Archiv der 'Beispiele'-Rubrik

Angst vor dem Freitag

von Matthias Kiesselbach
Donnerstag, 2. August 2007

Am Montag will Nicolas Sarkozy keinerlei Gegengeschäfte mit Gaddhafi abschließen,

am Dienstag will Patrick Sinkewitz “in einem neuen Radsport wirklich mitmachen”,

am Mittwoch will Gangsta-Rapper Bushido gegen Gewalt in Schulen kämpfen

und am Donnerstag will NPD-Funktionär Andreas Molau eine Waldorf-Schule aufmachen.

Ich kann nicht leugnen, dass mir heute abend ein bisschen bange ist.

Im Kampf gegen H2O

von Matthias Kiesselbach
Mittwoch, 1. August 2007

So sehr es auch schmerzt: Manipulative Sprechblasen findet man nicht nur bei Kernkraftwerksbetreibern, Regierungssprechern des Weißen Hauses und terrorfixierten Innenministern. Manchmal trifft es auch die Umweltlobby. Bei dieser Parodie von Penn and Teller hilft nur eines: Zähne zusammenbeißen und durch. (via)

Claus Schenk Graf von Cruise

von Matthias Kiesselbach
Donnerstag, 5. Juli 2007

Der Fall Tom Cruise im Bendlerblock ist interessant, weil sich an ihm so viele kleine Sprachtricks zeigen. Den Hintergrund kennt mittlerweile wohl jeder. In dem neuen Film über das versuchte Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944, “Valkyrie“, wird Tom Cruise die Hauptrolle des Grafen von Stauffenberg spielen. Tom Cruise ist allerdings Mitglied und Werbe-Ikone der totalitären Sekte “Scientology“, die nicht nur noch verrücktere Dinge von sich gibt als herkömmliche Religionen, sondern die auch durch vielfältige demokratie- und verfassungsfeindliche Aktivitäten auf sich aufmerksam macht [eine gute Literatursammlung der staatlichen Arbeitsgruppe Scientology in Hamburg findet sich hier]. Und so bestehen einige Bedenken, ob der Film mit jener Besetzung eine gute Idee ist.

Mittlerweile hat der Fall eine gewisse politische Relevanz erhalten, denn nachdem Stauffenbergs Sohn Berthold Graf von Stauffenberg und einige Mitglieder des Bundestages den Fall prominent gemacht haben, hat Verteidigungsminister Jung jetzt verfügt, dass die Produktionsfirma nicht am Ort des Geschehehens, dem Bendlerblock, drehen darf. Dort hat der Verteidigungsminister das Hausrecht. Zwar hatte die Produktionsfirma noch gar keinen entsprechenden Antrag gestellt, aber auf die Presseanfrage, wie man es mit einer Drehgenehmigung hielte, antwortete das Ministerium negativ.

Das alles ist eigentlich, finde ich, auch ganz in Ordnung so. Und wären alle so un-aufgeregt geblieben wie Jung in der Notiz, in der er darüber informierte, dass er von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen gedenke, dann wäre an dem Fall nicht viel Interessantes oder gar Kontroverses. Aber un-aufgeregt sind mittlerweile nicht mehr viele, und es ist eine Diskussion entbrannt, an der mindestens drei Aspekte nun doch sehr interessant sind. (Ich beschränke mich hier übrigens auf die Seite derjenigen, die Cruise zu Hilfe eilen und den Verteidigungsminister kritisieren und widme mich demnächst mal der anderen Seite.)

Erstens wird Scientology in Amerika völlig anders wahrgenommen als in Deutschland. In Amerika kennen wenige Menschen die Sekte wirklich gut, und die meisten Leute verbuchen sie unter “belief system“, was ja bekanntlich völlig außerhalb der rationalen Kritisierbarkeit, geschweige denn der legitimen staatlichen Kontrolle, ist. Alter Trick übrigens, die Sache mit dem “belief system”. Wie auch immer — überall dort, wo Dinge in Deutschland anders gesehen werden als in Amerika, treten ja bekanntlich die unermüdlichen deutschen Deutschland-Von-Amerika-Aus-Einordnen-Könner mit ihrer “Die Deutschen sind ja solche Spießer”-Pose auf. Nebenbei bemerkt sind die deutschen Deutschlandexperten aus Amerika fast immer Prominente, deren Deutschland/Amerika-Expertentum auf dem Besitz einer Villa in Palm Springs beruht. Das ist bei Donnersmarck etwas anders, aber das Interessante an seiner Leier von der “Verbotsgeilheit der Deutschen” zeigt sich dennoch in schöner Klarheit: Diese Intervention ist nämlich ein 100%ig sicherer Themenwechsler. Versucht das mal auf der nächsten Party: Sobald das Wort von den “verbotsgeilen Deutschen” gefallen ist, (besonders wenn ihr schon mal in Amerika gelebt habt,) redet keiner mehr über die Legitimität der Verweigerung einer Drehgenehmigung im Bendlerblock für einen Film, dessen Hauptdarsteller Top-Werber für einen totalitären Verein ist. Sondern alle beziehen jetzt Stellung zum deutschen Charakter, und die meisten fallen ein in das Gejaule über die biederen Teutonen. Damit wird eine politische Frage zu einer Charakterfrage, und schnell ist die Diskussion über die Sache vorbei. Guter Trick, fast so gut wie der vom “belief system”.

Zweitens zeigt die Diskussion eine riesige Unklarheit über die korrekten Anwendungsbedingungen des Begriffes der Rechtsstaatlichkeit. Ich bin ja auch ein großer Freund der Vorsicht bei Gefahren für den Rechtsstaat. Wenn Ermittlungsbeamte Folter androhen oder Innenminister Internetüberwachung und Bundeswehreinsätze gegen G8-Demonstranten einleiten, dann wird mir auch sehr schnell mulmig. Aber FAZ-Meinungsmann Heinrich Wefing sieht jetzt den Rechtsstaat in Gefahr, weil das Verteidigungsministerium von seinem Hausrecht Gebrauch machen will, um nicht an der Förderung der Cruiseschen Popularität mitzuwirken. Sein Argument? Dass “selbst das Hausrecht des Bendlerblockes der Verfassung untersteht”. Ja. Häh? Ist es denn nicht so, dass die Verfassung gerade nichts Spezielles über ministeriales Hausrecht sagt — und ist das nicht auch in Ordnung so? Gewisse Dinge unterstehen eben der Autorität gewählter Volksvertreter, zu denen Minister gehören, und solange hier nichts anderweitig Verfassungsfeindliches passiert, fallen Entscheidungen über Filmcrews in ihren Immobilien wirklich unter diese Autorität. Wefing will natürlich sagen, dass der Geist der Verfassung ein toleranter Geist ist, und dass Toleranz gegen Scientologen die Verfassung eher stütze als gefährde. Naja. Der Geist der Verfassung ist aber auch einer der wehrhaften Toleranz, und Scientology wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Das ist zumindest kein sicheres Argument, und es hat vor allem nicht viel mit dem Rechtsstaat zu tun. Nein, man sollte wirklich nicht mit solchen Waffen kämpfen. Manchmal kommt es einem so vor, als ob dem Feuilleton gar nicht klar ist, was Rechtsstaatlichkeit eigentlich genau ist. Aber ruhig mal die Warnung vor ihrem Verfall an die Wand malen, das kommt an.

Drittens fällt in der Debatte immer wieder ein interessantes Manöver auf. Seine verschiedenen Varianten gehen so: “Ihr seid doch auch nicht perfekt”, “Wir sind alle keine Götter”, “Stauffenberg selber hatte auch Dreck am Stecken” oder auch (besonders populär), “Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.” Bis auf die letzte Variante finden sich alle diese Beispiele in Donnersmarcks Essay. In ihnen verbinden sich bei Donnersmarck übrigens zwei Motive. Das eine ist die oben bereits angerissene Kritik am deutschen Wesen. “Die Deutschen” (natürlich, die Deutschen, denn gemeint sind wir alle) wollen immer perfekte, asketische, hundertprozentig rechtschaffene Übermenschen sein, die es eigentlich gar nicht gibt. Und das fordern sie auch von allen anderen. Seid doch mal etwas weniger streng mit euch und mit den anderen, sagt Donnersmarck. Das zweite Motiv ist letztlich genau das Argument, das Christian neulich in seinem Dokumenta-Artikel diskutiert hat: “Mal du erst mal so ein Kunstwerk, erst dann darfst du es auch kritisieren.” Wieder ein sehr feiner Debatten-Töter, der hier freilich besonders problematisch ist, macht er doch die Kritik zum Privileg der Übermenschen. Nein, Donnersmarck, das ist kein gutes Argument. Und es ist auch dann kein gutes Argument, wenn es Dir nicht um politische Kritik, sondern um Hausrechts-Entscheidungen des Ministeriums geht. Wenn es gute Gründe gibt, Cruise nicht reinzulassen (und die gibt es), dann ist es völlig egal, ob wir oder irgendjemand sonst “besser” ist als Cruise.

Nun, das muss fürs erste reichen. Oh, und nebenbei: Ich empfehle sehr eine genaue Lektüre des Donnermarck-Essays, der den Stauffenberg-Film (ganz nebenbei gesagt) in allererster Linie als PR für Deutschland versteht. Sicher findet Ihr da noch mehr interessante Punkte. [Nachtra: Ich empfehle auch den kleinen Text im filmtagebuch dazu.]

Was ist geschmackloser: Realität oder Reality-TV? Die moralische Entrüstung über Endemols Nierenshow

von Christian Voigt
Donnerstag, 31. Mai 2007

“Eins, zwei oder drei, letzte Chance vorbei!” wird es Freitag im holländischen Fernsehen für drei Kandidaten heißen, die gegeneinander antreten, um eine Niere zu gewinnen, die jeder von ihnen zum Überleben braucht. Die todkranke Nierenspenderin “Lisa” wird die Kandidaten während der Sendung befragen, Zuschauer können über SMS abstimmen und am Ende wird “Lisa” entscheiden, wer mit der Niere nach Hause gehen darf. Produziert wird die Sendung von der Produktionsfirma Endemol, die auch schon Big Brother erfunden hat.

Die Reaktionen waren natürlich voraussehbar:

Such shows should simply be banned! These people have no morality!! They should be punished for broadcasting this shows!! Disgusting!! Morality is on the decline!

“Aus dem Organhandel eine TV Show zu machen ist so unfassbar ekelhaft, dass die Idee nur aus dem Hause “Endemol” kommen kann. (…) Ich wiederhole mich gerne noch mal: Das ist an Zynismus nicht zu überbieten.”

Die Geschmacklosigkeit von “Privat-Fernsehen” kennt offenbar keinerlei Grenzen.
Es kann einem nur übel werden, wenn man das liest und in der Tat, es sollte verboten sein, Gefühle und Nöte von Menschen in einer so widerlichen Art und Weise auszuschlachten.

Ein weiterer Schritt, aber ein großer, in eine Welt ohne Moral…

Den Artikel braucht man wirklich nicht zu Ende lesen. Das ist so unglaublich, wie da mit der Hoffnung der Menschen gespielt wird. Pfui Teufel aber auch noch mal.

wir nähern uns dem niveau der römischen cirkusspiele.

der tiefpunkt ist endgültig erreicht! kranke menschen um ein organ ’spielen’ zu lassen. allein der gedanke ist widerwaertig!

Der Fall scheint eindeutig zu sein. Unsere moralischen Intuitionen lassen keine Zweifel zu: Diese Sendung ist geschmacklos, sie ist zynisch, menschenverachtend, die Produzenten wollen nur Quote machen, usw.

Solche Fälle sind auf der einen Seite natürlich deprimierend, weil wir an ihnen erkennen, wie schlecht es um die Welt bestellt ist. Aufgrund ihrer Einfachheit sind sie aber auch wieder beruhigend. Denn das erkannte Übel in der Welt wird durch die Stärke unserer moralischen Emotionen kompensiert, die uns versichern, dass zumindest mit uns selbst noch alles in Ordnung ist. Es ist klar, dass wir an dieser emotionalen Selbstvergewisserung hängen und deswegen die Berechtigung einer einmal gefühlte Entrüstung nur noch ungern in Zweifel ziehen. Moralische Intuitionen beziehen ihre Kraft nicht einfach nur aus ihrer intersubjektiven Wahrheit, sondern zu einem wesentlichen Teil auch aus diesem subjektiven Mechanismus der Selbstverstärkung.

Im Fall der Nierengewinnshow lässt uns diese vorauseilende Selbstgewissheit den eigentlichen Sachverhalt nur noch verschwommen erkennen (manche lesen nach dem ersten Absatz des Artikels im Vertrauen auf ihre innere moralische Stimme wahrscheinlich wirklich nicht mehr weiter). Wie kompliziert die Sache in Wahrheit ist, zeigte sich in einer mal wieder hervorragenden Folge von “World Have Your Say” auf BBC World (kann hier nachgehört werden). Bevor die Hörer zu Wort kamen, wurde Laurens Drillich, Vorsitzender des holländischen Senders BNN interviewt. Es folgt ein fast komplettes Transskript:

“We very much agree that it’s bad taste, but we also believe that reality is even worse taste. I mean it’s going very, very bad with donorship in the Netherlands. We as a broadcaster BNN had someone who started our company, who needed kidneys and was on a waiting list and died eventually at the age of 35. That happened five years ago, and in the last five years the situation has only gotten worse in Holland.”

“Mr. Drillich, you could have made a documentary about organ transplants.”

“No, no, that’s not true. No one would have watched a documentary.”

“So you are making entertainment of it?”

“Yes.”

“And you have no misgivings about it at all?”

“No, not at all, we really want everyone to talk about this, we want this to be an issue, and we achieved this since last Friday when we sent out the press release, people have been talking about donorship in the Netherlands constantly, so we already achieved one of our goals”

“You are making a game out of life and death, aren’t you?”

“No, not at all, I’ll put it to you very differently. For the people who are participating in this show which are three people who do need a donor and who are on a waiting list, their life is a daily lottery, their life is a daily hell, because they have no idea when they are going to receive something and they also see this numbers go down and down and down. We ask for attention for their cause. So, that is the issue, that is why we are doing this.”

“One person will end at the show with the chance of an extended life, two will not.”

“That’s the chance of 33 percent which is a lot lot better than it is in their actual life. It is not only a live show they are in for one and a half hour, this is their life show this is daily life for them. They know very well what they are going to be doing and they want attention for this kind of stuff as well.”

“And you are asking television viewers to help decide who might live and who might die?”

“Well, what we thought about is, I mean, this is 2007 and we are a broadcaster that caters to a young audience, it would be kind of strange not to make this interactive. There is going to be a couple of interactive things. People can ask for a donorship through sms, they can also give their opinion, and they can also let know who they think deserves the kidney most of all. So it’s just a way of making interaction with the audience but the audience in the end is not going to decide, what Lisa is going to do (the girl who is going to give up her kidney).”

(…)

“Is she being paid to participate by your station?”

“Ah no, are your crazy? We are a public station, we don’t pay anyone.”

Alle Werbeeinnahmen der Sendung werden übrigens gespendet (laut der taz).

Was machen wir nun mit unserer ursprünglichen Intuition? Ignorieren wir einfach die zusätzlichen Informationen als irrelevant? Wir können z.B. die vorgebrachten Argumente als “vorgeschoben” betrachten und den Produzenten un- oder amoralische Intentionen unterstellen. Aber das ändert nichts daran, dass die Dinge komplizierter sind, als es zunächst schien.

Verzichten wir auf Unterstellungen, dann bleibt uns die Möglichkeit, die vorgebrachten Argumente anzugreifen. Das Hauptargument läuft ungefähr so:

  1. Es müssen mehr Nieren gespendet werden.
  2. Es werden nur dann mehr Nieren gespendet, wenn mehr Leute über Nierenspenden informiert werden.
  3. Der effektivste Weg mehr Menschen über Nierenspenden zu informieren, besteht darin, durch eine geschmacklose Spielshow, in der eine Niere gewonnen werden kann und die Zuschauer darüber abstimmen können, wer sie gewinnen soll, ihre Aufmerksamkeit zu wecken.
  4. Wenn x herbeigeführt werden soll und dies nur oder am effektivsten dadurch geschehen kann, dass y herbeigeführt wird, dann muss y herbeigeführt werden, solange y oder Folgen von y nicht schlimmer sind, als das Ausbleiben von x.
  5. Es ist geboten eine geschmacklose Spielshow zu senden, in der eine Niere gewonnen werden kann und die Zuschauer darüber abstimmen können, wer sie gewinnen soll, solange das nicht schlimmer ist, als ein Ansteigen der Nierenspenden zu behindern.
  6. Eine geschmacklose Spielshow zu senden ist nicht halb so schlimm, wie ein Ansteigen der Nierenspenden zu behindern.
  7. Es ist geboten eine geschmacklose Spielshow zu senden, in der eine Niere gewonnen werden kann und die Zuschauer darüber abstimmen können, wer sie gewinnen soll.

Das Erstaunliche an diesem Argument besteht darin, dass es bis zur Zwischenkonklusion durchaus plausibel ist. Gerade Prämisse 3, die zunächst zweifelhaft erscheint, bewahrheitet sich paradoxerweise gerade durch die skandalisierende Kritik dieser Prämisse in den Medien. Wer seine moralische Empörung rationalisieren will, der muss deswegen die letzte Prämisse angreifen. Und hier lassen sich nun alle Ausrufe der Entrüstung erneut vorbringen: “Geschmacklosigkeit”, “Respektlosigkeit”, “Zynismus”, “Menschenverachtend” usw.

Allein: All diese Vorwürfe sind zwar durchaus berechtigt, reichen aber kaum aus, um die eigentliche Behauptung zu widerlegen. All das wird ja nicht abgestritten. Es wird nur behauptet, dass man beim Abwägen des Für und Widers zu dem tragischen Ergebnis kommen muss, dass all das weniger zählt, wenn es um Tod oder Leben für nierenkranke Patienten geht.

Der rationale Grund für unsere moralische Empörung liegt also weniger im Zynismus von holländischen Fernsehproduzenten als viel eher, wie Drillich sagt, in der Geschmacklosigkiet der Welt. Unsere moralische Empörung wird durch diese Einsicht nicht verschwinden. Aber als rationale Menschen müssen wir mit ihr umgehen, wie mit einer Wut, die wir nicht herauslassen dürfen, wenn wir es uns nicht grundsätzlich mit einem guten Freund verscherzen wollen.