Archiv des Monats April 2008

Nachhaltigkeit und Luxus-Geländewagen

von Eugen Pissarskoi
Mittwoch, 23. April 2008

Viele Umweltaktivisten verdonnern seit Jahren die Verbreitung von Luxus-Geländewagen, den so genannten SUVs. Der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone plant inzwischen, für SUVs eine höhere City-Maut einzuführen als für andere PKWs. Ich bezweifele jedoch, dass der Einsatz von SUVs mit ökologischen Argumenten kritisiert werden sollte. Vielmehr sind es bestimmte Überzeugungen bezüglich der Gleichheit, die dagegen sprechen.

Betrachten wir ein aus meiner Sicht verbreitetes Argument gegen den Gebrauch von schweren Geländewagen. Es basiert auf der Überlegung, dass das Autofahren generell nicht nachhaltig ist. Diese Überlegung zieht ihre normative Kraft aus der folgenden Prämisse:

    1. Es ist für ein Individuum falsch, eine Handlung p zu tun, für die gilt: Wenn alle Individuen, die p tun wollen, p ausführen, wird etwas Schlimmes geschehen.

Diese Prämisse ist ein Versuch,eine weit verbreitete moralische Intuition einzufangen, die wir in der Alltagssprache mit der Aufforderung ”Stell Dir mal vor, das würde jeder tun!” zum Ausdruck bringen, die aber auch bereits Kant als zentral ansah.

Nehmen wir an, p sei die folgende Handlung: ein Auto zum Zweck einsetzen, den Alltag zu erleichtern. (Mit dieser umständlichen Formulierung meine ich den Autogebrauch für den Einkauf, Fahrten zur Arbeit etc.; im Gegensatz zum Beispiel zu Autofahrten, um eine kranke Freundin zum Arzt zu fahren.) Dann können wir die nächste Prämisse hinzufügen:

    2. Wenn alle Menschen, die es wollen, ein Auto für den Zweck der Erleichterung des Alltags einzusetzen, es tatsächlich tun, entstehen immense Schäden (z.B. durch die Veränderung des Klimasystems).

Unter Annahme, dass ”immense Schäden” etwas Schlimmes darstellt, folgt aus (1) und (2):

    3. Es ist für ein Individuum falsch, ein Auto für den Zweck der Erleichterung des Alltags einzusetzen.

Gegen die SUVs wird nun eingewandt, dass sie eine besonders schlimme Autokategorie darstellen: Bedingt durch ihre Bauart tragen sie mehr zu der Umweltverschmutzung bei als gewöhnliche Autos, ohne dass diese Bauart sie besser dazu eignen würde, den Alltag zu erleichtern. Sie werden gekauft, weil sie cool sind. Und eine Handlung, die zu einer Umweltkatastrophe beiträgt und lediglich aus Gründen der Coolness getan wird, ist eindeutig moralisch falsch.

Entgegnung der SUV-Fans

Hierauf können jedoch Liebhaber der schweren Geländewagen entgegnen, dass gerade die Eigenschaften, die aus der Sicht des obigen Argumentes die Autos besonders verabscheuungswürdig machen, ihre Existenz in Wirklichkeit moralisch rechtfertigen. Das schlimme am Autofahren ist ja nicht so sehr eine Fahrt, sondern die kollektive Handlung: Erst wenn eine ausreichend große Anzahl von Menschen ein Auto fährt, entstehen die unerwünschten Konsequenzen. Nun kann jedoch eine SUV-Liebhaberin darauf verweisen, dass die meisten Objekte ihrer Begierde Luxusgüter sind. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie knapp sind. Ihre Knappheit kann natürliche Ursachen haben (wie beim Gold oder Diamanten) oder ihrer Vermarktung zu verdanken sein (Porsche erreicht seine Exklusivität durch den hohen Preis). Knappe Güter – vorausgesetzt sie sind knapp genug – können jedoch die befürchteten Konsequenzen nicht herbeiführen: Die paar Tausend Porsche-Cayenne Liebhaber, die sich das Fahrzeug tatsächlich leisten können, stellen weder eine Bedrohung für die Ölreserven dar noch werden sie den CO2-Haushalt bemerkbar beeinflussen und schon gar nicht eine Naturkatastrophe auslösen.

Bezüglich des obigen Argumentes verweisen die SUV-Anhänger also darauf, dass in der zweiten Prämisse der Vordersatz nie erfüllt ist, sobald es um die Luxus-SUVs geht: Durch die künstlich geschaffene Knappheit wird niemals der Zustand eintreten, dass alle, die einen Porsche Cayenne fahren wollen, auch tatsächlich einen fahren. Das Argument gegen das Autofahren generell bleibt damit gültig, es tangiert aber die Luxus-SUV-Besitzer nicht.

Damit hat uns das obige Argument in eine schwer zu schluckende Situation manövriert: Der Einsatz von Autos, die allen Menschen zugänglich sind, ist schlecht, da aus ihrem Einsatz eine ökologische Katastrophe droht. Der Einsatz von exklusiven Autos, die nur einer Minderheit zugänglich sind, führt hingegen nicht zu schlimmen Folgen, ist daher aus ökologischer Sicht nicht zu beanstanden.

Mögliche Kritik des Luxus-SUV-Einsatzes

Ich akzeptiere die Entgegnung der Luxus-Geländewagen-Anhänger. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass das Benutzen von SUVs kritisiert werden kann. Allerdings mit Gründen, die stärker auf unseren Gleichheitsüberzeugungen basieren:

Eine naheliegende Möglichkeit dafür zu argumentieren, dass die SUV-Besitzer etwas Falsches tun, liegt darin, an die folgende Intuition zu apellieren: Keinem Menschen sollte es erlaubt sein, ohne besondere Gründe die Umwelt stärker zu belasten als anderen (Mit anderen Worten: Gleichverteilung der Rechte auf Umweltverschmutzung). Ob diese Überzeugung es erlaubt, den SUV-EInsatz zu kritisieren, ist aber nicht a priori klar: Die moralische Beurteilung hängt von der Menge der jedem Menschen zugestandenen Verschmutzungsrechte ab.

Andere moralische Prinzipien, die ich hier nur vage andeute, sind vermutlich viel stärker umstritten:

• Es ist ungerecht, dass die Realisierung eines Bedürfnises, dass sehr viele Menschen teilen, nämlich Autofahren, von monetären Verhältnissen abhängig gemacht wird.

• Luxusgüter sind generell schlecht (da sie von der Art sind, dass sie prinzipiell nicht allen zukommen können).

Diese Andeutungen von Gründen haben einen Punkt gemeinsam: Sie alle werden nur von Menschen akzptiert, die bestimmte Gleichheitsüberzeugungen teilen. Die moralische Abneigung gegen die Luxus-SUVs resultiert daher nicht nur aus der Sorge um die ökologische Nachhaltigkeit sondern zusätzlich aus der Überzeugung, dass in einer lebenswerten Gesellschaft bestimmte Gleichheitsstandards eingehalten werden müssen.

P.S. Unterschied zum Peanuts-Fehlschluss

Man könnte meinen, dass der Fehler in der Argumentation der SUV-Fans im von Christian so genannten ”Peanuts-Fehlschluss” liegt.

Ein Peanuts-Argument basiert auf der folgenden Überlegung: ”Handlung x trägt nur ganz wenig zu der schlimmen Konsequenz p bei und löst p nicht aus. Also ist es nicht schlimm, wenn x ausgeführt wird”. Der Fehlschluss in dieser Überlegung besteht darin, dass der Sprecher die Quelle der Schlechtigkeit falsch einschätzt: Der Sprecher unterstellt, dass die Schlechtigkeit der Handlung in ihrer Größe bzw. in der Tatsache liegt, dass sie die schlechte Konsequenz auslöst. Daher versucht er zu zeigen, dass beide ”Schlecht-Macher-Eigenschaften” nicht erfüllt sind. Tatsächlich liegt aber die Quelle der Schlechtigkeit in anderen Eigenschaften.

Bei der Luxusgüter-Argumentation sieht die Sache dagegen anders aus:

Die Luxusgüter-Anhängerin sagt nicht: ”Mein Beitrag ist klein”. Und auch nicht: ”Mein Beitrag löst keine schlimmen Konsequenzen aus.” Sondern: Der Beitrag unserer ganzen Gruppe der Luxus-SUV-Fahrer löst nichts Schlimmes aus. Weil der Beitrag der ganzen Gruppe zu keinen schlimmen Konsequenzen führt, ist auch die kollektive Handlung nicht schlecht. Daher begeht sie nicht den Peanuts-Irrtum.

Sollten wir Bio-Sprit verbieten?

von Matthias Kiesselbach
Mittwoch, 16. April 2008

In etwa seit der Woche, in der Airbus die begeisterte Presse über den ersten erfolgreichen Flug eines A380 mit einer Kerosin-Biosprit-Mischung informierte und Richard Bransom einen seiner Jets ganz ohne konventionelles Kerosin in die Luft steigen liess, tauchen in den Zeitungen vermehrt Beiträge über Hungerrevolten auf. Zuerst in Südostasien und dem südlichen Afrika, dann in Ägypten, zuletzt in Haiti. Seit etwa einer Woche nun gelangt der rapide Anstieg der Nahrungsmittelpreise gar auf die Titelseiten, und noch etwas anderes ist neu: In den Abendnachrichten und Zeitungsberichten setzt sich die Überzeugung durch, dass die steigenden Nahrungsmittelpreise zu einem erheblichen Anteil mit dem Anstieg der Produktion von Biosprit zu erklären sind.

Da sind wir, um es etwas platt auszudrücken, baff. Mit guten Absichten und sogar einer kleinen Portion Opferbereitschaft fördern wir die Biosprit-Industrie und mischen, zumindest in Großbritannien, dem Autobenzin gar zwei Prozent des edlen Biotropfens bei, nur um zu erfahren, dass die biosprit-induzierte CO2-Reduktion mit neuem Hunger, neuer Armut und neuer Instabilität in den ärmsten Regionen der Welt erkauft ist. Eine unvermutete Externalität?

Haben wir nicht bedacht, dass die Verfügbarkeit von landwirtschaftlich produziertem Brennstoff eine ganz neue Konkurrenzsituation schafft — nämlich zwischen Biospritbauern und Nahrungsmittelbauern um Anbauflächen? Haben wir nicht bedacht, dass hohe Brennstoffpreise, saftige Beihilfen, sowie die verbesserte Biosprit-Verträglichkeit unserer Maschinen dafür sorgen würden, dass Nahrungsmittel mehr abwerfen müssen, um sich zu rentieren? Oder nehmen wir einfach billigend in Kauf, dass der neue Markt mit seinem neuen Marktgleichgewicht für die Ärmsten katastrophale Auswirkungen hat?

Ich weiss es nicht. Ich jedenfalls habe bis vor kurzem noch nicht daran gedacht. Aber seit ich mir vorstellen muss, dass Autos Kalorien verbrennen, die der Ernährung entzogen werden, würde ich gerne mehr über die entsprechenden Märkte, die Güter, und über die zunehmende Substuierbarkeit letzterer (zumindest in eine Richtung) wissen. Kann mir jemand dazu was sagen? Wie konkurrenzfähig ist Biosprit, und wie konkurrenzfähig wäre er ohne Subventionen? Wieviel Fläche braucht man für einen Liter Benzinersatz, und wieviele Nahrungskalorien können auf der Fläche produziert werden?

Und dann interessiert mich noch dies: Sind die jüngsten Hungerevolten Anzeichen dafür, dass sich langsam ein Nahrungsmittel-Preisniveau einpendelt, das das Einkommen vieler Menschen übersteigt, wodurch wir extensive Nahrungsmittelhilfeprogramme einrichten müssten? Und, wenn wir einmal annehmen, es wäre so: Wie plausibel ist es, dass dieser Fall (in seiner wahrscheinlichsten Form) insgesamt besser ist als eine Welt ohne Biosprit, aber auch ohne die Notwendigkeit solcher Programme?

Was ist am Fernsehen eigentlich so schlimm? — 10 Kritikmöglichkeiten, die besser sind als einfach nur zu meckern: Teil 3

von Christian Voigt
Dienstag, 1. April 2008

Im ersten Teil habe ich zwischen ästhetischer und politischer Kritik unterschieden und gefordert, dass eine generelle Kritik am Fernsehen den Ansprüchen der letzteren gerecht werden müsste. Im zweiten Teil habe ich sechs Möglichkeiten vorgestellt den Präferenz-Utilitarismus intern zu kritisieren. In diesem Teil werde ich abschließend vier Möglichkeiten vorstellen, den Präferenz-Utilitarismus grundlegender anzugreifen. Alle vier Möglichkeiten basieren darauf, das Prinzip der Selbstbestimmung einzuschränken, um zu verhindern, dass die Präferenzen der Zuschauer als unkritisierbar und gegeben vorausgesetzt werden:

Selbstbestimmungsgebot
Jeder ist seines eigenen Wohles alleiniger Richter.

Die Schwierigkeit besteht darin, dieses Prinzip einzuschränken ohne damit zugleich paternalistisch festzulegen, was gut und was schlecht für eine Person ist. Stattdessen müssen die Präferenzen weiterhin zählen. Sie müssen bloß irgendwie anders zählen als bisher.

Lassen sich Präferenzen kritisieren?

Um das Problem deutlicher zu fassen: Wir haben zwei Zustände: In z1 schaut ein Zuschauer z.B. nur Casting-Shows ist damit aber voll und ganz zufrieden, weil er gar nichts anderes schauen will. In z2 schaut derselbe Zuschauer nur noch Nachrichtensendungen ist damit aber genauso zufrieden, weil er nichts lieber als Nachrichtensendungen sehen will. Warum sollte nun z2 besser sein als z1, wenn der Grad der Zuschauerzufriedenheit doch in beiden Zuständen gleich ist?

Solange man den Paternalismusvorwurf akzeptiert, kann man nicht einfach die Zuschauerpräferenzen ignorieren und die Sendungen in z1 direkt kritisieren. Stattdessen müssen wir Gründe finden, warum die Präferenzen des Zuschauers in z2 für ihn selbst in irgendeinem Sinn besser sind, als die in z1. Jon Elster unterscheidet drei Möglichkeiten auf eine solche Weise Präferenzen zu kritisieren: rückwärts, aufwärts und vorwärts gewandte Kritik. Dieser Kategorisierung möchte ich hier folgen.

Möglichkeit 7: Konsens statt Konflikt

Kritik: Vorwärts gewandte Kritik lehnt die einfache “Addition” (Aggregation) der Präferenzen unterschiedlicher Personen ab, weil sie im Normalfall dazu führt, dass manche Personen das Ergebnis mehr präferieren als andere. Statt derartige Präferenzkonflikte in einer Gesellschaft als unvermeidbar und das Ergebnis der Aggregation als die politisch beste Option zu akzeptieren, dürfen derartige Präferenzkonflikte immer nur der Ausgangspunkt einer rationalen politischen Konsensfindung bilden, im Laufe derer die Teilnehmenden ihre Präferenzen nach und nach aneinander angleichen müssen.

Dieser Gedanke lässt sich durchaus auf die Diskussion um das Fernsehen übertragen: Die Ausrichtung des Programms anhand der Einschaltquoten führt dazu, dass viele mit dem Fernsehprogramm höchst zufrieden sind, es aber andererseits auch viele gibt, die vor Wut über das Fernsehprogramm den Fernseher am liebsten aus dem Fenster schmeißen würden. Das kann nicht einfach als unvermeidlich akzeptiert werden, sondern dieser Konflikt muss durch eine offene Debatte zwischen allen Parteien beigelegt werden. Das optimale Fernsehprogramm kann erst am Ende eines solchen Diskurses bestimmt werden.

Beurteilung: Diese Art der Kritik bleibt allerdings aufgrund ihrer Metaperspektive inhaltsleer: Sie greift nicht wirklich inhaltlich in die Diskussion um das Fernsehen ein, sondern rechtfertigt nur eine solche Diskussion (und ihre Möglichkeit). Welche Argumente innerhalb einer solchen Diskussion für oder wider bestimmte Präferenzen gebracht werden können, sagt die Theorie uns aber nicht. Dafür müssen wir auf die anderen, von Elster beschriebenen Optionen, zurückgreifen.

Möglichkeit 8: Höherstufige und ruhende Präferenzen vs. einfache und aktive Präferenzen

Kritik: Präferenzen können mithilfe höherstufiger Präferenzen nicht-paternalistisch kritisiert werden. Höherstufige Präferenzen sind Präferenzen für einfache Präferenzen. Ich kann z.B. die höherstufige Präferenz haben, Gemüse lieber als Schokolade zu mögen, auch wenn ich zugleich de facto Schokolade lieber mag. In unserem Fall heißt das: Z2 kann gegenüber z1 als Fortschritt bewertet werden, wenn der Zuschauer sowohl in z1, als auch in z2 eine höherstufige Präferenz hat, in der die Präferenzordnung in z2 gegenüber der in z1 bevorzugt wird.

Man könnte auf diese Weise also z.B. so argumentieren: “Eigentlich möchte doch niemand sehen, wie Castingkandidaten sich durch zynische Jurymitglieder wie Dieter Bohlen erniedrigen lassen, denn eigentlich will doch niemand Freude an der Erniedrigung und am Leiden anderer Menschen haben.” Oder so: “Eigentlich möchte doch niemand nur deswegen bestimmte politische Präferenzen haben, weil diese Präferenzen unterschwellig in Talkshows verbreitet werden.”

Alternativ könnte man hier auch von “ruhenden” einfachen Präferenzen ausgehen: Präferenzen, die für eine Person (mental, psychisch) sehr wichtig sind, die sich aber dennoch nicht auf ihr Verhalten auswirken. Auch solche Präferenzen sind für eine Nutzenrechnung relevant (weil es hier um eine Bewertung und nicht um die Erklärung oder Voraussage von Verhalten geht).

Beurteilung: Aussicht auf Erfolg hat eine solche Kritik nur, wenn sie sich auf höherstufige Präferenzen beruft, die sich aus einem impliziten und zugleich rationalen Grundkonsens in unserer Gesellschaft ableiten lassen. Es muss hier also um Grundwerte unserer Gesellschaft gehen, die in allen sozialen Schichten anerkannt sind. Zwei vielversprechende Grundwerte lagen den beiden angeführten Beispielen zugrunde: Dem ersten Beispiel lag das höherstufige Prinzip zugrunde “Es ist falsch, sich am Leiden anderer Menschen zu erfreuen”, dem zweiten Beispiel das Prinzip “Eine Präferenzordnung, die Ergebnis autonomer Meinungsbildung ist, sollte man gegenüber einer Präferenzordnung, die es nicht ist, bevorzugen.”

Beide Prinzipien können wir wahrscheinlich als Konsens voraussetzen. Für beide Prinzipien gilt aber: Es besteht kein Konsens darüber, was als “Leiden” oder als “autonome Meinungsbildung” akzeptiert werden sollte. Zählt es wirklich schon als “Leiden”, wenn Menschen sich selbst der Lächerlichkeit preisgeben? Darf man sich nicht über sie lustig machen? Noch schwieriger wird es, wenn das zugefügte Leid subtilerer Art ist. Ist es z.B. gerechtfertigt, die Teilnehmerinnen von Schönheitswettberwerben als Opfer zu bezeichnen? Wird hier “Leiden” verursacht?

Für das Autonomieprinzip kann man dieses Problem vielleicht umgehen, denn hier können wir uns rechtfertigen: Wir erkennen als außenstehende Beobachter besser, wo die Autonomie bedroht ist, gerade weil sich Manipulation immer nur von außen erkennen lässt. Die Manipulationskritik lässt sich auf diese Weise auch gegenüber den Manipulationsopfern rechtfertigen, sofern sie ihre eigene Neutralität beweisen kann. Dazu müssen wir allerdings inhaltsneutrale überzeugende Maßstäbe dafür finden, wann Präferenzen nicht auf autonome Weise entstanden sind. Beide anderen Kritikarten (aufwärts und vorwärts) basieren also letzten Endes auf dieser Art der Kritik, der “rückwärtsgewandten” Kritik.

Möglichkeit 9: Keine adaptiven Präferenzen

Kritik: Jon Elster “rückwärtsgewandte” Kritik am Präferenz-Utilitarismus fusst genau auf dem bereits genannten Prinzip: Autonomie ist wichtiger als die einfache Nutzenmaximierung. Wenn x in s1 unter nicht-autonom entstandenen Präferenzen leidet, in s2 dagegen nicht, dann ist s2 besser für x, auch wenn x in s1 das selbst nicht so sieht. Angenommen wir können diese Autonomiepräferenz voraussetzen, dann stellt sich die Frage, auf welche Weise Präferenzen entstanden sein müssen, damit sie dieser Anforderung genügen. Zwei der wichtigsten Bedingungen autonomer Präferenzbildung sind sicherlich, dass die Präferenzen nicht i) adaptiv oder ii) manipuliert sind.

Eine Person leidet genau dann unter adaptiven Präferenzen, wenn sie ihre Präferenzen unbewußt immer so anpasst, dass sie die gegenwärtige Situation vor anderen Situationen präferiert. Fernsehzuschauer mit adaptiven Präferenzen sind Zuschauer, die sich kein besseres Fernsehen wünschen, weil sie kein besseres Fernsehen erwarten. Gäbe es ein anderes Fernsehen, wären sie erneut genauso zufrieden wie bisher. Dass diese Zuschauer nicht abschalten lässt sich nicht als autonome Zustimmung zum jeweiligen Programm werten, sondern nur als Folge ihrer Präferenz-Anpassung.

Beurteilung: Nehmen wir einmal an, die Adaptionsthese sei wahr. Was würde für die Bewertung des Fernsehprogramms folgen? Zunächst wäre es nicht länger möglich, die Einschaltquoten als Bewertungsgrundlage zu verwenden, da sie durch adaptive Präferenzen verzerrt wären. Offen ist damit allerdings immer noch, wie das Fernsehprogramm gestaltet werden sollte. Eine Forderung lässt sich allerdings formulieren: Das Fernsehen sollte die Entstehungsgefahr adaptiver Präferenzen minimieren. Das wäre z.B. durch eine höhere Vielfalt möglich: Den Zuschauern wäre dann durch den Abwechslungsreichtum gar nicht die Möglichkeit gegeben, ihre Präferenzen an das Programm anzupassen.

Eine spezifische Kritik bestimmter Sendeformate ist aber mit der Adaptivitäts-Kritik nicht möglich. Sie erweitert also kaum die Möglichkeiten, die man auch schon innerhalb des nutzentheoretischen Rahmens hatte.

Möglichkeit 10: Keine Manipulation!

Kritik: Damit kommen wir zur zweiten Bedingung: Die Präferenzbildung einer Person ist nur dann autonom, wenn sie nicht das eindeutige Ergebnis fremdgesteuerter Manipulation ist, d.h. wenn die Entstehung dieser Präferenzen a) Ergebnis einer exogenen Präferenzproduktion ist und sich die betroffene Person b) dieses Produktionsmechanismus nicht bewusst war oder sich damit nicht kritisch auseinander gesetzt hat.

Gegen das Fernsehen lassen sich vielfältige Manipulationsvorwürfe erheben. Die meisten dieser Vorwürfe sind prima facie plausibel, aber empirisch schwer nachweisbar. Es lässt sich zwar durchaus belegen, dass manche Fernsehsendungen bestimmte Werte, Einstellungen, Verhaltensweisen vermitteln. Schwerer ist es hingegen die nachhaltige Wirkung auf den Zuschauer zu beurteilen: Verändert er seine Überzeugungen, seine Verhaltensweisen, seinen Charakter durchs Fernsehen?

Wenn man einmal die Manipulierbarkeit des Zuschauers voraussetzt, dann lassen sich vielfältige Formen der Manipulation beschreiben:

Kaufentscheidungen:
Die offensichtlichste Präferenzproduktion im Fernsehen geschieht durch Werbung und Schleichwerbung. Kaum einer gesteht sich selbst ein, dass das eigene Kaufverhalten in konkreten Fällen durch Fernsehwerbung beeinflusst wurde. Dennoch würde die milliardenschwere jährliche Investition von Firmen in Fernsehwerbung nur schwer zu erklären sein, hätte sie nicht genau diesen Effekt auf viele Fernsehzuschauer.
Politische Überzeugungen:
Subtiler wird es bei der politischen Berichterstattung. Aber auch hier gibt es eindeutige Beispiele, besonders in den USA: Der konservative Nachrichtensender Fox, aber auch der eher demokratenfreundliche Sender MSNBC verwenden eindeutig manipulative Methoden bei der Berichterstattung. Die Manipulation ist hier allerdings bereits derart offensichtlich, dass sie vom Zuschauer kaum ignoriert werden kann. Insofern ist es treffender hier von “Selbstmanipulation” sprechen: Man wählt den Nachrichtensender, der einem die Welt so präsentiert, dass man in seinen eigenen Vorurteilen nur noch weiter bestärkt wird.
Norm des Normalen
Noch subtiler wirkt Fernsehen, wenn Lebensideale, Lebenseinstellungen und Weltbilder vermittelt werden. Eine solche Wirkung kann z.B. entstehen, wenn nur das gezeigt wird, was als normal gilt oder was “normale” Menschen für erstrebenswert halten (z.B. heterosexuell, deutschstämmig, physisch und psychisch gesund zu sein und Arbeit, Familie und ein Auto zu haben). Wenn Obdachlose, Arbeitslose, Homosexuelle, Ausländer, Behinderte, psychisch Kranke, Kriminelle, Drogenabhängige im Fernsehen nur als Zerrbild aus der Perspektive der “Normalen” gesehen auftauchen, dann entfaltet das Fernsehen eine manipulative Wirkung, die zur Ausgrenzung und Mißachtung von Minderheiten führen kann.
Selbstoptimierung:
Eine andere Form der Manipulation entsteht, wenn das Fernsehen nicht einmal mehr die Normalität der Mehrheit darstellt, sondern nur noch eine idealisierte Traumwelt der Reichen und Schönen imaginiert. Die Normen die dann vermittelt werden sind nicht mehr die des “Normalseins”, sondern die der ständigen Selbstoptimierung: Schön-Sein, Reich-Sein, Beliebt-Sein wie die Klischee-Menschen im Fernsehen. So werden falsche Erwartungen an romantische Liebesbeziehungen, an familiären Zusammenhalt, aber auch an politische Institutionen geweckt, ohne dass die Ursachen des Auseinanderklaffens von Realität und Traumwelt thematisiert werden. Das führt dann zur Frustration: Wer nicht perfekt ist, mit dem ist dann eben einfach irgendetwas nicht in Ordnung.
Selbstvermarktung:
Im Affektfernsehen der Nachmittags-Talkshows, in Casting- und Reality-Shows wird längst nicht mehr allein das “Normale” oder die “heile Welt” gezeigt. Vielmehr werden gerade auch die Abnormitäten, das Absonderliche und Kaputte zur Schau gestellt, in einer Art, die an die Gruselkabinette der Jahrmärkte früherer Zeiten erinnert. Es scheint so, als sei das Fernsehen hier zynisch geworden: Es verzichtet darauf, Normen oder Werte zu vermitteln und hat es nur noch auf die Aufmerksamkeitserregung abgesehen. Doch diese Reduktion auf die Währung “Aufmerksamkeit” vermittelt selbst wieder eine Norm: Die vielfältigen Formen der Selbstvermarktung im Fernsehen, der rücksichtslosen Verwendung der eigenen Person als Marke, als Einsatz im Wettbewerb um Anerkennung oder auch nur Aufmerksamkeit im Fernsehen vermitteln selbst ein neues Ideal. Nichts ist hier mehr heilig: Selbst das Privateste wird hier noch offen angeboten, wird hier noch im Bieterwettbewerb um Aufmerksamkeit als Zahlungsmittel eingesetzt. Gerade dadurch, dass hier kein Wert außer dem der Aufmerksamkeit mehr zählt, wird der Zuschauer dazu erzogen sich selbst nur noch anhand des eigenen Marktwertes zu beurteilen.


Beurteilung:
Die Manipulationskritik bietet sicherlich umfassendere Möglichkeiten als alle anderen bisher vorgestellten Arten der Kritik. Es kann nicht nur die fehlende Vielfalt, die Ausrichtung an den Einschaltquoten kritisiert werden, sondern es ist darüber hinaus möglich einzelne Sendungen detailliert für ihre spezifischen Formen der Manipulation zu kritisieren. Genauso lassen sich spezifische Richtlinien aufstellen, wie Fernsehen zu sein hat, um möglichst wenig zu manipulieren.

Solange wir den Zuschauern die oben beschriebene Autonomiepräferenz unterstellen können, ist diese Kritik auch gegen den Paternalismusvorwurf geschützt. Diese Autonomiepräferenz kann aber natürlich durchaus infrage gestellt werden. Lassen sich Zuschauer nicht freiwillig manipulieren? Wollen Sie nicht durch parteiische Berichterstattung oder Kitsch manipuliert werden? Muss Fernsehen nicht zu Zwecken der Unterhaltung, Stimulation und Entspannung manipulativ sein? Die Manipulationskritik muss also a) sehr starke Kausalthesen vertreten, b) eine sehr starke Manipulationsaversion unterstellen. Beides wird nur in Sonderfällen unwidersprochen bleiben.

Fazit

Es ist schwieriger, das Fernsehen zu kritisieren, als einen das eigene Bauchgefühl häufig glauben lässt. Denn als politische Kritik muss eine generelle Fernsehkritik auch die Bauchgefühle der anderen Zuschauer respektieren. Dennoch ist eine solche Kritik nicht so aussichtslos, wie es die Produzenten der kritisierten Sendungen gerne hätten. Auch wenn man das Gleichberechtigungsgebot beachtet und den Paternalismusvorwurf vermeidet, bleiben genügend Möglichkeiten der Kritik. Keine der hier vorgestellten 10 Möglichkeiten ist ohne Schwachstellen. Teilweise sind empirisch ungesicherte Kausalthesen nötig, teilweise unplausible psychologische oder soziologische Annahmen. Und manch eine Kritik ist weniger schlagkräftig als es zunächst schien: Teilweise folgt aus der Kritik nur eine vage Forderung nach mehr Vielfalt oder Experimentierfreudigkeit.

Wie eine rationale Diskussion um das Fernsehen ausgehen würde, ist deswegen vollkommen offen. Es ist überhaupt nicht gesagt, dass am Ende überhaupt noch etwas von der Kritik übrigbleiben würde. Und damit nicht genug: Selbst wenn etwas von der Kritik übrigbliebe, wäre noch gar nicht klar, welche politischen Maßnahmen ergriffen werden sollten, um Abhilfe zu schaffen. Mehr Vielfalt kann z.B. auf ganz unterschiedliche Arten institutionell gesichert werden, die alle wieder neue politische Fragen aufwerfen würden. Wer es aber wirklich ernst mit der Kritik am Fernsehen meint und nicht einfach nur dem eigenen Ärger Luft verschaffen will, der muss sich auf eine solche Diskussion einlassen, statt einfach nur über Dieter Bohlen & Co zu stöhnen.