Lokführer: Streikt, aber anders! Zweiter Versuch

10. Oktober 2007
Eugen Pissarskoi

Die Lokführer streiken weiter. Vor zwei Monaten habe ich versucht, ein Argument zu konstruieren, mit dem der Streik gerechtfertigt werden könnte. Es lautete:

  1. Es ist zu begrüßen, wenn der Lohn der Arbeitnehmer steigt, solange der Anstieg keine negativen Folgen mit sich führt, die
    den Vorteil aus dem Anstieg überwiegen.
  2. Wir wissen nicht, dass der Anstieg des Lohnes negative Folgen hat, die den Vorteil aus dem Anstieg überwiegen.
  3. Wenn es zu begrüßen ist, dass p, und wir nicht wissen, dass p zu negativen Auswirkungen führt, die die Vorteile von p überwiegen, soll p realisiert werden.
  4. Ergo: Lohnerhöhung der Arbeitnehmer soll realisiert werden.

Dieses Argument ist doof, darauf hat jge hingewiesen. Prämisse (3) erweist sich als Störfried. Denn mit ihrer Hilfe lässt sich der Einsatz von so gut wie allen Risikotechnologien rechtfertigen. Risikotechnologien zeichnen sich gerade dadurch aus, dass wir nicht wissen, welche negativen Auswirkungen sie mit sich bringen. Wir wissen zwar, dass ihr Einsatz verheerende Schäden nach sich ziehen kann, darüber jedoch, ob dies der Fall sein wird bzw. mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Katastrophe eintreten wird, können wir nichts sagen. Eine Prämisse, die einen Freibrief für so gut wie alle Risikotechnologien ausstellt, kann aber nicht wahr sein.

Hier ein neuer Vorschlag:

(*)

    wenn

  1. eine Handlung A einer Gruppe X nützt, und
  2. wir ausschließen können, dass die Handlung A zu verheerenden Konsequenzen führen wird, und
  3. über die restlichen negativen, nicht-verheerenden Konsequenzen wir nicht wissen, ob sie die Vorteile für die Gruppe X überwiegen
  4. dann soll A realisiert werden.

Die zweite Bedingung schließt die Rechtfertigung für den Einsatz aller möglichen Risikotechnologien aus: in Bezug auf ihren Einsatz können wir eben nicht ausschließen, dass dieser nicht zu verheerenden Auswirkungen führen wird.
Um das Argument für den Lokführerstreik zu vervollständigen, lauten die ergänzenden Prämissen:

  1. Die von der GDL geforderte Lohnerhöhung nützt den Lokomotivführern.
  2. Wir können ausschließen, dass die von der GDL geforderte Lohnerhöhung zu verheerenden Konsequenzen führen wird.
  3. Über die restlichen negativen, nicht-verheerenden Konsequenzen wissen wir nicht, ob sie die Vorteile überwiegen, die sich aus der Lohnerhöhung für die Lokführer ergeben.
  4. und die obige Prämisse (*)
  5. Also: Die von der GDL geforderte Lohnerhöhung soll realisiert werden.

DGB-Argument gegen den Streik

Letztens erfuhr ich von einigen DGB-Gewerkschaftlern, warum sie die Verhandlungen der GDL sehr kritisch beäugen. In ihren Ausführungen verwendeten sie sehr oft das Wort „Entsolidarisierung“, ihre Überlegung war aber, glaube ich, ungefähr die folgende:

Eine Gewerkschaft, die sich auf eine Berufsgruppe mit einem hohen Drohpotential (Ärzte, Lokomotivführer, Piloten) konzentriert, kann für diese Gruppe (leichter) hohe Lohnabschlüsse aushandeln. In einer Gewerkschaft hingegen, die viele Berufsgruppen vertritt (in der Transnet sind z.B. rund 100 verschiedene Berufe organisiert), profitieren vom Drohpotential einer Berufsgruppe auch alle anderen Angestellten, deren Interessen von der Gewerkschaft vertreten werden. Beispielsweise handelt die Transnet nicht nur den Lohn für die Zugführer aus, sondern auch für das Servicepersonal auf den Bahnhöfen. Das Servicepersonal könnte, wäre es in einer eigenen Gewerkschaft organisiert, nicht besonders effektiv seine Lohnforderungen durchsetzen, da deren Streik der Bahn einen viel geringeren Schaden hinzufügen würde als der der Lokführer. Wenn also die GDL sich durchsetzt und einen Tarifvertrag für ausgewählte Berufsgruppen aushandelt, wird es zu einer Spreizung des Einkommens zwischen den Berufsgruppen kommen, die für die Bahn arbeiten.

Wie ist nun diese Entwicklung zu bewerten? Ich glaube und stimme somit den DGB-Gewerkschaftlern, die mir diesen Gedanken nahebrachten, überein, dass eine Zersplitterung der Gewerkschaften (und damit das Aushandeln des Tarifvertrages durch die GDL) etwas Unerwünschtes ist. Das glaube ich aus dem folgenden Grund:
Es ist schlecht, wenn die Schwächeren der Gesellschaft am gesellschaftlichen Wohlstand weniger stark beteiligt werden als die Stärkeren, ohne dass es einen sehr guten Grund für die Benachteiligung der Schwächeren gibt. Im Falle des Tarifkonflikts mit der Bahn sind die Lokomotivführer und das Zugbegleitpersonal die verhältnismäßig Stärkeren. Die Schwächeren – das sind vor allem Servicemitarbeiter, vielleicht auch angelernte technische Arbeiter. Zu den Schwächeren gehören sie zum einen, weil ihre Arbeit weniger hoch entlohnt wird, und zum anderen, weil sie weniger effektiv ihre Forderungen gegenüber dem Arbeitgeber durchsetzen können. Die verhältnismäßig Stärkeren sind hingegen die Lokomotivführer. Wenn die GDL sich durchsetzt, wird es für die Schwächeren des Schienenbetriebes schwerer sein, höhere Löhne durchzusetzen. Ohne dass es einen Grund dafür gäbe, dass ihre Löhne langsamer steigen sollen als die der Lokführer. Und das finde ich schlecht.

Dagegen könnte man einwenden, dass es doch einen Grund dafür gibt, dass die Stärkeren, die Lokführer, nicht die Belange der Schwächeren, des Servicepersonals, berücksichtigen sollten. Es könnte zum Beispiel sein, dass eben dadurch, dass die Schwächeren von dem Durchsetzungsvermögen der Stärkeren profitieren, ihre Löhne so stark erhöht werden, dass es billiger wird, ihre Arbeit durch Maschinen zu ersetzen. Und es könnte sein, dass es besser ist, wenn die Schwächeren durch geringe Lohnerhöhungen weniger stark vom gesellschaftlichen Wohlstand profitieren als wenn sie arbeitslos werden.

Das kann sein. Doch das ist kein zwingendes Argument dagegen, dass die Stärkeren die Interessen der Schwächeren berücksichtigen sollten. Es ist eben die Aufgabe der Gewerkschaft, bei ihren Lohnforderungen so zu kalkulieren, dass die Lohnerhöhungen nicht zu Massenentlassungen führen. Eine Gewerkschaft, die sowohl das Zugpersonal als auch die Servicemitarbeiter vertritt, muss ja nicht für alle die gleichen Lohnabschlüsse aushandeln. Wenn die Gefahr droht, dass ein zu hoher Lohnabschluss für das Servicepersonal zu deren Arbeitslosigkeit führen würde, ist es nur weise, die Löhne nicht so stark zu erhöhen. Im anderen Fall - wenn eine Gewerkschaft nur das Servicepersonal vertritt – hat sie aber gar nicht die Möglichkeit, einen höheren Lohn durchzusetzen, unabhängig davon, ob sein Abschluss positive oder negative Auswirkungen nach sich zöge. Und eine Gesellschaft ist ungerecht, in der die Schwächeren gar nicht die Möglichkeit haben, mindestens genauso stark am gesellschaftlichen Wohlstand beteiligt zu werden wie die Stärkeren. Und wenn sie ungerecht ist, ist sie auch schlecht.

Also

Das Fazit des letzten Beitrages möchte ich daher etwas korrigieren: Die Forderungen der Lokomotivführer nach mehr Lohn lassen sich rechtfertigen. Problematisch ist jedoch die Art, wie sie streiken. Problematisch ist auch, dass sie bei ihren Lohnforderungen nicht die Interessen der Mitarbeiter berücksichtigen, die nicht die Möglichkeit haben, einen hohen Lohnabschluss durchzusetzen.

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