Erklärt die Neuroökonomie uns die Welt?
20. November 2007Christian Voigt
Eine nette Idee ist das in der FAZ: Regelmäßig versucht sie uns die Welt zu erklären. Diesmal widmet sie sich der Frage, warum wir, wenn wir die Wahl zwischen qualitativ gleichwertigen Produkten (z.B. Jeans) haben, dennoch häufig bereit sind, allein für den Markennamen des einen Produkts hundertmal mehr Geld auszugeben als für das Produkt ohne Namen.
Das ist eine gute Frage. Was erwarten wir von einer guten Antwort? Wir erwarten uns z.B. von ihr, dass sie uns etwas Interessantes über uns erzählt, etwas, das wir benutzen können, um dieses Verhalten einzuschätzen und dann zu bewerten.
Patrick Bernau von der FAZ meint, dass die Neuroökonomie zuständig für die Beantwortung dieser Frage sei. Das fand ich interessant, weil ich bis heute nicht wusste, dass es überhaupt eine derartige Disziplin gibt.
Was sind die Antworten der Forscher “an den renommierten Universitäten von Stanford, Pittsburgh und dem Massachusetts Institute of Technology”? Handelt es sich um gute Antworten?
Die Antwort auf die Frage, warum wir so handeln, besteht merkwürdigerweise in nichts weiter als Ortsangaben. Wir handeln so, weil im Lustzentrum unseres Gehirns etwas passiert, was irgendwie stärker ist als das, was im Schmerzzentrum passiert. Lassen wir die Orstangaben weg, dann bleibt als Antwort nichts weiter als: Wir handeln so, weil wir uns gefühlsmäßig (impulsiv) entschieden haben so zu handeln (”entscheiden” in einem ganz schwachen Sinne), bzw. weil es uns ein gutes Gefühl gibt. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern die Ortsangaben, die die Neuroökonomie dieser Antwort hinzufügt, uns in irgendeiner Weise weiterhelfen.
Noch irreführender wird diese Antwort aber durch einen popularisierenden Vergleich: Das, was in unserem Gehirn vorgehe sei so, wie wenn im Film Engelchen und Teufelchen auf den Schultern eines Protagonisten um seinen Willen kämpften.
Diese Analogie ist irreführend, weil Engelchen und Teufelchen im Film Homunculi sind: Sie sind intelligente, sprachbegabte Wesen mit Bewußtsein und Gefühlen. Würde uns die Entscheidung, einen teuren Markenartikel zu kaufen, wirklich mithilfe von Teufelchen und Engelchen erklärt werden, wäre das sehr viel hilfreicher, als der Verweis auf Gehirnregionen. Denn dann würden Engelchen und Teufelchen Argumente austauschen.
Die Teufelchen-Engelchen-Erklärung ist eine gute Erklärung, weil sie unsere eigenen bewußten Entscheidungsprozesse wiederspiegelt, weil sie uns die Diskussion darstellt, die eine Person mit sich selbst führen kann. An eine solche Diskussion können wir anknüpfen, wir können die vorgebrachten Argumente kritisieren, unterstützen und angreifen.
Die im Artikel erwähnten Hirnregionen werden aber nicht auf diese Weise beschrieben: Es werden ihnen weder Intelligenz, noch Sprachbegabung, noch Gefühle zugeschrieben. Und so können diese Hirnregionen auch keine Argumente austauschen. Die neuroökonomische Erklärung hat also eigentlich überhaupt nichts mit der Teufelchen-Engelchen-Erklärung gemein.
Man verstehe das nicht falsch: Diese Überlegungen sollen nicht zeigen, dass neurologische Erkenntnisse generell keine guten Antworten auf solche Fragen geben können. Angenommen die Neuroökonomie hätte herausgefunden, dass wir nur dann fürs Markenkaufen belohnt werden, wenn die Marke bestimmte klar umrissene Bedingungen erfüllt. Dann hätten wir in der Tat etwas über uns erfahren.
Aber der FAZ-Artikel weckt nur den Anschein, solche Ergebnisse zu referieren. Es werden zunächst alle möglichen Versprechungen und Assoziationen aufgezählt, die eine Marke bei uns hervorrufen kann. Diese Liste ist so offen, dass anscheinend alles Mögliche unser Lustzentrum erregen kann. Es wird eine einzige Einschränkung gemacht: “Dagegen reicht es nicht, wenn uns ein Produkt gefällt oder wir es mögen. Dem Buchladen um die Ecke zum Beispiel hilft es nur selten, dass er uns so sympathisch ist. Sympathie und Belohnung seien eben in zwei unterschiedlichen Gehirnbereichen angesiedelt”.
Alles, was hier ausgeschlossen wird, ist ein vager Begriff von Sympathie. Ansonsten scheint es so zu sein, dass prinzipiell jeder Wert oder jede positive Erwartung Belohnungen in unserem Lustzentrum auslösen kann. Die eigentliche Erklärung ist dann aber nicht die Belohnung in unserem Lustzentrum, sondern der Wert oder die Erwartung, der oder die uns zum Kauf überzeugte. Und welche Werte uns wann zum Kauf überzeugen, darüber wird die Neuroökonomie kaum generell etwas Interessantes sagen können, solange sie uns nicht alle ständig unter neurologischer Dauerbeobachtung hält. Der hinzugefügte Hinweis auf den Ort, wo das alles kausal stattfindet, ist dabei wenig hilfreich.
Deswegen ist dieser Artikel ein Beispiel dafür, wie der neurobiologische Verweis auf Hirnregionen neuerdings als Pseudoerklärung akzeptiert wird, ohne danach zu fragen, ob dieser Verweis die gestellten Fragen überhaupt beantwortet. Um selbst einmal eine Analogie zu wagen: Das ist so, wie wenn man auf die Frage, warum die Nazis Antisemiten waren, darauf verweist, dass Hitler in Berlin gewohnt habe.

Der eigentliche Skandal der Neurobiologie liegt in einem ganz anderen Bereich, wenn ich das alles richtig verstanden habe. Kurz gefasst: Das Mögen ‘regiert’, die Vernunft ‘argumentiert’ (Maturana). M.a.W.: Wir können keine vernunftbasierten Entscheidungen treffen, sondern unser Verlangen (’Wille’ würde Schopenhauer sagen) entscheidet, die Vernunft kommt dann mit dem Handfeger der Rationalität hinterhergewackelt und fegt jene Logikbausteine zusammen, die uns erklären könnten, weshalb wir so und nicht anderes gehandelt haben. So etwas spricht natürlich allen Konzepten vom ‘freien Willen’ Hohn - und damit unserem Rechtssystem und noch einigem mehr. Weiterhin soll das neurochemische System sein Vorgehen ‘rückdatieren’ können (Gerhard Roth): In der neurobiologischen Realität handeln wir erst und beschließen dann, während es uns immer so erscheint, als hätten wir erst beschlossen und dann gehandelt.