Moral Luck im Fußball
11. Oktober 2007Matthias Kiesselbach
Nehmen wir mal an, Ashkan Dejagah hat recht. Nehmen wir an, hinter den “persönlichen Gründen“, mit denen der deutsch-iranische Fußballprofi seinen Verzicht auf die Teilnahme am U-21-Länderspiel gegen Israel erklärt, verbirgt sich wirklich die Angst vor iranischen Repressalien gegen ihn und gegen seine Familie. Nehmen wir ferner an, dass diese Angst berechtigt ist. Wie ist seine Weigerung, am Länderspiel in Tel Aviv gegen Israel teilzunehmen, dann zu bewerten?
Vielleicht ist dies die richtige Antwort: Wir hätten dann einen Fall von ‘moral luck’, oder im vorliegenden Fall besser: von moralischem Pech. Bernard Williams hat den Begriff des ‘moral luck’ geprägt, um darauf hinzuweisen, dass wir nur einen begrenzten Einfluss darauf haben, ob es in unseren Leben schwer oder leicht ist, das Richtige zu tun. Es gibt Orte und Zeiten, in denen es relativ leicht ist, sich nichts zuschulden kommen zu lassen — aber es gibt auch Orte und Zeiten, in denen dies mit extremen Risiken, Mühen oder Qualen verbunden ist. Wer sich in letzteren Orten und Zeiten wiederfindet, der hat moralisches Pech — jedenfalls in dem Maße, in dem er nichts dafür kann, dort gelandet zu sein. Er kann sich die Risiken, Mühen und Qualen ersparen, aber nur um den Preis, falsch und also verurteilenswert zu handeln.
Wenn es so etwas wie moralisches Pech gibt, dann scheint die Situation von Ashkan Dejagah ein guter Kandidat dafür zu sein. Das richtige Handeln — nämlich die Teilnahme am Länderspiel gegen Israel — ist für Dejagah mit wesentlich höheren Kosten verbunden als für einen Nicht-Iraner. Diese Kosten, so viel sollte klar sein, können durchaus auch “moralische” Kosten beinhalten, denn mit einer Teilnahme am Spiel lüde Dejagah nicht nur sich selbst Probleme auf, sondern auch seinen Familienangehörigen. Dennoch, so die Analyse, wäre die Teilnahme auch für Dejagah das Richtige: Was zu tun richtig ist, das hängt nach dieser Sichtweise nicht davon ab, wie viel Kraft, Mut oder Leid investiert werden muss.
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Analyse richtig ist. Aber wenn sie richtig ist, dann wäre die angemessene Reaktion folgende: Einerseits müssten wir Dejagah verurteilen für seine moralisch falsche Entscheidung. Andererseits dürften wir sehr wohl ein gewisses Mitleid für sein moralisches Pech empfinden.
Ich frage mich, ob das schizophren wäre.
[Mal wieder einen sehr überlegten Kommentar zur Dejagah-Frage gibt es übrigens im Spiegelfechter zu lesen.]

Du schreibst: „Einerseits müssten wir Dejagah verurteilen für seine moralisch falsche Entscheidung.“ – Mir ist unklar, warum seine Entscheidung falsch ist.
Wenn wir akzeptieren, dass jeder Fußballer, wie jeder andere Mensch, sich freiwillig entschieden kann, ob er für die Nationalmannschaft spielen möchte oder nicht, dann ist eine Absage von der Teilnahme an einem bestimmten Spiel zunächst einmal nichts Falsches. Moralisch falsch kann höchstens die Begründung sein: Wenn ein Spieler auf die Teilnahme verzichtet, weil er eine bestimmte Nation nicht mag, dann ist die Rechtfertigung seiner Entscheidung verwerflich und damit auch die Entscheidung selbst.
Es gibt aber durchaus Fälle, in denen es akzeptiert wird, dass ein Nationalspieler auf die Teilnahme an bestimmten Spielen verzichtet – oft werden solche Fälle in Bezug auf die Belastung des Spielers begründet. Wenn diese Begründung akzeptiert wird, ist auch die Entscheidung gerechtfertigt.
Bei der Diskussion von Dejagah hast Du aber angenommen, dass die Angst der Spielers berechtigt ist. Wenn die Angst berechtigt ist, dann ist die Begründung des Spielers für die Absage seiner Teilnahme gerechtfertigt. Dann ist auch seine Entscheidung moralisch akzeptabel. Oder?