Schlechte gute Argumente und der Irakkrieg

29. Juni 2007
Matthias Kiesselbach

Marge: There’s a man here who says he can help you.
Homer: Is it Batman?
Marge: He’s a scientist.
Homer: Batman’s a scientist.
Marge: It’s not Batman.
(The Simpsons)

Homer argumentiert gewissermaßen korrekt. Marges Antwort “He’s a scientist” lässt streng genommen die Möglichkeit offen, dass es Batman ist, der vor der Tür steht. Darauf weist Homer hin: Die Tatsache, dass der Mann ein Wissenschaftler ist, spricht nicht dagegen, dass es Batman ist. Also bleibt Homer bei der Überzeugung, mit der er angefangen hat: Batman steht vor der Tür. Es ist ein schönes, einfaches Beispiel dafür, dass gute Argumente ziemlich doof sein können, bzw. dass ziemlich doofe Argumente gute Argumente sein können; wie man will. Es zeigt, dass man mit formallogisch einwandfreien Schlüssen bescheuerte Konklusionen unterstützen kann, wenn man dringende andere Argumente gegen die Lieblingskonklusion völlig ausblendet oder unwichtig findet.

Eine etwas kompliziertere Instanz eines schlechten guten Argumentes findet sich im aktuellen Economist. Darin schreibt Tony Blair, was er in seiner Amtszeit gelernt hat. Natürlich beschäftigt sich ein großer Teil des Artikels mit der Rechtfertigung des Irakkrieges. Das ist an sich völlig in Ordnung: Vielleicht gibt es hier gute Argumente, die uns noch nicht bekannt waren. So sieht das auch das hochgeschätzte Talking Philosophy Blog, das tatsächlich etwas gefunden zu haben meint. Nämlich folgendes Argument von Blair:

It is said that by removing Saddam or the Taliban — regimes that were authoritarian but also kept a form of order — the plight of Iraqis and Afghans has worsened and terrorism has been allowed to grow. This is a seductive but dangerous argument. Work out what it really means. It means that because these reactionary and evil forces will fight hard, through terrorism, to prevent those countries and their people getting on their feet after the dictatorships are removed, we should leave the people under the dictatorship. It means our will to fight for what we believe in is measured by our enemy’s will to fight us, but in inverse proportion.
(siehe Economist, via Talking Philosophy Blog)

Julian Baggini von Talking Philosophy hält das Argument für schlüssig und interessant, aber keineswegs für eine hinreichende Rechtfertigung für den Irakkrieg. Das Argument drückt nur eine Seite eines echten ethischen Dilemmas aus: Auf der einen Seite muss es uns um unsere Prinzipien gehen (was hier bedeutet, uns von der Versicherung unserer Feinde, die Hölle auf Erden zu errichten, nicht übermäßig beeindrucken zu lassen); auf der anderen Seite muss es uns aber auch um die Konsequenzen unseres Tuns gehen (was, im gegebenen Szenario und auf kurze oder mittlere Frist bedeutet, nicht einzugreifen). Blair gibt ein Argument für den ersteren, den Prinzipien-Ansatz, indem er darauf hinweist, dass ein konsequenzialistisches Einknicken vor den Terroristen dieser Welt darauf hinausläuft, die wirklich krassen und verblendeten Bösen in Ruhe zu lassen und nur den Halb-Bösen das Handwerk zu legen. Damit übersieht Blair aber die andere Seite, nämlich die tatsächliche Wichtigkeit der Konsequenzen, und so zeigt sich für Baggini am Ende, dass weder der Konsequenzialismus noch die tugend- oder prinzipienbasierte Strategie à la Blair komplex genug sind für die wirkliche Welt.

Ich stimme mit Bagginis Analyse völlig überein. Es ist nur so, dass mir Bagginis Beschäftigung mit Blair viel zu zahm vorkommt. Jemand wie Blair weiß eigentlich ganz genau Bescheid über den Konflikt zwischen Konsequenzialismus und Deontologie (wie man es nennt). Blair selbst hat sich — das kann man wohl so sagen — mit völlig konsequenzialistischen Erwägungen entschieden, per Falschdarstellung über Saddams nukleare und militärische Ambitionen die militärische Intervention möglich zu machen. Damit hat er wichtige deontologische Erwägungen in den Wind geschlagen; allen Vorrang das Verbot, zu lügen. Blair sollte also ganz genau wissen, dass das Argument nicht ausreicht, um den Krieg nachträglich zu rechtfertigen. Was er braucht, das ist ein Argument, aus dem hervorgeht, warum es im konkreten Fall des Iraks besser war, den deontologischen Erwägungen ein größeres Gewicht zu geben als den konsequenzialistischen. Das ist es doch, was heute allerorten angezweifelt wird. Hält Blair sein Argument in diesem Kontext wirklich für überzeugend?

Kurzum: Wegen dieser offensichtlichen — und nicht, wie Baggini suggeriert, ganz und gar versteckten — Lücke kommt mir Blair ein bisschen vor wie Homer, der denkt, dass Batman gekommen ist, um ihm zu helfen. Da kann Marge sagen, was sie will. Für ihn ist und bleibt es Batman.

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