Nachhaltigkeit und Luxus-Geländewagen
23. April 2008Eugen Pissarskoi
Viele Umweltaktivisten verdonnern seit Jahren die Verbreitung von Luxus-Geländewagen, den so genannten SUVs. Der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone plant inzwischen, für SUVs eine höhere City-Maut einzuführen als für andere PKWs. Ich bezweifele jedoch, dass der Einsatz von SUVs mit ökologischen Argumenten kritisiert werden sollte. Vielmehr sind es bestimmte Überzeugungen bezüglich der Gleichheit, die dagegen sprechen.
Betrachten wir ein aus meiner Sicht verbreitetes Argument gegen den Gebrauch von schweren Geländewagen. Es basiert auf der Überlegung, dass das Autofahren generell nicht nachhaltig ist. Diese Überlegung zieht ihre normative Kraft aus der folgenden Prämisse:
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1. Es ist für ein Individuum falsch, eine Handlung p zu tun, für die gilt: Wenn alle Individuen, die p tun wollen, p ausführen, wird etwas Schlimmes geschehen.
Diese Prämisse ist ein Versuch,eine weit verbreitete moralische Intuition einzufangen, die wir in der Alltagssprache mit der Aufforderung ”Stell Dir mal vor, das würde jeder tun!” zum Ausdruck bringen, die aber auch bereits Kant als zentral ansah.
Nehmen wir an, p sei die folgende Handlung: ein Auto zum Zweck einsetzen, den Alltag zu erleichtern. (Mit dieser umständlichen Formulierung meine ich den Autogebrauch für den Einkauf, Fahrten zur Arbeit etc.; im Gegensatz zum Beispiel zu Autofahrten, um eine kranke Freundin zum Arzt zu fahren.) Dann können wir die nächste Prämisse hinzufügen:
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2. Wenn alle Menschen, die es wollen, ein Auto für den Zweck der Erleichterung des Alltags einzusetzen, es tatsächlich tun, entstehen immense Schäden (z.B. durch die Veränderung des Klimasystems).
Unter Annahme, dass ”immense Schäden” etwas Schlimmes darstellt, folgt aus (1) und (2):
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3. Es ist für ein Individuum falsch, ein Auto für den Zweck der Erleichterung des Alltags einzusetzen.
Gegen die SUVs wird nun eingewandt, dass sie eine besonders schlimme Autokategorie darstellen: Bedingt durch ihre Bauart tragen sie mehr zu der Umweltverschmutzung bei als gewöhnliche Autos, ohne dass diese Bauart sie besser dazu eignen würde, den Alltag zu erleichtern. Sie werden gekauft, weil sie cool sind. Und eine Handlung, die zu einer Umweltkatastrophe beiträgt und lediglich aus Gründen der Coolness getan wird, ist eindeutig moralisch falsch.
Entgegnung der SUV-Fans
Hierauf können jedoch Liebhaber der schweren Geländewagen entgegnen, dass gerade die Eigenschaften, die aus der Sicht des obigen Argumentes die Autos besonders verabscheuungswürdig machen, ihre Existenz in Wirklichkeit moralisch rechtfertigen. Das schlimme am Autofahren ist ja nicht so sehr eine Fahrt, sondern die kollektive Handlung: Erst wenn eine ausreichend große Anzahl von Menschen ein Auto fährt, entstehen die unerwünschten Konsequenzen. Nun kann jedoch eine SUV-Liebhaberin darauf verweisen, dass die meisten Objekte ihrer Begierde Luxusgüter sind. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie knapp sind. Ihre Knappheit kann natürliche Ursachen haben (wie beim Gold oder Diamanten) oder ihrer Vermarktung zu verdanken sein (Porsche erreicht seine Exklusivität durch den hohen Preis). Knappe Güter – vorausgesetzt sie sind knapp genug – können jedoch die befürchteten Konsequenzen nicht herbeiführen: Die paar Tausend Porsche-Cayenne Liebhaber, die sich das Fahrzeug tatsächlich leisten können, stellen weder eine Bedrohung für die Ölreserven dar noch werden sie den CO2-Haushalt bemerkbar beeinflussen und schon gar nicht eine Naturkatastrophe auslösen.
Bezüglich des obigen Argumentes verweisen die SUV-Anhänger also darauf, dass in der zweiten Prämisse der Vordersatz nie erfüllt ist, sobald es um die Luxus-SUVs geht: Durch die künstlich geschaffene Knappheit wird niemals der Zustand eintreten, dass alle, die einen Porsche Cayenne fahren wollen, auch tatsächlich einen fahren. Das Argument gegen das Autofahren generell bleibt damit gültig, es tangiert aber die Luxus-SUV-Besitzer nicht.
Damit hat uns das obige Argument in eine schwer zu schluckende Situation manövriert: Der Einsatz von Autos, die allen Menschen zugänglich sind, ist schlecht, da aus ihrem Einsatz eine ökologische Katastrophe droht. Der Einsatz von exklusiven Autos, die nur einer Minderheit zugänglich sind, führt hingegen nicht zu schlimmen Folgen, ist daher aus ökologischer Sicht nicht zu beanstanden.
Mögliche Kritik des Luxus-SUV-Einsatzes
Ich akzeptiere die Entgegnung der Luxus-Geländewagen-Anhänger. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass das Benutzen von SUVs kritisiert werden kann. Allerdings mit Gründen, die stärker auf unseren Gleichheitsüberzeugungen basieren:
Eine naheliegende Möglichkeit dafür zu argumentieren, dass die SUV-Besitzer etwas Falsches tun, liegt darin, an die folgende Intuition zu apellieren: Keinem Menschen sollte es erlaubt sein, ohne besondere Gründe die Umwelt stärker zu belasten als anderen (Mit anderen Worten: Gleichverteilung der Rechte auf Umweltverschmutzung). Ob diese Überzeugung es erlaubt, den SUV-EInsatz zu kritisieren, ist aber nicht a priori klar: Die moralische Beurteilung hängt von der Menge der jedem Menschen zugestandenen Verschmutzungsrechte ab.
Andere moralische Prinzipien, die ich hier nur vage andeute, sind vermutlich viel stärker umstritten:
• Es ist ungerecht, dass die Realisierung eines Bedürfnises, dass sehr viele Menschen teilen, nämlich Autofahren, von monetären Verhältnissen abhängig gemacht wird.
• Luxusgüter sind generell schlecht (da sie von der Art sind, dass sie prinzipiell nicht allen zukommen können).
Diese Andeutungen von Gründen haben einen Punkt gemeinsam: Sie alle werden nur von Menschen akzptiert, die bestimmte Gleichheitsüberzeugungen teilen. Die moralische Abneigung gegen die Luxus-SUVs resultiert daher nicht nur aus der Sorge um die ökologische Nachhaltigkeit sondern zusätzlich aus der Überzeugung, dass in einer lebenswerten Gesellschaft bestimmte Gleichheitsstandards eingehalten werden müssen.
P.S. Unterschied zum Peanuts-Fehlschluss
Man könnte meinen, dass der Fehler in der Argumentation der SUV-Fans im von Christian so genannten ”Peanuts-Fehlschluss” liegt.
Ein Peanuts-Argument basiert auf der folgenden Überlegung: ”Handlung x trägt nur ganz wenig zu der schlimmen Konsequenz p bei und löst p nicht aus. Also ist es nicht schlimm, wenn x ausgeführt wird”. Der Fehlschluss in dieser Überlegung besteht darin, dass der Sprecher die Quelle der Schlechtigkeit falsch einschätzt: Der Sprecher unterstellt, dass die Schlechtigkeit der Handlung in ihrer Größe bzw. in der Tatsache liegt, dass sie die schlechte Konsequenz auslöst. Daher versucht er zu zeigen, dass beide ”Schlecht-Macher-Eigenschaften” nicht erfüllt sind. Tatsächlich liegt aber die Quelle der Schlechtigkeit in anderen Eigenschaften.
Bei der Luxusgüter-Argumentation sieht die Sache dagegen anders aus:
Die Luxusgüter-Anhängerin sagt nicht: ”Mein Beitrag ist klein”. Und auch nicht: ”Mein Beitrag löst keine schlimmen Konsequenzen aus.” Sondern: Der Beitrag unserer ganzen Gruppe der Luxus-SUV-Fahrer löst nichts Schlimmes aus. Weil der Beitrag der ganzen Gruppe zu keinen schlimmen Konsequenzen führt, ist auch die kollektive Handlung nicht schlecht. Daher begeht sie nicht den Peanuts-Irrtum.

Ich glaube, dass der Kaufentscheidung zum SUV viel mehr die persönliche Sicherheit zu Grunde liegt, als die alleinige Coolness des Fahrzeugs, wie Du sie anführst. Denn der Volksmund spricht:” 2,5t Blech lügen nicht.”
Und dieses Plus an Sicherheit kann schnell zu einem Plus an Gesundheit werden. Insbesondere dann, wenn es zu einem Zusammenstoß mit einem Fiat Panda kommt, in dem 8 Umweltaktivisten saßen.
Das “saßen” ist gut, oder?
Das kann gut sein, dass die SIcherheit die Kaufentscheidung beeinflusst. Allerdings:
Ist diese Sicherheit ein Empfinden, dem keine tatsächliche Sicherheit entspricht? Anders formuliert: Stimmt es, dass schwere SUVs sicherer sind als gewöhnliche Autos oder ist es nur ein Gefühl? Ich weiß das wirklich nicht.
Nehmen wir einfachan, dass die SUVs wirklich sicherer sind als ein Fiat Panda. Das rechtfertigt ihren Einsatz noch nicht automatisch: Es muss vielmehr abgewogen werden, was schwerer wiegt: persönliche Sicherheit oder Schädigung der Umwelt. Und das hängt vermutlich vom Ausmaß des Gewinns an Sicherheit bzw. vom Ausmaß der Umweltschädigung.
Schließlich: Wenn der Sicherheitsgewinn der SUVs aus ihrem Gewicht resultiert, hat das einen unangenehmen Nebeneffekt: SUVs sind sicherer nur solange andere Menschen kleinere Autos fahren. Je mehr Leute auf SUVs umsteigen, um sich zu schützen, umso mehr werden andere sich unsicherer fühlen (da sie immer mehr von schweren PKWs umgeben sein werden) und umso mehr werden sie dazu drängen, ebenfalls ein schweres Auto zu besitzen. Damit entsteht eine Spirale, in der Leute auf immer schwerere, da sicherere, Autos umsteigen.
Die Leidenden werden Umweltaktivisten sein. Absurd, oder?