Was ist am Fernsehen eigentlich so schlimm? — 10 Kritikmöglichkeiten, die besser sind als einfach nur zu meckern: Teil 3
1. April 2008Christian Voigt
Im ersten Teil habe ich zwischen ästhetischer und politischer Kritik unterschieden und gefordert, dass eine generelle Kritik am Fernsehen den Ansprüchen der letzteren gerecht werden müsste. Im zweiten Teil habe ich sechs Möglichkeiten vorgestellt den Präferenz-Utilitarismus intern zu kritisieren. In diesem Teil werde ich abschließend vier Möglichkeiten vorstellen, den Präferenz-Utilitarismus grundlegender anzugreifen. Alle vier Möglichkeiten basieren darauf, das Prinzip der Selbstbestimmung einzuschränken, um zu verhindern, dass die Präferenzen der Zuschauer als unkritisierbar und gegeben vorausgesetzt werden:
- Selbstbestimmungsgebot
- Jeder ist seines eigenen Wohles alleiniger Richter.
Die Schwierigkeit besteht darin, dieses Prinzip einzuschränken ohne damit zugleich paternalistisch festzulegen, was gut und was schlecht für eine Person ist. Stattdessen müssen die Präferenzen weiterhin zählen. Sie müssen bloß irgendwie anders zählen als bisher.
Lassen sich Präferenzen kritisieren?
Um das Problem deutlicher zu fassen: Wir haben zwei Zustände: In z1 schaut ein Zuschauer z.B. nur Casting-Shows ist damit aber voll und ganz zufrieden, weil er gar nichts anderes schauen will. In z2 schaut derselbe Zuschauer nur noch Nachrichtensendungen ist damit aber genauso zufrieden, weil er nichts lieber als Nachrichtensendungen sehen will. Warum sollte nun z2 besser sein als z1, wenn der Grad der Zuschauerzufriedenheit doch in beiden Zuständen gleich ist?
Solange man den Paternalismusvorwurf akzeptiert, kann man nicht einfach die Zuschauerpräferenzen ignorieren und die Sendungen in z1 direkt kritisieren. Stattdessen müssen wir Gründe finden, warum die Präferenzen des Zuschauers in z2 für ihn selbst in irgendeinem Sinn besser sind, als die in z1. Jon Elster unterscheidet drei Möglichkeiten auf eine solche Weise Präferenzen zu kritisieren: rückwärts, aufwärts und vorwärts gewandte Kritik. Dieser Kategorisierung möchte ich hier folgen.
Möglichkeit 7: Konsens statt Konflikt
Kritik: Vorwärts gewandte Kritik lehnt die einfache “Addition” (Aggregation) der Präferenzen unterschiedlicher Personen ab, weil sie im Normalfall dazu führt, dass manche Personen das Ergebnis mehr präferieren als andere. Statt derartige Präferenzkonflikte in einer Gesellschaft als unvermeidbar und das Ergebnis der Aggregation als die politisch beste Option zu akzeptieren, dürfen derartige Präferenzkonflikte immer nur der Ausgangspunkt einer rationalen politischen Konsensfindung bilden, im Laufe derer die Teilnehmenden ihre Präferenzen nach und nach aneinander angleichen müssen.
Dieser Gedanke lässt sich durchaus auf die Diskussion um das Fernsehen übertragen: Die Ausrichtung des Programms anhand der Einschaltquoten führt dazu, dass viele mit dem Fernsehprogramm höchst zufrieden sind, es aber andererseits auch viele gibt, die vor Wut über das Fernsehprogramm den Fernseher am liebsten aus dem Fenster schmeißen würden. Das kann nicht einfach als unvermeidlich akzeptiert werden, sondern dieser Konflikt muss durch eine offene Debatte zwischen allen Parteien beigelegt werden. Das optimale Fernsehprogramm kann erst am Ende eines solchen Diskurses bestimmt werden.
Beurteilung: Diese Art der Kritik bleibt allerdings aufgrund ihrer Metaperspektive inhaltsleer: Sie greift nicht wirklich inhaltlich in die Diskussion um das Fernsehen ein, sondern rechtfertigt nur eine solche Diskussion (und ihre Möglichkeit). Welche Argumente innerhalb einer solchen Diskussion für oder wider bestimmte Präferenzen gebracht werden können, sagt die Theorie uns aber nicht. Dafür müssen wir auf die anderen, von Elster beschriebenen Optionen, zurückgreifen.
Möglichkeit 8: Höherstufige und ruhende Präferenzen vs. einfache und aktive Präferenzen
Kritik: Präferenzen können mithilfe höherstufiger Präferenzen nicht-paternalistisch kritisiert werden. Höherstufige Präferenzen sind Präferenzen für einfache Präferenzen. Ich kann z.B. die höherstufige Präferenz haben, Gemüse lieber als Schokolade zu mögen, auch wenn ich zugleich de facto Schokolade lieber mag. In unserem Fall heißt das: Z2 kann gegenüber z1 als Fortschritt bewertet werden, wenn der Zuschauer sowohl in z1, als auch in z2 eine höherstufige Präferenz hat, in der die Präferenzordnung in z2 gegenüber der in z1 bevorzugt wird.
Man könnte auf diese Weise also z.B. so argumentieren: “Eigentlich möchte doch niemand sehen, wie Castingkandidaten sich durch zynische Jurymitglieder wie Dieter Bohlen erniedrigen lassen, denn eigentlich will doch niemand Freude an der Erniedrigung und am Leiden anderer Menschen haben.” Oder so: “Eigentlich möchte doch niemand nur deswegen bestimmte politische Präferenzen haben, weil diese Präferenzen unterschwellig in Talkshows verbreitet werden.”
Alternativ könnte man hier auch von “ruhenden” einfachen Präferenzen ausgehen: Präferenzen, die für eine Person (mental, psychisch) sehr wichtig sind, die sich aber dennoch nicht auf ihr Verhalten auswirken. Auch solche Präferenzen sind für eine Nutzenrechnung relevant (weil es hier um eine Bewertung und nicht um die Erklärung oder Voraussage von Verhalten geht).
Beurteilung: Aussicht auf Erfolg hat eine solche Kritik nur, wenn sie sich auf höherstufige Präferenzen beruft, die sich aus einem impliziten und zugleich rationalen Grundkonsens in unserer Gesellschaft ableiten lassen. Es muss hier also um Grundwerte unserer Gesellschaft gehen, die in allen sozialen Schichten anerkannt sind. Zwei vielversprechende Grundwerte lagen den beiden angeführten Beispielen zugrunde: Dem ersten Beispiel lag das höherstufige Prinzip zugrunde “Es ist falsch, sich am Leiden anderer Menschen zu erfreuen”, dem zweiten Beispiel das Prinzip “Eine Präferenzordnung, die Ergebnis autonomer Meinungsbildung ist, sollte man gegenüber einer Präferenzordnung, die es nicht ist, bevorzugen.”
Beide Prinzipien können wir wahrscheinlich als Konsens voraussetzen. Für beide Prinzipien gilt aber: Es besteht kein Konsens darüber, was als “Leiden” oder als “autonome Meinungsbildung” akzeptiert werden sollte. Zählt es wirklich schon als “Leiden”, wenn Menschen sich selbst der Lächerlichkeit preisgeben? Darf man sich nicht über sie lustig machen? Noch schwieriger wird es, wenn das zugefügte Leid subtilerer Art ist. Ist es z.B. gerechtfertigt, die Teilnehmerinnen von Schönheitswettberwerben als Opfer zu bezeichnen? Wird hier “Leiden” verursacht?
Für das Autonomieprinzip kann man dieses Problem vielleicht umgehen, denn hier können wir uns rechtfertigen: Wir erkennen als außenstehende Beobachter besser, wo die Autonomie bedroht ist, gerade weil sich Manipulation immer nur von außen erkennen lässt. Die Manipulationskritik lässt sich auf diese Weise auch gegenüber den Manipulationsopfern rechtfertigen, sofern sie ihre eigene Neutralität beweisen kann. Dazu müssen wir allerdings inhaltsneutrale überzeugende Maßstäbe dafür finden, wann Präferenzen nicht auf autonome Weise entstanden sind. Beide anderen Kritikarten (aufwärts und vorwärts) basieren also letzten Endes auf dieser Art der Kritik, der “rückwärtsgewandten” Kritik.
Möglichkeit 9: Keine adaptiven Präferenzen
Kritik: Jon Elster “rückwärtsgewandte” Kritik am Präferenz-Utilitarismus fusst genau auf dem bereits genannten Prinzip: Autonomie ist wichtiger als die einfache Nutzenmaximierung. Wenn x in s1 unter nicht-autonom entstandenen Präferenzen leidet, in s2 dagegen nicht, dann ist s2 besser für x, auch wenn x in s1 das selbst nicht so sieht. Angenommen wir können diese Autonomiepräferenz voraussetzen, dann stellt sich die Frage, auf welche Weise Präferenzen entstanden sein müssen, damit sie dieser Anforderung genügen. Zwei der wichtigsten Bedingungen autonomer Präferenzbildung sind sicherlich, dass die Präferenzen nicht i) adaptiv oder ii) manipuliert sind.
Eine Person leidet genau dann unter adaptiven Präferenzen, wenn sie ihre Präferenzen unbewußt immer so anpasst, dass sie die gegenwärtige Situation vor anderen Situationen präferiert. Fernsehzuschauer mit adaptiven Präferenzen sind Zuschauer, die sich kein besseres Fernsehen wünschen, weil sie kein besseres Fernsehen erwarten. Gäbe es ein anderes Fernsehen, wären sie erneut genauso zufrieden wie bisher. Dass diese Zuschauer nicht abschalten lässt sich nicht als autonome Zustimmung zum jeweiligen Programm werten, sondern nur als Folge ihrer Präferenz-Anpassung.
Beurteilung: Nehmen wir einmal an, die Adaptionsthese sei wahr. Was würde für die Bewertung des Fernsehprogramms folgen? Zunächst wäre es nicht länger möglich, die Einschaltquoten als Bewertungsgrundlage zu verwenden, da sie durch adaptive Präferenzen verzerrt wären. Offen ist damit allerdings immer noch, wie das Fernsehprogramm gestaltet werden sollte. Eine Forderung lässt sich allerdings formulieren: Das Fernsehen sollte die Entstehungsgefahr adaptiver Präferenzen minimieren. Das wäre z.B. durch eine höhere Vielfalt möglich: Den Zuschauern wäre dann durch den Abwechslungsreichtum gar nicht die Möglichkeit gegeben, ihre Präferenzen an das Programm anzupassen.
Eine spezifische Kritik bestimmter Sendeformate ist aber mit der Adaptivitäts-Kritik nicht möglich. Sie erweitert also kaum die Möglichkeiten, die man auch schon innerhalb des nutzentheoretischen Rahmens hatte.
Möglichkeit 10: Keine Manipulation!
Kritik: Damit kommen wir zur zweiten Bedingung: Die Präferenzbildung einer Person ist nur dann autonom, wenn sie nicht das eindeutige Ergebnis fremdgesteuerter Manipulation ist, d.h. wenn die Entstehung dieser Präferenzen a) Ergebnis einer exogenen Präferenzproduktion ist und sich die betroffene Person b) dieses Produktionsmechanismus nicht bewusst war oder sich damit nicht kritisch auseinander gesetzt hat.
Gegen das Fernsehen lassen sich vielfältige Manipulationsvorwürfe erheben. Die meisten dieser Vorwürfe sind prima facie plausibel, aber empirisch schwer nachweisbar. Es lässt sich zwar durchaus belegen, dass manche Fernsehsendungen bestimmte Werte, Einstellungen, Verhaltensweisen vermitteln. Schwerer ist es hingegen die nachhaltige Wirkung auf den Zuschauer zu beurteilen: Verändert er seine Überzeugungen, seine Verhaltensweisen, seinen Charakter durchs Fernsehen?
Wenn man einmal die Manipulierbarkeit des Zuschauers voraussetzt, dann lassen sich vielfältige Formen der Manipulation beschreiben:
- Kaufentscheidungen:
- Die offensichtlichste Präferenzproduktion im Fernsehen geschieht durch Werbung und Schleichwerbung. Kaum einer gesteht sich selbst ein, dass das eigene Kaufverhalten in konkreten Fällen durch Fernsehwerbung beeinflusst wurde. Dennoch würde die milliardenschwere jährliche Investition von Firmen in Fernsehwerbung nur schwer zu erklären sein, hätte sie nicht genau diesen Effekt auf viele Fernsehzuschauer.
- Politische Überzeugungen:
- Subtiler wird es bei der politischen Berichterstattung. Aber auch hier gibt es eindeutige Beispiele, besonders in den USA: Der konservative Nachrichtensender Fox, aber auch der eher demokratenfreundliche Sender MSNBC verwenden eindeutig manipulative Methoden bei der Berichterstattung. Die Manipulation ist hier allerdings bereits derart offensichtlich, dass sie vom Zuschauer kaum ignoriert werden kann. Insofern ist es treffender hier von “Selbstmanipulation” sprechen: Man wählt den Nachrichtensender, der einem die Welt so präsentiert, dass man in seinen eigenen Vorurteilen nur noch weiter bestärkt wird.
- Norm des Normalen
- Noch subtiler wirkt Fernsehen, wenn Lebensideale, Lebenseinstellungen und Weltbilder vermittelt werden. Eine solche Wirkung kann z.B. entstehen, wenn nur das gezeigt wird, was als normal gilt oder was “normale” Menschen für erstrebenswert halten (z.B. heterosexuell, deutschstämmig, physisch und psychisch gesund zu sein und Arbeit, Familie und ein Auto zu haben). Wenn Obdachlose, Arbeitslose, Homosexuelle, Ausländer, Behinderte, psychisch Kranke, Kriminelle, Drogenabhängige im Fernsehen nur als Zerrbild aus der Perspektive der “Normalen” gesehen auftauchen, dann entfaltet das Fernsehen eine manipulative Wirkung, die zur Ausgrenzung und Mißachtung von Minderheiten führen kann.
- Selbstoptimierung:
- Eine andere Form der Manipulation entsteht, wenn das Fernsehen nicht einmal mehr die Normalität der Mehrheit darstellt, sondern nur noch eine idealisierte Traumwelt der Reichen und Schönen imaginiert. Die Normen die dann vermittelt werden sind nicht mehr die des “Normalseins”, sondern die der ständigen Selbstoptimierung: Schön-Sein, Reich-Sein, Beliebt-Sein wie die Klischee-Menschen im Fernsehen. So werden falsche Erwartungen an romantische Liebesbeziehungen, an familiären Zusammenhalt, aber auch an politische Institutionen geweckt, ohne dass die Ursachen des Auseinanderklaffens von Realität und Traumwelt thematisiert werden. Das führt dann zur Frustration: Wer nicht perfekt ist, mit dem ist dann eben einfach irgendetwas nicht in Ordnung.
- Selbstvermarktung:
- Im Affektfernsehen der Nachmittags-Talkshows, in Casting- und Reality-Shows wird längst nicht mehr allein das “Normale” oder die “heile Welt” gezeigt. Vielmehr werden gerade auch die Abnormitäten, das Absonderliche und Kaputte zur Schau gestellt, in einer Art, die an die Gruselkabinette der Jahrmärkte früherer Zeiten erinnert. Es scheint so, als sei das Fernsehen hier zynisch geworden: Es verzichtet darauf, Normen oder Werte zu vermitteln und hat es nur noch auf die Aufmerksamkeitserregung abgesehen. Doch diese Reduktion auf die Währung “Aufmerksamkeit” vermittelt selbst wieder eine Norm: Die vielfältigen Formen der Selbstvermarktung im Fernsehen, der rücksichtslosen Verwendung der eigenen Person als Marke, als Einsatz im Wettbewerb um Anerkennung oder auch nur Aufmerksamkeit im Fernsehen vermitteln selbst ein neues Ideal. Nichts ist hier mehr heilig: Selbst das Privateste wird hier noch offen angeboten, wird hier noch im Bieterwettbewerb um Aufmerksamkeit als Zahlungsmittel eingesetzt. Gerade dadurch, dass hier kein Wert außer dem der Aufmerksamkeit mehr zählt, wird der Zuschauer dazu erzogen sich selbst nur noch anhand des eigenen Marktwertes zu beurteilen.
Beurteilung:Die Manipulationskritik bietet sicherlich umfassendere Möglichkeiten als alle anderen bisher vorgestellten Arten der Kritik. Es kann nicht nur die fehlende Vielfalt, die Ausrichtung an den Einschaltquoten kritisiert werden, sondern es ist darüber hinaus möglich einzelne Sendungen detailliert für ihre spezifischen Formen der Manipulation zu kritisieren. Genauso lassen sich spezifische Richtlinien aufstellen, wie Fernsehen zu sein hat, um möglichst wenig zu manipulieren.
Solange wir den Zuschauern die oben beschriebene Autonomiepräferenz unterstellen können, ist diese Kritik auch gegen den Paternalismusvorwurf geschützt. Diese Autonomiepräferenz kann aber natürlich durchaus infrage gestellt werden. Lassen sich Zuschauer nicht freiwillig manipulieren? Wollen Sie nicht durch parteiische Berichterstattung oder Kitsch manipuliert werden? Muss Fernsehen nicht zu Zwecken der Unterhaltung, Stimulation und Entspannung manipulativ sein? Die Manipulationskritik muss also a) sehr starke Kausalthesen vertreten, b) eine sehr starke Manipulationsaversion unterstellen. Beides wird nur in Sonderfällen unwidersprochen bleiben.
Fazit
Es ist schwieriger, das Fernsehen zu kritisieren, als einen das eigene Bauchgefühl häufig glauben lässt. Denn als politische Kritik muss eine generelle Fernsehkritik auch die Bauchgefühle der anderen Zuschauer respektieren. Dennoch ist eine solche Kritik nicht so aussichtslos, wie es die Produzenten der kritisierten Sendungen gerne hätten. Auch wenn man das Gleichberechtigungsgebot beachtet und den Paternalismusvorwurf vermeidet, bleiben genügend Möglichkeiten der Kritik. Keine der hier vorgestellten 10 Möglichkeiten ist ohne Schwachstellen. Teilweise sind empirisch ungesicherte Kausalthesen nötig, teilweise unplausible psychologische oder soziologische Annahmen. Und manch eine Kritik ist weniger schlagkräftig als es zunächst schien: Teilweise folgt aus der Kritik nur eine vage Forderung nach mehr Vielfalt oder Experimentierfreudigkeit.
Wie eine rationale Diskussion um das Fernsehen ausgehen würde, ist deswegen vollkommen offen. Es ist überhaupt nicht gesagt, dass am Ende überhaupt noch etwas von der Kritik übrigbleiben würde. Und damit nicht genug: Selbst wenn etwas von der Kritik übrigbliebe, wäre noch gar nicht klar, welche politischen Maßnahmen ergriffen werden sollten, um Abhilfe zu schaffen. Mehr Vielfalt kann z.B. auf ganz unterschiedliche Arten institutionell gesichert werden, die alle wieder neue politische Fragen aufwerfen würden. Wer es aber wirklich ernst mit der Kritik am Fernsehen meint und nicht einfach nur dem eigenen Ärger Luft verschaffen will, der muss sich auf eine solche Diskussion einlassen, statt einfach nur über Dieter Bohlen & Co zu stöhnen.

Ich empfinde die Liste der Möglichkeiten einer Kritik des Fernsehprogramms, die du in deiner kleinen Artikel-Batterie ausbreitest, als prinzipiell ziemlich vollständig. Vielleicht hat sich deshalb bisher noch niemand dazu geäußert, vielleicht haben aber auch viele das Lesepensum gescheut :-).
Nachdem ich die Vollständigkeit nun aber bereits mit einem einschränkenden „prinzipiell“ beschrieben habe, kann es nicht ausbleiben, dass ich doch noch etwas ergänze.
Und zwar will ich versuchen, die „rückwärts und aufwärts gewandte“ Kritik am Präferenzutilitarismus, also den Verweis auf höherstufige und ruhende Präferenzen sowie auf die Frage der Autonomie der Entscheidenden, zu erweitern und damit die Möglichkeit zur Kritik am Fernsehprogramm zu stärken.
Dazu folgende zwei Initialfragen, die, wie sich zeigen wird, zusammenhängen:
1. Ist Paternalismus wirklich so grundlegend abzulehnen, wie das in diesem Artikel vorausgesetzt wird?
2. Kann die Kritik am Präferenzutilitarismus mittels höherstufiger Präferenzen noch ausgebaut werden?
Ad 2.: Du arbeitest in diesem Artikel, in dem es ja um eine grundlegende Frage nach dem Guten geht, überraschenderweise nur mit einer ethischen Theorie, dem Präferenzutilitarismus. Es gibt aber auch heutzutage noch viel diskutierte ethische Grundpositionen, die deutlich weniger individualistisch ausgerichtet sind. Ich denke vor allem an verschiedene Formen des Neoaristotelismus, die als Gemeinsamkeit eine Konzeption des ‚Guten Lebens’ aufweisen, die nicht nur von den direkten Präferenzen des Einzelnen abhängt. Wie diese bis hin zu handfesten ethischen Implikationen auszubuchstabieren ist, ist eine schwierige Frage, doch weist uns dieser Grundgedanke den Weg zu einer kraftvolleren Kritik am bestehenden Fernsehprogramm.
Die Idee des ‚Guten Lebens’ verweist, wenn man es in die Sprache von Präferenzen übersetzen will, auf grundlegende längerfristige Präferenzen, die die Menschen in irgendeiner Art haben:
i. Sie haben sie „im Stillen“… wenn sie darauf angesprochen würde, gäben sie es zu (so etwas wie ruhende Präferenzen, wenn ich diesen Begriff richtig verstanden habe).
ii. Sie hätten sie, wenn sie mehr Lebenserfahrung und ausreichend darüber reflektiert hätten.
iii. Sie sollten sie haben.
Alle drei Stufen sind stark interpretations- und diskussionsbedürftig, aber ich will es hier bei einer Skizze belassen (das macht’s mir deutlich einfacher, hehe… hat aber, denke ich dennoch eine Aussagekraft). Und spätestens die dritte Stufe stellt - im Gegenteil zu dem Verweisen auf höherstufige oder ruhende Präferenzen - keine Erweiterung des Präferenzutilitarismus, sondern einen Bruch mit demselben dar. Aber das ist ja durchaus eine Möglichkeit, die ich eröffnen will.
Damit deutet sich hier nun eine erweiterte Möglichkeit zur Kritik der Präferenzen des Fernsehpublikums an, gewissermaßen eine Möglichkeit zur Rechfertigung einer bestimmten Art von Paternalismus. Diese Möglichkeit ist aber noch ebenso vage und abstrakt wie weiter rechtfertigungsbedürftig. Ich will deshalb konkreter werden und genauer auf die 1. Initialfrage eingehen.
Sicherlich ist Paternalismus stets eine äußerst problematische Sache. Aber vielleicht nicht, weil es immer grundlegend falsch ist, zu bevormunden, sondern weil es das sehr oft ist, und eine Grenze zu ziehen schwer fällt. Das würde aber bedeuten, dass ein Nachdenken über die Richtigkeit von Paternalismus in bestimmten Situationen, wenn auch vielleicht nicht gut, so doch sinnvoll ist (vgl. etwa auch das Nachdenken über die Möglichkeit von Folter). Und wir dürfen nicht vergessen, dass es legitimierte Bevormundung in unserer Gesellschaft durchaus gibt, etwa bei den unter 18 jährigen.
Und entsprechend halte ich auch bei dem Grundsatz der Selbstbestimmung eine differenzierte Betrachtungsweise für möglich und sinnvoll. Selbstbestimmung hat gewisse Voraussetzungen, sie erfordert eine Art von Aufgeklärtheit, eine Art von Selbstständigkeit in der Meinungsbildung, eine Art von Selbstbewusstsein. (Grob darum geht es im Artikel in den Kritik-Möglichkeiten 9 und 10.) Nur wenn diese Voraussetzungen weit möglichst garantiert sind, kann echte Selbstbestimmung und mit ihr wirkliche Gleichberechtigung erreicht werden.
Aus diesem Gedanken ergibt sich a) die Frage, ob es wirkliche Selbstbestimmung ist, die der Wahl des Fernsehprogramms zugrunde liegt. Diese Frage wurde im Artikel bereits erörtert. Des Weiteren ergibt sich die Frage, ob nicht auch das Fernsehen die Aufgabe hat zur Förderung dieser Voraussetzungen beizutragen, ob also das Fernsehen einen Erziehungsauftrag hat.
Und hier führen die einzelnen Teilpunkte meines Kommentars zusammen: Ausgehend von einem weniger individualistischen ethischen Grundsatzprogramm kann man eventuell - etwa ausgehend von einer Konzeption des Guten Lebens - Aufgeklärtheit und Bildung als grundlegende Lebensziele benennen, nicht zuletzt weil sie gerade zur Stärkung anderer Ziele wie Gleichberechtigung und Selbstbestimmtheit beitragen. Das nun beinhaltet qua ethischer Grundidee bereits eine gewisse Bevormundung und mündet in weitere Bevormundung, wenn wir diese Grundidee auf die Frage der Gestaltung des Fernsehprogramms anwenden und diesem einen gewissen Erziehungsauftrag zur Förderung dieser Ziele zuschreiben.
Insofern hätten wir es hier mit der Möglichkeit eines gerechtfertigen Paternalismus gerade auf der Basis des Grundsatzes richtig verstandener Selbstbestimmung und damit mit einer verstärkten Möglichkeit von politischer Kritik am Fernsehprogramm zu tun.