Kurzer Zwischenruf in die „Islamdebatte“
10. Dezember 2007Eva von Redecker
Ich möchte mal ein paar Dinge aufrufen, die meiner Meinung nach wichtig sind, gerade aber in der Debatte untergehen. Die Thesen, die mehr Christian betreffen, sind, zusammengestutzt:
- Man kann auch von „islamtypischen“ Zügen sprechen, wenn man von deren historischer bzw. lokaler Veränderbarkeit ausgeht
Zum Verständnis von politischen Zusammenhängen wie Terrorismus ist deshalb (auch) eine Analyse religiöser Denkmuster sinnvoll.
- Claudias Kritik ist auch ohne den extremen Essentialismus, gegen den Du argumentierst, machbar.
Das zugestanden hege ich nichtsdestotrotz Bedenken gegen Claudias dankenswert provokatives Projekt:
- Vor Pauschalisierungen muss man sich nicht nur aus Realitätstreue hüten, sondern auch, weil die eigene Analyse immer auch selbst einen „interkulturellen“ Kommunikationsakt darstellt. Deshalb sollte man sich Gedanken machen, auf welche Weise man diese ausführt.
- Dazu sage ich dann ziemlich viele Aspekte durcheinander, was wohl als Mischung von postkolonialen Skrupeln, Anerkennungstheorie und Bergpredigt ersichtlich wird, wobei ich allerdings (etwas doppelmoralisch hinsichtlich des angeblich Antimissionarischen) darauf insistiere, dass letztlich auch die praktischen Ziele der Kritikerin auf „meine Weise“ eher erreicht würden.
Ich glaube allerdings, dass es das Handeln von Menschen beeinflusst, ob sie an Jesus oder Buddha glauben. Oder genauer (jetzt schwenke ich vom Religiösen über ins Kulturelle): Ob sie in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem fast alle Rituale, Narrative, Kunstwerke und das Selbstverständnis der Eltern/Lehrer/Vorbilder (will sagen: „der Diskurs“) von bestimmten Wertmustern geprägt/strukturiert sind. Es ist keine leere Beschreibung (natürlich auch keine umfassende), zu sagen, meine Großmutter sei preußisch-protestantisch oder dass meine Freundin erzkatholisch erzogen worden ist. Allerdings ist es, zumindest bis wir den nächsten unbekannten Indianerstamm im Dschungel der Ahnungslosen entdecken, auch nicht (mehr) möglich, schön seperate Sets zu finden (die dann tatsächlich umfassend Verhalten beschreiben oder sogar vorhersagen ließen). Aber man kann ja auch Melangen beschreiben. Gut möglich, dass es ein paar islamische Grundmuster gibt, die sehr persistent wieder auftauchen. Dann finde ich es unproblematisch sich auf die zu beziehen – aber unmöglich, sie zum unveränderlichen Wesen zu erklären oder zur alleinigen Determinante. Überhaupt geht es ja bei der gegenwärtigen Kommunikationslage auf der Welt immer auch um Reaktionen auf sogenannte westliche Güter wie Popkultur, Technologie, Konsum-Kapitalismus und was man immer so aufzählt. Bzw. deren je spezifische Aneignung.
Ich bin überzeugt, dass man weiter käme, und mit mehr Gewinn analysierte, wenn man die lokalen Phänomene immer als allgemein Menschenmögliches versteht, nach dem Motto: „Wer so und so ein Ehrkonzept, diese Phantasie von Männlichkeit, jenes Kränkungs-Szenario und diese Mittel hat, verhält sich so:“ Ein spezifisches Jenseitsversprechen spielt vielleicht eine Rolle – aber damit allein ist immer noch nicht geklärt, unter welchen Bedingungen jemand sich dem verschreibt. Es lassen sich offenkundig nicht alle Muslime in die Luft sprengen und nur die allerwenigsten Christen folgen freiwillig dem Neutestamentarischen Armutsgebot. Überhaupt finde ich es viel erhellender die Parallelen so zu ziehen, dass die ganze Debatte auch uns selbst angeht. Meine Urgroßväter haben sich zum Beispiel ohne Jenseitsversprechen aus reinen Ehr- und Männlichkeitsdynamiken duelliert und ich habe gerade in einem Briefwechsel des renommierten, sozialdemokratischen Theaterkritikers und Sprachwissenschaftlers Fritz Mauthner (Herbst 1914) gelesen, er würde ohne zu zögern, wenn er es nur könnte, mit einem Fingerdruck ganz England in die Luft sprengen. Er hat das auch mehrfach in seinen Tagebüchern wiederholt. Er konnte nicht. Die 9/11 Piloten konnten, dank „unserer“ Technik, Expertise und Kommunikationsstruktur. Bevor ich mich jetzt von den jüdischen Massenselbstmördern in Massada 73 nach Christi bis zu Jeanne d’Arc und dem Schützen von Erfurt durch unsere Kultur durchlabere, die ohnehin klare These: Ich halte es für aufschlussreicher, menschliche als muslimische Züge als Wurzel des Selbstmordattentats anzusetzen. Was nicht heißt, dass es ausgeschlossen ist, dass, neben dummdreister Supermachtpolitik, modernetypischer Radikalisierung Entwurzelter und technischer Machbarkeit bestimmte „typisch islamische“ Muster dieses Potenzial befördern.
Jetzt ein Punkt, der gewöhnlich von den von mir gar nicht so verachteten „postmodernen Relativisten“ vertreten wird, den man aber auch pragmatisch-strategisch wenden kann: Aufklärung hat sich an die eigene Kultur zu richten. Alles andere ist fruchtlose Polemik, deren eigentliche Funktion sich in polarisierender Selbstrechtfertigung erschöpft. (Wer einwendet, sich in einer einzigen Globalkultur zu befinden, müsste konsequenterweise ebenso die Adresse an den „orientalen Anderen“ aufgeben.) Wenn Lessing die lutherische Orthodoxie und Nietzsche sein heimatliches Pfarrhaus attackieren, kann daraus was werden. Kant hatte recht mit dem „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“. Von der sehe ich auch um mich herum noch genug, um als Schreiberin nicht arbeitslos zu werden. Die Islamkritikerin könnte jetzt einwenden, es ginge um die Befreiung von bestimmten Illusionen, die wir (die ich…) mir zum Beispiel hinsichtlich multikultureller Gesellschaft machen. Das wäre schlau. Darüber könnten wir dann streiten. Aber sie kann nicht behaupten, ein noch so scharfsinniger Blogeintrag hätte auch nur einen einzigen Muslimen für die „westliche Werteordnung“ eingenommen; hätte irgendwie genützt im „Kampf gegen den Terror“. Wenn man den anstehen sieht, muss man auch verraten, wie man ihn führen will. Vermutlich nicht per Atombombe. Im Ernst: Wenn ich Muslimin wäre, ich hätte angesichts genau dieser Debatten in den letzten Jahren in Deutschland aus reinem Trotz angefangen, Kopftuch zu tragen.
Wozu also der Aufruhr? Natürlich ist es bestürzend, wie gefährdet die meist sowieso schon ins Exil geflohenen Kritiker „aus den eigenen (muslimischen) Reihen“ sind. Aber man unterstützt ihre Bemühungen überhaupt nicht, wenn man die mythologisierend-vereinheitlichende Definition der Fundamentalisten übernimmt und beschließt, sie gehörten längst nicht mehr zu „dem Islam“. Das sagt z. B. auch Azar Nafisi, ansonsten keinerlei Postmodernismus verdächtig. Ein anderes Beispiel für wirksame Aufklärung finde ich das Projekt der Boroumand-Schwestern, Töchter eines ermordeten iranischen Oppositionellen, die auf ihrer Homepage nicht nur eine Sammlung aller Regimeopfer-Geschichten anstreben sondern auch eine Datenbank mit demokratietheoretischen Texten haben, die unglaubliche Download-Zahlen im Iran verzeichnen kann. Wenn, dann ändert so etwas was, und nicht die rhetorische-Keulen-Produktion alter weißer Männer ums Pentagon oder ein Asian-Times-Onlineredakteur, der unter mehr als zweifelhaftem Pseudonym eine abgehalfterte Dekadenztheorie verkündet.
Was berechtigt uns überhaupt dazu mit stärkstem Kaliber auf ein vermeintlich gefährliches Gegenüber loszugehen, wenn das doch zweifelsohne nur Öl in das Feuer seiner eigenen Komplexe gießt und die Lage verschlimmert? So wird die Kulturkritik zwar zur selffullfilling prophecy, aber der Freundlichkeit, für die wir kämpfen wollten, sind wir selbst verloren gegangen.
Ich bin ziemlich optimistisch, was die Veränderungskraft von Dialogen angeht, aber ein Dialog, in den man mit einer bereits gefertigten Meinung über das Gegenüber eintritt und ohne die Bereitschaft, ihn auch selbst gewandelt zu verlassen, ist überhaupt keiner. Was ist denn überhaupt schon versucht worden an echter Verständigung? Es gibt Foren, in denen solche Meinungsbesitzer mit beeindruckender Brillianz spiegelfechten. Warum hat nicht jedes Schulkind statt Hausaufgaben einen Blog-Austausch mit, z.B., einem Palästinenserkind? Warum wird nicht immer wieder gefragt: Wer seid ihr? Was wollt ihr? Wie können wir zusammen leben? Ich glaube am Ende solcher Gespräche hätte man weniger Fundamentalisten als am Anfang.
Wenn ich irgendetwas sehe, womit ich mich in unserer Kultur identifiziere, dann sind das Werte wie Demokratie und Freiheit. Das heißt im Grunde: Das kontinuierliche Bemühen, Exklusion entgegenzuarbeiten. Man braucht darum nicht romantisch alles Fremde für heilig zu erklären, aber es erst mal anzuerkennen und einzubeziehen scheint mir in der Tat ein Imperativ für jeden, der es mit der Freiheit ernst meint. Das ist natürlich immer riskant, aber ich lasse mich wirklich lieber ab und zu auf der Strasse von Araberlümmeln als „eklige Lesbe“ anpöbeln, als meine Ruhe genau jenem Mechanismus zu verdanken, gegen den ich einen Gutteil meiner Zeit selbst agitiere: präventivem Ausschluss. Und nur bei dieser prekären Nähe ergibt es sich eben auch, dass der 12jährige Ali Samstag morgens mit Hannes und mir Basketball bolzt, mich noch reichlich ironisch anfeuert, „für die Ehre der Frauen“ auf den Korb zu zielen, aber nach ein paar Treffern plötzlich seine in Kopftücher gepackte Schwester zum Mitspielen auffordert. Ich glaube, dass es aussichtsreicher ist, den neuen Migranten zu sagen: Herzlich willkommen, dies ist ein freies Land, hier kann jeder leben, Christen und Moslems und Homophobe und Schwule, anstatt ihnen die berüchtigten Fragebögen vorzuhalten. Je weniger sich jemand angegriffen fühlt, umso flexibler die Identität. Im Grunde bin ich ja total überzeugt, dass immer die freiere, lustfreundlichere, offenere Kultur attraktiver ist. Arbeiten wir doch daran, ihre Qualität zu steigern und ihre Verlockungen vorzuführen, anstatt ihre „Feinde“ zu etwas Unwandelbarem zu hypostasieren.
Nur um auch noch mal eine Chefideologin anzuführen - dies Butler-Interview erscheint mir ziemlich viel bedenkenswertes zu enthalten.

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