Warum die USA im Irak eigentlich gegen Neonazis in Ostdeutschland kämpfen
13. Juli 2007Christian Voigt
“The same folks that are bombing innocent people in Iraq were the ones who attacked us in America on September the 11th, and that’s why what happens in Iraq matters to the security here at home.”
Klar, das kennen wir. Die alte Leier. Noch eines dieser neumodischen subversiven Sprachspiele aus den USA. Diesmal heißt es: “Unzusammenhängendes zusammenhängen”. Nur nochmal zur Erinnerung, wie die Geschichte lief: Bush, Cheney und Rummy wollten den Irak angreifen. Das konnten sie aber nur, wenn sie das mit dem 11. September rechtfertigen konnten. Obwohl der Irak in Wirklichkeit nichts mit Al Quaeda und also nichts mit dem 11. September zu tun hatte, schafften sie es die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Saddam und Osama nur zwei Köpfe desselben Ungetüms seien: Klar, irgendwie waren sie beide böse und also Angestellte des Teufels (Genau wie Kim und Mahmud, die auch zu demselben Club gehörten).
Dann eroberten die USA den Irak und fanden bekannterweise leider weder Massenvernichtungswaffen, noch Verbindungen zu Al Quaida. Aber das durch den Krieg entstandene Machtvakuum führte nun dazu, dass Terroristen aus aller Herren Länder ins Land strömten und so der Irak doch noch zum “safe harbour” für Al Quaida wurde. Man hatte im Nachhinein die Fakten geschaffen, die man schon vorher zur Rechtfertigung der Schaffung dieser Fakten benötigte.
Und nun behauptet Bush immer noch, gegen dieselben Leute zu kämpfen, die das World Trade Center in die Luft jagten. Diese Identitätsbehauptung ist, solange man nicht an Wiedergeburt glaubt, natürlich vollkommen absurd (dazu hier die New York Times). Sie ist genauso absurd wie zu behaupten, dass die ostdeutschen Neonazis von heute “the same folks” seien, die Juden in Auschwitz vergast haben.
Natürlich sind diese Neonazis ähnliche Leute: Sie denken ähnlich, sie haben ähnliche Ziele, sie haben vielleicht sogar einen ähnlichen sozialen Hintergrund. Aber all das reicht nicht aus, eine Identität zwischen Nazis und Neonazis zu behaupten, oder? Zumindest hätte sich Hitler bestimmt nicht darüber gefreut, dass die heutigen braunen Gesellen Gramsci, Gandhi und Ulrich Beck zitieren…
Wieder zurück zum Irak. Inzwischen ist es also wahr gemacht worden: Die Leute, die den Terror im Irak organisieren, sind auch die Leute, die gerne “bei uns zu hause” (wie Bush gerne sagt) Terror machen würden. Aber dieser Zusammenhang ist eben ein anderer, als der ursprünglich behauptete. Bush, Cheney oder Rumsfeld tun aber immer noch so, als hätten sie einfach recht behalten, indem sie uns den von ihnen selbst produzierten Zusammenhang als den immer schon behaupteten verkaufen.
Derweil werden munter neue Identitätsbehauptungen aufgestellt: “The same folks who attacked us in America on September the 11th” sind nicht mehr nur Saddam und seine Gehilfen, sondern die Leute von der Hisbollah und der syrischen und iranischen Regierung. Und weil diese Leute alle miteinander und mit Al Quaeda zusammenhängen, weil sie alle letzten Endes ein einziges Kollektiv des Bösen sind, die verschiedenen Köpfe ein und desselben Ungeheuers, erhält der Kampf im Irak auf einmal geradezu universelle Bedeutung: Mit den Terroristen im Irak wird nicht mehr nur Al Quaeda insgesamt bekämpft, sondern zugleich wird gegen alle anderen Übel im Nahen Osten angegangen.
“The fight in Iraq is part of a broader struggle that’s unfolding across the region. The same region in Iran — the same regime in Iran that is pursuing nuclear weapons and threatening to wipe Israel off the map is also providing sophisticated IEDs to extremists in Iraq who are using them to kill American soldiers. The same Hezbollah terrorists who are waging war against the forces of democracy in Lebanon are training extremists to do the same against coalition forces in Iraq. The same Syrian regime that provides support and sanctuary for Islamic jihad and Hamas has refused to close its airport in Damascus to suicide bombers headed to Iraq. All these extremist groups would be emboldened by a precipitous American withdrawal, which would confuse and frighten friends and allies in the region.”
Warum nicht gleich noch weitergehen? Identität von Kollektiven ist schließlich ein wahnsinnig dehnbarer Begriff (man denke nur an Familien, Nationen, Fussballvereine). Sind diese Islamisten nicht sowieso alle auch Antisemiten?
Klare Sache: Die sind also eigentlich “the same folks”, die in Europa Millionen Juden ermordet haben. Der Krieg im Irak ist eigentlich nur eine Fortsetzung des 2. Weltkrieges.
Und wenn wir schon gerade dabei sind, können wir ruhig noch eine Ecke weiter denken: Wenn man es sich ungenau überlegt, dann kämpfen die USA in Wirklichkeit im Irak gegen niemand anderen als die Neonazis in Ostdeutschland. Denn das sind ja schließlich (wenn wir großzügig mit Identitäten umgehen) auch “the same folks”, die Auschwitz verbrochen haben. Und wenn x dasselbe ist wie y und z auch dasselbe ist wie y, dann ist natürlich x auch dasselbe wie z. Wer also gegen die NPD ist, kann nicht wirklich gegen den Einsatz der USA im Irak sein, oder?
Zumindest nicht, wenn man sich einmal auf Bushs Ringelreihen der kollektiven Identitäten eingelassen hat. Das von den USA selbst angezettelte Chaos im Irak kann mithilfe dieser einfachen Methode selbst für deutsche Antiamerikaner wieder einen höheren Sinn erlangen.

‘Credo, quia absurdum’ - ‘Ich glaube es, weil es widersinnig ist’, das ist die Geschäftsgrundlage aller Religion. Und Bush ist religiös, auch wenn das nicht gerade für die Religion spricht. Tertullian prägte übrigens den Satz, wenn ich mich recht entsinne.
Hier ist mir so schwindelig geworden, dass ich mich kurz hinsetzten musste. Gottseidank saß ich schon. Trotzdem: Mit ein bischen mehr rhetorischem Verve, hätte Bush ohne weiteres glaubhaft machen können, im Irak würde man gegen “the same folks” kämpfen, die sie eigentlich selber sind. Was dann wohl los gewesen wäre?
Was dann wohl los wäre:
“Ach du lieber Gott”, sagt Bush, “daran habe ich ja gar nicht gedacht” und löst sich in ein Logikwölkchen auf.
Die Demokraten sollten das vielleicht mal ausprobieren, um Bush zum Rückzug zu bewegen… Wäre ja aber eigentlich gar nicht so gut, wenn die sich jetzt zurückziehen würden. Also am besten nicht weitersagen und Bush reden lassen.
“Sind diese Islamisten nicht sowieso alle auch Antisemiten?”
Bezweifelst Du das?
Hey mh!
ausführlich geantwortet habe ich dir hier.
Hier nur ganz kurz: Nein, wie kommst du darauf?