Absurde McKinsey-Studie über das Abrutschen der Mittelschicht

4. Mai 2008
Eugen Pissarskoi

So gut wie alle Medien haben eine McKinsey Studie zitiert, der nach etwas Schlimmes mit der Mittelschicht zu geschehen droht. Leider konnte ich online nicht auf die originäre Studie zugreifen, musste daher die Infos darüber, wovor wir genau gewarnt werden, den Medien entnehmen. Folgende Aussagen konnte ich extrahieren:

Die McKinsey-Autoren sollen nun zwei Szenarien miteinander verglichen haben. Die berichteten Ergebnisse lauten:

  • Wenn die Wirtschaft auf dem bisherigen Wachstumspfad bleibt, dann werden im Jahr 2020 10 Millionen Menschen weniger als Anfang der Neunziger Jahre (!) zur Mittelschicht gehören.
  • Mit anderen Worten werden 30% der Bürger aus der Mittelschicht herausfallen, sodass insgesamt deutlich weniger als 50% der Bevölkerung der Mittelschicht angehören werden.

Die Zahlen stimmen offensichtlich nicht. Wenn 30% aller Bürger aus der Mittelschicht herausfallen, so verringert sich die Mittelschicht um rund 24 Millionen Menschen (das sind 30% von 80 Millionen). Und nicht nur um 10 Millionen, wie berichtet. Wenn ein Ausfall von 30% dazu führen wird, dass „deutlich weniger als 50% der Bevölkerung der Mittelschicht angehören werden“, so müssen vor dem Ausfall etwas weniger als 80% der Mittelschicht angehört haben. Dem widerspricht aber die Bild.
Doch das sind Kleinigkeiten. Eigentlich will ich auf etwas anderes hinaus. Nämlich auf die Kernaussage der Studie:

    „Verantwortlich für diese Entwicklung (Schrumpfung der Mittelschicht) sei ein zu geringes Wirtschaftswachstum“.

In diesem Zusammenhang wird die folgende Zahl genannt:
Wenn die Wirtschaft mit 3% jährlich wächst, wird sich das Durchschnittseinkommen auf 36000 Euro pro Jahr vergrößern.

Ich verstehe nicht, was diese Zahl zu der obigen Aussage beitragen soll. Abgesehen davon, dass ich die Kernaussage abstrus finde (dazu unten mehr), würde ich zu ihrer Rechtfertigung eine Zahl erwarten, die angibt, wie sich die Anzahl der zur Mittelschicht angehörenden Menschen verändert und nicht, wie viel diese Menschen verdienen. Es kann doch sein, dass, obwohl bei höherem Wirtschaftswachstum das Durchschnittseinkommen sich vergrößert, die Anzahl der Menschen, die dieses Durchschnittseinkommen beziehen, sich stark verringert (im Extremfall verschwindet).

Doch auch das sind Peanuts im Vergleich zu der Kernaussage:

Ein zu niedriges Wirtschaftswachstum führt dazu, dass die Mittelschicht sich verringert.

Wirtschaftswachstum ist eine Größe, die beschreibt, wie sich der Wert der in einem Jahr erwirtschafteten Dinge im Vergleich zum vorherigen Jahr verändert hat. Diese Größe beschreibt also, wie stark sich der materielle Wohlstand der Gesamtbevölkerung verändert hat. Anzahl der Leute, die zur Mittelschicht gehören, hängt von der Verteilung dieses materiellen Wohlstandes innerhalb der Gesamtbevölkerung ab. Wie kann man nun die Verteilung des Wohlstandes dadurch steuern, dass man die Größe des Wohlstandes verändert? Das ist mir unklar. Ich vermute sogar, dass das nicht geht. Die Größe des Wohlstandes und seine Verteilung sind voneinander unabhängig: Wir können den Wohlstand vergrößern, ohne dass die Verteilung sich ändert; wir können auch die Größe des Wohlstandes einfrieren und ihn anders (zum Beispiel gleicher!) verteilen. Daher ist es Unsinn zu behaupten, Wirtschaftswachstum beeinflusse die Anzahl der zur Mittelschicht gehörenden Menschen.

Dass die Mittelschicht schrumpft, darauf weist auch das DIW hin. Strittig finde ich dagegen die Behauptung, dass das Wirtschaftswachstum eine Lösung darstelle.

Wie kommt es dazu, dass eine angesehene Beratungsagentur Unsinn verzapft? Ich habe den Verdacht, dass die McKinsey-Autoren die folgende Überlegung hatten:

  • Die Anzahl der Arbeitsplätze hängt vom Wirtschaftswachstum ab: Erst ab einer bestimmten Größe werden Arbeitsplätze geschaffen, bleibt es unter diesem Schwellenwert, steigt die Arbeitslosigkeit.
  • Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, dann verringert sich die Größe der Mittelschicht, wenn sie sinkt, steigen sowohl die Größe der Mittelschicht als auch das Durchschnittseinkommen.

Diese Überlegung mag sinnvoller erscheinen. Sie ist aber höchst strittig: Der kausale Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosenquote ist alles andere als klar; und auch wenn es diesen gibt, ist die Höhe des Schwellenwertes nicht ohne Weiteres feststellbar.
Eine unumstrittenere Konklusion der Studie könnte lauten: Wir brauchen Arbeitsplätze, damit sich die Mittelschicht nicht verringert. Das ist aber nicht gerade verblüffend.

10 Kommentare zu “Absurde McKinsey-Studie über das Abrutschen der Mittelschicht”

  1. Cem Basman 5. Mai 2008 (00:15 Uhr)

    Ich glaube nicht, dass Überlegungen in diese Richtung Unsinn sind.

    Über viele Jahre hinweg konnte man beobachten, dass die “relative Armut” in Deutschland grösser wird. Stichworte sind beispielsweise Kinderarmut oder die hohe Arbeitslosenquote bei den nachwachsenden Jungen mit Migrationshintergrund. Von Verelendung würde ich allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht sprechen.

    Gleichzeitig kann man auch belegen, dass die Einkommen an der Spitze überdurchschnittlich wachsen. Die grossen Unternehmen haben eine sehr hohe Anzahl von Mitarbeitern gerade aus den verwaltungen und aus dem mittleren Bereichen entlassen. Diese Menschen haben grosse Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt adäquate Stellen zu finden. Schlechterbezahlte Jobs werden immer häufiger durch Zweitjobs aufgebessert.

    Ferner gibt es in den letzten Jahren einen ebenso deutlichen Trend, dass die Privatinsolvenzen eindeutig zugenommen haben. Den Grund dafür sieht das Statistische Bundesamt überwiegend in der Arbeitslosigkeit.

    Das sind alarmierende Vorboten. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer mehr auseinander. Dazwischen liegt die Mittelschicht. Die erodiert langsam aber sicher.

    Auch unabhängig von der Analyse. Argumentation oder Motivation von McKinsey.

    Mein subjektives Empfinden deckt sich mit diesem Überlegungen.

  2. su 5. Mai 2008 (10:07 Uhr)

    Zu Deiner Hochrechnung im ersten Abschnitt: Du gehst von 80 Millionen Menschen aus - damit hast Du nicht bedacht, dass nur etwa die Hälfte davon derzeit der Mittelschicht angehören. Wenn Du diesen Wert nun also auf 40 Millionen korrigierst, fallen bei 30% etwa 13 Millionen aus der Mittelschicht. Den Ausgangswert muss man sicher noch etwas korrigieren (Kinder? Rentner?), so dass 10 Millionen für mich sehr plausibel klingen.

  3. Jörg Friedrich 5. Mai 2008 (11:28 Uhr)

    Für mich ist generell fraglich, welche Aussagekraft Untersuchungen über die Entwicklung von gesellschaftlichen Gruppen, die über relative Größen definiert werden, haben. Das gilt für die relative Armut ebenso wie für die “Mittelschicht” Solche Angaben sind so komplex zu interpretieren, ihr wirklicher Inhalt so schwer vermittelbar, dass am Schluss immer eine zugespitzte aber unrichtige Aussage herauskommt.

  4. Jörg Friedrich 5. Mai 2008 (13:15 Uhr)

    Ich hab mal Excel angeschmissen:
    http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/05/05/wann-schrumpft-die-mittelschicht-eine-einfache-rechnung/

  5. Cem Basman 5. Mai 2008 (15:21 Uhr)

    @Jörg und an @lle, als Ergänzung:

    “Mittelschicht” ist nicht nur definiert über das Einkommen, sondern ist auch ein kultureller Begriff. Die Untersuchung von McKinsey geht, soweit ich das verstehe, nur von den Veränderungen des Einkommens aus.

    Als kultureller Begrif ist die “Mittelschicht” somit auch ein politischer, nicht nur einfach ein monitärer.

  6. Eugen Pissarskoi 5. Mai 2008 (20:49 Uhr)

    @su:
    Die 10 Millionen machen in der Tat Sinn, wenn man 30% nicht auf alle Bürger, sondern auf Anzahl der zur Mittelschicht gehörenden Menschen bezieht. Insofern vielen Dank für diesen Hinweis.
    Ich vermute, dass auch andere Zahlen sich auf ähnliche Weise erklären lassen. Problematisch finde ich dennoch, dass sie in den zitierten Artikeln auf eine Weise genannt werden, dass man nicht versteht, woher sie kommen.

    @Cem und Jörg:
    Ich halte Aussagen über die Verteilung des Einkommens innerhalb der Gesellschaft für sehr interessant und wichtig. Auch Berichte, die beschreiben, wie sich die Verteilung des Einkommens in der Vergangenheit entwickelt hat und wie sie sich unter bestimmten Annahmen entwickeln wird, können höchst aussagekräftig sein.
    Ob man für die Einkommensgruppe, die zwischen 70 und 150 Prozent des Durchschnittseinkommens zu einem bestimmten Zeitpunkt verdient, das Wort “MIttelschicht” gebrauchen sollte oder nicht, ist, finde ich, Geschmackssache. Und wenn man als Leser der Meinung ist, dass das Wort “MIttelschicht” für die obige Gruppe unangebracht ist (z.B. weil man glaubt, dass “Mittelschicht” nicht nur monetäre sondern auch politische Bedeutungskomponenten besitzt), so kann man es beim Lesen stets durch das Zeichen “X” ersetzen. Die Auskunft bleibt die gleiche:Die Anzahl der Menschen, die zu Mittelschicht (oder X) gehören, also zu den Menschen, die zwischen 70 und 150% des Durchschnittseinkommens verdienen, verringert sich in der Zukunft.
    Das ist eine verständliche, und, glaube ich, auch interessante Aussage.

    An der McKinsey-Studie finde ich die postulierte Kausalität höchst problematisch. Nämlich die Behauptung, dass das Wirtschaftswachstum für die Veränderung in der Mittelschicht (X) verantwortlich sei. (Aus den im unteren Teil des Artikels genannten Gründen.)
    Die McKinsey-These hat die folgende Implikation: Wenn wir dagegen sind, dass die Anzahl der zur Mittelschicht (X) gehörenden Menschen abnimmt, und wenn das fehlende Wirtschaftswachstum für diese Abnahme verantwortlich ist, müssen wir gegen das fehlende Wirtschaftswachstum sein oder mit anderen Worten für das stärkere Wirtschaftswachstum.
    Das ist ein nettes Argument für das Ankurbeln des Wirtschaftswachstums (oder wie McKinsey es nennt: für das Einschlagen eines dynamischen Pfades), das ich jedoch ganz schön subversiv finde.

  7. Marc 6. Mai 2008 (15:17 Uhr)

    ich möchte eugens gedankengang ergänzen: wenn man also das schrumpfen der mittelschicht verhindern möchte und dieses nur durch ein gesteigertes wachstum möglich ist, dann muss man die bisherigen rezepturen verschärfen. also mehr “fördern durch fordern”, mehr lohnzurückhaltung, mehr arbeitnehmerrechte beschneiden… der ganze neoliberale bauchladen eben, der eigentlich die letzten 25 jahre zeit hatte, den heute beklagten zustand der mittelschicht zu produzieren. man liefert also munition gegen all jene, die einen ausweg eher darin sehen, die erwirtschafteten werte ausgewogener zu verteilen.

    diese studie ist so überflüssig und nichtssagend wie nur irgendwas… eigentlich reicht für eine einschätzung der entwicklung der mittelschicht ein blick hierauf:

    http://www.jjahnke.net/rundbr33.html#886

  8. Uwe Harling 14. Mai 2008 (18:28 Uhr)

    Das ist das Schöne bei McKinsey, die haben immer ihre Kunden im Auge, einfach vorbildlich !?
    Dann noch ein paar abenteuerliche Thesen dazu und fertig sind die Schlagzeilen. So bringt man sich wieder ins Geschäft.

    Ich bin kein Freund solcher Studien - doch wenigstens bei der DIW-Studie kam eines klar heraus: Die Mittelschicht verliert dramatisch an Einkommen und schrumpft.
    Jetzt ist es wenigstens amtlich.

    Hoffentlich geht es der Mittelschicht bald nicht so, wie hier:
    http://www.youtube.com/watch?v=YAjjRqMjwzo

  9. Uwe Harling 14. Mai 2008 (18:36 Uhr)

    Hier noch meine Website - dort kann man die Mittelschicht noch etwas unterstützen !
    Ich denke eine interessante Methode, vor allem neu !

    http://www.mittelschicht.com

  10. Josef 16. Mai 2008 (15:02 Uhr)

    Ich dachte immer es geht nun endlich aufwärts. Ok nicht ich, aber Frau Merkel. Das Problem ist, das die Politik nicht dazu beiträgt, dass das verhindert werden kann. Aber wer hat Schuld? Hauptschuldiger sehe ich in der Hartz 4 Reformen. Jeder muss jetzt jeden Job annehmen, egal wie hoch er bezahlt wird. Und das nützen natürlich einige Unternehmen aus. Da hilft auch kein Mindestlohn, weil man mit 7,50 Euro nicht mehr zu Mittelschicht gehört.

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