Archiv des Monats Juni 2007

Ist Selbermachenkönnen ästhetisch relevant? — Eine mentale Vorbereitung auf den documenta Besuch

von Christian Voigt
Montag, 18. Juni 2007

“Über Geschmacksfragen kann man nicht streiten” sagt der Volksmund. Die meisten Menschen glauben ihm und plappern ihm nach. Folgen tun sie ihm aber zum Glück nur selten: An jeder Ecke wird ausgiebig und mit Genuß über Geschmacksfragen gestritten.

Vielleicht wäre aber diese Freizeitbeschäftigung noch genußreicher, wenn wir dem Volksmund noch weniger Gehör schenken würden (und bitte, bitte ihn nicht zu Wort kommen lassen, wenn man mal eindeutig die schlechteren Argumente hat und einem nichts mehr einfällt). Der Volksmund hat nämlich noch viel mehr auf Lager. Und darunter befinden sich auch durchaus einige ästhetische Schlussmuster, denn anders als wir armen Einzelwesen muss der Volksmund nicht auf Konsistenz achten.

Stellt man sich z.B. in einer Galerie vor ein minimalistisches abstraktes Bild mit einfachen geometrischen Formen, dann trompetet der Volksmund, wenn man ihn nicht gut unter Kontrolle hat, gleich fröhlich aus einem “Das soll Kunst sein? Das kann ich auch!”

Jeder einigermaßen reflektierte Liebhaber von zeitgenössischen Kulturprodukten kann nicht anders, als bei diesem reflexartigen Ausruf innerlich zusammenzuzucken. Wer möchte auf diesen Ausruf schon antworten? Und was sollte es bringen zu antworten, wenn der Volksmund beim nächsten Mal sowieso wieder die Oberhand gewinnt.

Oberflächlich betrachtet liegt diesem Ausruf eine merkwürdige selbstbezügliche Variante des ad hominem Schlussmusters zugrunde. Man könnte es vielleicht so explizieren: “Alles, was ich selbst machen kann, ist schlecht.”

An sich könnte dieses Schlussmuster auch in ganz anderen Bereichen von Nutzen sein: “Dieser Braten soll lecker sein? Das kann ich doch auch selbst kochen!” “Das soll eine freundliche Geste sein? Das hätte ich doch auch machen können!” “Das soll witzig sein? Die Bemerkung hätte doch selbst mir einfallen können!” “Der Typ soll intelligent sein? Da bin ja selbst ich klüger!”

All diese Arten zu schließen würden uns höchst seltsam anmuten. In der Kunst dagegen scheint es das Normalste von der Welt zu sein, jedes Argument mit der Prämisse zu beginnen, dass man selbst der letzte Vollidiot sei. Sobald der Volksmund in Rage über ein primitives Farbgekleckse, einen furchtbaren Lärm, oder einen langweilligen Film gerät, wird das Selbermachenkönnen zum ästhetisch relevanten Ausschlusskriterium.

Findet der Volksmund dagegen mal Gefallen an schlechter Musik, kitschigen Bildern oder geschmacklosen Büchern und wird daraufhin mit einem penetranten Kritiker konfrontiert, der einfach über echte ästhetische Argumente verfügt, so wird auf ganz ähnliche Weise geschlossen: “Nörgeln kann jeder! Versuch doch erst mal selber sowas zu machen, dann wirst du schon sehen, wie schwierig das ist!” Erneut wird hier ad hominem argumentiert, aber diesmal auf klassische Art: “x kritisieren darf nur der, der x selber machen kann”

Diese zwei Arten zu schließen sind das ästhetische Handwerkszeug des Volksmundes und hängen eng miteinander zusammen: Etwas ist dann und nur dann gut, wenn kein Kritiker es selbst machen kann, denn dann ist kein Kritiker berechtigt, es zu kritisieren; und was nicht schlecht ist, das ist gut. Und kein Kritiker, der x nicht selbst machen kann, ist berechtigt x zu kritiseren, weil die einzige mögliche ästhetische Kritik an x darin bestehen würde, dass der Kritiker x selbst machen kann.

Als guter Bildungsbürger verachtet man natürlich solche rüpelhaften Impulse und versucht sich distinguiert auszudrücken. Das führt dann häufig zu einer nur mühsam mit leeren Bildungsbürgerfloskeln übertünchten Sprach- und Verständnislosigkeit. Müssen wir uns derart den Mund verbieten? Oder steckt hinter dem Kriterium des Selbermachenkönnens doch letzen Endes eine rationale, also eine wohlbegründete Ästhetik?

Die einfachste Art, die Herkunft dieser Impulse zu erklären, geht so: Gemälde herzustellen, Musik zu machen, Theater zu spielen — das alles war einmal ein Handwerk, also eine Beschäftigung zu der es keine großartige intellektuelle Bidlung, aber eine lange Ausbildung in Handfertigkeiten brauchte. Aus dieser Tradition heraus ist die Forderung des Nicht-Selber-Machen-Könnens natürlich berechtigt. “Das soll ein Schuhmacher sein? Solche Schuhe kann ja selbst ich machen!”

In einer Hinsicht ist diese Tradition sympathisch: Sie sakralisiert nicht den Begriff der Kunst. Sie erwartet sich keine Erleuchtung, sondern nur solide Handarbeit. In einer anderen Hinsicht ist diese Tradition aber schlicht und einfach katastrophal: Sie profanisiert den Begriff der Kunst derart, dass am Ende nur noch das konsumierbare Endprodukt übrigbleibt. An Kunstausstellungen werden damit dieselben Ansprüche gestellt, wie an einen Erlebnispark: Man will Sensationen sehen!

Dabei ist gerade das die einzige Eigenschaft, die kulturelle Praktiken von reinen Produktionsprozessen unterscheiden sollte: Die Faszination kultureller Praktiken sollte gerade in ihrer spielerischen Offenheit bestehen, sie sollte gerade darin bestehen, dass weder Produzenten, noch Konsumenten wirklich wissen, wohin die Reise geht. Es sollen nicht einfach nur irgendwelche Bedürfnisse befriedigt werden (nach Unterhaltung, nach kultureller Distinktion, nach höheren Weisheiten usw.), auch wenn deren Befriedigung durchaus ein wichtiger Teil der Praktik sein kann. Das Besondere an kulturellen Praktiken sollte gerade darin liegen, aus dem Modus der maschinenartigen Bedürfnisbefriedigung für einen Moment auszusteigen. Das bedeutet auch, für einen Moment auf vollständige Ernsthaftigkeit zu verzichten. All das ist vollkommen handwerksuntypisch. All das kann sehr wohl auch durch etwas erfüllt werden, was wir alle auch selbst zuhause tun könnten, aber es niemals oder zu selten getan haben (z.B. nur noch schwarze Quadrate malen, mit dem Radio Geräusche machen, auf merkwürdige Weise miteinander reden, Leute beleidigen, Leute zum Lachen bringen, Leute provozieren).

Viele Bildungsbürger zucken bei dem “Das kann ich doch auch selber machen!”-Einwand zusammen, weil sie die sakrale Würde der hohen Kunst und der genialischen Künstler verletzt sehen. Das ist aber gerade das Erfrischende, ganz und gar nicht kunstfeindliche dieses Einwurfs. Was viel eher zusammenzucken lassen sollte, ist die stereotype, all zu enge Erwartungshaltung, die hinter diesem Ausruf steckt.

Wie sieht es mit der zweiten Schlussart aus, dem “Machs doch erstmal besser”-Einwurf? Hier hilft es nicht weiter, diesen Einwurf im Kontext der Handwerkstradition zu rekonstruieren. Auch gegenüber einem Schuhmacher ist es durchaus angemessen und sinnvoll, die Qualität eines Schuhes zu bemängeln, auch wenn man nicht weiß, wie es besser geht. Aber so ganz absurd ist dieser Einwand natürlich auch nicht. Er leitet sich vielmehr aus einem ganz allgemeinem normativen Schlussprinzip ab, dem Sollen-Impliziert-Können-Prinzip. Dieses Prinzip besagt, dass man Menschen nur das vorschreiben darf, was auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten bleibt. Einem Nichtschwimmer vorzuschreiben, ein ertrinkendes Kind zu retten, würde z.B. diesem Prinzip widersprechen.

Genauso wäre es sinnlos, von einem Produzenten kultureller Güter eine Qualität zu verlangen, die mit irdischen Mitteln nicht zu realisieren ist. Das ist ganz offensichtlich, wenn es um finanzielle Grenzen geht: Wer von einem brotlosen Filmschaffenden verlangt “In 80 Tagen um die Welt” an Originalschauplätzen zu drehen, von dem kann man durchaus verlangen, dass er doch erstmal darlegen soll, wie so etwas möglich sein soll.

Bloß ist es in den meisten Fällen sehr viel schwieriger, ja fragwürdiger, den “Machs besser”-Einwand auf diese Weise zu rekonstruieren. Denn die unterstellten Modalbehauptungen (also die Behauptungen darüber, was im Bereich des Möglichen liegt) werden meist ziemlich unplausibel sein. Wer einem Rosamunde-Pilcher-Fan Geschmacklosigkeit vorwirft, der ist sich seiner Sache ziemlich sicher, dass es auch besser geht.

Wir können den Machs-Besser-Einwand aber auch noch anders interpretieren: Er weist darauf hin, dass Bilder, Theaterstücke, Filme usw. nicht einfach auf ihren kognitiven Gehalt zu reduzieren sind, sondern dass ihre Bedeutung sich ganz wesentlich durch das Selbermachen und das Mitmachen erschließt. Wenn das mit dem Machs-Besser-Einwand gemeint sein sollte, muss allerdings unterstellt werden, dass der Sprecher selbst über ein derart praktisches Wissen verfügt, eine Unterstellung, die häufig unplausibel ist.

Bei allem Wohlwollen gegenüber der ästhetischen Theorie unseres Volksmundes (deren Existenz dieser selbst vehement abstreitet): Hier läßt sich vieles besser machen. In den meisten Fällen sollten wir mindestens zweimal nachdenken, bevor wir ihn ungefragt zu Wort kommen lassen. Die genuine Qualität eines Gemäldes, eines Theaterstückes oder anderer Kulturprodukte wird nicht durch das Kriterium des Nichtselbermachenkönnens berührt und das Selbermachenkönnen ist nur manchmal, in speziellen Fällen eine Bedingung für eine angemessene Kritik.

Nachtrag:
Einer der Anlässe für diesen Artikel war übrigens ganz documentafremd. Auf dieser Seite eines vulgären Musikliebhabers mit ausgebildetem und ausgezeichneten Geschmack wird ausführlich über die unsägliche Band Linkin Park gestritten. Dabei treffen selbsbekennende Musiknerds voller Verachtung auf erzürnte Teenies, deren musikalischer Horizont von Britney Spears bis 50 Cent reicht. Eigentlich hätte diese Diskussion einen eigenen Artikel verdient (vielleicht kommt das noch). Unter anderem läßt sich hier auch der “Machs besser”-Einwand in seiner klassischen Fassung verfolgen. Aber auch viele andere interessante Phänomene der Alltagstheorie der Ästhetik treten auf.

Nachtrag #2:
Jetzt.de hat ein sehr aufschlussreieches Interview mit Dr. Christian Saehrendt zur documenta unter dem Titel: Kann ich das auch? Der Crashkurs in moderner Kunst. Saehrendt ist Autor des Buches “Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst.”

Sueddeutsche: Weiße Quadrate, Müllskulpturen, Konservendosen: In Museen hängen und stehen lauter komische Dinge. Was macht etwas eigentlich zu Kunst?
Saehrendt: Dass die richtigen Leute es dafür halten. Man kann sich das wie ein Paralleluniversum vorstellen: Es gibt die echte Welt, und es gibt den Planeten Kunst. Wenn die Bewohner dieses Planeten sich darauf geeinigt haben, etwas gut zu finden und in ihrer Welt aufzunehmen, dann ist das automatisch Kunst. Alles was in Museen steht oder hängt, ist automatisch Kunst.

Außerdem kann man hier bei jetzt.de testen, ob man “echte” Kunst und “selbstgemachte” Kunst auseinander halten kann. Ich kann es offensichtlich nicht, meine Trefferquote lag bei 50%…

Neulich im Paradies

von Matthias Kiesselbach
Sonntag, 17. Juni 2007

“Your God person puts an apple tree in the middle of a garden and says, do what you like guys, oh, but don’t eat the apple. Surprise, surprise, they eat it and he leaps out from behind a bush shouting ‘Gotcha.’ It wouldn’t have made a difference if they hadn’t eaten it.”

“Why not?”

“Because if you’re dealing with somebody who has the sort of mentality which likes leaving hats on the pavement with bricks under them you know perfectly well they won’t give up. They’ll get you in the end.”

“What are you talking about?”

“Never mind, eat the fruit.”

[Douglas Adams]

Kunst vs. Kleingeist

von Matthias Kiesselbach
Samstag, 16. Juni 2007
“Sie zerstören gerade ein Kunstwerk, wissen sie das?”
“Wir handeln im Auftrag vom Arbeitgeber. Das haben wir schriftlich.” [Tagesschau online]

Oh, wie wir das lieben! Die Kunst in der vergeblichen Revolte gegen die Kleingeisterei. Alle Online-Medien, fast alle Sender, die meisten Zeitungen und eine Reihe von Blogs lecken sich die Finger nach einer solchen Story, in der Kleinbürger im Auftrag der Bürokratie das Schöne vernichten.

Die chilenische Künstlerin Lotty Rosenfeld macht aus den Mittelstreifen auf einer Kasseler Straße Kreuze, als Zeichen des Todes, mit denen auf “unterschwellige Formen von Macht und Kontrolle” hingewiesen werden soll. Und die Kasseler Stadtreinigung macht die Kreuze wieder weg. Eine tragische Dialektik, in der die Gedankenlosigkeit siegt, aus der aber die Kunst umso glanzvoller als moralische Siegerin hervorgeht.

Die Künstlerin, die 1979 in Santiago de Chile ihre ersten Kreuze auf der Straße vor dem Präsidentenpalast Pinochets gemalt hat, um gegen die Dikatur zu protestieren, trägt es übrigens mit Fassung. Sie hat ja erstens das Video ihrer Aktion und zweitens das Video der ARD, deren investigative Journalisten die Stadtreiniger mit der Tragweite ihres obrigkeitshörigen Handelns konfrontierten. Außerdem hat sie die Unterstützung der documenta-Pressechefin Catrin Seefranz: “Genau dieser Akt der Repression gehört zu der Arbeit dazu. Und er gibt auch den Grund dafür ab.” [Tagesschau online]

Natürlich verschwindet hier irgendwie die Verschiedenartigkeit der Repression Pinochets und der Repression der deutschen Straßenverkehrsordung im sprachlichen Nebel. Aber wenn es um die unmenschliche Macht des alles durchdringenden Ordnungssystems und um die sisyphusartige Rebellion des freiheitsliebenden Individuums geht - dann sollte man über solche Lappalien wirklich hinwegsehen können.

Die neuen Schrebergärtner
Ein seinem Gegenstand gemäß ziemlich elitärer Essay über die Politikverdrossenheit im Wandel der Zeit

von Matthias Kiesselbach
Freitag, 15. Juni 2007

onezblogs Politischer Blog Karneval Eine der wenigen echten Konstanten des politischen Betriebes ist die Politikverdrossenheit. Seitdem es Republiken gibt, gibt es Leute, die keine Lust haben, ständig irgendwo mitzumachen - sei es beim Turnfest, beim Opferritual, beim Scherbengericht, oder sei es beim Militärdienst. Spätestens seitdem griechische Kleinstädter sich mit der Aufforderung konfrontiert sahen, sich als “Bürger” zu betrachten und sich an den Belangen des “Gemeinwesens” zu beteiligen, gibt es unter ihnen Leute, die nicht einsehen wollen, warum man sie nicht in Ruhe lassen kann, während sie bloß ihre bescheidenen Papyruskreuzworträtsel lösen oder mit den Nachbarn in ihrer Schrebergartensiedlung ein paar harmlose Hammelkoteletts grillen wollen.

Auf der anderen Seite gibt es seither diejenigen, die sich über die Lethargie der Kleingärtner total aufregen. Von der griechischen Antike über die italienische Renaissance bis zur bundesrepublikanischen Moderne war es eigentlich immer dasselbe: Immer gab es einen latenten Kampf zwischen republikanischen Patrioten einerseits und unpolitischen Privatleuten andererseits. Selbst die Argumente blieben weitgehend die gleichen. Wenn ihr nicht alle mitmacht, dann dauert es nicht lange, bis Oligarchen, Populisten und äußere Feinde uns unsere Republik kaputt gemacht haben, sagen die einen. Und dann war’s das mit der Kultur der Freiheit. Sollen sie doch kommen, sagen die anderen. Solange man uns unsere Schrebergärten nicht wegnimmt, pfeifen wir, mit Verlaub, auf eure Freiheit. Die einen warnen vor Delegitimation, Entsolidarisierung und Tyrranei, die anderen fürchten sich vor Kleingartenaufgabe, Gemütlichkeitsverlust und drohendem Asketentum.

Wie gesagt, eigentlich war es immer dasselbe. Was heute allerdings anders ist als früher, das ist die Art der Kriegsführung zwischen den Parteien. Denn während die Privatleute ihre republikanischen Gegner noch vor nicht allzu langer Zeit eher wie Zeugen Jehovas behandelten (Tür zu, fertig) und gegen sie höchstens mit passivem Widerstand vorgingen, bewerfen sie sie heute mit Schrebergartenerde, wo sie auch auftauchen. Die Schrebergärtner sehen sich, so scheint es nach einem kurzen Blick in ihr Zentralorgan, zumehmend als Kämpfer für die gute Sache. Das ist ein beachtlicher Wandel, und ich vermute, dass er mit der Professionalisierung der Politik zu tun hat: Wo Leute ganze Karrieren in der Politik machen und auch Geld damit verdienen, da lässt das Misstrauen der anderen nicht lange auf sich warten. Man kann der Politik durch die neue Komplexität und Geschlossenheit ihres Handwerkes nicht mehr so leicht über die Schulter blicken, und so wird jede Debatte über Diäten zu einer Grundsatzdebatte über die angebliche Arroganz und Abgehobenheit der heute so genannten Politikerklasse. Ich würde nicht sagen, dass die Privatleute Angst haben vor der Politik; es handelt sich eher um eine instinktive Abwehrreaktion gegen Unverständliches und Fremdes.

Erstaunlich bleibt die neue Gereiztheit der Kleingärtner übrigens trotzdem, denn noch nie haben sich die Fürsprecher der Republik so sehr aus dem Alltag der Schrebergärten herausgehalten wie heute. Na klar, die Gurken, die heute gepflanzt werden, haben festgelegte Krümmungsgrade; die einzig erlaubte Benutzung öffentlicher Straßen ist auf der rechten Seite; und ein Teil des Normalverbraucherverdienstes wird als Steuer an die Republik abgeführt. Aber was ist das gegen die heutige Freiheit von Wehrpflicht? Die Freiheit von Opferritualen? Die Freiheit von Volksversammlungen? Und was ist das gegen den fast unglaublichen Wohlstand, der sich bei uns breitgemacht hat? Die Wahrheit ist, dass der Schrebergärtner seinen Schrebergarten noch nie so ungestört genießen konnte wie heute. Und falls er etwas gegen Fremdbestimmung hat: Die sollte er eher im Privatfernsehen suchen als in den Gesetzen.

Noch etwas anderes prägt heute die Politikverdrossenheit, und auch dies hat wahrscheinlich mit der neueren Professionalisierung und Komplexität der Politik zu tun. Es sind heute zum Teil ziemlich gebildete Leute, die politikverdrossen sind und auch dazu stehen. Wahlkampfhilfe, Mitarbeit im Ortsverein, Petitionen schreiben - während sich in alledem vorher die Zeitungsleser, Weinkenner, Kunstliebhaber und ihr Nachwuchs getummelt haben, rümpfen immer mehr von ihnen jetzt die Nase und sagen Dinge wie: Das bringt doch alles nichts, überhaupt sind doch alle Parteien gleich, und ich mache lieber bei Attac mit. Auch dies ist relativ neu: Auf der Seite der Gegner der Republikfreunde (wenn auch nicht der Republik) gesellen sich zu den Schrebergärtnern immer mehr Inhaber von einigem Kulturkapital. Nicht, dass diese Gruppe nicht mehr die Welt verändern wollte. Aber sie will es tun, ohne dabei den lästigen Kontakt mit der Klasse der Politiker zu pflegen. Auch hier finden wir eine Abwehrreaktion. Es ist eine Abwehrreaktion gegen Dinge, die sinnvoll nur langfristig angelegt sein können.

Wenn sich die Freunde der Republik also Sorgen machen wollen über die Zukunft ihrer Republik, dann sollte es ihnen vielleicht nicht so sehr um die Politikverdrossenheit an sich gehen, sondern erstens um ihre neue aggressive Art, und zweitens um ihre zunehmende Akzeptanz außerhalb der Schrebergärten der Welt. Diese Dinge haben, wenn ich Recht habe, viel mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und somit mit der Professionalisierung und Komplexitätssteigerung der Politik zu tun. Sie sind nicht Folgen der republikanischen Organisation, sondern Folgen der republikanischen Organisation unter den Bedingungen der Moderne. Wer es nun nicht bei einem lauen Plädoyer an die Praktiker der Politik belassen will, “weniger arrogant” oder “ehrlicher” zu sein, “klarer Stellung” zu beziehen oder “besser nach außen zu kommunizieren”, der könnte sich jetzt an die Feingestaltung der politischen Institutionen machen. Die Politik kann hier und da bestimmt etwas weniger komplex werden und etwas näher zum Alltag rücken.

Aber die Fürsprecher der Republik müssten vor allem dafür werben, vor Professionalisierung und Komplexität nicht immer mit Groll im Magen wegzulaufen. Ich glaube, sie müssten zu allererst diejenigen wieder einfangen, die sich erst vor kurzem zu den Schrebergärtnern hinzugesellt haben. Sie müssten versuchen, diesen Leuten irgendwie den Ärger über die Komplexität der Materie der modernen Administration und Steuerung unserer Gemeinwesen zu nehmen, und den Ärger über die folglich langen und gewundenen Debatten zu stillen. Sie müssten versuchen, ihnen irgendwie das tiefsitzende Misstrauen gegen die Berufsgruppe der Administratoren und Lenker der Republik auszutreiben, das heute so weit verbreitet ist. Vielleicht müssten sie ihnen einfach klar machen, dass sie - ohne das so geplant zu haben - eine Neue Art des Schrebergartentums darstellen.

Nun denn. Ich gehe jetzt erstmal die Blumen gießen. Übrigens, heute abend wird bei uns vor der Laube gegrillt. Ihr könnt ja mal vorbeischauen. Aber bringt Bier mit.

Ironie bis zum Tod

von Matthias Kiesselbach
Montag, 11. Juni 2007

“Alas, I have come down with the same disease that killed Derrida!”

(Richard Rorty kurz vor seinem Tod, zitiert aus dem Nachruf von Jürgen Habermas in der SZ - andere Nachrufe hat das Philoblog zusammengetragen)

Über Interpretation VI

von Christian Voigt
Sonntag, 10. Juni 2007

New York Times 10.6.2007:

On Saturday in Rome, the president agreed there should be a deadline to end the United Nations talks, saying, “In terms of a deadline, there needs to be one, it needs to happen.”

But today, less than 24 hours later, Mr. Bush tried to backtrack when asked when that deadline might be.

“First of all, I don’t think I called for a deadline,” Mr. Bush said, during a press appearance with Prime Minister Berisha in the courtyard of a government ministry building. He was reminded that he had.

“I did?” he asked, sounding surprised. “What exactly did I say? I said ‘deadline’? Okay, yes, then I meant what I said.”

Embryonen auf Abwegen
oder: Über die Fetischisierung in der Bioethik

von Matthias Kiesselbach
Samstag, 9. Juni 2007

Das moderne Leben - ein einziges Minenfeld. Man lebt so vor sich hin und kümmert sich um seine Sachen - da, ganz plötzlich, klingelt das Telefon, und man fällt aus allen Wolken, als einem eröffnet wird, dass man, sagen wir, mit der Hackfleischverordnung in Konflikt geraten ist. Und darauf stehen bekanntlich fünf Jahre Haft.

Oder man macht seinen vertragsmäßigen Job, verwaltet eine Firma und ist dann irgendwie mit von der Partie, als die Firma an eine andere Firma verkauft wird. Man scheidet aus, nimmt eine vereinbarte Abfindung von ein paar Millionen Euro mit, und kauft sich dafür ein stattliches, aber wohlverdientes, Motorboot. Auf einmal, aus heiterem Himmel, kommt ein Staatsanwalt daher und will einen hinter Gitter bringen, für, sagen wir, Veruntreuung und Betrug. Da ist dann guter Rat teuer.

Aber guter Rat ist auch zu haben. Denn genau dafür werden in unseren hochkomplexen Gesellschaften Anwälte ausgebildet, die dicke Gesetzestexte und deren Kommentare wälzen und die am Ende eine ganz kleine, unscheinbare Klausel im Text finden, auf die sich eine solide Verteidigung bauen lässt. Oder die eine Lücke im Text ausmachen und sie mit einem schlauen Argument schließen, in dem ferne Präzedenzfälle und generelle Rechtsdogmen einander abwechseln, dass einem schwindelig wird. Am Ende wird der Hackfleischverordnungsbrecher freigesprochen, und der Firmenlenker kommt mit einem lauen Vergleich davon. Der Trick jedenfalls, das ist die findige Auslegung von juristischen Texten. Das Umrunden von Minen eben.

Dagegen habe ich nichts. Jeder ordentliche Rechtsstaat hat etwas von einem Spiel, in dem mehrere Parteien, vor allem Legislatoren, Richter und Anwälte samt ihrer Mandanten, gegeneinander spielen. Zu diesem Spiel gehört eben auch die subtile Textfuchserei. Klar, manchmal ärgern wir uns über einzelne Spielausgänge. Aber insgesamt können wir mit den Resultaten, glaube ich, ganz gut leben.

Es ist etwas anderes, das mich auf die Palme bringt. Nämlich die Ausweitung eben dieses Bildes auf Dinge, die nichts damit zu tun haben, oder besser: nichts damit zu tun haben sollten. Immer öfter zeigt sich in den denkenden und schreibenden Teilen der Öffentlichkeit, dass die Ethik dort genauso verstanden wird wie das Recht. Die Ethik als Minenfeld, durch das man nur auf Zehenspitzen tappen sollte. Und in dem man besser viele kleine Umwege macht. Es ist dieses Bild, das ich für absurd halte.

Ein schönes Schlaglicht wirft folgendes Beispiel. MIT-Forscher Rudolf Jaenisch will Stammzellen produzieren. Stammzellen sind pluri-, oder gar multipotente Zellen. Das heisst, sie können per Zellteilung viele oder alle Gewebearten bilden, anstatt auf einen Zelltyp festgelegt zu sein. Stammzellen sind sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der Entwicklung wichtiger Therapien heiß begehrt. Aus gutem Grund. Denn wir verstehen anhand von ihnen wichtige Lebensprozesse, und wir hoffen mit ihnen in Zukunft schlimme Krankheiten heilen oder lindern zu können. Alter Hut? Entschuldigung. Worauf ich hinaus will, ist, dass man in den meisten Ländern der Welt, wie es so heißt, “ethische Barrieren” den Weg versperren sieht. Denn die besten Stammzellen entnimmt man Embryonen. Nicht solchen, freilich, die Ärmchen und Beinchen haben, falls das jemanden interessiert, sondern Zellhaufen, deren Zellenanzahl man ganz einfach abzählen kann, zum Teil an zwei Händen. Genaugenommen kann man eine einzelne wirklich multipotente Stammzelle selber als Embryo bezeichnen. “Embryo” sagen wir nur, weil theoretisch ein ausgeformtes Lebewesen daraus werden kann. Ob es zur Definition des Embryos gehört, dass es per Verschmelzung von Ei und Samen in die Welt kommt, darüber sagen unterschiedliche Leute unterschiedliche Dinge. Dies ist semantisch wohl noch nicht festgeklopft, und ich komme darauf zurück.

Das Feld von Jaenisch, jedenfalls, ist von “ethischen Barrieren” durchzogen. Und die gilt es zu umschiffen. So arbeitet sein Team daran, Stammzellen auf neuen Wegen zu bekommen. Einer seiner Tricks ist folgender: Man erzeuge ein Embryo mit der Eigenschaft, sich nicht in der Gebärmutterwand einnisten zu können. Diesem Ding fehlt natürlich die Potenz der Entwicklung zum vollständigen Lebewesen (mit Ärmchen und Beinchen, falls es jemanden interessiert). Ein Embryo dieser Art fällt nicht unter die “allgemein akzeptierte Definition von Leben,” so sein Team, und man kann es ohne Gewissensbisse der Wissenschaft weihen. Schiff versenkt. Ein anderer Trick ist dieser: Wenn ein Embryo aus acht Zellen besteht, klaut man ihm eine einzige Zelle und lässt es ansonsten in Ruhe. Dieses siebenzellige Embryo nun kann sich zu einem unbehinderten und fröhlichen Lebewesen entwickeln. Der Forscher aber hat seine multipotente Stammzelle und kann per Teilung viele weitere gewinnen. Wiederum ein Schiff versenkt.

Ein nun ganz neuer Trick besteht darin, einfach eine Eizelle zu nehmen, in die nicht nur ein Spermium, sondern in die zwei Spermien eingedrungen sind. So ein Embryo hat keine Chance auf Entwicklung zum fertigen Lebewesen. (Achtung, Zwillinge sind etwas anderes.) Wiederum gilt: Wo kein Potenzial zum vollständigen Wesen besteht, da gibt es auch keine “ethischen Bedenken”. Und wieder ist ein Schiff versenkt. Noch einen letzten, vierten, Trick will ich an dieser Stelle vorstellen. Denn an ihm zeigt sich besonders gut, wie abhängig diese ganze Embryo-Fuchserei von Begriffsdefinitionen ist, die unsere Rede in anderen Bereichen kaum regulieren und die wir folglich nicht gegenprüfen können. Mittlerweile kann Jaenisch - zumindest bei Mäusen - eine Stammzelle ganz ohne Befruchtung einer Eizelle schaffen. Er modifiziert die DNA einer beliebigen Hautzelle an vier bestimmten Stellen und erhält damit eine Zelle, die sich kaum von einer embryonalen Stammzelle unterscheidet. Jaenisch produziert sozusagen unbefleckt eine multi-, oder doch eine pluripotente Zelle. “Das räumt eines der größten ethischen Hindernisse aus dem Weg”, heißt es in Biomedizinerkreisen. Und hier ist es interessanterweise relevant, wie die genaue Definition von Embryo geht: Ist ein Embryo einfach eine hochpotente Zelle? Oder eine, die per Verschmelzung von Spermium und Oocyte produziert worden sein muss? Im ersten Fall hätte man unbefleckt ein Embryo geschaffen, im zweiten nicht. Und wer nun findet, dass mit dieser Methode “ethische Hindernisse” aus dem Weg geräumt werden, der scheint zu letzterer Definition zu tendieren.

Nun, das soll reichen als kurzer Blick auf die Stammzellenfront. Ich persönlich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus! Denn das alles erinnert mich extrem an unsere Anwälte. Ein ganzes Heer hochkarätiger Wissenschaftler widmet sich der Umschiffung “ethischer Barrieren”, die - man erlaube mir diese Polemik - aus so kruden ethischen Intuitionen gestrickt sind, dass einem die Rückenmarkzellen rotieren! Und hiermit will ich die Karten auf den Tisch legen. Für mich sieht es so aus: Man stellt sich ein Embryo vor. Das Embryo hat Ärmchen und Beinchen, ist zuckersüß, und kann einmal, wenn artgerecht ausgebrütet, ein komplett ausgeformtes Lebewesen werden. Dieses entzückende Ding darf man natürlich nicht töten. Mit “Embryos” bezeichnen Wissenschaftler aber auch schon multipotente Ei-Samen-Kombinationen, und ihre Beziehung zu den entzückenden Dingern aus dem vorigen Gedanken ist einfach eine zeitliche. Manche nennen sie auch “Potentialität”. Potentialitäten sind irgendwie wichtig. Also darf man schon sich teilende Ei-Samen-Kombinationen nicht an ihrer natürlichen Entwicklung hindern (sprich töten). Das ist das ethische Gesetz. Nun kommen Forscher, die ein berechtigtes Interesse an der Produktion solcher Zellen haben, weil damit aller Voraussicht nach viele gute Dinge gemacht werden können. Dummerweise droht der Konflikt mit dem ethischen Gesetz. Also konsultieren die Forscher ihre internen Anwälte, und diese tun ihre Arbeit und kommen mit den genannten Tricks aus ihren imaginären Büros. Die Tricks sind super. Aber sie haben auch etwas Absurdes. Oder vielleicht besser: Die Tatsache, dass unsere besten Forscher zu ihnen gezwungen sind (oder sich zu ihnen gezwungen sehen,) hat auch etwas Absurdes.

Und dies ist das Problem: Ganz offensichtlich fetischisieren wir krude Begriffsdefinitionen und krude ethische Intuitionen - und erlauben Anpassungen nur noch auf der Ebene ihrer Applikation in feinst individuierten Einzelfällen. Das ganze kommt daher, dass wir das Bild des Gesetzes und seiner Auslegung nicht aus unserem Nachdenken über die Ethik herausbekommen. Denn da ist es genauso. Das Gesetz steht, wir können nur noch per findiger Auslegung Möglichkeiten finden, die unseren Mandanten gefallen. Gewisse Umwege sind dabei ausdrücklich erlaubt. Und das Komische ist: Nicht nur überlegen wir gar nicht, dass es in der “Ethik” doch gerade kein geschriebenes Gesetz gibt. Wir scheinen auch gar nicht zu merken, wie merkwürdig unser Handeln wird, wenn wir auf diesen Linien nur noch in Kategorien denken, die wir uns als quasi schriftlich und daher bereits festgelegt vorstellen. Mein Plädoyer ist klar: Intelligentes Nachdenken über Fragen im Umkreis der Stammzellforschung muss auf allen Ebenen der aktuellen ethischen Theorie gleichzeitig ansetzen, nicht nur auf der Ebene ihrer Anwendung. Und dazu müssen die Zusammenhänge zwischen allen benutzten Begriffe überdacht werden, also alle impliziten Definitionen geprüft werden. “Embryo”, “Eingriff”, “natürliche Entwicklung”, “Lebensfähigkeit” - all diese Begriffe (und viele mehr) stehen, im Gegensatz zur Welt des Rechtes, nicht fest.

In unserem Nachdenken darüber, was wir tun sollen und was nicht, stützen wir uns zwar auf unsere jeweils aktuelle ethische Theorie. Aber wir schreiben sie auch immer neu - und müssen das auch tun. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Gerade in einem so neuen und vielfältig potenten Feld wie der Biomedizin zeigt sich, dass unsere zentralen ethischen Begriffe noch lange nicht in der Lage sind, das Gewicht der Anwendungen zu tragen, die wir auf sie laden. Man sieht das, wie oben angedeutet, ganz besonders gut an dem ethisch höchst relevanten Begriff des “Embryos”. Und deswegen müssen diese Begriffe weiterentwickelt werden, anstatt unentwickelt das Material eherner Gesetze abzugeben. Die Frage, ob multipotente Zellen auch Embryonen sind, ist eine der relevanten Definitionsfragen. Die Frage, ob Embryonen durch Befruchtung entstanden sein müssen, ist eine andere. Und wie beantworten wir diese Fragen? Nun, mit tausend weiteren Erwägungen. Die Erwägung, wie sehr uns Potenzialitätsargumente in anderen Bereichen überzeugen, ist eine davon. Die Erwägung, wie sehr sich in anderen Bereichen die Herstellungsgeschichte eines Gegenstandes auf seine Identität auswirkt, eine zweite. Ja, und die Erwägung, wie es wohl ist, an Parkinson zu sterben, weil jemand von Embryonenentnahmen absehen wollte, möglicherweise eine dritte. Wichtig ist, dass alle diese Erwägungen Konsequenzen darauf haben, wie unsere zentralen Begriffe benutzt werden. Und das ist die Alternative zum Fetisch.

So, wie wir es jetzt machen, jedenfalls, ist es kaum mit anzusehen. Nehmen wir nur dieses Beispiel: Man produziert Embryonen, die sich nicht im Uterus einnisten können, also Embryonen ohne Chance auf Entwicklung. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, dass so etwas getan wird - aber ich kann einfach nicht verstehen, wie hier nur ernsthaft gedacht oder behauptet werden kann, dass bei diesem Vorgang irgendwie etwas auf relevante Weise anders gemacht wird als bei einer normalen Embryonenentnahme. Um das zu denken, muss man schon ganz schön tief stecken im quasi-rechtlichen Denken. Man muss lange und hart über eine Lücke im Gesetzestext nachgedacht haben.

Und aus diesem Denken, finde ich, sollten wir endlich wieder herauskommen. Tja, und wenn es wirklich die Gesetze sind, die unsere Wissenschaftler zu solchen Dingen drängen - dann brauchen wir vielleicht neue Gesetze. Man sollte jedenfalls mal darüber nachdenken. Aber bitte ohne Anwalt.

Kalter Krieg

von Eugen Pissarskoi
Mittwoch, 6. Juni 2007

Wenn ein Hund Schmerzen hat, dann winselt er. Wenn einem Baby etwas weh tut, dann schreit’s. Kinder lernen mit der Zeit, das Gekreische mit Worten wie „Tut mir weh“ oder „Es schmerzt“ zu ersetzen. Das macht sie kultiviert: „Oh, mein Zahn schmerzt heute.“ ähnelt eher der Aussage „Vor uns hängt ein Immendorf und kein Rauch.“ als dem Miauen einer Katze. Denn sowohl dem Kunstkenner als auch dem leidenden Kind können wir Warum- oder Wo-Fragen stellen. Nicht jedoch dem Hund und auch nicht der Katze. Sie sind unkultiviert.

Wittgenstein machte uns auf diesen einfachen Sachverhalt aufmerksam: „Der Wortausdruck des Schmerzes ersetzt das Schreien und beschreibt es nicht“. Mit unseren Schmerzausdrücken verschleiern wir lediglich unsere Ähnlichkeit mit der Tierwelt. Im Grunde genommen ist das nicht schlimm. Vielfach sogar vorteilhaft: Der Umgang mit einem Menschen, der gelernt hat „Es tut mir weh“ zu sagen, ist viel angenehmen als mit einem einem kreischenden und herumhüpfenden Wesen. Wir haben es gelernt, uns im Alltag von der Ähnlichkeit zwischen Schmerz- und Gedankenäußerungen nicht verwirren zu lassen: Wir verzichten auf Fragen wie „Warum glaubst Du, Schmerzen zu haben“ – obwohl wir sie stellen könnten. Wir diskutieren auch nicht über Schmerzen. Am liebsten würde ich daher auch Katzen Schmerzausdrücke beibringen, aber das klappt nicht. Sie sind halt unkultiviert.

Manche der Kinder, die erwachsen werden, bringen es zu Politikern. Andere zu Journalisten. Vielleicht deswegen versuchen sie ein Stück kultivierter zu sein als die gewöhnlichen Menschen. Sie lernen, auch ihre Ängste in Sätze zu kleiden, in denen sie nach gehaltvollen Aussagen aussehen:

„Hier wird ein neuer Kalter Krieg angezettelt.“

oder

„Russlands heftige Kritik an den US-Plänen könnte den Kalten Krieg wieder beleben.“

oder

“Der Kalte Krieg ist vorbei.”

Im gewissen Sinne ist es schön, dass Politiker und Journalisten nicht vor Angst schreien, sondern dieser den Anschein von sinnvollen Aussagen verleihen. Das ist gewiss hohe Kultur.
Nun liegt es an uns, der Öffentlichkeit, einen angemessenen Umgang mit der Kultur zu pflegen: Wir müssen lernen, dass Fragen wie „Warum wird hier ein neuer Kalter Krieg angezettelt?“ oder „Was macht den neuen Kalten Krieg aus?“ wenig Sinn machen. Auch dass man nicht darüber diskutieren sollte.
Wie damit umgehen? Nun, was sagen wir Kindern, wenn sie Angst haben? - „Komm, Schatz, ich nehme dich an die Hand.“

Veranstaltungstipp: Die Lange Nacht der Wissenschaften in Berlin

von Christian Voigt
Dienstag, 5. Juni 2007

Lange Nacht der Wissenschaften

Am Samstag findet wieder die “Lange Nacht der Wissenschaften” in Berlin statt.

Wer einmal live miterleben will, wie man Diskussionen mithilfe von Argumentationslandkarten strukturieren und visualisieren kann, der sollte am Samstag ins philosophische Institut der Freien Universität kommen (Programm des Instituts).

Wir werden dort die Zuschauer über kontroverse Themen diskutieren lassen und versuchen, gleichzeitig ihre Argumente mithilfe des Programms Argunet zu rekonstruieren und zu visualisieren. Erste Tests waren noch etwas chaotisch, aber gerade deswegen durchaus unterhaltsam…

Wenn alles glatt läuft erhoffen wir uns interessante Wechselwirkungen zwischen der Rekonstruktion und Diskussion, die vielleicht zu einer ganz neuartigen Debattenform führen werden.

Auch wenn das nicht klappen sollte, ist das auch einmal eine gute Chance, das Argumentationsvisualisierungsprogramm Argunet näher kennenzulernen.

Über Interpretation V

von Christian Voigt
Montag, 4. Juni 2007

New York Times 4.6.2007:

“The military judge, Col. Peter E. Brownback III of the Army, said that Congress authorized the tribunals to try only those detainees who had been determined to be unlawful enemy combatants. But the military authorities here, he said, have determined only that Mr. Khadr was an enemy combatant, without making the added determination that his participation was “unlawful.”
(…)
A military official said the Pentagon disagreed with the ruling, saying it had always been “implied” that Mr. Khadr was an unlawful combatant. The official said the Pentagon planned to appeal Colonel Brownback’s ruling. “This is just a semantic decision, is the way we are viewing it,” the official said.”

Nur “unlawful” enemy combatants fallen nicht unter die Genfer Konvention III für Kriegsgefangene. Ein Kombattant gilt erst dann als “unlawful”, wenn er von einem “competent tribunal” zu einem solchen erklärt wurde. Bis dahin ist er laut GKIII als ein ganz normaler Kriegsgefangener zu behandeln, der nur für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit belangt werden kann (aber nicht für kriegerische Akte).