Die Tagesschau über die Tagesschau
3. Juni 2007Matthias Kiesselbach
Die alte Geschichte. Man wählt sich ein Medium, um sich dann in dem Medium über das Medium auszulassen. Hip-Hopper hip-hoppen über Hip-Hop, Blogger bloggen übers Bloggen, und Gegenwartskünstler gegenwartskünsteln über Gegenwartskunst. Manche halten das für ein aufregendes Phänomen unserer Zeit. Ich nicht. Ich vermeide Hip-Hop über Hip-Hop, ich vermeide Blogs übers Blogs, und ich vermeide Gegenwartskunst über Gegenwartskunst. Bzw. ich vermeide Gegenwartskunst.
Für Blogger, Hip-Hopper und Gegenwartskünstler gibt genau zwei interessante Alternativen zu dieser ärgerlichen Aktivität. Die erste ist diese: Hip-Hopper hip-hoppen über Blogger, Blogger bloggen über Hip-Hopper, und wenn sich jemand findet, der sich auf seine Weise mit der Gegenwartskunst beschäftigen mag, dann kann er das auch tun. Die zweite ist diese: Hip-Hopper bloggen über Hip Hop, Blogger hip-hoppen übers Bloggen, und die Gegenwartskünstler dürfen sich auch etwas anderes aussuchen, zum Beispiel Bloggen, und darin geht’s dann von mir aus um die Gegenwartskunst, allerdings werde ich mich wahrscheinlich nicht damit beschäftigen.
Die erste der Alternativen ist sicher die interessantere, aber sie ist nicht so einfach, denn sie erfordert Recherche, und weder Hip-Hopper noch Blogger sind besonders gut darin. Die zweite ist inhaltlich nicht ganz so interessant, aber sie ist dafür eine echte Herausforderung für den Hip-Hopper und den Blogger. Und dies ist das Attraktive an der zweiten Alternative: Durch die Herausforderung an den Blogger bzw. den Hip-Hopper, sich mit einem neuen Medium auseinander zu setzen, wird es ihm auch möglich, ganz neue Dinge zu sagen, die vormals ungesagt bleiben mussten. Die zweite Alternative sprengt die Konventionen der alten Genres und erlaubt es dem Publikum, den Menschen hinter dem Blog bzw. dem Hip-Hop kennenzulernen.
Langer Rede kurzer Sinn: Wenn Leute, die nicht primär Hip-Hopper sind, über ihr eigentliches Metier hip-hoppen, dann ist das eine ganz feine Sache. Und darüber wollte ich eigentlich schreiben: Genau damit hat die Tagesschau nämlich jetzt angefangen. Das heißt, sie hat nicht angefangen, über sich zu hip-hoppen, aber sie hat damit angefangen, über sich zu bloggen. Die Idee dahinter ist dieselbe: Durch das neue Medium sollen, frei vom engen Korsett der ernsten Nachrichtensendung, ganz neue Äußerungen möglich werden. Nicht nur soll die alte Dame Tagesschau auch mal als ein junges Ding rüberkommen, ihr soll auch eine Möglichkeit der selbstkritischen Reflexion gegeben werden. Und das Publikum soll einen ganz neuen und ganz anderen Zugang zur Welt bekommen. Zur Welt da draußen, die ja die Welt der Tagesschau ist. Die Sache ist so fein, dass die Tagesschau-Blog-Seite flugs für den Grimme-Online-Award nominiert wurde.
Nun habe ich mir das junge Ding mal angeschaut und kann folgendes berichten: Es ist, wie vieles im Internet, durchwachsen. Tatsächlich gibt es da einige sehr schöne Einträge, die an der Tagesschau Aspekte zeigen, die - man gestatte mir dieses Bild - ihr durch ihr steifes Korsett nicht anzusehen waren, und die ein wenig Distanz abbauen. So beklagt zum Beispiel Horst Kläuser, dass es aus seinem Russland so wenig Gutes zu berichten gibt, dass der Mensch im Journalisten ganz und gar verzweifeln will. So lässt Sebastian Hesse durchblicken, dass er über die Titanic-Berichterstattung über sein Tagesschaublog selbst ganz schön beschämt, aber auch ein bisschen stolz war. Oder Christian Thiels lässt seinen Ärger raus über die private Konkurrenz, die bei ihren Stories immer per Scheckbuch Exklusivverträge sichert und so die guten Journalisten, die so etwas nicht machen, verdrängt. Das ist alles wirklich ganz interessant. Und irgendwie gemütlich. Nicht, dass wir das alles nicht gewusst oder geahnt hätten. Aber es aus der Feder von Tagesschau-Redakteuren zu lesen, stärkt - um es etwas pathetisch zu sagen - das Urvertrauen in den mit Nachrichten befassten Teil der Menschheit.
Dann gibt es da noch die Beiträge, die das Ziel erfüllen sollen, Selbstkritik und Reflexion zu betreiben. Diese Beiträge, muss ich gestehen, langweilen mich etwas. Aber selbst das ist interessant: Es hätte ja sein können, dass alte Redaktions-Hasen sich durch ihre Erfahrung spannende Argumente oder knisternde Thesen erarbeitet hätten. Gut zu wissen: Haben sie nicht. Kai Gniffke fragt sich, ob die Tagesschau durch ihre Berichterstattung das Spiel der Terroristen mitspielt (nee, nicht wirklich), denkt in einem anderen Post darüber nach, wie Schnelligkeit und Sorgfalt in der Berichterstattung abzuwägen sind (immer lieber sorgfältig, aber auch möglichst schnell) und erklärt in einem wieder anderen Beitrag, warum die Tagesschau nicht das Tätervideo des Amokläufers von Virginia zeigt (weil, ach das könnt Ihr Euch doch denken). Und Thomas Hinrich fragt sich, ob man RAF-Terroristen Redezeit geben sollte (trotz Bedenken ja.) Keiner der Punkte ist wirklich doof, aber es fällt auch keiner argumentativ (und stilistisch) besonders auf.
Und dann sind da noch solche Einträge, die früher an der Kantinentür gehangen hätten, solche, die in drei Minuten vor Dienstschluss hingeschwurbelt wurden, solche, die pures Selbstlob enthalten, und solche, die einfach mehr oder weniger interessante Dinge sagen über andere Länder und bestimmte Politiker und so, also die einfach mehr oder weniger gute Berichte sind.
Kann aber die Tagesschau mit ihrem Blog wirklich neue Dinge sagen, die wichtig sind, und die sonst kein Forum hätten? Mein vorläufiges Urteil ist dieses: Nö. Hinter die Kulissen einer Nachrichtensendung zu gucken ist ganz interessant, um falsche Vorstellungen über die Nachrichtenproduktion zu korrigieren. Aber erstens muss man dabei bedenken, dass auch das, was auf dem Blog veröffentlicht wird, sehr sorgfältig ausgewählt und überprüft wird, und zweitens muss man nicht Dauerleser des Tagesschaublogs werden, um falsche Vorstellungen von der Nachrichtenproduktion abzulegen. Dazu reicht ein Blick, oder von mir aus ein paar Blicke. Und was die Öffnung des Horizontes angeht, sollte man wohl nicht alles glauben, was Kommunikationstheoretiker so ausspucken. Tagesschau gucken ist und bleibt gut. Tagesschaubloglesen dagegen ist nicht anders als andere Blogs zu lesen. Manchmal ärgert man sich sogar besonders, denn diese Blogger erwecken noch mehr als andere den Anschein, ganz mutig zu sein. Und dann nennen sie doch nicht die Namen ihrer ungeliebten Konkurrenten, obwohl sich ihr Post genau darum dreht. Oder ihre ganz mutige Äußerung entpuppt sich als ein laues Bekenntnis zu Bayern-München. Nun ja. Es sind ja irgendwie noch Anfänger.
Warten wir mal ab. Vielleicht kommt ja demnächst ein ARD-Hip-Hop-Projekt hinzu, dann melde ich mich an dieser Stelle noch mal.
[Update vom 15. Juni 2007: Da dümpelt der Tagesschaublog monatelang auf ein paar Seiten vor sich hin, und plötzlich verzehnfacht er im Laufe des G8-Gipfels seine Textbasis, zeitweise mit neuen Gipfelbeiträgen alle 10 Minuten. Und das, obwohl im Blog schon vor dem Gipfel von “Gipfelmüdigkeit” die Rede war. Die Beiträge waren dann übrigens auch, trotz reicher Bebilderung, immer eher müde. Naja, und dann gab es am Ende wieder den medienkritischen Pflichtbeitrag darüber, dass eigentlich viel zu viel vom Gipfel berichtet wurde. Von den Medien und so. Irgendwie niedlich, dieser Tagesschaublog.]
[Update vom 19. Juni 2007: Die Jury des Grimme-Preises, die übrigens auch den Blog “Fudder” mit ihrem begehrten Preis ausgezeichnet haben (wovon man halten darf, was man will) teilt meine Meinung vom Tagesschaublog offenbar nicht vorbehaltlos und bedenkt soeben den Blog mit dem diesjährigen Online Award. Dazu gratuliere ich recht herzlich. Der Tagesschaublog, ganz statesmanlike, erwähnt den Preis erst gar nicht, sondern schreibt einen merkwürdigen Artikel darüber, dass Blogger nicht die besseren Journalisten sind, aber dafür hilfreich für Journalisten sein können. Wenn sie sich auskennen in einem Thema. Und der Journalist nicht so. Irgendwie so jedenfalls.]

Sorry, aber hast du nicht eine Option vergessen? Dass z. B. Hip Hopper über Blogger bloggen / Blogger über Hip Hopper hiphoppen und Gegenwartskünstler .. OK, wen interessierts.
Spannend wäre diese Option für euch in der Konsequenz: Tagesschau bloggt über Blogger, könnte man die nicht dazu bringen, über diesen Beitrag zu bloggen?
Und Blogger tagesschauen über Tagesschau ist ja auch nicht uninteressant, hiesse: ihr macht ein Tagesschau - Special über die … naja, über die Tagesschau ist halbgut, aber Blogger tagesschauen über Tagesschau, die über Blogger bloggt, würd ich mir ansehn. Vorraussetzung wäre nur s. o.
Gut mitgedacht, aus dem Grund der Unvollständigkeit habe ich mich ja auch um Mitternacht noch mal mit meiner Taschenlampe zum Computer geschlichen und zwischen das “zwei Alternativen” noch das Wörtchen “interessante” gesteckt. Jetzt kann ich behaupten, dass es einfach uninteressant wäre, wenn Blogger über Hip-Hopper hip-hoppen. Oder auch, wenn Blogger Balladen schreiben über Gegenwartskünstler. Obwohl das natürlich gar nicht stimmt, aber man muss ja sein Gesicht wahren.
Aber nun mal ehrlich: Super-Vorschlag, die Sache mit der Tagesschau. Jetzt, wo man dort ja auf solch selbstreferenzielle Sachen steht, haben die bestimmt Interesse an einem Feature von uns über sie, wie sie über uns schreiben. Vielleicht lernt mal dabei auch mal neue Leute kennen.
Wenn Blogger über die Tagesschau tagesschauen, welche über Blogger bloggt, fällt das dann nicht unter “citizen journalism”, einem Thema also, worüber die Tagesschau anhand der Blogger bloggen kann? Ich sehe schon, das Sommerloch ist gerettet…!
PS: Ich muss mir auch noch eine Taschenlampe anschaffen, um Nachts stilecht zum PC schleichen zu können. Auch ein Thema, worüber die Tagesschau bloggen könnte: Typische Pyjama tragende Blogger, welche nachts ihre Computer erschrecken um ihr Gesicht wahren zu können. Ob die Tagesschau dies dann auch im Pyjama bloggt?
habe mich durch deinen Wortsalat (*ggg*) gewühlt und mich verführen lassen den Tagesschaublog zu lesen. Öde, nur öde. Ein richtiger Blick hinter die Kulissen wäre besser gewesen und interessanter. Sind schließlich professionelle Schreiber.
Immerhin hat man im Tagesschau-Blog auch Mut, dass absolut Schlechte stehenzulassen: http://blog.tagesschau.de/?p=636
Als ich in diesem Beitrag die Rechtfertigungsversuche des tagesschau-Bloggers als “Selbstbeweihräucherung” bezeichnete, wurde mein Kommentar einfach nicht “freigegeben”. Wohlgemerkt: Ich hatte niemanden beleidigt. Man ist also wohl auch dünnhäutig.
Meine These ist, dass auch dieser vermeindliche “Blick hinter die Kulissen” auch nur wieder eine zweite Bühne darstellt. Etwa so, als wenn in einem Theaterstück Theater gespielt wird.
Eigentlich möchte ich gar nicht wissen, wie es “hinter den Kulissen” der tagesschau aussieht. Aber ich möchte auch nicht für dumm verkauft werden, dass man mir das Theater als Realität “verkauft”. Grimme-Preis-würdig ist das nur aus der Systemimmanenz heraus betrachtet. Die Jury konfrontiert sich nur mit dem Mainstream; alles andere ist viel zu anstrengend. Das ist ungefähr so, als orientierte sich der Literaturkritiker ausschliesslich an Bestsellerlisten.
Gutes Bild: Die Bühne hinter der Bühne, auf der dann aber auch wieder Gewohntes läuft. So ähnlich kam ich mir im Tagesschaublog auch vor. Und die Unart mit den Kommentaren — wenigstens erlauben sie jetzt Trackbacks.
Übrigens: In dem Link, den Du im Kommentar geposted hast, liebe ich die letzten Sätze!! “Ohne Hektik, sachlich, fundiert, zuverlässig. Trotz der Anspannung, trotz des furchtbaren Anlasses. Mehr war journalistisch nicht drin. Inhalt, Form, Schnelligkeit, alles passte. Auftrag erfüllt.” Mir wird heiß und kalt vor Ehrfurcht.