Aber tut es Serbien auch leid?

25. Juni 2007
Matthias Kiesselbach

Schon wieder kapiere ich etwas nicht. Dass der serbische Präsident Boris Tadić sich im Namen seiner Landsleute bei den Kroaten für den Krieg und die Vertreibung entschuldigt, finde ich natürlich gut. Alles, was zur Heilung von Wunden und zur Abkühlung serbischer Heißsporne beiträgt, finde ich gut. Aber wenn man Tadićs Entschuldigung mal nicht nur unter dem Aspekt ihrer Konsequenzen beurteilt, sondern sie als sinnhafte Sprachäußerungen ernstnehmen will, dann steht man vor einem Rätsel. Ich jedenfalls.

Sogar vor zwei Rätseln. Zum einen habe ich noch nie richtig verstanden, was alltagsmoralische Manöver wie “um Entschuldigung bitten” in nicht-individuellen Kontexten — also in Bezug auf Firmen oder Staaten oder Gruppen — genau zu suchen haben. Wenn der Präsident als Individuum etwas falsch gemacht hat, dann kann er sich entschuldigen. Kein Problem. Der Geschädigte (wer auch immer das ist) kann die Entschuldigung dann annehmen oder ablehnen. Aber mir ist unklar, was genau passiert, wenn Staaten, oder wenn Menschen stellvertretend für Staaten, um Entschuldigung bitten. Da hilft es mir auch nicht, wenn geantwortet wird: “Das gleiche wie im individuellen Fall, nur in Bezug auf Staaten”, denn im individuellen und alltäglichen Fall kann ich so eine Entschuldigung ziemlich gut pragmatisch erläutern — beim Staat dagegen überhaupt nicht.

Wenn ich mich bei dir entschuldige, dann tue ich zwei Dinge. Erstens zeige ich eine Überzeugung betreffend meines Handelns an; dazu gehört natürlich eine Beschreibung des rationalen (also auch ethischen) Status dieses Handelns: Ich akzeptiere, dass ich es nicht hätte tun sollen. Zweitens beantrage ich (sozusagen) die Wiederaufnahme normaler Beziehungen nach oder trotz des zugegebenen Handelns. Das mache ich gewöhnlich, indem ich implizit oder explizit anbiete, dafür zu sorgen, dass so etwas sich nicht wiederholt.

Die Bitte um Entschuldigung hat sich jedenfalls etabliert als Handlung mit genau dieser pragmatischen Signifikanz, jeder versteht sie und jeder kann damit ganz gut umgehen.

Bei Staaten dagegen kann man einfach nicht von einer “etablierten Praxis des Sich-Entschuldigens” sprechen. Viel zu viele Fragen sind offen. Allen voran die Frage der Beziehung zwischen Staats-Handeln und individuellem Handeln. Wessen Handeln wird eigentlich zugegeben bzw. bewertet? Das der Staatsorgane? Aller? Der Mehrheit? Einiger? Des Staates als ganzen? (Was hieße das?) Und natürlich die Frage, für wen genau der Antrag auf Wiederaufnahme normaler Beziehungen gedacht ist: Für den Staat? (Was hieße das?) Für seine Bürger? Für die Schuldigen? Im letzten Fall: Kann sich ein individuell Unschuldiger stellvertretend für die individuell Schuldigen entschuldigen? Ist das dann so, als ob sie selbst sich entschuldigt hätten? Man sieht schon: Es gibt einfach zu viele Unklarheiten, als dass man bei Staaten von einer “etablierten Praxis des Sich-Entschuldigens” sprechen könnte. Und deswegen verstehe ich es nicht.

Das zweite Rätsel besteht darin, dass Tadić darüberhinaus die “Verantwortung übernommen” hat, wie er wörtlich sagt. Auch das ist mir unklar. Wieso und inwiefern “übernimmt” er die “Verantwortung”? Nota bene: Er ist individuell wohl unbescholten und war alles andere als ein Kriegsminister oder Armeegeneral.

Schon im individuellen Kontext ist mir dieses Manöver des Verantwortung-Übernehmens unklar. Es liegt genau in der Mitte des grauen Bereiches zwischen der Beziehungskoordination der Sprecher einerseits und ihrer Rede über äußere Tatsachen andererseits. Einerseits bittet man mit dem “Verantwortung übernehmen” einfach um Entschuldigung, was wir beziehungspragmatisch ja schon untersucht haben. Andererseits aber legt man sich damit auf eine Aussage fest, die wahr oder falsch sein kann: nämlich dass man verantwortlich für etwas war oder ist, sei es für ein Schiffsunglück, für einen verbrannten Braten oder eben für ein Kriegsverbrechen. Damit beschreibt man nicht einfach nur sein Handeln, sondern behauptet, dass es zur fraglichen Konsequenz (dem Schiffsunglück, dem Krieg) beigetragen hat. Die Standards der Wahrheit dieser letzteren Aussage variieren natürlich je nach Kontext: Mal ist die kausale Beteiligung zur “Verantwortlichkeit” hinreichend, mal nicht, mal müssen bestimmte Intentionen vorgelegen haben, mal reicht die Abwesenheit anderer Intentionen — und so weiter. Dennoch kann die Aussage wahr oder falsch sein. Und deswegen ist ein Satz wie “Ich übernehme die Verantwortung” eine Art Zwitter: Einerseits beziehungskoordinierende Floskel, andererseits sachliches und wahrheitsfähiges Urteil. Und das ist ein Nährboden für allerlei Unklarheiten. Im vorliegenden Fall nun ist alles ganz besonders unklar, denn Tadić ist eigentlich nach keinem gängigen Kriterium verantwortlich für den Krieg. Meint er also vielleicht das Amt des Präsidenten? Oder seinen Vorgänger? Oder sein Serbentum? Ich kapiere es nicht.

Vielleicht sollte man staatliche Entschuldigungen einfach nicht zu ernst nehmen. Es sind Sprechblasen. Gute Sprechblasen vielleicht, aber trotzdem Sprechblasen. Und wenn man darüber lange Blog-Artikel schreibt, verschwendet man viel zu viel Zeit. Mist.

Nachtrag vom 26. Juni:
Ich bin mir nicht mehr so sicher über den Wert dieses Postings, weil ich mittlerweile halb-überzeugt von zwei Argumenten von Mitautor Christian bin: Erstens gehöre das staatliche Um-Entschuldigung-Bitten einfach in ein anderes Sprachspiel als das individuelle Um-Entschuldigung-Bitten. Wir dürfen nicht den blöden Fehler machen anzunehmen, dass beide Sprechakte gleich sind oder ins gleiche Sprachspiel gehören, nur weil die gleichen Worte benutzt werden. Also sollten wir den staatlichen Sprechakt auch nicht mit den Standards des individuellen Sprechaktes messen. Das zweite Argument geht so: Zugegeben, einige Fragen bleiben bei dem staatlichen Sich-Entschuldigen offen. Na und? Wenn nicht alle praktischen Konsequenzen eines Sprechaktes klar sind, dann ist das nicht schlimm, solange einige von ihnen (nämlich die wichtigen) klar sind. Und einige halbwegs klare Konsequenzen gibt es ja.

Halb-überzeugt bin ich, wie gesagt. Aber ich möchte trotzdem meinen Eindruck registriert wissen, dass das neue kollektive Sprachspiel, in dem sich Staaten entschuldigen, mir dubios vorkommt, weil es in puncto Etabliertheit, Komplexität und Anbindung an nichtsprachliches Handeln so weit hinter das individuelle Sprachspiel zurückfällt, dass es mir wirklich schwerfällt, es überhaupt mit der Bezeichnung “Sprachspiel” zu adeln. Ist das gerechtfertigt — oder nur so eine akademische Befindlichkeit?

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