Sollten wir Bio-Sprit verbieten?

16. April 2008
Matthias Kiesselbach

In etwa seit der Woche, in der Airbus die begeisterte Presse über den ersten erfolgreichen Flug eines A380 mit einer Kerosin-Biosprit-Mischung informierte und Richard Bransom einen seiner Jets ganz ohne konventionelles Kerosin in die Luft steigen liess, tauchen in den Zeitungen vermehrt Beiträge über Hungerrevolten auf. Zuerst in Südostasien und dem südlichen Afrika, dann in Ägypten, zuletzt in Haiti. Seit etwa einer Woche nun gelangt der rapide Anstieg der Nahrungsmittelpreise gar auf die Titelseiten, und noch etwas anderes ist neu: In den Abendnachrichten und Zeitungsberichten setzt sich die Überzeugung durch, dass die steigenden Nahrungsmittelpreise zu einem erheblichen Anteil mit dem Anstieg der Produktion von Biosprit zu erklären sind.

Da sind wir, um es etwas platt auszudrücken, baff. Mit guten Absichten und sogar einer kleinen Portion Opferbereitschaft fördern wir die Biosprit-Industrie und mischen, zumindest in Großbritannien, dem Autobenzin gar zwei Prozent des edlen Biotropfens bei, nur um zu erfahren, dass die biosprit-induzierte CO2-Reduktion mit neuem Hunger, neuer Armut und neuer Instabilität in den ärmsten Regionen der Welt erkauft ist. Eine unvermutete Externalität?

Haben wir nicht bedacht, dass die Verfügbarkeit von landwirtschaftlich produziertem Brennstoff eine ganz neue Konkurrenzsituation schafft — nämlich zwischen Biospritbauern und Nahrungsmittelbauern um Anbauflächen? Haben wir nicht bedacht, dass hohe Brennstoffpreise, saftige Beihilfen, sowie die verbesserte Biosprit-Verträglichkeit unserer Maschinen dafür sorgen würden, dass Nahrungsmittel mehr abwerfen müssen, um sich zu rentieren? Oder nehmen wir einfach billigend in Kauf, dass der neue Markt mit seinem neuen Marktgleichgewicht für die Ärmsten katastrophale Auswirkungen hat?

Ich weiss es nicht. Ich jedenfalls habe bis vor kurzem noch nicht daran gedacht. Aber seit ich mir vorstellen muss, dass Autos Kalorien verbrennen, die der Ernährung entzogen werden, würde ich gerne mehr über die entsprechenden Märkte, die Güter, und über die zunehmende Substuierbarkeit letzterer (zumindest in eine Richtung) wissen. Kann mir jemand dazu was sagen? Wie konkurrenzfähig ist Biosprit, und wie konkurrenzfähig wäre er ohne Subventionen? Wieviel Fläche braucht man für einen Liter Benzinersatz, und wieviele Nahrungskalorien können auf der Fläche produziert werden?

Und dann interessiert mich noch dies: Sind die jüngsten Hungerevolten Anzeichen dafür, dass sich langsam ein Nahrungsmittel-Preisniveau einpendelt, das das Einkommen vieler Menschen übersteigt, wodurch wir extensive Nahrungsmittelhilfeprogramme einrichten müssten? Und, wenn wir einmal annehmen, es wäre so: Wie plausibel ist es, dass dieser Fall (in seiner wahrscheinlichsten Form) insgesamt besser ist als eine Welt ohne Biosprit, aber auch ohne die Notwendigkeit solcher Programme?

Ein Kommentar zu “Sollten wir Bio-Sprit verbieten?”

  1. Eugen Pissarskoi 19. April 2008 (20:09 Uhr)

    Die OECD-Studie “Agricultural Market Impacts of Future Growth in the Production of Biofuels” hat ein paar der Fragen behandelt:

    In Brasilien kostet die Produktion von einem Barrel Ethanol 39 USD, in USA und Europa variieren die Herstellungskosten von Biotreibstoff (ohne Subventionen) zwischen 44 und 145 USD pro Barrel.
    Um in den USA, in Kanada oder in Europa 10 Prozent des Treibstoffes durch Biotreibstoff zu ersetzen, müssten in diesen Ländern jeweils zwischen 30 und 70% der Anbaufläche dafür verwendet werden.
    In Brasilien würden hingegen 3% der Anbaufläche ausreichen, um (dort) 10% des Treibstoffes auf Pflanzenbasis umzustellen.

    Das sind die Zahlen aus der Executive Summary. In der Studie selbst finden sich bestimmt noch weitere Erläuterungen.

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