Lokführer: Streikt, aber anders!
7. August 2007Eugen Pissarskoi
Es ist nicht auszuschließen, dass bereits in dieser Woche viele Züge nicht fahren. Lokomotivführer und das Begleitpersonal wollen höhere Löhne durchsetzen. Dafür legen sie ihre Arbeit nieder. Für Menschen, die zu diesem Zeitpunkt eine Reise geplant haben oder gar reisen müssen, ist das eine Katastrophe: Autobahnen werden überfüllt sein, Leute, die nicht aufs Auto ausweichen können, wird das Fortbewegen auf große Entfernungen sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, sein.
Ist es nun richtig, dass die Lokführergewerkschaft GDL zum Streik aufgerufen hat? Einerseits ist es zu begrüßen, wenn Arbeitnehmer einen höheren Lohn durchzusetzen versuchen, andererseits führen die Mitteln, mit denen sie es tun, zu ungewünschten Folgen; einerseits sind die Forderungen der Gewerkschaft ungewöhnlich hoch, andererseits schriebt ihr Arbeitgeber hohe Gewinne; einerseits verdienen die Kollegen der Lokführer in Holland und in der Schweiz viel mehr, andererseits verdienen die Kollegen in Polen oder Tschechien viel weniger. Die Gedanken oszillieren von pro- zu kontra-Argumenten und es fällt schwer, zu einem ausgewogenen Urteil zu gelangen.
Ich schlage vor, zwei Fragen zu unterscheiden, von denen ich hoffe, dass sie ein die in diesem Zusammenhang vorgebrachten Gründe sortieren helfen und damit ein Urteil ermöglichen. Die eine Frage lautet: „Sind die Forderungen der Gewerkschaft gerechtfertigt?“; die andere: „Sind die gewählten Mittel zur Durchsetzung der Forderungen gerechtfertigt?“
Sind Forderungen der Lokführer gerechtfertigt?
Ist es nun gerechtfertigt, wenn z.B. der Einstiegsgehalt der Lokführer von 1970 auf 2500 Euro steigt? (Übersicht über alle übrigen Forderungen findet sich hier)
Soweit ich die Argumentation der GDL und ihrer Befürworter nachvollziehe, basiert sie auf dem Gerechtigkeitsgrundsatz: „Gleiche Leistung soll gleich entlohnt werden“:
- Die Leistung der Lokführer wird geringer entlohnt als die Leistung ihrer Kollegen im westeuropäischen Ausland.
- Die Leistung der Lokführer wird geringer entlohnt als die Leistung der deutschen Arbeitnehmer mit einer vergleichbaren Qualifikation.
- Die Lokführer-Kollegen im westeuropäischen Ausland und die deutschen Arbeitnehmer mit einer vergleichbaren Qualifikation sind alle relevanten Vergleichsmaßstäbe.
- Wenn die Leistung der Lokführer im Vergleich zu allen relevanten Vergleichsmaßstäben zu gering entlohnt wird, so ist die Entlohnung der Lokführer ungerecht. (das ist die Modifikation des Gerechtigkeitsgrundsatzes)
- Ergo: Die Entlohnung der Lokführer ist ungerecht.
Damit ist die Höhe der Forderungen, wie sie von der GDL gestellt werden, noch nicht gerechtfertigt. Bleiben wir aber hier stehen und überlegen uns, ob wir diese Argumentation schlucken sollen.
Bereits die Überprüfung des Wahrheitsgehaltes der ersten Prämisse ist nicht einfach. Die GDL behauptet, dass (1) wahr ist. Leider nennt sie zum Vergleich die Netto-Zahlen – aussagekräftiger wären die Brutto-Verdienste, da es sein könnte, dass die Netto-Unterschiede aus dem deutschen Steuer-und Sozialabgaben-Höhe resultieren.
Die Überprüfung des Wahrheitsgehaltes von (2) ist hingegen viel schwieriger. Was sind deutsche Arbeitnehmer mit einer vergleichbaren Qualifikation? GDL nennt Lokführer anderer Unternehmen – die verdienen in der Tat mehr, der Unterschied würde aber keineswegs eine Erhöhung des Einstiegsgehalts auf 2500 Euro rechtfertigen. Vergleich mit anderen Branchen ist noch schwieriger: Haben Busfahrer eine ähnliche Qualifikation oder Tramführer oder Piloten? Vergleicht man das Fahrpersonal mit Busfahrern, wird sich eine Erhöhung vermutlich nicht rechtfertigen, wenn man sie den Piloten annähert, schon. Aber nach welchen Kriterien soll ein solcher Vergleich stattfinden? Dauer der Ausbildung? Anzahl der Menschenleben, die das Zugpersonal zu verantworten hat? Noch nebulöser wird der Vergleich, wenn wir in ganz andere Branchen schauen: Hat ein Lokführer eine ähnliche Qualifikation wie ein Ingenieur oder eher wie ein Bankangestellter?
Auch die dritte Prämisse ist problematisch. Warum soll man den Lohn der Lokführer mit den Kollegen aus Westeuropa und nicht mit denen aus Osteuropa vergleichen?
Manche zweifeln schließlich auch die vierte Prämisse an: Über Lohnhöhe soll nicht unser Gerechtigkeitsempfinden bestimmen, sondern die Marktmechanismen. Wenn diese keinen höheren Lohn bisher ergeben haben, dann soll es auch keinen höheren Lohn geben.
Fazit: dieses Argument ist nicht überzeugend.
Sind die Forderungen der Lokführer demnach ungerechtfertigt? Wenn dem so ist, muss ein Argument dies begründen. Eins stammt von Marktliberalen:
- Löhne, die die GDL fordert, sind höher als Löhne, die sich auf perfekten Märkten einstellen würden.
- Gleichgewichtslöhne sind Löhne, die sich auf perfekten Märkten einstellen würden.
- Wenn Löhne auf einem Markt höher sind als die Gleichgewichtslöhne, so entsteht Arbeitslosigkeit.
- Ergo: Löhne, die die GDL fordert, sind derart, dass Arbeitslosigkeit entsteht.
Was ist von dieser Überlegung zu halten?
Nun, die erste Prämisse wird die GDL vermutlich hart angreifen und darauf verweisen, dass die Löhne des bei der Bahn angestellten Fahrpersonals geringer sind als die Löhne in anderen westeuropäischen Ländern. Dann wird die GDL vermutlich behaupten, dass die Löhne in den westeuropäischen Ländern eher dem Gleichgewichtslohn entsprechen als die Löhne für die Lokführer in Deutschland, woraus sie schließlich schlussfolgert, dass sie dafür kämpft, dass die Löhne für das Fahrpersonal sich dem Gleichgewichtslohn annähern.
Ob GDL auch mit der dritten Prämisse hadern wird, weiß ich nicht, mir bereitet sie jedoch große Bauchschmerzen. Warum soll (3) wahr sein? Welcher Mechanismus führt dazu, dass Löhne, die höher als die Gleichgewichtslöhne sind, zu Arbeitslosigkeit führen? Wir kennen einen ähnlichen Zusammenhang aus einem beliebigen Markt: Wird auf einem Markt der Preis künstlich auf ein Niveau gesetzt, das höher ist als der Preis, bei dem der Markt geräumt wäre, werden einige Anbieter auf ihren Gütern sitzen bleiben. Im Falle der Arbeitsmärkte sind es die Arbeitnehmer, die ihre Arbeitskraft anbieten und bei zu hohen Löhnen zu Hause bleiben müssen. Doch damit dieser Zusammenhang gilt, müssen auf dem jeweiligen Markt folgende Eigenschaften erfüllt sein: vollständige Information aller Akteure, keine Transaktionskosten (z.B. beim Arbeitsplatzwechsel) und keine Rechtsdurchsetzungskosten, rationale Individuen, vollständiger Wettbewerb (sehr viele Arbeitgeber und sehr viele Arbeitnehmer). Auf dem Arbeitsmarkt für das Fahrpersonal sind die meisten dieser Eigenschaften offensichtlich nicht erfüllt.
Die Prämisse (3) beschreibt zwar korrekt die Zusammenhänge auf perfekten Märkten, aber ich bezweifele, dass wir genug wissen, um ihre Gültigkeit auf aktualen Märkten zu überprüfen. Vielleicht könnte empirische Forschung an dieser Stelle weiter helfen, wenn sie zum einen einen empirischen Zusmamenhang zwischen Lohnerhöhungen und Arbeitslosigkeitszunahme nachweisen könnte und wenn sie zum anderen auch die Kausalität dieses Zusammenhangs erklären könnte. Allerdings ist es mir nicht bekannt, dass diese beide Fragen sich eindeutig geklärt hätten.
Wo stehen wir nun? Sowohl das Argument für die Behauptung, dass die Forderungen der Lokführer gerechtfertigt seien, als auch das dagegen erwies sich nicht als überzeugend.
Was nun? Ich glaube in der Tat, dass es nicht möglich ist, eine gerechte Entlohnung „auszurechnen“ (und die beiden präsentierten Argumente haben das auf ihre Weise versucht). Wir wissen einfach nicht genug, um Auswirkungen von solchen Prozessen wie Veränderung der Lohnhöhe einer Gruppe von Arbeitnehmern bestimmen zu können. Wie sollen wir dann handeln? Es ist eine Entscheidung unter Unsicherheit und vielleicht könnte sie folgendermaßen begründet werden:
- Es ist zu begrüßen, wenn der Lohn der Arbeitnehmer steigt, solange der Anstieg keine negativen Folgen mit sich führt, die den Vorteil aus dem Anstieg überwiegen.
- Wir wissen nicht, dass der Anstieg des Lohnes negative Folgen hat, die den Vorteil aus dem Anstieg überwiegen.
- Wenn es zu begrüßen ist, dass p, und wir nicht wissen, dass p zu negativen Auswirkungen führt, die die Vorteile von p überwiegen, soll p realisiert werden.
- Ergo: Lohnerhöhung der Arbeitnehmer soll realisiert werden.
Ich sehe auch, dass (3) in dieser Allgemeinheit eine recht problematische Behauptung ist. Ich möchte sie trotzdem stehen lassen, weil sie einen bestimmten Gedanken beinhaltet: Die beste Rechtfertigung für die Lohnerhöhung der Lokführer liegt in einer „sozialen Risikobereitschaft“ - diese „Risikobereitschaft“ soll durch (3) zum Ausdruck gebracht werden.
Sind die Mittel der Lokführer zur Durchsetzung ihrer Forderungen gerechtfertigt?
Die Ablehnung gegenüber dem Streik des Zugpersonals seitens der Öffentlichkeit resultiert hauptsächlich aus der Art des Streiks: An einem Ausfall des Zugverkehrs leiden alle, die zu diesem Zeitpunkt reisen müssen. Ist nun die Behauptung rational, dass die Forderungen der GDL gerechtfertigt sind, das Mittel des Streiks hingegen nicht?
Die Lokführer würden dies vermutlich verneinen. Ihr Argument:
- Niederlegung der Arbeit ist die einzige Möglichkeit, die Forderungen der GDL durchzusetzen.
- Die Forderungen der GDL sind gerechtfertigt.
- Wenn A gerechtfertigt ist, und B die einzige Möglichkeit ist, A zu durchzusetzen, ist es richtig, B umzusetzen.
- Ergo: Es ist richtig, die Arbeit niederzulegen.
Ich bezweifele jedoch, dass Niederlegung der Arbeit die einzige Möglichkeit ist, die Forderungen der GDL durchzusetzen. Warum könnte der Streik nicht darin bestehen, dass die Züge fahren, nur das Begleitpersonal es unterlässt, die Tickets zu kontrollieren? Auf den Arbeitgeber würde auf diese Weise kein schwächerer Druck ausgeübt als bei der gewählten Streikvariante. Die GDL hätte aber zusätzlich einen Imagegewinn.

[…] Warum könnte der Streik nicht darin bestehen, dass die Züge fahren, nur das Begleitpersonal es unterlässt, die Tickets zu kontrollieren? […]
Ganz einfach, weil das Begleitpersonal nicht in der Gewerkschaft der Lokführer ist. Es geht ja ausschließlich um die. Die wollen einen eigenen Tarifvertrag und mehr Kohle.
Was Du vergessen hast: Die GDL handelt mit DB-Konkurrenten Löhne aus, die unter den angepeilten bei der DB liegen. Und bei der Konkurrenz besteht sie nicht auf einem eigenen Tarifvertrag. So hat die Bahn es zumindest heute im Morgenmagazin gesagt. Und der GDL-Typ (der daneben saß) hat das nicht bestritten.
Meiner Meinung nach geht es bei diesem Streik einzig und allein um Eitelkeiten von Gewerkschaftsführern, denen ihre Mitglieder flöten gehen. Und ich kann nur hoffen, dass sich die Bahn nicht auf die Forderungen einlässt.
Die GDL organisiert nach eigenen Angaben 33% aller Zugbegleiter der Bahn. Das dürfte für einen Streik reichen, würde jedoch dessen Koordination umständlicher machen.
Inwieweit es um die Eitelkeit von bestimmten Menschen geht, finde ich sehr schwer zu beurteilen, ohne diese Menschen zu kennen. Daher der Versuch, die Gründe, die sie anführen, zu verstehen.
Lustig finde ich immer diese implizite Erwartungshaltung, dass die Realität sich nach satzlogisch-argumentativen Erwägungen richte(n solle), dass das richtigere Argument die stärkere Wirkung hätte …
Die Bevölkerung (Reisende) in gewisser Weise in Geiselhaft (auf den Bahnhöfen) zu nehmen, kann nicht der richtige Weg sein.
Erpressung ist eigentlich das Geschäft der Mafia - eigentlich.
@Chat Atkins:
Interessante Reaktion, die ich gut verstehen kann, die aber meiner Meinung nach auf einem Mißverständnis unseres Anliegens beruht:
Natürlich spielt in der Politik (und überhaupt überall) die “eigenartige Macht des besseren Arguments” (Habermas) eine nur sehr geringe Rolle. Und wer das verkennt, der ist naiv und weltfremd. Völlig richtig.
Deswegen wird es aber nicht sinnlos oder verfehlt, immer wieder auf eine rationale Diskussion, auf den gleichberechtigten und offenen Austausch von Argumenten zu bestehen. Darin stimmst du mit uns sicherlich auch überein.
Wenn wir versuchen in Artikeln die besten Argumente für und wider etwas zu rekonstruieren, dann ist das nicht als kausale Theorie über die Entstehung und Veränderung von Meinungen gedacht. Würden wir das so meinen, dann wäre das in der Tat einfach nur “lustig”.
Stattdessen sind uns die Entstehungen und Veränderungen von Meinungen dann erst einmal ganz egal. Wir interessieren uns dafür, wer denn nun eigentlich und wirklich recht hat. Und um das rauszufinden hilft es nicht, Personen böse Intentionen zu unterstellen (z.B. Gewerkschaftlern Eitelkeit zu unterstellen).
Stattdessen hilft es, sich eine “ideale Sprechsituation” vorzustellen, eine perfekte Welt in der nichts zählt, außer der Kraft des besseren Arguments. Alle Machtstrukturen, subversive Praktiken, alle Propaganda, Rhetorik usw. muss zu diesem Zweck so gut es geht ignoriert werden. Das ist keine Naivität, sondern setzt gerade voraus, dass man sich von der naiven Gebanntheit auf den kommunikativen Alltag befreit.
Natürlich ist es außerdem auch wichtig, von dieser Traumwelt auch wieder runterzukommen und den kommunikativen Alltag umso schärfer zu kritisieren. Das tun wir ja auch anderswo. Unsere Motivation schöpfen wir aber gerade aus dem Wissen, dass es eben auch anders geht.
so, das war mein kleines Manifest zur Argumentrekonstruktion ; )
At Chat und Christian:
Es sind zwei Erwartungen, von denen Chat glaubt, dass wir sie haben. Haben wir sie?
1. Die Realität richtet sich nach guten Argumenten. Bzw. die Realität sollte sich nach guten Argumenten richten.
Wenn man beispielsweise die GDL-Führer und den Bahnvorstand fragt, warum sie sich nicht einigen können, wird jede Seite ihre Position darstellen und mit mehr oder weniger guten Argumenten begründen. Sie werden solche Sätze sagen wie „Wir fordern einen höheren Lohn, weil …“ oder „Wir wollen keinen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer zulassen, weil …“ usw. Im weil-Satz steht meistens ein Argument, das zeigen soll, dass es kein Zufall und keine Laune des Sprechers ist, aus der er an den Satz vor dem weil-Teil glaubt.
Man könnte nun einwenden, die Sprecher tun nur so als wenn sie argumentierten, indem sie ihre Äußerungen in die Form von Weil-Sätzen kleiden. In Wirklichkeit geht es ihnen aber um ihre Eitelkeiten.
Nun, wenn man die Sprecher fragt, ob sie argumentieren oder Eitelkeiten austauschen, werden sie vermutlich sagen, dass sie argumentieren, dass sie ihre Gegner von der Richtigkeit des eigenen Standpunkts überzeugen wollen (das ist eine Hypothese, ich habe weder Mehdorn noch Schell hierüber gefragt, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie etwas anderes antworten). Es kann natürlich sein, dass sie flunkern und lediglich nicht zugeben wollen, dass es ihnen um Eitelkeit (oder irgendwelche anderen Vorlieben) geht. Eine Möglichkeit, sie der Unehrlichlichkeit zu überführen, liegt aber gerade darin, die Weil-Sätze, die sie von sich geben, „satzlogisch-argumentativ“ zu rekonstruieren und zu schauen, wie gut diese rekonstruierten Argumente sind.
Insofern unterstellen wir nicht, dass politische Akteure sich nach guten Argumenten richten, sondern versuchen gerade herauszufinden, ob sie gute Argumente von sich geben oder eben Unsinn erzählen.
2. Das richtigere Argument hat die stärkere Wirkung
Ich glaube schon, dass ein gutes Argument eine Wirkung hat. Ich glaube nicht, dass ein gutes Argument stets den Gesprächspartner überzeugt. Es kann eine Reihe von anderen, auch psychologischen Aspekten (der Gesprächspartner mag mich nicht) eine Rolle spielen, die im Alltag uns daran hindern, sich überzeugen zu lassen.
Aber ein gutes Argument verpufft auch nicht vollkommen nutzlos. Ich bin mir sicher, dass jeder, wenn er ein gutes Argument hört, etwas davon behält, vielleicht später darüber nachdenkt oder sich einfach merkt. Das reicht. Das finde ich toll.
Und ich glaube nicht, dass diese Erwartung total übertrieben ist.
“3. Wenn es zu begrüßen ist, dass p, und wir nicht wissen, dass p zu negativen Auswirkungen führt, die die Vorteile von p überwiegen, soll p realisiert werden.”
Ja, problematisch. Das ist auch ein Argument, mit dem Firmen auf Greenpeace antworten.
Bleibt also die Frage, wie man wohl diese Prämisse sinnvoll anders formulieren könnte. Müsste hier nicht etwas rein wie das Bemühen, sich um die Beseitigung des Nichtwissens zu bemühen?
“Ich bezweifele jedoch, dass Niederlegung der Arbeit die einzige Möglichkeit ist, die Forderungen der GDL durchzusetzen. Warum könnte der Streik nicht darin bestehen, dass die Züge fahren, nur das Begleitpersonal es unterlässt, die Tickets zu kontrollieren? Auf den Arbeitgeber würde auf diese Weise kein schwächerer Druck ausgeübt als bei der gewählten Streikvariante. Die GDL hätte aber zusätzlich einen Imagegewinn.”
Doch, die Arbeitgeber hätten weniger Druck: der öffentliche Unmut nämlich fiele ja weg. Der richtet sich doch nicht nur gegen die streikenden Lokführer, der richtet sich auch gegen die Bahn als ganze. — Und der materielle Schaden für die Bahn wäre auch geringer; da entsteht ja nur dann etwas, wenn auf einmal die Leute, die nicht kontrolliert würden, nun alle schwarzführen, oder wenn die Bahn dann ersatzweise Kontrollpersonal anheuern müsste.
Die Lokführer sind Leute, deren Tätigkeit eben nicht so leicht durch angelerntes Personal vertreten werden kann.
“1. Löhne, die die GDL fordert, sind höher als Löhne, die sich auf perfekten Märkten einstellen würden.”
Ehrlich: was ist denn der Markt? Das ist doch wohl das, was der Bahn wert ist, was die Lokführer tun. Oder habe ich da was missverstanden? Wie kann der Blick ins Ausland Auskunft darüber geben, wie ‘der Markt’ ist? Könnte man ja ausländische Lokführer importieren? Also: das Argument ‘das westeuropäische Ausland verdient mehr’ halte ich für fragwürdig, aber das Argument des perfekten Markts ebenso. Oder ist ein perfekter Markt einer, in dem es keine GEwerkschaften gibt?
Verworrene Situation für Außenstehende. Vielleicht würde es helfen, wenn man wüsste, was der Lokomotivführer Lukas in Lummerland verdient. Obwohl, Lummerland zählt ja glaube nicht zum westeuropäischen Ausland…
“Auch die dritte Prämisse ist problematisch. Warum soll man den Lohn der Lokführer mit den Kollegen aus Westeuropa und nicht mit denen aus Osteuropa vergleichen?”
Diese Frage würde ich gerne mal auf einen anderen Punkt anwenden:
Warum soll man den Lohn leitender Angestellter (Vorstand) mit den Kollegen aus Westeuropa (oder den USA) und nicht mit denen aus Osteuropa (oder einem beliebigen Land der dritten Welt) vergleichen?
Interessant ist doch, das ganz bestimmte Argumente, die sich meist auf die sog. “Marktgesetze” (die teilweise wie Naturgesetze behandelt werden) beziehen und auch beschränken, immer nur in einer einzigen Richtung angewendet werden. Das klingt vor dem Hintergrund eines klassischen Arbeitskampfes zunächst banal, aber ist es nicht seltsam, dass für _Angestellte_ derselben Firma nicht nur unterschiedliche, sondern gegenteilige Prinzipien, Gesetze und Argumente gelten, einzig abhängig davon, an welcher Position sie ihre Arbeit innerhalb des Betriebs verrichten bzw. welche Macht und wieviel Geld sie als _Person_ besitzen?
Oder irre ich mich und ist genau _das_ das Gesetz des freien Marktes: Je mehr Geld du bekommst, desto höher darfst du deinen Verdienst selbst steigern, weil dich niemand hindern wird. Trifft das zu, dann ist die ganze Diskussion um den Begriff “Gerechtigkeit” überflüssig und jeder muss einfach überall und mit allen Mitteln zuschlagen, so hart er kann. Genau das wird auch gelehrt - auf Managerschulen.
Na ja, und die GDL macht das eben auch.