Joggen zwischen Toten
22. Juni 2007Matthias Kiesselbach
Die angewandte Ethik lebt vom richtigen Unterschied. Bei ihren Bewertungen geht es ihr darum, Handlungen, Situationen oder Menschen anhand ethisch relevanter Aspekte auseinanderzuhalten. Das ist nicht anders als in unserer ethischen Alltagspraxis. Viele Leute urteilen zum Beispiel, dass es in Ordnung ist, Embryonen abzutreiben, bis sie prinzipiell außerhalb des Mutterleibes überlebensfähig sind. Der relevante Unterschied liegt hier in der prinzipiellen Überlebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibes. Andere urteilen, dass man Fleisch essen darf, wenn das Tier artgerecht gehalten wurde, sonst nicht. Der ethisch relevante Unterschied liegt hier in der Art der Tierhaltung.
Ein interessantes Beispiel moralischen Unterscheidens findet sich im letzten SZ-Magazin. In der wirklich ziemlich niedlichen Rubrik “Die Gewissensfrage”, in der Moralexperte (was auch immer das genau ist) Rainer Erlinger auf Leseranfragen antwortet, stand zur Debatte, ob es in Ordnung sei, auf dem Alten Nördlichen Friedhof in München joggen zu gehen. Dieser Friedhof ist zwar noch als Friedhof ausgewiesen, wird aber seit 1939 nicht mehr für neue Bestattungen verwandt. Herbert F. fragt sich nun, ob es wohl erlaubt sei, “sich am Grab eines Bezirksamtsassessors, verstorben 1897, ab[zu]stützen, um Dehnungsübungen zu machen.” Eine Frage, wie sie sich täglich stellt.
Die kuriose Antwort von Moralkolumnist Dr. Dr. Rainer Erlinger lautet: Joggen ja, Dehnen nein.
Joggen ja, Dehnen nein. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Und hier ist der relevante Unterschied: Während man niemandem zu nahe tritt, wenn man an ihm vorbeijoggt, so tritt man ihm sehr wohl zu nahe, wenn man sich an ihm oder an seinem Bett oder an seinem Stuhl anlehnt, um sich zu dehnen. Das sei bei Toten nicht anders. Joggen zwischen den Grabsteinen ist in Ordnung; beim Dehnen am Grabstein dagegen tritt man dem Toten darunter zu nah. Gefällt mir, die Antwort.

Ich finde, der ganze Sachverhalt ist prachtvoll geeignet zu zeigen, wo die wunde Stelle der Ethik ist: Ist sie etwas Objektives oder etwas Subjektives? Natürlich (sage ich mal) Letzteres. Wenn sie aber etwas Subjektives ist, muss sie wohl oder übel einen - individuell verschieden gelagerten - Punkt haben, ab dem sie intersubjektive Geltung verlangt. Wo ein Mensch (sonst noch jemand ethikfähig?), theologisch gesprochen, den Bekenntnisstand ausruft: bis hierhin und nicht weiter.
Aber ist die wirkliche Frage nicht die: Ab wann trete ich den Toten für mein eigenes Gefühl zu nahe? Beim Joggen, beim Dehnen, beim Pinkeln?
Symptomatisch für die Welt in der wir leben scheint mir, dass man für die Beantwortung einer ganz einfachen persönlichen Frage einen Experten braucht. Traurig.
Interesting, but I feel that you are forgetting an important point;
Ich habe eine meerschwein und das meerschweine ist eine zauber meerschwein und das meerschwein hast eine laser und das laser ist auf das meerschweine. Und das ist richtig.
@Wolfgang: Wenn Du mit ’subjektiv’ meinst, dass man nicht sinnvoll über ethische Fragen diskutieren kann, bzw. dass es prinzipiell unangemessen ist, ethische Urteile anhand ihrer Wahr- oder Unwahrheit zu bewerten, dann würde ich widersprechen. Das ist natürlich ein Riesenthema, das hier nicht kurz in den Kommentaren abgehandelt werden kann, aber ich finde, dass sich schon in dem kleinen Ausschnitt ethischen Denkens aus der “Gewissensfrage” zeigt, dass die Rede über praktische bzw. ethische Dinge (also darüber, was wir tun sollen) in puncto Wahrheitsfähigkeit und ergo Diskutierbarkeit nicht anders ist als andere Bereiche der Benutzung von Sprache.
Falls Du mit der Meinung von Erlinger oder mit der Güte seiner Gründe nicht einverstanden bist, würde ich raten, dies auszudrücken, indem Du seine Konklusion als falsch oder/und sein Argument als ein schlechtes beschreibst - und das selbstverständlich begründest. Da bin ich dann mit Dir in einem Boot. Wie Du habe auch ich so meine Probleme mit Erlingers Unterschied. Ich glaube auch, dass Dehnen an so einem uralten Grab eigentlich in Ordnung ist. Dass aber Pinkeln an jenem Grab nicht in Ordnung ist. Erst bei letzterem Vorgang, so scheint es mir, wird die in der Situation relevante Zu-Nah-Komm-Grenze überschritten. Auf jeden Fall ist dies doch durchaus als Argument darstellbar. Es könnte natürlich sein, dass Du mit seinen Prämissen nicht einverstanden bist, und dann müssen wir über sie streiten. Aber das können wir ja auch.
Dies ist natürlich insgesamt weniger bequem, als die ganze Praxis von außen als intellektuell dubios darzustellen, aber es ist auch sicherer, entspricht (sag ich jetzt mal) unseren sprachlichen Intuitionen viel besser und erfordert keine extrem starken metaphysischen (oder welche sonst?) Argumente. Und letztere kann man sich m.E. nicht sparen, indem man das schillernde Wort ’subjektiv’ in den Ring wirft. Denn das nimmt ja vorweg, was zu zeigen wäre. Hier, übrigens, sehe ich eine Verbindung zu Christians letztem Posting: Auch über Kunst kann man, anders als viele denken (aber nicht anders als sie selbst handeln) durchaus trefflich diskutieren.
Wie dem auch sei: Ich wollte schon länger mal was über Ethik schreiben, das wird wohl demnächst passieren, und ich danke Dir für den Kommentar.
@Nic: Oh hi there Nic, take a seat and have a cookie while I do my serious talking, will you? I’ll be with you in just a moment. And with your guinea pig. I guess.
Hmpf. Nach einiger Zeit munteren Kommentierens muss ich wohl mal die Hosen runterlassen: Ich bin kein Philosoph. Über fast alle Sachen, die ich hier lese, habe ich mir, weitgehend unbeleckt von Fakten- oder zumindest Geschichtswissen. trotzdem so meine Gedanken gemacht, natürlich auch über Ethik. Hintergrundwissen dazu habe ich maximal in der Ecke der Ethik, die an die Soziologie oder Theologie grenzt. Soweit die Vorrede.
Nach meinem (gegenwärtigen - Leben heißt lernen) Verständnis können in der Tat weder die Ethik noch ihre Urteile “wahr”/”richtig” oder “unwahr”/”falsch” sein sein. Ethik m.E. ist ein künstlich definiertes Bezugssystem. Es enthält Bewertungsmaßstäbe, die die stets kulturell beeinflusst und häufig unbewusst sind - darum hört die Verbindlichkeit der Ethik schon da auf, wo diese Hintergründe nicht mehr identisch sind. In jedem Fall gebe ich dir recht, dass es sich mit der Sprache nicht anders verhält. Davon verstehe ich mehr als von Ethik und genug um zu wissen, dass die von Sprache vermittelte Sicherheit des Wissen- und Erkennenkönnens nicht nur trügerisch, sondern falsch ist. Interessant ist hier der permanente Wandel - gibt es den nicht auch in der Ethik? Alles fließt, irgendwie …
Absatz 2: Ich finde Erlingers Argumente persönlich richtig und teile seine Schlüsse, besser: Empfehlungen. Allerdings halte ich das für einen Zufall und nicht für einen Beweis der Objektivität der Ethik. Das beweist nur, dass viele Menschen mit identischem Hintergrund in bestimmten Situationen identisch entscheiden. M.E. ist es gerade der Verlust eines gemeinsamen ethischen, religiösen, sozialen Hintergrundes zugunsten eines - was? -, die zur breiten Ratlosigkeit in den einfachsten Fragen führen. Eine andere gute Antwort Erlingers hätte sein können: Horchen Sie in sich hinein! Stellen Sie sich verschieden Handlungen vor! Fragen Sie sich vorab nach ihren Gefühlen! Wenn Sie unsicher sind, probieren Sie es aus und beobachten, wie Sie sich dabei fühlen! Sie werden das schon richtig machen!
So kann man das stehen lassen, und dann auch mit dem Ergebnis als ethische Handlung leben, selbst wenn es anders ausfällt als meins. Denn ganz klar ist bei diesem Frager weder Hopfen noch Malz verloren - er empfindet ja noch diffus, dass da etwas komisch sein (werden?) könnte. Da kenne ich andere Beispiele fehlender Sensibilität, etwa allgemeinen Hundeauslauf auf einem Friedhof in Neukölln.
Bin noch lange nicht am Ende, höre aber vorerst mal auf - der Platz flieht. Über einen grundsätzlichen Beitrag zur Ethik würde ich mich freuen - wäre Fortbildung.
Pragmatische Antwort, wer haftet eigentlich, wenn der Stein nicht mehr 100%ig befestigt ist und dem Jogger beim Umstürzen den zarten Knöchel zerbröselt?
Ich fotografiere viel auf alten Friedhöfen. Gelegentlich klettere ich auch dabei auf älteren Grabmälern rum. Das tue ich mit Respekt und im Hinterstübchen immer mit einem „Danke“ im Gedanken. Unauffällig. Friedhöfe wandeln sich und es ist ein gutes Zeichen, wenn sie so zum Leben dazu gezählt werden und als Naherholungsstätte dienen können. So oder so sollte man sich so benehmen, dass man Besucher nicht mit seinem Benehmen an diesem Ort stört. Die werden dort wohl immer eher Ruhe suchen und keine Jogger oder Badminton-Spieler (hier schon gesehen). Wobei ich bei einem Friedhof, der seit 1939 „brach“ liegt darin deutlich toleranter wäre, als auf einem Gelände auf dem noch aktuelle Begräbnisse stattfinden.