Claus Schenk Graf von Cruise
5. Juli 2007Matthias Kiesselbach
Der Fall Tom Cruise im Bendlerblock ist interessant, weil sich an ihm so viele kleine Sprachtricks zeigen. Den Hintergrund kennt mittlerweile wohl jeder. In dem neuen Film über das versuchte Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944, “Valkyrie“, wird Tom Cruise die Hauptrolle des Grafen von Stauffenberg spielen. Tom Cruise ist allerdings Mitglied und Werbe-Ikone der totalitären Sekte “Scientology“, die nicht nur noch verrücktere Dinge von sich gibt als herkömmliche Religionen, sondern die auch durch vielfältige demokratie- und verfassungsfeindliche Aktivitäten auf sich aufmerksam macht [eine gute Literatursammlung der staatlichen Arbeitsgruppe Scientology in Hamburg findet sich hier]. Und so bestehen einige Bedenken, ob der Film mit jener Besetzung eine gute Idee ist.
Mittlerweile hat der Fall eine gewisse politische Relevanz erhalten, denn nachdem Stauffenbergs Sohn Berthold Graf von Stauffenberg und einige Mitglieder des Bundestages den Fall prominent gemacht haben, hat Verteidigungsminister Jung jetzt verfügt, dass die Produktionsfirma nicht am Ort des Geschehehens, dem Bendlerblock, drehen darf. Dort hat der Verteidigungsminister das Hausrecht. Zwar hatte die Produktionsfirma noch gar keinen entsprechenden Antrag gestellt, aber auf die Presseanfrage, wie man es mit einer Drehgenehmigung hielte, antwortete das Ministerium negativ.
Das alles ist eigentlich, finde ich, auch ganz in Ordnung so. Und wären alle so un-aufgeregt geblieben wie Jung in der Notiz, in der er darüber informierte, dass er von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen gedenke, dann wäre an dem Fall nicht viel Interessantes oder gar Kontroverses. Aber un-aufgeregt sind mittlerweile nicht mehr viele, und es ist eine Diskussion entbrannt, an der mindestens drei Aspekte nun doch sehr interessant sind. (Ich beschränke mich hier übrigens auf die Seite derjenigen, die Cruise zu Hilfe eilen und den Verteidigungsminister kritisieren und widme mich demnächst mal der anderen Seite.)
Erstens wird Scientology in Amerika völlig anders wahrgenommen als in Deutschland. In Amerika kennen wenige Menschen die Sekte wirklich gut, und die meisten Leute verbuchen sie unter “belief system“, was ja bekanntlich völlig außerhalb der rationalen Kritisierbarkeit, geschweige denn der legitimen staatlichen Kontrolle, ist. Alter Trick übrigens, die Sache mit dem “belief system”. Wie auch immer — überall dort, wo Dinge in Deutschland anders gesehen werden als in Amerika, treten ja bekanntlich die unermüdlichen deutschen Deutschland-Von-Amerika-Aus-Einordnen-Könner mit ihrer “Die Deutschen sind ja solche Spießer”-Pose auf. Nebenbei bemerkt sind die deutschen Deutschlandexperten aus Amerika fast immer Prominente, deren Deutschland/Amerika-Expertentum auf dem Besitz einer Villa in Palm Springs beruht. Das ist bei Donnersmarck etwas anders, aber das Interessante an seiner Leier von der “Verbotsgeilheit der Deutschen” zeigt sich dennoch in schöner Klarheit: Diese Intervention ist nämlich ein 100%ig sicherer Themenwechsler. Versucht das mal auf der nächsten Party: Sobald das Wort von den “verbotsgeilen Deutschen” gefallen ist, (besonders wenn ihr schon mal in Amerika gelebt habt,) redet keiner mehr über die Legitimität der Verweigerung einer Drehgenehmigung im Bendlerblock für einen Film, dessen Hauptdarsteller Top-Werber für einen totalitären Verein ist. Sondern alle beziehen jetzt Stellung zum deutschen Charakter, und die meisten fallen ein in das Gejaule über die biederen Teutonen. Damit wird eine politische Frage zu einer Charakterfrage, und schnell ist die Diskussion über die Sache vorbei. Guter Trick, fast so gut wie der vom “belief system”.
Zweitens zeigt die Diskussion eine riesige Unklarheit über die korrekten Anwendungsbedingungen des Begriffes der Rechtsstaatlichkeit. Ich bin ja auch ein großer Freund der Vorsicht bei Gefahren für den Rechtsstaat. Wenn Ermittlungsbeamte Folter androhen oder Innenminister Internetüberwachung und Bundeswehreinsätze gegen G8-Demonstranten einleiten, dann wird mir auch sehr schnell mulmig. Aber FAZ-Meinungsmann Heinrich Wefing sieht jetzt den Rechtsstaat in Gefahr, weil das Verteidigungsministerium von seinem Hausrecht Gebrauch machen will, um nicht an der Förderung der Cruiseschen Popularität mitzuwirken. Sein Argument? Dass “selbst das Hausrecht des Bendlerblockes der Verfassung untersteht”. Ja. Häh? Ist es denn nicht so, dass die Verfassung gerade nichts Spezielles über ministeriales Hausrecht sagt — und ist das nicht auch in Ordnung so? Gewisse Dinge unterstehen eben der Autorität gewählter Volksvertreter, zu denen Minister gehören, und solange hier nichts anderweitig Verfassungsfeindliches passiert, fallen Entscheidungen über Filmcrews in ihren Immobilien wirklich unter diese Autorität. Wefing will natürlich sagen, dass der Geist der Verfassung ein toleranter Geist ist, und dass Toleranz gegen Scientologen die Verfassung eher stütze als gefährde. Naja. Der Geist der Verfassung ist aber auch einer der wehrhaften Toleranz, und Scientology wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Das ist zumindest kein sicheres Argument, und es hat vor allem nicht viel mit dem Rechtsstaat zu tun. Nein, man sollte wirklich nicht mit solchen Waffen kämpfen. Manchmal kommt es einem so vor, als ob dem Feuilleton gar nicht klar ist, was Rechtsstaatlichkeit eigentlich genau ist. Aber ruhig mal die Warnung vor ihrem Verfall an die Wand malen, das kommt an.
Drittens fällt in der Debatte immer wieder ein interessantes Manöver auf. Seine verschiedenen Varianten gehen so: “Ihr seid doch auch nicht perfekt”, “Wir sind alle keine Götter”, “Stauffenberg selber hatte auch Dreck am Stecken” oder auch (besonders populär), “Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.” Bis auf die letzte Variante finden sich alle diese Beispiele in Donnersmarcks Essay. In ihnen verbinden sich bei Donnersmarck übrigens zwei Motive. Das eine ist die oben bereits angerissene Kritik am deutschen Wesen. “Die Deutschen” (natürlich, die Deutschen, denn gemeint sind wir alle) wollen immer perfekte, asketische, hundertprozentig rechtschaffene Übermenschen sein, die es eigentlich gar nicht gibt. Und das fordern sie auch von allen anderen. Seid doch mal etwas weniger streng mit euch und mit den anderen, sagt Donnersmarck. Das zweite Motiv ist letztlich genau das Argument, das Christian neulich in seinem Dokumenta-Artikel diskutiert hat: “Mal du erst mal so ein Kunstwerk, erst dann darfst du es auch kritisieren.” Wieder ein sehr feiner Debatten-Töter, der hier freilich besonders problematisch ist, macht er doch die Kritik zum Privileg der Übermenschen. Nein, Donnersmarck, das ist kein gutes Argument. Und es ist auch dann kein gutes Argument, wenn es Dir nicht um politische Kritik, sondern um Hausrechts-Entscheidungen des Ministeriums geht. Wenn es gute Gründe gibt, Cruise nicht reinzulassen (und die gibt es), dann ist es völlig egal, ob wir oder irgendjemand sonst “besser” ist als Cruise.
Nun, das muss fürs erste reichen. Oh, und nebenbei: Ich empfehle sehr eine genaue Lektüre des Donnermarck-Essays, der den Stauffenberg-Film (ganz nebenbei gesagt) in allererster Linie als PR für Deutschland versteht. Sicher findet Ihr da noch mehr interessante Punkte. [Nachtra: Ich empfehle auch den kleinen Text im filmtagebuch dazu.]

Mehr interessante Punkte? Wie wärs damit: “Er wird dadurch allein das Ansehen Deutschlands mehr befördern, als es zehn Fußball-Weltmeisterschaften hätten tun können.” Das Totschlag-Argument schlechthin.
Dieser ‘Schauspieler’, der aussieht wie so’n glattgeschleckter Barbie-Liebhaber, der dazu mit der mimischen Ausdruckskraft eines Vorstadt-Friseurs geschlagen ist, der ist in der Rolle eines Stauffenberg die denkbar unglaubwürdigste Besetzung. Warum sollte also irgendwer für diesen absehbaren Kino-Flopp seine Räume als Kulisse zur Verfügung stellen?
2 Sachen die mir dazu einfallen:
1. zur Verbotsgeilheit der Deutschen.
Ich war erst einmal in den USA, 1985, für zwei Monate an der Ostküste. Erst dort habe ich – widerwillig - gelernt, dass ich ein Deutscher bin. Nicht gerne, nicht freiwillig, sondern einfach deswegen, weil ich nichts anderes sein kann. Erst von diesem Startpunkt aus konnte ich dann lernen, welche spezifischen Vorteile das hat. Über die Nachteile wusste ich damals schon genug.
Eine der Sachen die mich damals an Amerika verrückt gemacht haben, war die unglaubliche Masse für mich nicht nachvollziehbarer Verbote. Trinken auf der Straße - verboten. Essen in einem Park (Picknick) - verboten. Umziehen am Strand - verboten. Das waren die gesetzlichen Verbote. Dazu kamen noch große Mengen von Verboten, die die Menschen einfach im Kopf hatten (Alkohol, Sexualität, Rassenmischung), ohne dass sie explizit verboten waren. In meinem schon damals ausgeprägtem Wunsch, wider den Stachel zu löcken, habe ich angesichts eines neuen Verbots öfter gesagt:” I tought, this is a free country.“ Antwort: „That’s not what we think of freedom.“
Als ich wieder zurück in Deutschland war, fuhr ich am zweiten Tag mit dem Fahrrad an einer Badewiese an einem See vorbei. Auf dieser Wiese spielten fünf ältere Herren splitternackt Fußball. Weiß Gott kein schöner Anblick. Trotzdem habe ich mich sehr darüber gefreut. Einfach darüber, dass so etwas möglich ist. Dass man bei uns in gewissem Umfang selbst bestimmen darf, was man unter Freiheit versteht und es sich nicht von anderen vorschreiben lassen muss - noch dazu nicht mit Argumenten, sondern Verboten. Insofern verstehe ich nicht, wo Herr Donnersmarck und all die anderen ihre Anti-Verbots-Amerika-Erfahrungen gemacht haben. Nicht in dem Land, das ich kenne.
2. zu Tom Cruise als Stauffenberg.
Vorweg: ich bin kein Freund der “Religion” oder der Darstellungskünste des Herrn Cruise. Ersteres sogar im Gegenteil. Trotzdem finde ich, dass über die Frage, ob er in einem Film Stauffenberg spielen soll, allein Regisseur und Produzent zu entscheiden haben. Wir als Publikum sind dann an der Kinokasse zur Abstimmung aufgefordert. Wobei ich denke, dass Herr Cruise ein Profi ist und das schon gut machen wird.
In jedem Fall ist aber die Vorstellung absurd, dass ein Schauspieler bestimmte demokratische oder weltanschauliche Auffassungen vorzuweisen haben muss, bevor er Stauffenberg spielen darf. Man verlangt ja auch vom Darsteller eines Säufers nicht, dass er selbst saufe. Dass eine solche Denkweise absurd ist, zeigt sich spätestens bei der Frage, ob ein Schauspieler, der Humbert Humbert darstellt, selbst praktische Erfahrungen mit Lolitas braucht. Wenn ich an irgendeiner Stelle dieser Debatte etwas typisch Deutsches sehe, dann hier. Schade eigentlich, wo der Deutsche doch sonst so gut das Wesen der Dinge von ihrem Schein trennen kann.
Hm, zu Punkt 2. Da auch ich das Wesen der Dinge von ihrem Schein trennen will ;-)… Ich glaube, Dein Punkt wäre relevanter in einem Kontext, in dem es um Zensur geht. Natürlich bin ich da auch der Meinung, dass “weltanschauliche Auffassungen” nicht zur Zensur führen dürfen. Und auch nicht zur Verwehrung des Zuganges zum Schauspielerberuf etc. Und auch nicht zu einem generellen Drehverbot.
Aber hier geht es ja um die Legitimität der Verweigerung einer Drehgenehmigung desjenigen, der das Hausrecht hat, in einer bestimmten Lokalität. Und es geht darum, ob diesem Hausherrn (der letztlich der Staat ist) die Verweigerung der Drehgenehmigung zusteht, wenn sein Argument ist, dass ein prominenter Vertreter einer Gruppierung, die vieles von dem bekämpft, wofür der Hausherr steht, einfach nicht unterstützt werden muss oder sollte. Ich halte das nicht für “deutsch”. Und ich finde das Argument auch in Ordnung.
Dies ist m.E. auch nicht eine ästhetische oder filmtheoretische Frage. Bei der wäre ich mir auch nicht sicher. Nein, hier geht es um die Weigerung, eine Top-Werbefigur von Scientology zu unterstützen. Von mir aus auch um ein Symbol des Staates gegen Scientology und ihre Ideologie. Aber das soll mein Staat auch ruhig mal tun.
Ich finde, die beste Kritik an Jung wäre strategischer Art. Wenn sich abzeichnet, dass Scientology aus der Sache einen PR-Gewinn schlagen kann, dann (aber nur dann) war sie eine schlechte Idee.
Ach ja - so viel zu sagen, aber so wenig Platz und so viel Zumutung für die, die das alles lesen sollen oder wollen.
Ich war argumentatorisch in der Tat etwas entgleist, indem ich auf etwas geantwortet habe, was in deinem Artikel so gar nicht steht: Es an gibt anderer Stelle seit einiger Zeit eine Debatte um die Besetzung dieser Rolle, die m.E. von Seiten der deutschen Beteiligten nicht ohne Peinlichkeiten ist. Als ob irgendwer mehr (moralisches) Recht habe, diese Rolle zu spielen, als jemand anders. Da denke ich: Möge der Beste gewinnen, oder der Einflussreichste oder wer auch immer - bewegliche Medien interessieren mich so wenig wie Fußball und hier wie dort finden in meinen Augen erstaunliche Stürme in sehr kleinen Wassergläsern statt.
Ansonsten: Dem, zu dem ich hier explizit nichts gesagt habe, stimme ich zu - auch dieser speziellen Anwendung des Hausrechts. Überhaupt: Da Themen hier ja häufig in erfreulicher Genauigkeit durchgearbeitet werden, schweift mein Blick gern auf die Blüten am Wegesrand …