Warum man nicht vom Islam schweigen sollte, wenn man vom Terror redet
29. November 2007Claudia
Im Anschluss an meinen Islamofaschismusartikel äußerte Claudia eine sehr weitreichende Kritik am Islam generell, auf die ich zunächst recht polemisch geantwortet habe.
Da es in diesem Blog nicht darum gehen soll, bestimmte Positionen zu propagieren, sondern wir uns vorrangig um eine argumentative, unvoreingenommene Form der Auseinandersetzung bemühen, bot es sich an Claudias Thesen mehr Raum zu geben. Wir freuen uns deswegen, dass Claudia sich bereit erklärte, ihre Sichtweise hier darzulegen. Meine nach wie vor kritische, aber weniger polemische Antwort auf diesen Artikel findet sich hier. CV
Es mag lohnenswert sein zu diskutieren, welche Ähnlichkeiten zwischen faschistischem Denken und dem sich gefährlich ausbreitenden radikalen Islam bestehen, so wie hier oder hier.
Dennoch kommt man dem Rätsel des islamischen Terrors mit Sicherheit näher, wenn man die religiösen Antriebskräfte der Jihadisten anerkennt und zu verstehen versucht, anstatt ein Phänomen aus der eigenen Vergangenheit zu bemühen.
Dazu befinden sich hier und hier erstaunliche und nicht so einfach abwendbare Thesen. Wenn Märtyrertum, mithin Selbstopfer, der direkteste Weg zu Allah sind, dann wird sich der Islam niemals friedlich einhegen lassen, dann wird man sich weder auf gute Nachbarschaft einigen können noch auf ein friedliches Zusammenleben in der „multikulturellen Gesellschaft“.
Verständlich, dass man angesichts solcher Thesen lieber auf den Mummenschanz des Islamfaschismus eindrischt, auch wenn er einige Relevanz dadurch erhält, dass sich der Islam durchaus in einem modernen Sinne totalisiert hat. Dennoch sollte dieses Phänomen, wie es beispielsweise von der Iranerin Nasrin Amirsedghi eben erst in der Jungle World beschrieben wurde:
Islam ist Islam, wie er im Iran oder Saudi-Arabien praktiziert wird. Wo der Islam nicht nach der Sharia ausgeübt wird, ist er im Kern nicht mehr islamisch. Es kann keine moderne Variante dieser Religion geben. Modern ist nur, dass das wahre Gesicht des Islam durch die Digitalisierung und weltumspannende Informationswege aus den Kämmerchen der Orientalisten herausgetreten ist und sein Bild das Fußvolk erreicht hat. Zu hoffen ist nur auf eine beschleunigte Aufklärung.
Jungle World
- nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei den Jihadisten, resp. Selbstmordattentätern um Muslime handelt, die eine Menge klassischer Koran- und Hadithauslegung hinter sich wissen und sich nur in wenigen Punkten von der Auslegungspraxis solcher Gelehrter unterscheiden, die gemeinhin als moderat gelten.
Da Christian sich darüber beschwert hat, dass der Begriff Islam fälschlich gebraucht werden muss, um überhaupt solche Aussagen aus ihm abzuleiten, sei hier kurz auf seine Kritik eingegangen.
Ca 90-95% aller Muslime sind Sunniten, der Rest Schiiten und zu vernachlässigende Abspaltungen. Die Sunniten teilen sich in vier Rechtsschulen auf, deren Dogmen oder Bestimmungen seit rund tausend Jahren unverändert sind (!), und die sich inhaltlich kaum unterscheiden. Deswegen erkennen sich diese Richtungen (Hanefi, Maleki, Hanbali, Schafi) auch untereinander als “rechtgeleitet” an, um einen islamischen Terminus zu gebrauchen.
Angesichts dessen, finde ich es völlig unproblematisch vom Islam zu sprechen und gegebenenfalls besonders auf die Schia hinzuweisen oder kleine Strömungen, bis hin zu Einzelfiguren.
Nebenbei liegt der Vergleich zum Katholizismus durchaus nahe, 1a corporate identity, beeindruckende zeitliche Kontinuität in den Lehraussagen, dazu beeindruckende - oder auch beunruhigende - Mitgliederzahlen.
Dass der offensichtlich christliche Kommentator, dessen Artikel zu lesen ich allen ans Herz lege, auf Verständnisschwierigkeiten bei der säkularisierten Linken stößt, der ich Dich mal zuschlage, ist verständlich. Dennoch ist dieser „Spengler“ in letzter Zeit eine wichtige Quelle für mich geworden und ich finde, dass seine scharfsinnigen Überlegungen wichtig genug sind, um auch von Atheisten in die Analyse mit einbezogen zu werden.
Von denen ja viele, so mein Eindruck zumindest, meinen über Islam und Religionen im allgemeinen Urteile fällen zu können, obwohl sie nicht einmal die Grundlagen derselben kennen oder es auch nur für nötig halten diese zur Kenntnis zu nehmen. Aber selbst für Religionskritik, oder gerade dazu, muss man wenigstens wissen, mit welchem Glauben man es zu tun hat. Und was den Islam angeht, sollte man die Selbstaussagen der Attentäter schon ernst nehmen. Zur Erinnerung sei hier beispielsweise der Inhalt des Zettels verlinkt, der an Van Goghs Brust gepinnt worden war.
Denn die Frage ist dringlicher denn je, welche Auswirkungen ein Offenbarungsglaube hat, der sich auf die Befolgung von Regeln beschränkt, die eine innere Einstellung der totalen Unterwerfung habituell festschreiben und darin den einzigen Weg ins Paradies weist, ein Weg der sich abkürzen lässt, wenn man noch nicht Unterworfenen erfolgreich diese Wahrheit aufzwingt und/oder sich dafür einsetzt, (radikaler Islam: mit allen Mitteln) dass sich Unglaube und Häresie nicht ausbreiteten.

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