Ehrenmorde und Anführungszeichen
Ein paar Bemerkungen zur Distanzierung von Begriffen

13. November 2007
Matthias Kiesselbach

Wenn im Namen der Ehre gemordet wird, dann ist in der Presse selten von “Ehrenmord” die Rede. Stattdessen lesen wir fast immer von “sogenanntem ‘Ehrenmord’”. Wir haben es hier mit einem der Fälle zu tun, in denen sich Sprecher von Begriffen distanzieren wollen, die sie aber trotzdem benutzen. Ich nehme die Anführungszeichen um den Ehrenmord hier zum Anlass, einmal zu untersuchen, was es mit der Distanzierung von Begriffen eigentlich auf sich hat.

I. Inadäquate Begriffe

Es ist üblich zu sagen, dass sich Sprecher von einem Begriff distanzieren, wenn sie sich mit seiner impliziten “Wertung” nicht identifizieren. Dies ist allerdings eine zu simple Erläuterung. Ein wenig genauer gesagt wird eine Distanzierung von einem Begriff immer dann notwendig, wenn sich die Anwendungsbedingungen und -konsequenzen, die zusammen den Begriff ausmachen, in ihrer Kombination als praktisch inadäquat erweisen.

Was bedeutet es, dass Begriffe — solche Dinge wie “ist grün”, “ist nett”, “sieht aus wie ein Hund” oder “hat einen miesen Charakter” — verstanden werden können als Bündel von Anwendungsbedingungen und -konsequenzen? Nun, wenn ich weiß, dass unsere Nachbarn einen Rottweiler haben, der Hasso heißt, dann legt mich dieses Wissen auf das Urteil “Hasso ist ein Hund.” fest. Zu den Anwendungsbedingungen des Begriffes Hund gehört also die Wahrheit eines Rottweiler-Urteils, oder auch: aus “X ist ein Rottweiler” folgt “X ist ein Hund”. Wenn ich nun aber mein Hunde-Urteil ausspreche, so lege ich mich damit nicht nur darauf fest, dass Hasso ein Hund ist, sondern unter anderem auch darauf, dass Hasso ein Säugetier ist. Werde ich danach gefragt, so habe ich jedenfalls allen Grund, auch dem Urteil “Hasso ist ein Säugetier” zuzustimmen. Dies ist eine der Anwendungskonsequenzen der Begriffs “ist ein Hund”. Man sieht, dass man die Anwendungsbedingungen auch als einen Teil meiner ”Berechtigungen” bezeichnen kann (denn meine Aussage über Hassos Mitgliedschaft im Club der Hunde berechtigt mich zum genaueren Urteil “Hasso ist ein Rottweiler” — es sei denn, ich habe mich schon auf andere Urteile festgelegt, die damit inkompatibel sind), in den genannten Anwendungskonsequenzen aber “Verpflichtungen” sehen muss (denn wenn ich Hasso einen Hund nenne, so bin ich verpflichtet, ihn auch ein Säugetier zu nennen).

Gegen die Berechtigungen und Verpflichtungen kann ein Sprecher nur auf Kosten seiner eigenen Verständlichkeit verstoßen. Weigert sich zum Beispiel ein Sprecher, der Hasso gerade als Hund bezeichnet hat, dem Säugetier-Urteil zuzustimmen, oder sagt er etwas, wozu ihn die Rede von “Hund” nicht berechtigt — zum Beispiel “Hasso ist nur durch eins und sich selbst teilbar.” — so kann er nicht das gemeint haben, was wir normalerweise mit “Hund” meinen. Vielleicht spricht er eine andere Sprache und meinte mit “Hasso” “sieben” und mit “ist ein Hund” “ist eine Primzahl”. Vielleicht hat er aber auch einfach Quatsch geredet. Letzteres kommt bekanntlich nicht selten vor.

Mit dem hier angedeuteten Verständnis von Begriffen können wir nun sagen, warum wir uns manchmal von Begriffen distanzieren wollen. Denn manchmal geraten verschiedene unserer vielen Begriffe in Konflikte miteinander, sodass wir zu Urteilen getrieben werden, zu denen wir sowohl verpflichtet als auch unberechtigt sind. Wenn das passiert, dann müssen wir uns von mindestens einem der Begriffe trennen, die für dieses Durcheinander verantwortlich sind. Einfache Beispiele dieses Phänomens liefern rassistische Bezeichnungen. Nehmen wir das von Michael Dummett bekannt gemachte Beispiel “boche” — ein abwertendes Wort, mit dem in Frankreich traditionell Deutsche bezeichnet werden. Seinem eigenen Anspruch gemäß muss es immer dann verwandt werden, wenn jemand die deutsche Nationalität hat. Wenn wir also von Peter wüssten, dass er einen deutschen Pass hat, so müssten wir dem Urteil “Peter ist ein boche” zustimmen. Andererseits verpflichtet uns dieses Urteil aber zur Aussage “Peter ist aggressiv und dumm.” Dies gehört zum Witz des Begriffes, so wie es zum Witz des Begriffes “Hund” gehört, eine entsprechende Beziehung mit dem Begriff “Säugetier” zu haben. Dies ist ein Problem, denn wir können uns Situationen vorstellen, in denen wir letzterem Satz nicht zustimmen wollen — aufgrund anderer Dinge, die wir über Peter wissen. (Vielleich wissen wir, dass Peter ein netter und dazu pazifistischer Typ ist.) In dieser Situation erweist sich das Wort “boche” als praktisch inadäquat: Es führt uns von einem wahren Urteil (”Peter hat einen deutschen Pass”) zu einem Urteil, welches wir aufgrund anderer begrifflicher Verpflichtungen ablehnen müssen (”Peter ist dumm und aggressiv.”). Freilich könnten wir in diesem Konflikt auch die Begriffe “dumm” und “aggressiv” umdefinieren (à la: manchmal meinen wir damit nette und pazifistische Typen). In unserem Fall aber ist es ökonomischer, uns vom Begriff “boche” zu trennen. “Peter ist ein boche” ist somit nicht falsch, sondern wegen seiner begrifflichen Inadäquatheit abzulehnen.

II. Wertung als ein Bündel von Begriffskonsequenzen

Begriffe wurden in der Geschichte des Denkens oft abgelehnt und beiseitegelegt. Manchmal in kontroversen Umständen, manchmal leise und kaum bemerkt. “Phlogiston” ist eines der Lieblingsbeispiele der Philosophen; “Hexe” und “Hexerei” ein anderes, “Orgon” ein drittes. Wenn man mich fragt, welche Begriffe die nächsten sind, die verschwinden werden, dann antworte ich: “heilig“, “selig” und sämtliche Sternzeichen-Charaktereigenschaften. Mal sehen, ob ich recht behalten werde.

Wenn wir Begriffe wegen der in ihnen impliziten “Wertung” ablehnen, dann ist das auf jeden Fall bloß ein Sonderfall des hier skizzierten Phänomens. Schauen wir uns ein anderes Beispiel an. Für die Nazis war das Urteil “X ist eine Rassenschande” mit der Verpflichtung zu Urteilen wie den folgenden verbunden: “X ist unbedingt zu vermeiden”, “X muss hart bestraft werden” etc. Diese Urteile sind in Bezug auf Geschlechtsverkehr zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe oder “Rasse” natürlich absurd. Wir lehnen den Begriff der “Rassenschande” also ab, weil wir diese Urteile ablehnen. Genau dies meinen wir, wenn wir sagen, dass wir mit der impliziten “Wertung” nicht einverstanden sind. In einem ähnlichen Zusammenhang wird übrigens von Oscar Wilde erzählt, dass er auf die Frage, ob er blasphemische Akte begangen habe, antwortete: “‘Blasphemy’ is not one of my words.” Das wollen wir auch über den Begriff der Rassenschande sagen: “‘Rassenschande’ ist keines unserer Wörter.” Ähnliches gilt natürlich auch für die rassistischen Bezeichnungen “Neger”, “Japse”, “Kanake” und so weiter.

III. Teilweises Zurückweisen

Allerdings ist es nicht immer so, dass Begriffe vollständig aus dem Gebrauch kommen. Manchmal bleiben Begriffe in veränderter Gestalt im Umlauf. Oft werden diese Begriffe mit Anführungszeichen gekennzeichnet. Dieser Fall kann eintreten, wenn wir nur einige der Beziehungen eines Begriffes ablehnen, andere aber explizit beibehalten wollen — und für das übriggebliebene Bündel begrifflicher Beziehungen noch keinen eigenen Begriff haben. Wir müssen uns dann mit dem alten Begriff arrangieren, aber gleichsam ein Schild dran hängen: “Achtung, ich meine es etwas anders, als ihr vielleicht denkt.”

Ich glaube, “Ehrenmord” ist ein Beispiel dieses Falles. Die Sache ist die, dass uns die Klasse der unter “Ehrenmord” gruppierten Verbrechen tatsächlich interessiert. Wir sind zum Beispiel der Meinung, dass diese Morde besonders fürchterlich und besonders absurd sind. Wir brauchen also ein Wort, um genau sie (und nur sie) aus der Vielfalt der Tötungsdelikte herauszupicken. Kurzum, wir wollen die Anwendungsbedingungen des Begriffes behalten. Andererseits wollen wir die “wertenden” Konsequenzen kappen, die wir durch das Wort der Ehre eingehen. Ehrenmorde sind, so wollen wir sagen, nicht etwa auf besondere Weise zu entschuldigen (wie es die Rede von der Ehre mit sich bringt), sondern sie sind ganz besonders verachtenswert. Kurzum, wir wollen den Begriff zum Umreißen einer Klasse von Phänomenen durchaus behalten, wollen uns aber durch die Anwendung des Begriffes nicht auf entschuldigende oder gar zustimmende Urteile verpflichten. Um dies zu signalisieren, benutzen wir Anführungszeichen und das Wort “sogenannt”.

Man beachte, dass wir dies bei “Neger”, “Kanake” etc. nicht tun müssen. Diese Begriffe schmeißen wir einfach weg; für die Anwendungsbedingungen der rassistischen Terme hatten wir schon immer Wörter, die ohne Anführungszeichen genannt werden können: “Mensch schwarzer Hautfarbe”, “Türke” oder “Deutschtürke” etc.

Auch im Fall von “Rassenschande” brauchen wir keine Anführungszeichen, allerdings aus einem anderen Grund: Wir halten die unter ihm gruppierten Dinge (Geschlechtsverkehr zwischen Angehörigen verschiedener Rassen) für so uninteressant, dass wir den Begriff wegschmeißen können, ohne nach Ersatz suchen zu müssen. In so gut wie keinem wichtigen Urteil brauchen wir einen Begriff zum Umreißen dieser Dinge. (Und wenn doch, dann tut es auch die lange Beschreibung.)

“Phlogiston” ist ein ähnlicher Fall. Wir interessieren uns für das, worauf die Anwendungsbedingungen weisen, überhaupt nicht. Denn wir wissen, dass sie auf ganz unterschiedliche Dinge weisen und dass es daher überhaupt nicht plausibel ist, von einem “Phänomen” zu sprechen, welches “unter” den Begriff fällt. Die Anwendungskonsequenzen von “Phlogiston” erweisen sich jedenfalls bei vielen Einheiten von Phlogiston als total unberechtigt. Wir schmeißen den Begriff daher ebenfalls komplett weg.

Bei “Ehrenmord” ist es anders, denn erstens lässt sich sinnvoll sagen, dass unter dem Begriff bestimmte Einzelfälle gruppiert werden, zweitens interessieren uns diese Einzelfälle — wir brauchen also einen Begriff –, und drittens ist der einzige Begriff, welchen es bisher dafür gibt, mit schlechten Inferenzen belastet.

IV. “Ehre” - Die Sprache der Täter

Freilich könnte man einwenden, dass wir einfach einen neuen Begriff erfinden können, welcher genau die Dinge bezeichnet, die “Ehrenmord” bezeichnet, dabei aber keine entschuldigenden Implikationen hat. Ähnliches haben wir ja auch beim Übergang von “boche” zu “Mensch deutscher Nationalität” getan. Letzterer Begriff verpflichtet im Gegensatz zu ersterem nicht zu “ist dumm und aggressiv”. Das Problem, vor das diese Strategie im Fall des “Ehrenmordes” aber gestellt ist, ist aber, dass der Rekurs auf “Ehre” die einzige Möglichkeit ist, die Dinge herauszupicken, die wir herauspicken wollen. Der Hauptgrund, aus dem wir uns für Ehrenmorde interessieren, ist schließlich ihr spezifisches Motiv. (Es ist, wenn ich es richtig sehen, vor allem das Motiv, welches Ehrenmorde so perfide macht.)

Ohne den Begriff der “Ehre” lassen sich die Anwendungsbedingungen unseres Begriffes schlechterdings nicht angeben. Es ist ein notorisches Problem der Rede über fremde Menschen, dass man zur Individuierung ihrer Motive immer sie selber zu Wort kommen lassen muss. In unserem Fall sind das die Täter. Wie aussichtslos die Suche nach Alternativen ist, zeigt sich ganz gut am “traditional killing” der amerikanischen Presse.

Wie die meisten Menschen in Nordwesteuropa glaube auch ich, dass die ganze Rede von Ehre als moralischem Grund eine ethisch und intellektuell bankrotte Praxis ist. Zumindest die Variante dieser Rede, wie sie von Ehrenmördern angestrengt wird. Allerdings stecken viele, viele Menschen noch tief in dieser Praxis. Solange es Leute gibt, die ihre eigenen Motive mit dem Begriff der “Ehre” angeben, und solange einige von ihnen mit diesem Motiv bis zum Mord gehen — so lange sind wir, so scheint es, in der Verlegenheit, Anführungszeichen benutzen zu müssen.

Dies scheint mir ein Ergebnis unserer Überlegungen zu sein. Anführungszeichen sind eine imperfekte Art der Distanzierung von Begriffen. Es ist eine Distanzierung, zu der wir gezwungen sind, wenn wir Motive von Leuten beschreiben müssen, deren begründende Begriffe wir als praktisch inadäquat ablehnen. Wir benutzen ihre Begriffe, weil wir ohne sie nicht auskommen, denn es geht uns gerade um die mit ihnen gerechtfertigten Taten. Doch wenn wir ihre Begriffe gezwungenermaßen benutzen, wollen wir uns wenigstens — so gut es geht — von ihren Implikationen frei machen. Anführungszeichen sind also, wenn man so will, die Latex-Handschuhe, die wir uns überstreifen, wenn wir gezwungen sind, in schlechten Begriffen zu wühlen.

4 Kommentare zu “Ehrenmorde und Anführungszeichen
Ein paar Bemerkungen zur Distanzierung von Begriffen”

  1. jge 15. November 2007 (15:22 Uhr)

    Hhm. Ein “Ehrenmord” ist eigentlich ein widersprüchlicher Begriff, weil “Mord” eine “heimtückische Tötung aus niederen Motiven” (oder so ähnlich im Rechtsdeutsch) ist, und ehrenhaftes Verhalten das Gegenteil davon. Mord ist eines der “thick ethical concepts” in der Analyse von Bernard Williams, d.h. ein Wort, das deskriptiv und wertend ist. Tja, wie “boche”, oder wie “Keuschheit”. Ein ähnliches Beispiel ist “Tyrannenmord”, wo es klingt, als wäre es erlaubt, Tyrannen zu ermorden, weil die ja selbst böse sind. Aber Tyrannen zu töten um die Welt zu verbessern ist eben kein ‘Mord’, sondern, vielleicht, Notwehr o.ä.

    Die Anführungszeichen helfen uns dabei, den Widerspruch im Ausdruck auszustellen.

  2. Harro 16. November 2007 (17:03 Uhr)

    Warum muß man sich eigentlich vom Inhalt des Begriffs ‘Ehrenmord’ distanzieren ? Inzwischen hat es so viele Ehrenmorde gegeben, daß eigentlich jeder wissen müßte, worum es geht und daß in der Wortkombination Ehre und Mord die Ehre in ihr Gegenteil (bzw in einen krankhaften Wahn) verkehrt ist. Der Begriff Ehrenmord hat in diesem Sinne eigentlich einen ganz klaren Inhalt!

  3. CHR 20. November 2007 (14:03 Uhr)

    Ich habe den Begriff immer als besonders treffend empfunden, weil im Sinne des Mordes an der Ehre verstanden. So gesehen fiele mir tatsächlich kein besserer Ausdruck ein. Die Anführungszeichen sind dann sogar eher störend aufgefallen.

  4. Ralf 10. Februar 2008 (18:35 Uhr)

    Die Mutmaßung zum Verschwinden des Begriffs “heilig” ist ein bißchen abwegig, da dieses Wort sogar in einer säkularisierten Welt seinen Sinn behält. Um etwa die Haltung von Theodor Storm (der Atheist war) zu Weihnachten treffend zu charakterisieren, muß man sagen, daß ihm das Weihnachtsfest heilig war.

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