Archiv des Monats November 2007

Argumentkritik: Das Standard-Argument gegen den Islam

von Christian Voigt
Donnerstag, 29. November 2007


Im Anschluss an meinen Islamofaschismusartikel äußerte Claudia eine sehr weitreichende Kritik am Islam generell, auf die ich zunächst recht polemisch geantwortet habe.

Da es in diesem Blog nicht darum gehen soll, bestimmte Positionen zu propagieren, sondern wir uns vorrangig um eine argumentative, unvoreingenommene Form der Auseinandersetzung bemühen, bot es sich an Claudias Thesen mehr Raum zu geben. Wir freuen uns deswegen, dass Claudia sich bereit erklärte, ihre Sichtweise in einem kurzen Artikel darzulegen. Hier nun meine (weitgehend unpolemische) Kritik an diesem Artikel. CV

Gerade als ich beginnen will, diesen Artikel zu schreiben, höre ich im Radio wieder so eine Nachricht, diesmal aus Saudi-Arabien: 200 Peitschenhiebe für eine Frau, die sich allein mit einem Freund in der Öffentlichkeit getroffen hat. Nur wenige Gefängnisjahre für die Männer, die die beiden daraufhin vergewaltigt haben. Alles im Namen der Scharia, im Namen des Islam.

“Das alles”, sagen nun wieder die Islamkritiker, “zeigt doch nur, dass die Terrorakte und Gewalttaten von Muslimen ihren Ursprung nicht in der politischen, ökonomischen oder sozialen Situation haben, sondern im Islam selbst. Wenn wir diese Taten bekämpfen wollen, dann müssen wir den Islam selbst bekämpfen.”

Ich halte diese Reaktion für verständlich, aber grundlegend falsch. Erstens ist diese Aussage vollkommen unbegründet und zweitens kann man mit ihr nichts als Unheil anrichten (dazu habe ich bereits einiges in den Kommentaren zum Islamofaschismus geschrieben). Warum ist sie unbegründet? Das stärkste Argument, das ich aus Claudias Artikel zusammenzimmern konnte, lautet so:

Ein prototypisches Argument der Islamkritiker

  1. Im dschihadistischen Terror und den Grausamkeiten im Namen der Scharia offenbart sich das gewalttätige, intolerante und grausame Wesen des traditionellen Islam.
  2. Der Islam ist gegenwärtig eine größtenteils in ihren Werten, Normen und Institutionen einheitliche Religion.
  3. Der Islam ist unreformierbar und wird sich deswegen auch in Zukunft nicht ändern.
  4. Also: Jetzt und für alle Zeit gilt: Der Islam ist in seinem innersten Wesen eine gewalttätige, intolerante und grausame Religion.
  5. Das innerste Wesen einer Religion bestimmt das Wesen vieler Handlungen ihrer Anhänger, gleichgültig unter was für Umständen (Wenn das Wesen einer Religion die Eigenschaft f hat, dann haben auch viele Handlungen ihrer Anhänger die Eigenschaft f).
  6. Also: Der Islam ist die ständige Ursache dafür, dass Muslime gewalttätige, intolerante und grausame Taten begehen.

Daraus kann man nun erstens ableiten, dass die friedliche Koexistenz mit dem Islam — und also eine multikulturelle Gesellschaft mit islamischen Bürgern — unmöglich ist. Zweitens kann man auch (unter Hinzunahme plausibler normativer Prinzipien) darauf schließen, dass der Islam in seiner Gesamtheit bekämpft werden muss (was auch immer dieses “bekämpfen” eigentlich bedeuten mag).

Ich entdecke an diesem Argument nicht einfach nur einen einzelnen Makel: Ich halte jede einzelne Prämisse dieses Arguments für grundfalsch. Doch bevor ich sie mir der Reihe nach vorknöpfe, möchte ich die Theorie vorstellen, mit deren Hilfe ich das zu tun gedenke: Es handelt sich um Olivier Roys Unterscheidung zwischen traditionellem Islam, Islamismus und Neo-Fundamentalismus.

Wie wärs mit ein wenig Differenzierung?

Olivier Roy ist Forschungsdirektor am Nationalen Forschungszentrum in Paris. Bekannt wurde er vor allem durch sein Buch “The failure of political Islam”, dessen zentrale These lautet, dass der Islamismus politisch gescheitert sei. In Deutschland erschien zuletzt sein Buch “Der islamische Weg nach Westen”, das die zunehmende Verbreitung des Neo-Fundamentalismus beschreibt. Dieses höchst interessante Buch ist kostengünstig über die Bundeszentrale für politische Bildung zu erhalten. Einen guten Überblick über seine Thesen gibt dieser Zeit-Artikel von ihm und dieses Interview mit ihm in der hervorragenden Reihe “Conversations with History” aus Berkeley.

Roy fasst sein Ziel so zusammen: “Ich schlage nicht vor, dass wir über den Islam hinausblicken sollen, sondern dass wir die Islamisierung als ein zeitgenössisches Phänomen nehmen, das die Globalisierung und Verwestlichung der muslimischen Welt ausdrückt.” (Der islamische Weg nach Westen, S.31) Die kulturalistische Diskussion um das innerste Wesen des Islam führt dazu, dass immer schon von einem Dualismus zwischen westlicher und östlicher Welt ausgegangen wird. Statt dass wir die Probleme des Islam als unsere eigenen Probleme wiedererkennen, werden sie als Ausdruck einer für uns undurchschaubar fremden Kultur ausgelagert. Auf Seite der fundamentalistischen Terroristen findet sich die Entsprechung: Auch hier wird der Dualismus zwischen Westen und Osten konstruiert, um sich selbst als Retter des Islam darstellen zu können.

Mit der Unterscheidung von traditionellem Islam, Islamismus und Neo-Fundamentalismus verdeutlicht Roy den Modernisierungs- und Verwestlichungsprozess des Islam und versucht so der fundamentalistischen Propaganda und kulturalistischen Theorien wie der von Samuel P. Huntington entgegenzuwirken.

Der traditionelle Islam (z.B. bei den Paschtunen in Afghanistan) ist in traditionelle Gesellschaften und Kulturen eingebettet und mit ihnen verschmolzen. In solchen Gesellschaften wird Kultur oder Politik gar nicht als getrennt von der Religion wahrgenommen. Es kann gar nicht zu Konflikten zwischen der Religion und anderen Teilen der Gesellschaft kommen. Die Religiosität der Gesellschaftsmitglieder lässt sich nicht von ihrer kulturellen Identität unterscheiden.

Ganz anders im Islamismus: Islamisten geht es darum, für eine konkrete Gemeinschaft von Muslimen den wahrhaft islamischen und zugleich modernen Staat zu schaffen. Hier ist die Religion eine revolutionäre Bewegung, die der Tradition gegenübergestellt wird. Religion wird dadurch politisiert und modernisiert. Der Islamist versteht religiöse Lehren als utopische Gegenideologie zur falschen Wirklichkeit. Die Islamisten identifizieren sich nicht länger mit ihren lokalen Stammeskulturen, sondern mit einer nationalen Gemeinschaft von Muslimen.

Der Islamismus hat aber. so Roys These, indem er die traditionellen Gesellschaften in ihrer Traditionalität bekämpfte, entgegen seiner Zielsetzung, die Säkularisierung dieser Gesellschaften vorangetrieben.

Der Neo-Fundamentalismus reagiert auf diese Säkularisierung, die zunehmende Globalisierung und die damit einhergehende Auflösung lokaler Identitäten, Entwurzelung und Entfremdung mit einer radikalen Individualisierung von Religion (Al Quaeda, Taliban). Dem Fundamentalisten sind konkrete politische Zielsetzungen ganz gleichgültig, ja geradezu zuwider. Stattdessen glaubt er (ähnlich wie linke Terroristen wie die der RAF), seinen privaten Dschihad gegen die Kreuzritter des Westens und die Juden kämpfen zu müssen, um so für sein persönliches Seelenheil zu sorgen. Er verantwortet sich (ganz protestantisch) vor keiner Gemeinschaft, vor keiner Nation, sondern direkt vor Gott. Der Einzelne, häufig Kind von Migranteneltern in einem mehrheitlich nicht islamischen Land, kann sich nicht länger als Mitglied einer konkreten Gemeinschaft von Muslimen fühlen, er ist vielmehr ein erleuchtetes, auserwähltes Individuum (wie die born-again-christians), das sich allenfalls zur globalen Gemeinschaft der anderen erleuchteten Rechtgläubigen zählen kann.

Traditionelle Muslime, Islamisten und Neo-Fundamentalisten berufen sich vielleicht auf die gleichen Worte im Islam. Sie sprechen dennoch unterschiedliche Sprachen, kommen von unterschiedlichen Orten und repräsentieren unterschiedliche Zeiten.

Und diese Erkenntnis sollte ausreichen, um den Prämissen des Anti-Islam-Arguments, einer nach der anderen, den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Falsch: Im dschihadistischen Terror und den Grausamkeiten im Namen der Scharia offenbart sich das gewalttätige, intolerante und grausame Wesen des traditionellen Islam.

  • Falsch, weil der dschihadistische Terror ein in der Geschichte des Islam exzeptionelles Phänomen ist. Der Selbstmordanschlag ist keine Erfindung des Islam, sondern moderner Extremisten (die ersten waren wohl russische Anarchisten). Die Assassinen, die selbst nur Randfiguren der Geschichte waren, haben kaum etwas mit Osama bin Laden gemein.
  • Falsch, weil der Dschihad ursprünglich niemals als individuelle und globale sondern immer nur als kollektive und lokale Verpflichtung interpretiert wurde.
  • Falsch, weil die islamistische Durchsetzung einer im Mittelalter aktuellen Rechtsprechung keine Fortsetzung, sondern ein Bruch mit der Tradition sich ständig erneuernder Auslegung bedeutet.
  • Falsch, weil übersehen wird, dass sowohl der Glaube von Al-Quaeda-Anhängern, als auch der radikaler Islamisten sich grundlegend vom traditionellen Glauben unterscheiden und ein durch und durch modernes Phänomen ist (siehe oben).

Die Islamkritiker rechtfertigen diese Kontinuitätsthese, indem sie behaupten, dass die Ideologie der Terroristen sich aus großen Teilen der klassischen Auslegungstradition speise. Aber auch das ist falsch: Nur ein sehr kleiner Teil der Auslegungstradition, wird überhaupt zur Kenntnis genommen. Und auch hier gilt: Die Art des Umgangs mit diesen Texten ist ganz neu. Der traditionelle Islam zeichnete sich durchaus durch eine lebendige Auslegungstradition aus, nicht durch einen “Buchstabenglauben”. Dass heutzutage die Auslegungsweise des Mittelalters für die einzig wahre Auslegungsweise erklärt wird, ist gerade vollkommen untypisch für den traditionellen Islam. Auch dieser Konservativismus ist ein genuin modernes Phänomen.

Ebenso neu ist der zunehmende Bedeutungsverlust traditioneller theologischer Hierarchien und der Zuwachs von selbsternannten Schriftgelehrten und Do-It-Yourself-Ideologen.

Falsch: Der Islam ist gegenwärtig eine größtenteils in ihren Werten, Normen und Institutionen einheitliche Religion.

  • Falsch, denn traditioneller Islam (Volksislam), Islamismus und Neo-Fundamentalismus unterscheiden sich von Grund auf. Das wird besonders deutlich wenn man nicht nur religiöse Dogmen vergleicht, sondern insbesondere die Religiosität der Gläubigen. Längst nicht alle Muslime sind Islamisten und noch viel weniger von ihnen sind Neo-Fundamentalisten (auch wenn es in den letzten Jahrzehnten immer mehr werden).
  • Falsch auch, weil es keine einheitliche islamische Kultur gibt, unabhängig von den jeweils nationalen oder ethnischen Kulturen.

Claudia rechtfertigt diese These damit, dass 90% der Muslime Sunniten seien und dass die sunnitischen Zweige des Islam sich kaum unterschieden. Außerdem gäbe es kaum Unterschiede zwischen moderaten und radikalen islamischen Gelehrten.

Ersteres ist irrelevant, letzteres falsch. Zum zweiten Punkt: Es gibt viele Beispiele für islamische Intellektuelle, die sich um eine Modernisierung des Islam — um die Schaffung eines Reformislams — bemühen. Zu nennen wäre z.B. Abdolkarim Sorush aus dem Iran (hier ein Interview) oder Khaled Abou El Fadl (hier ein Interview). Ein ausführliches Dossier zu diesem Thema findet sich hier bei Quantara. Kurze Porträts dieser und anderer islamischer Intellektuelle finden sich in dem Buch “Der Islam am Wendepunkt”, das ebenfalls über die Bundeszentrale für politische Bildung zu erhalten ist.

Zum ersten Punkt: Dass 90% sunnitisch sind, heißt so gut wie gar nichts. Um zu behaupten, dass es keine Unterschiede zwischen den sunnitischen Zweigen des Islam gäbe, reicht es nicht aus, einfach nur die Äußerungen ihrer intellekuellen Anführer miteinander zu vergleichen. Auch hier sollte man die Differenzierung von Olivier Roy anwenden: Auch wenn es in der Religion (im Schrifttum, in den Äußerungen der religiösen Führer usw.) keine Unterschiede gibt, kann es in der Religiosität der Anhänger sehr starke Unterschiede geben. Das ist insbesondere für Muslime in europäischen Ländern wichtig, da sich hier neue Formen der Religiosität erzwungenermaßen herausbilden müssen.


Falsch: Der Islam ist unreformierbar und wird sich deswegen auch in Zukunft nicht ändern.

Falsch, offensichtlich falsch, würde ich meinen. Nicht nur, weil es bereits genügend überzeugende Entwürfe eines Reformislam gibt (siehe oben). Sondern auch, weil es einfach kein unreformierbares Gedankengut, sondern nur unverbesserliche Denker gibt.

Wie wird hier argumentiert? Man findet in Claudias Artikel ein Zitat, das folgende Begründung nahelegt: Der echte Islam sei der islamistische Islam im Iran oder in Saudi-Arabien. Alles, was diesem Islam nicht ähnele, sei in Wirklichkeit gar kein Islam mehr. Also sei jeder Reformislam kein Islam und also der Islam nicht reformierbar.

Das nennt man Ad-Hoc-Argumentieren.

Na klar, wenn ich behaupte, dass jemand nur dann wirklich deutsch sei, wenn er auch ein Nazi sei, dann kann ich ohne Probleme behaupten, dass alle Deutschen Nazis seien. Alle Gegenbeispiele kann ich dann damit abschmettern, dass es sich bei ihnen ja offensichtlich nicht um echte Deutsche handele (weil sie eben keine Nazis sind).

Dann muss ich mich aber auch darauf einlassen, dass es nur sehr wenige Deutsche in Deutschland gibt und dass das Deutschsein vor allem ein ostdeutsches Phänomen ist. Wenn ich stattdessen noch zusätzlich behaupten würde, dass 80 Millionen Nazis in Deutschland lebten, und dass z.B. alle deutschen Parlamentarier Nazis seien, dann würde ich mich einer Äquivokation schuldig machen: Ich würde zwei Verwendungen von “deutsch” durcheinanderbringen.

Genauso mit dem Islam: Wer unter “Islam” nur den Islam in iranischer oder saudi-arabischer Ausprägung verstanden wissen möchte, der kann z.B. nicht mehr schließen, dass eine multikulturelle Gesellschaft mit nur fälschlicherweise sogenannten islamischen Minderheiten unmöglich sei. Ebensowenig kann man darauf schließen, dass der Islam in Europa bekämpft werden muss.

Will man nicht auf diese Thesen verzichten, dann darf man keine derart enge Definition für “Islam” wählen. Welche Definition könnte man stattdessen wählen? Man könnte z.B. sagen, dass ein Islam, der auf die Durchsetzung der Scharia verzichte, kein echter Islam mehr sei.

Aber das ist natürlich genauso ad hoc. Und außerdem: Hier ist nicht länger klar, warum der Islam eigentlich reformunfähig ist, was ja die These ist, die hier zur Diskussion steht. Denn ab wann ein Rechtssystem eine Realisierung der Scharia ist, das ist durchaus Interpretationssache. Wenn z.B. das Händeabhacken historisierend nur als ehemals zeitgemäßer Ersatz für ein fehlendes Gefängnissystem verstanden wird, dann kann, ohne der Scharia eindeutig zu widersprechen, auf das Händeabhacken verzichtet werden, solange Gefängnisse bereit stehen. Ist eine solche Interpretationsweise schon per se unislamisch?

Um diese Unveränderlichkeits-These zu beweisen, ohne sie ihrer argumentativen Funktion zu berauben, müsste man unveränderliche Wesenseigenschaften des Islam finden, die erstens auf fast alle islamischen Glaubensrichtungen zutreffen und zweitens derart konkret sind, dass sie Muslime unweigerlich zu grausamen Gewalttaten treiben. Warum das aussichtslos ist, sage ich aber lieber unter dem nächsten Punkt.

Falsch: Das innerste Wesen einer Religion bestimmt das Wesen vieler Handlungen ihrer Anhänger, gleichgültig unter was für Umständen

  • Falsch, weil hier eine viel zu generelle und einfache Kausalbeziehung zwischen Religion und Verhalten angenommen wird. Insbesondere die notwendige Generalisierung “gleichgültig unter was für Umständen” macht diese These zu einer Art sozialem Naturgesetz, was für sich genommen schon unplausibel genug ist.
  • Falsch auch, weil aus Wesenseigenschaften von Weltreligionen keine Handlungsgebote folgen. Was sind schon die Wesenseigenschaften von Weltreligionen? Doch nicht viel mehr als: Eine Religion ist nur buddhistisch, wenn in ihr Buddha verehrt wird. Eine Religion ist nur christlich, wenn in ihr Jesus verehrt wird. Und wie wirkt sich das auf das Verhalten von Christen und Buddhisten aus? Gar nicht.Auf viel mehr als solche nichtssagenden Wesensbeschreibungen würde ich mich aber nicht einlassen. Ganz einfach deswegen nicht, weil Weltreligionen sich in fast jeder Hinsicht verändern können, wenn man ihnen nur genug Zeit lässt und den Kontext nur genügend verändert. Das ist selbst mit politischen Ideologien schon so, wenn sie nur älter als ein paar Jahrzehnte werden. Am deutlichsten wird das derzeit in China, wo uns die Propagandisten zeigen, wie man Kommunist und Kapitalist zugleich sein kann.

    Natürlich haben Religionen großen Einfluss auf das Verhalten ihrer Anhänger. Was hier aber behauptet wird, ist etwas anderes: Hier wird behauptet, das innere, unveränderliche Wesen von Religionen habe eine derartige Handlungswirksamkeit. Und an eine derart wirksame ewige Wesenhaftigkeit kann ich nicht glauben. Ein solches Bild sozialer Konstrukte ist ganz einfach ahistorisch.


Reicht das?

Die Anhänger dieses Arguments sollten wissen, dass es ausgereicht hätte, eine einzige ihrer Prämissen zunichte zu machen, damit dieses Argument in sich zusammenfällt. Ich konnte mich bloß nicht entscheiden, welche dieser Prämissen die falscheste ist. Wenn also auch nur einer meiner Einwände sie überzeugt, sollten sie sich überlegen, ob sie nicht in Zukunft etwas vorsichtiger, etwas bedächtiger reden und denken sollten.

Warum man nicht vom Islam schweigen sollte, wenn man vom Terror redet

von Claudia
Donnerstag, 29. November 2007


Im Anschluss an meinen Islamofaschismusartikel äußerte Claudia eine sehr weitreichende Kritik am Islam generell, auf die ich zunächst recht polemisch geantwortet habe.

Da es in diesem Blog nicht darum gehen soll, bestimmte Positionen zu propagieren, sondern wir uns vorrangig um eine argumentative, unvoreingenommene Form der Auseinandersetzung bemühen, bot es sich an Claudias Thesen mehr Raum zu geben. Wir freuen uns deswegen, dass Claudia sich bereit erklärte, ihre Sichtweise hier darzulegen. Meine nach wie vor kritische, aber weniger polemische Antwort auf diesen Artikel findet sich hier. CV

Es mag lohnenswert sein zu diskutieren, welche Ähnlichkeiten zwischen faschistischem Denken und dem sich gefährlich ausbreitenden radikalen Islam bestehen, so wie hier oder hier.

Dennoch kommt man dem Rätsel des islamischen Terrors mit Sicherheit näher, wenn man die religiösen Antriebskräfte der Jihadisten anerkennt und zu verstehen versucht, anstatt ein Phänomen aus der eigenen Vergangenheit zu bemühen.

Dazu befinden sich hier und hier erstaunliche und nicht so einfach abwendbare Thesen. Wenn Märtyrertum, mithin Selbstopfer, der direkteste Weg zu Allah sind, dann wird sich der Islam niemals friedlich einhegen lassen, dann wird man sich weder auf gute Nachbarschaft einigen können noch auf ein friedliches Zusammenleben in der „multikulturellen Gesellschaft“.

Verständlich, dass man angesichts solcher Thesen lieber auf den Mummenschanz des Islamfaschismus eindrischt, auch wenn er einige Relevanz dadurch erhält, dass sich der Islam durchaus in einem modernen Sinne totalisiert hat. Dennoch sollte dieses Phänomen, wie es beispielsweise von der Iranerin Nasrin Amirsedghi eben erst in der Jungle World beschrieben wurde:

Islam ist Islam, wie er im Iran oder Saudi-Arabien praktiziert wird. Wo der Islam nicht nach der Sha­ria ausgeübt wird, ist er im Kern nicht mehr islamisch. Es kann keine moderne Variante dieser Religion geben. Modern ist nur, dass das wahre Gesicht des Islam durch die Digitalisierung und weltumspannende Informationswege aus den Kämmerchen der Orientalisten herausgetreten ist und sein Bild das Fußvolk erreicht hat. Zu hof­fen ist nur auf eine beschleunigte Aufklärung.
Jungle World

- nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei den Jihadisten, resp. Selbstmordattentätern um Muslime handelt, die eine Menge klassischer Koran- und Hadithauslegung hinter sich wissen und sich nur in wenigen Punkten von der Auslegungspraxis solcher Gelehrter unterscheiden, die gemeinhin als moderat gelten.

Da Christian sich darüber beschwert hat, dass der Begriff Islam fälschlich gebraucht werden muss, um überhaupt solche Aussagen aus ihm abzuleiten, sei hier kurz auf seine Kritik eingegangen.

Ca 90-95% aller Muslime sind Sunniten, der Rest Schiiten und zu vernachlässigende Abspaltungen. Die Sunniten teilen sich in vier Rechtsschulen auf, deren Dogmen oder Bestimmungen seit rund tausend Jahren unverändert sind (!), und die sich inhaltlich kaum unterscheiden. Deswegen erkennen sich diese Richtungen (Hanefi, Maleki, Hanbali, Schafi) auch untereinander als “rechtgeleitet” an, um einen islamischen Terminus zu gebrauchen.

Angesichts dessen, finde ich es völlig unproblematisch vom Islam zu sprechen und gegebenenfalls besonders auf die Schia hinzuweisen oder kleine Strömungen, bis hin zu Einzelfiguren.

Nebenbei liegt der Vergleich zum Katholizismus durchaus nahe, 1a corporate identity, beeindruckende zeitliche Kontinuität in den Lehraussagen, dazu beeindruckende - oder auch beunruhigende - Mitgliederzahlen.

Dass der offensichtlich christliche Kommentator, dessen Artikel zu lesen ich allen ans Herz lege, auf Verständnisschwierigkeiten bei der säkularisierten Linken stößt, der ich Dich mal zuschlage, ist verständlich. Dennoch ist dieser „Spengler“ in letzter Zeit eine wichtige Quelle für mich geworden und ich finde, dass seine scharfsinnigen Überlegungen wichtig genug sind, um auch von Atheisten in die Analyse mit einbezogen zu werden.

Von denen ja viele, so mein Eindruck zumindest, meinen über Islam und Religionen im allgemeinen Urteile fällen zu können, obwohl sie nicht einmal die Grundlagen derselben kennen oder es auch nur für nötig halten diese zur Kenntnis zu nehmen. Aber selbst für Religionskritik, oder gerade dazu, muss man wenigstens wissen, mit welchem Glauben man es zu tun hat. Und was den Islam angeht, sollte man die Selbstaussagen der Attentäter schon ernst nehmen. Zur Erinnerung sei hier beispielsweise der Inhalt des Zettels verlinkt, der an Van Goghs Brust gepinnt worden war.

Denn die Frage ist dringlicher denn je, welche Auswirkungen ein Offenbarungsglaube hat, der sich auf die Befolgung von Regeln beschränkt, die eine innere Einstellung der totalen Unterwerfung habituell festschreiben und darin den einzigen Weg ins Paradies weist, ein Weg der sich abkürzen lässt, wenn man noch nicht Unterworfenen erfolgreich diese Wahrheit aufzwingt und/oder sich dafür einsetzt, (radikaler Islam: mit allen Mitteln) dass sich Unglaube und Häresie nicht ausbreiteten.

Erklärt die Neuroökonomie uns die Welt?

von Christian Voigt
Dienstag, 20. November 2007

Eine nette Idee ist das in der FAZ: Regelmäßig versucht sie uns die Welt zu erklären. Diesmal widmet sie sich der Frage, warum wir, wenn wir die Wahl zwischen qualitativ gleichwertigen Produkten (z.B. Jeans) haben, dennoch häufig bereit sind, allein für den Markennamen des einen Produkts hundertmal mehr Geld auszugeben als für das Produkt ohne Namen.

Das ist eine gute Frage. Was erwarten wir von einer guten Antwort? Wir erwarten uns z.B. von ihr, dass sie uns etwas Interessantes über uns erzählt, etwas, das wir benutzen können, um dieses Verhalten einzuschätzen und dann zu bewerten.

Patrick Bernau von der FAZ meint, dass die Neuroökonomie zuständig für die Beantwortung dieser Frage sei. Das fand ich interessant, weil ich bis heute nicht wusste, dass es überhaupt eine derartige Disziplin gibt.

Was sind die Antworten der Forscher “an den renommierten Universitäten von Stanford, Pittsburgh und dem Massachusetts Institute of Technology”? Handelt es sich um gute Antworten?

Die Antwort auf die Frage, warum wir so handeln, besteht merkwürdigerweise in nichts weiter als Ortsangaben. Wir handeln so, weil im Lustzentrum unseres Gehirns etwas passiert, was irgendwie stärker ist als das, was im Schmerzzentrum passiert. Lassen wir die Orstangaben weg, dann bleibt als Antwort nichts weiter als: Wir handeln so, weil wir uns gefühlsmäßig (impulsiv) entschieden haben so zu handeln (”entscheiden” in einem ganz schwachen Sinne), bzw. weil es uns ein gutes Gefühl gibt. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern die Ortsangaben, die die Neuroökonomie dieser Antwort hinzufügt, uns in irgendeiner Weise weiterhelfen.

Noch irreführender wird diese Antwort aber durch einen popularisierenden Vergleich: Das, was in unserem Gehirn vorgehe sei so, wie wenn im Film Engelchen und Teufelchen auf den Schultern eines Protagonisten um seinen Willen kämpften.

Diese Analogie ist irreführend, weil Engelchen und Teufelchen im Film Homunculi sind: Sie sind intelligente, sprachbegabte Wesen mit Bewußtsein und Gefühlen. Würde uns die Entscheidung, einen teuren Markenartikel zu kaufen, wirklich mithilfe von Teufelchen und Engelchen erklärt werden, wäre das sehr viel hilfreicher, als der Verweis auf Gehirnregionen. Denn dann würden Engelchen und Teufelchen Argumente austauschen.

Die Teufelchen-Engelchen-Erklärung ist eine gute Erklärung, weil sie unsere eigenen bewußten Entscheidungsprozesse wiederspiegelt, weil sie uns die Diskussion darstellt, die eine Person mit sich selbst führen kann. An eine solche Diskussion können wir anknüpfen, wir können die vorgebrachten Argumente kritisieren, unterstützen und angreifen.

Die im Artikel erwähnten Hirnregionen werden aber nicht auf diese Weise beschrieben: Es werden ihnen weder Intelligenz, noch Sprachbegabung, noch Gefühle zugeschrieben. Und so können diese Hirnregionen auch keine Argumente austauschen. Die neuroökonomische Erklärung hat also eigentlich überhaupt nichts mit der Teufelchen-Engelchen-Erklärung gemein.

Man verstehe das nicht falsch: Diese Überlegungen sollen nicht zeigen, dass neurologische Erkenntnisse generell keine guten Antworten auf solche Fragen geben können. Angenommen die Neuroökonomie hätte herausgefunden, dass wir nur dann fürs Markenkaufen belohnt werden, wenn die Marke bestimmte klar umrissene Bedingungen erfüllt. Dann hätten wir in der Tat etwas über uns erfahren.

Aber der FAZ-Artikel weckt nur den Anschein, solche Ergebnisse zu referieren. Es werden zunächst alle möglichen Versprechungen und Assoziationen aufgezählt, die eine Marke bei uns hervorrufen kann. Diese Liste ist so offen, dass anscheinend alles Mögliche unser Lustzentrum erregen kann. Es wird eine einzige Einschränkung gemacht: “Dagegen reicht es nicht, wenn uns ein Produkt gefällt oder wir es mögen. Dem Buchladen um die Ecke zum Beispiel hilft es nur selten, dass er uns so sympathisch ist. Sympathie und Belohnung seien eben in zwei unterschiedlichen Gehirnbereichen angesiedelt”.

Alles, was hier ausgeschlossen wird, ist ein vager Begriff von Sympathie. Ansonsten scheint es so zu sein, dass prinzipiell jeder Wert oder jede positive Erwartung Belohnungen in unserem Lustzentrum auslösen kann. Die eigentliche Erklärung ist dann aber nicht die Belohnung in unserem Lustzentrum, sondern der Wert oder die Erwartung, der oder die uns zum Kauf überzeugte. Und welche Werte uns wann zum Kauf überzeugen, darüber wird die Neuroökonomie kaum generell etwas Interessantes sagen können, solange sie uns nicht alle ständig unter neurologischer Dauerbeobachtung hält. Der hinzugefügte Hinweis auf den Ort, wo das alles kausal stattfindet, ist dabei wenig hilfreich.

Deswegen ist dieser Artikel ein Beispiel dafür, wie der neurobiologische Verweis auf Hirnregionen neuerdings als Pseudoerklärung akzeptiert wird, ohne danach zu fragen, ob dieser Verweis die gestellten Fragen überhaupt beantwortet. Um selbst einmal eine Analogie zu wagen: Das ist so, wie wenn man auf die Frage, warum die Nazis Antisemiten waren, darauf verweist, dass Hitler in Berlin gewohnt habe.

Der Streit der Philosophen — Kommentar zu Löw, Bierhoff und Völler

von Christian Voigt
Montag, 19. November 2007

Nirgends in unserer Gesellschaft erfährt die Philosophie eine so hohe Wertschätzung wie im Fussball. Geradezu rühren, wenn nicht begeistern, muss einen die Leidenschaft, mit der deutsche Fussballtrainer über die richtige Philosophie zum Spiel streiten. Herr Löws und Herr Bierhoffs Ruf nach einem sokratischen Dialog am runden Tisch des DFB kommt keinen Moment zu spät, hatte doch schon der Kaiser vor ungefähr einem Jahr seine Ignoranz beklagt: “Ich habe fast alle Philosophen gelesen, von Sokrates, Platon, Hegel, Kant bis zu Konfuzius. Leider ist das verloren gegangen durch den Fußball, ich weiß fast nichts mehr.”

Die Empörung, die die aktuelle Forderung nach einer philosophischen Bildungsoffensive unter deutschen Trainern hervorgerufen hat, lässt nur den Schluss zu, hier sei das Fussballerherz zutiefst in seinem Selbstverständnis getroffen und gekränkt worden.

Ein Mangel an Philosophie? Rudi Völler bekam ob dieses elitären Vorwurfs vor Wut Magenkrämpfe: „Mit Spielern, die Klubs wie Köln, Bayern München, Stuttgart, Bremen oder Bayer Leverkusen ausgebildet haben, kannst du diese Philosophie umsetzen. Die Philosophie für den Spieler Oliver Bierhoff, die musste noch erfunden werden. Brasilianische Spielweise einfordern mit Füßen aus Malta, das geht eben nicht.“

Philosophieren, das wird hier klar, lässt sich nur mit den richtigen Füßen, den richtigen Armen und Beinen. Und noch viel wichtiger: Wirklich “Philosophie umgesetzt” hat am Ende nur, wer auch gewinnt.

Ehrenmorde und Anführungszeichen
Ein paar Bemerkungen zur Distanzierung von Begriffen

von Matthias Kiesselbach
Dienstag, 13. November 2007

Wenn im Namen der Ehre gemordet wird, dann ist in der Presse selten von “Ehrenmord” die Rede. Stattdessen lesen wir fast immer von “sogenanntem ‘Ehrenmord’”. Wir haben es hier mit einem der Fälle zu tun, in denen sich Sprecher von Begriffen distanzieren wollen, die sie aber trotzdem benutzen. Ich nehme die Anführungszeichen um den Ehrenmord hier zum Anlass, einmal zu untersuchen, was es mit der Distanzierung von Begriffen eigentlich auf sich hat.

I. Inadäquate Begriffe

Es ist üblich zu sagen, dass sich Sprecher von einem Begriff distanzieren, wenn sie sich mit seiner impliziten “Wertung” nicht identifizieren. Dies ist allerdings eine zu simple Erläuterung. Ein wenig genauer gesagt wird eine Distanzierung von einem Begriff immer dann notwendig, wenn sich die Anwendungsbedingungen und -konsequenzen, die zusammen den Begriff ausmachen, in ihrer Kombination als praktisch inadäquat erweisen.

Was bedeutet es, dass Begriffe — solche Dinge wie “ist grün”, “ist nett”, “sieht aus wie ein Hund” oder “hat einen miesen Charakter” — verstanden werden können als Bündel von Anwendungsbedingungen und -konsequenzen? Nun, wenn ich weiß, dass unsere Nachbarn einen Rottweiler haben, der Hasso heißt, dann legt mich dieses Wissen auf das Urteil “Hasso ist ein Hund.” fest. Zu den Anwendungsbedingungen des Begriffes Hund gehört also die Wahrheit eines Rottweiler-Urteils, oder auch: aus “X ist ein Rottweiler” folgt “X ist ein Hund”. Wenn ich nun aber mein Hunde-Urteil ausspreche, so lege ich mich damit nicht nur darauf fest, dass Hasso ein Hund ist, sondern unter anderem auch darauf, dass Hasso ein Säugetier ist. Werde ich danach gefragt, so habe ich jedenfalls allen Grund, auch dem Urteil “Hasso ist ein Säugetier” zuzustimmen. Dies ist eine der Anwendungskonsequenzen der Begriffs “ist ein Hund”. Man sieht, dass man die Anwendungsbedingungen auch als einen Teil meiner ”Berechtigungen” bezeichnen kann (denn meine Aussage über Hassos Mitgliedschaft im Club der Hunde berechtigt mich zum genaueren Urteil “Hasso ist ein Rottweiler” — es sei denn, ich habe mich schon auf andere Urteile festgelegt, die damit inkompatibel sind), in den genannten Anwendungskonsequenzen aber “Verpflichtungen” sehen muss (denn wenn ich Hasso einen Hund nenne, so bin ich verpflichtet, ihn auch ein Säugetier zu nennen).

Gegen die Berechtigungen und Verpflichtungen kann ein Sprecher nur auf Kosten seiner eigenen Verständlichkeit verstoßen. Weigert sich zum Beispiel ein Sprecher, der Hasso gerade als Hund bezeichnet hat, dem Säugetier-Urteil zuzustimmen, oder sagt er etwas, wozu ihn die Rede von “Hund” nicht berechtigt — zum Beispiel “Hasso ist nur durch eins und sich selbst teilbar.” — so kann er nicht das gemeint haben, was wir normalerweise mit “Hund” meinen. Vielleicht spricht er eine andere Sprache und meinte mit “Hasso” “sieben” und mit “ist ein Hund” “ist eine Primzahl”. Vielleicht hat er aber auch einfach Quatsch geredet. Letzteres kommt bekanntlich nicht selten vor.

Mit dem hier angedeuteten Verständnis von Begriffen können wir nun sagen, warum wir uns manchmal von Begriffen distanzieren wollen. Denn manchmal geraten verschiedene unserer vielen Begriffe in Konflikte miteinander, sodass wir zu Urteilen getrieben werden, zu denen wir sowohl verpflichtet als auch unberechtigt sind. Wenn das passiert, dann müssen wir uns von mindestens einem der Begriffe trennen, die für dieses Durcheinander verantwortlich sind. Einfache Beispiele dieses Phänomens liefern rassistische Bezeichnungen. Nehmen wir das von Michael Dummett bekannt gemachte Beispiel “boche” — ein abwertendes Wort, mit dem in Frankreich traditionell Deutsche bezeichnet werden. Seinem eigenen Anspruch gemäß muss es immer dann verwandt werden, wenn jemand die deutsche Nationalität hat. Wenn wir also von Peter wüssten, dass er einen deutschen Pass hat, so müssten wir dem Urteil “Peter ist ein boche” zustimmen. Andererseits verpflichtet uns dieses Urteil aber zur Aussage “Peter ist aggressiv und dumm.” Dies gehört zum Witz des Begriffes, so wie es zum Witz des Begriffes “Hund” gehört, eine entsprechende Beziehung mit dem Begriff “Säugetier” zu haben. Dies ist ein Problem, denn wir können uns Situationen vorstellen, in denen wir letzterem Satz nicht zustimmen wollen — aufgrund anderer Dinge, die wir über Peter wissen. (Vielleich wissen wir, dass Peter ein netter und dazu pazifistischer Typ ist.) In dieser Situation erweist sich das Wort “boche” als praktisch inadäquat: Es führt uns von einem wahren Urteil (”Peter hat einen deutschen Pass”) zu einem Urteil, welches wir aufgrund anderer begrifflicher Verpflichtungen ablehnen müssen (”Peter ist dumm und aggressiv.”). Freilich könnten wir in diesem Konflikt auch die Begriffe “dumm” und “aggressiv” umdefinieren (à la: manchmal meinen wir damit nette und pazifistische Typen). In unserem Fall aber ist es ökonomischer, uns vom Begriff “boche” zu trennen. “Peter ist ein boche” ist somit nicht falsch, sondern wegen seiner begrifflichen Inadäquatheit abzulehnen.

II. Wertung als ein Bündel von Begriffskonsequenzen

Begriffe wurden in der Geschichte des Denkens oft abgelehnt und beiseitegelegt. Manchmal in kontroversen Umständen, manchmal leise und kaum bemerkt. “Phlogiston” ist eines der Lieblingsbeispiele der Philosophen; “Hexe” und “Hexerei” ein anderes, “Orgon” ein drittes. Wenn man mich fragt, welche Begriffe die nächsten sind, die verschwinden werden, dann antworte ich: “heilig“, “selig” und sämtliche Sternzeichen-Charaktereigenschaften. Mal sehen, ob ich recht behalten werde.

Wenn wir Begriffe wegen der in ihnen impliziten “Wertung” ablehnen, dann ist das auf jeden Fall bloß ein Sonderfall des hier skizzierten Phänomens. Schauen wir uns ein anderes Beispiel an. Für die Nazis war das Urteil “X ist eine Rassenschande” mit der Verpflichtung zu Urteilen wie den folgenden verbunden: “X ist unbedingt zu vermeiden”, “X muss hart bestraft werden” etc. Diese Urteile sind in Bezug auf Geschlechtsverkehr zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe oder “Rasse” natürlich absurd. Wir lehnen den Begriff der “Rassenschande” also ab, weil wir diese Urteile ablehnen. Genau dies meinen wir, wenn wir sagen, dass wir mit der impliziten “Wertung” nicht einverstanden sind. In einem ähnlichen Zusammenhang wird übrigens von Oscar Wilde erzählt, dass er auf die Frage, ob er blasphemische Akte begangen habe, antwortete: “‘Blasphemy’ is not one of my words.” Das wollen wir auch über den Begriff der Rassenschande sagen: “‘Rassenschande’ ist keines unserer Wörter.” Ähnliches gilt natürlich auch für die rassistischen Bezeichnungen “Neger”, “Japse”, “Kanake” und so weiter.

III. Teilweises Zurückweisen

Allerdings ist es nicht immer so, dass Begriffe vollständig aus dem Gebrauch kommen. Manchmal bleiben Begriffe in veränderter Gestalt im Umlauf. Oft werden diese Begriffe mit Anführungszeichen gekennzeichnet. Dieser Fall kann eintreten, wenn wir nur einige der Beziehungen eines Begriffes ablehnen, andere aber explizit beibehalten wollen — und für das übriggebliebene Bündel begrifflicher Beziehungen noch keinen eigenen Begriff haben. Wir müssen uns dann mit dem alten Begriff arrangieren, aber gleichsam ein Schild dran hängen: “Achtung, ich meine es etwas anders, als ihr vielleicht denkt.”

Ich glaube, “Ehrenmord” ist ein Beispiel dieses Falles. Die Sache ist die, dass uns die Klasse der unter “Ehrenmord” gruppierten Verbrechen tatsächlich interessiert. Wir sind zum Beispiel der Meinung, dass diese Morde besonders fürchterlich und besonders absurd sind. Wir brauchen also ein Wort, um genau sie (und nur sie) aus der Vielfalt der Tötungsdelikte herauszupicken. Kurzum, wir wollen die Anwendungsbedingungen des Begriffes behalten. Andererseits wollen wir die “wertenden” Konsequenzen kappen, die wir durch das Wort der Ehre eingehen. Ehrenmorde sind, so wollen wir sagen, nicht etwa auf besondere Weise zu entschuldigen (wie es die Rede von der Ehre mit sich bringt), sondern sie sind ganz besonders verachtenswert. Kurzum, wir wollen den Begriff zum Umreißen einer Klasse von Phänomenen durchaus behalten, wollen uns aber durch die Anwendung des Begriffes nicht auf entschuldigende oder gar zustimmende Urteile verpflichten. Um dies zu signalisieren, benutzen wir Anführungszeichen und das Wort “sogenannt”.

Man beachte, dass wir dies bei “Neger”, “Kanake” etc. nicht tun müssen. Diese Begriffe schmeißen wir einfach weg; für die Anwendungsbedingungen der rassistischen Terme hatten wir schon immer Wörter, die ohne Anführungszeichen genannt werden können: “Mensch schwarzer Hautfarbe”, “Türke” oder “Deutschtürke” etc.

Auch im Fall von “Rassenschande” brauchen wir keine Anführungszeichen, allerdings aus einem anderen Grund: Wir halten die unter ihm gruppierten Dinge (Geschlechtsverkehr zwischen Angehörigen verschiedener Rassen) für so uninteressant, dass wir den Begriff wegschmeißen können, ohne nach Ersatz suchen zu müssen. In so gut wie keinem wichtigen Urteil brauchen wir einen Begriff zum Umreißen dieser Dinge. (Und wenn doch, dann tut es auch die lange Beschreibung.)

“Phlogiston” ist ein ähnlicher Fall. Wir interessieren uns für das, worauf die Anwendungsbedingungen weisen, überhaupt nicht. Denn wir wissen, dass sie auf ganz unterschiedliche Dinge weisen und dass es daher überhaupt nicht plausibel ist, von einem “Phänomen” zu sprechen, welches “unter” den Begriff fällt. Die Anwendungskonsequenzen von “Phlogiston” erweisen sich jedenfalls bei vielen Einheiten von Phlogiston als total unberechtigt. Wir schmeißen den Begriff daher ebenfalls komplett weg.

Bei “Ehrenmord” ist es anders, denn erstens lässt sich sinnvoll sagen, dass unter dem Begriff bestimmte Einzelfälle gruppiert werden, zweitens interessieren uns diese Einzelfälle — wir brauchen also einen Begriff –, und drittens ist der einzige Begriff, welchen es bisher dafür gibt, mit schlechten Inferenzen belastet.

IV. “Ehre” - Die Sprache der Täter

Freilich könnte man einwenden, dass wir einfach einen neuen Begriff erfinden können, welcher genau die Dinge bezeichnet, die “Ehrenmord” bezeichnet, dabei aber keine entschuldigenden Implikationen hat. Ähnliches haben wir ja auch beim Übergang von “boche” zu “Mensch deutscher Nationalität” getan. Letzterer Begriff verpflichtet im Gegensatz zu ersterem nicht zu “ist dumm und aggressiv”. Das Problem, vor das diese Strategie im Fall des “Ehrenmordes” aber gestellt ist, ist aber, dass der Rekurs auf “Ehre” die einzige Möglichkeit ist, die Dinge herauszupicken, die wir herauspicken wollen. Der Hauptgrund, aus dem wir uns für Ehrenmorde interessieren, ist schließlich ihr spezifisches Motiv. (Es ist, wenn ich es richtig sehen, vor allem das Motiv, welches Ehrenmorde so perfide macht.)

Ohne den Begriff der “Ehre” lassen sich die Anwendungsbedingungen unseres Begriffes schlechterdings nicht angeben. Es ist ein notorisches Problem der Rede über fremde Menschen, dass man zur Individuierung ihrer Motive immer sie selber zu Wort kommen lassen muss. In unserem Fall sind das die Täter. Wie aussichtslos die Suche nach Alternativen ist, zeigt sich ganz gut am “traditional killing” der amerikanischen Presse.

Wie die meisten Menschen in Nordwesteuropa glaube auch ich, dass die ganze Rede von Ehre als moralischem Grund eine ethisch und intellektuell bankrotte Praxis ist. Zumindest die Variante dieser Rede, wie sie von Ehrenmördern angestrengt wird. Allerdings stecken viele, viele Menschen noch tief in dieser Praxis. Solange es Leute gibt, die ihre eigenen Motive mit dem Begriff der “Ehre” angeben, und solange einige von ihnen mit diesem Motiv bis zum Mord gehen — so lange sind wir, so scheint es, in der Verlegenheit, Anführungszeichen benutzen zu müssen.

Dies scheint mir ein Ergebnis unserer Überlegungen zu sein. Anführungszeichen sind eine imperfekte Art der Distanzierung von Begriffen. Es ist eine Distanzierung, zu der wir gezwungen sind, wenn wir Motive von Leuten beschreiben müssen, deren begründende Begriffe wir als praktisch inadäquat ablehnen. Wir benutzen ihre Begriffe, weil wir ohne sie nicht auskommen, denn es geht uns gerade um die mit ihnen gerechtfertigten Taten. Doch wenn wir ihre Begriffe gezwungenermaßen benutzen, wollen wir uns wenigstens — so gut es geht — von ihren Implikationen frei machen. Anführungszeichen sind also, wenn man so will, die Latex-Handschuhe, die wir uns überstreifen, wenn wir gezwungen sind, in schlechten Begriffen zu wühlen.

Rückkehr aus der Hölle der sprechenden Positionspapiere — Redfords “Von Löwen und Lämmern”

von Christian Voigt
Freitag, 9. November 2007

Wie sieht die Hölle des Cineasten aus? Ich kann es euch sagen: Es werden in ihr nicht einfach nur schlechte Filme gezeigt. Der Cineastenteufel ist viel gerissener. Erwartungen wollen geschürt, Hoffnungen geweckt werden, bevor die Qual beginnen kann.

Gestern habe ich diesem unwirtlichen Ort einen Besuch abgestattet. Es wurde gerade ein Propagandafilm ohne Propaganda gezeigt.

“Ein Propagandafilm ohne Propaganda?”, werdet ihr sagen, “Wäre das nicht so, wie ‘Spiel mir das Lied vom Tod’ ohne Schießereien, wie ‘Pretty Woman’ ohne Küsse, wie ‘Casablanca’ ohne Bogart?” Ja, genau so, bloß noch viel schlimmer: Es ist wie ein schlechter Pornofilm ohne Porno.

Der Film hieß “Von Löwen und Lämmern” (eigentlich “lions for lambs”, wobei die Lämmer (ganz anders als bei nietzsche) für “die da oben” und die Löwen, jawohl, für “den kleinen mann auf der strasse” stehen). Dem Cineastenteufel war es in der Gestalt von Robert Redford gelungen Tom Cruise und Meryl Streep zu engagieren. Dann bewarb er den Film als eine “gewagte Kritik” an der US-Politik und hatte so mein Interesse geweckt.

Die ersten fünf Minuten war mir noch nicht klar, worein ich da geraten war. Es fing an mit Hubschraubern. Nicht schlecht, dachte ich. Hubschrauber. Da passiert bestimmt was. Action und so. Aber dann fingen jeweils zwei Leute in zwei Büros an zu reden. Und hörten nicht mehr auf. Und — nachdem zwei Leute da rausgefallen, bzw. gesprungen waren — flog der Hubschrauber einfach weg und kam nicht wieder. Und die zwei Leute lagen im Schnee und taten nichts, außer heldenhaft zu bluten und ab und zu einen Schuß in die Dunkelheit abzufeuern.

Na gut, dachte ich. Dann eben doch keine Action. Dann eben zurück zu den Leuten, die immer noch reden. Was waren das für Leute und wie kamen die zusammen? Das war wahrscheinlich so gelaufen: Der Robert, der Tom und die Meryl trafen sich zum spielen. Der Robert wollte mal Professor spielen. Der Tom wollte schon immer mal Senator sein. Und Meryl, die hatte sich “Journalistin” ausgesucht, weil sie da immer irgendwas in ihren kleinen Block reinkritzeln konnte. Und da der Tom sich Politiker so wie seine Scientologygurus vorstellte und der Robert nicht die geringste Ahnung von der Uni hatte, da er frühzeitig von der Schule geflogen war, erinnert das Ergebnis an den nächsten Kindergarten um die Ecke, wo gerade Indianer, Cowboy, Doktor und Prinzessin gespielt wird.

Na gut, dachte ich wieder, dann eben keine Psychologie, keine Geschichte. Aber immerhin, immerhin… eh…ja, was bleibt denn eigentlich noch? Und dann war es mir auf einmal klar: Die grobschlächtig geschnitzten Figuren, die vollkommen unnatürliche Redeweise, der Gestus der Bedeutsamkeit, das Pathos und die schwülstige Musik: Na, klar, ich saß in einem waschechten Propagandafilm!

Nun konnte ich es mir wieder im Sessel gemütlich machen, denn ich wusste ja was kommt: Ich sollte manipuliert werden. Ich musste nur die Botschaft empfangen. Ich lehnte mich entspannt zurück und wartete.

Aber die Botschaft kam nicht. So oft auch zwischen den beiden Büros und den beiden Blutenden im Schnee hin und hergeschaltet wurde: Es tat sich nichts. Immer wenn es um etwas hätte gehen können, wollte der Film einfach nicht mit der Sprache herausrücken, sondern druckste nur in leeren Phrasen um den heißen Brei herum. Nichts außer Lehrsätzen wie: “Die da oben machen ja doch was sie wollen und sind außerdem korrupt und lügen”, “In Amerika gibt es Probleme (aber welche sagen wir lieber nicht).”, “Im Irakkrieg ist nicht alles so gelaufen, wie es sollte.”, “Irgendwie sind aber auch alle ein bisschen schuld dran”, “nur der einfache Soldat, der das blutend im Schnee ausbaden muss, ist ein echter Held”. Und eine besondere Botschaft an unsere jungen Menschen von heute: “Tu endlich was (z.B.: Blute im afghanischen Schnee oder verteile Antikriegsflugblätter — ganz egal, solange du damit kein Geld verdienst)!”

Tut das dem Film unrecht? Man könnte denken, das Fehlen einer eindeutigen Botschaft weise auf die Vielschichtigkeit und Komplexität des Filmes hin, zweifelsohne ein Qualitätsmerkmal für politische Filme. Aber vielschichtig und komplex wird ein Film erst, wenn man durch die Klischees, Ideologien und Vorurteile hindurchdringt zur dreckigen, ganz konkreten und direkten Wirklichkeit. Ein Film wird nicht vielschichtig und komplex, indem man einen Propagandafilm macht, in dem für alle möglichen Positionen und also für überhaupt keine Position Propaganda gemacht wird. Genausowenig wie eine Dauerwerbesendung dadurch besser wird, dass in ihr auf einmal auch für das Konkurrenzprodukt geworben wird.

Sein prägendstes politisches Ereignis, so erzählt uns Robert Redford in einem Interview der Süddeutschen, sei es gewesen, bei einem Sportfest eine Medaille von Nixon bekommen zu haben. Da ist alles vollkommen falsch gewesen an dem Nixon, das hat der kleine Robert mit seinem politischen Scharfblick sofort gesehen. Nach einem lange Zeit vollkommen unpolitischen Leben, hat er sich nun dran erinnert, dass er diesen politischen Durchblick besitzt. Und die Einblicke, die uns der inzwischen großgewordene Redford ins heutige Washington verschafft, sind von ähnlicher Tiefe, wie damals auf dem Sportplatz.

Nach und nach ließ ich so jede Hoffnung auf eine erlösende Botschaft fahren und ergab mich in die Qual der leeren Floskel. Andere fanden die Worte, die mir fehlen:

The New Yorker: “Lions for Lambs” is most charitably described as Ibsen with helicopters.

The Onion: “These aren’t human beings; they’re sentient position papers.”

Zumindest — und das ist tröstlich — war ich nicht der Einzige.