“Logik” als Kampfbegriff II: Besitzen Radioheadfans ökonomische Vernunft?
15. Oktober 2007Christian Voigt
Der Vorwurf “unlogisch” oder “unvernünftig” zu sein wird im Alltag allzu häufig mißbraucht, um rationale Diskussionen zu untergraben und Machtansprüche in Diskursen durchzusetzen. Dieser Mißbrauch wird durch irreführende Vorstellungen darüber, was Logik oder Vernunft sei, überhaupt erst möglich. Diese kleine Artikelreihe soll diesen Mißbrauch von “Logik” oder “Vernunft” als Kampfbegriffe näher untersuchen. (Teil I)

Wieviel soll man für Radioheads “In Rainbows” bezahlen? Da Radiohead sicherlich schon reich genug sind fällt die Antwort leicht: Gar nichts. Radioheads Entscheidung den Preis ihres neuesten Albums dem Käufer zu überlassen ist dennoch so außergewöhnlich, dass man Ökonomen damit leicht aus der Fassung bringen kann.
Dani Rodrik ist so einer. In einem Blogbeitrag fragt er: “Has Radiohead gone bonkers?” Um das herauszufinden startete er ein eigenes kleines Experiment über das die New York Times berichtete. Die NYT schreibt süffisant: “‘Has Radiohead gone bonkers?’ He (Rodrik, CV) concluded, ‘Not at all.’ Radiohead will make money. But those who are paying for the download may truly be nuts.”
Der Autor des Artikel kann es einfach nicht verstehen: “People paid for something they could get for free.” Warum bloß? Grek Mankiw, ein weiterer Ökonom, meint, dass dieses Phänomen genau die gleichen ökonomischen Rätsel aufwerfe wie das Trinkgeldgeben in einer Situtation, in der wir uns sicher sein können, dem Trinkgeldempfänger nie wieder zu begegnen.
Sind Radioheadfans verrückt? Handeln sie unlogisch oder unvernünftig, weil sie im Durschnitt 8 Dollar für das Album bezahlen? Die ökonomische Verwunderung führt im NYT Artikel zu der grundlegenden Frage, inwieweit altruistische Menschen rational seien. Damit wird die Diskussion in ökonomisch altbekannte Bahnen gelenkt. Denn auf den Altruismuseinwand hat der Ökonom bereits eine Antwort: Altruismus macht den Altruisten “high”, so wie ein Bungeesprung den Bungeespringer “high” macht. Altruisten handeln also eigentlich egoistisch, oder wie TicTacToe sagen würden “Nur für den Kick für den Augenblick”.
Das ist dann auch die “ökonomische” Erklärung für das Radioheadphänomen: Radioheadfans haben, wie der NYT Artikel folgert, “touchy-feely reasons” (klingt unangenehm und glitischig) Geld zu bezahlen, wo das eigentlich aus “rationaler” Sicht (kühl und solide) nicht nötig wäre. Mal wieder wird der alte Konflikt zwischen unlogischem “Gefühl” und logischer “Vernunft” beschworen.
Es ist ein häufig gehörter Einwand gegen ökonomische Theorien, dass sie nur die eine Seite menschlichen Verhaltens betrachten würden, dass sie den Menschen als durch und durch rationales Wesen beschrieben. Dabei liegt das eigentliche Problem hier an ganz anderer Stelle: Das Problem ist nicht, dass Personen als rationale Nutzenmaximierer angesehen werden. Der Mechanismus der Nutzenmaximierung bei gegebenen Präferenzordnugnen ist derart abstrakt und formal, dass damit so gut wie gar nichts über menschliches Verhalten gesagt wird. Die “touchy-feely reasons” von Radioheadfans sind genauso gut durch diesen rein “rationalen” Mechanismus zu beschreiben, wie die “coldly-brainy reasons” von NYT Autoren. Im ersten Fall müssen wir bloß ganz andere Präferenzen unterstellen als im zweiten Fall. Aber solange diese Präferenzen in den Mechanismus der Nutzenmaximierung hineinpassen (solange sie transitiv sind usw.) dürfen Ökonomen kein Urteil darüber fällen, ob die eine Präferenzordnung rationaler ist als die andere. Sie sind theoretisch überhaupt nicht in der Lage zu einer derartigen Unterscheidung. Dennoch tun sie immer wieder so, als wären sie für diese Bewertung qualifiziert, als wären sie Experten für “unvernünftige” Präferenzen.
Das eigentliche Problem ist also, dass die Ökonomen in den Nutzenmaximierungsmechanismus ausschließlich bestimmte Präferenzen hineinstecken und deswegen auch immer nur bestimmtes Verhalten ausgegeben bekommen: Es sind eben genau die Präferenzen, die im kapitalistischen Geschäftsleben vorherrschen. Daran ist natürlich nichts auszusetzen, solange Ökonomen sich auf die Erklärung dieses Geschäftlebens beschränken. Problematisch wird es aber, sobald sie a) den Anspruch erheben, dass die von ihnen benutzten Präferenzen die einzig “rationalen” Präferenzordnungen seien oder b) diese Präferenzordnungen auch außerhalb des Geschätslebens angewendet werden müssten.
Es ist deshalb auch kein Wunder, wenn Ökonomen vieles in der Welt nicht verstehen können oder wollen. Es ist kein Wunder, dass sie altruistische Motivation erst dann verstehen können, wenn sie sie mit der Motivation identifiziert haben, die auch hinter dem Konsum von Kokain steckt. Das sollte aber nicht unser Problem sein. Wichtig dabei ist bloß eines: Die professionelle Blindheit von Ökonomen sollte man nicht ihrer theoretischen Grundannahme zurechnen, dass alle Menschen rationale Nutzenmaximierer sind, sondern ihrer beschränkten Phantasie, was die Unterstellung von vielfältigen und höherstufigen Präferenzen angeht.
Wenn man das versteht, dann liegt der eigentliche Konflikt nicht mehr in dem Konflikt zwischen “Gefühl” und “Vernunft”, zwischen “logischen” und “unlogischen” Gründen. Die freiwillige Spende für das Radioheadalbum ist dann nicht ökonomisch komplizierter zu erklären, als die Bezahlung des neue Britneyalbums. Wir brauchen den Radioheadfans dafür eben nur ganz andere Lebensideale zu unterstellen als z.B. Herrn Mehdorn, wenn er mit Gewerkschaftlern verhandelt. Ökonomen — das sollte klar sein — sind keine Experten in dieser Art der Unterstellung. Und — was noch klarer sein sollte — welche dieser Lebensideale am “vernünftigsten” sind, darüber können und sollten nicht Ökonomen entscheiden. Das können nur wir selbst entscheiden.

Ich finde Deine Schelte der Ökonomen etwas übertrieben. Im Grunde genommen müsste es eine Kritik an den Autoren des NYT-Artikels sein. Denn sie führen die Unterscheidung zwischen den “touchy-feely” und den “coldly-brainly reasons” ein.
Ernst Fehr ist ein berühmtes Beispiel für Ökonomen, die sich mit altruistischem Verhalten beschäftigen. Fehrs Forschungsziel - soweit ich’s überblicke - besteht gerade darin, mithilfe von (der Psychologie entlehnten) Experimenten - à la denen von Rodrik - herauszufinden, wie Menschen sich verhalten, und daraus ihre Präferenzen abzuleiten. Dabei ermitteln sie auch die Wertschätzung für altruistisches Verhalten (bzw. solches, das auf sozialen Normen wie Vertrauen beruht).
Ich glaube nicht, dass sie Präferenzen für das altruistische Verhalten einen anderen Stellenwert im Vergleich zu Präferenzen für das “materialistische” Verhalten zusprechen.
Du hast recht, die Schelte galt eher der NYT und allgemeiner der Rolle ökonomischer “Erklärungen” in den Medien. Auch die verlinkten Blogartikel sind auf höherem Niveau als die NYT.
Trotzdem fällt es auf, dass auch diese Blogeinträge so tun als wäre das Verhalten der Radioheadfans in irgendeiner Weise ökonomisch rätselhaft und unerklärlich (genauso wie das Trinkgeldgeben). Dieses Verhalten ist meiner Meinung nach aber eben nicht ökonomisch rätselhaft, sondern viel eher moralisch oder normativ erstaunlich.
Die Frage, warum es den Fans anscheinend wichtig ist, Geld für das Album zu bezahlen, können Ökonomen meiner Meinung nach nicht besser beantworten, als der Kioskverkäufer um die Ecke. Das ist eher eine Frage für Psychologen, Soziologen und (wenn es um eine rationale Rekonstruktion geht) Philosophen.
Rodrik stellt am Ende die Frage, warum den Radioheadfans nicht schon vorher soviel gespendet haben, dass eine weitere Spende ihnen nichts mehr bringen würde. Das ist nun in der Tat eine ökonomische Tatsache, die die Grundannahme der Nutzenmaximierung infrage stellt. Aber das ist nun wirklich eine außerhalb der Ökonomie absurde Frage, die es nicht verdient hat, in der NYT diskutiert zu werden.