Ist es moralisch falsch, für Radiohead’s „In Rainbows“ nichts zu zahlen?

20. Oktober 2007
Eugen Pissarskoi

Radiohead überlässt die Entscheidung, wieviel für das neue Album gezahlt werden soll, den Fans: It’s up to you! Angenommen, ich entscheide mich dafür, nichts zu zahlen und das Album herunterzuladen. Mache ich dabei etwas moralisch Falsches?

Zunächst einmal – da ich die Möglichkeit habe, den Preis zu bestimmen, spricht nichts dagegen, dass ich mich für den Preis von Null Cent entscheide. Ob diese Entscheidung jedoch richtig oder falsch ist, hängt davon ab, wie ich sie begründe: Die Begründung könnte moralisch falsche Prämissen beinhalten, dann ist auch die Entscheidung, die auf dieser Begründung basiert, moralisch falsch. Beispielsweise wenn ich meine Entscheidung damit begründe, dass ich der Band Radiohead aus Vergnügen einen möglichst hohen finanziellen Schaden hinzufügen möchte, so ist diese Rechtfertigung zweifelsohne moralisch nicht akzeptabel. Also: lässt sich eine moralisch akzeptable Rechtfertigung für die Entscheidung finden, nichts für das „In Rainbows“ Album zu blechen?
Diskutieren wir mal ein paar mögliche Begründungen, um zu schauen, wie weit sie uns helfen, unser Portemonnaie mit gutem Gewissen zu schonen:

Zahle, was Du willst

Der einfachste Weg, seine Entscheidung zu rechtfertigen, scheint darin zu liegen, sich auf seinen Willen zu berufen: It’s up to me – also zahle ich das, was ich will! Und ich will das Album für umme!
Das ist jedoch keine gute Rechtfertigung. Sie ist entweder eine Worthülse oder etwas Mystisches. Denn wie stelle ich fest, was ich will? Manchmal dadurch, dass ich mir Gründe überlege, aus denen etwas, das ich will, herbeigeführt werden soll (z. B. ich will zur Uni gehen, weil das der beste Weg ist, um meine Lebensziele zu erreichen). Manchmal dadurch, dass ich eine Empfindung habe, dass ich etwas will: Ich will essen, weil ich Hunger habe. Wie ist es nun im Falle von „In Rainbows“? Wenn wir das Wollen, das Album zu haben ohne zu zahlen, durch Gründe abstützen müssen, so hilft uns dieses Wollen überhaupt nicht weiter. Denn genau nach diesen Gründen sind wir ja auf der Suche. Wenn wir hingegen versuchen, uns auf das Wollen als eine Empfindung zu berufen, so ist total unklar, was wir damit meinen. Was soll das für eine Empfindung sein, nach der ich ein Musikalbum für umsonst haben will? Wie genau kann ich sie verspüren?
Daher ist eine Begründung der Entscheidung mittels des Willens bestenfalls abstrus, aber keineswegs akzeptabel.

Zahle, was es Dir wert ist

Vielleicht bietet der Verweis auf die eigene Zahlungsbereitschaft eine bessere Rechtfertigung für den kostenlosen Erwerb des Albums: Meine Wertschätzung des Albums beträgt Null Euro, deswegen zahle ich nichts dafür. - Wenn es wahr ist, was veranlasst mich dann aber dazu, mir die Mühe zu machen, das Album herunterzuladen? Mit dem Verweis auf die eigene Zahlungsbereitschaft kann man zwar niedrige Preise rechtfertigen, nicht jedoch den Preis von Null. Problematisch ist dieses Entscheidungskriterium übrigens aus der Sicht von wahren Fans von Radiohead: Sie würden materiell arm werden, würden sie wirklich den Betrag ihrer Wertschätzung überweisen.

Zahle den gerechten Preis

Vielleicht hat deswegen Christian, einer der echten Radiohead-Fans, sich eine gewiefte Begründung einfallen lassen, warum er für das Album nichts bezahlt hat: Bei der Menge an Geld, die Radiohead bereits verdient haben, ist es gerecht, für das neue Album nichts zu zahlen.
Diese Überlegung hat jedoch einen Haken: Wenn alle Interessenten so denken und keiner daher zahlt, besteht große Gefahr, dass Radiohead das Experiment doof finden und nie mehr ihre Platten auf diese Weise vermarkten wird. Womöglich werden auch viele andere Bands aus dieser Erfahrung lernen und keine von ihnen wird sich trauen, den Preis dem Publikum zu überlassen.
Der Haken besteht also darin, dass, wenn alle sich an Christians Handlungsprinzip halten, Gefahr besteht, dass die Handlung zu unerwünschten Konsequenzen führen würde. Meist halten wir solche Begründungen für moralisch falsch.

Würfeln

Ich habe mich dafür entschlossen, den Preis für das Radiohead-Album dem Würfel zu überlassen. Würfele ich zwischen 1 und 3, zahle ich nichts. Sonst überweise ich 20 Euro an Radiohead für das Album. So habe ich mich zwar nicht dafür entschieden, nichts zu zahlen, aber dennoch das Album für umme samt gutem Gewissen bekommen.

2 Kommentare zu “Ist es moralisch falsch, für Radiohead’s „In Rainbows“ nichts zu zahlen?”

  1. Mathias 12. November 2007 (21:08 Uhr)

    Würfeln als Ausweg? Das klingt nicht überzeugend. Du hast ja nach einer akzeptablen, nicht widersprüchlichen Begründung gesucht, das Album kostenlos zu beziehen. Wieso sollte eine solche gerade das Würfeln liefern? Die durchgespielten Szenarien basieren darauf, dass man selbst eine Entscheidung treffen muss (weil es gilt, selbst Verantwortung zu übernehmen), und nicht jemand anderes, der davon gar nichts weiß, bzw. der Zufall. Genau darauf basiert allerdings der Lösungsvorschlag des Würfelns.
    Ich denke, es führt kein Weg daran vorbei, etwas zu bezahlen, würde allerdings einen niedrigeren Preis ansetzen, als die für LPs üblichen (Plattenfirmen werden nicht mitbezahlt, Marketingkosten). Diesen zu bestimmen ist freilich schwierig und müsste grob durchgerechnet werden.
    Andererseits: Wenn ausgewertet würde, wie oft ein Download auch bezahlt wird, scheint die Überweisung irgendeines Betrags schon ein wichtiger Schritt zu sein (sind es nicht gerade nur Cent-Beträge) - auch im Hinblick auf ähnliche Aktionen anderer (bekannter) Künstler.

  2. Eugen Pissarskoi 12. November 2007 (22:24 Uhr)

    Du hast ganz recht mit der Behauptung, dass die Entscheidung, den Preis für das Album auszuwürfeln, keine Entscheidung ist, nichts für das Album zu zahlen. Im Artikel wollte ich es nicht zugestehen, aber es stimmt, dass ich keine Rechtfertigung für die Entscheidung, nichts zu zahlen, gefunden habe. Insofern glaube ich, dass, wenn jemand sich vornimmt, das Album für umme herunterzuladen, er eine moralisch nicht gerechtfertigte und somit (vermutlich) moralisch falsche Absicht fasst.

    Ich stimme Dir aber nicht zu, dass die Entscheidung zu würfeln, eine illegitime Entscheidung sei (Du schreibst es nicht ausdrücklich, aber es klingt so als wenn Du das meinst). Ich könnte die Entscheidung dem Zufall überlassen, beispielsweise weil ich keinen Grund dafür finden kann, einen bestimmten Preis zwischen 0 und 20 Euro zu bezahlen (20 Euro, weil das der maximale Betrag ist, den ich für ein Musikalbum überhaupt ausgeben würde) und mich nicht in der Position von Buridans Esel widerfinden möchte. Und ich finde keine Gründe, die dagegen sprechen.
    Und wenn alle sich so entscheiden (mit der Wahrscheinlichkeit 1/2 einen Preis zwischen Null und ihrer maximalen Zahlungsbereitschaft zu zahlen), verdient Radiohead eine Menge Geld.

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