Reflektiert, bevor ihr euch integriert!

15. Februar 2008
Eugen Pissarskoi

Der türkische Ministerpräsident hat ein schönes Beispiel dafür geliefert, was für eine Debatte eine total unklare Äußerung entflammen kann. „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ soll Erdogan gesagt haben.

Wenn Erdogan es wörtlich meinte, hat er einfach Unsinn geredet. “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” ist ein Terminus aus dem Völkerrecht. Im Rom-Statut von 2002 ist aufgeschrieben, welche Akte darunter fallen. Das Wort „Assimilation“ (oder Abwandlungen) kommen darin nicht vor.
Wenn Leute Unsinn reden, ist es nicht höflich, sich laut darüber aufzuregen. Anständiger ist es, den Sprecher darauf aufmerksam zu machen, dass der Inhalt seiner Äußerung unverständlich ist. Und ihn zu bitten, sich klarer auszudrücken.

Vielleicht meinte Erdogan es aber nicht wörtlich. [Hier eine andere Übersetzung Erdogans Aussage.] Vielleicht wollte er lediglich darauf aufmerksam machen, dass es mehrere Weisen gibt, wie Minderheiten in einer Kultur das Zusammenleben mit der Mehrheit dieser Kultur regeln können. Die eine Weise hält Erdogan für gut. Sie nannte er „Integration“. Die andere für schlecht. Das ist die „Assimilation“.
Damit hätte er zwar keinen Unsinn gesagt, aber nicht viel inhaltlich Spannendes. Welche Eigenschaften sind es, die Integration zu etwas Gutem und die Assimilation zu etwas Schlechtem machen? Vielleicht hat Erdogan das in seiner Rede auch ausgeführt und es wird nur nicht wiedergegeben. Ich weiß es nicht, ich stelle einfach meine Interpretation vor:

Nennen wir „Assimilation“ eine vollständige Übernahme aller Werte und Gepflogenheiten einer Gesellschaft, also auch solcher Banalitäten wie „Bier trinken“, „Fussball mögen“, „Tatort gucken“.
Nennen wir „Integration“ eine Übernahme nur zentraler gesellschaftlicher Werte. Bei uns wären das vermutlich demokratische Grundordnung, geschlechtliche Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit (und gewiss einige andere).
In diesem Sinne stimme ich Erdogan zu: Assimilation ist schlecht, Integration ist richtig.

Eine kleine Korrektur erlaube ich mir aber doch. Auch Integration in diesem Sinne ist nicht immer richtig. Vielmehr ist eine „reflektierte Integration“ erstrebenswert. Dabei übernehmen die neuen Mitglieder einer Gemeinschaft nicht einfach alle zentralen Werte dieser Gemeinschaft, sondern sie übernehmen nur diejenigen Werte, die sie für gerechtfertigt halten.
Um das nun in Erdogans Sprache auszudrücken: Assimilation und Integration sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Liebe Fremde, reflektiert, bevor ihr euch integriert!

8 Kommentare zu “Reflektiert, bevor ihr euch integriert!”

  1. Daniel 17. Februar 2008 (12:38 Uhr)

    Wieso ist es Unsinn, etwas als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bezeichnen, was nicht im Rom-Statut aufgelistet ist? Willst du sagen, der Ausdruck “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” sei nur im direkten Kontext des Rom-Statuts sinnvoll?

  2. Nam 17. Februar 2008 (20:57 Uhr)

    Das finde ich mal eine schöne Interpretation der Rede.
    Was in den Medien immer aufgekocht wird.
    Vorallem was man da immer gleich reininterpretiert:
    Türkei will einen Kleinstaat erreichten.
    Und gegen DEutschland putschen.
    Das Militär solle sich hüten und so weiter…
    Ich kann deine INeterpretition voll verstehen…

  3. Eugen Pissarskoi 17. Februar 2008 (23:04 Uhr)

    ad Daniel:
    Wenn jemand über Verbrechen redet, redet er über juristische Dinge. Um die Sinnhaftigkeit oder den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zu überprüfen, ist es daher sinnvoll, juristische Texte zur Hilfe zu nehmen. Der Ausdruck „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ist ein Fachterminus aus dem Völkerrecht. Aus diesem Grund habe ich auf das Rome-Statut verwiesen.

    Um diese Äußerung jedoch als Unsinn zu entlarven, braucht man in der Tat keine juristischen Texte zu konsultieren: Ich verstehe nicht, wie Assimilation als solche ein Verbrechen sein kann. Es fällt mir leichter zu verstehen, wenn man sagt: „Zwang zur Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Diese Aussage ist zwar besser verständlich, aber eindeutig falsch: Das kann man im Rome-Statut nachlesen.

    ad Nam:
    vielen Dank.

  4. Christian Voigt 18. Februar 2008 (16:07 Uhr)

    “einfach Unsinn geredet” — ist das nicht ein bisschen zu simpel? Z.B. könnte man doch z.B. fordern, dass Assimilierung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt werden sollte. Eine solche Forderung kann man durchaus mit dem Sprechakt “Erzwungene Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit” zum Ausdruck bringen.

    “x ist ein Verbrechen gegen alles, was uns gut und heilig ist” bezieht sich auf überhaupt kein spezifisches rechtliches Dokument und ist dennoch keine sinnlose Aussage.

  5. Georg 19. Februar 2008 (13:22 Uhr)

    Ich stimme dir in allem zu. Dabei glaube ich aber nicht, dass solche Entscheidungen bewusst und individuell getroffen werden, sondern im historischen Sinn kulturell quasi automatisch ablaufen.
    So wie in vergangenen Kulturen immer die höherwertige Kultur gerne von allen übernommen worden war, wird es zukünftig wohl auch weiter geschehen. Dabei spielt eine intellektuelle Reflexion einzelner keine Rolle, sondern die Gesellschaft entwickelt sich, wie sie es will: Der Ruf “Wir sind ein Volk!” wandelte sich trotz “Neuen Forum” unaufhaltsam in “Wir sind ein Volk!”.
    Die Goten nahmen sich das aus der römischen Kultur, was ihnen nützlich erschien und vermengten es mit dem besten ihrer eigenen Kultur. Später nannten neue Generationen diesen Mischmasch dann Tradition und bewahrten sie.

    Zwangsassimilation gab es natürlich auch oft: Die Christianisierung Südamerikas, die Zwangsassimilation nordamerikanischer Indianerstämme. Dies geht allerdings immer mit tödlicher Gewalt einher. Ich wüsste nicht, wo wir heute andere Menschen auf Leben und Tod zwingen, sich unsere Kultur zu eigen zu machen.
    Also entscheidet heute der Alltag, was und wie die westliche Kultur von anderen übernommen wird. In gewisser Weise ist der Konsum ein Indikator dafür. Oder ganz einfach Hollywood, denn Filme wollen verkauft werden und spiegeln daher kulturell nur das wider, was eine globale Mehrheit sehen möchte. Ob ich’s will oder nicht, Hollywood zeigt an, was Leitkultur auf dem Globus ist.

  6. Georg 19. Februar 2008 (13:25 Uhr)

    Sorry, Tippfehler: Aus “Wir sind DAS Volk!” wurde “Wir sind EIN Volk!” Und so geschah es dann auch. Unaufhaltsam und abseits aller intellektueller Diskussionen.

  7. Eugen Pissarskoi 20. Februar 2008 (01:09 Uhr)

    ad Christian:
    Lasst uns folgende Aussagen unterscheiden:

    (1) Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
    (2) Zwang zur Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
    (3) Zwang zur Assimilation sollte als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit gefasst werden.
    (4) Zwang zur Assimilation ist etwas total Schlimmes und sollte möglichst nicht geduldet werden.

    Aussage (1) ist unverständlich. Aussage (4) ist wahr (vernachlässigen wir mal, dass sie recht vage ist). (2) ist verständlich, aber falsch. Der Ausdruck „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ist – im Gegensatz zu „Verbrechen gegen alles, was gut und heilig ist“ - ein Fachterminus. Daher habe ich das rechtliche Dokument konsultiert, das die Bedeutung dieses Ausdrucks festlegt. Aussage (3) ist verständlich. Ob ich ihr zustimmen würde, weiß ich auf Anhieb nicht.
    Nun kann man denken, dass Erdogan, als er (1) sagte, etwas zwischen (2) und (4) meinte. Dann sagte er nichtsdestotrotz etwas Unverständliches, meinte aber womöglich etwas Richtiges. Mehr wollte ich nicht sagen.

    ad Georg:
    Vielen Dank für die Beispiele. Mag sein, dass tatsächlich die Entscheidungen darüber, welche Werte aus welchen Kulturen übernommen werden, unreflektiert (intuitiv, automatisch) getroffen werden. Die Welt wäre aber schöner, wenn Menschen, über alle Werte, Traditionen, Gepflogenheiten, die sie haben, sichfragen würden, ob es auch richtig ist, dass sie diese Werte, Gepflogenheiten etc. haben. Oder?

  8. Georg 20. Februar 2008 (01:51 Uhr)

    Hallo Egen,

    du meinst: “Die Welt wäre aber schöner, wenn Menschen, über alle Werte, Traditionen, Gepflogenheiten, die sie haben, sichfragen würden, ob es auch richtig ist, dass sie diese Werte, Gepflogenheiten etc. haben. Oder?”

    Ich meine das gar nicht - und was wäre schöner daran? Ich bin schon der Meinung, dass Werte, die die Mehrheit haben möchte, auch mit Gewalt verteidigt werden können. Die Frage ist immer nur, was die Minderheit denn will.

    Die Evolution wird eh machen, was vorteilhaft ist. Wir, als Teil der Evolution, werden sie beschreiben können aber steuern? Wohl eher nicht.

    Danke für deine Meinung und viele Grüße Eugen

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