Was würde Cheney tun? Drei subversive Sprachspiele zum Selbermachen (Teil II)

3. Juli 2007
Christian Voigt

Sprachkünstler Cheney mit Kaffee

Mit Sprache läßt sich so viel mehr machen, als einfach nur Informationen oder Argumente auszutauschen! Einen detaillierten Einblick in all die schönen Möglichkeiten subversiver Sprachgestaltungskunst bietet die in der letzten Woche veröffentlichte, brilliante vierteilige Reportage der Washington Post darüber, wie Dick Cheney es geschafft hat zum mächtigsten Vizepräsidenten aller Zeiten zu werden (wem das zu viel ist, dem sei “Impeach Vice President Cheney” beim Slate Magazin empfohlen. Weniger Fakten, dafür mehr Meinung). Wir meinen: Von Dick Cheney lernen, heißt fürs Leben lernen! Deswegen hier drei originelle Tipps zum Ausprobieren (Teil I). Heute Teil II:

II. Regeln zur Ausnahme machen — Mitspielen und Schummeln

Problem: Deine Gegner haben sich leider nicht ablenken lassen. Du wirst immer noch für deine Fehler kritisiert, obwohl du neue Begriffe eingeführt hast, die das unmöglich machen sollten.

Lösung: Wenn die Kritiker sich nicht abschütteln lassen, hilft nur noch eines: Man muss sich auf ihre Seite stellen und sich ihre Ziele und ihre Meinungen vollständig zu eigen machen. Wenn also jemand sagt “Es kann so nicht weiter gehen, du kommst immer zu spät” oder “Ich kann deine Arroganz nicht länger ertragen” oder “Die USA dürfen nicht foltern”, dann sagst du “In der Tat, das ewige Zu-Spät-Kommen in diesem Betrieb muss hart bekämpft werden, wir sollten einen Pakt-Der-Pünktlichkeit gründen, in dem jeder verpflichtet wird, im Rahmen seiner Möglichkeiten pünktlich zu kommen!” oder “Arroganz vergiftet die Atmosphäre, lass uns einen Freitag der Freundlichkeit einrichten!” oder “Wir behandeln Gefangene menschlich und, soweit das angemessen und konsistent mit militärischen Notwendigkeiten ist, auf eine Weise, die konsistent mit der Genfer Konvention ist”.

Dann bleibt zu hoffen, dass deine Kritiker sich so sehr darüber freuen, dass du auf einmal auf ihrer Seite bist, dass sie darüber ganz vergessen, dass dein Vorschlag dir erlaubt, weiterhin so oft zu spät zu kommen, so arrogant zu sein und so grausam zu foltern, wie es dir gefällt (eben nur dann nicht, wenn du gerade nichts anderes vor hast, wenn es gerade Freitag ist oder es keine militärischen Gründe zur Folter gibt). Allgmein lautet die Strategie also: Gesteh deinen Feinden die Regel zu, wenn du für dich nur die Ausnahmen reklamieren kannst. Denn was Ausnahme und was Regel ist, ist nur eine Frage der Perspektive. Dass du genau die umgekehrte Perspektive hast wie Deine Kritiker, das verschweigst du natürlich, darauf müssen sie schon selber kommen.

Beispiel:

Geneva rules forbade not only torture but also, in equally categorical terms, the use of “violence,” “cruel treatment” or “humiliating and degrading treatment” against a detainee “at any time and in any place whatsoever.” The War Crimes Act of 1996 made any grave breach of those restrictions a U.S. felony. The best defense against such a charge, Addington wrote, would combine a broad presidential directive for humane treatment, in general, with an assertion of unrestricted authority to make exceptions.

The vice president’s counsel proposed that President Bush issue a carefully ambiguous directive. Detainees would be treated “humanely and, to the extent appropriate and consistent with military necessity, in a manner consistent with the principles of” the Geneva Conventions. When Bush issued his public decision two weeks later, on Feb. 7, 2002, he adopted Addington’s formula — with all its room for maneuver — verbatim.

In a radio interview last fall, Cheney said, “We don’t torture.” What he did not acknowledge, according to Alberto J. Mora, who served then as the Bush-appointed Navy general counsel, was that the new legal framework was designed specifically to avoid a ban on cruelty. In international law, Mora said, cruelty is defined as “the imposition of severe physical or mental pain or suffering.” He added: “Torture is an extreme version of cruelty.”

How extreme? (…) The Justice Department delivered a classified opinion on Aug. 1, 2002, stating that the U.S. law against torture “prohibits only the worst forms of cruel, inhuman or degrading treatment” and therefore permits many others. Distributed under the signature of Assistant Attorney General Jay S. Bybee, the opinion also narrowed the definition of “torture” to mean only suffering “equivalent in intensity” to the pain of “organ failure ….. or even death.” (…) The vice president’s lawyer advocated what was considered the memo’s most radical claim: that the president may authorize any interrogation method, even if it crosses the line into torture. U.S. and treaty laws forbidding any person to “commit torture,” that passage stated, “do not apply” to the commander in chief, because Congress “may no more regulate the President’s ability to detain and interrogate enemy combatants than it may regulate his ability to direct troop movements on the battlefield.”

Washington Post, 25. Juni 2007

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