Was ist am Fernsehen eigentlich so schlimm? — 10 Kritikmöglichkeiten, die besser sind als einfach nur zu meckern: Teil 1
5. März 2008Christian Voigt
“Die wahre Antidemokratie ist die Massenkultur.”
Pier Paolo Pasolini, Interview von Robert Schär, in: Cinema, Nr. 2, Zürich, Juli 1976
“Das ist faschistisches Gedankengut. Ich will nicht die Herrschaft einer Elite, die immer besser weiß, was die Leute sehen sollen. Die Verachtung der Massenkultur, die ist undemokratisch.”
Helmuth Thoma, ehemaliger RTL-Chef zum Pasolini-Zitat in einem Interview der Zeit, 1996, Nr. 37
Das Fernsehen zu kritisieren ist so eine Art deutscher Volkssport. Das zeigt sich in den Bestandsaufnahmen des kulturellen Niedergangs, die regelmäßig in den Feuilletons erscheinen, in der Diskussion ums “Unterschichtenfernsehen”, in Weingartners “Free Rainer — Dein Fernseher lügt”, Kalkofes “Mattscheibe”, in der Tirade von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Oettinger gegen das “Scheiß-Privatfernsehen”, ja es zeigt sich sogar in Umfragen. So unterhaltsam viele der Kritiken sind — sie sind auf ihre Art häufig kaum weniger oberflächlich, als sie es ihrem Opfer vorwerfen zu sein. Das liegt daran, dass man nur allzu leicht zwei unterschiedliche Arten der Kritik miteinander vermengt.
Wer eine Theaterkritik oder eine Musikkritik liest, der will ästhetisch beraten werden: Man vertraut dabei auf die ästhetische Expertise der Kritiker, auf die Einzel- und nicht auf die Massenmeinung. Anders bei der Kritik am “Unterschichtenfernsehen”: Wir lesen sie nicht, um zu entscheiden, ob wir besser das “Dschungel-Camp” oder “Deutschland sucht den Superstar” sehen sollten. Sie empfiehlt uns als einzelnen Lesern nichts, sondern fordert implizit eine grundlegende Änderung des Massenmediums Fernsehen; und sie fordert nicht nur ein kulturelles Reservat für die Elite (wie z.B. Opern, Theater, Museen), sie fordert eine Programmänderung für alle. Die Kritik wird dadurch zu einer politischen.
Der ästhetische Kritiker muss (darf vielleicht sogar) auf die Meinungen anderer keine Rücksicht nehmen, er ist Diktator im Reich des Schönen. Der politische Kritiker dagegen muss, wenn er denn Demokrat ist, im Namen aller sprechen. Zwar darf auch er bestimmten Einzelinteressen das Wort reden (z.B. Arbeiterinteressen, Interessen “der Wirtschaft” usw.). Wenn aber seine Kritik politische Forderungen enthalten soll, wenn sie mehr als eine erste “Anmeldung von Einzelinteressen” sein soll, dann muss der politische Kritiker als Demokrat für sich beanspruchen, die Einzelinteressen bereits gegen die Interessen aller anderen abgewogen zu haben. Er muss dabei folgendes Gebot beachten:
- Gleichberechtigungsgebot (Gerechtigkeitsgebot)
- Alle Gesellschaftsmitglieder haben genau das gleiche Anrecht auf persönliches Wohlergehen (auf die Maximierung ihres persönlichen Nutzens).
Nun könnten die Fernsehkritiker natürlich für sich beanspruchen, den “absoluten” Geschmack zu besitzen: Genau das, was sie gut finden, ist im besten Interesse aller. Diese Haltung wäre allerdings genau das, was Ökonomen “Paternalismus” nennen: Man ignoriert in scheinbar “väterlicher” Fürsorge die Präferenzen der anderen und beansprucht dennoch für sie zu sprechen. Es ist genau dieser Paternalismus, den Helmuth Thoma “faschistisch” nennt, denn er widerspricht einem weiteren wichtigen politischen Prinzip, das man nicht einfach ignorieren kann:
- Selbstbestimmungsgebot (Freiheitsgebot)
- Jeder ist seines eigenen Wohles alleiniger Richter.
Der eigentliche Anspruch der demokratiefreundlichen Fernsehkritik müsste lauten: “Unterschichtenfernsehen”, “Affektfernsehen”, “Massenverdummung”, “Infantilisierung” oder “kulturelle Verflachung” zu kritisieren ohne das Gleichberechtigungsgebot zu verletzen und ohne sich dem Paternalismusvorwurf auszusetzen. Genau dieser Anspruch drückt sich im Pasolini-Zitat aus: Massenkultur ist nicht schlecht, weil sie demokratisch ist, sie kann — wenn überhaupt — nur deswegen schlecht sein, weil sie “anti-demokratisch” ist. Ist eine solche Kritik überhaupt möglich?
Die Möglichkeiten einer politisch relevanten und dennoch nicht undemokratischen Fernsehkritik sollen hier ausgelotet werden. Es geht also weniger darum, wie gut oder schlecht unser Fernsehen wirklich ist, als um den Entwurf eines rationalen Diskurses: Welche Argumente sollten in dieser Debatte vorgebracht und diskutiert werden?
In Teil 1 möchte ich zeigen, warum es nicht so einfach ist das Fernsehen zu kritisieren. Dazu mache ich zunächst die These möglichst stark, dass wir bereits jetzt über das bestmögliche Fernsehen verfügen und Fernsehen wesentlich zur gesellschaftlichen Wohlfahrt beiträgt. In Teil 2 werde ich dann Möglichkeiten vorstellen, diese Thesen anzugreifen, ohne die beiden genannten politischen Prinzipien aufzugeben. In Teil 3 wird es abschließend um Möglichkeiten gehen, das Selbstbestimmungsgebot zu modifizieren ohne sich dadurch dem Paternalismusvorwurf auszusetzen.
Ein kleiner Schritt von der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zum Utilitarismus
Es ist gar nicht so abwegig zu behaupten, dass wir bereits jetzt über das bestmögliche Fernsehen verfügen. Dazu muss man (fast) nur das Gleichberechtigungs- und Selbstbestimmungsgebot mit einem weiteren Prinzip kombinieren:
- Utilitarismus (Nutzenmaximierungsgebot)
- Alles, was bei der Bewertung eines Gesellschaftszustandes zählt, ist der Nutzen, den dieser Zustand für die Mitglieder dieser Gesellschaft (oder für alle von diesem Zustand Betroffenen) hat.
Daraus ergibt sich dann ein Bewertungsmaßstab, den man den “subjektivistischen Utilitarismus” nennen könnte:
- Subjektivistischer Utilitarismus
- Gesellschaftszustände sollten danach bewertet werden, inwieweit wieviele Gesellschaftsmitglieder glauben, dass dieser Gesellschaftszustand ihnen nützt.
Wie kriegt man nun heraus, ob eine Person glaubt, dass etwas in ihrem besten Interesse ist, ihr also nützt? Ökonomen sind darauf gekommen, Interessen als Präferenzen aufzufassen: Man versucht einfach herauszubekommen, welche Zustände (Güterbündel) eine Person vor welchen anderen Zuständen bevorzugt und bewertet dann anhand dieser Präferenzen Zustände relativ zu anderen. Wir können eine derartige Anwendung den “Präferenz-Utilitarismus” nennen.
Was nützt uns das Fernsehen?
Häufig ist es schwierig sichere Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Präferenzen Personen wirklich besitzen. Ökonomen trauen häufig nicht den Äußerungen einer Person, sondern wollen wissen, wie sie sich wirklich verhält. Im Falle des Fernsehens lässt sich das ziemlich genau sagen: Die ermittelten absoluten Zuschauerzahlen geben uns ein relativ genaues Bild darüber, wieviele Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt das Fernsehen vor anderen Beschäftigungen (Arbeit, Sport, Freunde treffen, schlafen usw.) bevorzugt haben. Die Einschaltquoten sagen uns relativ zuverlässig, wieviel Prozent der Zuschauer eine bestimmte Sendung zu einem bestimmten Zeitpunkt vor allen anderen gleichzeitig laufenden Sendungen bevorzugt haben (siehe quotenmeter.de, hier eine Broschüre der GFK, die beschreibt, wie Einschaltquoten errechnet werden).
Wollen wir zunächst nur den Nutzen des Fernsehens insgesamt berechnen, so interessieren uns zunächst nur die absoluten Zuschauerzahlen. Die Statistiken sind beeindruckend: 95,3% der deutschen Haushalte verfügten 2006 über einen Fernseher. Der deutsche Durchschnittszuschauer ab 3 Jahren schaute 2007 laut AGF am Tag durchschnittlich ganze 208 Minuten fern, also fast vier Stunden und hält sich sogar 299 Minuten täglich vor dem laufenden Fernseher auf (für 2007 siehe auch Mitteilung von ip-deutschland). Fernsehen ist damit nicht nur das meistgenutzte Medium, sondern zugleich die beliebteste Freizeitbeschäftigung in Deutschland (Siehe Bundesamt für Statistik: ‘Wo bleibt die Zeit’ und Datenreport 2006, Mediennutzung). Das heißt: Für nichts opfern die Deutschen ihre Freizeit lieber, als fürs Fernsehen.
“4 Stunden am Tag. So lange sieht der Mitteleuropäer im Durchschnitt täglich fern.
Als ich diese Zahl eines Morgens in der Zeitung las, konnte ich es erst nicht glauben. Das konnte einfach nicht stimmen. Rechnen wir mal 8 Stunden für Schlafen, 8 Stunden für Arbeiten, 1 Stunde für den Weg von und zur Arbeit, 1 Stunde für Nahrungsaufnahme und -abgabe, 1 Stunde für die elementare Körperpflege. Es verbleiben: 5 Stunden. Moment mal: Das würde ja bedeuten, der Mitteleuropäer verbringt 80% seiner Freizeit vor dem TV-Gerät. Das bedeutet: 1 Stunde am Tag zum Leben.”
Hans Weingartner
Zusätzlich lässt sich berechnen, wieviel Geld die Deutschen fürs Fernsehen ausgeben (Präferenz Fernsehen statt x Euro). Beginnen wir mit den Gebühren der GEZ: Insgesamt kommt man hier auf ca. 7 Milliarden jährlich, die die Deutschen für die öffentlich-rechtlichen Medien ausgeben. Hinzu kommen noch die Kosten für das Kabelfernsehen. Verteilt auf alle TV-Haushalte ergibt das 204,36 € jährlich. Zählen wir die Werbeeinahmen als die indirekte Bezahlung der Zuschauer für ihren Fernsehkonsum, so ist den Deutschen das Fernsehen zusätzlich noch einmal ca. 8 Milliarden jährlich wert ( brutto in 2006 laut Wikipedia, Daten von der ZAW, netto ca. 4 Milliarden siehe ZAW), das sind noch einmal ca. 100€ pro Kopf oder 0,36% des BSP. Hinzu kommen außerdem noch die Kosten für Fernsehgeräte.
Gleichgültig wie die Nutzenrechnung im Detail also aussehen wird: Folgen wir dem Präferenz-Utilitarismus in seiner einfachsten Form, so wird es, weil das Fernsehen die beliebteste Freizeitbeschäftigung ist, auch keine andere Freizeitbeschäftigung geben, die mehr zum Gesamtnutzen unserer Gesellschaft beiträgt als das Fernsehen. Das Fernsehen scheint seine Sache eigentlich ziemlich gut zu machen. Tun wir ihm also nicht unrecht, wenn wir uns über seine Qualität beschweren?
Das Fernsehen, das wir verdient haben
Diese These ist nicht so absurd, wie es zunächst erscheinen mag. Denn es gibt — so traurig das ist — in Wahrheit genügend Menschen, die aufgrund ihres Alters, ihrer Krankheit, ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation nicht viel andere und nicht viel bessere Optionen haben, als den ganzen Tag fern zu sehen. Das macht auch die Statistik deutlich: Laut einer Datenauswertung der GfK, die der Focus 2005 in Auftrag gab, sehen Arme und Alte länger Fernsehen, als Junge und Reiche. Das zeigt sich auch am Durchschnittskonsum der Bundesländer: Im reichen Bayern liegt er bei 178 Minuten, während er im armen Sachsen-Anhalt 278 Minuten erreicht. Vielleicht spiegelt der Durchschnittswert also wirklich den Nutzen des Fernsehens wieder: Er zeigt uns, dass es vielen Menschen so schlecht geht, dass sie nichts besseres zu tun haben, als fern zu sehen. Das Problem wäre dann nicht das Fernsehen, das Problem wäre diese Alternativlosigkeit im Leben vieler Menschen. Die Nutzenrechnung wäre zwar schockierend aber durchaus korrekt.
Dass uns selbst viele Sendungen überhaupt nicht gefallen ist allein kein Grund, dieses Ergebnis in Frage zu stellen. In einer pluralistischen Gesellschaft wird es immer Sendeformate geben, die Mitgliedern einer Bevölkerungsgruppe gefallen und Mitglieder einer anderen Bevölkerungsgruppe abstoßen (Volksmusiksendungen/Casting-Shows und Rentner/Jugendliche z.B.). Die Super-Nanny ist ein gutes Beispiel: Was Bildungsbürgern als zynische Zurschaustellung prekärer Familiensituationen erscheinen mag, vermittelt Eltern, die ähnliche Probleme haben, vielleicht Ratschläge auf eine für sie angemessene Weise (zur wissenschaftlichen Diskussion siehe hier, hier, hier und hier).
Es ist doch eigentlich zutiefst demokratisch und gerecht, wenn jede Bevölkerungsgruppe einen ihrem Bevölkerungsanteil angemessenen Platz im Fernsehen eingeräumt bekommt. Solange die unsichtbare Hand eines perfekten Marktes die Zuschauerzahlen maximiert, ist das Fernsehen einfach nur ein getreuer Spiegel unserer Gesellschaft. Haben wir also nicht in Wirklichkeit bereits das bestmögliche Fernsehen mit dem größtmöglichen Nutzen? Haben wir nicht ganz einfach das Fernsehen, das wir uns verdient haben?
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Update:
Auf Eugens Anregung hin habe ich die Utilitarismus-These, das Gleichberechtigungs- und das Selbstbestimmungsgebot deutlicher formuliert, so dass nun klar ist, warum es hier um eine utilitaristische Bewertung geht.
Auf Matthias’ Anregung hin habe ich deutlicher gemacht, dass ich nur Möglichkeiten der demokratischen Fernsehkritik ausloten möchte. Natürlich kann man das Fernsehen auf ganz andere Art kritisieren, wenn man überhaupt nicht beansprucht, Demokrat zu sein (sondern z.B. eine Geschmacksdiktatur einführen möchte).
Danke für die Anregungen!
Außerdem habe ich noch auf eine interessante Statistik von der GfK verwiesen, die der Focus 2005 in Auftrag gab und die untersucht, wie Fernsehkonsum mit Alter und Einkommen zusammenhängt.
Wenn’s doch so wäre! Faktisch ist es so - immer vorausgesetzt, dass man mir ein gewisses Quantum an ‘Arglosen’ in der Gesellschaft als vorhanden zugesteht - dass diese dann den ‘Hütchenspielern’ des Mediengewerbes ausgeliefert würden. Denn es ist ja nicht so, dass ein Kanal deshalb den ‘Unterschichten’ gehört, weil das dort läuft, was von Kritikern ‘Unterschichtenfernsehen’ genannt wird.