…et pereat mundus
10. Juli 2007Matthias Kiesselbach
Steile Thesen sind manchmal clever und wahr, öfter unvorsichtig und fraglich, meistens jedoch bescheuert und falsch. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie die steile These von Adrian Kreye im Feuilleton der Süddeutschen einzuordnen ist: “Die Verteidigung der Grundwerte ist für eine Demokratie zwingender als die Selbstverteidigung.”
Mich beschäftigt dieser Satz. Wie kommt man auf ihn? Und inwiefern könnte er wahr sein?
Eine Interpretation, die dem Satz zumindest gewisse Chancen gibt, ernstgenommen zu werden, rückt ihn in die Nähe bestimmter Ideen aus der Spieltheorie. Ich denke da an folgendes Szenario: Im berühmten Spiel der nuklearen Abschreckung können wir nur dann bestehen, wenn unser Gegner uns abnimmt, dass wir willens sind, den roten Knopf zu drücken, selbst wenn uns damit unser ganzer Planet um die Ohren fliegt. Hier könnte man (gegeben, dass unser Gegner uns voll durchschaut) sagen, dass uns die Vergeltung wichtiger sein muss als das Überleben. Das ist natürlich unter den meisten Annahmen über unsere Präferenzen ziemlich irrational. Aber wenn unser Gegner es uns abnimmt, dann werden wir am Ende nicht nur überleben, sondern sogar gewinnen. Und das ist doch rational — oder? Ein anderes, etwas gemütlicheres, Beispiel dieser Struktur ist das Einschlafen. Bekanntlich gelingt das manchen von uns partout nicht, wenn sie einschlafen wollen. Sie müssen also etwas anderes wollen, um einschlafen zu können. Dieses andere Ziel (zum Beispiel bis zu einer sehr hohen Zahl zu zählen) müssen sie als “zwingender” behandeln als das Einschlafen. Auch das ist irrational, wenn sie einschlafen wollen. Aber wenn sie damit am Ende einschlafen, ist ein bisschen Irrationalität vielleicht die rationalere Option.
Kann man so etwas über die Demokratie sagen? Die Situation, in der man auf diese Idee kommen könnte, ist eine, in der das Befolgen der Regeln der Demokratie (was auch immer die genau sagen) die Ziele dieser Regeln selbst in Gefahr bringt oder gar völlig verbaut. Adrian Kreye wirft die Frage unpassenderweise im Kontext der Story eines Scientologen auf, dem eine Drehgenehmigung im Bendlerblock verwehrt wird. Aber wir können ja einen passenderen Kontext finden: Nazis im Landtag, zum Beispiel. Oder besser noch: Nazis im Reichstag. Ist da ein Satz wie Kreyes plausibel?
Vielleicht schon. Man könnte auf die Idee kommen zu denken, dass “das Volk” nur dann “herrscht”, wenn es seine Herrschaft selbst abschaffen kann. Ich finde das nicht wahnsinnig überzeugend, aber gehen wir mal ein Stückchen mit. Man könnte sich nun vorstellen, dass ein Nazi daherkommt und vorschlägt, genau das zu tun: die Demokratie abzuschaffen. Wir Demokraten könnten nun Gründe dafür sehen, seine Fähigkeit zu verteidigen, darauf hin zu wirken. Wir müssen uns nicht verpflichtet sehen, ihm zu helfen, aber wir könnten uns verpflichtet sehen, sein Streben zu verteidigen. (Das ist übrigens etwas anderes als das, was Rosa Luxemburg gefordert hat.) Sicher ist dieser Fall nicht vollständig analog zur nuklearen Abschreckung und zur Insomnia. Aber er hat dies mit ihnen gemein: Wir arbeiten in gewisser Hinsicht gegen unsere Ziele, um sie zu erreichen.
Ob Kreye das so gemeint hat? Hm. Dann kriegt er ein “unvorsichtig und fraglich”, würde ich sagen. Oder?

Ich bin etwas verdattert. Als ich die Überschrift las, dachte ich: Genial, diese ganze Schäuble-Debatte mal auf einen griffigen Punkt gebracht. Wo beweist sich Demokratie etc. Und in diesem Kontext ergibt der Satz für mich definitiv Sinn. Wenn ich dann allerdings lese, womit diese griffige These verknüpft ist, mehren sich dann in der Tat die Fragezeichen.
Ansonsten finde ich die These gar nicht so steil, die Bewertung der Verhältnisse solcher Grundwerte wie Freiheit - Sicherheit - Demokratie zueinander ist ja ein gern gespieltes Spiel in unserer Demokratie, bei dem man alles so lange hin und her schieben kann, bis keiner mehr was weiß und dann entscheidet eben der Stärkste - by what means ever. Und diese feuilletonistische Lesart ist in meinen Augen eher menschenfreundlich - im Zweifel (also wenn in einer bestimmten Situation eines gegen das andere abgewogen werden muss) haben die Grundwerte Vorrang. Und damit basta, wie Herr Schröder in solchen Fällen gesagt hat.
Interessant. Also, ich hatte den Satz von Kreye nicht so sehr als “Lieber tot als undemokratisch” gelesen (ich weiß nicht so ganz, ob ich da mitspielen würde, aber ich finde diesen Satz wenigstens auch nicht ganz unsympathisch), sondern eher als Bekenntnis dazu, die Demokratie im gegebenen Fall so weit zu treiben, dass sie sich selbst aufhebt.
Die Frage, wie genau Kreyes Satz zu interpretieren ist, hat natürlich damit zu tun, dass Selbstverteidigung sich sowohl auf uns als auch auf die Demokratie beziehen kann. Ich hätte klarer machen sollen, dass ich ihn auf letztere Weise interpretiere. Und dass ich ihn ferner nicht als die bloße Formel “Im Zweifel für die Demokratie (Freiheit, Recht etc.)” lese (der ich natürlich auch, je nach Gefahrenlage, zustimme.).
Dann wird die These, finde ich, doch ganz schön steil: Der echte Demokrat muss bereit sein, sich seine Demokratie mit demokratischen Mitteln zerstören zu lassen. Warum muss er das? Aber vielleicht hast Du recht, und ich habe viel zu viel reingelesen in die “steile” These von Kreye.
Die Annahme, dass Feuilleton-Redakteure ihre Thesen durchdenken, am Ende gar noch philosophisch, das ist der blinde Fleck in einem schönen Text. Einem redaktionellen Content-Sklaven genügt das ‘Klingt gut’ als Kriterium. Um mit Karl Kraus zu reden: ‘Dem Feuilletonisten verwehrte ein gnädiger Gott, zu leiden, was er schreibt’ …
Ist wohl so. Man muss Feuilletons mit mehr charity lesen — mein Eintrag war ein Schnellschuss.
‘Charity’ ist ein netter Ausdruck für einen artgerechten Umgang mit unseren Buchstabendompteuren.