Warum die Kaczyńskis mich zum Nachdenken bringen

21. Juni 2007
Matthias Kiesselbach

Wie schon in der ZEIT gemutmaßt wurde, wollen die Kaczyńskis die Quadratwurzelmethode der Verteilung der Stimmgewichte im Ministerrat gar nicht deswegen, weil sie eine so gerechte Methode ist. Wollen sie sie vielleicht nur, fragt sich Alice Bota von in der ZEIT, um dem großen Nachbarn im Westen einmal eins auswischen? Die Antwort ist nein: Die Kaczyńskis haben ein ganz und gar universalistisches Argument auf Lager. Sie sehen die Quadratwurzelmethode als Mittel der Wiedergutmachung für den Krieg des deutschen Reiches gegen Polen. Moment. Was?

Ohne den Krieg gegen Polen mit seinen vielen Kriegstoten und der großen Zerstörung wäre Polen heute ein viel bevölkerungsreicheres und mächtigeres Land. Es hätte, so Ministerpräsident Jaroslaw Kaczyński, heute 66 Millionen Einwohner und einen entsprechenden Einfluss in der Welt. Und aus diesem kontrafaktischen Konditional ergibt sich für ihn ein Anspruch auf größere Mitbestimmung in der Europäischen Union.

Allein schon wegen seines krassen Nationalismus, wegen der implizierten Kollektivhaftung der immerhin 25 anderen europäischen Länder und wegen seiner totalen Entkoppelung von der Quadratwurzelmethode ist dies natürlich ein total bescheuertes Argument.

Aber da man sich ja selbst von total bescheuerten Argumenten inspirieren lassen kann, könnte man die polnische Äußerung einmal zum Anlass zum prinzipiellen Nachdenken über die Rolle von Argumenten mit kontrafaktischen historischen Prämissen nehmen. Argumente dieser Art sind ja nicht ganz selten. Dabei denke ich nicht so sehr an die dunkle deutsche Vergangenheit (in deren Umkreis Argumente der genannten Art vor dem Kaczyński-Argument eigentlich nicht besonders häufig waren), sondern eher an die Aufarbeitung des europäischen Kolonialismus.

Ohne den Kolonialismus stünde die dritte Welt heute wesentlich besser da, und dies sei der Grund, der uns zu besonderer Hilfe verpflichtet. Dies ist das Argument, an das ich denke. Passiert nicht hier etwas ähnliches wie im polnischen Argument?

Mir persönlich tut ja die Analogie nicht so weh, da ich schon immer a-historische Gerechtigkeitsargumente bevorzugt habe, wenn es um die dritte Welt geht. (Etwa so: 1. Natürliche Lotterien sollten keinen Einfluss auf Lebenschancen haben. 2. Ob jemand in der ersten oder in der dritten Welt geboren wird, wird in einer natürliche Lotterie festgelegt. 3. Also sollte die Geburt in der dritten Welt nicht mit niedrigeren Lebenschancen verbunden sein. 4. Aus Gerechtigkeitsaussagen wie (3) ergeben sich Handlungspflichten für alle, die in der entsprechenden Position zur Intervention sind. 5. Wir sind in der entsprechenden Situation. 6. Also haben wir entsprechende Handlungspflichten.)

Dennoch würde auch ich mich manchmal gerne auf Argumente mit kontrafaktischen historischen Prämissen berufen. Sie sind handlich, schnell gemacht, und werden von vielen Leuten ohne großes Stirnrunzeln akzeptiert. Ich benutzte sie bisher nicht, weil ich immer den Eindruck hatte, dass sie nur funktionieren, weil — bzw. wenn — auch noch andere, nämlich a-historische Gerechtigkeitsargumente, in Anschlag gebracht werden können. Eigentlich, so dachte ich, sind es letztere Argumente, die das argumentative Gewicht tragen. Aber die KaczyÅ„skis bringen mich zum Nachdenken. Stimmt das eigentlich?

Wenn ich dir etwas wegnehme, dann ist es ungerecht es zu behalten, und zwar, weil es dir gehört. (Wir wollen mal annehmen, dass Dein Besitz aus moralischer Sicht in Ordnung ist.) Ich muss den Status Quo Ante wieder herstellen.

Wenn meine Eltern aber deinen Eltern etwas weggenommen haben, darf ich dann die geerbten Früchte des Diebstahls behalten? Vielleicht teilweise? Was muss ich wieder herstellen?

Wenn meine Großeltern deinen Großeltern etwas weggenommen haben, darf ich dann die geerbten Früchte der Früchte des Diebstahls behalten? Vielleicht teilweise? Was muss ich wieder herstellen? Und so weiter.

Am Ende stelle ich zwei Dinge fest. Erstens: Je weiter wir diesen Gedankengang spinnen, desto schwächer wird die aktuelle Verpflichtung, aber sie scheint nicht ganz wegzugehen, und sie ist auch nicht ganz in a-historische Erwägungen zu überführen. Dies ist jedenfalls vor dem Hintergrund der Praxis des Eigentums, des Vererbens, und noch einiger weiterer Dinge so. Zweitens: Je weiter wir diesen Gedankengang spinnen, desto unplausibler wird der Status Quo Ante als Richtschnur der aktuellen Verpflichtung.

Und das ist es wohl, was uns auf folgenden dritten Gedanken bringt: Wo immer noch eine Verpflichtung besteht — auch wenn sie abgeschwächt wurde — und wo der Status Quo Ante keine gute Richtschnur dieser Verpflichtung abgibt, da muss ein kontrafaktischer Satz her, um uns zu sagen, was wir tun sollen. Juristen machen das eigentlich genauso: “Entgangene Gewinne” nennen sie das. Dies scheint tatsächlich zentrale moralische Intuitionen zu treffen. Zwar kommt nun ein Problem, das unter Juristen nur allzu bekannt ist: Je weiter wir diesen Gedankengang spinnen, desto schwieriger wird die Identifikation der Konsequenzen des ursprünglichen Diebstahls und der Nachfahren. Kurz: Desto schwieriger wird die Identifikation der Welt, wie sie wäre, wenn der ursprüngliche Diebstahl nicht stattgefunden hätte.

Dennoch ist wohl wirklich etwas dran, diese Art von Erwägung zu einer Richtschnur des aktuellen Handelns zu machen. Freilich zu einer von sehr (sehr) vielen - aber immerhin. Wahrscheinlich kann man das ganze so zusammenfassen: In einer nicht-idealen Gerechtigkeitstheorie gibt es aktuelle Pflichten, die aus historischen Vergehen resultieren. Ihr Umfang muss mit kontrafaktischen Erwägungen ermittelt werden.

Für die Gelegenheit zu diesem kleinen Gedankenspiel bin ich den Kaczyńskis jedenfalls dankbar. Schade nur, dass sie selbst eher nicht zu Gedankenspielen aufgelegt sind. Jedenfalls nicht, wenn damit liebgewonnene Positionen ins Wanken geraten können.

Ein Kommentar zu “Warum die KaczyÅ„skis mich zum Nachdenken bringen”

  1. Wolfgang Hömig-Groß 22. Juni 2007 (08:08 Uhr)

    Ich möchte heute ausnahmsweise keine inhaltliche Stellungnahme abgeben, sondern als treuer Leser anregen, die alte schöne Sitte der namentlichen Kennzeichnungen der Beiträge wieder aufzunehmen. Ich weiß auch nicht so genau warum ich gerne wüßte, von wem der Beitrag ist, aber irgendwie ist es so. Oder gibt es da einen Trick, den ich nicht kenne? Ohne Kennzeichnung von Christian Voigt?
    Und noch was: Mein (eigenes) Blog war mir zu viel Arbeit (weil ich nicht nur 3 Stunden am Tag Neues reingetan habe, sondern zusätzlich noch 2 Stunden am Tag Altes optimiert), deshalb ist es, wie ihr aus Anlass des Bumerangs richtig sagt, leider offline. Aber wenn ihr hier noch ein bisschen Platz habt, würde ich gern gelegentlich (!) mal mitmischen. Über den Vektor, auf dem Herkunft und Ziel meiner Beiträge in spe liegen, können wir uns dann ja mal separat austauschen.
    Na?

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