Ist Selbermachenkönnen ästhetisch relevant? — Eine mentale Vorbereitung auf den documenta Besuch

18. Juni 2007
Christian Voigt

“Über Geschmacksfragen kann man nicht streiten” sagt der Volksmund. Die meisten Menschen glauben ihm und plappern ihm nach. Folgen tun sie ihm aber zum Glück nur selten: An jeder Ecke wird ausgiebig und mit Genuß über Geschmacksfragen gestritten.

Vielleicht wäre aber diese Freizeitbeschäftigung noch genußreicher, wenn wir dem Volksmund noch weniger Gehör schenken würden (und bitte, bitte ihn nicht zu Wort kommen lassen, wenn man mal eindeutig die schlechteren Argumente hat und einem nichts mehr einfällt). Der Volksmund hat nämlich noch viel mehr auf Lager. Und darunter befinden sich auch durchaus einige ästhetische Schlussmuster, denn anders als wir armen Einzelwesen muss der Volksmund nicht auf Konsistenz achten.

Stellt man sich z.B. in einer Galerie vor ein minimalistisches abstraktes Bild mit einfachen geometrischen Formen, dann trompetet der Volksmund, wenn man ihn nicht gut unter Kontrolle hat, gleich fröhlich aus einem “Das soll Kunst sein? Das kann ich auch!”

Jeder einigermaßen reflektierte Liebhaber von zeitgenössischen Kulturprodukten kann nicht anders, als bei diesem reflexartigen Ausruf innerlich zusammenzuzucken. Wer möchte auf diesen Ausruf schon antworten? Und was sollte es bringen zu antworten, wenn der Volksmund beim nächsten Mal sowieso wieder die Oberhand gewinnt.

Oberflächlich betrachtet liegt diesem Ausruf eine merkwürdige selbstbezügliche Variante des ad hominem Schlussmusters zugrunde. Man könnte es vielleicht so explizieren: “Alles, was ich selbst machen kann, ist schlecht.”

An sich könnte dieses Schlussmuster auch in ganz anderen Bereichen von Nutzen sein: “Dieser Braten soll lecker sein? Das kann ich doch auch selbst kochen!” “Das soll eine freundliche Geste sein? Das hätte ich doch auch machen können!” “Das soll witzig sein? Die Bemerkung hätte doch selbst mir einfallen können!” “Der Typ soll intelligent sein? Da bin ja selbst ich klüger!”

All diese Arten zu schließen würden uns höchst seltsam anmuten. In der Kunst dagegen scheint es das Normalste von der Welt zu sein, jedes Argument mit der Prämisse zu beginnen, dass man selbst der letzte Vollidiot sei. Sobald der Volksmund in Rage über ein primitives Farbgekleckse, einen furchtbaren Lärm, oder einen langweilligen Film gerät, wird das Selbermachenkönnen zum ästhetisch relevanten Ausschlusskriterium.

Findet der Volksmund dagegen mal Gefallen an schlechter Musik, kitschigen Bildern oder geschmacklosen Büchern und wird daraufhin mit einem penetranten Kritiker konfrontiert, der einfach über echte ästhetische Argumente verfügt, so wird auf ganz ähnliche Weise geschlossen: “Nörgeln kann jeder! Versuch doch erst mal selber sowas zu machen, dann wirst du schon sehen, wie schwierig das ist!” Erneut wird hier ad hominem argumentiert, aber diesmal auf klassische Art: “x kritisieren darf nur der, der x selber machen kann”

Diese zwei Arten zu schließen sind das ästhetische Handwerkszeug des Volksmundes und hängen eng miteinander zusammen: Etwas ist dann und nur dann gut, wenn kein Kritiker es selbst machen kann, denn dann ist kein Kritiker berechtigt, es zu kritisieren; und was nicht schlecht ist, das ist gut. Und kein Kritiker, der x nicht selbst machen kann, ist berechtigt x zu kritiseren, weil die einzige mögliche ästhetische Kritik an x darin bestehen würde, dass der Kritiker x selbst machen kann.

Als guter Bildungsbürger verachtet man natürlich solche rüpelhaften Impulse und versucht sich distinguiert auszudrücken. Das führt dann häufig zu einer nur mühsam mit leeren Bildungsbürgerfloskeln übertünchten Sprach- und Verständnislosigkeit. Müssen wir uns derart den Mund verbieten? Oder steckt hinter dem Kriterium des Selbermachenkönnens doch letzen Endes eine rationale, also eine wohlbegründete Ästhetik?

Die einfachste Art, die Herkunft dieser Impulse zu erklären, geht so: Gemälde herzustellen, Musik zu machen, Theater zu spielen — das alles war einmal ein Handwerk, also eine Beschäftigung zu der es keine großartige intellektuelle Bidlung, aber eine lange Ausbildung in Handfertigkeiten brauchte. Aus dieser Tradition heraus ist die Forderung des Nicht-Selber-Machen-Könnens natürlich berechtigt. “Das soll ein Schuhmacher sein? Solche Schuhe kann ja selbst ich machen!”

In einer Hinsicht ist diese Tradition sympathisch: Sie sakralisiert nicht den Begriff der Kunst. Sie erwartet sich keine Erleuchtung, sondern nur solide Handarbeit. In einer anderen Hinsicht ist diese Tradition aber schlicht und einfach katastrophal: Sie profanisiert den Begriff der Kunst derart, dass am Ende nur noch das konsumierbare Endprodukt übrigbleibt. An Kunstausstellungen werden damit dieselben Ansprüche gestellt, wie an einen Erlebnispark: Man will Sensationen sehen!

Dabei ist gerade das die einzige Eigenschaft, die kulturelle Praktiken von reinen Produktionsprozessen unterscheiden sollte: Die Faszination kultureller Praktiken sollte gerade in ihrer spielerischen Offenheit bestehen, sie sollte gerade darin bestehen, dass weder Produzenten, noch Konsumenten wirklich wissen, wohin die Reise geht. Es sollen nicht einfach nur irgendwelche Bedürfnisse befriedigt werden (nach Unterhaltung, nach kultureller Distinktion, nach höheren Weisheiten usw.), auch wenn deren Befriedigung durchaus ein wichtiger Teil der Praktik sein kann. Das Besondere an kulturellen Praktiken sollte gerade darin liegen, aus dem Modus der maschinenartigen Bedürfnisbefriedigung für einen Moment auszusteigen. Das bedeutet auch, für einen Moment auf vollständige Ernsthaftigkeit zu verzichten. All das ist vollkommen handwerksuntypisch. All das kann sehr wohl auch durch etwas erfüllt werden, was wir alle auch selbst zuhause tun könnten, aber es niemals oder zu selten getan haben (z.B. nur noch schwarze Quadrate malen, mit dem Radio Geräusche machen, auf merkwürdige Weise miteinander reden, Leute beleidigen, Leute zum Lachen bringen, Leute provozieren).

Viele Bildungsbürger zucken bei dem “Das kann ich doch auch selber machen!”-Einwand zusammen, weil sie die sakrale Würde der hohen Kunst und der genialischen Künstler verletzt sehen. Das ist aber gerade das Erfrischende, ganz und gar nicht kunstfeindliche dieses Einwurfs. Was viel eher zusammenzucken lassen sollte, ist die stereotype, all zu enge Erwartungshaltung, die hinter diesem Ausruf steckt.

Wie sieht es mit der zweiten Schlussart aus, dem “Machs doch erstmal besser”-Einwurf? Hier hilft es nicht weiter, diesen Einwurf im Kontext der Handwerkstradition zu rekonstruieren. Auch gegenüber einem Schuhmacher ist es durchaus angemessen und sinnvoll, die Qualität eines Schuhes zu bemängeln, auch wenn man nicht weiß, wie es besser geht. Aber so ganz absurd ist dieser Einwand natürlich auch nicht. Er leitet sich vielmehr aus einem ganz allgemeinem normativen Schlussprinzip ab, dem Sollen-Impliziert-Können-Prinzip. Dieses Prinzip besagt, dass man Menschen nur das vorschreiben darf, was auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten bleibt. Einem Nichtschwimmer vorzuschreiben, ein ertrinkendes Kind zu retten, würde z.B. diesem Prinzip widersprechen.

Genauso wäre es sinnlos, von einem Produzenten kultureller Güter eine Qualität zu verlangen, die mit irdischen Mitteln nicht zu realisieren ist. Das ist ganz offensichtlich, wenn es um finanzielle Grenzen geht: Wer von einem brotlosen Filmschaffenden verlangt “In 80 Tagen um die Welt” an Originalschauplätzen zu drehen, von dem kann man durchaus verlangen, dass er doch erstmal darlegen soll, wie so etwas möglich sein soll.

Bloß ist es in den meisten Fällen sehr viel schwieriger, ja fragwürdiger, den “Machs besser”-Einwand auf diese Weise zu rekonstruieren. Denn die unterstellten Modalbehauptungen (also die Behauptungen darüber, was im Bereich des Möglichen liegt) werden meist ziemlich unplausibel sein. Wer einem Rosamunde-Pilcher-Fan Geschmacklosigkeit vorwirft, der ist sich seiner Sache ziemlich sicher, dass es auch besser geht.

Wir können den Machs-Besser-Einwand aber auch noch anders interpretieren: Er weist darauf hin, dass Bilder, Theaterstücke, Filme usw. nicht einfach auf ihren kognitiven Gehalt zu reduzieren sind, sondern dass ihre Bedeutung sich ganz wesentlich durch das Selbermachen und das Mitmachen erschließt. Wenn das mit dem Machs-Besser-Einwand gemeint sein sollte, muss allerdings unterstellt werden, dass der Sprecher selbst über ein derart praktisches Wissen verfügt, eine Unterstellung, die häufig unplausibel ist.

Bei allem Wohlwollen gegenüber der ästhetischen Theorie unseres Volksmundes (deren Existenz dieser selbst vehement abstreitet): Hier läßt sich vieles besser machen. In den meisten Fällen sollten wir mindestens zweimal nachdenken, bevor wir ihn ungefragt zu Wort kommen lassen. Die genuine Qualität eines Gemäldes, eines Theaterstückes oder anderer Kulturprodukte wird nicht durch das Kriterium des Nichtselbermachenkönnens berührt und das Selbermachenkönnen ist nur manchmal, in speziellen Fällen eine Bedingung für eine angemessene Kritik.

Nachtrag:
Einer der Anlässe für diesen Artikel war übrigens ganz documentafremd. Auf dieser Seite eines vulgären Musikliebhabers mit ausgebildetem und ausgezeichneten Geschmack wird ausführlich über die unsägliche Band Linkin Park gestritten. Dabei treffen selbsbekennende Musiknerds voller Verachtung auf erzürnte Teenies, deren musikalischer Horizont von Britney Spears bis 50 Cent reicht. Eigentlich hätte diese Diskussion einen eigenen Artikel verdient (vielleicht kommt das noch). Unter anderem läßt sich hier auch der “Machs besser”-Einwand in seiner klassischen Fassung verfolgen. Aber auch viele andere interessante Phänomene der Alltagstheorie der Ästhetik treten auf.

Nachtrag #2:
Jetzt.de hat ein sehr aufschlussreieches Interview mit Dr. Christian Saehrendt zur documenta unter dem Titel: Kann ich das auch? Der Crashkurs in moderner Kunst. Saehrendt ist Autor des Buches “Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst.”

Sueddeutsche: Weiße Quadrate, Müllskulpturen, Konservendosen: In Museen hängen und stehen lauter komische Dinge. Was macht etwas eigentlich zu Kunst?
Saehrendt: Dass die richtigen Leute es dafür halten. Man kann sich das wie ein Paralleluniversum vorstellen: Es gibt die echte Welt, und es gibt den Planeten Kunst. Wenn die Bewohner dieses Planeten sich darauf geeinigt haben, etwas gut zu finden und in ihrer Welt aufzunehmen, dann ist das automatisch Kunst. Alles was in Museen steht oder hängt, ist automatisch Kunst.

Außerdem kann man hier bei jetzt.de testen, ob man “echte” Kunst und “selbstgemachte” Kunst auseinander halten kann. Ich kann es offensichtlich nicht, meine Trefferquote lag bei 50%…

4 Kommentare zu “Ist Selbermachenkönnen ästhetisch relevant? — Eine mentale Vorbereitung auf den documenta Besuch”

  1. Wolfgang Hömig-Groß 19. Juni 2007 (09:50 Uhr)

    Ich möchte die Betrachtung kurz um zwei Effekte anreichern:
    1. Der Ei-des-Kolumbus-Effekt.
    Selbst wenn jemand ein Kunstwerk in mechanischer Hinsicht selbst produzieren könnte, bleibt die Tatsache, dass er es nicht als Erster getan hat. Und etwas Abzumalen ist ganz etwas anderes, als ein Original zu schaffen. Unter anderem braucht der Abmalende keine Betrachtungen über Wirkung, Effekt, Geschichte, Stil etc. vorzunehmen. Interessanter ist dann schon die Frage, ob denn etwa ein mit minimalem technischen Aufwand entstandenes Kunstwerk per se “schlechter” oder “kunstloser” ist als ein aufwendiges. Man erkennt schnell, dass das eine Sackgasse ist.
    2. Der Wer-hat-eine-Stimme-Effekt.
    Auch wenn ein “Amateur” Werke von ähnlicher Schöpfungstiefe produziert wie ein Künstler (lassen wir den Aufwand mal unberücksichtigt), bleibt der wundersame Effekt, dass er öffentlich nicht wahrgenommen wird. Das hat einerseits mit der Organisation des Kunstbetriebs zu tun, die sich selbst zu Künstlern erklärende Insider begünstigt, andererseits mit den nicht ganz rational zu erklärenden Wahrnehmungsvorgängen unserer Mediengesellschaft zu tun. Diese Bewertungsdifferenz wäre fast egal, wenn sie nicht auch der Bewertung des Publikums zugrunde liegen würde. Dieses wird sich mit einem ihm unbekannten Werk sicher mehr schinden und es höher schätzen, wenn Picasso druntersteht und nicht Franz Müller - selbst wenn es eigentlich von meinem 7-jährigen Sohn ist.
    Dieser letzte Effekt ist zumindest für unsere Gesellschaft durchgängig: Man glaubt Wolfgang Schäuble Sachen, für deren Äußerung ich gesteinigt werden würden - egal wie falsch und unsinnig sie sein mögen. Zusätzlich profitiert Schäuble natürlich davon, dass es im Sozialen so etwa wie “Wirklichkeit” (in dem Sinne, dass sie unbestritten ist) nicht gibt.

  2. Christian Voigt 19. Juni 2007 (22:01 Uhr)

    Danke für die Ergänzungen!

    Zum ersten Punkt: Dieser Effekt ist auf jeden Fall relevant für die Bewertung der Leistung des Künstlers. Ich bin mir bloß unsicher dabei, wie wichtig er für die Bewertung des Kunstwerks ist (abgesehen natürlich von der Bewertung als monetärer Schätzung). Intuitiv würde ich auch sagen, dass es z.B. für einen Song einen Unterschied macht, ob der Sänger diese Melodie erfunden hat oder sie nur zum tausendsten Mal kopiert. Aber zugleich mißtraue ich auch dieser Intuition. Auf jeden Fall ist das ein relevanter Gesichtspunkt.

    Zu zweitens: Originelle Ergänzung, die institutionellen Eigenarten des Kunstbetriebes im Kapitalismus habe ich natürlich total ausgeblendet. Unter anderem auch deswegen, weil sie natürlich eine der Ursachen dafür sind, warum sich viele so sehr über Kunst aufregen. Wäre sie billiger und würden ihre Botschafter bescheidener auftreten, wäre die Aufregung gewiss geringer.

  3. Harald Ille 4. Juli 2007 (14:35 Uhr)

    Ich halte auch den zweiten Punkt von Wolfgang Hömig-Groß für wichtig in der Diskussion: Der Kunstbetrieb selbst schafft sich seine Künstler, indem er sie als “Eingeweihte”, oder weniger esoterisch formuliert als “Dazugehörige” definiert. Innerhalb dieser Künstler-Gruppe(n) ist das Selbermachen-Argument natürlich konstitutiv für die eigene künstlerische Methode. Zwei gleich- oder ähnlich gute Musiker würden wechselseitig den jeweils anderen - wenn sie sich “grün” sind - ohne völlig geniale Fähigkeiten trotzdem für einen guten Künstler halten und seine Musik für gute Kunst. Ähnlich ist es bei den bildenden Künstlern. Das hat nichts mit dem Sprichwort von den beiden Krähen zu tun - Künstler A akzeptiert und bewundert die Kunst von B, obwohl oder gerade weil er sie ebenfalls (re-)produzieren kann. Die eigenen künstlerischen Fertigkeiten schaffen so eine gemütliche “Community”, in der Innovation oder Genie oder Perfektion nicht mehr wichtig sind. Wichtig ist nur die Kunst selbst, das Handwerk, das etwas Künstlerisches erschafft.
    Für den “Außenstehenden”, der eben nicht als Künstler identifiziert ist und seine eigene Kreativität noch nicht erkannt hat oder schlicht für nicht allzu großartig hält, bleibt dabei natürlich der Eindruck zurück: “Das hätte ich aber auch gekonnt”. Nur trägt der so Enttäuschte selbst halt kein Label mit der Aufschrift “Genie” und kein anderer mit dem gleichem Label klopft ihm wohlwollend-einvernehmlich auf die Schulter. Weil er halt kein Künstler ist…

  4. Christian Voigt 4. Juli 2007 (15:14 Uhr)

    Ich finde das Zitat aus dem Jetzt.de Interview, das ich gerade als Nachtrag an den Artikel angefügt habe, bringt das genau auf den Punkt.

    Mitmachen ist institutionell (man könnte auch sagen “faktisch”) eine Bedingung des Mitredendürfens im Kunstbetrieb. Allerdings zählt hier zum Mitmachen natürlich nicht nur das Kunstmachen. Vielleicht ist es sogar wichtiger, bei den angesagtesten Ausstellungseröffnungen dabei zu sein, die richtigen Leute zu kennen usw.

    Normativ gesehen ist dieses “Mitmachen” oder wie Saehrendt sagen könnte “Staatsbürgerschaft auf dem Planeten Kunst besitzen” aber natürlich ein zweifelhaftes Kriterium dafür, ob jemand mitbestimmen darf, ob etwas Kunst ist oder nicht. Zumindest solange diese Einwohner den Anspruch erheben, etwas zu schaffen, was über die Befriedigung ihres sozialen Distinktionsbedürfnisses hinausweist.

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