Was würde Cheney tun? Drei subversive Sprachspiele zum Selbermachen (Teil I)

1. Juli 2007
Christian Voigt

Dick Cheney, Sprachkünstler

Mit Sprache läßt sich so viel mehr machen, als einfach nur Informationen oder Argumente auszutauschen! Einen detaillierten Einblick in all die schönen Möglichkeiten subversiver Sprachgestaltungskunst bietet die in der letzten Woche veröffentlichte, brilliante vierteilige Reportage der Washington Post darüber, wie Dick Cheney es geschafft hat, zum mächtigsten Vizepräsidenten aller Zeiten zu werden (wem das zu viel ist, dem sei “Impeach Vice President Cheney” beim Slate Magazin empfohlen. Weniger Fakten, dafür mehr Meinung). Wir meinen: Von Dick Cheney lernen heißt fürs Leben lernen! Deswegen hier drei originelle Tipps zum Ausprobieren (Teil II). Heute der erste Teil:

I. Neues Wort, neues Glück — Das Doppelsprechspiel

Problem:
Du hast ein Problem damit, dass andere dich immer wieder für deine Fehler kritisieren (z.B.: du kommst immer zu spät, du bist arrogant, du folterst gerne Leute) und du keine guten Argumente gegen diese Kritik hast.

Lösung: Dick führt bei solchen Problemen einfach einen neuen euphemistischen Begriff ein, der genau das Gleiche bezeichnen soll wie der alte. Statt “x kommt zu spät” sagen wir “x folgt seiner inneren Uhr auf die Sekunde genau”, statt “x ist arrogant” sagen wir “x zeigt ein ausgebildetes soziales Urteilsvermögen”, statt “x foltert” sagen wir “x benutzt alternative Verhörmethoden“. Das Tolle an diesem Doppelsprech: Die ganze Kritik an uns läßt sich jetzt mithilfe der neuen Begriffe umformulieren. Und weil die Begriffe neu und ganz frisch sind, besitzen sie noch keinerlei wertende Kraft. Deswegen sind die Regeln der korrekten Anwendung (was muss der Fall sein, damit wir “x” sagen dürfen) zwar genau dieselben, die normativen Konsequenzen (was dürfen wird daraus schließen, dass etwas “x” ist) sind aber noch vollkommen unbestimmt.

Wenn jemand einen der alten Begriffe benutzt, um einen Sachverhalt eigentlich korrekt zu beschreiben, können wir seine Aussage nun dennoch für falsch erklären. Wenn wir also andauernd zu spät kommen und nun jemand kommt und uns vorwirft, dass wir immer zu spät kommen, dann können wir antworten: “Aber nein, ich komme nicht zu spät! Ich folge meiner inneren Uhr auf die Sekunde genau!” Wenn jemand uns vorwirft, arrogant zu sein, können wir antworten: “Wie — arrogant?! Ich verfüge nur über ein ausgebildetes soziales Urteilsvermögen, das dir offensichtlich vollkommen abgeht!” Und wenn jemand uns vorwirft, Gefangene zu foltern, können wir antworten: “Foltern? Wir würden niemals auf den Gedanken kommen zu foltern! Wir benutzen nur alternative Verhörmethoden!”

Das Raffinierte daran ist, dass wir den normativen Überzeugungen unserer Kritiker vollkommen zustimmen können: Ja, wenn jemand zu spät kommt, dann sollten wir ihn dafür rügen, keine Frage. Und Arroganz ist eine unangenehme Charaktereigenschaft, natürlich. Und natürlich gehört es zu den Errungenschaften der westlichen Zivilisation, nicht zu foltern. Niemand würde das bestreiten! Was wir nur behaupten ist, dass es sich in den kritisierten Fällen nicht um “Zu-Spät-Kommen”, “Arrogant-Sein” oder “Foltern” handelt.

Warum ist das raffiniert? Nun, wie gesagt: Eigentlich unterscheiden sich die Anwendungsbedingungen der alten und neuen Begriffe gar nicht. Auf der Beschreibungsebene müßte die Anwendung des Einen (zu spät, arrogant, foltern) immer dann erlaubt sein, wenn auch die Anwendung des Anderen (innere Uhr, soziales Urteilsvermögen, alternative Verhörmethoden) erlaubt ist. Der Einzige Unterschied zwischen den alten und den neuen Begriffen besteht in ihrem normativen Gehalt. Wenn wir also behaupten, dass nur die neuen Begriffe und nicht die alten Begriffe verwendet werden dürfen, behaupten wir nichts anderes, als dass die damit beschriebenen Situationen nur auf unsere Weise und nicht auf die der anderen bewertet werden dürfen. Die eigentliche Meinungsverschiedenheit liegt also, entgegen unseren vordergründigen Beteuerungen gerade genau darin, dass wir Zu-Spät-Kommen, Arrogant-Sein, Foltern nicht negativ bewerten, unsere Kontrahenten aber schon.

Aber das merken unsere Kritiker nicht, denn dadurch, dass wir nicht direkt die Situation bewerten, sondern zunächst die Situation mit einem ad hoc-Begriff beschreiben und dann aus diesem Begriff erst die Bewertung ableiten, können wir so tun, als würde die Ursache der Meinungsverschiedenheit im ersten Schritt und nicht im zweiten Schritt entstehen. Indem wir unsere Bewertung in der Bedeutung eines Begriffes verstecken, können wir sie dem Zugriff unserer Kritiker entziehen und die Diskussion auf Scheinfragen ablenken.

Natürlich nur, solange unsere Kritiker sich nicht unsere Begriffe aneignen. Dann werden die Begriffe natürlich schnell ihre künstliche Neutralität verlieren. Aber bis dahin haben wir erstmal Ruhe. Und sollte sich das Problem dann wieder stellen, können wir ja einfach neue Euphemismen erfinden, z.B. “Bedenkzeit geben” statt “der inneren Uhr folgen”, “selbstbewußtes Auftreten” statt “ausgebildetes soziales Urteilsvermögen”, “katastrophenverhindernde Maßnahmen” statt “alternative Verhörmethoden”.

Beispiel 1:

Would you agree a dunk in water is a no-brainer if it can save lives?

Mr. Cheney: It’s a no-brainer for me, but for a while there, I was criticized as being the vice president “for torture.” We don’t torture. That’s not what we’re involved in. We live up to our obligations in international treaties that we’re party to and so forth. But the fact is, you can have a fairly robust interrogation program without torture, and we need to be able to do that.

Aus einem Radiointerview, das Zitat kommt von einem nyt-blog

Beispiel 2:

I want to be absolutely clear with our people, and the world: The United States does not torture. It’s against our laws, and it’s against our values. I have not authorized it — and I will not authorize it. Last year, my administration worked with Senator John McCain, and I signed into law the Detainee Treatment Act, which established the legal standard for treatment of detainees wherever they are held. I support this act. And as we implement this law, our government will continue to use every lawful method to obtain intelligence that can protect innocent people, and stop another attack like the one we experienced on September the 11th, 2001.
[…]

We knew that Zubaydah had more information that could save innocent lives, but he stopped talking. As his questioning proceeded, it became clear that he had received training on how to resist interrogation. And so the CIA used an alternative set of procedures. These procedures were designed to be safe, to comply with our laws, our Constitution, and our treaty obligations. The Department of Justice reviewed the authorized methods extensively and determined them to be lawful. I cannot describe the specific methods used — I think you understand why — if I did, it would help the terrorists learn how to resist questioning, and to keep information from us that we need to prevent new attacks on our country. But I can say the procedures were tough, and they were safe, and lawful, and necessary.

Bush am 6. September 2006

Ein Kommentar zu “Was würde Cheney tun? Drei subversive Sprachspiele zum Selbermachen (Teil I)”

  1. Eva von Redecker 1. Juli 2007 (13:44 Uhr)

    Mir scheint, das, was das Kritisieren dann so vertrackt schwer macht ist nicht nur die normative Neutralität der neuen Begriffe, sondern dass sie immer auch anwendbar wären auf harmlose Fälle. Jemand der “alternative Verhörmethoden” kritisiert, muss also immer noch hinzusetzen “so, wie Cheney sie versteht”, denn er hätte vielleicht nichts dagegen, dass dem Befragten Zitronenkuchen oder das Du angeboten würde. Da ist einem immerschon der halbe Wind aus den Segeln. Das effektivste ist somit tatsächlich die genrelle Entlarvung der Strategie. Hut ab, Christian!

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