte stattfindet.

Insgesamt also nicht viel Neues aus der Ecke der Berliner “Alpha”-Journalisten. Auf jeden Fall kein besonders toller Vermarktungsstart des gleichnamigen Buches. (”Die Alpha-Journalisten”, hrsg. von Stephan Weichert und Christian Zabel im Halem-Verlag, rezensiert u.a. in der NZZ; Maybrit Illner über das Buch: “Kann man lesen, kann man aber auch sein lassen.”).

Nachtrag: Hier noch ein kleiner Kommentar zu den Reaktionen auf diesen Artikel und Jörges Klarstellung.

Noch ein Nachtrag, vom 3. Juli 2007: Wie Marie Naumann von Reader’s Edition mir freundlicherweise in die Kommentare schreibt, hat sich Hans-Ulrich Jörges jetzt dort zu Wort gemeldet und erwartungsgemäß viel Zustimmungswürdiges gesagt. Zudem erreicht mich die Nachricht, dass sich seit heute ein Gedicht dem Phänomen des Alphajournalismus widmet. Und ein Cartoon.

Joggen zwischen Toten

von Matthias Kiesselbach
Freitag, 22. Juni 2007

Die angewandte Ethik lebt vom richtigen Unterschied. Bei ihren Bewertungen geht es ihr darum, Handlungen, Situationen oder Menschen anhand ethisch relevanter Aspekte auseinanderzuhalten. Das ist nicht anders als in unserer ethischen Alltagspraxis. Viele Leute urteilen zum Beispiel, dass es in Ordnung ist, Embryonen abzutreiben, bis sie prinzipiell außerhalb des Mutterleibes überlebensfähig sind. Der relevante Unterschied liegt hier in der prinzipiellen Überlebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibes. Andere urteilen, dass man Fleisch essen darf, wenn das Tier artgerecht gehalten wurde, sonst nicht. Der ethisch relevante Unterschied liegt hier in der Art der Tierhaltung.

Ein interessantes Beispiel moralischen Unterscheidens findet sich im letzten SZ-Magazin. In der wirklich ziemlich niedlichen Rubrik “Die Gewissensfrage”, in der Moralexperte (was auch immer das genau ist) Rainer Erlinger auf Leseranfragen antwortet, stand zur Debatte, ob es in Ordnung sei, auf dem Alten Nördlichen Friedhof in München joggen zu gehen. Dieser Friedhof ist zwar noch als Friedhof ausgewiesen, wird aber seit 1939 nicht mehr für neue Bestattungen verwandt. Herbert F. fragt sich nun, ob es wohl erlaubt sei, “sich am Grab eines Bezirksamtsassessors, verstorben 1897, ab[zu]stützen, um Dehnungsübungen zu machen.” Eine Frage, wie sie sich täglich stellt.

Die kuriose Antwort von Moralkolumnist Dr. Dr. Rainer Erlinger lautet: Joggen ja, Dehnen nein.

Joggen ja, Dehnen nein. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Und hier ist der relevante Unterschied: Während man niemandem zu nahe tritt, wenn man an ihm vorbeijoggt, so tritt man ihm sehr wohl zu nahe, wenn man sich an ihm oder an seinem Bett oder an seinem Stuhl anlehnt, um sich zu dehnen. Das sei bei Toten nicht anders. Joggen zwischen den Grabsteinen ist in Ordnung; beim Dehnen am Grabstein dagegen tritt man dem Toten darunter zu nah. Gefällt mir, die Antwort.

Warum die Kaczyńskis mich zum Nachdenken bringen

von Matthias Kiesselbach
Donnerstag, 21. Juni 2007

Wie schon in der ZEIT gemutmaßt wurde, wollen die Kaczyńskis die Quadratwurzelmethode der Verteilung der Stimmgewichte im Ministerrat gar nicht deswegen, weil sie eine so gerechte Methode ist. Wollen sie sie vielleicht nur, fragt sich Alice Bota von in der ZEIT, um dem großen Nachbarn im Westen einmal eins auswischen? Die Antwort ist nein: Die Kaczyńskis haben ein ganz und gar universalistisches Argument auf Lager. Sie sehen die Quadratwurzelmethode als Mittel der Wiedergutmachung für den Krieg des deutschen Reiches gegen Polen. Moment. Was?

Ohne den Krieg gegen Polen mit seinen vielen Kriegstoten und der großen Zerstörung wäre Polen heute ein viel bevölkerungsreicheres und mächtigeres Land. Es hätte, so Ministerpräsident Jaroslaw Kaczyński, heute 66 Millionen Einwohner und einen entsprechenden Einfluss in der Welt. Und aus diesem kontrafaktischen Konditional ergibt sich für ihn ein Anspruch auf größere Mitbestimmung in der Europäischen Union.

Allein schon wegen seines krassen Nationalismus, wegen der implizierten Kollektivhaftung der immerhin 25 anderen europäischen Länder und wegen seiner totalen Entkoppelung von der Quadratwurzelmethode ist dies natürlich ein total bescheuertes Argument.

Aber da man sich ja selbst von total bescheuerten Argumenten inspirieren lassen kann, könnte man die polnische Äußerung einmal zum Anlass zum prinzipiellen Nachdenken über die Rolle von Argumenten mit kontrafaktischen historischen Prämissen nehmen. Argumente dieser Art sind ja nicht ganz selten. Dabei denke ich nicht so sehr an die dunkle deutsche Vergangenheit (in deren Umkreis Argumente der genannten Art vor dem Kaczyński-Argument eigentlich nicht besonders häufig waren), sondern eher an die Aufarbeitung des europäischen Kolonialismus.

Ohne den Kolonialismus stünde die dritte Welt heute wesentlich besser da, und dies sei der Grund, der uns zu besonderer Hilfe verpflichtet. Dies ist das Argument, an das ich denke. Passiert nicht hier etwas ähnliches wie im polnischen Argument?

Mir persönlich tut ja die Analogie nicht so weh, da ich schon immer a-historische Gerechtigkeitsargumente bevorzugt habe, wenn es um die dritte Welt geht. (Etwa so: 1. Natürliche Lotterien sollten keinen Einfluss auf Lebenschancen haben. 2. Ob jemand in der ersten oder in der dritten Welt geboren wird, wird in einer natürliche Lotterie festgelegt. 3. Also sollte die Geburt in der dritten Welt nicht mit niedrigeren Lebenschancen verbunden sein. 4. Aus Gerechtigkeitsaussagen wie (3) ergeben sich Handlungspflichten für alle, die in der entsprechenden Position zur Intervention sind. 5. Wir sind in der entsprechenden Situation. 6. Also haben wir entsprechende Handlungspflichten.)

Dennoch würde auch ich mich manchmal gerne auf Argumente mit kontrafaktischen historischen Prämissen berufen. Sie sind handlich, schnell gemacht, und werden von vielen Leuten ohne großes Stirnrunzeln akzeptiert. Ich benutzte sie bisher nicht, weil ich immer den Eindruck hatte, dass sie nur funktionieren, weil — bzw. wenn — auch noch andere, nämlich a-historische Gerechtigkeitsargumente, in Anschlag gebracht werden können. Eigentlich, so dachte ich, sind es letztere Argumente, die das argumentative Gewicht tragen. Aber die KaczyÅ„skis bringen mich zum Nachdenken. Stimmt das eigentlich?

Wenn ich dir etwas wegnehme, dann ist es ungerecht es zu behalten, und zwar, weil es dir gehört. (Wir wollen mal annehmen, dass Dein Besitz aus moralischer Sicht in Ordnung ist.) Ich muss den Status Quo Ante wieder herstellen.

Wenn meine Eltern aber deinen Eltern etwas weggenommen haben, darf ich dann die geerbten Früchte des Diebstahls behalten? Vielleicht teilweise? Was muss ich wieder herstellen?

Wenn meine Großeltern deinen Großeltern etwas weggenommen haben, darf ich dann die geerbten Früchte der Früchte des Diebstahls behalten? Vielleicht teilweise? Was muss ich wieder herstellen? Und so weiter.

Am Ende stelle ich zwei Dinge fest. Erstens: Je weiter wir diesen Gedankengang spinnen, desto schwächer wird die aktuelle Verpflichtung, aber sie scheint nicht ganz wegzugehen, und sie ist auch nicht ganz in a-historische Erwägungen zu überführen. Dies ist jedenfalls vor dem Hintergrund der Praxis des Eigentums, des Vererbens, und noch einiger weiterer Dinge so. Zweitens: Je weiter wir diesen Gedankengang spinnen, desto unplausibler wird der Status Quo Ante als Richtschnur der aktuellen Verpflichtung.

Und das ist es wohl, was uns auf folgenden dritten Gedanken bringt: Wo immer noch eine Verpflichtung besteht — auch wenn sie abgeschwächt wurde — und wo der Status Quo Ante keine gute Richtschnur dieser Verpflichtung abgibt, da muss ein kontrafaktischer Satz her, um uns zu sagen, was wir tun sollen. Juristen machen das eigentlich genauso: “Entgangene Gewinne” nennen sie das. Dies scheint tatsächlich zentrale moralische Intuitionen zu treffen. Zwar kommt nun ein Problem, das unter Juristen nur allzu bekannt ist: Je weiter wir diesen Gedankengang spinnen, desto schwieriger wird die Identifikation der Konsequenzen des ursprünglichen Diebstahls und der Nachfahren. Kurz: Desto schwieriger wird die Identifikation der Welt, wie sie wäre, wenn der ursprüngliche Diebstahl nicht stattgefunden hätte.

Dennoch ist wohl wirklich etwas dran, diese Art von Erwägung zu einer Richtschnur des aktuellen Handelns zu machen. Freilich zu einer von sehr (sehr) vielen - aber immerhin. Wahrscheinlich kann man das ganze so zusammenfassen: In einer nicht-idealen Gerechtigkeitstheorie gibt es aktuelle Pflichten, die aus historischen Vergehen resultieren. Ihr Umfang muss mit kontrafaktischen Erwägungen ermittelt werden.

Für die Gelegenheit zu diesem kleinen Gedankenspiel bin ich den Kaczyńskis jedenfalls dankbar. Schade nur, dass sie selbst eher nicht zu Gedankenspielen aufgelegt sind. Jedenfalls nicht, wenn damit liebgewonnene Positionen ins Wanken geraten können.

Die neuen Schrebergärtner
Ein seinem Gegenstand gemäß ziemlich elitärer Essay über die Politikverdrossenheit im Wandel der Zeit

von Matthias Kiesselbach
Freitag, 15. Juni 2007

onezblogs Politischer Blog Karneval Eine der wenigen echten Konstanten des politischen Betriebes ist die Politikverdrossenheit. Seitdem es Republiken gibt, gibt es Leute, die keine Lust haben, ständig irgendwo mitzumachen - sei es beim Turnfest, beim Opferritual, beim Scherbengericht, oder sei es beim Militärdienst. Spätestens seitdem griechische Kleinstädter sich mit der Aufforderung konfrontiert sahen, sich als “Bürger” zu betrachten und sich an den Belangen des “Gemeinwesens” zu beteiligen, gibt es unter ihnen Leute, die nicht einsehen wollen, warum man sie nicht in Ruhe lassen kann, während sie bloß ihre bescheidenen Papyruskreuzworträtsel lösen oder mit den Nachbarn in ihrer Schrebergartensiedlung ein paar harmlose Hammelkoteletts grillen wollen.

Auf der anderen Seite gibt es seither diejenigen, die sich über die Lethargie der Kleingärtner total aufregen. Von der griechischen Antike über die italienische Renaissance bis zur bundesrepublikanischen Moderne war es eigentlich immer dasselbe: Immer gab es einen latenten Kampf zwischen republikanischen Patrioten einerseits und unpolitischen Privatleuten andererseits. Selbst die Argumente blieben weitgehend die gleichen. Wenn ihr nicht alle mitmacht, dann dauert es nicht lange, bis Oligarchen, Populisten und äußere Feinde uns unsere Republik kaputt gemacht haben, sagen die einen. Und dann war’s das mit der Kultur der Freiheit. Sollen sie doch kommen, sagen die anderen. Solange man uns unsere Schrebergärten nicht wegnimmt, pfeifen wir, mit Verlaub, auf eure Freiheit. Die einen warnen vor Delegitimation, Entsolidarisierung und Tyrranei, die anderen fürchten sich vor Kleingartenaufgabe, Gemütlichkeitsverlust und drohendem Asketentum.

Wie gesagt, eigentlich war es immer dasselbe. Was heute allerdings anders ist als früher, das ist die Art der Kriegsführung zwischen den Parteien. Denn während die Privatleute ihre republikanischen Gegner noch vor nicht allzu langer Zeit eher wie Zeugen Jehovas behandelten (Tür zu, fertig) und gegen sie höchstens mit passivem Widerstand vorgingen, bewerfen sie sie heute mit Schrebergartenerde, wo sie auch auftauchen. Die Schrebergärtner sehen sich, so scheint es nach einem kurzen Blick in ihr Zentralorgan, zumehmend als Kämpfer für die gute Sache. Das ist ein beachtlicher Wandel, und ich vermute, dass er mit der Professionalisierung der Politik zu tun hat: Wo Leute ganze Karrieren in der Politik machen und auch Geld damit verdienen, da lässt das Misstrauen der anderen nicht lange auf sich warten. Man kann der Politik durch die neue Komplexität und Geschlossenheit ihres Handwerkes nicht mehr so leicht über die Schulter blicken, und so wird jede Debatte über Diäten zu einer Grundsatzdebatte über die angebliche Arroganz und Abgehobenheit der heute so genannten Politikerklasse. Ich würde nicht sagen, dass die Privatleute Angst haben vor der Politik; es handelt sich eher um eine instinktive Abwehrreaktion gegen Unverständliches und Fremdes.

Erstaunlich bleibt die neue Gereiztheit der Kleingärtner übrigens trotzdem, denn noch nie haben sich die Fürsprecher der Republik so sehr aus dem Alltag der Schrebergärten herausgehalten wie heute. Na klar, die Gurken, die heute gepflanzt werden, haben festgelegte Krümmungsgrade; die einzig erlaubte Benutzung öffentlicher Straßen ist auf der rechten Seite; und ein Teil des Normalverbraucherverdienstes wird als Steuer an die Republik abgeführt. Aber was ist das gegen die heutige Freiheit von Wehrpflicht? Die Freiheit von Opferritualen? Die Freiheit von Volksversammlungen? Und was ist das gegen den fast unglaublichen Wohlstand, der sich bei uns breitgemacht hat? Die Wahrheit ist, dass der Schrebergärtner seinen Schrebergarten noch nie so ungestört genießen konnte wie heute. Und falls er etwas gegen Fremdbestimmung hat: Die sollte er eher im Privatfernsehen suchen als in den Gesetzen.

Noch etwas anderes prägt heute die Politikverdrossenheit, und auch dies hat wahrscheinlich mit der neueren Professionalisierung und Komplexität der Politik zu tun. Es sind heute zum Teil ziemlich gebildete Leute, die politikverdrossen sind und auch dazu stehen. Wahlkampfhilfe, Mitarbeit im Ortsverein, Petitionen schreiben - während sich in alledem vorher die Zeitungsleser, Weinkenner, Kunstliebhaber und ihr Nachwuchs getummelt haben, rümpfen immer mehr von ihnen jetzt die Nase und sagen Dinge wie: Das bringt doch alles nichts, überhaupt sind doch alle Parteien gleich, und ich mache lieber bei Attac mit. Auch dies ist relativ neu: Auf der Seite der Gegner der Republikfreunde (wenn auch nicht der Republik) gesellen sich zu den Schrebergärtnern immer mehr Inhaber von einigem Kulturkapital. Nicht, dass diese Gruppe nicht mehr die Welt verändern wollte. Aber sie will es tun, ohne dabei den lästigen Kontakt mit der Klasse der Politiker zu pflegen. Auch hier finden wir eine Abwehrreaktion. Es ist eine Abwehrreaktion gegen Dinge, die sinnvoll nur langfristig angelegt sein können.

Wenn sich die Freunde der Republik also Sorgen machen wollen über die Zukunft ihrer Republik, dann sollte es ihnen vielleicht nicht so sehr um die Politikverdrossenheit an sich gehen, sondern erstens um ihre neue aggressive Art, und zweitens um ihre zunehmende Akzeptanz außerhalb der Schrebergärten der Welt. Diese Dinge haben, wenn ich Recht habe, viel mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und somit mit der Professionalisierung und Komplexitätssteigerung der Politik zu tun. Sie sind nicht Folgen der republikanischen Organisation, sondern Folgen der republikanischen Organisation unter den Bedingungen der Moderne. Wer es nun nicht bei einem lauen Plädoyer an die Praktiker der Politik belassen will, “weniger arrogant” oder “ehrlicher” zu sein, “klarer Stellung” zu beziehen oder “besser nach außen zu kommunizieren”, der könnte sich jetzt an die Feingestaltung der politischen Institutionen machen. Die Politik kann hier und da bestimmt etwas weniger komplex werden und etwas näher zum Alltag rücken.

Aber die Fürsprecher der Republik müssten vor allem dafür werben, vor Professionalisierung und Komplexität nicht immer mit Groll im Magen wegzulaufen. Ich glaube, sie müssten zu allererst diejenigen wieder einfangen, die sich erst vor kurzem zu den Schrebergärtnern hinzugesellt haben. Sie müssten versuchen, diesen Leuten irgendwie den Ärger über die Komplexität der Materie der modernen Administration und Steuerung unserer Gemeinwesen zu nehmen, und den Ärger über die folglich langen und gewundenen Debatten zu stillen. Sie müssten versuchen, ihnen irgendwie das tiefsitzende Misstrauen gegen die Berufsgruppe der Administratoren und Lenker der Republik auszutreiben, das heute so weit verbreitet ist. Vielleicht müssten sie ihnen einfach klar machen, dass sie - ohne das so geplant zu haben - eine Neue Art des Schrebergartentums darstellen.

Nun denn. Ich gehe jetzt erstmal die Blumen gießen. Übrigens, heute abend wird bei uns vor der Laube gegrillt. Ihr könnt ja mal vorbeischauen. Aber bringt Bier mit.

Die Tagesschau über die Tagesschau

von Matthias Kiesselbach
Sonntag, 3. Juni 2007

Die alte Geschichte. Man wählt sich ein Medium, um sich dann in dem Medium über das Medium auszulassen. Hip-Hopper hip-hoppen über Hip-Hop, Blogger bloggen übers Bloggen, und Gegenwartskünstler gegenwartskünsteln über Gegenwartskunst. Manche halten das für ein aufregendes Phänomen unserer Zeit. Ich nicht. Ich vermeide Hip-Hop über Hip-Hop, ich vermeide Blogs übers Blogs, und ich vermeide Gegenwartskunst über Gegenwartskunst. Bzw. ich vermeide Gegenwartskunst.

Für Blogger, Hip-Hopper und Gegenwartskünstler gibt genau zwei interessante Alternativen zu dieser ärgerlichen Aktivität. Die erste ist diese: Hip-Hopper hip-hoppen über Blogger, Blogger bloggen über Hip-Hopper, und wenn sich jemand findet, der sich auf seine Weise mit der Gegenwartskunst beschäftigen mag, dann kann er das auch tun. Die zweite ist diese: Hip-Hopper bloggen über Hip Hop, Blogger hip-hoppen übers Bloggen, und die Gegenwartskünstler dürfen sich auch etwas anderes aussuchen, zum Beispiel Bloggen, und darin geht’s dann von mir aus um die Gegenwartskunst, allerdings werde ich mich wahrscheinlich nicht damit beschäftigen.

Die erste der Alternativen ist sicher die interessantere, aber sie ist nicht so einfach, denn sie erfordert Recherche, und weder Hip-Hopper noch Blogger sind besonders gut darin. Die zweite ist inhaltlich nicht ganz so interessant, aber sie ist dafür eine echte Herausforderung für den Hip-Hopper und den Blogger. Und dies ist das Attraktive an der zweiten Alternative: Durch die Herausforderung an den Blogger bzw. den Hip-Hopper, sich mit einem neuen Medium auseinander zu setzen, wird es ihm auch möglich, ganz neue Dinge zu sagen, die vormals ungesagt bleiben mussten. Die zweite Alternative sprengt die Konventionen der alten Genres und erlaubt es dem Publikum, den Menschen hinter dem Blog bzw. dem Hip-Hop kennenzulernen.

Langer Rede kurzer Sinn: Wenn Leute, die nicht primär Hip-Hopper sind, über ihr eigentliches Metier hip-hoppen, dann ist das eine ganz feine Sache. Und darüber wollte ich eigentlich schreiben: Genau damit hat die Tagesschau nämlich jetzt angefangen. Das heißt, sie hat nicht angefangen, über sich zu hip-hoppen, aber sie hat damit angefangen, über sich zu bloggen. Die Idee dahinter ist dieselbe: Durch das neue Medium sollen, frei vom engen Korsett der ernsten Nachrichtensendung, ganz neue Äußerungen möglich werden. Nicht nur soll die alte Dame Tagesschau auch mal als ein junges Ding rüberkommen, ihr soll auch eine Möglichkeit der selbstkritischen Reflexion gegeben werden. Und das Publikum soll einen ganz neuen und ganz anderen Zugang zur Welt bekommen. Zur Welt da draußen, die ja die Welt der Tagesschau ist. Die Sache ist so fein, dass die Tagesschau-Blog-Seite flugs für den Grimme-Online-Award nominiert wurde.

Nun habe ich mir das junge Ding mal angeschaut und kann folgendes berichten: Es ist, wie vieles im Internet, durchwachsen. Tatsächlich gibt es da einige sehr schöne Einträge, die an der Tagesschau Aspekte zeigen, die - man gestatte mir dieses Bild - ihr durch ihr steifes Korsett nicht anzusehen waren, und die ein wenig Distanz abbauen. So beklagt zum Beispiel Horst Kläuser, dass es aus seinem Russland so wenig Gutes zu berichten gibt, dass der Mensch im Journalisten ganz und gar verzweifeln will. So lässt Sebastian Hesse durchblicken, dass er über die Titanic-Berichterstattung über sein Tagesschaublog selbst ganz schön beschämt, aber auch ein bisschen stolz war. Oder Christian Thiels lässt seinen Ärger raus über die private Konkurrenz, die bei ihren Stories immer per Scheckbuch Exklusivverträge sichert und so die guten Journalisten, die so etwas nicht machen, verdrängt. Das ist alles wirklich ganz interessant. Und irgendwie gemütlich. Nicht, dass wir das alles nicht gewusst oder geahnt hätten. Aber es aus der Feder von Tagesschau-Redakteuren zu lesen, stärkt - um es etwas pathetisch zu sagen - das Urvertrauen in den mit Nachrichten befassten Teil der Menschheit.

Dann gibt es da noch die Beiträge, die das Ziel erfüllen sollen, Selbstkritik und Reflexion zu betreiben. Diese Beiträge, muss ich gestehen, langweilen mich etwas. Aber selbst das ist interessant: Es hätte ja sein können, dass alte Redaktions-Hasen sich durch ihre Erfahrung spannende Argumente oder knisternde Thesen erarbeitet hätten. Gut zu wissen: Haben sie nicht. Kai Gniffke fragt sich, ob die Tagesschau durch ihre Berichterstattung das Spiel der Terroristen mitspielt (nee, nicht wirklich), denkt in einem anderen Post darüber nach, wie Schnelligkeit und Sorgfalt in der Berichterstattung abzuwägen sind (immer lieber sorgfältig, aber auch möglichst schnell) und erklärt in einem wieder anderen Beitrag, warum die Tagesschau nicht das Tätervideo des Amokläufers von Virginia zeigt (weil, ach das könnt Ihr Euch doch denken). Und Thomas Hinrich fragt sich, ob man RAF-Terroristen Redezeit geben sollte (trotz Bedenken ja.) Keiner der Punkte ist wirklich doof, aber es fällt auch keiner argumentativ (und stilistisch) besonders auf.

Und dann sind da noch solche Einträge, die früher an der Kantinentür gehangen hätten, solche, die in drei Minuten vor Dienstschluss hingeschwurbelt wurden, solche, die pures Selbstlob enthalten, und solche, die einfach mehr oder weniger interessante Dinge sagen über andere Länder und bestimmte Politiker und so, also die einfach mehr oder weniger gute Berichte sind.

Kann aber die Tagesschau mit ihrem Blog wirklich neue Dinge sagen, die wichtig sind, und die sonst kein Forum hätten? Mein vorläufiges Urteil ist dieses: Nö. Hinter die Kulissen einer Nachrichtensendung zu gucken ist ganz interessant, um falsche Vorstellungen über die Nachrichtenproduktion zu korrigieren. Aber erstens muss man dabei bedenken, dass auch das, was auf dem Blog veröffentlicht wird, sehr sorgfältig ausgewählt und überprüft wird, und zweitens muss man nicht Dauerleser des Tagesschaublogs werden, um falsche Vorstellungen von der Nachrichtenproduktion abzulegen. Dazu reicht ein Blick, oder von mir aus ein paar Blicke. Und was die Öffnung des Horizontes angeht, sollte man wohl nicht alles glauben, was Kommunikationstheoretiker so ausspucken. Tagesschau gucken ist und bleibt gut. Tagesschaubloglesen dagegen ist nicht anders als andere Blogs zu lesen. Manchmal ärgert man sich sogar besonders, denn diese Blogger erwecken noch mehr als andere den Anschein, ganz mutig zu sein. Und dann nennen sie doch nicht die Namen ihrer ungeliebten Konkurrenten, obwohl sich ihr Post genau darum dreht. Oder ihre ganz mutige Äußerung entpuppt sich als ein laues Bekenntnis zu Bayern-München. Nun ja. Es sind ja irgendwie noch Anfänger.

Warten wir mal ab. Vielleicht kommt ja demnächst ein ARD-Hip-Hop-Projekt hinzu, dann melde ich mich an dieser Stelle noch mal.

[Update vom 15. Juni 2007: Da dümpelt der Tagesschaublog monatelang auf ein paar Seiten vor sich hin, und plötzlich verzehnfacht er im Laufe des G8-Gipfels seine Textbasis, zeitweise mit neuen Gipfelbeiträgen alle 10 Minuten. Und das, obwohl im Blog schon vor dem Gipfel von “Gipfelmüdigkeit” die Rede war. Die Beiträge waren dann übrigens auch, trotz reicher Bebilderung, immer eher müde. Naja, und dann gab es am Ende wieder den medienkritischen Pflichtbeitrag darüber, dass eigentlich viel zu viel vom Gipfel berichtet wurde. Von den Medien und so. Irgendwie niedlich, dieser Tagesschaublog.]

[Update vom 19. Juni 2007: Die Jury des Grimme-Preises, die übrigens auch den Blog “Fudder” mit ihrem begehrten Preis ausgezeichnet haben (wovon man halten darf, was man will) teilt meine Meinung vom Tagesschaublog offenbar nicht vorbehaltlos und bedenkt soeben den Blog mit dem diesjährigen Online Award. Dazu gratuliere ich recht herzlich. Der Tagesschaublog, ganz statesmanlike, erwähnt den Preis erst gar nicht, sondern schreibt einen merkwürdigen Artikel darüber, dass Blogger nicht die besseren Journalisten sind, aber dafür hilfreich für Journalisten sein können. Wenn sie sich auskennen in einem Thema. Und der Journalist nicht so. Irgendwie so jedenfalls.]

Alles noch mal gut gegangen: Niere war nur ein Witz

von Matthias Kiesselbach
Samstag, 2. Juni 2007

Interessante Wende im Nierenshow-Skandal. Die angebliche Organspenderin Nina erweist sich als Schauspielerin, die drei Kandidaten werden nun wohl doch alle sterben, und alle sind erleichtert. Was vorher alle schlimm fanden, finden jetzt alle richtig gut. Man fühlt sich angenehm manipuliert.

Und? Haben wir unsere Lektion gelernt? Hier ist der Ausweis.

Einige Platitüden zum Hintergrund der Frage, ob wir nach Heiligendamm fahren sollten oder nicht

von Matthias Kiesselbach
Sonntag, 27. Mai 2007

Die politische und ökonomische Welt ist zu komplex, als dass Menschen sie wirklich verstehen könnten. Wir können Szenarien und Entwicklungsgesetze modellieren und Prognosen machen, aber unsere Theorien sind immer nur sehr beschränkt verwendbar. Ähnlich wie in der Meteorologie stoßen wir in der Ökonomie und der Politik schnell an unsere kognitiven und informationellen Grenzen. Wir wissen zum Beispiel nicht wirklich, welche der globalen Ungleichheiten eher auf freie Märkte und welche eher auf Marktversagen zurückgehen. Wir wissen nicht wirklich, wann Entwicklungshilfe ein Segen ist und wann ein Entwicklungshemmnis. Wir wissen nicht wirklich, wann schnell transferierbare, große Mengen an Kapital Effizienzgewinne versprechen und wann Effizienzverluste. Wir wissen sehr wenig, und wir, das sind wir alle - inklusive unserer Wissenschaftler, Meinungsführer und Staatenlenker.

Wer, wie ich, skeptisch in Bezug auf die Erfolgsbilanz in der politischen und ökomomischen Komplexitätsreduktion ist, der muss aber ganz sicher nicht die radikale These unterschreiben, dass alle Formen von Komplexitätsreduktion gleichermaßen wertlos sind. Einen solchen Schluss zu ziehen wäre eine ähnliche Selbsttäuschung wie der entgegengesetzte Weg des unkritischen Vertrauens in unser Verständnis der komplexen Vorgänge. Ob skeptisch oder nicht: Wollen wir ehrlich mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen sein, dann kommen wir nicht umhin, uns die Hände schmutzig zu machen im schwierigen Geschäft der Komplexitätsreduktion selber, im Formulieren und Zurückweisen und Verfeinern von Argumenten für dies und gegen jenes. Sicher erreichen wir damit nicht das Paradies auf Erden. Aber selbst eine bessere Kenntnis der einen oder anderen Variable in der einen oder anderen Gleichung könnte sich als hilfreich erweisen. Viel mehr ist leider für uns nicht drin.

So weit so unkontrovers. Doch was folgt aus dieser nüchternen Diagnose? Man könnte versucht sein, in ihr eine Unterstützung für zwei Thesen zu sehen. Die erste besagt, dass es in einer so schwierig zu verstehenden Welt wie der unseren prinzipiell unangebracht ist, Kritik am Handeln anderer zu üben. Die zweite besagt, dass es zwar bedauerlich ist, dass auch schwierig zu verstehende Welten sehr konkretes Unglück und Leiden generieren, aber dass es wenig nützt, dies zu beklagen. Natürlich sind beide Schlüsse abzulehnen. Aber es ist ganz bestimmt kein Fehler, einmal darüber nachzudenken, warum sie sich so aufdrängen. Vielleicht ist ja an ihnen nicht nur Falsches?

Es ist doch so: Wenn wir andere Leute (zum Beispiel Politiker) interpretieren, dann sollten wir nicht von vornherein davon ausgehen, dass sie böse, dumm oder ignorant sind. Es kann durchaus sein, dass einer dieser Befunde sich am Ende als angemessen erweist, aber er sollte nicht als Anfangshypothese benutzt werden. Interpretation funktioniert nur dann, wenn wir davon ausgehen, dass andere Leute prinzipiell so ähnlich ticken wie wir und in etwa das wissen, was auch wir wissen - oder, mit Donald Davidson gesagt: dass sie “believer[s] of truths and lover[s] of the good” sind. In etwa so lautet sein berühmtes “Principle of Charity”. Ich denke, dass das Richtige am ersten dubiosen Schluss nun dies ist: Die Annahme unserer kognitiven und informationellen Beschränktheit erweitert das Davidsonsche Interpretationsprinzip um ein Bescheidenheitsgebot. Das Prinzip fordert nun in etwa folgendes: Im Kontext von unsicheren und kontroversen Theorien, gehe zuerst davon aus, dass eine theoretische Meinungsverschiedenheit darüber vorliegt, wie die geteilten abstrakten Ziele am besten zu verwirklichen sind. Gehe dabei davon aus, dass du auf ebenso wackeligem Boden stehst wie dein Gegenüber. Erst, wenn sich dies als falsch erweist, mache deine unschmeichelhafte Zuschreibung von Ignoranz oder Dummheit. Im übrigen sei genau so sparsam mit der ‘böse’-Zuschreibung wie in klareren Kontexten.

Auch an der zweiten dubiosen These ist vielleicht bei allem Falschen etwas Richtiges dran. Natürlich darf und soll Unglück und Leiden immer beklagt werden, wo es auftaucht. Es ist immer besser, wenn Unglück bekannt ist, als wenn es totgeschwiegen wird. Dabei ist nur zu bedenken, dass die Klage mit zunehmender kognitiver und informationeller Beschränkung immer weniger von einer Anklage und immer mehr von einem Schrei oder einem Stöhnen hat. Daran ist nichts zu “kritisieren” (wenn auch zu “bedauern”), es ist nur gut, wenn uns dies klar ist.

Ich glaube, dass ich nichts Falsches sage, wenn ich behaupte, dass die so bereinigten Thesen sich irgendwie auf die Fragen auswirken, ob und wie wir in Heiligendamm demonstrieren sollten.

Schäuble schuldig?

von Matthias Kiesselbach
Donnerstag, 19. April 2007

Harte Linie im Antiterrorkampf [dpa]Nur ein Link: Spiegel Online / Spam über Schäubles neueste Überlegungen über die Späne, die beim Hobeln eben nicht ausbleiben. Lesenswert und kurz.

(Danke Christian)