Krasse Zensur in Deutschland
23. Juli 2007Matthias Kiesselbach
Zensur, Zensur, überall Zensur. Zuerst zensiert der Verteidigungsminister Tom Cruise (sagt Drehbuchautor Breinersdorfer). Dann zensieren die Öffentlich Rechtlichen die Tour de France (sagt absurderweise Sat.1-Chef de Posch). Schließlich wird sogar ein anspruchsvolles, deutsches Kinderbuch von seinem amerikanischen Verlag zensiert — wegen eines kleinen deutschen Pimmelchens (sagt der Berliner Kurier). Nicht so wichtig, dass Cruise unbehelligt und mit vielen bundesrepublikanischen Fördermillionen seinen Film in Babelsberg dreht. Nicht so wichtig, dass Eurosport und Sat.1 die Radel-Rallye weiter live bringen, ohne dass auch nur eine Sekunde verpasst wurde. Nicht so wichtig, dass der amerikanische Verlag die von ihm gekauften Amerika-Rechte an dem Buch eben nur ohne Pimmel verwenden möchte, und dass in allen möglichen anderen Ländern Ausgaben mit Pimmel erhältlich sind. Solche Dinge sind zweitrangig — Hauptsache, überall spricht es sich herum: Es wird zensiert, und das im Jahre 2007. Zwar nicht zensiert im Sinne von Veröffentlichungsverbot. Aber dafür eben zensiert im Sinne von, naja, zensiert halt.
Doch nun passiert das Undenkbare. Das ZDF zensiert die Volksmusik. In diesem Zug kulminiert die neue Zensurstrategie der Staates und seiner Medien, denn hier verbindet sich Zensur mit handfester Diskriminierung. Nicht nur wird es noch schwieriger, sich über die aktuellsten Lieder aus dem Stadl zu informieren — nein, es wird auch gegen eine klar umgrenzte Bevölkerungsgruppe diskriminiert: Die Alten. Da ist es nur folgerichtig, dass die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schlager und Volksmusik das ZDF jetzt verklagen will. Mit Unterstützung von Trude Unruh von den Grauen Panthern, die in dem Vorgang eine beispiellose Beleidigung derjenigen sieht, die “Deutschland nach dem Krieg aufgebaut haben.”
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, dass sich in diesem Sommer die Zukunft unseres wichtigsten Verfassungsprinzips entscheidet.

Lieber K.!
Das Problem bei der Volksmusik ist, dass das Wort “Volk-” im Namen enthalten ist. Wenn das Musikantenstadl gestrichen wird, dann richtet sich das gleich gegen das Volk. Und deshalb ist es auch gleich mal eine Beleidigung “an ALLE, die…”. Und deshalb ist es auch “the same folks”, die Deutschland nach dem Krieg aufgebaut haben, oder so.
Oder nicht?
Grüße,
Hans Atom
Trude Unruh hat Deutschland nach dem Krieg zwar aufgebaut, aber woher wissen wir, dass sie es vorher nicht mit abgebaut hat? Womöglich mit einem Schlager auf den Lippen, und zwar einem Schlager von Heinrich Böll, der sich heute (wäre er nicht plötzlich auf mysteriöseste Weise verschwunden) mit Sicherheit in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schlager und Volksmusik e.V. engagiert hätte. Wie Sie selbst andeuten, sind hier vielsagende Verknüpfungen zu finden!
Hochachtungsvoll, K.