Die neuen Schrebergärtner
Ein seinem Gegenstand gemäß ziemlich elitärer Essay über die Politikverdrossenheit im Wandel der Zeit
15. Juni 2007 Matthias Kiesselbach
Eine der wenigen echten Konstanten des politischen Betriebes ist die Politikverdrossenheit. Seitdem es Republiken gibt, gibt es Leute, die keine Lust haben, ständig irgendwo mitzumachen - sei es beim Turnfest, beim Opferritual, beim Scherbengericht, oder sei es beim Militärdienst. Spätestens seitdem griechische Kleinstädter sich mit der Aufforderung konfrontiert sahen, sich als “Bürger” zu betrachten und sich an den Belangen des “Gemeinwesens” zu beteiligen, gibt es unter ihnen Leute, die nicht einsehen wollen, warum man sie nicht in Ruhe lassen kann, während sie bloß ihre bescheidenen Papyruskreuzworträtsel lösen oder mit den Nachbarn in ihrer Schrebergartensiedlung ein paar harmlose Hammelkoteletts grillen wollen.
Auf der anderen Seite gibt es seither diejenigen, die sich über die Lethargie der Kleingärtner total aufregen. Von der griechischen Antike über die italienische Renaissance bis zur bundesrepublikanischen Moderne war es eigentlich immer dasselbe: Immer gab es einen latenten Kampf zwischen republikanischen Patrioten einerseits und unpolitischen Privatleuten andererseits. Selbst die Argumente blieben weitgehend die gleichen. Wenn ihr nicht alle mitmacht, dann dauert es nicht lange, bis Oligarchen, Populisten und äußere Feinde uns unsere Republik kaputt gemacht haben, sagen die einen. Und dann war’s das mit der Kultur der Freiheit. Sollen sie doch kommen, sagen die anderen. Solange man uns unsere Schrebergärten nicht wegnimmt, pfeifen wir, mit Verlaub, auf eure Freiheit. Die einen warnen vor Delegitimation, Entsolidarisierung und Tyrranei, die anderen fürchten sich vor Kleingartenaufgabe, Gemütlichkeitsverlust und drohendem Asketentum.
Wie gesagt, eigentlich war es immer dasselbe. Was heute allerdings anders ist als früher, das ist die Art der Kriegsführung zwischen den Parteien. Denn während die Privatleute ihre republikanischen Gegner noch vor nicht allzu langer Zeit eher wie Zeugen Jehovas behandelten (Tür zu, fertig) und gegen sie höchstens mit passivem Widerstand vorgingen, bewerfen sie sie heute mit Schrebergartenerde, wo sie auch auftauchen. Die Schrebergärtner sehen sich, so scheint es nach einem kurzen Blick in ihr Zentralorgan, zumehmend als Kämpfer für die gute Sache. Das ist ein beachtlicher Wandel, und ich vermute, dass er mit der Professionalisierung der Politik zu tun hat: Wo Leute ganze Karrieren in der Politik machen und auch Geld damit verdienen, da lässt das Misstrauen der anderen nicht lange auf sich warten. Man kann der Politik durch die neue Komplexität und Geschlossenheit ihres Handwerkes nicht mehr so leicht über die Schulter blicken, und so wird jede Debatte über Diäten zu einer Grundsatzdebatte über die angebliche Arroganz und Abgehobenheit der heute so genannten Politikerklasse. Ich würde nicht sagen, dass die Privatleute Angst haben vor der Politik; es handelt sich eher um eine instinktive Abwehrreaktion gegen Unverständliches und Fremdes.
Erstaunlich bleibt die neue Gereiztheit der Kleingärtner übrigens trotzdem, denn noch nie haben sich die Fürsprecher der Republik so sehr aus dem Alltag der Schrebergärten herausgehalten wie heute. Na klar, die Gurken, die heute gepflanzt werden, haben festgelegte Krümmungsgrade; die einzig erlaubte Benutzung öffentlicher Straßen ist auf der rechten Seite; und ein Teil des Normalverbraucherverdienstes wird als Steuer an die Republik abgeführt. Aber was ist das gegen die heutige Freiheit von Wehrpflicht? Die Freiheit von Opferritualen? Die Freiheit von Volksversammlungen? Und was ist das gegen den fast unglaublichen Wohlstand, der sich bei uns breitgemacht hat? Die Wahrheit ist, dass der Schrebergärtner seinen Schrebergarten noch nie so ungestört genießen konnte wie heute. Und falls er etwas gegen Fremdbestimmung hat: Die sollte er eher im Privatfernsehen suchen als in den Gesetzen.
Noch etwas anderes prägt heute die Politikverdrossenheit, und auch dies hat wahrscheinlich mit der neueren Professionalisierung und Komplexität der Politik zu tun. Es sind heute zum Teil ziemlich gebildete Leute, die politikverdrossen sind und auch dazu stehen. Wahlkampfhilfe, Mitarbeit im Ortsverein, Petitionen schreiben - während sich in alledem vorher die Zeitungsleser, Weinkenner, Kunstliebhaber und ihr Nachwuchs getummelt haben, rümpfen immer mehr von ihnen jetzt die Nase und sagen Dinge wie: Das bringt doch alles nichts, überhaupt sind doch alle Parteien gleich, und ich mache lieber bei Attac mit. Auch dies ist relativ neu: Auf der Seite der Gegner der Republikfreunde (wenn auch nicht der Republik) gesellen sich zu den Schrebergärtnern immer mehr Inhaber von einigem Kulturkapital. Nicht, dass diese Gruppe nicht mehr die Welt verändern wollte. Aber sie will es tun, ohne dabei den lästigen Kontakt mit der Klasse der Politiker zu pflegen. Auch hier finden wir eine Abwehrreaktion. Es ist eine Abwehrreaktion gegen Dinge, die sinnvoll nur langfristig angelegt sein können.
Wenn sich die Freunde der Republik also Sorgen machen wollen über die Zukunft ihrer Republik, dann sollte es ihnen vielleicht nicht so sehr um die Politikverdrossenheit an sich gehen, sondern erstens um ihre neue aggressive Art, und zweitens um ihre zunehmende Akzeptanz außerhalb der Schrebergärten der Welt. Diese Dinge haben, wenn ich Recht habe, viel mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und somit mit der Professionalisierung und Komplexitätssteigerung der Politik zu tun. Sie sind nicht Folgen der republikanischen Organisation, sondern Folgen der republikanischen Organisation unter den Bedingungen der Moderne. Wer es nun nicht bei einem lauen Plädoyer an die Praktiker der Politik belassen will, “weniger arrogant” oder “ehrlicher” zu sein, “klarer Stellung” zu beziehen oder “besser nach außen zu kommunizieren”, der könnte sich jetzt an die Feingestaltung der politischen Institutionen machen. Die Politik kann hier und da bestimmt etwas weniger komplex werden und etwas näher zum Alltag rücken.
Aber die Fürsprecher der Republik müssten vor allem dafür werben, vor Professionalisierung und Komplexität nicht immer mit Groll im Magen wegzulaufen. Ich glaube, sie müssten zu allererst diejenigen wieder einfangen, die sich erst vor kurzem zu den Schrebergärtnern hinzugesellt haben. Sie müssten versuchen, diesen Leuten irgendwie den Ärger über die Komplexität der Materie der modernen Administration und Steuerung unserer Gemeinwesen zu nehmen, und den Ärger über die folglich langen und gewundenen Debatten zu stillen. Sie müssten versuchen, ihnen irgendwie das tiefsitzende Misstrauen gegen die Berufsgruppe der Administratoren und Lenker der Republik auszutreiben, das heute so weit verbreitet ist. Vielleicht müssten sie ihnen einfach klar machen, dass sie - ohne das so geplant zu haben - eine Neue Art des Schrebergartentums darstellen.
Nun denn. Ich gehe jetzt erstmal die Blumen gießen. Übrigens, heute abend wird bei uns vor der Laube gegrillt. Ihr könnt ja mal vorbeischauen. Aber bringt Bier mit.
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Ein seinem Gegenstand gemäß ziemlich elitärer Essay über die Politikverdrossenheit im Wandel der Zeit”
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