“Ist sie zu stark, bist Du zu schwach.” Neues zur Geschlechterdifferenz

2. Juli 2007
A. Seelhorst

Schafhasen

Letzte Woche noch hatte die ZEIT gewagt, zwei schöne, schillerlockige Jünglinge auf ihr Frontcover zu drucken. Anders als ein paar Wochen zuvor, als nur die anscheinend hochgradig notlüsternde FAZ auf die Idee verfiel, die Titelmänner Deutschlands seriösester Wochenzeitung (Walser + Grass) könnten einander erotisch zugetan sein, meinte sie es nun ernst. Die sollten ein schwules Pärchen darstellen und ihre Situation eigens im Dossier diskutiert werden. Anlass war das CSD-Wochenende, Aufhänger der in der Tat unangenehme Befund, dass sich Homophobie statistisch bei ca. 21% der Bevölkerung - 5% mehr als noch vor zwei Jahren – nachweisen ließe. Na ja.

Irgendwie nett von der ZEIT. Fand auch meine Mutter, die ansonsten das Thema lieber auf sich beläßt, nach der neuen Leseerfahrung aber ziemlich beunruhigt darum bat, dass ich in Kreuzberg auf der Straße ein bißchen vorsichtiger sein sollte, sie hätte ja gar nicht geahnt, dass die Türken so aggressiv seien. Ich weiß gar nicht, ob ich den Islamisten danken soll, dass sie als der gemeinsame Feind herhalten oder der ZEIT, dass sie im Zweifelsfall von den beiden Randgruppen doch lieber die Schwulen als die “schlechtintegrierten Ausländer” unter ihre liberalen Fittiche nimmt. Aber man darf wohl der ZEIT auch nicht zuviel abverlangen, für sie gilt eben als “Anstandsgrenze” das, was ich für den Garanten andauernder Diskriminierung (im wörtlichen Sinne von Unterscheidung) halte: Die Annahme, dass Sexualität sich von selbst verstehe und keiner – gar öffentlichen – Erörterung bedürfe.

In anderen Worten: Die Normalen sind normal, und was die anderen machen, pfui, das wollen wir gar nicht wissen. So erhält sich die Illusion des großen Unterschieds, der aus Partnerwahl und Sexpraktik verschiedene Menschensorten ableitet. Eigentlich wollte ich darüber schreiben, dass man das aufweichen muss, wenn man ernsthaft von einer freieren Gesellschaft reden und Diskriminierung den Boden entziehen will. Und dazu wollte ich abfeiern, wie cool der dänische Künstler Wolfgang Tillmans genau darauf zielte: Als die ZEIT ihm in einem Anflug von Libertinage das ganze Feuilleton zur Gestaltung freigab, wollte er dort einen Artikel über “Das arme Arschloch des Mannes” platzieren, der äußerst fürsorglich ausbuchstabierte, dass der unaufgeklärte Heteromann sich um grundlegende Erfahrungen und viel Vergnügen bringt, wenn er Analsex ablehnt und an seiner sexuell und identitäts-beschränkten engen Weltsicht festhält. Das ging der indignierten ZEIT zu weit, und der Coup fiel der frohlockenden taz zu.

Spaß beiseite – anscheinend muss erstmal auf sehr viel grundlegenderer Ebene gestritten werden. Die aktuelle ZEIT schmückt sich mit einem apfelwangigen Geschwisterpaar, sie rosa mit Puppe, er blau mit Astronaut. Dieser “Unterschied”, so werden wir belehrt sei endgültig unüberwindlich.

Babies

Nun habe ich natürlich überhaupt nichts gegen Mädchen mit Puppe und Jungs mit Mondfahrerträumen. (Kriegsspielzeug, das in dem folgenden Artikel dann durchgängig den Knaben zugeschrieben wird, erfordert allerdings eine andere Diskussion.) Ich habe nicht mal was dagegen, dass es verschiedene Geschlechterrollen gibt. (Nur finde ich die Beschänkung auf zwei unglaublich unzulänglich – ich komme nicht vor! Das würde aber einen eigenen Artikel füllen.) Aber wenn ich in einer meinungsbildenden Alpha-Zeitung lese, “Mädchen, die auswählen dürfen, zwischen einem Auto und einer kaputten Puppe, bevorzugen die Puppe. Sie würden sogar lieber putzen, als das Auto zu wählen.”, dann kriege ich einen Nervenzusammenbruch, einen Wutanfall und das dringende Bedürfnis, den entsprechenden Artikel zu kritisieren.

Zwischen zweitens und drittens habe ich mich mit meiner feministischen Freundin Katharina zum Notfallkaffee getroffen. Die hat mich erstmal mit ein wenig Hintergrundwissen versorgt, das Herrn Straßmanns Artikel in erster Linie noch verwirrender machte. Ihm geht es darum, zu zeigen, dass “alle Versuche, aus Jungen und Mädchen geschlechtsneutrale Wesen zu machen” gescheitert seien und “dass gegen Natur nur ankäme, wer sie akzeptiere.” Das sonderbare spinozistische Freiheitskalkül, das letzterem unterliegt, soll nachher nochmal betrachtet werden. Zum ersten Punkt: was meint er um Himmels Willen mit “geschlechtsneutralen Wesen” und wer hat die zu produzieren versucht? Die Feministinnen, natürlich.

Dieser ganze Artikel reiht sich ein in einen Trend, der schon länger die Feuilletons durchzieht und mir staunendes Unbehagen verschafft: völlig argumentationsarme Deklarationen darüber, was jetzt schon wieder gescheitert sei. Neulich noch Multikulti. Nun der Feminismus, der kurzerhand mit dem Projekt der “Geschlechterdekonstruktion” gleichgesetzt wird. Wie sich den assoziationsartigen Bezügen entnehmen lässt, ist die eigentliche Gegnerin von Straßmann irgendwie in den späten Siebzigern / frühen Achtzigern angesiedelt, trägt lila Latzhosen und betreibt einen Kinderladen. Als solche wird sie aber von “Geschlechterdekonstruktion” noch überhaupt nichts gehört haben, da die Anwendung neostrukturalistischen Vokabulars auf die Kategorie Geschlecht noch gut 10 Jahre auf sich bzw. Judith Butler wird warten lassen. Unsere Laztzhosenträgerin wird dann vermutlich entsetzt die zersetzende Kraft dieser zynischen Lesbe beklagen und sich dazu auf die prominentesten Stränge feministischer Theorie beziehen können – sowohl die anglo-amerikanischen, auf Objektbeziehungstheorie aufbauenden Werke (Chodorow, Gilligan) als auch die französischen, mehr durch Lacan und strukturale Linguistik geprägten Autorinnen (Irigaray, Kristeva, Cixous) wären (so Katharina) ganz einer Meinung mit Herrn Straßmann hinsichtlich des Punktes, dass eine Geschlechterdifferenz existiert und überaus bedeutsam ist. Und abschaffen wollen diese Feministinnen nicht die Differenz (denn damit verlören sie ja ihr eigentliches Objekt, die Frau nämlich), sondern deren historische Hierarchisierung. Wer die Frau aus dem Patriarchat befreien will, träumt nicht automatisch von geschlechtslosen Wesen.

Davon albträumt es aber Herrn Straßmann. Und was kann die Kinderladnerin von vor dreißig Jahren dafür? “Schon in den Siebzigerjahren war eine “naturgewollte” Geschlechterdifferenz für viele unerträglich.”, raunt Straßmann. Das ist ja nun was anderes. Die Idee, dass die Ungleichheit der Geschlechter komplett biologisch codiert wäre, lehnen in der Tat alle ab, die sich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, wenn sie nicht in einen performativen Selbstwiderspruch fallen wollen. Eine neuere Welle der Emanzipationsbewegung, über die selbst in Brüssel Konsens herrscht, versucht Gleichberechtigung über Öffnung von Rollenstereotypen und Abschaffung sexistischer Hindernisse bei der Berufswahl zu befördern. Das Straßmann diese Bemühungen um “gender mainstreaming” als feministischen Versuch männliche Identitäten zu zerstören brandmarkt, entbehrt auch der geringsten Grundlage: Das feministische Anliegen in diesem Zusammenhang besteht ja nur in einer Erweiterung der den Frauen zur Verfügung stehenden Optionen. Dass auch die Männer dabei etwas zu gewinnen haben, ist zum Beispiel die Botschaft des von Straßmann gründlich verteufelten “Dissens e.V.”. Wie er darauf kommt, dass ein gemeinnütziger Verein, der nach dem Vorbild des girl’s day auch boy’s days organisieren will, sich der Ausrottung von Männern verschrieben habe, bleibt rätselhaft.

Ebenso im Dunkeln liegt die Logik, nach der er den anfangs zitierten Satz darüber, dass Mädchen lieber putzen als mit Autos spielen, aus einer Studie, die sich dem Erlernen von Geschlechterrollen widmet, destilliert. Zumal der Autor Hanns Martin Trautner auf seiner eigenen Homepage angibt, “Geschlecht als soziale Kategorie” zu verstehen. Der trägt keine lila Hose, vermutlich nicht mal seine Coautorin Barbara Kirsten, die Straßmann beim Zitieren der Studie vorzog unter den Tisch fallen zu lassen.

Katharina war auch wütend. Katharina hat gesagt, die einzig sinnvolle Lesart dieses Artikels sei die als Protokoll eines Kastrationsfurchtsalbtraums, angefangen mit dem Kinderzimmer, in dem dem Jungen die Waffen weggenommen werden, über den (schwulen?) Projektleiter, der behauptet, der Junge hätte auch eine Scheide, bis zum finalen Auftritt Alice Schwarzers mit dem zweischneidigen Schwert. Erstens: Penisse seien nichts als Klitoriswucherungen. Zweitens: für guten Sex überaus entbehrlich. Da wehrt sich dann das gebeutelte Opfer und erinnert verzweifelt daran, wo oben und unten sei und vor allem wer, wenn überhaupt, einen Komplex habe, denn: “Differenz (…) erzeugt auch Neid. Penisneid ist da nur ein Beispiel. Nur starke Menschen halten die Geschlechterdifferenz aus.”, behauptet Straßmann. Das war natürlich ziemlich fies von Katharina. Fast, als wollte sie eine männliche Identität zerstören.

Ich will jetzt jedenfalls noch mal gucken, worum es dem armen Mann wirklich ging. Das ist etwas schwierig, weil man das Gefühl bekommt, dass er es nicht sagt. Die These, dass erzieherische Veränderung von Rollenbildern misslungen sei, wirft ja sofort die Frage nach dem “Warum?” auf. Die entgegenstehenden Kräfte könnten sowohl sozialer als auch biologischer Art sein und nur im letzteren Falle ergäbe sich demnach die Konsequenz, die Straßmanns polemische Seitenhiebe einzufordern scheinen, nämlich, dass man mit diesen Versuchen aufhören solle. Das “Scheitern” legt er anhand von mehreren Beispielen nahe. Eltern, die verschiedengeschlechtlichen Zwillingen stets die gleichen Optionen geboten hätten, wundern sich darüber, dass das Mädchen immer die “mädchenhaften”, der Junge stets die “männlichen” wählte. Ebenso ergeht es einer sehr bewußten Feministin, die versucht hat, keine spezifische “Weiblichkeit” bei ihrer Tochter zu fördern und trotzdem ein “richtiges Mädchen” hatte.

Selbst, wenn man zugestünde, dass es sich hier um typische Fälle handelt, ist die Auswertung schwierig. Dies sind ja keine Blindversuche unter Laborbedingungen, selbst wenn das mit der infamen Redeweise von “Menschenexperimenten” nahegelegt wird. Selbstverständlich wussten die Töchter, dass sie Mädchen waren, der Sohn, dass er ein Junge war. Bei medizinischen Versuchen werden Ergebnisse sogar schon in Zweifel gezogen, wenn es sich nicht um einen Doppelblindversuch handelt. Allein, dass die Eltern sich des Geschlechts bewußt sind, überträgt sich auf ihre Wahrnehmung der Kinder. Angesichts dessen, dass in unserer Kultur tiefsitzende Annahmen darüber herrschen, was typisch oder “passend” für die jeweiligen Geschlechter ist, und die Kinder beileibe nicht ausschließlich dem Einfluß ihrer Eltern ausgesetzt sind, erscheint es als geradezu unumgänglich, dass sie solche Muster aus ihrer Umwelt übernehmen und sich damit identifizieren. Gerade Beispiele wie das Wählen von rosa Kleidung führen die angeblich biologische Determination ja ad absurdum. Welcher “natürliche” Zweck sollte hinter einer Geschlechterdifferenzierung in rosa und hellblau stehen?

Stiefel

Nach dem Vorstellen dieser Beispielsozialisationen entwirft Straßmann ein allgemeines Schema des Umgangs mit Geschlechterrollen in der Entwicklung. Schon Babys seien in der Lage, Frauen- und Männerstimmen zu unterscheiden, ebenso könnten sie generell erkennen, ob eine fremde Person männlich oder weiblich sei. Und zwar geschähe dies anhand von Kleidung und Haarlänge. Aha. Im Fummel wäre ich für meine kleine Nichte also eine Frau. Da sieht selbst Butler die Geschlechtergrenzen starrer. Im Alter von drei bis sechs Jahren würden sich diese Muster dann verfestigen bis hin zu “naturgesetzartiger Gültigkeit”, um erst im Schulkindalter wieder flexibler zu werden. Und das sei auch gut so, denn, so Straßmann, je fester die Rollenbilder anfangs sind, umso freier sei man dann zu Variationen. Mit Honig fängt man Fliegen, aber ob mich diese Dialektik überzeugt, mag ich nicht zu entscheiden. Heißt das, wer den Code kennt, kann ihn besser parodieren? Aber das können die Entwicklungspsychologen ja mal weiter erforschen.

Unabhängig von den Einzelheiten scheint aber ganz klar vom Erlernen bestimmter kultureller Praktiken die Rede zu sein und nicht vom Ausagieren naturgegebener Anlagen. Straßmann selbst zieht sich am Ende des Artikels dann auch unerwartet auf einen ganz bescheidenen Punkt zurück, nämlich, dass man Prinzessinnen erstmal Prinzessinnen sein lassen soll, sie könnten später immer noch Feuerwehrfrauen werden. Was das mit der anfangs geforderten “Akzeptanz der Natur” zu tun hat, ist so unklar, dass man die Formel getrost beiseite lassen kann. Da könnte man ihm glatt zustimmen. Vorher müssten nur noch die paar gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, die mit dem Geschlecht verknüpft sind und zu solchen Kurzschlüssen führen, wie dass rosa Prinzessinnen von Natur und ganzem Herzen zu Putzjobs neigen, oder keine Jungen sein können, abgeschafft werden. Am Besten über geschlechtsneutrale Kindererziehung.

3 Kommentare zu ““Ist sie zu stark, bist Du zu schwach.” Neues zur Geschlechterdifferenz”

  1. Chat Atkins 2. Juli 2007 (08:27 Uhr)

    Dem Föjetonnisten verwehrte ein gnädiger Gott, zu leiden, was er schreibt.

    Aber im Ernst: Diese Generation 40-jähriger Geistesriesen (Matussek als Prototyp vorneweg), die hat es nicht geschafft, ein eigenes gesellschaftliches Projekt zu entwickeln, ‘für’ das sie schreiben könnte. ‘Merkel’ ist ja nicht abendfüllend. Also machen sie das Spielzeug der anderen kaputt - und nennen dies ‘Kritik’ …

  2. timo schuster 14. August 2007 (19:33 Uhr)

    Wolfgang Tillmans ist kein dänischer sondern ein deutscher Fotograf/ Künstler :-)

  3. Christian 1. September 2010 (08:55 Uhr)

    Ein falsches Verständnis von Biologie ist es, wenn man annimmt, dass jeder Junge und jedes Mädchen so und so ist. Allerdings denke ich, dass es im schnitt schon so ist, dass die Tendenzen in den Geschlechterrollen biologisch sind.
    Das körperliche Unterschiede vorhanden sind sieht man ja. Diese können nur entstanden sein, wenn eine gewisse Arbeitsteilung herrschte, denn Evolution in verschiedene Richtungen erfordert einen unterschiedlichen Anpassungsdruck. Wenn jetzt der Körper an diese Anpassungen optimiert wurde, dann stellt sich die Frage eher warum das Gehirn, unser wichtigstes Arbeitsgerät, nicht optimiert worden sein soll.
    Zudem hängen wir schon an einem vollkommen verschiedenen Hormontropf, dessen wirkungen man sich auch bewußt machen sollte. Bereits vor der Geburt sind die Hormonlevel vollkommen verschieden und auch während der Kindheit sind viele unterschiede vorhanden. Wenn man einem Kind LSD einwirft und dem anderen nicht, dann wird es sich anders entwickeln und Verhalten. Wenn man einem Kind Testosteron einwirft und dem anderen nicht (sondern statt dessen Östrogene) soll es sich aber gleich Verhalten? (sicher LSD hat eine vollkommen andere Wirkung als Testosteron, aber es wirkt sich ebenfalls nicht nur auf den Körper, sondern auch den “Geist” aus).

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