Kalter Krieg

6. Juni 2007
Eugen Pissarskoi

Wenn ein Hund Schmerzen hat, dann winselt er. Wenn einem Baby etwas weh tut, dann schreit’s. Kinder lernen mit der Zeit, das Gekreische mit Worten wie „Tut mir weh“ oder „Es schmerzt“ zu ersetzen. Das macht sie kultiviert: „Oh, mein Zahn schmerzt heute.“ ähnelt eher der Aussage „Vor uns hängt ein Immendorf und kein Rauch.“ als dem Miauen einer Katze. Denn sowohl dem Kunstkenner als auch dem leidenden Kind können wir Warum- oder Wo-Fragen stellen. Nicht jedoch dem Hund und auch nicht der Katze. Sie sind unkultiviert.

Wittgenstein machte uns auf diesen einfachen Sachverhalt aufmerksam: „Der Wortausdruck des Schmerzes ersetzt das Schreien und beschreibt es nicht“. Mit unseren Schmerzausdrücken verschleiern wir lediglich unsere Ähnlichkeit mit der Tierwelt. Im Grunde genommen ist das nicht schlimm. Vielfach sogar vorteilhaft: Der Umgang mit einem Menschen, der gelernt hat „Es tut mir weh“ zu sagen, ist viel angenehmen als mit einem einem kreischenden und herumhüpfenden Wesen. Wir haben es gelernt, uns im Alltag von der Ähnlichkeit zwischen Schmerz- und Gedankenäußerungen nicht verwirren zu lassen: Wir verzichten auf Fragen wie „Warum glaubst Du, Schmerzen zu haben“ – obwohl wir sie stellen könnten. Wir diskutieren auch nicht über Schmerzen. Am liebsten würde ich daher auch Katzen Schmerzausdrücke beibringen, aber das klappt nicht. Sie sind halt unkultiviert.

Manche der Kinder, die erwachsen werden, bringen es zu Politikern. Andere zu Journalisten. Vielleicht deswegen versuchen sie ein Stück kultivierter zu sein als die gewöhnlichen Menschen. Sie lernen, auch ihre Ängste in Sätze zu kleiden, in denen sie nach gehaltvollen Aussagen aussehen:

„Hier wird ein neuer Kalter Krieg angezettelt.“

oder

„Russlands heftige Kritik an den US-Plänen könnte den Kalten Krieg wieder beleben.“

oder

“Der Kalte Krieg ist vorbei.”

Im gewissen Sinne ist es schön, dass Politiker und Journalisten nicht vor Angst schreien, sondern dieser den Anschein von sinnvollen Aussagen verleihen. Das ist gewiss hohe Kultur.
Nun liegt es an uns, der Öffentlichkeit, einen angemessenen Umgang mit der Kultur zu pflegen: Wir müssen lernen, dass Fragen wie „Warum wird hier ein neuer Kalter Krieg angezettelt?“ oder „Was macht den neuen Kalten Krieg aus?“ wenig Sinn machen. Auch dass man nicht darüber diskutieren sollte.
Wie damit umgehen? Nun, was sagen wir Kindern, wenn sie Angst haben? - „Komm, Schatz, ich nehme dich an die Hand.“

2 Kommentare zu “Kalter Krieg”

  1. Christian Voigt 6. Juni 2007 (23:21 Uhr)

    Ich hatte als kleiner Junge unglaublich Angst vor einem anderen kleinen Jungen, der mir im Kindergarten damit gedroht hatte, dass er eine Atomrakete habe, die er auf mein Haus abschießen werde (wirklich wahr).

    Da hätte es mir sicherlich mehr geholfen, wenn mich jemand überzeugt hätte, dass kleine Jungen normalerweise keine Atomraketen haben, als nur zu sagen “Komm, Schatz, ich nehme dich an die Hand.”

    Außerdem sind doch “Warum”-Fragen als Reaktion auf Schmerzäußerungen häufig durchaus sehr sinnvoll, z.B. beim Arzt. Naja, ist immer irgendwie doof, auf diese Weise auf eine Polemik zu antworten…

    Ich stimme dir auf jeden Fall zu, dass es sich hier mal wieder um systematische, strategische Angstmache auf beiden Seiten handelt, die durch die Marktzwänge der Medien weiter verstärkt wird. Dieser künstlichen Hysterie kann man sich in der Tat wohl nur entziehen kann, indem man sich nicht darauf einläßt überhaupt das Schlagwort “kalter Krieg” zu benutzen.

  2. Matthias Kiesselbach 9. Juni 2007 (11:50 Uhr)

    Wie Christian schon sagt, Polemiken sind Polemiken. Aber wenn dies keine Polemik wäre, dann würde ich zu bedenken geben, dass mir die Warnung vor einem neuen Kalten Krieg als mehr, also als “sinn”voller, vorkommt als ein Schluchzen oder eine angstvolles Augenaufreissen. Hier gibt es tatsächlich allerlei rationale Anschlussmöglichkeiten, die über ein An-die-Hand-nehmen hinausgehen. Zum Beispiel diese: Warum bist du der Meinung, dass ein Streit über einen Abwehr-Raketenschild Parallelen zum Konflikt zwischen UdSSR und USA hat? Oder diese: Warum hältst du es für richtig, das Handeln von Putin oder Bush mit dem Hinweis auf das Ende des Kalten Krieges adäquat zu kritisieren? Tatsächlich bin ich der Meinung, dass als Antwort hierauf nicht nur unplausibles Gemurmel kommen muss.

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