Archiv des Monats Juni 2007

Über Interpretation IV

von Matthias Kiesselbach
Montag, 4. Juni 2007

‘Bertie, I have something to say to you.’
‘What?’
‘I have something to say to you.’
‘I know. I said “What?”‘
‘Oh, I thought you didn’t hear what I said.’
‘Yes, I heard what you said, all right, but not what you were going to say.’
‘Oh, I see.’
‘Right-ho.’
So that was straightened out.

(PG Wodehouse)

Die Tagesschau über die Tagesschau

von Matthias Kiesselbach
Sonntag, 3. Juni 2007

Die alte Geschichte. Man wählt sich ein Medium, um sich dann in dem Medium über das Medium auszulassen. Hip-Hopper hip-hoppen über Hip-Hop, Blogger bloggen übers Bloggen, und Gegenwartskünstler gegenwartskünsteln über Gegenwartskunst. Manche halten das für ein aufregendes Phänomen unserer Zeit. Ich nicht. Ich vermeide Hip-Hop über Hip-Hop, ich vermeide Blogs übers Blogs, und ich vermeide Gegenwartskunst über Gegenwartskunst. Bzw. ich vermeide Gegenwartskunst.

Für Blogger, Hip-Hopper und Gegenwartskünstler gibt genau zwei interessante Alternativen zu dieser ärgerlichen Aktivität. Die erste ist diese: Hip-Hopper hip-hoppen über Blogger, Blogger bloggen über Hip-Hopper, und wenn sich jemand findet, der sich auf seine Weise mit der Gegenwartskunst beschäftigen mag, dann kann er das auch tun. Die zweite ist diese: Hip-Hopper bloggen über Hip Hop, Blogger hip-hoppen übers Bloggen, und die Gegenwartskünstler dürfen sich auch etwas anderes aussuchen, zum Beispiel Bloggen, und darin geht’s dann von mir aus um die Gegenwartskunst, allerdings werde ich mich wahrscheinlich nicht damit beschäftigen.

Die erste der Alternativen ist sicher die interessantere, aber sie ist nicht so einfach, denn sie erfordert Recherche, und weder Hip-Hopper noch Blogger sind besonders gut darin. Die zweite ist inhaltlich nicht ganz so interessant, aber sie ist dafür eine echte Herausforderung für den Hip-Hopper und den Blogger. Und dies ist das Attraktive an der zweiten Alternative: Durch die Herausforderung an den Blogger bzw. den Hip-Hopper, sich mit einem neuen Medium auseinander zu setzen, wird es ihm auch möglich, ganz neue Dinge zu sagen, die vormals ungesagt bleiben mussten. Die zweite Alternative sprengt die Konventionen der alten Genres und erlaubt es dem Publikum, den Menschen hinter dem Blog bzw. dem Hip-Hop kennenzulernen.

Langer Rede kurzer Sinn: Wenn Leute, die nicht primär Hip-Hopper sind, über ihr eigentliches Metier hip-hoppen, dann ist das eine ganz feine Sache. Und darüber wollte ich eigentlich schreiben: Genau damit hat die Tagesschau nämlich jetzt angefangen. Das heißt, sie hat nicht angefangen, über sich zu hip-hoppen, aber sie hat damit angefangen, über sich zu bloggen. Die Idee dahinter ist dieselbe: Durch das neue Medium sollen, frei vom engen Korsett der ernsten Nachrichtensendung, ganz neue Äußerungen möglich werden. Nicht nur soll die alte Dame Tagesschau auch mal als ein junges Ding rüberkommen, ihr soll auch eine Möglichkeit der selbstkritischen Reflexion gegeben werden. Und das Publikum soll einen ganz neuen und ganz anderen Zugang zur Welt bekommen. Zur Welt da draußen, die ja die Welt der Tagesschau ist. Die Sache ist so fein, dass die Tagesschau-Blog-Seite flugs für den Grimme-Online-Award nominiert wurde.

Nun habe ich mir das junge Ding mal angeschaut und kann folgendes berichten: Es ist, wie vieles im Internet, durchwachsen. Tatsächlich gibt es da einige sehr schöne Einträge, die an der Tagesschau Aspekte zeigen, die - man gestatte mir dieses Bild - ihr durch ihr steifes Korsett nicht anzusehen waren, und die ein wenig Distanz abbauen. So beklagt zum Beispiel Horst Kläuser, dass es aus seinem Russland so wenig Gutes zu berichten gibt, dass der Mensch im Journalisten ganz und gar verzweifeln will. So lässt Sebastian Hesse durchblicken, dass er über die Titanic-Berichterstattung über sein Tagesschaublog selbst ganz schön beschämt, aber auch ein bisschen stolz war. Oder Christian Thiels lässt seinen Ärger raus über die private Konkurrenz, die bei ihren Stories immer per Scheckbuch Exklusivverträge sichert und so die guten Journalisten, die so etwas nicht machen, verdrängt. Das ist alles wirklich ganz interessant. Und irgendwie gemütlich. Nicht, dass wir das alles nicht gewusst oder geahnt hätten. Aber es aus der Feder von Tagesschau-Redakteuren zu lesen, stärkt - um es etwas pathetisch zu sagen - das Urvertrauen in den mit Nachrichten befassten Teil der Menschheit.

Dann gibt es da noch die Beiträge, die das Ziel erfüllen sollen, Selbstkritik und Reflexion zu betreiben. Diese Beiträge, muss ich gestehen, langweilen mich etwas. Aber selbst das ist interessant: Es hätte ja sein können, dass alte Redaktions-Hasen sich durch ihre Erfahrung spannende Argumente oder knisternde Thesen erarbeitet hätten. Gut zu wissen: Haben sie nicht. Kai Gniffke fragt sich, ob die Tagesschau durch ihre Berichterstattung das Spiel der Terroristen mitspielt (nee, nicht wirklich), denkt in einem anderen Post darüber nach, wie Schnelligkeit und Sorgfalt in der Berichterstattung abzuwägen sind (immer lieber sorgfältig, aber auch möglichst schnell) und erklärt in einem wieder anderen Beitrag, warum die Tagesschau nicht das Tätervideo des Amokläufers von Virginia zeigt (weil, ach das könnt Ihr Euch doch denken). Und Thomas Hinrich fragt sich, ob man RAF-Terroristen Redezeit geben sollte (trotz Bedenken ja.) Keiner der Punkte ist wirklich doof, aber es fällt auch keiner argumentativ (und stilistisch) besonders auf.

Und dann sind da noch solche Einträge, die früher an der Kantinentür gehangen hätten, solche, die in drei Minuten vor Dienstschluss hingeschwurbelt wurden, solche, die pures Selbstlob enthalten, und solche, die einfach mehr oder weniger interessante Dinge sagen über andere Länder und bestimmte Politiker und so, also die einfach mehr oder weniger gute Berichte sind.

Kann aber die Tagesschau mit ihrem Blog wirklich neue Dinge sagen, die wichtig sind, und die sonst kein Forum hätten? Mein vorläufiges Urteil ist dieses: Nö. Hinter die Kulissen einer Nachrichtensendung zu gucken ist ganz interessant, um falsche Vorstellungen über die Nachrichtenproduktion zu korrigieren. Aber erstens muss man dabei bedenken, dass auch das, was auf dem Blog veröffentlicht wird, sehr sorgfältig ausgewählt und überprüft wird, und zweitens muss man nicht Dauerleser des Tagesschaublogs werden, um falsche Vorstellungen von der Nachrichtenproduktion abzulegen. Dazu reicht ein Blick, oder von mir aus ein paar Blicke. Und was die Öffnung des Horizontes angeht, sollte man wohl nicht alles glauben, was Kommunikationstheoretiker so ausspucken. Tagesschau gucken ist und bleibt gut. Tagesschaubloglesen dagegen ist nicht anders als andere Blogs zu lesen. Manchmal ärgert man sich sogar besonders, denn diese Blogger erwecken noch mehr als andere den Anschein, ganz mutig zu sein. Und dann nennen sie doch nicht die Namen ihrer ungeliebten Konkurrenten, obwohl sich ihr Post genau darum dreht. Oder ihre ganz mutige Äußerung entpuppt sich als ein laues Bekenntnis zu Bayern-München. Nun ja. Es sind ja irgendwie noch Anfänger.

Warten wir mal ab. Vielleicht kommt ja demnächst ein ARD-Hip-Hop-Projekt hinzu, dann melde ich mich an dieser Stelle noch mal.

[Update vom 15. Juni 2007: Da dümpelt der Tagesschaublog monatelang auf ein paar Seiten vor sich hin, und plötzlich verzehnfacht er im Laufe des G8-Gipfels seine Textbasis, zeitweise mit neuen Gipfelbeiträgen alle 10 Minuten. Und das, obwohl im Blog schon vor dem Gipfel von “Gipfelmüdigkeit” die Rede war. Die Beiträge waren dann übrigens auch, trotz reicher Bebilderung, immer eher müde. Naja, und dann gab es am Ende wieder den medienkritischen Pflichtbeitrag darüber, dass eigentlich viel zu viel vom Gipfel berichtet wurde. Von den Medien und so. Irgendwie niedlich, dieser Tagesschaublog.]

[Update vom 19. Juni 2007: Die Jury des Grimme-Preises, die übrigens auch den Blog “Fudder” mit ihrem begehrten Preis ausgezeichnet haben (wovon man halten darf, was man will) teilt meine Meinung vom Tagesschaublog offenbar nicht vorbehaltlos und bedenkt soeben den Blog mit dem diesjährigen Online Award. Dazu gratuliere ich recht herzlich. Der Tagesschaublog, ganz statesmanlike, erwähnt den Preis erst gar nicht, sondern schreibt einen merkwürdigen Artikel darüber, dass Blogger nicht die besseren Journalisten sind, aber dafür hilfreich für Journalisten sein können. Wenn sie sich auskennen in einem Thema. Und der Journalist nicht so. Irgendwie so jedenfalls.]

Alles noch mal gut gegangen: Niere war nur ein Witz

von Matthias Kiesselbach
Samstag, 2. Juni 2007

Interessante Wende im Nierenshow-Skandal. Die angebliche Organspenderin Nina erweist sich als Schauspielerin, die drei Kandidaten werden nun wohl doch alle sterben, und alle sind erleichtert. Was vorher alle schlimm fanden, finden jetzt alle richtig gut. Man fühlt sich angenehm manipuliert.

Und? Haben wir unsere Lektion gelernt? Hier ist der Ausweis.

Die Empirie zur Schwärmerei oder warum ich sowieso nach Heiligendamm fahre

von Eva von Redecker
Freitag, 1. Juni 2007

Während die Diskussion darum, ob es richtig ist, nach Heiligendamm zu fahren inzwischen sehr fortgeschritten ist [link 1, link 2 und link 3], möchte ich in letzter Minute noch einen Punkt dazu aufs Tablett bringen, warum es mir wichtig ist, nach Heiligendamm zu fahren. Ich werde mich dabei womöglich als irrationale Akteurin outen, wobei mir aber schwant, dass meine diffusen Motivationen sich letztlich doch in gute Gründe umsetzen lassen.

Ich fahre nach Heiligendamm, weil es mir Spaß macht. Ich fahre, weil ich auf der Suche nach einem bestimmten Gefühl, einer Stimmung, einer vagen Euphorie bin, die man vielleicht als schwärmerischem Optimismushunger bezeichnen kann. Oder als Weltverbesserbarkeitssehnsucht. Das ist eine Sehnsucht, über deren Herkunft ich mir nicht ganz im Klaren bin – es ist so eine Mischung aus dem Moment, wo man verstanden hat, dass die Eltern recht haben, wenn sie sagen, dass man die Ostereier mit der Schwester teilen soll, dem Moment, wo man mit erschrockenen großen Augen in der Grundschule einen Film darüber gesehen hat, dass in Afrika süße kleine Kinder nichts zu essen haben und dem Moment, wo man in überschwänglicher Verliebtheit zwischen zwei Küssen denkt, dass es noch schöner wäre, wenn die ganze Welt so glücklich wäre. Oder so ähnlich.

Ich möchte aber betonen, dass das etwas anderes ist, als Weltverbesserungssucht. Ich bin ziemlich zynisch, was die Bedeutung meines persönlichen Energiesparens oder Bio-Essens angeht. Ich tu’s, aber doch wohl mehr als privates „Dopium“ als im Vertrauen darauf, einen entscheidenden Beitrag zu leisten. Beitrag wozu denn? Und genau darum geht es der Weltverbesserbarkeitssehnsucht: Anhaltspunkte, Anregungen, Argumente dafür aufzutun, dass überhaupt eine Änderung möglich ist. Es ist im Grunde eine riesengroße Neugierde. Ich will wissen, was da passiert. Natürlich ist es mir nicht völlig egal, wofür genau die Leute demonstrieren, aber viel mehr interessiert mich, wie sie so drauf sind. Es interessiert mich, wie sie sich benehmen. Ob sich irgendwelche Praktiken, Umgangsformen, Ausdrucksweisen abzeichnen, die mir neu vorkommen oder auf irgend eine Weise vielversprechend. Etwas, wo man anfängt, sich am Kinn zu kratzen und denkt: Mhm… darauf ließe sich vielleicht bauen. Mich interessiert, wie in den Camps die Kinderbetreuung und die Abstimmung über den Lärmpegel gehandhabt wird. Mir fällt auf, dass von den Kämpferinnen auf dem feministischen Aufrufsplakat eine im Rollstuhl saß. Ich finde es absolut faszinierend, wie in den Vorbereitungsgruppen über Foren und Mail-Verteiler ein basisdemokratischer Anspruch hochgehalten wird, in dem zu interagieren noch niemand genug geübt hat. Ich finde es bemerkenswert zu sehen, wie Berliner Hausbesetzer_innen ihren internationalen Gästen mit der Fürsorglichkeit von Super-Muttis und der Gründlichkeit eines Oberstudienrats erklären, auf welche Rechte sie sich in diesem Land berufen können (viele, zum Glück!) und wie die Versorgungskolonne nachfragt, wie viele Allergiker_innen und Veganer_innen zu berücksichtigen sind.

Und dann interessiert mich genau jene schwindelerregende Vielstimmigkeit der Meinungen und Parolen, die hier so viel diskutiert wurde. Ehrlich gesagt mache ich mir gar nicht allzu große Sorgen um inhaltliche Konsistenz. Das wird sich schon finden, wenn es überhaupt erst einen Rahmen gibt, die Positionen sinnvoll zu verhandeln. Dass sie schnell ins Idiosynkratische kippen, so lange ihr einziger Praxisbezug ist, auf Transparenten zu stehen, ist kaum verwunderlich. Und dennoch hat sich bei mir ein Eindruck verfestigt, der auf der diesjährigen Kreuzberger Maidemo entstand und sich beim Lesen der unzähligen Flyer, Aktionszeitungen und Webpages nicht gänzlich verflüchtigt hat: dass diese „Bewegung“ im Vergleich zu normalen linken Standards erstaunlich frei ist von ideologischer Behämmertheit. Manche beschreiben das als Theoriedefizit, mir erscheint diese gewisse Naivität, dieses bloße „so wollen wir nicht leben“ als eine sehr viel solidere Grundlage, um mit dem Denken anzufangen, als eine der vorfabrizierten Geschichtstheorien, die unter Weltverbesserern gewöhnlich so hoch im Kurs stehen. Und deshalb finde ich es so spannend, zu beobachten, was da weiter passiert. Wie es sich anfühlt, da in der Menge zu stehen: Ob die Weltverbesserbarkeitssehnsucht Material zu weiterer Konkretion geboten bekommt oder irgendwann entnervt ausschert, weil sie sich in keiner der skandierten Keifereien wiederfindet und mit keiner weiteren Einsicht nach Hause fährt als der, dass es so jedenfalls nicht geht, wenn sie auch weiter hofft, dass es vielleicht irgendwie anders geht.

Über das Missverstanden-Werden krasser Sendungen

von Matthias Kiesselbach
Freitag, 1. Juni 2007

Gestern hat Christian über die moralische Entrüstung [jeder Buchstabe ein Link] geschrieben, die die “Donor Show” des niederländischen Senders BNN allerorten auslöst. Er argumentiert, dass die Kritik der Entrüsteten sich fast immer gegen etwas richtet, das die Macher der Show gar nicht bestreiten würden: Dass der Inhalt der Show nämlich etwas Geschmackloses und Deprimierendes hat. Die Prämisse, die die Entrüsteten eigentlich angreifen müssten, ist dass der Zweck, dringend notwendige Aufmerksamkeit für eine viel widerlichere und deprimierendere Tatsache zu erzeugen, in diesem Fall die Wahl der Mittel legitimiert. Und diese Prämisse ist nicht so einfach zu knacken. Für Christian übersteht die Sendung die Attacken der Entrüsteten unbeschadet. Gewissermaßen sogar gestärkt, denn an der Entrüstung zeigt sich, dass die Sendung ihr Ziel erreicht hat — und das sogar schon vor ihrer Ausstrahlung.

Ich fand das Argument gut und habe es an einigen der Entrüsteten einmal ausprobiert. Dabei ist mir eine interessante Reaktion erstaunlich oft untergekommen. Sie geht so: OK, OK, wenn man “die Hintergründe” kennt (gemeint sind die Gründe der Produzenten in Form eines expliziten Argumentes), ist das ganze nicht mehr so schlimm. Vielleicht sogar irgendwie gut. Aber wer kennt schon die Hintergründe? Der normale Fernsehzuschauer hat doch keine Ahnung von den Ideen, die so eine Sendung motivieren. Er zappt einmal durch - und schon ist die Katastrophe da.

Was ist das? Einerseits ein ziemlich offener Rückzug, andererseits eine ganz neue Attacke. Und eine Reaktion, die mir bekannt vorkommt, denn diese Choreographie wird oft getanzt: Eine Äußerung (Theaterstück, Rede, Zeitungsartikel, Wortbeitrag, Sendung, usw.) löst unmittelbar Empörung aus. Sie wird dann mit einem Argument verteidigt. Das Argument wird akzeptiert. Und nun erfolgt der Angriff über die Flanke: Es ist nicht mehr der Gehalt der Äußerung, sondern die Tatsache ihres Missverstanden-Werdens, die Empörung auslöst. Bamm! Gegner besiegt.

Oder? Ist es in einem Fall wie diesem wirklich angemessen, der Sendung Missverständlichkeit oder gar Irreführung vorzuwerfen? Zwei Gründe sprechen heftig dagegen.

Erstens: Wenn der Vorwurf der Missverständlichkeit in einem Kontext erfolgt, in dem beide Seiten sich auf die eigentliche Bedeutung der Äußerung geeinigt haben und die Äußerung, so verstanden, sogar für richtig halten, dann besteht eine große Gefahr. Es ist die Gefahr der verachtenden Herablassung. Sie sagt: Ich habe die Gründe (jetzt) verstanden - aber der einfache Mann auf der Straße? Der einfache Bild-Leser? Der biertrinkende, vor sich hin dämmernde, durch und durch im falschen Bewusstsein dahinvegetierende Konsument des Unterschichtfernsehens? Ist er fähig, solch komplexe und ihm verborgene Zusammenhänge zu durchschauen? Nun - was antwortet man darauf? Am besten dies: Wer eine Äußerung für richtig hält, sie dem gewöhnlichen Zuschauer aber nicht zutraut, der erinnert an die Einstellung viktorianischer Pastoren, die den Darwinismus zwar für richtig hielten, sich aber mit großer Entschiedenheit dagegen wandten, die arbeitenden Klassen damit bekannt zu machen. Wegen seiner Effekte auf die öffentliche Moral. Auf jeden Fall muss dieser Kritiker sich gut überlegen, ob er nicht Annahmen über den gewöhnlichen Zuschauer macht, die eher seinem Überlegenheitsgefühl als den Tatsachen geschuldet sind. Wer weiß? Vielleicht ist sein Überlegenheitsgefühl gar nicht so angebracht.

Zweitens: Es gibt zwei paradigmatische Fälle von angemessener Kritik an einer irreführenden Äußerung. Im einen wird der Zuhörer manipuliert, soll also durch die Äußerung Dinge tun oder denken, die er bei korrektem Verstehen nicht denken oder tun würde, und die im Interesse des Irreführenden liegen. Das ist so ähnlich wie bei einer Lüge. Im andern Fall befinden wir uns im wissenschaftlichen Diskurs; hier kommt die Bezichtigung der Irreführung einem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit gleich. Der Wissenschaftler tut so, als ob seine Hypothesen von den Daten gestützt werden, sagt das aber nicht direkt, weil es nicht so richtig stimmt. Ihm geht es bloß darum, nicht alles neu machen zu müssen. Beide Fälle sind total anders als die “Irreführung” im vorliegenden Fall. Weder passiert so etwas ähnliches wie bei einer Lüge, noch stürzen uns die Häuser über dem Kopf zusammen, weil die Wissenschaft geschlampt hat. Wer auf den Tatbestand der “Irreführung” besteht, der muss sagen, warum der Fall so ähnlich ist wie einer dieser beiden, oder warum noch andere Dinge unter den Begriff fallen sollten. Ich sehe in diesem Bereich keine besonders plausiblen Möglichkeiten. Die Kunstszene fragt sich jedenfalls schon seit Jahrhunderten, ob hier noch gute Argumente zu erwarten sind. Bis auf weiteres lässt sie sich in ihrem zuweilen schokierend missverständlichen Handwerk indes nicht stören.

Und ich frage mich, worin eigentlich die Katastrophe bestehen soll, die eintritt, wenn sich ein Nicht-Verstehender die schlimme Sendung anschaut. Darin, dass er vor imbezilem Vergnügen grunzt, wenn zwei Schwerstkranke zurück auf die staatliche Warteliste geschickt werden, um dort zu sterben? Oder, (was weitaus wahrscheinlicher ist,) dass er lila wird vor Empörung, wie die Mehrheit der deutschen Internetgemeinde (und, interessanterweise, mit ihnen die Meinungsmacher der Unterschicht)? Jetzt mal im Ernst: Damit können wir doch leben, oder?