Kunst vs. Kleingeist

16. Juni 2007
Matthias Kiesselbach
“Sie zerstören gerade ein Kunstwerk, wissen sie das?”
“Wir handeln im Auftrag vom Arbeitgeber. Das haben wir schriftlich.” [Tagesschau online]

Oh, wie wir das lieben! Die Kunst in der vergeblichen Revolte gegen die Kleingeisterei. Alle Online-Medien, fast alle Sender, die meisten Zeitungen und eine Reihe von Blogs lecken sich die Finger nach einer solchen Story, in der Kleinbürger im Auftrag der Bürokratie das Schöne vernichten.

Die chilenische Künstlerin Lotty Rosenfeld macht aus den Mittelstreifen auf einer Kasseler Straße Kreuze, als Zeichen des Todes, mit denen auf “unterschwellige Formen von Macht und Kontrolle” hingewiesen werden soll. Und die Kasseler Stadtreinigung macht die Kreuze wieder weg. Eine tragische Dialektik, in der die Gedankenlosigkeit siegt, aus der aber die Kunst umso glanzvoller als moralische Siegerin hervorgeht.

Die Künstlerin, die 1979 in Santiago de Chile ihre ersten Kreuze auf der Straße vor dem Präsidentenpalast Pinochets gemalt hat, um gegen die Dikatur zu protestieren, trägt es übrigens mit Fassung. Sie hat ja erstens das Video ihrer Aktion und zweitens das Video der ARD, deren investigative Journalisten die Stadtreiniger mit der Tragweite ihres obrigkeitshörigen Handelns konfrontierten. Außerdem hat sie die Unterstützung der documenta-Pressechefin Catrin Seefranz: “Genau dieser Akt der Repression gehört zu der Arbeit dazu. Und er gibt auch den Grund dafür ab.” [Tagesschau online]

Natürlich verschwindet hier irgendwie die Verschiedenartigkeit der Repression Pinochets und der Repression der deutschen Straßenverkehrsordung im sprachlichen Nebel. Aber wenn es um die unmenschliche Macht des alles durchdringenden Ordnungssystems und um die sisyphusartige Rebellion des freiheitsliebenden Individuums geht - dann sollte man über solche Lappalien wirklich hinwegsehen können.

4 Kommentare zu “Kunst vs. Kleingeist”

  1. jge 19. Juni 2007 (18:56 Uhr)

    Ist das wirklich Kleingeisterei? Oder vielleicht doch das verantwortungsbewusste und — außerdem — völlig vorhersehbare Handeln des Staates?
    1. These: Veränderte Verkehrszeichen sind eine Gefahr für die Verkehrsteilnehmer (sag ich jetzt mal ohne Wissen, wo die Aktion stattfand): sie gefährden diese, weil sie nichtroutinierte Rezeption verlangen: wofür die Zeit fehlt gewöhnlich. Der Staat gehorcht also seinem Auftrag, wenn er sie wieder instandsetzt.
    2. These: Die Künstlerin hat die “Repression” einkalkuliert. Das gibt dann den netten Effekt, dass der Staat, sozusagen, die Kunst auch noch zum Opfer macht, indem er sie beseitigt: was sie ja aufwertet, oder nicht.

  2. Matthias Kiesselbach 19. Juni 2007 (20:43 Uhr)

    Zustimmung auf ganzer Linie zu beiden Thesen. Und ein Anflug von Scham darüber, dass ich ein bisschen zu sehr beim Wort genommen wurde. Und als kleiner Antispießerspießer rübergekommen bin.
    Aber um das geradezubiegen: Erstens wäre ich als Stadtreinigung auch ganz fix da, um die Kreuze wieder wegzumachen. Die StVO ist ja nicht aus Spaß in Kraft. Höchstens hätte ich aus Kulanz vielleicht 3 Tage gewartet. Und zweitens ist natürlich der Akt der “Repression”, den Du korrekterweise in Anführungszeichen gepackt hast, ein Teil des Werkes. Wäre ja irgendwie langweilig, wenn die Kreuze so ganz unbeachtet vom Straßenreinigungs- und Vehrkehrslenkungssystem, auf deren dämonische Macht sie schließlich aufmerksam machen sollen, verwittern würden. Und wenn ich in der orangenen Jacke der Stadtreinigung in die Kamera gezerrt worden wäre, dann hätte ich sicher gesagt: Ich sorge dafür, dass der Tanz um das Kunstwerk weitergehen kann. Wäre das Fernsehen hier, wenn wir die Kreuze nicht abgerissen hätten?

  3. jge 20. Juni 2007 (06:56 Uhr)

    Ups, mein Fehler: beim nochmaligen Lesen des Postings sehe ich, dass meine wörtliche Lektüre nicht so sehr viel für sich hat: bitte also nicht schämen.

  4. Matthias Kiesselbach 20. Juni 2007 (12:47 Uhr)

    …dann ist ja alles noch mal gut gegangen.

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