Rückkehr aus der Hölle der sprechenden Positionspapiere — Redfords “Von Löwen und Lämmern”
9. November 2007Christian Voigt
Wie sieht die Hölle des Cineasten aus? Ich kann es euch sagen: Es werden in ihr nicht einfach nur schlechte Filme gezeigt. Der Cineastenteufel ist viel gerissener. Erwartungen wollen geschürt, Hoffnungen geweckt werden, bevor die Qual beginnen kann.
Gestern habe ich diesem unwirtlichen Ort einen Besuch abgestattet. Es wurde gerade ein Propagandafilm ohne Propaganda gezeigt.
“Ein Propagandafilm ohne Propaganda?”, werdet ihr sagen, “Wäre das nicht so, wie ‘Spiel mir das Lied vom Tod’ ohne Schießereien, wie ‘Pretty Woman’ ohne Küsse, wie ‘Casablanca’ ohne Bogart?” Ja, genau so, bloß noch viel schlimmer: Es ist wie ein schlechter Pornofilm ohne Porno.
Der Film hieß “Von Löwen und Lämmern” (eigentlich “lions for lambs”, wobei die Lämmer (ganz anders als bei nietzsche) für “die da oben” und die Löwen, jawohl, für “den kleinen mann auf der strasse” stehen). Dem Cineastenteufel war es in der Gestalt von Robert Redford gelungen Tom Cruise und Meryl Streep zu engagieren. Dann bewarb er den Film als eine “gewagte Kritik” an der US-Politik und hatte so mein Interesse geweckt.
Die ersten fünf Minuten war mir noch nicht klar, worein ich da geraten war. Es fing an mit Hubschraubern. Nicht schlecht, dachte ich. Hubschrauber. Da passiert bestimmt was. Action und so. Aber dann fingen jeweils zwei Leute in zwei Büros an zu reden. Und hörten nicht mehr auf. Und — nachdem zwei Leute da rausgefallen, bzw. gesprungen waren — flog der Hubschrauber einfach weg und kam nicht wieder. Und die zwei Leute lagen im Schnee und taten nichts, außer heldenhaft zu bluten und ab und zu einen Schuß in die Dunkelheit abzufeuern.
Na gut, dachte ich. Dann eben doch keine Action. Dann eben zurück zu den Leuten, die immer noch reden. Was waren das für Leute und wie kamen die zusammen? Das war wahrscheinlich so gelaufen: Der Robert, der Tom und die Meryl trafen sich zum spielen. Der Robert wollte mal Professor spielen. Der Tom wollte schon immer mal Senator sein. Und Meryl, die hatte sich “Journalistin” ausgesucht, weil sie da immer irgendwas in ihren kleinen Block reinkritzeln konnte. Und da der Tom sich Politiker so wie seine Scientologygurus vorstellte und der Robert nicht die geringste Ahnung von der Uni hatte, da er frühzeitig von der Schule geflogen war, erinnert das Ergebnis an den nächsten Kindergarten um die Ecke, wo gerade Indianer, Cowboy, Doktor und Prinzessin gespielt wird.
Na gut, dachte ich wieder, dann eben keine Psychologie, keine Geschichte. Aber immerhin, immerhin… eh…ja, was bleibt denn eigentlich noch? Und dann war es mir auf einmal klar: Die grobschlächtig geschnitzten Figuren, die vollkommen unnatürliche Redeweise, der Gestus der Bedeutsamkeit, das Pathos und die schwülstige Musik: Na, klar, ich saß in einem waschechten Propagandafilm!
Nun konnte ich es mir wieder im Sessel gemütlich machen, denn ich wusste ja was kommt: Ich sollte manipuliert werden. Ich musste nur die Botschaft empfangen. Ich lehnte mich entspannt zurück und wartete.
Aber die Botschaft kam nicht. So oft auch zwischen den beiden Büros und den beiden Blutenden im Schnee hin und hergeschaltet wurde: Es tat sich nichts. Immer wenn es um etwas hätte gehen können, wollte der Film einfach nicht mit der Sprache herausrücken, sondern druckste nur in leeren Phrasen um den heißen Brei herum. Nichts außer Lehrsätzen wie: “Die da oben machen ja doch was sie wollen und sind außerdem korrupt und lügen”, “In Amerika gibt es Probleme (aber welche sagen wir lieber nicht).”, “Im Irakkrieg ist nicht alles so gelaufen, wie es sollte.”, “Irgendwie sind aber auch alle ein bisschen schuld dran”, “nur der einfache Soldat, der das blutend im Schnee ausbaden muss, ist ein echter Held”. Und eine besondere Botschaft an unsere jungen Menschen von heute: “Tu endlich was (z.B.: Blute im afghanischen Schnee oder verteile Antikriegsflugblätter — ganz egal, solange du damit kein Geld verdienst)!”
Tut das dem Film unrecht? Man könnte denken, das Fehlen einer eindeutigen Botschaft weise auf die Vielschichtigkeit und Komplexität des Filmes hin, zweifelsohne ein Qualitätsmerkmal für politische Filme. Aber vielschichtig und komplex wird ein Film erst, wenn man durch die Klischees, Ideologien und Vorurteile hindurchdringt zur dreckigen, ganz konkreten und direkten Wirklichkeit. Ein Film wird nicht vielschichtig und komplex, indem man einen Propagandafilm macht, in dem für alle möglichen Positionen und also für überhaupt keine Position Propaganda gemacht wird. Genausowenig wie eine Dauerwerbesendung dadurch besser wird, dass in ihr auf einmal auch für das Konkurrenzprodukt geworben wird.
Sein prägendstes politisches Ereignis, so erzählt uns Robert Redford in einem Interview der Süddeutschen, sei es gewesen, bei einem Sportfest eine Medaille von Nixon bekommen zu haben. Da ist alles vollkommen falsch gewesen an dem Nixon, das hat der kleine Robert mit seinem politischen Scharfblick sofort gesehen. Nach einem lange Zeit vollkommen unpolitischen Leben, hat er sich nun dran erinnert, dass er diesen politischen Durchblick besitzt. Und die Einblicke, die uns der inzwischen großgewordene Redford ins heutige Washington verschafft, sind von ähnlicher Tiefe, wie damals auf dem Sportplatz.
Nach und nach ließ ich so jede Hoffnung auf eine erlösende Botschaft fahren und ergab mich in die Qual der leeren Floskel. Andere fanden die Worte, die mir fehlen:
The New Yorker: “Lions for Lambs” is most charitably described as Ibsen with helicopters.
The Onion: “These aren’t human beings; they’re sentient position papers.”
Zumindest — und das ist tröstlich — war ich nicht der Einzige.

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