Türlich, türlich — Warum die Leute sich so übers Doping aufregen
26. Juli 2007Christian Voigt
Warum regen sich die Leute so über Doping auf, dass sie das Herumgeradel in Frankreich nur noch “Tour de Farce” nennen? Doping ist längst zur notwendigen Institution im Spitzensport geworden, wie eine interessante Artikelserie in der Wissenswerkstatt belegt. Der Sprechblasenblog hatte sich im Mai schon einmal über die Aufregung gewundert, die die “künstliche” Leistungssteigerung im Sport verursacht. Müßten dann nicht konsequenterweise auch in vielen anderen Bereichen derartige Tabus gelten? Ist diese Aufregung nicht vollkommen verlogen (siehe dazu auch den spiegelfechter)? Dieter Birnbacher antwortet auf diese Zweifel in seinem Buch “Natürlichkeit” (deGruyter 2006, Grundthemen der Philosophie, S.118):
“Was bei dieser Art der Kritik leicht übersehen wird, ist die Sonderstellung des Sports als kulturell definiertertes Reservat von — wie immer in der Praxis verfehlter — Natürlichkeit. Was Sport ausmacht, ist letztlich nicht ohne den Verweis auf Natürlichkeit zu erklären. Der Sport ist eine gesellschaftlich definierte Sphäre, zu deren konstitutiven Bedingungen es gehört, dass in ihr, im Unterschied zu anderen Lebenssphären — nur bestimmte Hilfsmittel zugelassen sind. Bereits zu Zeiten der sportlichen Großveranstaltungen der Antike gab es sanktionsbewehrte Dopingverbote, allerdings auch deren systematische Übertretung. (…)
Mit dem Verbot des Dopings bekräftigt die Gesellschaft insofern die Autonomie und Abgesondertheit eines begrenzten Bereichs ihrer kulturellen Aktivitäten. Sie schützt eine bestimmte Sphäre gesellschaftlichen Handelns vor der Auflösung ihrer Identität durch die Vermischung mit Elementen, die in anderen Bereichen sehr wohl geduldet und vielfach sogar erwartet werden.”

Die Modifikation des Namens eines sportlichen Ereignisses aufgrund einiger Unregelmäßigkeiten ist noch keine Aufregung über Doping, sondern nur ein Symbol für eine Zäsur in dessen Geschichte.
Ok, aber auch wenn die Leute im Moment nur unaufgeregt eine Zäsur in der Sportgeschichte benennen, ist es doch immer noch interessant zu fragen, worin diese Zäsur denn überhaupt besteht, bzw. welche Gründe es gibt, von einer Zäsur zu sprechen.
Ich wollte ja gar nichts gegen die “Aufregung” (oder die Wahrnehmung des Ereignisses als Zäsur) sagen, sondern nur Dieter Birnbachers rationalisierenden Erklärungsversuch dafür zur Diskussion stellen. Er meint, dass weder Argumente anhand von Unfairneß, Gesundheitsrisiken, noch die Wahrung eines einheitlichen Körperbegriffs gegen Doping sprechen, sondern allein der Wert der Natürlichkeit.
Nach ihm handelt es sich also deswegen um eine Zäsur, weil hier der Wert der Natürlichkeit angegriffen wird, der für den Sport konstitutiv ist. Natürlich kann man immer noch darüber diskutieren, ob das stimmt, ich fand den Vorschlag bloß ganz interessant