Ist Osama ein Fascho? — Ein Beitrag zur “Islamo-Fascism Awareness Week”
von Christian VoigtMittwoch, 24. Oktober 2007

Im Normalfall benutzen wir Begriffe genauso naiv, wie wir Fotos benutzen: Wir fragen uns nicht, ob sie die Wirklichkeit “verfälschen”, sondern wir gehen davon aus, dass sie die Wirklichkeit wahrheitsgetreu abbilden. Dabei kann man mit einer falschen Bezeichnung einer Sache genauso unrecht tun, wie mit einer Fotomontage einer Person.
Wenn die Welt unseren fanatischen faschistischen Vorfahren überhaupt etwas zu verdanken hat, dann sind es weder ihre Autobahnen, noch ihre zweifelhaften Ansichten zur Familienpolitik, nein, dann sind es vielmehr die reichen und weltweit genutzten
Möglichkeiten sie als kompromittierenden Hintergrund für eine solche Begriffsmontage zu benutzen. Weltweit verbreitet ist z.B. der einfache Trick, eine verhasste Person an die Stelle von Hitler hineinzumontieren, um auf diese Weise den wahren Charakter dieser Person bloßzustellen. Anders als in der Fotomontage, braucht man in der Sprache dazu keinerlei künstlerische Fähigkeiten. Es reicht ein einfaches Gleichheitszeichen.
Zur Geschichte des Begriffs “Islamofaschismus”
“Islamofaschismus” oder “Islamfaschismus” ist die momentan wohl erfolgreichste derartige Wortmontage. Mit ihr montiert man keine Person in unsere düstere deutsche Vergangenheit hinein, sondern gleich eine ganze Ideologie. Der Begriff und die Analogie, die dahinter steht, sind keineswegs neu. Der Begriff wurde wohl zum ersten Mal 1978 in bezug auf die iranische Revolution verwendet und wurde auch in den 90ern an der ein oder anderen Stelle verwendet. Die eigentliche Karriere des Begriffs begann aber nach dem 11. September im “war against terror”, der von Bushs Strategen nach den ersten Mißerfolgen — propagandistisch klug — bald in “the long war” umbenannt wurde. “But more important than the name of the war - at least to the people fighting and supporting it - is the name of the enemy “, wie William Safire in einem Abriß zur Geschichte des Begriffs in seiner Kolumne “On language” schreibt.
Die Terrorbekämpfer brauchten also einen Namen für ihren Feind. Der Islam? Das war zu allgemein. Al Quaeda? Das war zu speziell. Bush selbst war lange auf der Suche: “Some call this evil Islamic radicalism; others, militant jihadism; still others, Islamofascism. Whatever it’s called, this ideology is very different from the religion of Islam.” Am Ende machte Islamofaschismus das Rennen. Der Begriff bewährte sich derart, dass er es mehrfach bis in die Reden des Präsidenten hinein schaffte. Auch in der Deutschland erfreute sich der Begriff zunehmender Beliebtheit.
Diese Woche macht der Begriff einen neuen Karrieresprung, zu deren Feier der Sprechblasenblog diesem Begriff einen ganzen Artikel widmet: Es ist “Islamo-Fascism Awareness Week“! Dabei handelt es sich keinesfalls um eine neue McDonalds-Aktion, sondern um “the biggest conservative campus protest ever”, wie seine ultrakonservativen Veranstalter behaupten. “The purpose of this protest is as simple as it is crucial: to confront the two Big Lies of the political left: that George Bush created the war on terror and that Global Warming is a greater danger to Americans than the terrorist threat.” Über diese Kampagne machen sich schon andere lustig, deshalb widmen wir uns hier lieber mal der Frage: Was hat es mit diesem Begriff, der derart Furore macht, eigentlich auf sich? Haben wir es hier einfach nur mit einer amateurhaften Begriffsmontage zu tun, die man bei genauerem Hinsehen sofort als solche erkennt?
Die Diskussion um den Begriff
Um den Begriff ist schon seit einiger Zeit eine lebhafte und durchaus komplexe Diskussion in den USA entbrannt. Die Kritiker halten ihn entweder für historisch falsch oder für islamfeindlich. Der Historiker Niall Ferguson brachte das Unbehagen mit diesem Begriff und seiner ideologischen Funktion 2006 in einem Interview auf den Punkt:
“(W)hat we see at the moment is an attempt to interpret our present predicament in a rather caricatured World War II idiom. I mean, “Islamofascism” illustrates the point well, because it’s a completely misleading concept. In fact, there’s virtually no overlap between the ideology of al Qaeda and fascism. It’s just a way of making us feel that we’re the “greatest generation” fighting another World War, like the war our fathers and grandfathers fought. You’re translating a crisis symbolized by 9/11 into a sort of pseudo World War II. So, 9/11 becomes Pearl Harbor and then you go after the bad guys who are the fascists, and if you don’t support us, then you must be an appeaser.” (was mich übrigens an eine ähnliche an den Haaren herbeigezogene Identifikation erinnert)
Die Befürworter verteidigen dagegen den Begriff, weil sie glauben, dass er das eigentliche Wesen der islamistischen Ideologie (nicht des Islams) ausdrücke. Der Begriff sei gerade deswegen nützlich, weil er eine Verharmlosung oder sogar teilweise Rechtfertigung dieser Ideologie unmöglich mache. Die Analogie mit dem 2. Weltkrieg ist deswegen für sie nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern berechtigt: Wer den Islamismus nicht für die Bedrohung unseres Jahrhunderts hält, der ist genauso naiv wie Chamberlain.
Stephen Schwartz, Executive Director of the Center for Islamic Pluralism, war der erste, der den Begriff nach dem 11. September verwendete. In seiner Verteidigung dieses Begriffes betont er, dass er ihn als wissenschaftlichen, nicht als propagandistischen Begriff verstanden wissen möchte:
“Political typologies should make distinctions, rather than confusing them, and Islamofascism is neither a loose nor an improvised concept. It should be employed sparingly and precisely. The indicated movements should be treated as Islamofascist, first, because of their congruence with the defining characteristics of classic fascism, especially in its most historically-significant form — German National Socialism.”
Schwartz rechtfertigt die Gleichsetzung folgendermaßen (erstaunlicherweise fehlt hier der Antisemitismus, die offensichtlichste Parallele):
- Anhänger beider Ideologien sind bereit “to defy public civility and openly violate the law”, beide Ideologien sind “revolutionär”
- Die Anhänger beider Ideologien kommen vorrangig aus mittleren Gesellschaftsschichten
- Beide Ideologien verfolgen imperialistische Ziele
- Beide sind “totalitaristisch” (was mit “fundamentalistisch” gleichgesetzt wird)
- Beide sind paramilitärisch
- Beide unterscheiden sich in diesen Merkmalen wesentlich von nur “authoritären” oder “reaktionären” Diktaturen
Sicherlich der prominenteste Verteidiger dieses Begriffs ist aber Christopher Hitchens, dessen Meinung gerade auch deswegen interessant ist, weil er sich politisch nicht eindeutig zuordnen lässt. Anläßlich der erneuten Diskussion um den Begriff aufgrund der Islamofaschismuswoche sah sich Hitchens genötigt, seine Gründe für die Verwendung des Begriffs noch einmal in “Slate” darzulegen. Hitchens fasst seine Gründe in einem Absatz zusammen, der hier der Übersichtlichkeit halber als Liste dargestellt wird:
- Both movements are based on a cult of murderous violence that exalts death and destruction and despises the life of the mind. (”Death to the intellect! Long live death!” as Gen. Francisco Franco’s sidekick Gonzalo Queipo de Llano so pithily phrased it.)
- Both are hostile to modernity (except when it comes to the pursuit of weapons), and
- both are bitterly nostalgic for past empires and lost glories.
- Both are obsessed with real and imagined “humiliations” and thirsty for revenge.
- Both are chronically infected with the toxin of anti-Jewish paranoia (interestingly, also, with its milder cousin, anti-Freemason paranoia).
- Both are inclined to leader worship and to the exclusive stress on the power of one great book.
- Both have a strong commitment to sexual repression—especially to the repression of any sexual “deviance”—and to its counterparts the subordination of the female and contempt for the feminine.
- Both despise art and literature as symptoms of degeneracy and decadence;
- both burn books and destroy museums and treasures.
Zwei Einwände gesteht Hitchens zunächst zu, um sie dann zu widerlegen: Faschismus basiert erstens auf Nationalismus und zweitens auf Rassismus. Beides lässt sich in dieser Form nicht im Islamismus finden. Allerdings:
- Das islamistische Kalifat lässt sich durchaus mit den faschistischen Träumen eines Großdeutschlands vergleichen
- Die strengen Unterscheidungen zwischen reinem und richtigen Glauben und Ungläubigen und die von Al Quaeda unterstützten Völkermorde erinnern durchaus an Rassismus
Hitchens schließt daraus: “This makes it permissible, it seems to me, to mention the two phenomena in the same breath and to suggest that they constitute comparable threats to civilization and civilized values.”
Warum über die falschen Fragen diskutiert wird und was man stattdessen diskutieren sollte
Damit schwächt er die umstrittene These allerdings so ab, dass man fast schon von einem Strohmann reden könnte (natürlich ist auch diese These durchaus noch anfechtbar).
Denn “Islamismus = Faschismus” ist durchaus eine andere Art der Montage als “Bush = Hitler” oder als “Konzentrationslager = Gulag”. Ideologien sind — anders als Personen, die diese Ideologien verbreiten, oder Institutionen, die durch diese Ideologien legitimiert werden — nicht sterblich oder vergänglich. Sie sind in gewissem Sinne zeitlos. Mit der Aussage “Bush = Hitler” wird nicht behauptet, dass Hitler in der Gestalt von Bush wiedergeboren wurde. Das Gleichheitszeichen bedeutet hier nicht Identität, sondern symbolisiert nur die Vergleichbarkeit in Hinsicht auf bestimmte Eigenschaften. Die Aussage “Islamismus = Faschismus” können wir dagegen durchaus ohne Probleme als eine solche Identitätsbehauptung verstehen, als die Behauptung, dass dieselbe Ideologie an anderem Ort, zu anderer Zeit und in anderen Köpfen wiedergeboren wurde. Die Behauptung, dass heute manche Leute im Iran oder in Pakistan im Prinzip dasselbe denken, wie Leute vor 60 Jahren in Deutschland, ist keine Aussage, die wir von vornherein als lächerlich und sinnlos abtun können.
Deswegen müssen die Verteidiger des Begriffs nicht nur die These verteidigen, dass Islamismus und Faschismus in ihren Gefahren vergleichbar seien. Dass man “Islamismus” und “Faschismus” “in einem Atemzug nennen” darf, heißt noch lange nicht, dass man auch “Islamofaschismus” sagen darf. Denn damit behauptet man implizit, dass der Islamismus nur eine bestimmte Unterart des Faschismus sei, so wie der deutsche und der italienische Faschismus Unterarten des Faschismus sind.
Reichen die von Schwartz und Hitchens genannten Gründe für die Rechtfertigung dieser stärkeren These aus? Zwei Dinge müssten gegeben sein, damit wir diese Frage klar und eindeutig entscheiden können. Es müsste erstens eine klare Definition für die Ideologie “Faschismus” geben und zweitens müssten klare Bedingungen gegeben sein, wann eine Ideologie mit einer anderen Ideologie identisch ist oder zumindest wann sie eine Unterart der anderen Ideologie ist. Solange Hitchens und Schwartz keine Antworten auf diese Fragen geben, können sie nicht beanspruchen, ihre These verteidigt zu haben (das gleiche gilt aber auch für ihre Gegner).
Beide Bedingungen sind nur schwer zu erfüllen. Eine klare Definition der faschistischen Ideologie kann nicht darin bestehen, historische Ursachen und Auswirkungen dieser Ideologie aufzuzählen (untere Mittelklasse, paramilitärisch, usw.). Eine solche Definition muss gerade von den historischen Kontexten abstrahieren und sagen, welche Struktur das Denken und Reden von Menschen haben muss, damit man es als faschistisch bezeichnen darf. Herkunft, Erziehung, wirtschaftliche Situation der betreffenden Personen muss dafür vollkommen irrelevant sein. Es zählt nur das, was sie glauben und behaupten, es zählt die logisch-semantische Struktur ihrer Äußerungen.
Was die zweite Bedingung angeht: Wie sollte es hier klare Regeln geben können? Sollen wir Fidel Castro noch als Kommunisten bezeichnen, obwohl er kapitalistische joint ventures zulässt? Sollen wir Gerhard Schröder trotz der Agenda 2010 noch als Sozialdemokraten bezeichnen? Irgendwie sicher schon. Irgendwie anders sicherlich nicht. Es kommt drauf an, wie man es betrachtet. Mehr lässt sich zu solchen Fragen sicherlich nicht sagen.
Angenommen wir legen uns auf folgende Aussagen fest:
- Der ideologische Kern des Faschismus besteht aus einem nationalen Antisemitismus
- Eine Ideologie ist mit der anderen identisch, wenn sie im Kern strukturgleich ist
- Sowohl für den faschistischen Nationalismus, als auch für den faschistischen Antisemitismus, als auch für ihre charakteristische faschistische Kombination gibt es strukturgleiche Entsprechungen im Islamismus
dann, ja dann sind wir dazu berechtigt “Islamofaschismus” zu sagen. Wenn wir an einer dieser drei Thesen aber Zweifel haben, sollten wir es lieber bleiben lassen so zu reden.
Lassen sich diese Fragen eindeutig klären? Wohl kaum, auch wenn wir noch so gute Historiker und noch so geistreiche Intellektuelle fragen. Stattdessen muss man sich damit abfinden, dass es hier einen sprachlichen Spielraum gibt, in dem sich das “richtig” und “falsch” nicht einfach durch eine Überprüfung der Fakten klären lässt. Wo es so einen Spielraum gibt, sollten wir die Entscheidung stattdessen anhand eines ganz anderen Maßstabes treffen: Wir sollten nicht fragen, ob es wahr sei, dass der Islamismus ein Faschismus und Osama ein Fascho sei, wir sollten viel eher fragen, was daraus eigentlich folgen würde.
Wenn sich hier nun zeigt, dass dieser Begriff ausschließlich dazu genutzt wird, um den “war against terror” zu verteidigen, dann müssen wir darüber streiten, ob der “war against terror” gerechtfertigt ist. Ist er das nicht, dann ist der Islamismus auch kein Islamofaschismus (logisch gesehen wenden wir einfach einen modus tollens an). Ist er das, dann spricht nichts dagegen vom “Islamofaschismus” zu reden (allerdings auch noch nichts dafür). So einfach ist das.
Intellektuelle Verfechter des Begriffs wie Hitchens und Schwartz lenken von dieser Frage ab, indem sie den Anschein erwecken, es gäbe klare Anwendungsbedingungen für den Begriff. Man sollte auf diese intellektuellen Ablenkungsmanöver nicht hereinfallen. Ob Osama ein Fascho ist hängt allein davon ab, welche theoretischen und praktischen Konsequenzen das für uns hätte und ob wir diese Konsequenzen akzeptieren wollen. Es ist keine Frage der historischen Wahrheit.
Einige Artikel zum Thema in keiner besonderen Reihenfolge
- Wissenschaftliche Dienste des Bundestages: “Der aktuelle Begriff: Islamofaschismus”
- Telepolis: Die ungleichen Zwillinge. Ist der Islamismus eine Abart des Faschismus?
- The Nation: Wrong War, Wrong Word
- Artikel aus der Süddeutschen von 2004: Des Führers Mufti - Der Begriff des Islamo-Faschismus ist historisch nicht korrekt
- The Guardian: 1-0 in the propaganda war. How the right played the fascism card against Islam
- Huffington Post: Hitchens’ Weak Defense of “Islamo-Fascism”
- Watchblog Islamophobie: Islamofaschistonazis

