Weltuntergang, Lebenspartnerwahl oder warum die freie Marktwirtschaft ein optimales System für Götter ist
23. Juli 2007Eugen Pissarskoi
Angenommen, wir verteilen die Eigentumsrechte nach einem Zufallsprinzip neu um. In einer freien Marktwirtschaft stellt sich nach einer Übergangszeit die effizienteste Verteilung wieder ein
– so eine Überlegung der Autoren des hochgeschätzten Blogs „Statler und Waldorf“.
Spielen wir dieses Gedankenexperiment am Beispiel der Lebenspartnerwahl durch. Dies ist interessant, weil es zwischen unserer Art, Lebenspartner auszuwählen, und der freien Marktwirtschaft eine verblüffende Ähnlichkeit gibt – beide basieren auf der Idee der Freiwilligkeit: Der Markt kann seinen Mechanismus deswegen entfalten, weil Individuen einen „freiwilligen Tausch“ eingehen (eine Aktion, nach der beide Tauschpartner glücklicher werden als davor); der LebenspartnerInnenwahl liegt die gegenseitige und freiwillige Liebe zugrunde.
Also: Angenommen, wir lassen alle Menschen für einen Zeitraum vergessen, wer ihr Lebenspartner ist bzw. in wen sie verliebt sind. Dann teilen wir nach einem Zufallsprinzip Männer und Frauen einander zu. Dann schalten wir das Liebesgefühl wieder ein (ohne die Erinnerung an den früheren Liebespartner) – Nach einer Übergangszeit finden die Paare wieder zueinander, die am besten zueinander passen. Es stellt sich mit anderen Worten die effizienteste Zuordnung von Paaren wieder ein.
Stimmt das? Nun, wenn wir annehmen,
- dass alle Menschen sich gegenseitig kennen (nennen wir diese Annahme „vollständige Information“),
- dass sie alle es anstreben, denjenigen Partner zu finden, der am besten zu ihnen passt („Rationalität“),
- dass sie die Möglichkeit haben, alle potentiellen Kandidaten kennen zu lernen („keine Transaktionskosten“),
dann ist es plausibel, dass nach einer anfänglichen Zufallszuordnung von Menschen zueinander sich letztendlich Paare finden, die am besten zueinander passen. (Das Ergebnis ist nicht trivial – beispielsweise in früheren Gesellschaften, in denen die Eltern darüber bestimmten, welchen Lebenspartner ihr Kind bekommt, würde sich diese „effiziente Zuordnung“ nicht einstellen.)
Das sind ohne Zweifel unglaublich starke Annahmen. Doch sie müssen gelten, damit das „effiziente Ergebnis“ herauskommt. Und das gilt auch für die Marktwirtschaft – auch dort müssen die Annahmen der „vollständigen Information“, der „Rationalität“ und „Abwesenheit von Transaktionskosten“ gelten, damit das Ergebnis des Gedankenexperiments von S&W sich einstellt.
Diese Kritikpunkte an der Argumentation Marktliberaler sind aber wahrlich nicht originell. Ich bin dennoch überzeugt, dass sie gewichtig sind und dass jeder seriöse Marktliberale sich mit ihnen auseinander setzen müsste. Trotzdem möchte ich mal annehmen, dass wir in einer Welt lebten, in der diese Annahmen erfüllt sind. Selbst in dieser Welt gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen der LebenspartnerInnnenwahl und der Marktwirtschaft.
Der Vorteil des freiwilligen Tausches (und der ist der Kern der Marktwirtschaft) liegt darin, dass alle Tauschteilnehmer danach glücklicher sind als davor. Ich glaube nicht, dass das für alle möglichen Tauschaktionen gilt.
Betrachten wir die Lebenspartnerwahl: Auch hier liegt der Vorteil der freiwilligen Entscheidung für den Partner darin, dass beide Partner, nachdem sie einander gefunden haben, glücklicher sind als zuvor. Der Grund, warum dies stimmt, ist der folgende: Jeder Mensch weiß am besten selber, wer für ihn/sie der geeigneteste Lebenspartner ist. Die Möglichkeit der Täuschung ist weitestgehend ausgeschlossen: Es ist schwer vorzustellen, dass ich glaube, Laura zu lieben, in Wirklichkeit sie aber nicht liebe. Und selbst wenn dieser schwer vorstellbare Fall doch eintreten sollte, dann findet sich keine andere Autorität, die mich über meine Täuschung aufklären könnte. Weil also das Individuum selbst am besten urteilen kann, wer sein geeigneter Lebenspartner ist, ist es am besten, diese Entscheidung ihm zu überlassen und den Lebenspartnermarkt vollständig zu liberalisieren (d.h. nur freiwillige Vereinbahrungen gelten zu lassen, die Aufgabe des Staates darauf zu beschränken zu überwachen, dass keiner gegen seinen Willen dazu gezwungen wird, Lebenspartner von jemandem zu sein).
Für manche Güter gilt jedoch diese Eigenschaft „Jeder Mensch weiß am besten selber, was für ihn das beste Gut ist“ nicht. Sie gilt beispielsweise für Äpfel, vielleicht auch für Matrazen. Nicht jedoch für Medikamente. Wenn es nicht wahr ist, dass im Bezig auf ein bestimmtes Gut das einzelne Individuum am besten beurteilen kann, was für ihn das Beste ist, dann kann der freiwillige Tausch nicht seinen Vorteil entfalten: Es ist dann möglich, dass ein freiwilliger Tausch nicht alle Teilnehmer glücklicher macht als zuvor. Und zwar das Individuum, das sich darüber täuscht, was es glücklich macht – es kann auch nach einem freiwilligen Tausch in Wirklichkeit weniger glücklich dastehen als zuvor, obwohl es glauben wird, glücklicher zu sein.
Vielleicht wäre die Marktwirtschaft für allwissende und damit irrtumssichere Wesen der optimale Allokationsmechanismus. Solange wir aber über Mechanismen für fallible Menschen suchen, müssen wir auch darüber nachdenken, in welchen Bereichen der freiwillige Tausch zu ungewünschten Ergebnissen führen könnte und wie dies verhindert werden kann.

Die beiden Transaktionen “Tausch” und “Partnerwahl” sind überhaupt nicht miteinander vergleichbar, da bei der Partnerwahl etwas fehlt, welches der Rolle des Geldes gleichkommt.
Wenn ein Mensch den Partner wählt, den er haben möchte, schränkt er die Wahl genau dieses Menschen ein. Er gibt demjenigen nichts, womit der er sich seinen Wunsch erfüllen könnte, er behauptet, dass die Wunscherfüllung für den anderen ebenfalls genau in dieser Transaktion liegt.
Huhu. Also einer meiner Philosophie Professoren hat mal zum Thema “Freier Wille” gesagt, dass schon die Annahme, dass Menschen, wirklich wollen, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen (geschweige denn mit den erfüllten Wünschen glücklich wären) eine sei, die mit Denken wohl nicht zu rechtfertigen sei.
Den Zusammenhang zur Marktwirschaft (und erst recht zur Lebenspartnerschaft), darf sich ein jeder selbst ausmalen.
In Ländern, wo freie Partnerwahl herrscht, scheitern Ehen sehr viel häufiger als in Ländern, wo Eltern oder Brautwerber das junge Glück zusammenführen. Klingt komisch, aber Liebe ist nun mal ein trügerisches Gefühl …
Ich finde den Umweg über die Liebesbeziehungen (wie auch Jörg) irreführend. Es ist schließlich klar, dass Lebenspartner-”Märkte” in wichtigen Aspekten anders funktionieren als Konsum- oder Investitionsgüter-Märkte - und auch anders als Arbeitsmärkte. Bei Liebesbeziehungen muss man plausiblerweise sagen, dass die Bindung an einen konkreten anderen Mensch an sich als wertvoll betrachtet wird (wertvoll ist, wie ich sagen würde). Das ist bei anderen Märkten anders. Zudem ist eine Beziehung oder Freundschaft eine besondere Art der Assoziation, da ihr Wert (so lässt sich jedenfalls argumentieren) nur dann realisiert wird, wenn sie in einem starken Sinn exklusiv und nicht-revidierbar ist — und vielleicht sogar, wenn sie so beschaffen ist, dass Vergleichsdaten zu ihrem Wert für den Gebundenen epistemisch nicht zugänglich sind. Es sind Erwägungen dieser Art, die uns von der Rede von “effizienter Verteilung” im Kontext der Liebesbeziehungen abhalten. Und es sind Erwägungen dieser Art, die die Aussage ziemlich leer (wenn nicht ziemlich falsch) erscheinen lassen, dass sich zusammenfindet, was perfekt zu einander passt. S+W würden bestimmt nicht in diesen Märkten so sprechen, wie Du ihnen zu unterstellen scheinst.
Ansonsten natürlich legitime Punkte über die Bedingungen dafür, dass Märkte ethisch wünschenswerte Resultate bringen. Die sind recht stark und in vielen konkreten sozialen Situationen nicht erfüllt. M.E. lässt sich der Punkt aber stärker machen, wenn man wirklich spezielle Kontexte erstmal raus lässt. Oder?
Ad Jörg und Matthias:
Es stimmt, dass die zwischenmenschlichen Transaktionen „Tausch“ und „Partnerwahl“ sehr unterschiedlich sind. Nichtsdestotrotz gibt es eine Gemeinsamkeit:
Wir halten es für besser, wenn Partnerwahl freiwillig geschieht als nicht-freiwillig.
Marktliberale halten es für besser, wenn Güter mittels freiwilligen Tauschs verteilt werden als mittels einer anderen Methode. Marktwirtschaft ist diejenige Ordnung, die dafür sorgt, dass möglichst viele Transaktionen mittels freiwilligen Tauschs geschehen.
Die Freiwilligkeit ist also die einzige Gemeinsamkeit, auf die ich aufmerksam machen möchte. Sie ist jedoch zentral, da das aus meiner Sicht stärkste Argument für die freie Marktwirtschaft von der Prämsise ausgeht, dass diese den freiwilligen Tausch in komplexen Gesellschaften ermöglicht. Dass es darüber hinaus wahnsinnig viele Unterschiede gibt, sehe ich auch. Die spielen für die angestellte Überlegung aber keine Rolle.
At Chat:
Angenomen, es stimmt, dass “in Ländern, wo freie Partnerwahl herrscht, Ehen sehr viel häufiger scheitern als in Ländern, wo Eltern oder Brautwerber das junge Glück zusammenführen”. Und angenommen, dass der Grund dafür, dass die Ehen schneller scheitern, darin liegt, dass die Partnerwahl freiwillig ist (es muss ausgeschlossen werden, dass irgendwelche anderen Aspekte für die Ehedauer verantwortlich sind, die zufällig mit der Freiwilligkeit in der Partnerwahl korrelieren).
Diese Beobachtung würde zum Beispiel zeigen, dass, wenn wir in einer Gesellschaft leben wollten, in der die Lebenspartnerschaft möglichst lange andauerte, wir das Prinzip der Lebenspartnerwahl mittels freiwilliger Entscheidung zu einem anderen Prinzip (z.B. Elternzuteilung) ändern sollten.
Wir glauben jedoch, dass eine LebenspartnerInnenwahl, die auf freiwilliger Entscheidung basiert, die beiden Menschen glücklicher macht, auch wenn die Partner sich schnell trennen, als eine Auswahl des Lebenspartners durch die Eltern, auch wenn diese Art der Lebenspartnerwahl zu weniger Trennungen führt.
Die Intuition, dass Freiwilligkeit ein recht hoher Wert ist, ist, glaube ich, in unserer Gesellschaft recht verbreitet. Und auf dieser Intuition basiert auch das Argument für den freien Markt, das im Text angegriffen wird.
OK — aber wenn man etwas über bestimmte Märkte zeigen will (konkret: wenn man zeigen will, dass sich in real existierenden Arbeits-, Kapital- oder Konsumgütermärkten bei zufälliger Neuverteilung weder eine wünschenswerte Verteilung noch die jetzige Verteilung ergeben wird), dann sollte man dazu nicht Märkte anführen, die einen erstens gar nicht interessieren und die zweitens ganz anders funktionieren als die Märkte, um die eigentlich geht. Das ist, glaube ich, alles, was Jörg und ich anmerken wollten. Die Liebe ist ein seltsames Spiel.