Entrüstung 2.0

30. Juni 2007
Matthias Kiesselbach

Kinder, Kinder, was ist da nur auf einmal los. Da zitiere ich einen Satz, mit dem sich ein bekannter Journalist über das Qualitätsniveau des politischen Kommentars in der deutschen Blog-Szene auslässt, und plötzlich ist die Hölle los (für mehr Reaktionen, siehe Kommentare des Vorgängerartikels). Das ganze ist interessant, da es auf offenbar blank liegende Nerven hinweist, und zwar auf beiden Seiten der Blogger-Journalisten-Demarkationslinie. Böswillige Beobachter könnten geradezu auf die Idee kommen, die Äußerungen Hans-Ulrich Jörges als eine Art self-fulfilling prophecy zu beschreiben. Aber das würde zu weit gehen: Es sind einfach nur alle empört. Angenehm empört, könnte man vielleicht sagen, denn sowas macht ja auch richtig Spaß.

Jörges hat bei seinen 1000 Reportern inzwischen übrigens seine Position klarifiziert: Worauf er sich mit dem “Dreck von unten” bezog, das waren “Hass, Vorurteil und Verächtlichmachung von Menschen in vielen Blogs – und das aus der Deckung der Anonymität”, mit anderen Worten: nicht etwa jeden einzelnen rechtschaffenen Privatblogger, sondern nur die wirklich unangenehme Fraktion. Ja, das kann sein, dass er das so gemeint hat, und es ist ja auch keine ganz unplausible Position. Ich jedenfalls bin geneigt, ihm das abzunehmen. “Antisemitismus, besonders massiv bei außenpolitischen Debatten, brauner Dreck”, all das ist natürlich ohne Frage eine übelriechende Masse, die wir nicht in unseren Wohnzimmern oder gar Redaktionsräumen haben wollen. Hatte Jörges das auch auf der Buchvorstellungsparty so gesagt? Nun — gemeint: vielleicht. Aber gesagt? Naja — wenn wir ihm das zugutehalten wollten, müssten wir wohl ein bisschen darüber hinwegsehen, dass dann das Bild der geschlossen zu haltenden Siele einiges an Klarheit verliert (oder gibt es da eine reale Gefahr, dass der Qualitätsjournalismus von jenen Gestalten infiltriert wird, die mir bislang entgangen ist?).

Die interessantere Frage ist und bleibt, wie die Rolle des Internets für den Journalismus insgesamt zu bewerten ist. Mercedes Bunz jedenfalls plädiert (sehr besonnen) für Gelassenheit im Umgang mit dem Internet und dafür, einen gewissen Strukturwandel des Journalismus durch die Möglichkeiten der Online-Kommunikation nicht immer nur negativ zu bewerten. Von einer Kommunikation zwischen Journalist und informiertem Leser auf gleicher Augenhöhe können beide profitieren, sollte man meinen. “‘Loser Generated Content’? Gute Redaktionen werden sich Leserbeiträgen nicht verschließen – wieso auch.” Recht hat sie.

Nachtrag vom 3. Juli 2007: Wie Marie Naumann von Reader’s Edition mir freundlicherweise in die Kommentare des ersten Artikels schreibt, hat sich Hans-Ulrich Jörges jetzt dort zu Wort gemeldet und erwartungsgemäß viel Zustimmungswürdiges gesagt. Zudem erreicht mich die Nachricht, dass sich seit heute ein Gedicht dem Alphajournalismus widmet. Und ein Cartoon.

2 Kommentare zu “Entrüstung 2.0”

  1. Chat Atkins 30. Juni 2007 (16:17 Uhr)

    Irgendwie klingt’s für mich, als spräche er zu ABC-Schützen. Ich hole mir schon mal Popcorn.

  2. ben_ 30. Juni 2007 (18:48 Uhr)

    Ah, da schau an. Das bedurfte in der Tat weiterer Erklärung. Und verstehen kann ich ihn da durchaus. Mit “Antisemitismus, besonders massiv bei außenpolitischen Debatten” haben auch wir genug zu kämpfen. Teilweise müssen ganze Kommentarbereich geschlossen werden. Gerade als (Nebenbei-)Blogger ist das sehr frustrierend zu sehen, weil man weiß, dass es eine bessere (Netz-)Welt gibt, mit netten Menschen drin - wie hier z.B.

    Danke!

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