Biologismus als quasi-religiöse Einstellung
von Friederike SchmitzFreitag, 12. Dezember 2008
Es gibt ja einige Meinungen, die Leute haben, ohne sie rational begründen zu können. Es sind übernommene, anerzogene, gelernte, angewöhnte Meinungen oder auch Vorurteile. Das ist nicht unbedingt etwas Schlimmes. Einige solcher Meinungen sind sehr grundlegender Natur, so dass wir ohne sie gar nicht leben könnten. Der Glaube an die Existenz einer Außenwelt gehört zum Beispiel dazu. Einige solcher Meinungen sind aber weniger grundlegend, und man kann ohne sie sehr gut leben. Die meisten Spielarten der Ansicht, dass biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestimmte Unterschiede im Verhalten und anderen nicht-biologischen Eigenschaften determinieren und erklären, gehören zu dieser Sorte Meinungen.
Ich neige in meiner optimistischen Vernunftgläubigkeit immer dazu zu erwarten, dass Leute, wenn ihnen die Unbegründetheit einer ihrer Meinungen klar dargelegt wird, diese Meinung wenn vielleicht nicht gleich aufgeben, so doch mit weniger Vehemenz vertreten werden. Heute wurde diese Erwartung mal wieder enttäuscht. Gerade mit den Meinungen zu Unterschieden von Frauen und Männern geht es mir in letzter Zeit oft so: ich erlebe die völlige Machtlosigkeit der rationalen Argumentation. Es scheint egal zu sein, wie intelligent oder gebildet jemand ist: geschlechts-biologistische Meinungen werden offenbar so fest geglaubt, dass sie völlig von Begründungen loslösbar sind. Es handelt sich damit meiner Ansicht nach um quasi-religiöse Glaubenssätze.
Eine Begründung forderte ich im heutigen Gespräch ein, vergeblich. Was ich stattdessen bekam, waren bestimmte Gedankengänge, die wie Argumente aussehen sollen, einer Prüfung aber nicht standhalten. Das Interessante und Beunruhigende dabei: sobald man einen solchen Begründungsversuch entlarvt und zurückgewiesen hat – wobei die angebrachte Kritik in aller Regel vom Gesprächspartner eingesehen und anerkannt wird – wird sofort ein neuer Begründungsversuch begonnen und soll den alten ersetzen: und zwar obwohl offensichtlich sein müsste, dass der neue Versuch dem alten in der Struktur genau ähnelt und dieselbe Schwäche aufweist. Die von mir in Frage gestellte Meinung bleibt dabei, unbegründet und ungerührt, stabil über diesen sich abwechselnden Begründungsversuchen stehen.
Ich möchte in diesem Artikel beispielhaft illustrieren, um welche Meinungen es geht, und welche Begründungsversuche oft angeführt werden, um sie zu rechtfertigen. Ich glaube, es gibt grundsätzlich zwei solcher Begründungsversuche oder auch Denkmuster. Sie sind beide sehr einfach: sie gehen von einer These zu einer anderen These über. So etwas ist bei Begründungen üblich. Das Problem ist nur: der Übergang lässt sich nicht rechtfertigen.
Zu den Meinungen, die ich für unbegründet halte, gehören zum Beispiel die folgenden:
- Aufgrund ihrer Natur wollen sich Frauen stärker um Kinder kümmern als Männer.
- Männer haben aufgrund ihrer körperlichen Eigenschaften größere sexuelle Bedürfnisse.
- Das weibliche Gehirn ist schlechter in Mathe als das männliche.
- Männer sind biologisch eher als Frauen darauf angelegt, polygam zu leben.
Was genau mit diesen Thesen eigentlich behauptet wird, ist natürlich sehr unklar. Was ist eine biologische Erklärung, wie genau ist das „aufgrund von“ zu verstehen? Die Unklarheit dieser Konzepte gehört schon mit zum Problem.
Es soll – so deute ich diese Thesen – wohl auf ein Alltagsverständnis abgezielt werden, wobei gleichzeitig eine bestimmte Art von Fachwissenschaftlichkeit suggeriert wird. Z.B. wäre eine Erklärung für mehr Fähigkeit zu Mathematik wohl z.B. der Verweis auf ein größeres „Mathezentrum“ im Gehirn; eine Erklärung für größere sexuelle Bedürfnisse anatomische Unterschiede in den Sexualorganen oder ebenfalls verschiedene Gehirneigenschaften. Wichtig ist, dass auf körperliche und anhand von Durchschnittswerten von Männern und Frauen ermittelte, messbare Unterschiede Bezug genommen wird, die für bestimmte nicht-biologische, behaviorale oder psychologische Unterschiede verantwortlich sein sollen.
Wenn man nun zu solchen Thesen Begründungen einfordert, wird meiner Erfahrung nach eines von zwei Denkmuster in Anschlag gebracht, die ich nun erläutere.
Das Korrelationsmuster
Das erste Denkmuster beruht auf einer These, die sich auf die Beobachtung gegenwärtig existierender Individuen stützt oder stützen soll und einen Unterschied im Verhalten bzw. in nicht-biologischen Eigenschaften von Männern und Frauen behauptet.
Beispiele:
- Nach der Geburt bleiben viele Frauen freiwillig zu Hause
- Männer wollen viel öfter als Frauen.
- Man sieht doch, dass sich viel mehr Männer als Frauen für die Mathematik interessieren.
- Männer haben mehr wechselnde Sexualpartner als Frauen.
Diese Thesen sind klarerweise schon für sich betrachtet höchst problematisch. Sie lassen sich nämlich, entgegen ihrem Anschein als empirische, d.h. durch Beobachtung überprüfbare Thesen, nicht in objektiver Weise durch Beobachtung belegen: sowohl wenn sie auf persönlichen Erfahrungen beruhen als auch wenn sie auf statistische Erhebungen zurückgehen, sind solche ‚Daten’ nie isolierbar von Rollen- und Identitätsvorstellungen, die die eigene Wahrnehmung und die Selbsteinschätzung von Befragten prägen. Wer beispiesweise sein eigenes sexuelles Bedürfnis einschätzen soll, kann – wenn er/sie überhaupt versucht, ehrlich zu antworten – das nicht irgendwie ‚objektiv’ feststellen, sondern ist dabei schon von den eigenen Vorstellungen von Normen und Identitätsmustern beeinflusst. Gleiches gilt für das Interesse für Mathematik und viele geschlechtsspezifisch zugeschriebene Eigenschaften. (Für eine noch stärkere, selbst auf empirischen Daten beruhende Widerlegung der These in Bezug auf Mathematik-Interesse bzw. -Fähigkeit verweise ich auf das wunderbare Buch „Die Hosen des Pyhtagoras“ von Margaret Wertheim, insb. S. 313-317).
Doch gehen wir mal zum Zwecke der Denkmusteranalyse davon aus, diese Thesen seien tatsächlich empirisch belegt und könnten somit problemlos als Ausgangsbasis einer Argumentation dienen. Wie verläuft diese nun typischerweise?
Typischerweise gibt es keine weitere Argumentation. Typischerweise werden nämlich die in Frage stehenden Meinungen über die Relevanz der biologischen Unterschiede einfach so aus den empirischen Thesen über nicht-biologische Unterschiede abgeleitet. Klingt billig, wird aber jedem auffallen, der die Diskussionen verfolgt. Wenn heutige Männer mehr Sexualpartner haben als heutige Frauen, z.B., dann muss es, so die Logik dieser Argumentation, an ihrer biologischen Disposition liegen. Schon das ist ein Indiz dafür, dass wir es hier mit einem quasi-religiösen Denkmuster zu tun haben: man kann nur dann diesen Übergang machen, wenn man die Biologie schon als das ultimative Fundament anderer Eigenschaften akzeptiert hat. Denn wieso sollte man aus der These, dass Männer mehr Sexualpartner haben als Frauen, folgern, dass dies in biologischen Unterschieden gründet, wenn man nicht schon davon ausgeht, dass biologische Eigenschaften die entscheidenden und erklärungsmächtigsten Eigenschaften von Menschen darstellen?
Der Übergang wird also meistens nicht als rechtfertigungsbedürftig angesehen. Dass er aber erstens sehr wohl einer Rechtfertigung bedarf und dass er zweitens diese – zumindest zum heutigen Zeitpunkt – ziemlich klarerweise schuldig bleiben muss, zeigen folgende Überlegungen:
Zum jetzigen Zeitpunkt kann ein ‚biologischer Faktor’ in seiner Wirkung auf das Verhalten von Menschen in den angesprochenen und vielen weiteren Bereichen schlicht nicht isoliert werden: wir leben in einer Welt, die seit Tausenden von Jahren von extremen Rollenbildern, Zuschreibungen von Geschlechtsidentitäten, Bewertungen von rollenkonformem und -diskonformen Verhalten etc. geprägt ist. Überall. Es ist müßig, auf die Kürze der Emanzipationsgeschichte zu verweisen und auf die zahlreichen noch bestehenden Ungleichheiten. Entscheidend ist, dass die Vertreter der infrage stehenden biologistischen Meinungen offenbar eine seltsame Idee von einem quasi von anderen als biologischen Einflüssen freien Zustand der Gesellschaft hegen: nur in einem solchen – wenn überhaupt – ließe sich von tatsächlichen Unterschieden auf deren biologische Determination schließen.
Vertreter dieser Idee verweisen meist auf die Fortschritte, die unsere Gesellschaft im Hinblick auf den Rückbau von Vorurteilen und Rollenzuschreibungen in den letzten Jahrzehnten erreicht hat. So real diese Fortschritte sind, so wenig sind sie aber doch anders als relativ zu verstehen: dass wir in einer Gesellschaft leben, die frei oder auch nur weitgehend frei von solchen Vorurteilen und Rollenzuschreibungen ist, wird wohl keiner behaupten wollen. Eine solche bräuchte man aber, damit der argumentative Übergang von der empirischen These zur These über die biologische Determination plausibel wäre, mit dem das untersuchte Denkmuster arbeitet.
Der Punkt lässt sich durch eine Parallelisierung verdeutlichen: Wer heute behaupten würde, aus den durchschnittlich schlechteren Schulabschlüssen von Einwandererkindern ließe sich schließen, dass Deutsche gegenüber Türken, Arabern usw. biologisch im Vorteil wären, läge offensichtlich falsch. Das zugrundeliegende Denkmuster entspricht dabei genau dem zuvor kritisierten in Bezug auf die Geschlechtereigenschaften.
Geschlechts-Biologisten wehren sich gegen solche Parallelisierungen, weil sie meinen, der wesentliche Unterschied zwischen beiden Denkmustern sei doch, dass es sich im letzteren Fall um eine moralisch verwerfliche, weil rassistische Ansicht handele, ihre geschlechts-biologistischen Meinungen aber keinesfalls eine Bewertung der Geschlechter in besser und schlechter darstelle. Selbst wenn dem so wäre – wobei man in Bezug auf die vermeintliche Wertfreiheit der Zuschreibung verschiedener Eigenschaften sehr vorsichtig sein muss, an der Oberfläche wurde auch früher gern gleichwertige Komplementarität der Geschlechter behauptet, während natürlich den Männern die gesellschaftlich besser angesehenen, für Herrschaft relevanten Eigenschaften zugeschrieben wurden – die Parallele, auf die ich hinweisen will, liegt keineswegs im moralischen Status der betreffenden Meinungen, sondern darin, dass beide Meinungen eine vollständig defekte Begründung aufweisen. Aus schlechteren Schulnoten von Einwandererkindern kann man u.a. deshalb nicht auf biologische Determinanten schließen, weil erstere von so vielen Faktoren bedingt werden, von denen einige, wie die schlechtere soziale Stellung der Familien, offen zutage liegen, so dass es absurd wäre, darin die Wirkung einer irgendwie isolierbaren biologischen Ebene zu vermuten. Dass die Faktoren, die die Einstellungen und das Verhalten von Menschen im Falle der Mann/Frau-Unterschiede prägen, nicht ganz so offen zutage liegen, mag sein. Dass sie – gerade was die Einstellungen zu Familie und Sexualität betrifft – aber vorhanden und äußerst wirkungsmächtig sind, kann schwerlich geleugnet werden.
Erst wenn Jungen und Mädchen tatsächlich aus dem gleichen Spielzeugangebot wählen könnten, für dieselben Fähigkeiten gelobt würden, sich an denselben Rollenvorbildern orientieren könnten; erst wenn in der Pubertät niemand mehr wegen fehlender oder übermäßiger ‚Männlichkeit’ oder ‚Weiblichkeit’ gehänselt würde, wenn keine Orientierung an rollenzuschreibenden bis sexistischen Medien, Filmen, Plakaten stattfinden würde; erst wenn Frauen und Männer dieselbe Verantwortung für die Familienfinanzierung erwarten müssten, in allen Berufen dieselben Ausgangsbedingungen hätten und dieselben Möglichkeiten, für die Kindererziehung im Beruf zu pausieren, erst wenn man sich nicht ständig Sätze der Form „Männer sind eben…“ oder „Frauen können eben…“ anhören müsste, und erst wenn zahlreiche andere Bedingungen dieser Form erfüllt wären, dann, in so einer utopischen Situation, könnte man vielleicht aus bestimmten geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen auf biologische Fundamente schließen. Hier und heute nicht.
Eine lustige Tatsache, um das nur am Rande zu erwähnen, ist ja, dass sich gerade die Geschlechts-Biologisten oft dagegen einsetzen, einen solchen utopischen Gesellschaftszustand wie den eben beschriebenen anzustreben – sie halten dieses Ziel aufgrund ihrer Meinungen über die biologische Determination von Männern und Frauen für verfehlt: d.h. aufgrund von Meinungen, die nicht begründet sind, und die nur begründet wären, wenn genau dieser Gesellschaftszustand, den sie verhindern wollen, schon da wäre. Sie wettern also quasi gegen das Hinarbeiten auf einen Zustand, in dem ihre Gründe für das Wettern endlich tatsächlich überprüft werden könnten. Verwickelt, aber lustig, oder?
Noch ein letztes Wort zu diesem ersten Denkmuster, in dem von vermeintlichen nicht-biologischen Unterschieden auf dafür verantwortliche biologische Unterschiede geschlossen wird: Das Muster hat eine lange Geschichte, das es zusätzlich zu den bisher geschilderten Überlegungen diskreditiert. Seit Jahrhunderten taucht es immer wieder auf, und zwar fast immer innerhalb schlechter, unwissenschaftlicher, vorurteilsgeleiteter, unterdrückungsrechtfertigender ‚Argumentationen’. Vor allem seit der Aufklärung wird immer wieder versucht, alle möglichen vermeintlichen Eigenschaften und Ungleichheiten in irgendeiner obskuren „Natur“ zu fundieren. (Schön ist zum Beispiel eine Aussage von Max Planck, der das Vordringen von Frauen an die Universität ungern sah: „Im allgemeinen kann nicht genug betont werden, daß die Natur selbst der Frau ihre Aufgabe als Mutter und Hausfrau vorschreibt und daß die Naturgesetze nicht ignoriert werden können.“ Vgl. Wertheim (s.o.) S. 266.)
Seien es die vermeintlichen Eigenschaften von Frauen oder Schwarzen oder Juden oder anderen diskriminierten Gruppen: noch jede von diesen wurde durch Verweise auf kleinere Gehirne, einen anderen Körperbau usw. zu begründen gesucht. Fast alle diese Thesen sind heute nicht nur widerlegt, sondern ihre biologistische Begründung ist als rein interessengeleitet und wissenschaftlich haltlos entlarvt. Nur im Bereich der Geschlechterungleichheit – vielleicht wegen ihrer scheinbaren moralischen Integrität, sicher wegen ihrer Zentralität für unsere Gesellschaft – hält sich dieses Denkmuster – wo ein empirisch feststellbarer Verhaltensunterschied, muss auch ein biologischer sein – hartnäckig.
Das Assoziationsmuster
Das zweite Denkmuster kann ich ganz kurz abhandeln, weil es ohnehin eher nur ein Assoziationsmuster ist – von einem Schluss, sei er auch noch so schlecht begründet wie der obige, kann hier eigentlich gar nicht gesprochen werden. Das Denkmuster beruht auf dem Verweis auf nicht zu leugnende biologische oder körperliche Unterschiede, aus denen dann mit ihnen korrelierte nicht-biologische Unterschiede abgeleitet werden sollen.
Beispiele: Aus der Tatsache, dass die Frau biologisch dazu eingerichtet ist, Kinder auszutragen und zu stillen, wird ihre Bestimmung dazu abgeleitet, sich die ersten Jahre um das Kind zu kümmern (wie lange genau dieser Zeitraum sein soll, ist je nach geschichtlicher Epoche verschieden – früher dachte man an über zehn Jahre, mittlerweile denken viele Leute wohl an etwa drei Jahre, wie die Diskussion um die Kinderkrippen zeigt).
Oder: Aus der Tatsache, dass beim Mann Orgasmus und Ejakulation normalerweise gleichzeitig stattfinden, und letztere notwendig zur Fortpflanzung ist, wird abgeleitet, dass der Mann von der an der Fortpflanzung interessierten ‚Natur’ ein größeres Bedürfnis nach Orgasmen mitbekommen hat als die Frau.
Das Problem mit diesen Begründungsstrategien ist, dass die als Voraussetzung dienenden biologischen Unterschiede zwar meist nicht zu leugnen sind, dass aus ihnen aber in Bezug auf andere – nicht-biologische, und vor allem normative – Unterschiede einfach rein gar nichts folgt. Natürlich ist es von der Natur ‚vorgesehen’, dass eine Frau ihr Kind stillt. Aber daraus folgt nicht, dass eine Frau von Natur aus wünscht, sich nach der Geburt mehrere Jahre lang ausschließlich um ihr Kind zu kümmern. Warum sollte das auch folgen? Es folgt auch nicht, dass sie das sollte. Es folgt auch nicht, dass die Mutterliebe normalerweise größer ist als die Vaterliebe. All das müsste auf der psychologischen bzw. Verhaltensebene erst nachgewiesen werden – und die These, dass dann solche psychologischen bzw. behavioralen Unterschiede, so es sie gibt, wiederum biologisch fundiert seien, bräuchte eine erneute Rechtfertigung.
Auch an diesem Denk- bzw. Assoziationsmuster sieht man die Mächtigkeit der quasi-religiösen biologistischen Einstellung: Nur wer davon ausgeht, dass es auf biologischer wie nicht-biologischer Ebene in sich zusammenhängende Systeme von Eigenschaften gibt, die dann miteinander korreliert sind, wer also an zwei sich entsprechende Ebenen glaubt, wobei die eine die andere erklärt und fundiert, nur die oder der kann auf die Idee kommen, dass aus der Eigenschaft, Kinder zu gebären, auch die Eigenschaft folgen muss, sich vorrangig um die Kinder kümmern zu wollen, oder dass aus der Eigenschaft, zur Fortpflanzung Orgasmen erleben zu müssen, auch die Eigenschaft folgen muss, in höherem Maße Orgasmen anzustreben, als das sonst der Fall wäre bzw. ist.
Hier werden munter die Ebenen durcheinandergewürfelt: biologisch und psychologisch, deskriptiv und normativ usw., aber es führt tatsächlich kein rationales Argument von der einen zur anderen These. Den Übergang leistet nur ein bestimmter Glaube an die Biologie und ihren Zusammenhang mit anderen Arten von Wissen über den Menschen.
Meine Absicht war es nicht, die Falschheit der biologistischen Meinungen über die Geschlechterunterschiede zu beweisen. Aus allem Gesagten ergibt sich, dass dieses Unterfangen zum gegenwärtigen Zeitpunkt genauso zum Scheitern verurteilt ist wie der Versuch, die Meinungen selbst zu beweisen.
Aber in Bezug auf diese biologistischen Meinungen wollte ich mehr behaupten, als dass man sie nicht beweisen kann – an so etwas halten sich viele ihrer Vertreter fest: Natürlich, beweisen kann man sie nicht! Was wollt ihr also von mir? fragen sie.
Meine These war durchaus stärker: ich behaupte, dass es kein rationales Argument gibt, dass diese Meinungen plausibel macht. Und Meinungen, für die man keinerlei Gründe hat, sollte man nicht unterhalten, außer man kann ohne sie nicht leben. Manchmal hat man den Eindruck, den Biologisten ergeht es mit ihren Meinungen über Männer und Frauen genau so. Aber warum nur?
Auf jeden Fall erweisen sich diese Meinungen oft als so resistent gegen den Aufweis ihrer Unbegründetheit, dass auch dieser Artikel selbst wohl nur die überzeugt, die ohnehin schon kritisch gegenüber den Biologismen eingestellt sind. Die Gläubigen selbst wird er wahrscheinlich nicht erreichen. Leider!
