Archiv des Monats Dezember 2007

Wie überzeuge ich Christian Voigt? Ein Zwischenruf zum Zwischenrufen und anderen Ablenkungen

von Christian Voigt
Mittwoch, 12. Dezember 2007

In den Kommentaren zum Islamofaschismusartikel äußerte Claudia eine sehr generelle Kritik am Islam, die mir sehr unplausibel erschien. In der Folge verteidigte Claudia ihre Position in einem eigenen Gastartikel, auf den ich in einem weiteren Artikel geantwortet habe auf den Claudia wiederum mit einem Beitrag antwortete, den Eugen kommentierte. Eva reagiert darauf mit einem Zwischenruf, der mich inspierierte, nun ebenfalls dazwischen zu rufen. CV

Ich bin in vielerlei Hinsicht recht unzufrieden mit dem bisherigen Debattenverlauf und das nicht nur deswegen, weil man mir immer noch nicht recht gibt, sondern vielmehr deswegen, weil ich das Gefühl habe, dass diese Debatte immer immer mehr zerfasert und ihren Fokus verliert. Da hilft es auch nicht gerade, wenn man in die Debatte dazwischenruft, ohne sich eigentlich an ihr zu beteiligen und ohne eigentlich strukturierend eine Metaperspektive einzunehmen. Wenn man schon dazwischenruft, dann sollte man sowas rufen:

Zwischenrufer 1: “Keine unnötige Ausweitung der Debatte! Dadurch, dass ein Debattenteilnehmer einen Autor zitiert oder sogar nur nennt, übernimmt er noch nicht die Begründungslast für alle Thesen dieses Autors. Er übernimmt nur die Begründungslast für die von ihm zitierten Thesen. ”

Zwischenruferin 2: “Keine Ad-hominem Argumente! Ad-hominem-Argumente sind in einer rationalen Debatte in den allermeisten Fällen irrelevant und fehl am Platz. Insbesondere Argumente der Form “Person x sagt p, q, r und p ist offensichtlich falsch, dann müssen also auch q und r offensichtlich falsch sein” sind äußerst schlechte und unfaire Argumente.”

Zwischenrufer 3: “Genaue Bezugnahme! Stattdessen hilft es, wenn man klar sagt, welche Aussagen man eigentlich begründen möchte und welche Aussagen des Kontrahenten man eigentlich genau angreifen möchte. Das wird einem besonders leicht gemacht, wenn der Kontrahent seine Kritik anhand einer Argumentrekonstruktion der Reihe nach durchgeht. Wenn einem die Argumentrekonstruktion nicht gefällt, dann muss man sagen, was einem daran nicht gefällt. Es hilft auch nichts zu sagen, dass man auch mit anderen Prämissen auf dieselbe Konklusion kommt (”das ist machbar”, wie Eva sagt, aber wir wollen gerade wissen wie).”

Das sind alles gute Zwischenrufe. Oder wenn man sich nicht auf allgemeine Diskussionregeln beschränken will, dann könnte man sowas dazwischenrufen:

Zwischenruferin 4: “Hey Leute, worum geht es hier eigentlich nochmal? Haben wir nicht eigentlich ursprünglich darüber diskutiert, ob der Islam als Ganzes bekämpft werden soll? Christians Vorschlag, wie man das begründen könnte, ist ja ganz offensichtlich voll daneben gegangen, weil sich Claudia gar nicht auf seinen grobschlächtigen Vorschlag einlassen wollte. Aber was ist denn nun eigentlich der Gegenvorschlag? Statt so einen Gegenvorschlag zu bringen zieht Claudia sich jetzt auf die Randbereiche unserer Diskussion zurück und macht sich Gedanken über das Wesen des Dschihad, des Märtyrertums und irgendwelche Reformislamheinis. Ist das wirklich sinnvoll? Das waren doch nur zwei von den dutzenden Kritikpunkten die Christian an seinem eigenen Argument geübt hat. Erstens wird dadurch das Argument nicht besonders effektiv verteidigt und zweitens müsste es doch Claudia zu allererst darum gehen ein neues Argument zu bringen oder?”

Insbesondere den letzten Zwischenruf sollten wir uns zu Herzen nehmen: Es bringt nichts, an den Rändern der Debatte weiterzuhäkeln, wenn in der Mitte noch ein großes Loch klafft. Insbesondere, weil die Ränder unserer Debatte bereits derart weitläufig sind, dass jeder sich seine eigene Ecke aussuchen kann, ohne dass wir uns jemals wieder über den Weg laufen müssten. Das nennt man auch “aneinander vorbei reden”.

Im Zentrum der Debatte geht es um die Frage, ob und wie man eine generelle Kritik am Islam begründen kann. Eine solche generelle Kritik kann eine radikale Form haben wie “Der Islam sollte bekämpft werden”, sie kann eine viel schwächere Form haben wie “Der Islam sollte reformiert werden”, oder eine noch viel schwächere Form wie “Große Teile des Islam sollten reformiert werden”. Meine erste Forderung an Claudia wäre, dass sie klarstellt, welche zentrale These sie eigentlich verteidigen möchte. Sollte sich jetzt herausstellen, dass sie inzwischen eigentlich keine dieser Thesen mehr vertreten möchte, sondern stattdessen nur über Märtyrer und Todesdrohungen für islamische Intellektuelle sprechen möchte, dann können wir uns diese Diskussion sparen. Denn mir persönlich ging es nur um die politisch relevanten Fragen.

Meine zweite Forderung, die ich meiner Meinung nach berechtigterweise an meine Kontrahentin stellen darf, ist die Forderung nach eine transparenten Begründung dieser These. Eine Begründung ist in einer Überzeugungsdebatte erst dann transparent, wenn alle Debattenteilnehmer absehen können, warum man von der zentralen These überzeugt sein sollte, wenn man an die vorgebrachte Begründung glaubt.

Ein Beispiel: Stellen wir uns eine Diskussion vor, in der die These “Mit Spenden an Hilfsorganisationen schadet man der dritten Welt” verteidigt werden soll. Wer nun sagt “Entwicklungshilfe verzerrt den Markt in den Entwicklungsländern”, der hat damit noch keine transparente Begründung für die zentrale These vorgebracht. Denn es ist keinesfalls für alle Teilnehmer ersichtlich, warum man von der zentralen These überzeugt sein sollte, wenn man von der Wahrheit dieser begründenden Behauptung überzeugt ist. Es hilft dann überhaupt nichts, wenn nun weitere Argumente dafür vorgebracht werden, dass Entwicklungshilfe den Markt verzerrt. Stattdessen muss der Teilnehmer seine Begründung transparent machen, er muss z.B. sagen: “Marktverzerrungen schaden den Menschen in Entwicklungsländern mehr, als die Entwicklungshilfe ihnen nützt, weil dadurch die Chancen auf Wirtschaftswachstum sinken und nur durch Wirtschaftswachstum Armut dauerhaft überwunden werden kann.” Das ist kein logisch schlüssiges Argument. Aber alle können nun verstehen, warum der Teilnehmer an die zentrale These glaubt. Denn die Begründung ist für alle transparent geworden.

Nun zu unserer Debatte: Ich habe bisher noch keine transparente Begründung für die zentrale These gehört und ich weiß eigentlich inzwischen gar nicht mehr wirklich, was eigentlich die zentrale These ist. Ich nehme aber im folgenden weiterhin einfach mal an, dass “Der Islam muss bekämpft werden” im Zentrum unserer Debatte steht. Da mir für meine Kritik eine transparente Begründung für diese These fehlte, musste ich mir selbst eine basteln. Die war ziemlich transparent. Sie war bloß eben nicht besonders plausibel. Dafür konnte ich aber nichts, ich habe mein Bestes gegeben.

Da ich aber ein lieber Kontrahent sein will und weiß wie schwer die Aufgabe ist, die meine Kontrahentin zu bewältigen hat, möchte ich ein wenig zur Lösung der Aufgabe beitragen und mir ein wenig Gedanken machen, wie die Lösung aussehen müsste. Beginnen wir also mit dem kleinen Kurs “Wie überzeuge ich Christian Voigt”:

Zusammenhänge klären

Um ganz allgemein zu bleiben und alle Möglichkeiten offen zu halten: Irgendwie möchte man aus irgendeinem Zusammenhang zwischen Terror und Islam darauf schließen, dass der Islam irgendwie schlecht sei. Welche derartigen Zusammenhänge könnte es geben? Ich beschränke mich mal auf drei: Beeinflussung, Verursachung und gesetzmäßiger Zusammenhang.

Beeinflussung. Beginnen wir mit der schwächsten These: “Die islamische Religionszugehörigkeit der Terroristen hat ihr Verhalten bis hinein in ihre Terrorakte beeinflusst”. Was muss man zeigen, um diese These zu begründen? Nicht viel. Es reicht z.B., dass die Terroristen vor ihren Anschlägen beten, dass sie ihre Anschläge religiös rechtfertigen, dass ihre Opfer nicht Angehörige ihres Glaubens sind usw. Kann man mit dieser Behauptung die zentrale These transparent begründen? Das würde mich wundern. Nur um nochmal klar zu machen, wie schwach diese Beziehung ist, noch ein anderes Beispiel für dieselbe Beziehung: “Die deutsche Sprache hat die Nazis bis in ihren Völkermord hinein in ihrem Verhalten beeinflusst.” Es ist nicht schwer diese These zu begründen. Dafür muss man nur zeigen, dass die Nazis eben meistens deutsch und nicht z.B. Kisuaheli gesprochen haben. Es würde mich aber sehr wundern, wenn man mit dieser Behauptung transparent begründen könnte, dass die deutsche Sprache verboten werden sollte.

Verursachung. Diese These ist schon stärker: “Die islamische Prägung der Terroristen hat ihre Terrorakte verursacht.” Die meisten würden denken, dass, wer diese Behauptung begründen kann, gegen mich schon gewonnen hat. Desto mehr wird es sie erstaunen, wenn ich gar nicht so abgeneigt bin dieser These zuzustimmen. Aber die meisten machen sich auch keine Gedanken darüber, was genau hier eigentlich gesagt wird. Wir haben es hier nämlich mit so etwas ähnlichem wie einer singulären Kausalaussage zu tun. Es wird behauptet, dass ein bestimmtes singuläres Ereignis (die islamische Prägung eines Terroristen) ein bestimmtes anderes Ereignis (einen Terroranschlag) verursacht hat. Solche singulären Kausalaussagen kann man auch anders formulieren. Man kann sie in kontrafaktische Konditionalsätze mit ceteris-paribus-Klauseln umwandeln: Wenn diese Terroristen nicht islamisch geprägt worden wären und ansonsten alles gleich geblieben wäre, dann hätten sie auch nicht diese Terrorakte begangen.

Diese Umformulierung macht die ceteris-paribus-Klausel explizit, die in einer singulären Kausalaussage steckt: Die Behauptung gilt nur unter der Bedingung, dass alles andere gleich bleibt. Um die Kausalbehauptung “Attas islamische Prägung hat verursacht, dass er ins World Trade Center geflogen ist” zu überprüfen müssen wir uns also vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn Atta kein Moslem gewesen wäre (und sonst alles genauso wie in Wirklichkeit). Es gilt z.B. nicht, wenn wir uns vorstellen, dass er stattdessen Anhänger einer anderen Religion gewesen wäre. Ja, es gilt auch nicht, wenn wir uns vorstellen, er hätte als Ersatz an irgendeine Ideologie geglaubt, an die er in Wirklichkeit gar nicht glaubte. Alles war gleich, nur Moslem war er nicht. Für mich ist es durchaus plausibel, dass Herr Atta in diesem Fall nicht ins World-Trade Center geflogen wäre. Und also ist es für mich plausibel, dass das eine das andere verursacht hat.

Bloß was folgt daraus? Herzlich wenig. Denn unsere Kausalaussage ist eben singulär. Wir können aus ihr allein z.B. nichts über andere Herren als Herrn Atta ableiten. Um das zu machen brauchen wir mehr. Und mir erscheint es unumgänglich früher oder später dabei bei der nächsten Option zu landen:

Gesetzmäßigkeit. Man kann eine Gesetzmäßigkeit z.B. so formulieren: Wenn ein Kessel mit Wasser über einer großen Gasflamme auf einem Gasherd steht, dann wird das Wasser nach einiger Zeit zu kochen anfangen. Gesetzmäßigkeiten sind keine Aussagen über singuläre Ereignisse, sondern sind allgemeine Aussagen, die generische (unbestimmte) Ausdrücke enthalten (z.B. groß, ein Kochtopf, ein Gasherd, einige Zeit). Diese Unbestimmtheit macht Gesetzmäßigkeiten gerade überaus nützlich: Wir können sie eben auf ganz viele unterschiedliche Fälle anwenden.

In unserem Fall könnte die Gesetzmäßigkeit so lauten: “Immer wenn Mitglieder einer Gruppe islamischen Glaubens sind und mit Mitgliedern konfrontiert werden, die nicht islamischen Glaubens sind, werden die islamischen Mitglieder Terrorakte gegen die nicht-islamischen Mitglieder begehen.” Hier ist nun leicht ersichtlich, wie man mit dieser Behauptung transparent die zentrale These unserer Debatte rechtfertigen kann. Es ist aber nicht mehr so leicht ersichtlich, wie man diese Gesetzmäßigkeit rechtfertigen will.

Terrornaturgesetze

Mein kleiner Kurs in “Wie ich Christian Voigt überzeuge” hat damit ein erstes Ergebnis: Es ist nicht besonders aussichtsreich, mich mit Beeinflussungs- oder Verursachungsthesen zu überzeugen. Es reicht nicht irgendeine vage Kontinuität, keine Modifikation, nicht einmal die direkte kausale Beziehung. Stattdessen brauchen wir irgendein “Naturgesetz des islamischen Terrors”. Ein solches Terrornaturgesetz kann natürlich ganz unterschiedliche Formen haben und hier tun sich nun in der Tat viele argumentative Möglichkeiten auf: Dieses Gesetz kann z.B. den Charakter einer einfachen Daumenregel haben, es kann im Normalfall gelten oder es kann ein striktes, ausnahmsloses Gesetz sein.

Es würde mich überraschen, aber nicht überzeugen, wenn man versuchen wollte ein solches striktes Terrornaturgesetz zu finden, denn strikte, ausnahmelose Gesetze sind selbst in den Naturwissenschaften schwer zu finden. Auch das Wasser in unserem Wasserkessel fängt nur dann zu kochen an, wenn der Kessel z.B. nicht zusätzlich gekühlt wird. Auch dieses Gesetz ist also nicht strikt.

Auf eine einfache Daumenregel könnte ich mich allerdings durchaus einlassen. Die würde nämlich z.B. so ausschauen: “Es ist gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass Leute, die so drauf sind wie der Atta und in einer ähnlichen Situation stecken und auch Muslime sind, selbst Terroranschläge begehen werden.” Erneut frage ich mich aber, wie man hiermit zugleich plausibel und transparent unsere zentrale These begründen könnte.

Wir enden beim Normalfall. Wir nehmen dazu einfach ein striktes Gesetz und hängen die Klausel “im Normalfall” hinten dran. “Der islamische Glaube einer Person mit den häufig vorkommenden Merkmalen a,b,c führt in den häufig vorkommenden Umständen x, y, z notwendigerweise dazu, dass diese Person grausame Gewalttaten begeht, solange keine außergewöhnlichen Umstände vorliegen.” Diese Zusatzklausel ist natürlich höchst umstritten, aber das ignorieren wir jetzt mal. Die Frage bleibt: Wie können wir diese These (auch wenn nicht gesagt werden muss, was der Normalfall ist) überhaupt begründen?

Was sind Wesenseigenschaften?

Hier bin ich (dessen Aufgabe das nun eigentlich wirklich nicht sein sollte) nun auf die geniale Idee mit den Wesenseigenschaften gekommen. Denn wenn man davon ausgeht, dass der Islam a) unveränderliche Eigenschaften besitzt und man b) zeigen kann dass es typische Fälle gibt, in denen diese Eigenschaften allein ausreichend waren, um Gewalttaten zu verursachen, dann ist das Terrornaturgesetz und der Sieg über meine Besserwisserei in der Tat nicht mehr weit.

Was sind nun eigentlich Wesenseigenschaften? Eine Eigenschaft ist genau dann eine Wesenseigenschaft für ein Individuum, wenn dieses Individuum nicht länger denselben Namen verdient hätte, wenn es diese Eigenschaft nicht hätte. Elvis wäre kein Elvis ohne Schmalzlocke und Hüftschwung. Hitler kein Hilter ohne Judenhass und Größenwahn. Das kann man auch auf Gegenstandsarten übertragen: Eine Oper, in der nicht gesungen wird, ist keine echte Oper mehr. Ein Fussballspiel ohne Ball ist kein Fussballspiel mehr. Oder wie Eva vielleicht sagen würde: Jemand ist nicht mehr preußisch, wenn sie nicht diszipliniert und autoritätshörig ist, jemand ist nicht erzkatholisch, wenn er nicht den Papst verehrt usw.

Ich habe nun behauptet, dass Weltreligionen keine Wesenseigenschaften haben, die ihre Anhänger zu Gewaltbestien werden lassen können, ganz einfach deswegen nicht, weil die Wesenseigenschaften von Weltreligionen von ganz anderer Art sind, als die Wesenseigenschaften von so einfachen Dingen wie “der Kommunismus im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts”, “die katholische Religion im Italien des Mittelalters”, “die preußische Mentalität” usw. Wesenseigenschaften von Weltreligionen bestehen aus nicht viel mehr als “Buddhistisch ist eine Religion wenn in ihr irgendein Mensch Buddha genannt wird und verehrt wird”, “Christlich heißt eine Religion, wenn in ihr irgendein Mensch Jesus genannt wird und verehrt wird”.

Das hat bei Eva viel Verwirrung hervorgerufen, weil sie dachte, ich wolle a) abstreiten, dass Religionen das Verhalten ihrer Anhänger beeinflussen (dass ihre Religion sie z.B. zu Gewaltbestien werden lasse) und b) dass Religionen in und während einer bestimmten Zeit ganz charakteristische Eigenschaften besitzen. Beides liegt mir total fern. Aber Aussagen über Wesenseigenschaften sind modale Aussagen: Sie handeln nicht von einem Gegenstand an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie reden darüber, was überhaupt möglich ist. Sie sagen z.B., dass eine Religion (gleichgültig wo und wann oder ob in einer Phantasiewelt) nicht islamisch sein kann, wenn in ihr kein Mensch verehrt wird, der Mohammed heißt.

Zurück zu unserem eigentlichen Thema: Von Wesenseigenschaften habe ich gefaselt, weil man sie meiner Meinung nach gut gebrauchen kann, um Terrornaturgesetze transparent zu begründen. Ich will nicht ausschließen, dass man das auch auf andere Weise transparent machen kann. Aber mir ist wirklich einfach nicht klar, wie das geschehen soll und mir hat das leider bisher auch noch niemand versucht klar zu machen. Und deswegen endet hier unser kleiner Kurs “Wie man Christian Voigt überzeugen kann”. Man soll es seinen Gegnern ja auch nicht zu einfach machen. Dann sind sie nachher so gelangweilt von ihrer Aufgabe, dass sie keine Lust mehr haben zu antworten.

Kurzer Zwischenruf in die „Islamdebatte“

von Eva von Redecker
Montag, 10. Dezember 2007

Ich möchte mal ein paar Dinge aufrufen, die meiner Meinung nach wichtig sind, gerade aber in der Debatte untergehen. Die Thesen, die mehr Christian betreffen, sind, zusammengestutzt:
- Man kann auch von „islamtypischen“ Zügen sprechen, wenn man von deren historischer bzw. lokaler Veränderbarkeit ausgeht
Zum Verständnis von politischen Zusammenhängen wie Terrorismus ist deshalb (auch) eine Analyse religiöser Denkmuster sinnvoll.
- Claudias Kritik ist auch ohne den extremen Essentialismus, gegen den Du argumentierst, machbar.

Das zugestanden hege ich nichtsdestotrotz Bedenken gegen Claudias dankenswert provokatives Projekt:
- Vor Pauschalisierungen muss man sich nicht nur aus Realitätstreue hüten, sondern auch, weil die eigene Analyse immer auch selbst einen „interkulturellen“ Kommunikationsakt darstellt. Deshalb sollte man sich Gedanken machen, auf welche Weise man diese ausführt.
- Dazu sage ich dann ziemlich viele Aspekte durcheinander, was wohl als Mischung von postkolonialen Skrupeln, Anerkennungstheorie und Bergpredigt ersichtlich wird, wobei ich allerdings (etwas doppelmoralisch hinsichtlich des angeblich Antimissionarischen) darauf insistiere, dass letztlich auch die praktischen Ziele der Kritikerin auf „meine Weise“ eher erreicht würden.

Ich glaube allerdings, dass es das Handeln von Menschen beeinflusst, ob sie an Jesus oder Buddha glauben. Oder genauer (jetzt schwenke ich vom Religiösen über ins Kulturelle): Ob sie in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem fast alle Rituale, Narrative, Kunstwerke und das Selbstverständnis der Eltern/Lehrer/Vorbilder (will sagen: „der Diskurs“) von bestimmten Wertmustern geprägt/strukturiert sind. Es ist keine leere Beschreibung (natürlich auch keine umfassende), zu sagen, meine Großmutter sei preußisch-protestantisch oder dass meine Freundin erzkatholisch erzogen worden ist. Allerdings ist es, zumindest bis wir den nächsten unbekannten Indianerstamm im Dschungel der Ahnungslosen entdecken, auch nicht (mehr) möglich, schön seperate Sets zu finden (die dann tatsächlich umfassend Verhalten beschreiben oder sogar vorhersagen ließen). Aber man kann ja auch Melangen beschreiben. Gut möglich, dass es ein paar islamische Grundmuster gibt, die sehr persistent wieder auftauchen. Dann finde ich es unproblematisch sich auf die zu beziehen – aber unmöglich, sie zum unveränderlichen Wesen zu erklären oder zur alleinigen Determinante. Überhaupt geht es ja bei der gegenwärtigen Kommunikationslage auf der Welt immer auch um Reaktionen auf sogenannte westliche Güter wie Popkultur, Technologie, Konsum-Kapitalismus und was man immer so aufzählt. Bzw. deren je spezifische Aneignung.

Ich bin überzeugt, dass man weiter käme, und mit mehr Gewinn analysierte, wenn man die lokalen Phänomene immer als allgemein Menschenmögliches versteht, nach dem Motto: „Wer so und so ein Ehrkonzept, diese Phantasie von Männlichkeit, jenes Kränkungs-Szenario und diese Mittel hat, verhält sich so:“ Ein spezifisches Jenseitsversprechen spielt vielleicht eine Rolle – aber damit allein ist immer noch nicht geklärt, unter welchen Bedingungen jemand sich dem verschreibt. Es lassen sich offenkundig nicht alle Muslime in die Luft sprengen und nur die allerwenigsten Christen folgen freiwillig dem Neutestamentarischen Armutsgebot. Überhaupt finde ich es viel erhellender die Parallelen so zu ziehen, dass die ganze Debatte auch uns selbst angeht. Meine Urgroßväter haben sich zum Beispiel ohne Jenseitsversprechen aus reinen Ehr- und Männlichkeitsdynamiken duelliert und ich habe gerade in einem Briefwechsel des renommierten, sozialdemokratischen Theaterkritikers und Sprachwissenschaftlers Fritz Mauthner (Herbst 1914) gelesen, er würde ohne zu zögern, wenn er es nur könnte, mit einem Fingerdruck ganz England in die Luft sprengen. Er hat das auch mehrfach in seinen Tagebüchern wiederholt. Er konnte nicht. Die 9/11 Piloten konnten, dank „unserer“ Technik, Expertise und Kommunikationsstruktur. Bevor ich mich jetzt von den jüdischen Massenselbstmördern in Massada 73 nach Christi bis zu Jeanne d’Arc und dem Schützen von Erfurt durch unsere Kultur durchlabere, die ohnehin klare These: Ich halte es für aufschlussreicher, menschliche als muslimische Züge als Wurzel des Selbstmordattentats anzusetzen. Was nicht heißt, dass es ausgeschlossen ist, dass, neben dummdreister Supermachtpolitik, modernetypischer Radikalisierung Entwurzelter und technischer Machbarkeit bestimmte „typisch islamische“ Muster dieses Potenzial befördern.

Jetzt ein Punkt, der gewöhnlich von den von mir gar nicht so verachteten „postmodernen Relativisten“ vertreten wird, den man aber auch pragmatisch-strategisch wenden kann: Aufklärung hat sich an die eigene Kultur zu richten. Alles andere ist fruchtlose Polemik, deren eigentliche Funktion sich in polarisierender Selbstrechtfertigung erschöpft. (Wer einwendet, sich in einer einzigen Globalkultur zu befinden, müsste konsequenterweise ebenso die Adresse an den „orientalen Anderen“ aufgeben.) Wenn Lessing die lutherische Orthodoxie und Nietzsche sein heimatliches Pfarrhaus attackieren, kann daraus was werden. Kant hatte recht mit dem „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“. Von der sehe ich auch um mich herum noch genug, um als Schreiberin nicht arbeitslos zu werden. Die Islamkritikerin könnte jetzt einwenden, es ginge um die Befreiung von bestimmten Illusionen, die wir (die ich…) mir zum Beispiel hinsichtlich multikultureller Gesellschaft machen. Das wäre schlau. Darüber könnten wir dann streiten. Aber sie kann nicht behaupten, ein noch so scharfsinniger Blogeintrag hätte auch nur einen einzigen Muslimen für die „westliche Werteordnung“ eingenommen; hätte irgendwie genützt im „Kampf gegen den Terror“. Wenn man den anstehen sieht, muss man auch verraten, wie man ihn führen will. Vermutlich nicht per Atombombe. Im Ernst: Wenn ich Muslimin wäre, ich hätte angesichts genau dieser Debatten in den letzten Jahren in Deutschland aus reinem Trotz angefangen, Kopftuch zu tragen.
Wozu also der Aufruhr? Natürlich ist es bestürzend, wie gefährdet die meist sowieso schon ins Exil geflohenen Kritiker „aus den eigenen (muslimischen) Reihen“ sind. Aber man unterstützt ihre Bemühungen überhaupt nicht, wenn man die mythologisierend-vereinheitlichende Definition der Fundamentalisten übernimmt und beschließt, sie gehörten längst nicht mehr zu „dem Islam“. Das sagt z. B. auch Azar Nafisi, ansonsten keinerlei Postmodernismus verdächtig. Ein anderes Beispiel für wirksame Aufklärung finde ich das Projekt der Boroumand-Schwestern, Töchter eines ermordeten iranischen Oppositionellen, die auf ihrer Homepage nicht nur eine Sammlung aller Regimeopfer-Geschichten anstreben sondern auch eine Datenbank mit demokratietheoretischen Texten haben, die unglaubliche Download-Zahlen im Iran verzeichnen kann. Wenn, dann ändert so etwas was, und nicht die rhetorische-Keulen-Produktion alter weißer Männer ums Pentagon oder ein Asian-Times-Onlineredakteur, der unter mehr als zweifelhaftem Pseudonym eine abgehalfterte Dekadenztheorie verkündet.
Was berechtigt uns überhaupt dazu mit stärkstem Kaliber auf ein vermeintlich gefährliches Gegenüber loszugehen, wenn das doch zweifelsohne nur Öl in das Feuer seiner eigenen Komplexe gießt und die Lage verschlimmert? So wird die Kulturkritik zwar zur selffullfilling prophecy, aber der Freundlichkeit, für die wir kämpfen wollten, sind wir selbst verloren gegangen.
Ich bin ziemlich optimistisch, was die Veränderungskraft von Dialogen angeht, aber ein Dialog, in den man mit einer bereits gefertigten Meinung über das Gegenüber eintritt und ohne die Bereitschaft, ihn auch selbst gewandelt zu verlassen, ist überhaupt keiner. Was ist denn überhaupt schon versucht worden an echter Verständigung? Es gibt Foren, in denen solche Meinungsbesitzer mit beeindruckender Brillianz spiegelfechten. Warum hat nicht jedes Schulkind statt Hausaufgaben einen Blog-Austausch mit, z.B., einem Palästinenserkind? Warum wird nicht immer wieder gefragt: Wer seid ihr? Was wollt ihr? Wie können wir zusammen leben? Ich glaube am Ende solcher Gespräche hätte man weniger Fundamentalisten als am Anfang.
Wenn ich irgendetwas sehe, womit ich mich in unserer Kultur identifiziere, dann sind das Werte wie Demokratie und Freiheit. Das heißt im Grunde: Das kontinuierliche Bemühen, Exklusion entgegenzuarbeiten. Man braucht darum nicht romantisch alles Fremde für heilig zu erklären, aber es erst mal anzuerkennen und einzubeziehen scheint mir in der Tat ein Imperativ für jeden, der es mit der Freiheit ernst meint. Das ist natürlich immer riskant, aber ich lasse mich wirklich lieber ab und zu auf der Strasse von Araberlümmeln als „eklige Lesbe“ anpöbeln, als meine Ruhe genau jenem Mechanismus zu verdanken, gegen den ich einen Gutteil meiner Zeit selbst agitiere: präventivem Ausschluss. Und nur bei dieser prekären Nähe ergibt es sich eben auch, dass der 12jährige Ali Samstag morgens mit Hannes und mir Basketball bolzt, mich noch reichlich ironisch anfeuert, „für die Ehre der Frauen“ auf den Korb zu zielen, aber nach ein paar Treffern plötzlich seine in Kopftücher gepackte Schwester zum Mitspielen auffordert. Ich glaube, dass es aussichtsreicher ist, den neuen Migranten zu sagen: Herzlich willkommen, dies ist ein freies Land, hier kann jeder leben, Christen und Moslems und Homophobe und Schwule, anstatt ihnen die berüchtigten Fragebögen vorzuhalten. Je weniger sich jemand angegriffen fühlt, umso flexibler die Identität. Im Grunde bin ich ja total überzeugt, dass immer die freiere, lustfreundlichere, offenere Kultur attraktiver ist. Arbeiten wir doch daran, ihre Qualität zu steigern und ihre Verlockungen vorzuführen, anstatt ihre „Feinde“ zu etwas Unwandelbarem zu hypostasieren.
Nur um auch noch mal eine Chefideologin anzuführen - dies Butler-Interview erscheint mir ziemlich viel bedenkenswertes zu enthalten.

Warum es die Märtyrer trotzdem tun…

von Claudia
Montag, 3. Dezember 2007

In den Kommentaren zum Islamofaschismusartikel äußerte Claudia eine sehr generelle Kritik am Islam, die mir sehr unplausibel erschien. In der Folge verteidigte Claudia ihre Position in einem eigenen Gastartikel, auf den ich in einem weiteren Artikel geantwortet habe. Der vorliegende Gastartikel eröffnet nun die zweite Runde dieser Diskussion. Meine Antwort wird in einigen Tagen folgen. CV

Also gut, Christian. Da Du mein beharrliches Hinweisen auf die Analysen des Kommentators, der auf Asia Times als Spengler schreibt, weiterhin ignorierst, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als seine Erkenntnisse hier zu paraphrasieren, wobei zu fürchten steht, dass ich es in Prägnanz und Witz nicht mit ihm aufnehmen kann.

Es geht weder ihm, noch mir darum, ein für alle mal zu beweisen, dass das „innerste Wesen“ des Islam gewalttätig, grausam und intolerant sei, selbst wenn der Islam damit nicht falsch beschrieben ist. Vergleichbares ließe sich auch über den Aztekenkult sagen und es wäre genauso banal und sinnlos. Allein diese Botschaft hätte aus Mohammed schließlich keinen erfolgreichen Religionsgründer gemacht. Um eine Religion zu verstehen, muss man sich klar machen, welche Antworten sie auf die ewiggleichen Fragen gibt. Sind wir ein Nichts, Stäubchen der Vergänglichkeit? Oder haben wir eine Chance ewig zu leben und der Auslöschung von allem was uns jemals wichtig war, denn das dies alles einmal vergessen sein wird, steht fest, zu entgehen?

Je plausibler die Antwort ausfällt, umso zählebiger die jeweilige Religion. Von daher kann Mohammed also nicht alles falsch gemacht haben. Spengler formuliert es wie folgt:

„But what is it that God demands of us in response to our demand for eternal life? We know the answer ourselves. To partake of life in another world we first must detach ourselves from this world in order to desire the next. In plain language, we must sacrifice ourselves. There is no concept of immortality without some concept of sacrifice, not in any culture or in any religion. That is a demand shared by the Catholic bishops and the Kalahari Bushmen.”

Welches Konzept bietet der Islam hier an? Die lebenslange Opferung der eigenen Freiheit, durch die vollkommene Unterwerfung unter den Willen Allahs, welcher zweifelsfrei im Koran und durch das Vorbild des Propheten (die Sunna) offenbart wurde. Oder den Märtyrertod. Dieser hat den Vorteil, dass man der Gefahr entgeht, in einem schwachen Moment zu sterben, d.h. wenn man sich gerade mal nicht an die Gebote gehalten hat - für Muslime ein echter Horror. Denn Allahs Barmherzigkeit reicht nur soweit, den Gläubigen zwar eine unfehlbare Anleitung ins Paradies zukommen zu lassen, mit den Schwierigkeiten der strikten Befolgung muss sich der Einzelne aber allein abplagen.
Der Märtyrertod dagegen ist sicher, man stirbt im Moment der Willenserfüllung und kommt ohne Umschweife ins Paradies, so hat es Mohammed mehrmals zugesichert und daher spricht Spengler auch vom sacrament of jihad. Die vollkommene Selbstaufgabe ist zugleich die großartigste Möglichkeit der communio mit Allah und der Eintritt vom Diesseits ins Jenseits.

Zwischen diese beiden Polen schwankte der Islam immer schon. Ist die Ummah in jedem Moment aufgerufen den Jihad voranzutreiben oder gibt es dafür gewisse Grenzen, etwa territoriale oder strategische? Dass darüber in der islamischen Geschichte nie Ruhe eingekehrt ist, lässt sich ganz gut an einem einführenden Werk des renommierten Islamwissenschaftlers Tilman Nagel nachvollziehen, dass da schlicht “Geschichte der islamischen Theologie” heißt.

Als rund zwei Jahrzehnte nach dem Tod Mohammeds ein Bürgerkrieg um die rechtmäßige Nachfolge des Propheten beginnt und die Logik des „Recht hat, wer gewinnt“ erste muslimische Opfer fordert, kommen Bemühungen auf, den aggressiven Jihad einzudämmen.
„Wer seinen Glauben nicht mit der Waffe in der Hand bekennt, sondern Zurückhaltung übt, vollzieht eben – vergleichbar den einst von Mohammed getadelten Beduinen – nur die alltäglichen Riten; ohne seine Überzeugungen fahren zu lassen, findet er sich zumindest auf weiteres damit ab, dass die politischen Umstände seines Daseins nicht mit den Erfordernissen seines Glaubens völlig zur Deckung zu bringen sind.“ Und weiter: „Auch im Schiitentum werden wir den vorübergehenden Verzicht auf Umsturz des Bestehenden kennen lernen. Obwohl nach dem Vorbild der Urgemeinde „Glaube“ und „Staat“ eins sein sollen, nimmt man ihre Zweiheit murrend hin. Doch kann immer wieder eine Lage eintreten, in der sich ein Bürgerkrieg gegen die Herrschenden und gegen die Muslime anderer Richtungen entfachen lässt – mit dem Ziel der Wiederherstellung jener Einheit von „Glaube“ und „Staat.““ (S. 53). Und das 1994, von einem politisch unverdächtigen Autor!

Im Verlauf seines Buches erklärt Nagel anschaulich die daraus folgende Dynamik im Aufstieg und Fall islamischer Herrscher. Immer wieder spielte der Mythos von der Wiederherstellung der Urgemeinde dabei eine entscheidende Rolle für die jeweilige Opposition. Eine erfolgreiche Rebellion und Neuinstallierung der Herrschaft hing meist maßgeblich davon ab, ob sich die Bewegung als frommer Widerstand gegen religiös korrumpierte Usurpatoren darstellen konnte. Zuletzt war dieses Muster bei der Gründung Saudi-Arabiens durch den ehemals von den Osmanen eingesetzten Emir Abd al-Aziz ibn Saud aktiv, der mit den fundamentalistischen Wahabiten eine motivierte und schlagkräftige Anhängerschaft hinter sich hatte und dadurch einen Herrschaftsanspruch im Land der heiligen Stätten erkämpfen und legitimieren konnte.

Soweit dazu - was waren noch mal Deine Argumente? Ach ja, dieser Roy. Obwohl er schon in dem von Dir verlinkten Artikel viel Stuss verzapft hat, hab ich mir auch noch das Berkeley-Video und sein barbarisches Englisch reingezogen. Mir wurde allerdings einfach nicht ersichtlich, was an seinen Äußerungen voll Banalitäten und Globalisierungs-allgemeinplätzen unser Thema berührt.

Was Du von ihm zitierst, ist aber so verblendet, dass ich es gern noch mal anführe. Also, in der „Islamisierung drückt sich die Verwestlichung der islamischen Welt aus“? Jaja, die Saudis, die Afghanen, die Iraner – die pure Verwestlichung. In dieser Logik hat Atatürk die Türkei also veröstlicht als er seine gewaltsame Säkularisierung eingeleitet hat? Aber halt, jetzt kommt schon der nächste Schritt:
„Die kulturalistische Diskussion um das innerste Wesen des Islam führt dazu, dass immer schon von einem Dualismus zwischen westlicher und östlicher Welt ausgegangen wird.“
Pfui, pfui! Werden da etwa irgendwo von irgendjemandem Unterschiede benannt, die in der Realität auch so bestehen? Aber nein, das kann doch kein Ansatz sein, stattdessen müssen wir begreifen, dass alles nur eine Projektion nach außen war, wir müssen die „Probleme des Islam als unsere eigenen Probleme wieder erkennen“.

Anstatt die Islamkritiker zu therapieren, sollte Roy diese Hilfsmöglichkeit vielleicht selbst nutzen, um zu lernen, dass die Außenwelt nicht immer nur ein Spiegel unserer selbst sein kann, sondern auch für sich, nach eigenem Recht besteht. Dass zu leugnen lässt auf tief liegende narzisstische Probleme schließen, die das logische und rationale Vermögen schon mal einschränken können.
Warum born-again christians sich nicht in die Luft sprengen, um gegen den Unglauben oder gar die Katholiken zu kämpfen, wird durch sein relativistisches Geschwafel jedenfalls nicht erklärt.

Zum gelungenen Reformislam: momentan seh’ ich keinen, nirgends. Zumindest, wenn gelungen bedeuten soll, dass der Reformer auch ein paar Anhänger hat. Sorusch mag in manchen Dingen ein Kritiker des iranischen Regimes sein, mehr auch nicht. Ob ihn das von der Schuld loskauft, Ideologe einer blutigen Revolution gewesen zu sein, die eine barbarische Theokratie errichtet hat, in der er immerhin bis 1996 durchgängig gelebt hat, steht auf einem anderen Blatt. Seine Gewissensbisse scheinen ihn einem mystischen Schiismus zugetrieben zu haben, der sein geistiges Leben traditionell als unwichtige Sekte fristet.
Wie er es mit dem Liberalismus nun so genau hält, ist schwer zu sagen, jedenfalls lag es ihm in dem von Dir ausgewählten Interview offensichtlich am Herzen, ein paar antiwestliche Ressentiments abzulassen. Dass er aber dennoch ein paar heikle Dinge angepackt hat, lässt sich untrüglich daran feststellen, dass ihm einige seiner Mitbrüder bereits nach dem Leben trachten . Ich schätze deswegen: „Wie der Prophet gehandelt hat, gehört seiner Epoche an, ist aber kein Vorbild, dem spätere Generationen folgen müssten“
Solange ich nichts anderes von ihm weiß, sehe ich dennoch keinen Grund anzunehmen, dass in seiner „Vertragsdemokratie“ nicht selbstverständlich die Scharia gelten soll. Vielleicht weiß er es aber auch selbst nicht so genau.

Deine zweite islamische Referenz hat einen noch schlechteren Eindruck auf mich gemacht. Erstens ist El Fadl ein Lügner und zweitens wird er auch von niemandem mit dem Tode bedroht.

Das:

„Im Konzept des Dschihad wird der Krieg immer als etwas Böses angesehen, als Übel, das nur in Kauf zu nehmen ist, wenn es keine andere Wahl gibt. Nur unter einer einzigen Bedingung kann Krieg gerechtfertigt werden: Wenn er dazu dient, Muslime aus der Tyrannei zu befreien oder sie vor Angriffen zu schützen. Darin besteht das Konzept des Dschihad.“

nennt man taqiya.

Widerlegenn kann man El Fadl vielfach. Ich habe ein paar gute Artikel dazu herausgesucht von Tilman Nagel und Daniel Pipes( www.DanielPipes.org ), dem Gottseibeiuns der amerikanischen Islamkritik.

Nagel über den Jihad
Nagel über Gewalt gegen Andersgläubige
jihad through history
what is jihad

Nochmal: es geht nicht darum, das bisweilen unorthodoxe oder die eigenwillige
Herangehensweise der Islamisten zu negieren, aber darum, dass sie dennoch echte Kinder des Islams und seiner Märtyrerspiritualität sind, die zu allen Zeiten der islamischen Geschichte zentral war. Von der legitimen Ausbreitung der eigenen Religion mit Gewalt bis zu heutigen Guerillataktiken einer inzwischen politisch und technologisch hoffnungslos unterlegenen Kultur, die sich im Existenzkampf wähnt, führt ein direkter Weg.